Nr. 220 Drittes Blatt
Publikum und Theater.
Am 1. Oktober wird das Siebener Stadt- 1 h e a t e r mit seiner Winterspiel-eit beginnen. Rachdem vor etlichen Tagen die Einladung zum Abonnement an die Bürgerschaft ergangen ist, wird der Spielplan mit den wichtigsten Angaben über die künstlerischen Pläne der Theaterintendanz in den nächsten Tagen unseren Mitbürgern bekannt gegeben werden. 3n diesem Olugcnblid erscheint es uns angczeigt, einige Gedanken über daS Verhältnis zwischen Publikum und Theater und die beiderseitigen Verpflichtungen zueinander unseren Lesern mitzuteilen.
Erfreulicherweise hat zwischen der Gießener Bürgerschaft und den Mitbürgern in den Dach- barorten einerseits und dem Theater anderseits bisher imn*r ein harmonisches, aus gegenseitige Förderung eingestelltes Verhältnis bestanden. Daß diese guten Beziehungen im Laufe deS vorigen Winters vom Publikum nicht so stark wie früher durch regelmäßigen Besuch der Theaterabende sichtbar zum Ausdruck gebracht wurden, war nicht etwa auf Mangel an Interesse für unser Theater zurückzusühren, sondern vor allem in den wirtschaftlich schwierigen Zeitverhältnissen begründet. Wenn unsere Theater» tntendanz trotz diese- Llmstandes in ihrem ernsten und ersolgreichen künstlerischen Schasfenswillen nicht nachgelassen hat. so ist dies nicht nur ein ehrenvolles Zeugnis für das hohe Streben des Intendanten Dr. P r a s ch und seiner Mitarbeiter, sondern auch ein Ausdruck ihrer richtigen Erkenntnis. dah nur durch gute Darbietungen die Zuneigung des Publikums zu unserem Theater erhalten werden kann und damit auch für die finanzielle Grundlage des Theaters selbst am wirksamsten gearbeitet wird. Wie sehr unsere Theaterintendanz auf diesem richtigen Wege weiter zu arbeiten bemüht ist, geht auS der Tatsache hervor, daß sie im Verlause der Sommermonate mit mehreren Uraufführungen vor die Oeffent- lichkeit trat und auch mit der Aufführung weiterer wertvoller Stücke erfreute; dafür spricht nad) allem, was man bisher hörte, ferner die Ausgestaltung des neuen Spielplans, der bis jetzt schon ebenfalls mehrere Uraufführungen und eine Reihe von Erstaufführungen Vorsicht, daneben noch mit der Wiedergabe bester Werke der Theaterkunst, insgesamt gediegene und gute geistige Kost, dem Publikum eine wertvolle Bereicherung darbieten will. Allerdings sind die wirtschaftlichen Verhältnisse seit dem vorigen Winter für viele Mitbürger nicht gerade besser geworden, man darf aber doch wohl bo haupten, das; auch im kommenden Winter für viele Bürger in Stadt und Land der Besuch unseres Theaters bei der mäßigen Gestaltung der Eintrittspreise noch zu den erschwinglichen Dingen des Daseins gehören wird. ilub hier setzt die Verpflichtung des Publikums gegenüber unserem Theater ein, die darin besteht, das ernste Bemühen der Theaterleitung durch fortgesetzten guten Besuch zu belohnen!
Dor einigen Tagen haben die Vertreter von staatlichen und städtischen Behörden, sowie die Führer der drei Gießener Stadtratsfraktionen in unserem Anzeigenteil die Aufforderung an die Bevölkerung in Stadt und Land gerichtet, „ba8 Gießener Stadtthcaier durch-regste Anteilnahme, insbesondere am Abonnement, das große Vorteile bietet, nach Kräften zu unterstützen". Man kann nur wünschen, dah dieser wohloegründeten Aufforderung von der Bürgerschaft in reichem Maße Folge gegeben wird. Dicht nur unser Theater wird davon Vorteil haben, auch jeher Besucher der Ausführungen wird von den künstlerischen Gaben unserer Bühne reichen Gewinn
Helene Chlodwigs
Schuld und Sühne.
Vornan von J. Schneider-Foerstl.
älrhcbcr-Rcchtschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
18. Fortsetzung. Nachdruck verboten
Die Hände der Mutter fielen herab. „Und deine anderen Kinder, Iust?"
Sein Blick war leer und verständnislos, als er jetzt über sie hinwegsah. Hatte er denn noch andere Kinder? — Ieht, in dieser Stunde, hatte er nur dieses eine, den Sohn, den eine unsichtbare Macht aus blühender Gesundheit in die Tiefe des Leidens geschlerrdert hatte!
„Iust!" Die Finger der Pcheimrätin streichelten wieder über seinen Aermel hin: „Sind die Kinder nicht oft schon durch schwere Krankheiten gegangen? — Durch Scharlach, Diphtherie, und alles ist wieder gut geworden?"
Er fiel kraftlos auf den Stuhl hinter sich und wühlte die Hände in das noch immer dichte Haar. „Ich bin der letzte, der verzweifelt, wenn es noch ein Hoffen gibt. — Aber es gibt keines mehr!"
„Das Rückenmark?" wagte die Geheimrätin zu fragen.
„3a!"
Richts war mehr vernehmbar, als das Summen
einer Fliege, die ratlos an den Scheiben des
Fensters hin- und herirrte.
* . ♦
Zwei Wagen hasteten in etwa hundert Meter Abstand die Steigung nach Rottach-Berghof heraus. Das offene Landaulct Professor Klahns spiegelte braun in der Dachmittagssonne. Aver- sons Auto rannte mit glitzernden Fenstern dahinter her.
Cs muh schlimm stehen, erwog tfcr Chirurg. Dur wenn ein Arzt die eigene Ohnmacht fühlt, ruft er nach einem zweiten. Vielleicht auch um seinem Gewissen die Verantwortung zu erleichtern. Wie dem auch sein mochte, der Kollege tat ihm leid. Franke war einer von jenen, die ohne Falsch ihre Kraft bei Tage und bei Dacht bereitwilligst in den Dienst der anderen stellten. ilnb nun hatte die unsichtbare Faust, die über jedem Einzelwesen hing, zum Schlage ausgeholt und ein Leben getroffen, das zu den schönsten Hoffnungen berechtigt hatte.
Der Wagen hielt kaum, als der Professor über das Trittbrett stieg. Vom Hause her schleppte sich Franke: „3ch danke Ihnen, dah Sie gekommen sind."
Klahns Antwort war ein Druck der Hand. Während sie durch die ebenerdige Diele nach dem
Samstag, 20. September 1030
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
erzielen. Unter der Leitung des Intendanten Dr. P r a s ch und dank der pekuniären Opferfreudigkeit der Stadtverwaltung und deS Stadtrats. die mit der finanziellen Ausrüstung des EtadttheaterS das Möglichste tun, hat sich unsere Bühne zu einer künstlerischen Höhe emtwrgearbeitet, die heute weithin in Deutschland rückhaltlose Anerkennung und verdiente Hochachtung findet. Sowohl in der Auswahl der Stücke, wie auch im zeitgemähen Mitschreiten beim künstlerischen Vormarsch des deutschen Theaterwesens, ebenso in der Verpflichtung der schauspielerischen Kräfte ist unser Theater bisher allen benötigten Ansprüchen, auch den hochgespannten Forderungen, gerecht geworden. Dah es auch für die Zukunft der Fall sein wird, daran ist bei dem vorbildlichen künstlerischen Arbeitswillen unserer 3ntendanz nicht zu zweiseln. Bei dieser Sachlage ist es natürlich verständlich, dah unsere Theater- leitung nun auch in dem Besuche ihrer Darbietungen die gebührende Anerkennung der T r ä - ger unseres Theaters, nämlich der Bürgerschaft selbst, erwarten darf.
Wie sehr bic The ater leitung bemüht ist, die gute künstlerische Kost unserer Bühne den breitesten Devölkerungsschichten zugänglich zu machen, geht nicht nur aus der Gestaltung der Eintrittspreise hervor, sondern wird auch durch die Tatsache bewiesen, daß der Intendant Dr. Prasch mit Unterstützung durch den Derkehrsbund Ober- Hessen sich bei der Reichsbahndircktion Frankfurt bemüht hat, eine günstigere Ge Haltung des EisenbahnfahrplanS für die als Theaterzügc nach und von Gießen in Betracht kommenden Reichsbahnverbindungen auS den Städten der ganzen Umgegend herbeizuführen. Hoffentlich wird diesem Bemühen von der ReicAbahndireklion daS entsprechende Entgegenkommen bewiesen.
Stadtverwaltung und Theaterleitung laden zum Abonnement auf die Darbietungen deS Theaters ein. Natürlich wollen sie damit unserer Bühne ein möglichst breites und für die ganze Spielzeit ausreichendes Fundament geben. Daneben ist ihnen selbstverständlich auch reger Tagesbesuch willkommen. Im Interesse der
Theaterbesucher dürfte jedoch zu einem Abonnement zu raten sein. Hierbei genießt der Besteller erhebliche Vorteile durch Preisverbilli- gung, er braucht den Betrag auch nicht in einer ganzen Summe zu bezahlen, sondern führt ihn beim Bezüge der verschiedenen Kartenabschnitte ratenweise an die Theaterkasse ab, und sichert sich außerdem das Anrecht auf einen bestimmten, von ihm selbst ausgesuchten Platz, alleS Vorteile, die begreiflicherweise dem Tagesbesucher nicht geboten werden können. Wer sich neben der anerkannten künstlerischen LeistungSlabigkeit unserer Bühne auch noch diesen materiellen Gesichtspunkt vor Augen hält, der wird zugeben müssen, daß die Bestellung eines Abonnements bei unserem Gießener Stadttheater ein guter geistiger Gewinn und ein schätzenswerter materieller Vorteil ist. Möchten viele Mitbürger in Stadt und Land zu diesem Ergebnis kommen und daraus ungesäumt die Schlußfolgerung ziehen: Bestellung eine» Abonnements beim Gießener Stadttheater!
Liebesehe oder vernuiMeimt? - Soll dastzerz oder derDersiand sprechen?
(Rachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
LiebeS- ober Demunftehe, — eine alte Streitfrage. So manche Ehe, in brennender Leidenschaft geschlossen, hat nach kurzer Dauer Schiffbruch erlitten, ilnb manche „Konventionsehe", anfangs nur auf „gesicherte Existenz", bestenfalls auf „gegenteilige Achtung" eingestellt, hat sich im Lause des Zusammenlebens zur innigsten Gemeinschaft entwickelt. Wie stellt sich unsere Zeit der oft gepriesenen „Sachlichkeit" zu dieser Frage? Hat das Herz heute gar keine Stimme mehr? Die Antworten, Die unser Mitarbeiter auf feine Umfrage erhielt, scheinen die Annahme, der Verstand sei heute in Ehefragen Diktator geworden, nicht zu bestätigen.
Liebesehe ja — aber nicht ins Blaue hinein ...!
sagt die bekannte Aerztin und Leiterin einer Che« beratungsftelle,Frau Dr mect Ourand-Wever:
„Daß ich nach meinen beruflichen Erfahrungen in der Eheberatung die grobe DerstandeSehe nicht gutheihen kann, versteht sich von selbst. Ich habe so viele Ehen, die nur aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen waren, zugrunde gehen sehen, dah ich zu dieser Meinung kommen muhte. Liebe, und noch mehr, gegenseitige Achtung müssen die Grundlage jeder Ehe sein. Also Liebesche! Allerdings soll man auch nicht ins Blaue hinein heiraten. Ich meine das nicht einmal so sehr in wirtschaftlicher Hinsicht, vor allem soll man sich vorher vergewissern. dah der Partner gesund ist. Aber man darf sich natürlich auch nicht jeder Wirtschaftsvernunft widersehen.Eine alte Freundin von mir pflegte zu sagen: „Man soll nur aus Liebe heiraten, aber sein Herz so in der Gewalt haben, dah es nicht — unter 30 000 Talern liebt!“ Ist dieser Spruch auch für unsere Zeit übertrieben und nicht mehr anwendbar, so soll man sich doch davor hüten, zu glauben, hungern zu zweit wäre ein halbes Hungern; im Gegenteil, es ist vierfaches.
Häufig liegt der Demunftehe Wohl Liebe zu Grunde, aber leider nicht zum Partner, sondern zur eigenen Familie, die einer der Ehepartner durch seine Demunftehe wirtschaftlich
Oberstock hinaufstiegen, fragte der Professor in kurzen Sätzen. Ebenso knapp kam der Bescheid: „Meine Frau weih nicht, daß es sich um eine, Verletzung des Rückenmarkes handelt. Ich habe es noch nicht über mich gebracht, sie davon zu unterrichten."
Klahn nickte. „Cs ist immer noch früh genug. — Wenn Ihre Diagnose überhaupt stimmt, lieber Kollege! Seinen nächsten Angehörigen gegenüber ist man immer zu größtem Pessimismus geneigt. Bei Behandlung Fremder ist man optimistischer. — Dun, wir 'werden ja sehen!"
Helene taumelte, als die Türe ging, von ihrem Sitze hoch. Sie wollte den beiden Männern entgegenlaufen, fühlte, wie eine Hand sie behutsam wieder zurückdrückte und ein Mund sich über ihre Finger neigte: „Wir wollen das beste hoffen, gnädige Frau!"
Ihr Blick glitt über Klahns starke Gestalt hin. Die weihen Striche an seinen Schläfen verschwommen zu Debclsehen. Sie sah sein schmales Gesicht verdoppelt. Den energisch geformten Mund zu einem unnatürlich breiten Spalt erweitert.
Ihre Augen flüchteten von ihm hinweg nach ihrem Mann und blieben in hilfloser Verzweiflung an ihm hängen: „Iust!"
„Vielleicht ist es besser, gnädige Frau, wenn Sie uns vorläufig allein lassen!"
„Komm!" Franke faßte sie unter und zog sie an sich hoch. Sie gehorchte ohne Widerrede und wankte, von ißm gestützt, nach Der Türe.
Die Geheimrätin fand sie zwei Minuten später auf der obersten Treppenstufe kauern und rief ihre beiden Enkeltöchter zu Hilfe, die Mutter auf ihr Zimmer zu bringen.
Sabine, die Zwölfjährige, ging auf den Zehen nach der Stube des Bruders und horchte. Aber es kam kein Ton heraus. Mit verweinten Augen schlich sie wieder nach unten, wo die warme Sonne über den Blumenbeeten lag und der Gesang der Emtearbeiter von den Feldern herüber (lang.
Averson hatte das Tempo verringert, um dem Professor einen gröberen Dorsprung zu taffen. Eben bog die Limousine in den Hof ein. Der Motor summte noch leise und verstummte dann.
Das Schweigen, das den Direktor empfing, war lähmend. Sonst hatte ihn immer das Lachen der Mädchen und der helle Ruf der Iungens begrübt, sowie Frankes und Helenes willkommen heißende Stimme.
Heute schritt nur Döblinger von den Stallungen herüber und wischte die Hände an feiner grauen Leinenhose ab: „'s Elend ist einkehrt bei uns, Herr Direktor. Grob hat's uns anpackt. Wie ein Habicht is runterg stöh n. Grad das Allerbeste hat er in die Fäng' g'riff’n.“
1 »Steht eS Io schlimm?"
retten zu können glaubt. Meist weih der Partner, der sich hier seiner Familie gewissermaßen opfert, nicht, was er mit solcher Ehe auf sich nimmt. Eine reine Demunftehe kann nur dann gut gehen, wenn die wirtschaftlichen Derhältnifse es ermöglichen, die kleinen aufreibenden Sorgen des Alltags auf ein Minimum herabzudrücken. Dach meiner Auffassung und Erfahrung wird immer nur gegenseitige Liebe, sofern sie nicht nur auf rein sinnlicher Anziehung, sondern in erster Linie auf gegenseitiger Achtung beruht, die einzige gesunde Basis für eine glückliche Ehe fein.
Oie große Liebe kommt nur in Romanen vor.
Eine junge Stenotypistin, Fräulein Lotte p., hält es mehr mit dem Verstand:
„ilnferein« kann es sich nicht leisten, dem De» ftanb das Wort zu verbieten. Es hört sich ja ganz hübsch an, lieber trocken Brot essen und mit einem geliebten Menschen in einer Stube zusammen Hausen, als mit einem ungeliebten herrlich und in Freuden leben, aber — sich lebenslänglich als Stenotypistin herumschubsen zu lassen, anstatt ein Heim zu haben und Kinder aufzuziehen, ist auch kein Vergnügen. Gs muß ja nicht gleich ein Mann fein, der einem ausgesprochen unsympathisch ist. Aber das mit der großen Liebe, fürchte ich, das kommt nur in Romanen und im Kino vor, und wenn man ßu lange darauf wartet, dann hat man mitten Drin den Anschluß verpaßt. Also wenn sich der Rechte meldet, ein anständiger Mensch, der für Frau und Kinder sorgen und für seine Familie leben will, sage ich nicht nein, auch wenn das Herz nicht gleich himmelhoch jauchzt. Wenn er mir ein Leben ohne drückende Sorgen bietet, werde ich ihn schon lieb haben. Wenn man zuviel Rosinen im Kopf hat, geht man leicht ganz leer aus, und das will ich nicht, das gebe ich ganz ehrlich gu.“
Oas Herz soll sprechen
sagtFrihKamperS,derbeliebteFilmschauspieler.
„Keine Frage, — das Herz soll sprechen! Was kann heute der Verstand noch viel zu sagen haben bei dem allgemeinen Dalles! Also macht
„Gar kein Hoffen nimmer! Gar feind mehr! — Ein Krüppel wird er bleiben, der Hubert, hab ich den Professor grab sagen hör n. Es hat mich nicht erlitten herunten, da bin ich hinauf und hab gehorcht, was er sagt. Unfern Doktor hab ich überhaupt nicht reden Horn."
„Vielleicht sieht Klahn doch zu schwarz! — Vielleicht —" Er ließ Döblinger stehen und ging Helene entgegen, die mit tastenden Händen die drei Stufen, welche zum Garten herabführten, nahm. „Helene! — Liebe, liebe Helene I"
Er nahm ihre kalten Finger zwischen die seinen und hielt sie tröstend fest. Ausdruckslos ging ihr Blick über ihn hin. „Ieht, nach sechzehn Iahren, wird mein Kind für eine Schuld gerichtet, an welcher es keinen Teil hat."
„So dürfen Sie nicht denken, Helene! DaS dürfen Sie nicht sagen!"
„Dein! Ich darf cs nicht sagen, Averson! Ich kann es nur denken, immer und immerfort! Es ist erst zwei Stunden her, daß das Unglück geschah und das Gewissen hat mir schon das Herz zerfressen. Es wird nicht ruhen, bis es mich vollständig vernichtet hat."
Averson hatte angstvoll die Reihe der Fenster abgesucht. Aber niemand war zu erblicken. Dur die Geheimrätin tauchte unter der Türe auf und ging ihm mit müdem Schritt entgegen. „Gott hat uns an unserem Liebsten heimgesucht, Herr Averlon. Iust hat schon zweimal nach dir gerufen, Helene. Willst du nicht zu ihm hinaus- gehen?"
„Helene!" rief in diesem Augenblick Frankes Stimme vom Oberstock herunter.
„Ich komme!"
Aber Averson mußte hinzuspringen, sonst hätte sie die Stufen der Veranda verfehlt. Auf dem letzten Absatz der Treppe leuchtete ihr das weiße Gesicht ihres Mannes entgegen: „Er wird leben, Helene!" —
„Und gesund werden! — Wieder ganz gesund weiden, Iust?!" Mit Augen, in denen alles Hoffen erwacht war, sah sie ihn an.
Er schüttelte den Kopf und nahm ihr Gesicht behutsam an seine Brust. „Bist du nicht dankbar, daß er uns bleibt? Dicht zufrieden, daß wir ihn nicht verlieren müssen?"
„Iust! — Lieber tot als —"
„Helene!" — Er hielt ifjr die Finger über den schreckverzerrten Mund: „Helene!"
Haltlos stürzten die Tränen die Wangen herab, rannen in salziger Flut herunter nach seinen schmerzzerfurchten Lippen und kollerten übet Kinn und Hals nach der weißen Hemdbrust, die unter Öen Stößen seines Atems auf- und niebet- flog.
Sie wat in ihrer Bestürzung vor ihm auf die Treppenstufen geglitten unb lehnte den Kopf gegen seine Knie. „So übet alles liebst du ihn, Iustl?"
der Mann aus der Rot eine Tugend, „nie im Leben würde ich eine Frau dcS Geldes wegen! nehmen" (bet Schwiegerpapa hat ja doch kcins!). Scherz beiseite! Wir sind heute so vernünftig, daß wir uns die Liebesheirat leisten können. Früher war die Frau eine wirtschafte licheBelastung für den Mann, kein Wunder, daß er meisten- die Last zu vergolden suchte, also nach Geld heiratete. Dur wurde dann meisten- aus der wirtschastlichen Last eine seelische, „die Mitgist ist kurz, die Ehe ist lang“. Heiratete er aber auS Liebe, d. h. aus gut deutsch: ein Mädchen ohne Geld, dann starb die Liebe seht oft wegen .Mangel- an lieber» fluß!".
Die Rettung, — die berufstätige Stau! Heute kann der Mann wirklich da- Herz sprechen lassen, er heiratet ja kein anspruchsvolle- Luxusgeschöpf mehr, sondern eine Kameradin und Arbeitskollegin. Berufstätigkeit ist für die Frau mehr wert als die Mitgift, Tüchtigkeit ist nämlich eine persönliche Eigenschaft, derentwegen sie der Mann als Persönlichkeit schätzt, Mitgift ist aber eine Annehmlichkeit, die mit der Person der Frau nichts zu tun hat und nur den Verstand angeht. Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebesheirat mit einer mobemen Frau, die etwa- leisten kann, eingestellt."
Liebesheirat - aber keine Leidenschastsheirat!
meint Felicitas von Reznicel, die bekannte Schriftstellerin-.
„Reine DerstandeSheiraten, Ehen als Finanztransaktionen, als Geldspekulationen, als reine Dersorgungsverbindungen werden in der jungen Generation nur selten Vorkommen. Aber auch für romantische Eheabenteuer, für Heiraten „vom Platz weg" trotz Stellenlosigkeit des Mannes, unb mangelnder Berufsausbildung der $rau, ist unsere Zeit nicht günstig. Blinde Leidenschaft, die zu übereilten Ehen führt, steht bei unserer Generation nicht hoch im Kurse. Selbstverständlich bin ich für Liebesheirat, aber für das, was man heute darunter versteht. Die Sache ist ja doch ein wenig ander- als früher. Keinem Menschen wird es einfallen, entflammt bis über beide Ohren in die Ehe zu rasen.
Sie horte fein heiseres: „Wußtest du da- nicht?" sah ihn gegen die Wand taumeln und beide Hände über das Gesicht decken und vermochte vor Schreck und Mitleid kein Glied mehr zu regen. Bier Kinder hatte sie ihm geschenkt unb jenes, bas nicht seines Blutes war, stand seinem Herzen am nächsten. Sechzehn Iahre waren über ihre Schuld hinwcggegangen. Sorglos, von heute aus morgen und von gestern auf heute hatte sie Seite an Seite mit ihm gelebt, ilnb nun kam das Ietzt und zertrümmerte in einer einzigen Stunde, was sie in Wonnen hatte reifen unb wachsen sehen, riß ihre Schutt) auS dem Grabe und schrie ihr mit höhnender Stimme iirs Gesicht: „Dun wehre dich, wenn du kannst! Der Tag der Vergeltung ist da! Sieh zu, wie du ihn überstehst."
Sie erhob sich mit zerschlagenen Knien. An dem verzweiselten Manne vorbei, ging sie nach der Türe, hinter welcher ihr Sohn lag. Professor Klahns ernstes Gesicht blickte ihr teilnehmend entgegen: „Hat Ihnen Ihr Gatte Bescheid gegeben, gnädige Frau?"
Ihr „3a" war nicht vernehmbar. Klahn merkte es nur an den verschobenen Lippen, baß sie etwas gesprochen hatte. Er vernahm vom Bett her ein Aechzen, wanbte ben Kopf unb lächelte: „Aufgewacht, lieber Hubert?"
„Was ist?" Vergeblich suchte ber Knabe sich hochzuheben unb starrte angstvoll zu dem Arzte auf. „Mama, ruf nach dem Vater, bitte!"
Frankes tobbleiches Gesicht erschien im Rahmen der Türe. Er sah. wie ber 3ungc. ben furchtbaren Schmerz verbeißend, ihn mit einem Lächeln begrüßte. „Verzeih, Papa, daß ich dir solchen Schrecken gemacht habe. — Das Geländer muß morsch gewesen fein."
„3a, halb verfault, mein Bub!" Frankes Arm umfaßte den schlanken Körper. Er legte ben Kopf gegen bie junge Brust, unb ließ sich von ben Knabenhänben bie Wange streicheln. „Run mußt bu eben für eine Zeit ganz stille liegen, mein Guter! Herr Professor Klahn kommt täglich zu dir heraus. Dann müssen wir bich nicht fort» geben."
„Warum fortgeben, Papa?"
„Du hast bir bei bem Sturz eine schwere Verletzung zugezogen, Hubert. Das braucht seine Zeit zum Verheilen. Aber ich bin ja bei dir, mein 3unge!"
„3a, Vater! Cs ist so schon, wenn du bei mir bist! — 3ch kann das nicht sehen, Mama, wenn du weinst! — 3ch —“ Der Schmerz, den er so tapfer verbiß, gab ihn aus seinen Henkerarmen hinüber in die milleidigeren der Bewußtlosigkeit.
Averson kam auf leisen Füßen unb stand vor dem Bette, an dessen Rand Frankes Gestalt zusammengekauert faß.
(Fortsetzung folgt)


