Ausgabe 
20.12.1930
 
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Nr. 218 Drittes Blatt

(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für ©berljeffen)

Samstag, 2(>. Dezember 1930

Weltgeschehen imGießener Anzeiger".

Oas Ergebnis unserer Weihnachts-Preisauigabe 1930.

3n tief beunruhigendem Mähe nahmen die Post- fendungen and Briesstapel zu. die der Redaktion auf den Tisch gelegt wurden Am Montag, dem letzten Tag der Einsendungen, erreichte die Hoch­flut ihren höchsten Stand, und innerhalb von vier Stunden sammelten sich allein 141 -Briefe an Alle trugen den VermerkPreisousgabe". Mit kummervollen Gesichtern gingen die Mitglie­der unserer Redaktion umher, denn ihnen lag die Prüsung der Ergebnisse ob Dann sahen sie stun­denlang gebeugt über Berge von Driesen, die nicht kleiner werden wollten, unh verglichen, prus­ten. notierten Fehler, zahlten und notierten wie­der entweder das Gesamtergebnis der Fehler oder die richtige Lösung. In die, nächt­lichen Träume hinein verfolgten uns die Ge­stalten, die schwankenden: Ras Tasari, der Regus, erschien neben der blonden Fechterin He­lene, im Geiste hörte man das Surren von Mo­toren der Zeppeline und Flugzeuge, das bis ins Unterbewußtsein drang, die Bezeichnungen L)o X, I) 2000, G 38, R 101 wurden zu plastischen Erschei­nungen. die Ramen Cosima Wagner. Caligula, Lewis, Lang, Ransen. Grock und die der deut­schen Reiter wichen nicht mehr aus dem Gedächt­nis und werden auch hasten bleiben sür Zeit und Ewigkeit. 6 0 0 Einsendungen je 32 Lö­sungen = 19 2 00 Einzelantworten

toaren z u prüfen. Aber auch das wurde über­wunden. Die Spreu hat sich nun vom Weizen ge­sondert.

130 Losungen waren ohne jeden Fehler.

Der größte Teil der Lösungen wies nur ein oder zwei Fehler aus Rur sehr wenige Lösungen waren dabei, die über 5 Fehler verzeichneten' der Fehlerrekord betrug 12. Biele Einsendungen Daren mit geradezu rührender Sorgfalt abgefaßt, andere Teilnehmer ließen dagegen optimistisch und unbekümmert eine Reihe von Fragen offen Einige Einsender sanden die geflügelte Form des Rei­mes, und wenn das Bersmah auch nicht klassisch zu nennen war, so leuchtete doch die Liebe zur Ausgabe aus den Zeilen.

Interessant ist übrigens die Feststellung, daß sich unsere Leserinnen in stärkerem Maße an der Auflösung der Weihnachtspreisausgabe beteilig­ten als die Leser. Die Bewohner der Stadt Gie­ßen waren unserer Landleserschast zahlenmäßig voraus.

Die Fehler, die bet der Beantwortung der einzelnen Fragen gemacht wurden, waren recht mannigfaltig. So wurde zum Beispiel aus Jo­hannes Lang, dem Darsteller des Jünger Johan­nes, eineMannte Sportlerin" (? D. Red.), aus Pros Harnack wurde häufig Briand, und Cosima Wagner wurde Carmen Sylva. Den meisten Ein­sendern wurde aber die Grubenkatastrophe von Hausdorf < Schlesien) zum Verhängnis, die immer Dieder mit dem Unglück in der Grube Maybach (Saargebiet) verwechselt wurde, obwohl die letzte Zeile der betreffenden Preisfrage in dem Wort Kohlensäureausbruch" auf das Charakteristikum dieses Unglücks hinwies Aus Sinclair LewiS, dem Literatur-Hobelpreisträger, wurde ein Ozeanslieger, und das Prunkschiff des Caligula erhielt den RainenS. M. S ga-li-gu-la"' eine Lösung, die wir naturgemäß trotz ihrer etwas eigentümlichen Lesart doch als richtig werteten. Im großen und ganzen bewies aber das Preis­ausschreiben. daß derGießener Anzei- g e r" doch sehr aufmerksam gelesen wird, und daß die meisten unserer Leserinnen und Leser über ein ausgezeichnetes Gedächtnis verfügen. Das

Die kleine Aicoletle.

Vornan von Paul Sain.

Urheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.

Nachdruck oerbotenl

1.

Der große Zuschauerraum lag im Dunkeln. Rur am Regiepult, im Mittelgang zwischen den Orche- stersitzen, brannte die elektrische £i-ne und beleuch­tete das Regiebuch und den schmalen Künstlerkopf Dr. Romers, des ersten Regisseurs.

Reben ihm saß der Dichter Hubert Wördehofs. , Das Gesichl überschimmert von dem spärlichen Licht der Glühbirne. Cs sah noch jugendlich aus in Farbe und Linie, we>tn auch das nach hinten zurückgekämmte Haar über der gebogenen Stirn dünn zu sein schien und an den Schlafen einige graue S'e e' z igte Beherrschend in dem vol­len ®e ich waren die Augen, die von blau- grauet tfjrDung etwas u>.e verhängte, geheim­nisvolle Tiefen ahnen ließen Die Rase war kräf­tig, derb in ihrer leicht slawischen L.nie und deu­tete, ebenso wie das runde, kräftige Kinn, auf nicht unbedeutende Willensstärke. Der bartlose Mund dagegen hatte entschieden etwas Verträum­tes. wenn er im Augenblick auch herb geschlos­sen war.

Die Rampenbeleuchtung auf der Bühne erhellte die Szene, die gerade geprobt wurde.

Rorma Relson. die erste Liebhaberin und Kurt Gerson, der Bonviant.

Die Stimme der Relson hatte einen weichen, sinnlichen Klang, aber es vibrierte darin von unterdrücktem Temperament. Ihr mondän-kapri» ziöses Ge'icht wechselte ausfallend oft im Ausdruck.

Offenbar stand fic mit ihrer Rolle, wie sie in dieser Szene vorgeschrieben war, nicht auf bestem Fuß Sie probierte den Dialog mit Gerson nun schon zum dritten Male. Den schien die Sache be­reits zu langweilen, obwohl er sonst ein eifriger, ernster Künstler war, der nichts aus die leichte Achsel nahm.

Plötzlich sprang Hubert Wördehvfs auf. Stieß einen wütenden Laut aus. Dr. Römer schlug mit dem Regiestab ärgerlich auf das Pult.

Ha? Was denn?"

Zum Davonlaufen, Doktor! Das ist ja wieder alles grundverkehrt! Rorma, was du da spielst, ist einfach Rorma Relson, aber hat nichts, aber auch nichts mit der Helge zu tun, die du ver­körpern sollst! Verrückt! Verrückt! Warum rede ich denn überhaupt noch? Ihr macht ja doch, was ihr wollt. Ihr macht aus meinem Stück eine Posse Herrgott!"

Er schob die Fäuste in die Tasche und rannte

Preisrätsel, das mit der Fülle der eingesandten Lösungen alle früheren Preisausschreiben über­trifft, darf wohl mit Recht als ein großer Erfolg bezeichnet werden - Für die Leser war das Preisausschreiben zugleich ein Kaleidoskop, das das Interesse in der Erinnerung an all die Dinge Dachries, die uns im Laufe des so ereignisreichen Jahres 1930 mehr oder weniger beschäftigten.

Oie Preisträger.

Otto Schneider. Gießen, Äatferallee 79: ein Photvgraphenapparat Do gtländer, Roll­filmkamera 6x9.

Frau Hedwig Sondheim. Gießen, West- anlage 54. Leibi.Das ungleiche Paar" (Kunstdruck).

Frau Marie Damm, Gießen, Anneröder Weg 26: eine Weihnachtsgans.

Ludwig Dem, Grohen-Linden, Moltkeftraße: Mülllr Kurzwelly,Meeresglanz" (Kunst­druck).

Fräulein Mina Wild, Lollar: eine Damen­handtasche.

Heinr ch Pfeiffer, Großen-Duseck, Zeil- straße 55: Walter Georgi,Einkehr im Ge­birge" (Kunstdruck).

Frau Elisabethe Jäger, Leihgestern, Zahl- gafse 25: ein elektrisches Bügeleisen.

Lothar Berliner, Gießen, Alicenstraße 11. Hofmann,Das deutsche Land und die deutsche Geschichte" (3 Bände).

Fritz Hederich, Gießen, Bismarckstraße 20: 2 Theaterkarten 1. Parkett (Vorstellung nach Wahl).

August Schmidt, Gießen, Ludwigstraße 22: Spemanns Kunstkalender 1931.

Ludwig Braun III., Grohen-Linden, Frank­furter Straße 19: Karl Reinhardt,Der Sohn des Jrrdühls".

Frau Berta Hainer, Marienschloh, Post Rockenberg: Dusch,Gebirgslandschaft" (Aquarell).

Frau Marie Kraus köpf, Gießen, Gnauth- straße 32: eine handgearbeitete Schmucknadel.

Georg D e b u s , Hungen, Lieb^rauenberg 2:Der kleine Brockhaus', Handbuch des Wissens.

Karl Schwinn. Gießen. Liebigstrahe 18: Karl Reinhardt,Der Sohn des Jrrbühls".

Margrit Dumke, Gießen, Steinstraße 52II: 2 Theaterkarten 1. Parkett (Vorstellung nach Wahl).

Irmgard Wagner, Gießen. Stephanstraße 38: Spemanns Musikkalender 1931.

Ludwig Henkel. Gießen, Grabenstrahe 611: ein Füllfederhalter.

Emil Arnold, Leihgestern, Zahlgasse 8: Karl Reinhardt,Der Sohn des Jrrbühls".

Elisabeth Baum, Gießen, Wetzlarer Weg 67: ein Delikatehkorb.

Rich. Strauch. Gießen, Licher Straße 57 H. II: Andree.Dem Pol entgegen.

Gertrud Staubach . Watzenborn, Unterbot! 30: Karl Reinhardt,Der Sohn des Jrrbühls".

Karl D e d u s , Launsbach. Hauptstraße 160: Deutscher Kalender 1931.

Jean Heines. Gießen, Wetzlarer Weg 67: Wentscher,Deutsche Luftfahrt".

Ottilie Sonntag, Gießen, Sonnen st ratze 10: eine handgearbeitete Schmucknadel.

Adolf Henkelmann. Heuchelheim, Wilhelm- straße 66: Karl Reinhardt.Der Sohn des Jrrbühls".

erregt den Mittelgang bis an die Orch?sterbrü- ftung entlang. Sah wütend nach oben.

Rorma, begreifst du denn nicht, daß die Helge eben ganz was anderes ist, als eine routinierte SalondameI Hab ich dir das nicht f-mal gesagt, erklärt, mit Beispielen belegt! Ueberhaupt schon vorhin - in der anderen Szene du stellt mir ja die ganze Psyche dieser Gestalt glatt auf den Kopf

Dr. Römer ne) ärgerlich vom Pult aus:

»Geht das Thea'.er also wieder los!"

Hab ich denn nicht recht, Romer?" schrie Wär- dehojs zurück.

Ja doch natürlich das heißt"

Ein paar Schauspieler, die irgendwo im Dun­keln sahen und der Probe folgten, lachten amü­siert. Dieser W^rdehoif! Wurde immer nervöserI Sollte doch einfach zu Hause bleiben. Dr Römer würde schon die Sache richtig machen. Und die Rorma na, die hatte ja von Anfang on getagt, sie müsse sich die Rolle erst malzurechtlegen". Hatte ganz recht damit. Eine Rorma Relson war doch keine Sentimentale. Das hätte Wördehvfs am besten wissen können! Wördehoff ihr eignet Mann!

Die Schauspielerin stand dicht an der Rampe.

Hubert, jetzt hab ich die Geschichte aber bald satt. Hier oben spiel id>, nicht du! Und daß du s weißt, wenn ich die Sache nicht bald richtig meinem Temperamenl anpassen kann, dann werde ich über­haupt verlangen, daß die Rolle umgeschrieben wird. Fertig! Ich Hab s dir schon neulich ange­deutet!"

Wördehoff starrte sie fast entgeistert an.

Rorma. bist du von Sinnen? Ist das Stück etwa eine Operette - he? Oder ein Schauspiel? Da soll doch gleich

Dr. Römers Stimme gellte schneidend da­zwischen

Kreuzbombenelement, nun aber Ruhe! Ich bitte sehr! Jetzt ist Probe und kein Familien d.)ll, Don­nerwetter! Wer hat hier überhaupt noch was zu sagen? Herr Wördehoff, noch habe ich die Regie!"

In Teufels Hamen", stieß dieser hervor.

Rorma lachte belustigt auf.

Schimpf nicht, Hubert! Das ist eines großen Mannes nicht würdig", sagte sie spot iich.

Ihre schlanke, geschmeidige Gestalt wiegte sich leise in den Hüsten. Ihr leicht gepudertes Gesicht hatte einen Ausdruck von Hochmut, gemischt mit feiner Ironie.

Da wari Wördehoff den Kopf zurück.

.Und ich sage dir und Ihnen, Doktor Römer, wenn du nicht imstande bist, die Rolle zu spielen, wie sie gespielt werden muß, ziehe ich mein Stück zurück!"

Einen Augenblick lang herrschte tiefes Schweigen nach diesen Worten.

Rorma Relson verschränkte die Hände auf dem Rücken. Gerson blickte Wördehoff wie ein ®e-

Äarl ® rimmel, Leihgestern, Bahnhofstraße: ..Zeppelindenkmal für daS Deutsche Volk".

Heinz Michel, Gießen, Glaubrechtstratze 3II: Blodigs Alpenkalender 1931.

Fräulein L. Lorenz, Wey.ar. Haupwerwal- tung Buderus: 2 Theaterkarten 1. Parkett (Vorstellung nach Wahl).

Hans Kor eil, Gießen, Riegelpfad 22: Karl Reinhardt,Der Sohn des Jrrbühls".

Pfarrer i. R. Ohly. Gießen, Ostanlaae 12: Philosophisch-literarischer Abreißkalender.

Karl Moos, Lollar. Hauptstraße 81: Barthel. ..Schncelandschasi" (Ong nalkreidezeichnung).

Rudolf Dietz, Gießen, Karl-Dogt-Strahe 20: Schert, Illustrierte Geschichte der Welt­literatur.

Helmut Schäfer, Leihgestern, Dahnhofstr. 49: Karl Reinhardt,Der Sohn des Jrrbühls". Marthel Fischet, Gießen, Westanlage 62: Scheid,Reiter" (Studie).

Heinr.ch Ochs, Gießen, Donnenstraße 2: zwei Theaterkarten 1. Parkett (Vorstellung nach Wahl).

Georg Schön, Lich: Deutscher Schulkalender. Frau Hanna Dender, Gießen, Ludwigsplah 10.

Klipstein,Haus in der Ellergasse in Lau­bach" (Originalradierung).

Karl Müller. Gießen, Krofdorfer Straße 2: Karl Reinhardt. .Der Sohn des Jrrbühls". Lehrer Jung, H tzkirchen (Düdingen-Land): Guenther.Un'cte Tierwelt im Drama des Lebens".

Karl Stroh, Gießen Dismarckstraße 44 111: Will,Walltorstraße in Gießen" (Original- rabierung).

Else Wagner, Gießen, Am Riegelpfad 52: Spemanns Frauenkalender.

Hedwig Echtem acht, Krofdorf, ForsthauS: Karl Reinhardt,Der Sohn des Jrrbühls"

Wilhelm Seipp, Leihgestern. Schillerstrahe 14: 2 Theaterkarten 1. Parkett (Vorstellung nach Wahl).

Otto König. Gießen, Mittelweg 15: Karl Rein­hardt,Der Sohn des Jrrbühls".

Hermann Paul, Butzbach: Hagenbeck,Von Tieren und Menschen".

*

Auf die Teilnehmer aus der Stadt entfallen demnach insgesamt 26 Preise (16 an Herren, 10 an Damen) und aus die Teilnehmer aus unserer Landleserschaft 20 Preise (14 an Herren. 6 an Damen). Daß trotz der stärkeren Beteili- gung der Damen die meisten Preise dach aus die männlichen Konkurrenten fallen mußten, ist Darauf zuruckzusühren, daß die Mehrzahl der richtigen Lösungen doch von den ..Herren der Schöpfung" eingefanbt wurde.

Die Lösungen.

Die richtigen Lösungen mußten dem Sinne nach die folgenden Ereignisse festhalten:

1. Cosima Wagner f; 2. Bruckeneinsturz bei Koblenz nach der Befreiungsleier: 3. Berliner Straßenunruhen bei der Reichstagseröffnung: 4. Helene Meyer; 5.Europa" (oberBremen"): 6. Abzug der Desahungstruppen; 7. Segelflieger Kronfeld: 8. Schienenzeppelin: 9. Stratosphären- flug Prof. Piccard; 10. Rundfunkgroßsender Muhlacker: 11. Indischer Boykott englischer Waren; 12. Siegfried Wagner t; 13. Prunk­schiff des Caligula; 14. Fridjof Raufen f : 15. D. 2000 (G 38); 16. Hitler als Zeuge vor dem Reichsgericht (Prozeß gegen die Ulmer Offi-

spenst an. Doktor Römer legte den Regiestab mit hörbarem Knall auf das Pult.

Dann sagte er:

..Das meinen Sie wohl selber nicht ernst, Wördehoff. Wir sind bei den letzten Proben! Uebrigens würde Sie der Direktor glatt auS- lachen."

3d> habe den Vorbehalt tm Vertrag, mein Lieber, daß bei mir nicht zusagender Darstellung ich die Ausführung des Stückes verbieten kann. Wie in allen meinen Verträgen."

»Hm -"

Die bei Theaterproben ja durchaus nicht sel­tene Erregung der leicht entzündbaren künstleri­schen Gemüter schien hier wieder einmal eine kri­tische Ecke erreicht zu haben. Dr. Römer biß sich in die Lippen.

Wördehoff war ein Mann von Ruf und Ramen. Rie war er so nervös gewesen, wie gerade bei den Proben zu diesem Stück. Und man hatte doch schon in den letzten Jahren drei Premieren von ihm herausgebracht, mit bedeutendem Erfolg. Er konnte sich also schon Widerspruch leisten.

Und gerade bei diesem Stück! Das leider das schwächste war, was er bisher geschrieben hatte. Ratürlich würde der Derfassername es schon durchbringen!" Konjunktur! Aber wenn es nach ihm ginge^ hätte Wördehoff es längst umarbeiten müssen. Äaturalistifcher - ein bißchen sensatio­neller! Aktueller!

Aber nein!Das vergessene Königreich" sollte eben mal ein romantisches Stück sein, voll tiefer Gedanken. Das menschliche Gemüt aufrührend.

In Gottes Ramen aber die Rorma rührte eben lieber die Sinne und Rerven auf, als das Gemüt. Eine Sentimentale wäre natürlich ange­brachter gewesen in dieser Rolle. Aber das Pu­blikum hätte sich bedankt. Das schwor auf Rorma Bellon Also spielte sie jede Rolle!

Und sie hatte schon recht. Die romantischen Fi­guren dieses Stückes vertrugen wirklich eine tem­peramentvollere Verlebendigung. Dr Römer war ganz der gleichen Meinung C n Bühnenstück war eben was anderes als ein Roman.

Da klang Rormas Stimme von der Bühne herab.

Hubert du bist ein Harr! Wenn du ein gutes Gedächtnis hättest. wüß:est du. wem du den Erfolg dieser Stücke zur Hälfte zu verdanken hast

Er lachte bitter auf.

Weih ich - weih ich. Aber nun will ich end­lich ich selbst sein! Ich habe genug davon, Modedichter zu sein, der seiner Frau gute Rol­len schreibt"

Achtung! Probe!" schrie Dr. Römer laut und schlug aufs Pult.Herr Wördehoff, ich verbiete Ihnen jetzt jede weitere Störung Machen Sie bitte Ihre Einwendungen beim Direktor geltend."

Wördehoff nickte plötzlich gleichmütig.

Wien oroonifiert ble KrebSbekümv ang.

Prof. Dr Tandler, der heroorraaendc Wiener Mediziner, ist mit einer belgifchen Gefcllfchaft in Verbindung getreten, um 5 Gramm Radium zu erwerben Eine solche Menge dc- kostbaren Stoffes besitzt nur noch das Eurie-Jnstitut in Paris Das Radium soll hauptsächlich der Bekämpfung des Krebses dienen, der heute mehr Todesopfer fordert als die Tuberkulose.

'

ziere); 17. Do. X (Englandflug); 18. Luftschiff* laiastrophe R101; 19. Einslurzkatastrephe Lyon; 20. 5\aifertrönung in Abessinien: 21. Clown Grock; 22. Deutsche Reiter in USA.; 23. Annahme der Voungplan-Geietze; 24. HeilstätteSelter-berg". Gießen; 25. Johannes Lang, Darsteller desJv- Hannes" in Oberammergau; 2o. LUteratur-Hobel- Preisträger Sinclair Lewis; 27. Grubenkata­strophe Alsdorf: 28. Pros. Dr Adolf v. Harnack; 29. Bulgari che Könige Hochzeit in Assisi; 30. Stahl- helrnkundgebung in Koblenz; 31. Kohlensäure- ausbruch im Kurt-Schacht der Grube Hausdorf in Schlesien; 32. Mandatszifsem des am 14. Sep­tember gewählten Reichstags.

Die Preise können von den Gießener Preis­trägern vom nächsten Montag ab zwischen 16 und 17 Uhr auf der Redaktion in Empfang genommen werden. Auswärtigen Gewinnern wer­den die Preise zugestellt. Gutscheine werden den Empfängern durch die Post übermittelt. Preis­träger, die verhindert sind, ihre Gewinne selbst abzuholen, müssen den Beauftragten schriftliche Vollmacht erteilen.

210000 AM Zeh'betrag im Wetzlarer Kreishaushalt.

Deckung durch eine Rachtragsumlage.

y. Wetzlar, 19. Dez. Nachdem die Haus- Haltskommission des Kreistages 'ich» am Montag mit dem durch die gefteigerten Wohlfahrtslasten e. tstandenen Fehlbe­trag beschäftigt hat, ist nunmehr der Kreis- t a g auf den 29. Dezember einberufen worden Die Deckung des Fehlbetrags von 2 10000 Mark soll durch eine Rachtragsumlage von 20 Proz. erfolgen. An dem Straßen- bauprogramm sür 19 3 1, das eb nfa.ls zur Beratung steht, sollen bedeutende Abstr ch? vorge­nommen werden. Selbst einige in Auslicht genom­mene Pflasterungen von Ortsdurch ährten sind sehr in Frage gestellt.

Schön, schön, lieber Boktor. Werd' ich! Ganz bestimmt."

Ich werde das gleiche tun!"

Von mir aus! Aber Sie wissen, was ich ge­sagt habe. Es gibt mehr Bühnen im Deutschen Reich."

Und ohne Gruß ging er den Mittelgang ent­lang, vorbei an den leeren Parkettseiten, bene Foyer zu, wo durch die Vorhänge der Fenster das Tageslicht hereinschimmerte.

Zum Direktor gehen?

Er zögerte einige Augenblicke. Hollmann würde jetzt wohl nicht mehr im Hause sein. Und wenn er noch da war - nun, man sollte immer erst eine Weile vergehen lassen, bevor man sich nbetl irgend etwas beschwert.

Rein, was ihm letzt nottat, war sürs erste frische Lust. Heraus aus dem Geruch von Par- süm, Puder, Schminke, aus der Kulissenluft, die vormittags den ganzen Theaterbau erfüllte. Spa­zierengehen. Mjt Rorma würde er ja heute noch unter vier Augen sprechen können, wenn sie von der Probe nach Hause tarn. Das heißt, wenn sie wirklich nach Hause tarn und nicht vom Theater aus irgendeiner Einladung folgte. Lieber (Sott - sie war ja ein Gesellschaftstier comme ii taut. Run, sprechen würde er sie schon noch!

Hubert Wördehoff ging die breite Prachtstrahr Unter den Linden entlang, dem Tiergarten zu. Die Wege waren hier um die Mittagszeit still und leer D e Bonnen mit ihren Kindern waren fast alle nach Hause gegangen

Er setzte sich in einen Der Mietsstühle am Gold­fischteich und hing seinen Gedanken nach, die die Szene während der Probe in ihm aufgewühlt hatten.

Rorma!

War sie nun sein guter Stern gewesen oder fein böser? Wie oft schon hatte er sich in den letzten Monaten diese Frage vorgelegt. Und war einer flaren Antwort dennoch ausgewichen.

Rorma Helfen,

Ja - den Ramen hatte sie beibehalten, trotz­dem sie vor über Jahresfrist seine Frau gewor­den war Run ja, der Harne hatte damals schon guten Klang gehabt, und der Harne Wördehoff ging gerade erst als Zugname auf.

Du lieber Gott wie vernarrt war er in Borma gewesen' Damals, als fein zweites Schau­spiel, nach dem Erfolg der ersten Komödie, von der bedeutenden Berliner Bühne angenommen toar, der Horma angehörte. Und sie spielte die tragende Rolle. Für sie schrieb er sie anders, als sie ihm vorgeschwebt hatte. Eigentlich, er wußte es ja, war sie es gewesen, die ihm die Rolle dik­tierte. Sie mit ihrer kapriziösen Laune, ihrer Sucht nach Sensationellem. Der ganze Bau des Dramas wurde ein anderer, als er zuerst von ihm geplant war Alle tiefen Gedanken wurden zn pikanten oder geistvollen Effekten. (Forts folgt)