Nr. 16 Zweites Blatt
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Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Montag, 20. Januar 1930
Eröffnung des GießenerKreistages
Im neuen Gießener Kreistag gab cs am Samstag bei der Eröffnungssitzung zwei'Ueberraschungen. Die eine war der Ausfall der Kreisausschuß- wähl, die andere bestand in den beiden Erklärungen.' die von bürgerlicher Seite gegen die Ernennung eines sozialdemokratischenOber- regierungsrates beim Kreisamt Gie - ß e n abgegeben wurden.
Bei der K r e i s a u s s ch u ß w a h l stimmte, was nach den Erklärungen der kommunistischen chaupt- parteileitung niemand für möglich gehalten, der kommuni st ische Kreistagsabgeordnete mit für die sozialdemokratische Liste. Diese kommunistische Unterstützung der So- zialdemokratischen Partei hatte zur Folge, daß der sozialdemokratische Wahlvorschlag statt der 12 sozialdemokratischen Stimmen nun 13 Stimmen auf sich vereinigte und dadurch einenSitzmehrim Krcisausschuß erlangte, so daß nun hier den drei bürgerlichen Stimmen aus dem Landbund die drei sozialdemokratischen Bertreter gegenüberstehen, während der der Sozialdemokratischen Partei angehörige Kreisausschußoorsikende, Oberregierungsrat Ritzel, bei Stimmengleichheit den Ausschlag zu geben hat. Daß der Landbund drei Mitglieder aus seinen Reihen in den Kreisausschuß entsendet, ist darauf zurückzuführen, daß die Liste der Mittelstandsoereinigung mit der Landbundliste eng verbunden war, dabei allerdings selbst im Wahlergebnis ausfiel. Auch die deutsche Volkspartei blieb mit ihren drei Stimmen und der einen Stimme der Demokraten in der Minderheit; ein Kreisausschußsitz wäre auf den Spitzenkandidaten der Deutschen Volkspartei entfallen, wenn die Mittelstandsvereinigung bei der Wahl mit der Dolkspartei und den Demokraten gemeinsam vorgegangen wären. Vom Gießener Standpunkt aus wird es besonders bedauert werden, daß die Stadt Gießen künftig keinen bürgerlichen Vertreter im Kreisausschuß hat, jo die Vertretung der Stadt Gießen im Kreisausschuß überhaupt wohl nicht das gebührende Ausmaß findet.
Zu den Erklärungen von bürgerlicher Seite gegen die Personalpolitik des hessischen I n n e n m i n i st e r s ist zu sagen, daß diese Kundgebungen eigentlich nicht unerwartet kommen, denn es war nur selbstverständlich, daß die bürgerlichen Parteien den Standpunkt der weit überwiegenden bürgerlichen Mehrheit der Kreisbevölkerung in dieser bedeutsamen Angelegenheit zum Ausdruck brachten. Im Interesse des gesamten Kreises wäre zu wünschen, daß Oberregierungsrat Ritzel durch seine Amtsführung die Befürchtungen hinfällig macht, die heute leider bei der bürgerlichen Bevölkerung des Kreises vorhanden sind.
Sitzungsbericht.
Am Samstagvormittag trat der neue Kreistag des Kreises Gießen im Sitzungssaale des Regierungsgebäudes zu Gießen zu seiner ersten Sitzung zusammen. Sämtliche 30 Mitglieder des neuen Kreisparlaments nahmen an der Sitzung teil, zu der sich auch ein zahlreiches Zu- hörerpüblikum eingefunden hatte.
Oberregierungsrat kitzel
als Vorsitzender eröffnete die Verhandlungen mit dem Bemerken, daß der Minister des Innern chn zum stellvertretenden Kreisdirektor des Kreises Gießen ernannt habe. Darauf widmete er den verstorbenen Kreisausschuh- bzw- Kreistagsmitgliedern Dr. Lenz (Gießen) und Bausch (Grünberg), die seit 1925 bzw. 1919 im Kreisausschuh bzw. Kreistag mitwirkten, einen ehren
den Vachruf, den das Haus stehend anhörtc. Sodann sagte der neue Oberregierungsrat zum Kreistag u. a. weiter: Ich bin durch das Der- trauen der Regierung zum Oberregierungsrat bei der Provinzialdirektion Oberhessen ernannt und mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Stellvertreters des Kreisdirektors beauftragt worden. Ich weih, daß das Amt, das mir damit übertragen wurde, ein sehr schweres ist und es der Anspannung aller meiner Kräfte und alles guten Willens bedarf, um diesem Amt gerecht zu werden. Ich weih die Bedeutung der Selb st Verwaltung in jeder Hinsicht zu schätzen und zu würdigen. Durch meine langjährige ehrenamtliche Tätigkeit in der Kreis- und Provinzialverwaltung bin ich mit den Geschäften eng verbunden und verwachsen. Außerdem hat mir die harte Schule des Berufsbürgermeisters in Michelstadt die Möglichkeit gegeben, mit den Interessen der Selbstverwaltung, die es auch hier zu wahren gilt, zu verwachsen. Ich will heute kein Programm über die Aufgaben des Kreises entwickeln, weil unsere Zeit viel zu ernst und schwer ist, als daß es möglich wäre, hochfliegende Gedanken zu verwirklichen oder anzukündigen. Das erste Gebot unserer Arbeit ist eiserner Wille zum Wiederaufbau und ernster Wille zur absoluten und vernünftigen Sparsamkeit. Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, mit Ihnen und mit dem Kreisausschuh in diesem Sinne in voller Liebereinstimmung zus ammenzuarbeiten. Cs bedarf keiner besonderen Versicherung, daß ich gewillt bin, in absolut loyaler Weise um Ihre Unter st ützung zu werben und Ihr Vertrauen zu erbitten zu ersprießlicher Arbeit im Interesse des Kreises. Es ist meine bestimmte Absicht, allen Schichten der Bevölkerung ohne Ansehen der Person und der Partei zu dienen und soweit wie möglich zu helfen. Das gilt besonders für die Interessen der Arbeiterschaft, der Landwirtschaft, des Handwerks, Handels, Gewerbes und der Industrie. kurz, dem gesamten Wirtschaftsleben, das es hier zu fördern gilt. Ich bitte hierzu um Ihre Llnterstühung, denn ohne vertrauensvolles und gegenseitiges Zusammenarbeiten können die Interessen des Kreises nicht in der Weise gewahrt werden, wie es notwendig erscheint.
Oie Konstiiui rung.
Rach der Feststellung der Anwesenheitsliste und der Beschlußfähigkeit des Hauses wurde von dem Vorsitzenden die Verpflichtung der Kreistagsmitglieder durch Handschlag vorgenommen.
Oie Tagegelder.
Bisher wurden den Mitgliedern des Kreistages und des Kreisausschusses für die Teilnahme an den Sitzungen als Tagegelder 12 Mark für Auswärtige und 8 Mark für Gießener, außerdem Ersah der tatsächlichen Reiseauslagen ausgezahlt.
M>g. Beckmann (Soz.) beantragte, diese Sähe in Liebereinstimmung zu bringen mit den Sähen für den Provinzialtag und Prvvinzial- ausschuß.
Abg. Bommersheim, Langsdorf (Landbund) forderte namens seiner Fraktion die Herabsetzung dieser Sätze, damit der Kreistag selbst hier ein Beispiel zum Sparwillen gebe. Diese Minderung der Sähe solle aber nur dann eintreten, toenn auch der Provinzialtag seine Sähe ermäßige. Er beantragte eine Kürzung
der Tagegelder um ein Drittel. Ferner ersuchte er die Landtagsabgeordneten, im Landtag und im Reichstag in gleicher Weise zu wirken, und schließlich empfahl er auch die Ge- bälter etwas zu kürzen, damit überall Sparsam- feit geübt werde.
Abg. Müller. Bellersheim (Landbund) unterstützte diesen Antrag und betonte, es müsse gespart werden, wo es gehe. Hier wolle man mit der Sparsamkeit von unten anfangen, erwarte aber mit Bestimmtheit, daß man von oben nachfolge.
Abg. L e m p, Gießen (Evang. Volksgemeinschaft) beantragte folgende Tagesgeldsähe: für Gießener Mitglieder des Kreistags 5 Mk., für Auswärtige 8 Mk.
Abg. Schudt, Gießen (Dtsch. Dolksp.) sprach sich gegen eine Angleichung zwischen Kreis und Provinz aus, ebenso dürfe eine Bemessung der Gebührensätze unter dem Gesichtswinkel der Verantwortlichkeit nicht stattfinden. Er empfahl eine absolut selbständige Regelung des Kreistages.
Abg. Lepper, Gießen (Komm.) forderte eine solche Bemessung der Tagegeldsähe, daß der Arbeitslohn eines Arbeiters, der wegen der Ausübung des Kreistagsmandats ausfällt, voll gedeckt wird.
Oberregierungsrat Ritzel unterstrich diesen Gedanken. Weiter empfiehlt er, durch die Kreisverwaltung mit der Provinzialverwaltung wegen einheitlicher Gestaltung der Tagegeldsähe in Verbindung zu treten mit dem Ziele der Senkung der Sätze. Werde eine Einigung nicht erzielt, dann solle der Kreisausschuß die Vollmacht haben, die Tagegeldsätze für den Kreistag und Kreisausschuh von sich aus festzusetzen. Für die jetzige Kreistagssihung seien die bisherigen Sätze noch zu zahlen.
Abg. Schudt- Gießen (Deutsche Volksp.) sprach sich gegen die Ermächtigung des Kreisausschusses zur Regelung dieser Frage aus, da man im Augenblick der Beschlußfassung ja noch gar nicht wisse, wie sich der neue Kreisausschuh zusammensetzen werde. Er empfahl gleichfalls Verhandlungen mit der Provinzialverwaltung in dem von Oberregierungsrat Ritzel vorgeschlagenen Sinne, falls aber eine Einigung nicht zustande komme, seien bis zur nächsten Sitzung des Kreistages für die Sitzungen des Kreisausschusses noch die alten Tagegeldsähe zu zahlen.
Diesem Vorschlag entsprechend wurde mit allen Stimmen gegen die des Kommunisten beschlossen.
Oie Kreisausschuß-Wahl.
Bei der nun folgenden Wahl des Kreisausschusses wurden abgegeben: für den Wahlvorschlag der Sozialdemokratie 13 Stimmen, für den Wahloorsck^ag Fenchel (Landbund) 10 Stimmen, für den Wahloorschlag Schmidt (Wirtschaftliche Vereinigung) 3 Stimmen, für den Wahlvorschlag Schelm (Deutsche Volkspartei) 4 Stimmen. Hiernach wurden in den Kreisausschuß gewühlt: von der S o - zialdemokratie die Abg. Beckmann (Gießen), Benner (Wieseck) und Haas (Steinberg); vom STa ndb ü nd die Abg. Fenchel (Oberhörgern), Bommersheim (Langsdorf) und Müller (Bellersheim). Die beiden übrigen Listen fielen aus. Der kommunistische Abg. Lepper hatte seine Stimme für die Liste der Sozialdemokratie abgegeben.
Mit der Feststellung der Gültigkeit dieser Wahl war die Tagesordnung erschöpft. Im Anschluß an die Tagesordnung erfolgten noch von bürgerlicher Seite.
zwei Proteste gegen die Personalpolitik des Znnenministets.
Abg. Bommersheim (Langsdorf), Landbund, verlas im Auftrage der Kreistagsmitglieder des
Landbundes, der Wirtschaftspartei, der Deutschnationalen Dolkspartei und der Evang. Volksgemeinschaft folgende formulierte Erklärung: „Der Kreistag des Kreises Gießen, zum ersten Male in der Wahlperiode 1930 33 versammelt, hat mit B e - fremden von der trotz Sparmaßnahmen, trotz Beförderungssperrc erfolgten Neubesetzung der Stelle des O b c r r c g ie r u n g s r a te s bei dem K r e i s a m t Gießen Kenntnis genommen. Dieses Befremden ist um so größer, als für die Besetzung lediglich parteipolitische Erwägungen maßgebend waren. Da der neue Stelleninhaber sich in seinem Amt einseitig parteipolitisch betätigt hat in einer Art, die den Ansichten der Mehrheit der Bevölkerung des Kreises Gießen widerspricht, liegt die Gefahr nahe, daß das bisherige reibungslose Zusammenarbeiten zwischen den Vertretern des Staates und der Selbstverwaltung aufhört und damit die Interessen der Gesamtbevölkerung schwer geschädigt werden. Falls sich die Befürchtungen bewahrheiten, fei schon heute festgestellt, daß alsdann die Folgen der verfehlten Personalpolitik des Innenministers zuzuschreiben find."
Oberregierungsrat Ritzel bemerkte, er nehme von dieser Erklärung Kenntnis und werde sic an den Minister des Innern weiterleiten. Er möchte nur sagen, daß die Bereitwilligkeit zu loyaler Zusammenarbeit hier zu fehlen scheine.
Abg. Schudt- Gießen (Deutsche Volkspartei) gab im Ramon der Deutschen Dolkspartei ebenfalls eine Erklärung ab, in der er sagte: »Wir und das Verufsbeamtentum protestieren auch gegen die Art der Ernennung des neuen Oberregierungsrates. Wir sehen dabei von der Person des Stelleninhabers vollständig ab. Wir bekämpfen das System. Llnsere Partei und der größte Teil der Bevölkerung des Kreises Gießen widersprechen einem derartigen System. Auf die Folgen dieses Systems will ich nicht näher eingehen, sie sind zu bekannt. Schon wegen der Wirkung auf die Verufsbeamten ist dieses System zu verwerfen. Die Deutsche Dolkspartei hat auch im Kreistage feit 1919 immer vermittelnd und ausgleichend gewirkt. Die Deutsche Dolkspartei wird hinsichtlich ihrer Stellungnahme zur Zusammenarbeit mit dem neuen Oberregierungsrat zunächst abwarten, wie er sein Amt führen wird und ob er das, was er heute versprochen hat, zur Tat macht. Davon wird es abhängen, wie die Deutsche Volkspartei sich stellen wird." Der Redner forderte dann weiter größte Sparsamkeit bei der Kreisverwaltung, und er gab der Erwartung Ausdruck, daß der neue Voranschlag diesen Zug erkennen lasse. Cs bestünden im Voranschlag eine ganze Reihe von Möglichkeiten, an denen gespart werden könne und müsse. Die Deutsche Volkspartei werde den kommenden Voranschlag daraufhin sehr genau prüfen, und sie werde auch den Landbund in jeder Weise unterstützen, damit die Landbundmitglieder im Kreisausschuh schon im Sinne dieser Forderung tätig seien. Die Kreisverwaltung möge schon von sich aus den Voranschlag entsprechend gestalten.
Oberregierungsrat Ritzel erklärte, er könne heute noch nichts über die Gestaltung des Voranschlags fagen. Iedoch hoffe er, einen Voranschlag vorzulegen, mit dem der Kreistag zufrieden sein werde.
Abg. Beckmann (Soz.- bemerkte, wenn die Ernennung Ritzels bei anderen Parteien Befremden errege, so nur wegen seiner parteipolitischen Zugehörigkeit. Die Sozialdemokratische Partei habe mit großer Befriedigung die Ernennung Ritzels zum Oberregierungsrat beim Kreisamt Gießen zur Kenntnis genommen, da feit Iahren die Sozialdemokratische Partei die stärkste im Kreise sei. Die Sozialdemokratie freue sich, daß die Regierung diesen Weg beschritten habe. Zur Frage der Sparsamkeit bemerkte der
9er Ämm vom Mil.
iRomcm von G. Lovett und M. v. Weißenthurn.
Copyright by Marie Brügmann, München.
15 Fortsetzung. Na..-druck verboten.
„Weil ein Mädchen wie ich feine Gattin nicht werden kann!" rief sie leidenschaftlich. „Weil ich die Schmach eines solchen Vaters, wie du es bist, auf niemanden, am allerwenigsten auf den Mann laden will, den ich liebe."
„Danke, mein Kind, für deine Artigkeiten, doch' das ist wohl die Gepflogenheit der großen Welt, in der du dich bewegst. Aber das ist schlimm, recht schlimm: denn wenn du meinen Worten keine größere Beachtung schenken willst, wirst du mich nötigen, dem Manne, den du liebst, eine Kuael durch den Kopf zu jagen. Du weißt, daß es Tn diesem Dickicht leicht ist, einem Menschen nachzuschleichen, besonders wenn es zu dunkeln beginnt, und ich darf mich wohl rühmen, ein guter Schütze zu fein — ja, ein ausgezeichneter sogar. Das ist die größte Fertigkeit, die ich je besessen habe, und ich werde bauen, Gebrauch machen, sobald du mich dazu zwingst."
„Oh, du kannst unmöglich so etwas Entsetzliches im Sinn führen!" rief Sabine verzweifelt aus. Sie rang die Hände und blickte sich ratlos nach allen Seiten um. „Wie könntest du zu deinem früheren Verbrechen auch noch das des Mordes hinzufügen wollen!"
„Ich habe ganz und gar nicht die Absicht, das zu tun. Mein früheres .Verbrechens wie du so hochtrabend das viel zu hart verurteilte Versehen von damals bezeichnest, war nur die Folge einer Dummheit und hat Widerwärtigkeiten in Menge für mich gebracht. Ich will darum auch nichts anderes, als bis übermorgen zweitausend Mark von Herrn von Wildhofens Geld. Lind du wirst es mir auf irgendeine Weise verschaffen — wie, ist ganz deine Sache, mein Liebling. Die Hauptsache ist nur, daß ich es pünktlich erhalte. Vielleicht wird er es dir ohne Zögern, aus lauten Liebe geben; aber möglich ist es auch, daß er kein Rarr ist und sich weigern wird, die Summe ohne eine Bedingung herzugeben — Männer sind zu dergleichen gewöhnlich nicht ohne weiteres bereit. Doch das kann mich nicht kümmern, denn das Verhalten deiner Mutter zwingt mich da>u. mich an dich zu halten. Liebermorgen um diese Zeit werde ich dich hier erwarten, und wenn du nicht erscheinst, wird baä kleine Spiel- zeug in meiner Tasche seine Dienste tun. Ich versichere dich, daß ich es ungern gebrauchen werde, denn ich bin ein friedliebender Mensch; aber es bleibt mir nichts anderes übrig, wenn du nicht gehorchen willst. Dein Anbeter wird somit seine Halsstarrigkeit mit dem Leben bezahlen müssen."
„Was aber, wenn ich dich zwischen heute und übermorgen als Mörder anzeige?" schleuderte ihm Sabine, durch seine wohlberechneten Drohungen fast zum Wahnsinn gebracht, entgegen.
„Wie? Deinen eigenen Vater, mein Herz? Oh. da bin ich sicher, daß du das nicht tust. Was würde die Welt dazu sagen, und dann? Du kleine Einfalt, man ist kein Mörder, bevor man gemordet hat. Solltest du das nicht wissen? Lind welchen Beweis hast du dafür beizubringen, daß ich mörderische Absichten hege, bitte? Du als Tochter könntest ja auch gar nicht gegen mich zeugen. Rein, Hebe Sabine, mit dem Ausliefern an die Polizei ist es nichts."
„Aber — aber, wenn du eine so furchtbare Tat begehst, wirst du bald in ihren Händen sein. Man wird dich..
„Man wird mich aufhängen, meinst du? Ia, mein liebes Kind, das ist wohl so gut wie sicher, daß ich dafür an den Galgen komme, wenn es mir nicht gelingt, zu entschlüpfen; aber das wird den Mann, den du liebst, nicht ins Leben zurückrufen — vergiß das nicht!"
Sabine stöhnte laut auf, wie in körperlichem Schmerz. „Was soll ich tun, o Gott, was soll ich tun?“ jammerte sie.
„Vernünftig fein und tun, was ich dir sage! Erzähle deinem Verehrer, daß du dich momentan in Rot befindest, sofort einer größeren Summe bedarfst, und weiter, daß du ihn doch heiraten wolltest, falls er noch auf feinem Wunsch beharre. Das ist das, was du zu tun hast. Befolge deines Vaters Rat, und alles wird gut gehen! Ich gebe dir Zeit bis übermorgen, damit du zu keiner Lieberstürzung gedrängt wirst. Also — sei ein gutes, verständiges Mädchen und handle nach meinen Worten!"
Mit der Hand ihr zuwinkend, trat er zurück in das Dickicht und war sofort ihren Blicken entschwunden.
Erleichtert atmete Sabine auf; denn jetzt drangen Stimmen aus der Richtung, wo des Pächters Haus lag, an ihr Ohr. Man schien sie zu suchen, da man wiederholt ihren Ramen rief. In diesem Augenblick nur dankerfüllt, von ihrem schrecklichen Partner erlöst zu sein, eilte sie schnell ihrem Ziel entgegen. Bepackt mit den Körben, stand der Wagen bereits vor der Tür, und die Mutter und Doris waren eben im Begriff, einzusteigen; man wartete nur noch auf sie.
„Wo bist du solange gewesen, liebes Kind?" rief Frau von Rechten ihr munter entgegen, als sie ganz atemlos bei dem Wagen anlangte. Dabei warf sie einen forschenden Blick auf das Antlitz der Tochter, die nur auf ihr Anstiften zu der Begegnung mit Kurt unter vier Augen gedrängt worden war. Ieht war sie natürlich aufs äußerste begierig, das Resultat dieses Zusammenseins zu erfahren.
Hatte er sich erklärt? Waren die beiden jetzt einig? An Kurt eine diesbezügliche Frage zu richten, als dieser einige Minuten früher allein aus dem Walde zurückgekehrt war, hatte sie nicht gewagt. Sein Gesicht war ihr undurchdringlich vorgekommen, und er schien sie absichtlich zu meiden. „Komm, steige schnell ein!“ fügte sie hinzu. „Die Herren sind bereits wieder jagen gegangen, und es wird kalt; was wollen wir uns noch länger hier auf halten!“
Stumm bestieg Sabine den Wagen. Auch Doris warf einen verstohlenen Blick auf ihr Antlitz und fand, daß sie bleich und traurig aussah. Weiter bemerkte sie nichts. Wie hätte sie auch die erschütternde Tragik des Vorfalls ahnen können, all das, was dem beklagenswerten Mädchen soeben widerfahren war!
Don neuem herrschte Schweigen unter den drei Insassinnen des Wagens, bis sie nach einer Stunde auf Schloß Wildhofen eintrafen.
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„Sie hat meinen Antrag zurückgewiesen, Doris! Ich bin der unglücklichste Mensch der Welt!"
Kurt von Wildhofen sah in dem Zimmer seiner Mutter allein am Kamin, wo ihn Doris fand, als sie eintrat, um ein Buch für ihre Tante zu holen.
Als Doris ihn sah, bückte sie sich nieder und schürte das halb erloschene Feuer noch einmal zu Heller Glut an. Bei dem ausflackernden Schein bemerkte sie, wie blaß und verzweifelt Kurt aussah Er hatte seinen Jagdanzug noch nicht einmal abgelegt, sondern sich so, wie er heim- gekommen war, mit feuchten Kleidern in den atlasbezogenen Sessel am Kamin niedergelassen.
„Ich kann nicht anders, ich muß es dir sagen, liebe Kusine!“ fuhr er in seinem Geständnis fort. „Erst jetzt weih ich. daß ich eine Schwester an dir besitze. Ich glaube, ich könnte es leichter ertragen, wenn ich die Lieberzeugung hätte, daß ich ihr gleichgültig bin; doch ich weiß, daß sie mich liebt, wenn sie es auch nicht gestehen will. Was ist es also? Dielleicht eine Art Stolz, weil sie arm ist? Als ob das die geringste Bedeutung hätte! Wie kann sie mich ausschlagen, obgleich sie mich liebt?! Hätte sie eine Abneigung gegen mich, würde ich ihr „Rein“ wie — nun, wie ein Mann ertragen; aber — sie liebt mich, sie liebt mich!"
„Kommt dir nicht der Gedanke, daß sie einen ganz besonderen Grund haöen muß, L b.r Kurl?" fragte Doris, indem sie feine Hand ergriff und leise drückte. Merkwürdig, daß ihr Herz dabei so ruhig schlug! Sie empfand weder Eifersucht bei dem Geständnis feiner Liebe zu Sabine, noch eine geheime Genugtuung über das Scheitern feiner Hoffnungen. Richis als Sympathie und inniges Mitgefühl für die beiden Liebenden durchströmte ihr Herz.
„Lieber Kurt, ich bin überzeugt, daß mit der Zeit doch alles noch gut wird. Rur mußt du Vertrauen zu ihr haben und dich durch nichts verleiten lassen, an ihr irre zu werden."
„Aber sie gibt mir ja nicht einmal die kleinste Hoffnung für die Zukunft. Sie sagt einfach, es sei ihr ganz, ganz unmöglich, meine Hand anzunehmen, will mir aber auf feinen Fall erklären, warum. Wo ist sie jetzt? Hast du sie gesehen?“
„Rein — sie ging sofort nach unserer Heimkehr in ihr Zimmer, nachdem sie unterwegs kaum ein Wort gesprochen hatte. Ihre Mutter war vor einer Viertelstunde oben, um nach ihr zu sehen, kam aber gleich wieder herunter mit der Rachricht, daß ihre Tochter starke Kopfschmerzen habe und sich daher ins Bett gelegt hätte."
„Glaubst du, daß sie morgen früh äbreifen werden? Sabine sagte mir, daß sie es wollten. Hat Frau von Rechten zu meiner Mutter irgend etwas darüber gesagt?"
„Richt ein Wort, soviel ich weih! Ich glaube, ich hätte es erfahren.“
Kurt atmete erleichtert auf.
„Wenigstens ein Trost für mich!" sagte er dann nachdenklich. „Ich beabsichtige durchaus nicht, sie zu einem anderen Entschluß zu überreden — das wäre unmännlich —, aber ich fühle, daß ich sie noch einmal allein sprechen muß. Glaubst du, mir morgen dabei behilflich sein zu können? Zwar wird diese verwünschte Hühnerschlacht auch noch morgen fortgesetzt, doch hoffe ich, einen Schnupfen oder dergleichen vorschützen und mich frei machen zu können. Es kommen morgen noch zwei andere Herren aus R., so daß man mich nicht so sehr vermissen wird. Vielleicht schließe ich mich auch am Rachmittag der Jagdgesellschaft wieder an.“
„Lieber Kurt, mochtest du einen Rat von mir annehmen? Laß Fräulein von Rechten ungehindert abreifen und versuche es nicht, eine abermalige Llnterredung mit ihr herbeizuführen. Gedulde dich einige Wochen, bis du sie wieder aufsuchst; vielleicht hat die Zeit dann manche Veränderung gebracht."
„Man sieht, daß du noch nie geliebt hast!“ fuhr es Kurt ungeduldig heraus. „Was für ein lächerlicher Rat! Ich soll wochenlang warten! Wie kann ich das! Ich würde es nicht ertragen! Rein, ich muß jetzt, bevor sie uns verläßt, noch einmal mit ihr reden."
„Sie wird dir jetzt kaum eine Antwort geben und — und vielleicht würde es dir doch nützen, wenn du warten könntest, Vetter Kurt!"
Aber Detter Kurt war nicht zu überzeugen und Doris mußte ihn jetzt verlassen, ohne diese Genugtuung zu erlangen. Die einzige Beruhigung war ihr der Gedanke, daß Sabine auch weiter die Kraft haben würde, das Rechte zu tun, da das Schürfte überstanden war.
(Fortsetzung folgt.)


