entsprochen worden durch die letzten Erlasse des Generalobersten Heye, den ich menschlich schätze, wenn ich sein militärisches Vorgehen auch nicht begreife. Ganz imbegreiflich ist der ttlhren- erlah. Früher hatte der Offizier den Begriff Iber Treue zu seinem König. Jetzt soll das allein ersetzt werden durch den Gehorsam. Man mutet ihnen zu, Kameraden zu denunzieren und dafür ttihren anzunehmen. Ich, der ich die Ehre hatte, den Rock S. M. des Königs von Preußen zu tragen, ich hätte die Ahr den Betreffenden vor die Füße geworfen.
Ganz unerhört ist es, daß Offiziere im Beisein des Kommandeurs von der Polizei verhaftet wurden. Ich hätte als Kommandeur die Polizisten davongcjagt. 2hm heiht es, hinter diesen Maßnahmen stände der Wehrminister und der Herr Reichspräsident. Der Wehrminister mag stehen, wohinter er will. (Beifall und Heiterkeit rechts.) Aber dagegen wehre ich mich als einer von den Millionen, die im Kriege hinter dem Feld- marscholl standen, daß sein Name in Zusammenhang gebracht wird mit dieser jammervollen Handlung. (Stürmischer Beifall bei den Deutschnationalen und Nationalsozialisten. — Ein Nationalsozialist ruft nach links: „Dieser alte Herr hat mehr Courage als ihr alle zusammen!" — Zwei Kommunisten werden vom Präsidenten Lobe zur Ordnung gerufen.) Wenn die Offiziere in ihrer Verzweiflung sich besprachen, so durfte man deswegen nicht den Leipziger Prozeß machen, der dem ganzen Land geschadet hat. Die Leitung der Reichswehr hat nicht die richtige Erkenntnis. Graf Schlieffen würde sich im Grabe umdrehen, wenn er von solchen Erlassen hörte.
Die Deutschnationalen und Nationalsozialisten klatschen dem Abg. v. Oldenburg am Schluß seiner Rede stürmisch Beifall. 2lbg. Hugenberg (Dnt.) beglückwünscht den Redner. Die Rattonal-- sozialisten anifen: „Nieder mit den Landesverrätern!" Die Kommunisten rufen: „Nieder mit den Arbeitcrverrätern, nieder, nieder, nieder!"
Scharfe Entgegnung des Kanzlers.
Reichskanzler Or. Brüning:
Die Reichsregicrung hat nicht die Absicht, in den Verlauf der Debatte noch einzugreifen, ich halle mich aber verpflichtet, einzugehen auf die Ausführungen des verehrten Kollegen v. Oldenburg, weil er die Persönlichkeit des Herrn Reichspräsidenten in die Debatte gezogen hat, was ein in diesem Hause ungewöhnlicher Vorgang ist. Herr v. Oldenburg hat bewußt oder unbewußt sich bemüht, eine Differenzierung zwischen dem Herrn Reichspräsidenten und dem Herrn Reichswehrminister Groener vorzunehmen. Daß muß ich zurückweifen. Der Herr Reichswehrminister hat das vertrauen des Herrn Reichspräfideüten in voll ft em Umfange. (Er ist zur Zeit aus dienstlichen Gründen nicht anwesend und kann daher erst später auf die Frage der Abg. v. Oldenburg antworten. (Er wird dazu die erste Gelegenheit benutzen, die sich ihm bietet. Als sich Herr v. Oldenburg zum Wort meldete. Halle ich eigentlich etwas anderes erwartet. Ich durfte erwarten, daß er die Worte des Abg. Schmidt- Hannover auf schärfste zurückweisen würde. (Unruhe rechts.) Herr o. Oldenburg, Sie sind nicht der einzige, der als Soldat unter dem jetzigen Reichspräsidenten im Felde gestanden hat, (Lebhafter Beifall.) Ich kann mich nicht entsinnen, von seilen eines sozialdemokratischen Abgeordneten eine solche Verhöhnung des Fahneneides gehört zu haben, wie sie der Herr Abg. Schmidt sich heule geleistet Hal. (Lebhafte Zustimmung in der Mitte und links. — Abg. Schmidt-Hannover (Dnt.) schlägt erregt mit der Faust auf den Tisch.) 3m Interesse der heilighollung des Fahneneides muß ich auf das entschiedenste gegen diese Verhöhnung Stellung nehmen. (Erneuter stürmischer Beifall.) Dagegen hätten Sie auch Stellung nehmen müssen, wenn Sie die stolze Tradition des preußischen Heeres hier hätten zur Geltung bringen wollen. (Beifall bei der Mehrheit. — Unruhe rechts.) Die Regierung hat in ihrer Erklärung ganz klar und deutlich ausgesprochen, daß sie alles tun wird, was in ihrer Macht steht, um die Wehrhaftigkeit des deutschen Volkes zu stärken, und wenn irgend jemand etwas dafür getan hat in Fortsetzung des Werkes von Herrn General v. S e e ck t, dann ist et bet jetzige Herr Reichswehrminister. (Erneuter lebhafter Beifall in der Mitte.) wenn Herr v. Oldenburg — und damit will ich schließen — das Zeugnis des verstorbenen großen Generalfeldmar- scholls v. Schlieffen in einer für mich unverständlichen weise gegen den jetzigen Reichswehr- Minister hier aufgerufen Hal, so muh ich Ihnen, Herr v. Oldenburg, zu meinem größten menschlichen und politischen Bedauern sagen, daß Sie — wie ich annehme, wider Willen, — aber in der Tat der alten Tradition des preußischen Heeres, die auf Disziplin und Gehorsam aufgebaut ist, hier den stärk st en Abbruch getan haben.
Die Kanzlerrede wird von der Mehrheit m 11 stürmischem Beifall ausgenommen. Minister Dietrich drückt dem Reichskanzler die Hand. Bei den Deutschnationalen und Nationalsozialisten herrscht große Anruhe.
Abo. v on Oldenburg meldet sich nochmals zum Wort. Er erklärt: Ich stelle fest, daß die Rede des Herrn Reichskanzlers Beifall gefunden hat bei den bewährten Hütern deutscher Nation: Kommunisten undSozialdemokraten! (Stürmischer Beifall rechts.) Präsident Loebe stellt demgegenüber fest, daß k e i n K o m m u n i st Beifall geklatscht hätte.
Abg. Schmidt- Hannover (Dnt.) nennt die Ausführungen des Reichskanzlers über seine Person erstaunlich und beleidigend. Der Reichskanzler habe ihm vorgeworsen, er hätte den Fahneneid herabgesetzt und beschimpft. Er müsse sich eine derartige Anterstellung auf das entschiedenste verbitten. Der Redner wiederholt seine Äeußerungen nach dem Stenogramm und verlangt, daß der Reichskanzler die gegen ihn erhobenen Beschimpfungen zurücknehmen soll. Er habe gesagt, die heutige Wehrmacht habe leider den Fahneneid auf em Abstraktum zu leisten, auf ein mehr oder minder durchlöchertes Instrument, die Verfassung. Jedenfalls müsse er als Ergebnis der
Aussprache feststellen: Die Republik hat eine Schlacht verloren! (Beifall rechts, Lachen links und in der Mitte.)
Reichskanzler Dr. Brüning erhebt sich sofort und erklärt: Nach der Feststellung des Reichstagspräsidenten halte ich es nicht für notwendig, aus die persönliche Bemerkung des Herrn von Oldenburg noch zu antworten. Der Abg. Schmidt hat t>en Fahneneid in Verbindung m i t einem durchlöcherten und brüchigen Instrument, der Verfassung, gebracht. Ich habe meinen Ausführungen nach dieser Richtung hin bewußt nichts hinzuzufügen. (Lebhafter Beifall in der Mitte und links, Gelächter rechts.)
Oie Abstimmungen.
Sprechchöre der Radikalen.
Es folgen nun zunächst die heute vormittag zurückgestellten Schluhabstiminungen. In der namentlichen Abstimmung wird das Schuldentilgungsgesetz mit 325 gegen 237 Stimmen a n - genommen. Dagegen gestimmt haben Nationalsozialisten, Kommunisten, Deutschnationale und Landoolkpartei. Es rv^rd dann über die Ueberrvei- sung der Notverordnung an den Ausschuß namentlich abgestimmt. Als die Sozialdemokraten die weißen Ja-Karten erheben, ruft ein nationalsozialistischer Sprechchor: „Wer hat uns verraten — die Sozialdemokraten!" Die Sozialdemokraten rufen den Kommunisten zu: „Die nehmen euch eure schönsten Parolen weg!" — Die Kommunisten sprechen nun im Chor: „Nieder mit den Sozialfaschisten! Nieder, nieder, nieder!" Lachend ruft ein Sozialdemokrat: „Jetzt sind sie recht krank!" Die Nationalsozialisten rufen dreimal „Deutschland erwache!"
Als Antwort von links kommt darauf von den Kommunisten der Gesang der ersten Strophe der Internationale und im Anschluß daran ein dreifaches „Nieder mit den faschistischen Strolchen!" Während dieser Lärmszenen werden die Stimmzettel weiter eingesammelt. Präsident Löbe teilt mit, daß er einen der Teilnehmer an der letzten Störungskundgebung mit Saalausweisung bestraft habe und dieses Verfahren bei weiteren Störungen weiter anwenden werde. — Diese Mitteilung hat die Wirkung, daß weitere Sprech- und Gesangschöre wieder in Aktion traten.
Die Ausschuhüberweisung wird mit 339 gegen 220 Stimmen beschlossen.
Die Anträge auf Aufhebung der Reparationen des Bvungplans und die übrigen außenpolitischen Anträge werden den: Auswärtigen Ausschuß mit 323 gegen 236 Stimmen überwiesen. Dagegen wird die Ausschußüberweisung der Amnestieanträge mit den Stimmen der Sozialdemokraten, Deutschen Volkspartei, Zentrum und Bayerischen Dolkspartei abgelehnt. Der deutschnationale Amnestieantrag zugunsten der wegen politischer Mordtaten Verurteilten wird hierauf gegen Deutschnativnale, Nationalsozialisten und Kommunisten in erster Lesung ab- gelehnt. Annahme findet in erster Lesung ein Amnestieantrag der Christlich-Sozialen, der Straffreiheit für Vergehen politischer Art zusagt.
Gegen die Kommunisten und Nationalsozialisten abgelehnt wird die von den Kommunismen beantragte Aufhebung des Schiedsspruchs für die Berliner Metallindustrie. Mit den Stimmen der Sozialdemokraten, Kommunisten und Nationalsozialisten angenommen wird dagegen der sozialdemokratisch-kommunistische Antrag, den Spruch nicht für verbindlich zu erklären.
Der Ltebergang zur Tagesordnung
Nunmehr wird der Antrag zur Abstimmung gestellt, der den Aebergang zur Tagesordnung über alle Mißtrauensanträge ausspricht.
Ag. Gottheiner (Dn.) erklärt, daß eine solche Abstimmung verfassungswidrig sei, da nach der Verfassung die Regierung des Vertrauens des Reichstags bedürfe. Die Annahme des vorliegenden Antrags sei aber kein Vertrauensvotum.
Präsident Löbe erinnert an frühere Fälle, in denen ähnliche Anträge auf Llebergang zur Tagesordnung von Deutschnattonalen^ gestellt worden seien. Die Nationalsozialisten hätten mit dieser Einleitung einmal ein Vertrauensvotum für die Regierung beantragt.
Mit 310 gegen 235 Stimmen wird der Vorrang der Abstimmung über den Heber- gang zur Tagesordnung beschlossen. Dieser Antrag selbst wird dann in namentlicher Abstimmung mit 318 gegen 236 Stimmen bei 1 Stimmenthaltung angenommen. Das Ergebnis dieser Abstimmung, mit der alle Mih- trauensauträge abgelehnt sind, wird von den Flügelparteien mit Pfuirufen ausgenommen.
Damit ist um 23 Uhr die Tagesordnung erledigt.
2lbg. Dr. Everling (Dnt.) beantragt, die nächste Sitzung heute, 15 Minuten nach Mitternacht abzuhalten, um das Amne
stie g e s e h in dritter Lesung zu beraten. Im Hammelsprung wird der Antrag auf Abhaltung einer Nachtsihung mit 300 gegen 225 Stimmen bei einer Enthaltung angenommen. Auf der Tagesordnung dieser Sitzung, die fünf Minuten nach Mitternacht stattfindet, steht die dritte Beratung der Amnestievorlage. Zum Wort meldet sich niemand bei der Beratung des Amnestteent- wurses. Ein kommunistischer Aenderungs- antrag, der den Stichtag für die unter die Amnestie fallenden Straftaten vom 1. September 1924 auf den 1. Oktober 1930 verlegen will, wird gegen Kommunisten, Nationalsozialisten und Deutschnationale abgelehnt.
In der namenllichen Schluhabstimmung werden für das Amnestiegeseh 395, dagegen 147 Stimmen abgegeben bei einer Stimmenthaltung. Die zur Annahme des verfassungsändcmden Gesetzes erforderliche Zweidrittelmehrheit ist damit erreicht. Bon der Rechten wird das Abstimmungsergebnis mit lautem Beifall begrüßt. Durch die Vorlage wird die Amnestte für politische Straftaten auch auf Mordtaten ausgedehnt, also auchauf dielogenanntenFememorde, soweit sie vor dem 1. September 1924 begangen worden sind und soweit sie sich nicht gegen Regierungsmitglieder gerichtet haben. Gegen die Vorlage haben nur die Sozialdemokraten geschlossen gesttmmt. — Der Reichstag beraumt die nächste Sitzung auf den 3.Dezember an.
Die berliner presse zum Abstimmungsergebnis.
Berlin, 20. Ott. (TTl.) Die Berliner Blätter nehmen zu den Abstimmungsergebnissen in der Samstagsitzung des Reichstages ausführlich Stellung. Die „DAZ." (DDP.) hebt dabei hervor, daß die Regierung einen ersten bedeutenden. Erfolg erzielt, ihre Autorität sei erfreulich gestärkt. — Die „Germania" (Z.) schreibt: Der Erfolg der Regierung könne unter den obwaltenden Hm* ständen nicht hoch genug angeschlagen werden. Darin liege der Beweis, daß eine Regierung auch ein widerspenstiges Parlament zu zwingen vermöge, wenn sie nur den Willen zur Führung habe. — .Die „K r e u z z e i tu n g" (deutschnatl.) schreibt, die rettenden Arme der Sozialdemokratie, in die sich das Kabinett geflüchtet habe, müßten es letzten Endes erdrosseln. Das sei nicht der Sinn der Wahlen vom 14. September gewesen. — Der „Lokal- A n - zeig er (Hugenberg) schreibt, es sei kein Zweifel möglich, wenn auch mit den notwendigen Abstimmungen Rückzug und einstweilige Rettung der sozialistenreinen Regierung in die Arme der Sozialdemokratie durchgeführt seien, auch die neue Stellung werde auf die Dauer gegen die nationale Flutwelle von rechts nicht standhallen. — Die „De utsche Tageszeitung" (Landbd.) betont, daß die Rettung des Kabinetts durch die Sozialdemokratie erfolgt sei. Das Blatt hebt bei einer Besprechung der Auseinandersetzung zwischen dem Abg. v. Oldenburg-Ianuschau und Dr. Brüning noch hervor, der Kanzler habe durch die Art seines Auftretens mindestens stimmungs- mäßig Gegensätzlichkeiten verschärft, an deren Abmilderung ihm eigentlich liegen sollte, wenn er nicht etwa den Willen habe, sich in völlige Abhängigkeit von der Linken zu begeben. Der Temperamentsausbruch fei völlig am falschen Ort und am falschen Gegenstand in Erscheinung getreten. — Der „Börsen-Courier" (dem.) ist der Auffassung, daß nicht nur von der Regierung Brüning, sondern auch vom deutschen Volke ein schwerer Druck genommen sei. Es wäre nicht abzusehen gewesen, was geschehen wäre, wenn der Reichstag die Notverordnungen abgelehnt und den äleberbrückungskredit nicht bewilligt hätte, dessen Gewährung an die Zustimmung des Parlaments gebunden war. —- Der „Vorwärts" (Soz.) verteidigt die Haltung der Sozialdemokraten mit dem Hinweis darauf, daß es der sozialdemokrattschen Reichstogsfraktton nicht um die Existenz der Regierung Brüning an sich gegangen fei. Die Verteidigung der Demokratie und der Arbeiterrechte sei der oberste Gesichtspunkt dabei gewesen.
Der „M o n t a g“ (Hugenberg) nennt die Vertagung einen Staatsstreich Brünings und behauptet, daß die Oppositionsparteien, deren Anträge auf frühere Einberufung des Reichstags abgelehnt wurden, die Möglichkeit besäßen, auch gegen den Willen der Regierung die Einberufung deS Reichstages durchzusetzen, Der „Montag" begründet diese Auffassung in der Hauptsache mit Artikel 24 der Reichsversasfung, nach dem der Reichstag am 1. Mittwoch deS November am Sitze der
Reichsregierung zusammentreten muh. Die Regierung sei also nach diesem Artikel der Verfassung auch gesetzlich verpflichtet, den Reichstag für den 5. November einzuberufen. Das Blatt schließt seine Ausführungen mit der Ankündigung, es sei durchaus damit zu rechnen, daß ein derartiger Antrag sehr bald an den Reichstag gestellt werden wird.
Das nationalsozialistische Wirtschastsprogramm.
Dr. von Stautz über die bankpolitischen Anträge der Nationalsozialisten.
Berlin, 18. Olt. (CNB.) Zu den bank- politischen Anträgen der Nationalsozialisttschen Partei nimmt im heutigen „Bank-Archiv" D r. von Stauh, Mitglied des Reichstags, Vorstandsmitglied der Deutschen Dank und Disconio- Gesellschaft, in einem Aufsatz über die finanz- und wirtschaftspolitischen Aufgaben des neuen Reichstags wie folgt Stellung:
„Die bestehende Vertrauenskrise kann allerdings eine wesentliche Verschärfung erfahren, wenn durch die Anträge politischer Parteien das Privateigentum und sonstige private Rechte bedroht werden und wenn diese Beunruhigung durch undurchdachte gesetzgeberische Vorschläge verstärkt wird, welche an die Grundlagen der deutschen Kreditwirtschat, rühren und damit an die Grundpfeiler der Wohlfahrt des Landes und seiner produktiven Stände. Möge nicht vergessen werden, daß verstärkter politischer Einfluß auch verstärkte Verantwortung für alles Unheil in sich schließt, welches schon allein dadurch entstehen kann, daß solche Anträge vielleicht da oder dort im Inland oder Ausland ernst genommen werden, obwohl kaum ein einsichtiger Mensch ihre Verwirklichung für möglich hält."
Die Deutsche Gtaatspartei.
Das Ausscheiden der Bolksnationalen.
Keine Fraktionsgemeinschast mit der Bolkspartei.
Berlin, 20. Oft (VDZ.) Der Reichsvorstand der V o l k s n a t i on a len Re ichsv e re i ni- g u n g faßte eine Entschließung, in der zunächst darauf hingewiesen wird, daß die Dollsnationalen die Gründung der Staatspartei als eine entschlossene Erneuerungsbewegung begrüßt hätten. Die Staatspartei habe aber in der letzten Zeit eine Entwicklung genommen, die die Erreichung der Ziele der Dolksnattonalen u n- möglich gemacht habe. Der Reichsvorstand billige deshalb die Gründe, welche die volksnatio- nalen Mitglieder des Hauptakttonsausschusses der Staatspartei zum Austritt bewogen haben. Ebenso wurde die Haltung der sechs volksnatto- nalen Reichstagsabgeordneten gebilligt. Die Volksnationale Reichsvereinigung betrachtet eS als ihre Aufgabe, mit aller Kraft die Sammlung
solcher Staatsbürger mit dem Ziel einer grundlegenden Erneuerung weiter zu betreiben.
Finanzminister Dr. Höpker-Aschoss hat an die aus der Deutschen Staatspartei ausgeschiedenen Reichstagsabgeordneten Abel, Adolph, Bornemann, Daltrusch, Hesse, Prüh vom Iung- deutschen Orden ein Schreiben gerichtet, in dem es u. a. heißt: Der Hauptakttonsausschuh der Deutschen Staatspartei hat beschlossen, die Partei aufrechtzuerhalten und den Aufbau sofort durchzuführen. Es ist gleichzeitig beschlossen worden, Sie um die Riederlegung Ihres Reichstagsmandats zu ersuchen. Nachdem Sie aus der Partei und aus der Fraktion aus- geschieden seien, sei es geboten, den Platz den nach st folgenden in der Staatspartei verbliebenen Kandidaten zu überlassen.
Am Montag tritt übrigens der Parteivorstand der Deutschen Dolkspartei zusammen. Seine Verhandlungen dürften jedoch nichts mit den allgemeinen politische Fragen zu tun haben, sondern nur dem Organisationsausbau der Partei dienen. Die Verhandlungen zwischen der Deutschen Volks Partei und der Deutschen Staatspartei wegen einer technischen Vereinigung zu einer Reichstagsfraktion werden als gescheitert angesehen, da die Frakttonsfuhrung der Deutschen Volkspartei hierbei Dr. Weber empfahl, daß )eder Abgeordnete der Staatspartei sich als. Hospitant einzeln anmelde. Dieser Vorschlag wurde von der Deutschen Staatspartei jedoch abgelehnt, damit sind die Aussichten auf ein Zusammenkommen der beiden Gruppen vorläufig wohl erledigt.
Die Kommunalgehäiter in Preußen.
Die Auffassung des Finanzministeriums.
Der bin, 20. Ott. (Wolff.) Im preußischen Finanzministerium haben, wie der „Montag Morgen" (demokratisch) meldet, in den letzten Tagen Beratungen über die finanzielleDe- lastung der Gemeinden durch hohe Gehälter der leitenden Gemeindebeamten stattgefunden. Bei den Besprechungen herrschte Einigkeit darüber, daß die Gehälter der Kommunalbeamten im Verhältnis zu denen der Staatsbeamten ou hoch sind un& von den Gemeinden nicht länger getragen werden können. Eine Nachprüfung des Finanzministeriums hat ergeben, daß selbst Kommunen mit Etats von wenigen Millionen an ihre Bürgermeister Gehälter zahlen, wie sie der preußische Staat und das Reich nur ihren Ministerialdirektoren zugestehen. Zahlreiche Oberbürgermeister beziehen ein Einkommen, das in Wirklichkeit die Gehälter von Ministern oder Staatssekretären übersteigt. Es wird daher erwogen, die Gemeinden zu einer Herabsetzung der an die Bürgermeister und cprders leitenden Beamten gezahlten Gehälter zu zwingen. Das Finanzministerium steht auf dem Standpunkt, daß eine Aenderung der Desoldungsordmmg keine wohlerworbenen Rechte berührt.
Unschuldig in südslawischen Gefängnissen.
Das Verfahren gegen Neuner und Zsolde Reiter eingestellt.
Belgrad, 19. Oft (TU.) Wie von zuständiger Seite mitgeteilt wird, ist auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen den ehemaligen deutschen Abgeordneten Dr. Wilhelm Neuner, gegen die Schriftleiterin Isolde Reiter und gegen den Verwaltungsbeamten Paul U r s o eingestellt worden. Die Genannten mußten vier Wochen unschuldig im Gefängnis zubringen, wobei bekanntlich Isolde Reiter, den furchtbarsten Folterungen ausgesetzt war. Auch nach ihrer Freilassung im Iuni standen sie unter polizeilicher Aufsicht und konnten sich nicht frei bewegen. Zugleich meldet das „Deutfche Volksblatt", daß auch der Lehrer Ioseph Wilhelm, Mitglied l^s Hauptausschusses des Schwäbisch-Deutschen Kulturbundes, der am 13. Oktober verhaftet wurde, ebenfalls unter Einstellung des Verfahrens auf freien Fuß gesetzt worden ift Zugleich mit ihm wurden fünf deutschstämmige Bürger, die am selben Tage von der Gendarmerie festgenommen worden waren, aus der Haft entlassen. Als Grund für die Verhaftung führt das Volksblatt an, daß diese Personen d-en neuen Pfarrer von Erdevik mit einer deutschen Ansprache begrüßt hatten. Sine Anzeige bei ter Gendarmerie unterstellte ihnen bei dieser Gelegenheit staatsfeindliche Äeußerungen, die sich bei den Erhebungen bald als Verleumdungen herausstellten.
Die Bekämpfung der Wettwirtschastskrisis.
Interessante Vorschläge Dn Schachts.
Neuyork, 19.Oft. (TU.) „Herold Tribüne" veröffentlicht einen interessanten Beitrag des früheren Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht über die Ursachen der Weltwirtschaftskrise und die Maßnahmen, die zu ihrer Behebung ergriffen werden müssen. Schacht erklärt, daß die Welthandelskrise keine gewöhnliche Ebbeerscheinung fei, sondern auf die durch den Krieg und die Nachkriegszeit heroorgerufenen Veränderungen in der Struktur der Weltwirtschaft zurückgeführt werden müsse. Die eigentlichen Gründe des beispiellosen Tiefstandes der Wirtschaft seien die Hochschutz, Politik, der Ausbau nationaler Industrien in neugeschaffenen Ländern Osteuropas, die gewollte Abwehr gegen den Welthandel in Rußland, Indien uni Aegypten und anderen asiatischen Ländern, die väb> lige Mißachtung des feindlichen Privatbesitzes während des Krieges und in den Friedensverträgen und vor allem das Höch st beunruhigende Reparationsproblem sowie die unaufhö» lichen Störungen des internationalen Geldmarktes durch eine frivole Anleihepolitik. In striktem Gegensatz zu Hoover ist Schacht davon überzeugt, daß Amerika seine eigene Krise nur in eng ft er Zu - fammenarbeit mit der übrigen Welt beheben kann. Die Lösung des Problems der Welthandelskrise sieht Schacht in einer Steigerung der Konsumkraft. Für die Erweiterung des Welthandels müsse in bisher unerschlossenen Ländern durch Kapitalanlage und aktive Arbeit gesorgt werden. Der notwendige internationale Zusammenschluß könne durch Schaffung einer aus Bankiers und Jndusttiellen zu« fammengesetzten Wirtschaftsorganisation gewährleistet werden, die stark genug sein müsse, um das Vertrauen des Publikums, das Anlage» kapitalien zur Verfügung stellt, zu gewinnen.


