Ausgabe 
21.5.1930
 
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Nr. 118 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für (Vberheffen) Mittwoch, 21. Mai 1950

Der Gießener Voranschlag für 1930 genehmigt.

Mehr als dreistündiger ZRebefampf. Oie Linke und der Nationalsozialist stimmen gegen den Voranschlag. - Erhöhung der Grundsteuer vom bebauten Grundbesitz. Zahlreiche Anträge.

Der Siebener Stal) trat nahm gestern in einer Sitzung von etwa vierstündiger Dauer die Beratung des Voranschlages für 19 30 vor. Die Verhandlungen standen unter dem Kennzeichen der allgemeinen kommunalen Wirt- fchastsbedrängnis, das in den Reden der Frak- lionsvertreter seinen klaren Ausdruck fanb: Der Voranschlag wurde zum Schluh von den bürger­lichen Parteien genehmigt, während eine Minderheit aus Sozialdemokraten und Kommu­nisten? sowie dem nationalsozialistischen Vertreter dagegen stimmte. Wir werden auf den Verlauf der Beratung noch zurückkommen.

Sitzungsbericht.

Anwesend: Bürgermeister Dr. Seid, die Bei­geordneten Dr. Hamm, Justizrat Dr. Rosen- berg, Kommerzienrat K l i n g s p o r und 40 Stadtratsmitglieder. Der Zuhörerraum ist sehr gut besetzt.

Auf der Tagesordnung der öffentlichen Sitzung steht als erster Punkt

die Beratung des städtischen Voranschlags für das Aj. 1930.

Der Voranschlag schließt wie wir schon berich­teten in der Gesamtsumme mit je 7 773 885,90 Mark in Einnahme und Ausgabe ab. Davon ent­fallen auf die Betriebsrechnung 6 331 610,37 Mark, auf die Vermögensrechnung 1 442 275,53 Mark.

Bürgerin«,ster Or Selb, der als Stellvertreter des Oberbürgermeisters die Sitzung leitet, bringt den Voranschlag mit einer Rede ein, in der er u. a. sagt: Die Ausstellung und Vorbereitung des Voranschlages für 1930 erfolgte in diesem Jahre unter besonders schwieri­gen äußeren Verhältnissen. Zunächst ist darauf hinzuweiscn, daß in dem Zeitpunkt der Vor- anschlagsbcratung das Reich eine große Finanz» reform durchzuführen begann, die in erster Linie die Sanierung der Reichsfinanzcn bezweckte. Im übrigen wurde dabei auch daran gedacht, die Finanz­verhaltnisse zwischen dem Reich, den Ländern und den Gemeinden neu zu regeln. Es war klar, daß das Reich bei dieser Finanzreform seine Interessen voranstellen werde, und ähnlich wird sich das Ver­hältnis zwischen den Ländern und den Gemeinden abspiclen. Bei aller Ungewißheit dieser Finanzaus- glcichgestaltung mußten wir vorsichtig und der Auf- fassung sein, uns keinem Optimismus hin- zugebcn, daß der neue Finanzausgleich den Gemeinden große Vorteile bringen werde. Im übri­gen kommt hinzu, daß die allgemeine Wirtschafts, läge, zur Zeit außerordentlich ungünstig ist, ja so schlecht wie eben waren die Wirtschaftsverhältnisse noch nicht, auch nicht 1925/26. Es ist bekannt, daß die Steuereinnahmen der Gemeinden sehr stark un­ter dem Darniederliegen der Wirtschaft zu leiden haben.

Die Steuern gehen zurück, es treten zahlreiche Steueraussälle ein, weil eben eine ganze Anzahl Geschäftsleute nicht mehr zahlungsfähig sind. Das Gegenstück dazu ist die starke Ar­beitslosigkeit, die ein Ausmaß angenom­men hat, wie seit dem Kriege nicht mehr. Daraus erwachsen natürlich auch den Gemeinden er­höhte Aufwendungen. Alle diese Um­stände waren ungünstig für die Aufstellung des Voranschlages. Dazu kommen Ausgaben, die der Stadt zwangsläufige Steigerungen bringen.

Gießener Giadtiheaier.

Ludwig Nerz und Louise Maria Mayer: Meine liebe dumme Mama".

Das Stück selbst ist belanglos und kaum der Rede wert. Billige Unterhaltungsware in drei Akten. Der dritte ist der längste, weil die beiden Autoren mit dem bißchen Verlobung erst im äußersten Augenblick und nach endlosen Vorbereitungen zustande kam- men. Außerdem ist das Ganze zu unwahrscheinlich angedreht und stellenweise steht es in bedenklicher Nähe der unbegrenzten Schwankbezirke.

Was den Inhalt angeht, so wäre vor allem dar­auf hinzuweisen, daß es sich weniger um die dumme, ungeschickte und verliebte Mama handelt als um die sehr energische und sehr moderne Tochter. Die Pointe: wie das gute Kind besorgt und bemüht ist, sein verliebtes Muttchen ordentlich, standesgemäß, glücklich und in jeder Hinsicht einwandfrei zu ver- heiraten: und daß sich im Laufe dieser hartnäckig betriebenen Bemühungen leider herausstellt: die junge und energische Tochter ist gar nicht so modern und sachlich, wie sie aussieht und sich den Anschein zu geben sucht, kurz: sie verliebt sich ebenfalls und natürlich gerade in den feschen und frechen Baron, den sie in ihrem guten und kindlichen Herzen eigent­lich der Mama zugedacht hatte. Und als nun Mutti endlich merkt, wie die Sachen stehen, da wird sie auf einmal eine ganz furchtbar vernünftige und resolute Frau, und die Tochter bekommt den Baron, der auch nichts dagegen hat und von Anfang an am besten zu ihr paßte.

*

Man brauchte also gar nicht so viele Worte zu verlieren, wenn es sich dabei nicht um die unwider­ruflich letzte Premiere dieser Spielzeit und gleich- zeitig um eine Abschiedsvorstellung gehandelt hätte. Es verabschiedeten sich vor einem gut besuchten und herzlich gestimmten Hause Jngeborg Scherer in der weiblichen Hauptrolle und Hans T a n n e r t als Spielleiter und Bonvivant. Sie haben sich beide und jeder für sich eine hübsche und ihren darstellerischen Qualitäten angemessene Aufgabe ausgesucht und sich einen äußerst vorteilhaften Abgang verschafft, der dem dankbaren und angeregten Stammpublikum des Stadtlheaters sicher in bester Erinnerung blei­ben wird.

*

Fräulein Scherer fand in der Partie der Hedi reichlich Gelegenheit, noch einmal alle Nuancen ihres frischen Spieltemperaments zusammenzufassen und

Unter den Einnahmeausfällen ist der Ertrag des Waldes gegenüber dem Voranschlag be£ letzten Jahres um etwa 50 000 Mark zurück­gegangen, ein Ergebnis der niedrigeren Holz- preise in diesem Jahre. Der Erlös aus den Grundstücken ist auch um etwa 11 000 Mark geringer, so daß also nur bei diesen beiden Abteilungen deS Voranschlags eine Minderein­nahme von insgesamt 61 000 Mark gegenüber dem Vorjahre zu verzeichnen ist. Dazu kommt, daß die Zinsenlaft zwangsläufig eine Stei­gerung erfahren hat bet den Reubauten, ins­besondere bei den Schulbauten. Diese Bauten wurden als notwendig angesehen, obwohl man sich darüber klar war, daß daraus weitere Lasten für die Stadt erwachsen würden. Da diese sich nun immer mehr auswirken, ist es notwendig, auch für die entfprechende Deckung zu sorgen. Weiter ist darauf hinzuweisen, daß die Ver­walt ungsko st en fast dieselben ge­blieben sind wie im letzt enJlahre; eine Steigerung ist nicht eingetreten, sondern zum Teil sind Ermäßigungen zu verzeichnen.

Ls war schwer, den Ausgleich zwischen den Linnahmen und den Ausgaben zu finden.

Der Finanzausschuß hat sich in zahlreichen Sit­zungen damit beschäftigt, und nach langen, schwie­rigen Verhandlungen hat sich eine Mehrheit für eine Lösung gesunden. Diese Lösung be­steht aus drei Wegen:

Zunächst wurden erhebliche Abstriche vorgenommen. Das bedeutet weitere Ein­schränkungen, die hingenommen werden müssen.

Weiter wurden die städtischen Betriebe zu sehr starken Mehrlei st ungen heran­gezogen. Das Gaswerk soll im neuen Jahre 235 000 Mk das Elektrizitätswerk 370 000 Mk. abliefern, der Zuschuß für die Straßenbahn wurde um 30 000 Mk. gesenkt.

Diese beiden Wege genügten nicht, um den Haushalt auszugleichen. Eine Steuererhöhung konnte trotz der widerstrebenden Auffassungen von verschiedenen Seiten nicht vermieden werden. Es wurde beschlossen, die Grundsteuer vom bebauten Grundbesitz von 25 Pf. auf 35 Pf. je 100 Mk. Steuerwerk zu erhöhen unter der Bedingung, daß die gesetzliche Miete von 120 v. H. auf 122 o. H. Friedens- miete erhöht wird. Aus dieser Erhöhung wird ein Mehrertrag von 100 000 Mk. pro Jahr er­wartet.

Der Ausgleich des Voranschlags ist damit erzielt worden. Der Voranschlag ist aber derart an­gespannt, daß er keinerlei innere Reserven mehr enthält. (Er verträgt feinen Stoß mehr. Aus­gaben sind nicht mehr zu streichen, neue Aus­gaben können nicht übernommen werden, ohne das ganze Gebäude zum Zusammensturz zu bringen.

Das Gebot der Sparsamkeit, das man der Stadtverwaltung immer empfiehlt, gilt in derselben Weise auch für den Stadtrat und für die Allgemeinheit. Wenn die Stadtverwal­tung mit diesem Voranschlag auskommen soll, müs­sen alle Teile sich bescheiden und sich in ihren Grenzen halten, andernfalls wird ein D e f i z i t kommen.

Die Beschlüsse des Finanzausschusses sind zum Teil einstimmig, zum Teil mit MehrheN gefaßt worden. Die sozialdemokratische Stadt­ratsfraktion hat weitere Anträge ge- stellt, auf deren zahlenmäßige Auswir -

zur Geltung zu bringen; überdies bot ihr die Rolle schon äußerlich willkommenen Anlaß zu einer stets wirksamen und dankbaren Verwandlung: sie legte (wenn das paradoxe Bild erlaubt ist) den alten Adam und die neue Sachlichkeit mit Grazie ab und ging verjüngt aus den Händen der Friseurs und Dem Allerheiligsten ihres Boudoirs hervor.

lannert besorgte eine muntere, geschmackvoll ausgestattete Inszenierung und verabschiedete sich selbst in der Rolle des Barons Leo Heiderich, einer Partie, die seinem eigentlichen Fach am besten ent- spricht, ohne seine darstellerischen Fähigkeiten zu erschöpfen; aber alles kann man auch an einem Ab­schiedsabend nicht haben. Er wußte den Liebhaber und den Bonvivant in gutem Stil zu vereinen, er spielte charmant und mit diskretem Humor und darf mit dem Erfolg zufrieden fein.

Don den übrigen Mitwirkenden ist an erster Stelle Maria K o ch zu nennen, die in Der elegant hinge­legten Titelrolle einen bemerkenswerten Toiletten wechsel oorführte; ferner die Herren Zingel, Wesen er, Volck, Dommisch und Hub

Es gab viel Beifall zum Schluß und schöne Blumen zum Abschied. hth.

Die drei Frauen des Herrn von Schorm-Dürstein.

Von Oskar Baum.

Ein junger Dichter aus dem Schubert-Kreis, von dem man später nichts mehr hörte, einer jener schwärmerischen 3üngHnge, für die .ihre Jugend und die wohlgebildete Sprache dichtete", wie Goethe sich ausdrückte erzählte einmal in einer der berühmt gewordenen Zusammen­künfte jener Freunde den Plan eines Romans, der wohl nie ausgeführt wurde, dem aber eine wahre Begebenheit zugrunde gelegen hat:

Drei schöne Schwestern aus verarmtem öster­reichischen Adel, Drillinge, srühverwaift, viel um­worben wegen ihrer Schönheit, konnten sich für keinen Freier entscheiden, weil es ihnen zu schwer fiel, sich voneinander zu trennen.

Da verliebten sich alle drei in denselben Mann. Wie sie alles bisher von den Kinderspielen, den Schultagen an miteinander geteilt hatten, so teil­ten sie nun die Schwärmerei für ihn.

Hätte er eine Fremde gewählt, hätten sie ge­meinsam getrauert und die Enttäuschung getra­gen. Hätte er eine von ihnen vorgezogen, so

kung ich kurz eingehen möchte: Die Erhöhung Der Richtsätze Der Fürsorge würde eine Mehrausgabe von 70 000 Mk., Die unentgeltliche Totenbestattung eine Mehrausgabe von 23 000 Mk. ausmachen; für Die unentgeltliche Lieferung Der Lernmittel müßten 22 000 Mk. aufgewandt werden; weiter werden für die Straßenunterhaltung 100 000 Mk. mehr gefor­dert; Die Kosten für Die schulärztliche Ueberwachung der Berufsschüler lassen sich jetzt gar nicht schätzen; für Die Volkshochschule sollen 1300 Mk. mehr be­willigt werben; Die beantragte Aufhebung der Stu­dienanstalt würde eine Ersparnis von 30 000 Mk. erbringen; zu der beantragten Einführung der Wert- zuwachssteuer lassen sich nähere Angaben noch nicht madjen; Der Gaspreis soll um 5 Pf. pro Kubik­meter gesenkt werden.

Der Finanzausschuß hat beschlossen, eine Gene­ralaussprache ftattfinben zu lassen und von einer Einzelberatung abzusehen, lieber diesen An­trag Ist jetzt abzustimmen.

Um die Aussprache.

Ein Redner der Linken tritt in kurzen Ausfüh­rungen für die Einzelberatung ein, ein anderer Sprecher von links verlangt Vertagung der Vor­anschlagsberatung auf 14 Tage. In Der Abstimmung wird Die Vornahme einer Einzelberatung ge­gen Die Stimmen Der Sozialdemokratie und der Kommunisten abgelehnt. Es bleibt mithin bei Der vom Finanzausschuß beschlossenen General- aussprach e.

Stadtratsmitglied Mann

(So,.)

beschäftigt sich zunächst kurz mit Den Auswirkungen Der Neuregelung Des Finanzausgleichs und tritt in Dieter Frage Der Ansicht Des Vorsitzen- Den bei. Er bespricht hierauf Die allgemeine Wirt- schaftslage unD Deren Auswirkung auf Den Arbeits- markt. Weiter sagt er Dann u. a.: Wir haben immer Die Verpflichtung anerkannt, im Rahmen Des Be- stehenden Das bestmöglichste für Die Mehrzahl Der Menschen herauszuholen. Wenn wir jetzt zum ersten- mal Dazu kommen,

den Voranschlag abzulehnen, so haben wir Dafür gute Gründe. Das Ergebnis Der Beratungen im Finanzausschuß ist schlimm für Die große Masse Der Bevölkerung, noch schlimmer ist es für Die Finanzoerwaltung Der StaDt, Die es in Um orDnung zu bringen geeignet ist. Hinsichtlich Der Fest- etzung Des Elektrizitätspreises werden wir in ab- ehbarer Zeit in unseren Entschlüssen nicht mehr rei sein, Denn rings um uns ist Der Gürtel ge- chlossen. Von je 1 Mark Gas finD 28$ Pf. Steuern zu bezahlen. Mit unseren Steuersätzen liegen wir ganz wesenllich unter Dem allgemeinen Niveau zahlreicher anDerer hessischer Städte. Die Er­höhung Der Grund st euer können wir nicht mitmachen, da sie an die Bedingung einer zweipro­zentigen Mieterhöhung geknüpft wird. Durch diese Mieterhöhung wird ein Betrag von 145 000 Mark eingehen, und da 100 000 Mark in den Voran- schlag eingestellt sind, würde Dabei ein Geschenk von 45 000 Mark für Die Hausbesitzer herauskommen. Unser Antrag, Den Gaspreis um 5 Pf. herabzusetzen, wirb Die Zustimmung aller Derer finDen, bei Denen Die Not am schlimmsten ist. Der ReDner kritisiert hierauf im einzelnen Das in Den 21 n trägen des Finanzausschusses vorliegende Ergebnis Der Ausschußberatungen, Das er als eine teilweise recht schlechte Arbeit bezeichnet. JnsbesonDere wenDet er sich u. a. gegen Die Streichung von 20 000 Mark am Wohlfahrtsetat, gegen Die Erzielung von 4000 Mark Mehreinnahme Durch Mietausgleich in Den ftäDtifchen

hätte sie Das wohl getrennt. Aber sie gefielen ihm alle drei, jede in ihrer Weise. Es war ein schwieriger Fall.

Mit schwerem Herzen wählte er, da er sich doch schließlich entscheiden mußte, die ,jüngste", wie man sie im Scherz nannte, die stille, sanfte, die sich immer von den anderen leiten ließ. Er führte als Grund an, daß sie, die Wehrloseste, einer zu ungewissen Zukunft ausgesetzt sei. Die beiden anderen sollten sich von dem Augenblick an von ihm zurückziehen.

Herr von Schorm-Dürstein, der ausgedehnte Besitzungen im Steirischen hatte und in Wien ein großes Haus führte, wollte nicht, daß in der Lebenshaltung seiner Frau und ihrer Schwestern, die seit dem Tode ihrer Eltern in sehr beschei­dener Lage waren, ein großer Unterschied ent­stehe. UnD er wußte eine Form zu finden, sie kurze Zeit nach der Hochzeit so herzlich ins Haus zu laden, daß sie nicht ablehnen konnten. Aus Rücksicht und Zartheit unterdrückte jede ihre wehmütigen Regungen, und es entwickelte sich ein ungemein inniges Verhältnis zwischen den vier Menschen.

Er suchte den Mädchen anziehende Freier zu- zusühren, aber es schien, als ob sie überhaupt nicht heiraten wollten. Und wenn es sich einmal doch günstig anlieb, trat er selbst in dem Augen­blick mit irgendwelchen beunruhigenden Zweifeln und Bedenken dazwischen. Er konnte sich nicht entschließen, eine von ihnen ziehen zu lassen.

Sie waren nicht in seinem Wiener Hause beisammen geblieben. Eine verwaltete fein Land­gut, war seine Stühe und Beraterin in ge­schäftlichen Fragen; sie war sehr umsichtig und hatte einen scharfen Blick für diese Dinge.

Die Frau stand mit besonderem Talent seinem schönen Heim vor, wo alles geräuschlos, wie auf unsichtbaren Schienen, jedem Wunsch entgegen­glitt, und wo durch liebevolle Erziehung die Kinder der sanften Mutter nachgerieten.

Die dritte war zum Theater gegangen. Die Kunst war eine besondere Leidenschaft des Herrn von Dürstein. In ihr sah er den höheren Sinn seines Lebens. Er war ein verständnisvoller Mäzen und versuchte sich mit vielem Talent als Dichter und Regisseur.

Es gehörte eine besondere Zauberei der Di» plomatte dazu, die drei Frauenherzen in so un­mittelbarer Rahe im Gleichgewicht zu erhalten.

Es mochte übrigens zwischen den vier Men- schen nicht alles so glatt ab gelaufen sein, wie die bewundernde und ein wenig seltsam lächelnde Mitwelt glaubte.

Neubauwohnungen, gegen die Einnahmeerhöhung um 6000 Mark Durch Umlegung Des WassergelDes in Den Neubauwohnungen, erklärt sich einverstanDen mit Der Kürzung von 1000 Mark an Der Verkehrs­werbung, Da ja auch viele Geschäftsleute nicht Das Interesse an Der Verkehrswerbung hätten, Das sie eigentlich haben müßten unb empfiehlt Die Auf- Hebung Der Stubienanftalt, wodurch 30 000 Mark er» spart werben könnten. Er lehnt schließlich alle An­träge Des Finanzausschusses ab unb empfiehlt an Deren Stelle Die Anträge Der sozialDemokratischen Fraktion zur Annahme, lieber Diese Anträge wirb weiter unten berichtet. Zum Schluh betont er. Daß Die sozialDemokratische Fraktion in vollem Der- antwortungsbewußtsein zu ihrer ablehnenDen Haltung gegenüber Diesem Voranschlag gekommen sef.

Stadtratsmiiglieb Horn

(Arbcitögem. d. Mitte)

erinnert zunächst Daran, daß 1929 ein ernstes Krisenjahr war, dessen Auswirkungen wir jetzt in vollem Ausmaße verspüren, lieber die Rot der darniederlieaenden Wirtschaft brauche er nicht viel zu sagen, denn jeder spüre diese Rot am eigenen Leibe. Gegenüber der starken Kritik Des Stadtratsmitglieds Mann an dem neuen Voranschlag könne er nur bedauern, daß Herr Mann im Finanzausschuß nicht mitgearbeitet habe, sonst würde er hier eine andere Ansicht vertreten. Ein Teil der Anträge des Finanz­ausschusses habe übrigens auch die Zustimmung Der sozialdemokratischen Vertreter im Finanzaus­schuß erhalten. Weiter sagte Der Redner bann u.a.: W i r bekennen uns zu dem vor- liegcnbenöta t Die jetzigen Unterlagen wer­den auch für die Stadtverwaltung eine Umstellung derart bringen müssen, daß sie

zu prüfen haben wirb, wieweit die Steuerkraft der Bürger noch im Stande ist, die Lasten zu tragen. Ferner muß die Frage aufgeroorfen werden, was künftig aus den städtischen Werken noch herausgeholt werden kann.

Rur nach dem Ergebnis dieser Prüfung der L e i ft u n g Sf ähigkeit können für die Folge­zeit die Ausgaben festgesetzt werden, aber nicht umgekehrt erst die Ausgaben bestimmt und Dann der Fehlbetrag errechnet werden. Wir brauchen uns mit den Beschlüssen des Finanz­ausschusses nicht zu schämen. Wir wollen nicht den Ehrgeiz und den Ruhm haben, mit unseren Steuersätzen an erster Stelle zu marschieren. Mit den Vorschlägen, die uns von den Gegnern Der Finanzausschußanträge ge­macht werden, läßt sich die Wirtschaft nicht bessern. Heute schon sagen namhafte Wirt­schaftler, daß nur durch einen Abbau Der Preise in gleichzeitiger Verbindung mit einer Senkung Der Löhne und Gehälter die Arbeitslosig­keit beseitigt, die Lage der Wirtschaft und damit die Lebensverhältnisse je­des einzelnen gebessert werden kann. Ein solcher Abbau kann natürlich nur gleichzeitig erfolgen, nicht etwa allein durch eine Senkung der Preise, während die Löhne und Gehälter in der Höhe bleiben. Für viele Wirtschaftszweige ist un­sere Produktion nämlich zu teuer ge­worden.

Wenn man uns vorwirst, wir hätten bei bet (Etafsberatung gewissenlos gehandelt, so lege ich Dagegen Die schärfste Verwahrung ein.

Wir haben in Wirklichkeit mit größter Sorgfalt und mühevoll gearbeitet, um einen ausgeglichenen und tragbaren Etat vorzulegen.

Das zeigte sich, als ein stürmischer Bewerber um eine der Schwestern auftrat und nicht Nach­lassen wollte, ehe er nicht Licht in die Sache gebracht hatte. Es war zur Zeit des Wiener Kongresses. Ein Legationssekretär der russischen Mission, der junge baltische Baron von Teuß, entbrannte in tiefer Leidenschaft für die Schau­spielerin. Ohre abweisende Haltung vermochte ihn nicht abzukühlen. Er sah keinen Rivalen, den er gelten lassen müßte.

Als alle seine Bemühungen um die Künstlerin fruchtlos blieben, drang er zu Frau von Dür- ftein vor, die sehr zurückgezogen lebte, machte ihr Eröfsnungen, Vorhaltungen.

Er begegnete vornehmer Zurückhaltung. Wie sehr er sich auch bemühte, die Unterhaltung hatte kein Ergebnis, alles schien in Mißverständnissen unterzugehen.

3n diesen gesellschaftlich so glanzvollen Wo­chen, da in Wien fast alle gekrönten Häupter Europas unb alle politischen Persönlichkeiten von Ramen versammelt waren, ein Fest das andere vor sich herdrängte, erschien der junge baltische Baron auf dem Maskenball, den eine der Ge­sandtschaften gab, als Graf von Gleichen, aber nicht mit zwei, sondern mit drei Frauen, ver­kleideten Mädchen aus Dem Volke, die, von kundiger Hand ausgestattet, in Erscheinung und Kostüm ebenso wie Baron Teuß selbst deutlich auf den Fall des Herrn von Dürstein hinwiesen.

Es wurde der allgemeine Gesprächsstoff bis in die höchsten Kreise hinaus. Witze flogen durch die Salons. Man munkelte von einer Duellforde­rung des Herrn von Dürstein.

Da erschien eine der Schwestern, die Schau­spielerin, eines Morgens auf der Polizei und erhob Anklage gegen Herrn von Dürstein wegen Vielweiberei. Es gab bei dem gesellschaftlichen Ansehen des Herrn von Dürstein nicht geringe Aufregung bei der Behörde.

Man lud ihn vor. Er kam nicht.

Man ließ ihn holen er war verschwunden.

2aron Teuß, in einem Duell schwer ver­wundet, lag in feinem Hotel.

Dürstein aber war aus dem Lande geflüchtet, und zwar eben mit jener Schwester, die die An­klage erhoben hatte.

Eie hatte ihn vielleicht nur auf diese Weise von den anderen wegbringen und für sich allein haben wollen, da es ihr auf keine andere Weise gelungen war.