Ausgabe 
21.6.1930
 
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Nr. 143 Zweites Blatt

Nounganleihe undGilbert-dericht

Außenpolitische Umschau.

Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Pros, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. 5t

Nach schwierigen und umständlichen Verhand­lungen ist die sogenannte Vounganleihe aufgelegt worden, und ihr Erfolg hat die Er­wartungen durchaus nicht getrogen. Auch in Deutschland ist der auf uns fallende Betrag bei­nahe um daS Dreifache überzeichnet worden. Der amerikanische Abschnitt wurde sofort gezeichnet, desgleichen in der Schweiz. Auch in London, wo man die ganze Anleihe, wie überhaupt der ganzen Bank für Internationale Zahlungen nicht sehr begeistert gegenüberfteht, ist die Aufnahme der Anleihe gut gewesen. Es ist ein gewaltiges Finanzgeschäft, über dessen Einzelheiten der sehr ausführliche Prospekt in interessanter Weile unterrichtet. Die Schwierigkeiten betrafen ein­mal den Kurs, der mit 90 sonst und 98,25 in Frankreich festgesetzt wurde, sowie die Sicher­heiten der Anleihe und die Ausgabe in ver­schiedenen Abschnitten. Diese Schwierigkeiten sind überwunden. Der erste Abschnitt der Anleihe ist also gelungen, und mit der starken Abnahme der Anleihe in Frankreich ist somit die Verbindung des sranzösischcn Kapitals mit dem deutschen Kredit hergestellt, auf die in den Eröterungen um den Voungplan hingcwiefen wurde. Wie be­kannt, sind aufgelegt 1200 Millionen Mark, wo­von 800 Millionen eigentliche Iounganleihe find. 400 Millionen Mark Anleihe für Deutschland, das diesen Betrag für Reichsbahn und Reichs- Post, also für seine Wirtschaft verwenden kann.

Run liegt nahe, einfach lortzufahren. daß fomit nach der endgültigen Regelung der Reparations- Verpflichtung und dem unzweifelhaften Erfolg der Vounganleihe, die Bahn für weitere deutsche Anleihen im Auslände frei würde, deren sowohl die deutsche Wirtschaft wie die deutschen Gemeinden dringend bedürfen. Aber da ver­schlingt sich die wichtigste innerdeutsche Frage des Augenblicks mit dieser internationalen Frage und ihrer Weiterentwicklung, nämlich die Re­form der deutschen Finanzwirt- schäft.

In dem Prospekt des Bankhauses Morgan über die Anleihe steht, daß diese Emission d i e letzte sein würde, die Amerika für Reparations- zweckc auflegcn, künftig würden derartige An­leihen, also die nächsten Abschnitte der Voung­anleihe, nur in den Ländern ausgelegt, die von den Iahreszahlungen dieser Anleihe prositierten. Der Wortlaut dieses Prospektes liegt uns nicht vor, ober Absicht und Zusammenhang ist wohl klar. Die zweite Hälfte des letzten Satzes ist. wenn sie überhaupt im Prospekt steht, nur eine Verschleierung dessen, was gesagt werden soll. Selbstverständlich ist das Haus Morgan, das sich so sehr um den französischen Kredit bemüht hat, auch weiterhin bereit, derartige Anleihen des Reparationsgeschäftes aukzulegen und an ihnen gewaltig zu verdienen. Aber der Sinn dieser eigenartigen Ankündigung zielt wo anders hin.

Um das zu verstehen, braucht man nur den Schlußbericht des bisherigen Reporalions- agenten, Parker Gilbert, zu lesen. Gil­berts. der. wie bekannt, in das Haus Morgan eintritt und infolgedessen als genauester Kenner der deutschen und europäischen Wirtschaft dort einen maßgebenden Einfluß auf die Anleihe- Politik des wichtigsten Bankhauses der Vereinig­ten Staaten auSüfan wird. Also noch deutlicher: in der Ankündigung des Hauses Morgan und in der Schlußkritik des Rcparationsagenten und künftigen Teilhabers im Hause Morgan steht deutlich die Warnung an Deutschland, daß seine Anleihebemühungen auf dem ame-

Oie Sünde der Senate Mercandin.

Vornan von Fred Neliuü.

Nachdruck verboten.

Als Gricbenow um zehn Uhr abends in Monte Carlo von dem Spiclsaal aus die Vorhalle be­trat, besah er noch siebenhundertfünfzig Fran­ken. Das reichte nicht mehr so weit, um die Zimmerrechnung in Condamine zu bezahlen und nach Deutschland heimzureiscn. Er war fertig. Schluß. Basta! .

Sonderbar, er hatte trotzdem Hunger. Qual und Ekel und Verzweiflung krallten sich in allen Nerven fest, und man spürte Lust, jui elfen. Tier ... schrie Griebenow sich selber an. Ich bin ein Tier. , , .

Draußen am Portal des Kasinos staute sich der Strom der Luxuswagen. Menschen strebten zu den Luruszügen oder Straßenbahnen nach Men- tone, Rizza, Garravan, Ventimiglia, Villefranche und Ezsc. _

Griebenom bog nach rechts. Gegenüber lag^das zauberhaft erhellte Gaie de Paris. Einem Trieb gehorchend, trat er ein.

Goldbetreßte Diener öffneten die Flügeltüren. Ein Meer von Licht aus Lüstern an der Wand und Deckenlampen ergoß sich auf den großen Vorraum. Dahinter Säle, die von Silber und Kristall und Dlumen glänzten. Weißgedeckle Tische mit durch Seidenschirme matt gedämpften Lampen. Das Fluidum gelöster Korken, schöner Frauen, seltener Dlumen.

Griebenow nahm Platz. Inmitten dieser reichen, eleganten Menschen, die in neuesten Toiletten und im Glanz der kostbaren Juwelen strahlten, in dem Meer von Licht und Kerzen, in dem Prunk von Blumen, Silber und Kristall überkam ihn herzbelastend die Erkenntnis seiner Armut. Cs war in seiner Lage Wahnsinn, hier zu sitzen und zu speisen.

Nicht denken ... mahnte Griebenow. Nicht denken Er wählte mit der Kenntnis des Fein­schmeckers den Wein. Der Kellner in halb ver­traulicher und halb devoter Art der hohen Schule servierte die Vorspeise. Die Eilberplatten mit dem ersten Gang wärmten seitwärts. In den dünnen, feingeschliffenen Schalen perlte roter Sekt.

Griebenow begann zu essen. Er^ langsam ... jeden Dissen mit Genuß und Sinnesfreudigkeit kostend. Es ist meine Henkersmahlzeit, dachte er ... Das letztemal, daß mir Lukullus meine Tafel deckte. Mit diskreten Dlicken sah er sich die Umwelt an. Ruhig und gemessen war alles hier, vornehm, selbverständlich ...

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Samstag, 21. Juni 1930

rikanischen Markte keine Aussicht auf Erfolg haben, wenn Deutschland nicht seine Finanz­wirtschaft des Reiches, der Länder und Gemein­den vollständig in Ordnung bringt! Und versagt sich so daS amerikanische Kapital, so entfiele auch die an das Gelingen der ersten Voung­anleihe geknüpfte Erwartung, daß nunmehr auch der französische Kapitalmarkt für die deutsche Wirtschaft und ihre Anleihebedürfnifse geöffnet fein würde.

Das find sehr bittere Wahrheiten sür uns! Ganz gewiß, Herr Gilbert hat an sich nicht das Recht, in dieser schulmeisterlichen Form abermals seine Kritik auszusprechen. Aber kann man be­streiten. daß der größte Teil feiner Schluhkritik an der deutschen Finanzpolitik berechtigt ist? Nimmt die gegenwärtige Regierung Deutsch­lands diesen Schlußbericht ernst genug, mit dem in einer solchen Schärfe die Verantwortung für alles weitere Deutschland zugeschoben wird? Mit der, um es deutlicher zu machen, bereits im Keim Deutschland die Verantwortung zu­geschoben wird, wenn infolge der Wirtschafts­krise etwa sich in einer nicht fernen Zeit die neue Vounglast als nicht tragbar Herausstellen sollte?

Gilbert fordert, daß nunmehr auf die Re­form der öffentlichen Finanzen die gleichen Anstrengungen verwandt würden, wie sie während des Dawesplanes dem allgemeinen

Links Franzosen, oder Spanier? Frauen, schwarz, schmal, rassig, mit in Herzform ange- schminkten Lippen. Auf der anderen Seite Leute aus den Vereinigten Staaten. Frauen, kühl, nicht hübsch, aber tadellos und elegant gekleidet. Film­stars zwischendurch ein sehr bekannter Stahl- magnet vom Rheinland, dort ein Prinz mit feiner morganatisch angetrauten Gattin. Drüben aber gerade gegenüber Griebenow halb ver­deckt durch eine Palme, saß ein Herr, der unver­wandt zu Griebenow herübersah.

Der Kellner hatte Griebenow den Braten vor­gelegt. Unauffällig liefe jetzt Griebenow die' Blicke nach dem Tisch ihm gegenüber schweifen. Dort befanden sich ein Herr und eine Dame.

'Der Herr, ausgangs Fünfzig etwa, schlank, scheinbar groß ... Die scharfgeschnittenen Züge voll Adel, die Schläfen grau, die Augen hart, grün, verstohlen glimmend, ein Männerkopf im ganzen, über den man nicht hinwegsah. der die Schönheitssinne reizen konnte, nicht das Herz.

Neben ihm. zwischen strahlenstäubendem Kristall und Rosen, eine Frau. Sie kehrte Griebenow den Rücken zu. Er sah nur zwischen dem sehr tief ausgeschnittenen Kleid die weiße Haut, ein kleines rotes Muttermal im Nacken und ein Wunder keinen Schnittkopf, sondern schwere, aufgesteckte blonde Zöple. Nur Minuten, immer wenn sie sich zu ihrem Nachbar wandte, hatte er die feine Nase, das kleine Ohr mit dem Bril­lantgehänge und die wundervoll geschwungene Nackenlinie mit der schönen Last des golddurch- sponnenen Haars darüber.

Griebenow war mit dem Essen fertig. Er lehnte sich zurück. Der Mokka kam. Die Geigen fangen unablässig schmeichelnd in die Ohren. Gewirr von Stimmen aller Sprachen mischte sich ge­dämpft dazwischen. Griebenow begann jetzt end­lich damit, einen Feldzugsplan für feine nächste Zukunft zu entwerfen.

Vorerst nahm er eine Zigarette aus der gol­denen Kapsel. Zündete sie an. Dann sah er, daß die beiden an dem Tisch ihm gegenüber über ihn gesprochen haben mufeten. Er zuckte leicht. Die blonde Dame hatte ihren Kopf herumgedreht und sah zu ihm herüver mit einem rätselhaften Blick, der sich langsam, wie von innen her, erwärmte. Nun konnte Griebenow die Augen und die Züge klar erkennen. Das Gesicht war schmal und fein geschnitten, überglüht von großen, weitgeschnit­tenen Augen in dem Schieferblau des Immer­grüns. Es waren sonderbare, florverhangene Augen mit dem Ausdruck einer großen Traurig­keit ... grauenaugen, welche die Sinne erregten und das Blut zu grenzenloser Sehnsucht peitschten.

Griebenow hob seine Mokkatasse an den Mund und setzte sie dann mit leisem Anprall auf den Tisch. Wieder hatte ihm die blonde Frau den Rücken zugedreht. Er sah die weiße Haut, das tote Mal» das Goldgespinst der Haare. Dennoch

Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft gewid­met worden feien, dellen Leistungen übrigen- Gilbert durchaus anerkennt, dessen Erfolge er sogar nach, unserer Auffassung absichtlich über­treibt. Das ist die Auffassung, die nun überall im Ausland begründet wird: die Deutschen wer­den schon die Wirtschaftskrise überwinden, wie sie seinerzeit die InslationSkrise überwunden haben, aber sie tun nicht genug, um ihre Finan­zen der Lage anzupasfen und in Ordnung zu bringen. Das aber muß auf den deutschen Kredit im Auslande zurückwirken. Wir mögen mit noch so viel Recht dagegen sagen, daß die Vvunglasten absolut zu hoch seien, dafe die Weltwirtschafts­krise besonders uns treffe, daß die Arbeitslosig­keit unvermeidbar einen furchtbaren Druck auf die Finanzen ausübe, alles richtig, aber da­gegen wird wie wir heute schon bestimmt Vor­aussagen das Echo der Gesamtaussafsung kom­men. mit der sich der beste Kenner der deutschen Finanzen im Auslande von seinem bisherigen Amte als Reparationsagent verabschiedet. Ge­rade die Parteien, die für den Voungplan ein­getreten sind, haben nun auch die unabweisbare Pflicht, diesen großen Zusammenhang, der uns mit unbedingter Sicherheit am Dein hängen wird, wenn wir nicht Entschlossenes dagegen tun. bei der Neuordnung unserer Finanzen im vollsten Maße zu berücksichtigen.

brannte immer noch ihr Blick in feinem Blut. Cs schien ihm, dafe ein Mann um solcher Augen willen für alle Ewigkeit gepackt, gebunden und besessen werden könne.

Langsam schlürfte er den Mokka leer. Sein Bewußtsein war in sonderbarer Art gespalten. Alle seine Sinne lagen in dem Bann der blonden Frau. Aber die Gedanken irrten ab. Er rechnete.

Eiebenhundertfünfzig Franken ...! Ein Drittel davon brauchte Griebenow. um sein Logis in Condamine zu bezahlen. Etwa hundertsünfzig Franken für das Souper. Mit den kaum drei­hundert. die danach Derblieben, würde man zur knappen Not nach Deutschland kommen. Schluß! Und dann ... ?

Eine andere Möglichkeit: zweihundertfünfzig das Logis, hundertfünfzig das Souper, mit den dreihundertfünfzig, die verblieben, konnte er sein Heil zum letztenmal beim Spiel versuchen. Ge­wänne er gut. Im andern Falle---

Eben hatten sich die Dame und der Herr am Nebentisch erhoben. Sie gingen. Keiner von den beiden sah auf Griebenow. Nur der Frauenduft blieb um ihn ... der Gedanke an die schonen bleichen Züge und die florverhangenen Augen.

Griebenow sah ins Leere, losgelöst vom konzen­trierten Denken. Plötzlich traf sein Blick ein winzig kleines Epihenetwas auf dem Teppich. Cs lag unterhalb des Stuhles, den die blonde Frau soeben verlassen hatte. Griebenow stand auf. Er bückte sich. Es war ein kleines Weißes Spitzentuch. Ein wunderlicher Duft stieg von den Spitzen auf. Ein Duft, der Griebenows schon ohnehin erregte Sinne taumeln machte.

Griebenow nahm wieder Platz. Er hielt das kleine Spihentuch in seiner Hand. Er berauschte sich am Dust. Er lächelte. Die Welt versank.

Endlich straffte er sich wieder. Er bezahlte mit der Geste eines Grandseigneurs, der Tausende von Dollar in der Tasche trägt. Er verliefe das Restaurant Paris.

Als er mit der Straßenbahn am Golf entlang die steile Avenue de Monte Carlo abwärts fuhr, lag die Mondnacht um ihn, zart und silbern wie ein Märchen. Man sah in ihrem Glanz die Reihen wundervoller Rosen am Boulevard de la Condamine. Villen und Hotels im Grün von zauberhaften Gärten standen zwischen Palmen und den Blütenhainen der Zitronen- und Oran­genbäume. Schwerer Duft hing in der Atmos­phäre.

Dann war er da. In Condamine.

Griebenow ging heim.

Seine Schläfen dröhnten.

Der Gedanke, daß sich morgen fein Schicksal entscheiden müsse, griff an fein Herz. Entweder er gewann zum andernmal das Leben und die Ehre. Oder vor chm stand als letzte bittere Lösung aller Erdennöte nur die Mündung der Pistole.

Kirchentage in Dresden und Stuttgart sich aus­führlich mit dem Problem der Schule und der Iugenderziehung beschäftigt. Der Kirchentag von Bethel 1924 mit den sozialen Röten und der von Königsberg 1927 mit dem Verhältnis Staat und Kirche. Die soziale Kundgebung von Bethel und die vaterländische Kundgebung von Königsberg legen Zeugnis ab von der ernsten Arbeit, bic hier geleistet ist. Auf diesen Kirchentagen ist ge­wissermaßen der Grund gelegt für ein evange- lifches Kulturprogramm großen Stils.

Dieses Iahr tritt der Kirchentag in Nürn­berg (24. bis 30. Iuni) zusammen und beschäftigt sich ausdrücklich mit dem Problem der Kirche selber. Das >st ein Problem von höchster Aktualität für unser ganzes Volksleben. Wenn auch mit Recht die neueste Theologie betont, daß es sich in den Fragen des religiösen Glaubens letzten Endes um Lebensfragen handelt, die über den Umfang von Staat und Nation hinausgehen, und die höher sind, als jede mensch­liche Kultur, die in Der Ewigkeit wurzeln unk» im Ienseitigen münden, so bedeutet das wahrlich nicht eine Weltfremdheit des Glaubens und begründet keine Gleichgültigkeit von Staat und Kultur gegenüber den kirchlichen Problemen; denn die Erschütterung von Krieg und Re­volution hat uns, die wir nicht taub und blind sind, gelehrt, daß unser ganzes Leben auf ewi­gem Grunde erbaut ist und nach ewigen Zielen sucht. Und wo diese letzten Werte nicht in den Glaubenswahrheiten christlicher Religion gesun­den werden, da macht sich an ihrer Stelle un­zureichender Ersatz geltend, sei cd Okkultismus, Spiritismus und ähnliche Erscheinungen deS Geisterglaubens längst vergangener Zeiten, sei es die kurzsichtige Erhöhung vergänglicher po­litischer Meinungen, Rationalismus ober So­zialismus, Bolschewismus, zu Weltanschauun­gen und Ersahreligionen.

Die Verhandlungen deS Nürnberger Kirchen­tages werden eingeleitet durch die Feier des 400jährigen Gedächtnisses der Au gsburgischen Konfession zu Augs­burg. Am 25. Iuni 1530 haben deutsche pro­testantische Fürsten und Städte zu Augsburg dem Kaiser KarlV. ein Bekenntnis ihres Glau­bens und eine Begründung der von ihnen vor- genommenen kirchlichen Neuerungen überreicht. Diese Dekenntnisschrift war gemeint als ein letzter Versuch der Verständigung mit der rö­misch-katholischen Kirche. Die natürliche Ent­wicklung der Dinge brachte es, wie Luther vor­hergesehen hatte, mit sich, daß der Kaiser und die römische Kirche dieses Bekenntnis adlehnten. Es wurde damit zur Grundlage einer neuen, eben der evangelischen Kirchenbildung. Die Nürn­berger Verhandlungen werden, wie wir hoffen, einen innerlichen Erfolg bringen, wenn die Teil­nehmer sich Darauf besinnen, Daß vor 400 Jah­ren Die evangelische Kirchenbildung n i ch t auf Negationen, nämlich auf Ablehnung römi­scher Mißbräuche, sich gestützt hat, fondern au f einen originalen großen Gedanken, den wir im Anschluß an LutherS berühmteste Schrift kurz so formulieren, die Freiheit des an Gott ganz gebundenen und von ihm völlig abhängigen Cyristenmenfchen. DaS alte Wort, daß Reiche erhalten werden durch dieselben Kräfte, durch die sie gegründet sind, gilt in ganz besonderem Maße für unsere evan- gelsiche Kirche. EinJahrhundert der Kirche", wie man eS erhofft, .wird für evangelische- Christentum nicht anbrechen, wenn es sich gerade in seiner neuen, staatsfreien Gestalt durch einen Seitenblick auf römisch-katholische Machtentfal­tung verführen läßt, sondern nur, wenn eS sich auf die Wurzeln seiner Kraft besinnt, die in der innerlich en Freiheit des Lu­therglaubens liegen. Damit verbinden wir

Trotzdem schlief er fest und traumlos.

Am nächsten Morgen weckte ihn der Tanz der Sonnenstäubchen über seinem Bette. Griebenow schlug seine Augen auf. Das Schaltwerk der Ge­danken setzte ein. Angst überfiel ihn.

Es war spät. Vielleicht zu spät. Um zehn Uhr fing die kleine weiße Kugel am Roulettetisch zu springen an. Griebenow sah nach der Uhr. Es war halb elf. Er kam zu spät. Die Sessel um die grünen Tische waren längst beseht.

Mit beiden Füßen sprang er aus dem Bett und zog sich an. Endlich war er fertig. Er sah sich noch einmal im Zimmer um und schloß den Koffer. Möglich, daß er abends einen Boten senden und die Sachen nach dem Bahnhof brin­gen lassen würde.

Abends ... dachte er. Und beim gleichen Herz­schlag: Was war abends ...?

Er entriß sich den Gedanken, die ihn zu ver­nichten drohten Er läutete. Das Mädchen kam. Er bezahlte das Logis und verliefe das Haus in Condamine.

Zurück nach Monte Carlo. Er fuhr den Golf entlang und stieg wie ein Mann in dringenden Geschäften, ohne rechts und links zu sehen, die Treppe auswärts in den Dorraum. Durch eine Kette glattrasierter Diener in gestickten, gold­betreßten Fräcken gelangte er zur Tür des ersten Saales. Würdevolle Herren prüften seine Karte, musterten diskret und unauffällig seinen An­zug. Run, man kannte das. Seit drei Tagen war man hier und spielte. Alles war zu Anfang gut geg ngcn. Pk'tzlich kam das Pech. Hundert Fra. ken nach hundert Franken zerrannen Griebenow. Er verlor die Nerven. Unaufhörlich wechselte er mit Dem System. Er verlor, verlor ...

Und nun war man heute wieder hier. Zum letztenmal. Heute stand das Schicksal auf des Messers Scheide. Mit den letzten zweihundert- fünfzig Franken spielte ©riebenoto um Tod und Leben.

Wieder drang das sonderbare Fluidum des Spielsaals auf ihn ein ... Die Luft gepeitschter Nerven, Blumendufts und heißen Atems ... Das Gewirr von Stimmen, Surren der Roulette und Der monotonen Rufe Der Croupiers.

Cs war gegen zwölf. Trotz Der frühen Stunde standen jetzt schon Menschenmauern um die grünen Tische. Die Sessel in der ersten Reihe waren ausnahmslos besetzt.

Sekunden überlegte Griebenow. Er tfat an einen Der Roulettetische, Der am wenigsten be­lagert war. Trotzdem sperrten ihm die Menschen jeden Ausblick auf das grüne Tuch. Nur daS Gold- und SiLberklappem und das Knistern lila- weißer Scheine war zu hören. Und die Stimmen der Croupiers. Und das Surren der Roulette.

(Fortsetzung folgt)

Kirchenbund und Kirchentag.

3um deutschen evangelischen Kirchentag in Augsburg und Nürnberg.*

Don D. Hermann Schusser, Professor an der Universität Göttingen, M. d. pr. L

Das deutsche evangelische Kirchenwesen war durch seine leidvolle Geschichte in die Ab­hängigkeit vom Staat und damit in weitgehende Zersplitterung geführt. In dieser Zersplitterung liegt eine Quelle feiner mangelnden Wirksamkeit. In der Zeit der Revo­lution im Winter 1918/19 erwachte deshalb be­greiflicherweise von neuem die alte Sehnsucht nach einer Einigung des deutschen evange­lischen Kirchentums. Kühne Hoffnungen griffen über alle Zaune der Landeskirchen hinweg nach dem Ziel einer deutschen evangelischen Reichskirche. Das ist damals ebenso wenig erreicht wie der politische Einheitsstaat, und doch ist zur großen Ueberraschung der Kirchen- seinde und mancher ängstlichen Freunde ein großer Fortschritt erzielt worden. Auf den Kirchentagen zu Dresden 1919 und Stuttgart 1921 wurde eine Verfassung für einen Kirchen- bund ausgearbeitet. Am Himmelfahrtsfest 1922 ist durch Zustimmung sämtlicher 28 evangelischen Landeskirchen in der Schloßkirche zu Wittenberg über den Gräbern Luthers und Melanchthons dieser Kirchenbund feierlich gegründet worden. Unter Vorbehalt ihrer Selbständigkeit in Be­kenntnis, Verfassung und Verwaltung schließen sich hier die deutschen evangelischen Landeskirchen zu einem Bunde zusammen. Der ihre gemein­samen Interessen wahren unD vertreten soll. Den LanDeskirchen haben sich später die Brüderunität der Herrnhuter und die evangelische Kirche in Oesterreich angeschlossen.

Dieser Bund hat drei Organe: Kirchentag, Kirchenbundesrat und Kirchenausschuß. Der Kirchentag bildet gewissermafeen das Bun­desparlament. Er besteht aus 210 Mitgliedern, von denen die große Mehrzahl, nämlich 150, von den obersten Synoden Der einzelnen Landes­kirchen entsandt werden, während die übrigen auf Vorschlag der freien kirchlichen Vereine, der

e Am 24. bis 30. Juni.

theologischen Fakultäten und der Religionslehrer aller Schulgattungen ober zum Ausgleich nach freiem Ermessen des Kirchenausschusses berufen werden. Neben dem Kirchentag, in dem also das Kirchenvolk seine Vertretung findet, steh, der Kirchenbundesrat, der sich aus Ver­tretern der evangelischen Kirchenregierungen zu- sammenseht. Beide zusammen bilden das gesetz- schaffende Organ des Kirchenbundes. Die laufen­den Geschäfte des Kirchenbundes, Die Vorberei­tung Der kirchlichen Gesetze unD Der Kirchentage, ist Sache des Deutschen evangelischen Kirchen- a u s s ch u s s e s, in Den beide Körperschaften je 18 Mitglieder entfenDcn. Unter Dem Namen Deutscher evangelischer Kirchenausschuß bcftanD von 1903 bis 1922 schon ein Organ, Das aber nur die deutschen evangelischen Kirchenregierun­gen vertrat und nur eine bescheidene Tätigkeit auszuüben in der Lage war. Heute ist also Tätigkeitsgebiet und Einfluh des Deutschen evan­gelischen Kirchenausschusses ungleich bedeutsamer geworden, weil hinter ihm Der KirchenbunD unD damit des deutsche evangelische Kirchenvolk steht.

Die unmittelbare Ausgabe des Kirchenbundes erstreckt sich auf die Vertretung Der gemeinsamen evangelischen Interessen gegenüber Dem Deut­schen Reiche, gegebenenfalls auch gegenüber ein­zelnen CanDeöregierungen, gegenüber dem Aus­land und ausländischen Kirchengesellschaften (z. B. Weltkonferenz in Stockholm), und eine ihrer wesentlichsten Aufgaben ist die kirchliche Versorgung der evangelischen Deut­schen im Auslande, eine Aufgabe, die seit dem Vertrag von Versailles, der Millionen von Deutschen zu Ausländem machte, an Bedeutung ungeheuer gewonnen hat. Die mittelbare Aus­gabe des Kirchenbundes geht weit darüber hin­aus. Er will allen verbündeten Kirchen *2In- regungen geben zur Pflege evangelischen Volks- tums, religiöser Dolkserziehung, christlicher Liebestätigkeit, sozialer Gesinnung und Versöh­nung und ähnlicher Aufgaben. So haben die