Nr. 291 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Freitag, 19. Dezember (930
Protest gegen den Terror in Polen.
Eine eindrucksvolle Kundgebung der hessischen Landesuniversität.
Gestern mittag fand auf Ginladung des Rektor-, de- Senat- und der Studentenschaft der Lud» wigS-Universllät in der Reuen Aula des Uni» versitätSgebäudes eine Kundgebung gegen den Terror in Dolen statt, zu der sich die Mitglieder de- akademischen Lehrkörpers, die S.udenlcnschaft und Vertreter von Reichs- und Staatsbehörden so zahlreich eingefunden hatten, daß der große Raum der Aula voll besetzt war.
Se. Magnifizenz
der Rektor ptofesser Or. Eger
wie- in seiner einleitenden Ansprache daraus hin, bah ein tiefernster Anlast diese Versammlung zu'ammenführe. Wieder einmal. Heist« es für unS: Volk in Rot, Deutsche in Rotl Diesmal ertönte der Rotrus SOS. aus dem Oste n.'too Deutsche unter polnischer Brutalität schwer zu leiden hätten. Die deutschen Brüder und Schwestern in Polen dürften gewist sein, dast ihnen die herzliche Sympathie aller Deutschen gehöre. Alle Deutschen in Oft und West. Rord und Süd seien eine große Echicksalsgemeinschaft, die im Aufstieg oder im Riedergang unseres Volles eng verbunden sei. Riemand dürfe fragen, w e r und was der leidende Deutsche sei, es genüge, dast er als Deutscher leide, um alles sonst Trennende vergessen zu machen und unS nur als deutsche Schicksalsgenossen zu fühlen. 3n enger Verbundenheit und Treue gedenke man in Deutschland der entrechteten und geknechteten deutschen Brüder in Polen.
(Stub enraf ör. König-Gießen
hielt sodann auf Grund feiner reichen Kenntnisse und Erfahrungen über das Deutschtum im Ausland eine tiefschürfende, packende Rede, in der en von der vielfachen volklichen Rot der Deutschen, wie der Minderheiten überhaupt sprach und dabei insbesondere auf die Verhältnisse in Polen einging. Gr betonte dabei u. a., dast niemand dem polnischen Volke, das nach dem Ausgang deS Weltkrieges und dem Zusammenbruch der früheren Teilungsmächte vor einer guten Gelegenheit zur Wiedergufrichtung Polens stand, die Reugründung seines Staatswesens verüble, wobei man aber als Deutscher daran erinnern müsse, dast dieser polnische Staatsaufbau erst durch die Siege der deutschen und österreichischen Armeen über Rußland möglich geworden sei. lieber die LoSreißung von Gebieten anderer Völker durch die Polen solle in diesein Zusammenhang nicht gesprochen werden, dagegen müsse man sich ernstlich mit der Frage beschäftigen, welchen Respekt oder welche Mißachtung der polnische Staat gegenüber den unverlierbaren Rechten von Menschen aus ihr Volkstum, ihre seelische und gcistije Art bekunde. Der Redner wies dann darauf hin, dast in Polen viele Millionen von Menschen leben, die nicht polnischen Volkstum- sind, sondern anderen Volkheiten angeboren, Die aber von dem staatsbeherrschenden Polenvolk terrorisiert und vergewaltigt werden, weil die Polen in überspitztem Rationolgefühl einen Rationalstaat erstrebten, für den ein geeigneter Boden nicht vorhanden sei. Durch dieses Gewaltregiment, das sich um das Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht im geringsten kümmere, werde namenloses Clendüber die Minderheiten in Polen gebracht, werde ein Terror auSgeübt, wie er niemals im dunkelsten Mittelaller vorgekommen sei, werde den Angehörigen der Minderheiten selbst das persönlichste Recht des Menschen aus sein Volkstum und sein nationales Recht ver'agt. Auch das Minder- heitenrecht, zu dessen Wahrung der Völkerbund berufen sei, habe sich bisher nicht im geringsten durchgesctzt. Das gelte für die Minderheiten in Polen, wie auch in Frankreich und Italien: in
Francois Villon.
3um 500. Geburtstag.
Don Werner Bott.
»Dann wird vielleicht im Jahr Zweitausend nach des Herrn Geburt Die Welt noch wissen, wie Dillon gedichtet hat."
Villon, das große Testament (1489).
OBer als Deutscher unserer Tag: Francois Bit l o n , den großen Dichlerva:abundcn Frankreichs. wirklich kennenlernen teil1, tut gut daran. Paul Zechs meisterhafte freie -Uejertragung vorzunehmen, die soeben der Erich Lichtenstein Verlag, Weimar, in einem äußer.ich wie innerlich gleich genußreichen Tand herausbr.ngt. Hier hat ein kongenialer Mensch, vom tiefsten Blut her mit dem einzigartigen Franzofen verwand. über die Jahrhunderte hinweg einen brüderlichen Geist beschworen und für Deutschland neu entd.ckt. Weil Zcch ins Innerste Villons eindringklingt jedes nachgeoichtete Wort original und erschüttert uns mit der Kraft eines elementaren Erlebnifses, das an keine Zeit und keine Ration gebunden ist. Ein 9anz großer Mensch, der Urmutter nah. erweist feine Gültigkeit im Wandel der Jahre und hat in unserer Ma chinenepoche nichts an Tempo und Energie eingebüßt. Der erste Dichter Frankreichs von Weltgeltung steht in der Entfesselung des Blutes, in der Verdichtung des Erlebens, in der Kühnheit der Gcstallu.g ebenbür.ig neben Shake- 'pcare der freilich durch das Mittel der Bühne nachhaltiger fortwirken konnte als Dillon durch sein verinnerlichte Hingabe erheischend«- Gedicht. Wahrlich, es loynt, sich von die em Menschen qa. z großen Formats, der sein Ich nicht nur gegen feine Zeit, sondern gegen alle oeit schlechthin setzt erlösen zu lassen. Jedes seiner Worte ist einmalig,' nur von ihm erlebt und geboren. Aber dies ist sein letztes Geheimnis: daß jeder Menfchenb rüder. der inmitten der Verlogenheit des modernen Kollektivismus die Bestätigung seines Selbst ersehnt, sich in Villons Werk neu erstehen fühlt: »Im Anfang war das Ich, der tätige Geist über den Wassern", so beendet Paul Zech feine glanzvolle Einleitung^ bie nicht minder einen Querschnitt durch unser Jahrhundert zieht wie durch das Wesen jeglicher Uebergangszeit überhaupt.
Villons Leben übertrifft den spannendsten Abenteurerroman in seinem grandiosen Auf und Ab der Daseinskurven. Im Todesjahr der Jungfrau von Orleans als Sohn einer Pariser
keinem die'er Staaten lasse man unseren deutschen Volksgenossen ihr elementarstes Selbst - bestimmungsrecht zuteil werden. (Beifall.) Der Redner forderte bann von der Reichsrepierung, bei den bevorstehenden Verhandlungen m Gens darauf hinzuarbeiten, daß in Europa ein neues abendländisches Volk-recht geschaffen werde, welches von dem hohen ethischen Grundsatz des Persönlichkeitsrechtes jedes Menschen auf sein Volkstum ausgehe, damit hierdurch die völkische Freiheit aller Menschen, gleich in welchem Staate sie leben, herbeigeführt werde. Auf dieser Grundlage müsse Ordnung vor allem in Mitteleuropa geschaffen werden. Dem deutschen Dolle falle da- bei die große mitteleuropäische Ausgabe zu, auf der Grundlage de- erstrebten neuen Rechts einen organisch aufgebauten neuen Minderheitenschutz zur Geltung zu bringen, um den Minderheiten die Gewähr zu bie.cn, daß sie ohne Beeinträchtigung in volilicher Freiheit auch in einem anderen Staate leben können. Damit sei der überspitzte Rationalismus, auf dem das heutige Polen stehe, nicht zu vereinbaren, weil er eine Quelle dauernder Unruhe dar stelle. Don dieser Herausbildung eines neuen Europa und eines neuen Rechts für die Minderheiten sei der Anbruch einer neuen Zeit zu erwarten, bei dem das deutsche Dolk maßgeblich rnitzuwir- ken habe. (Lebhafter Beifall.)
<5erid)terefereni)or £)r. Reusch
als Vertreter der Studentenschaft, unterstrich eindringlich die Gedankengänge des Vorredners und wies dann mit berechtigter Kritik auf die Justiz- komödien hin, die Polen in Prozessen gegen Deutsche in Kattowitz bekundete und auch demnächst sicherlich wieder aufführen werde. Ferner beschäftigte er sich kritisch mit der Friedensphraseologie der Polen und ihrer Steigbügelhalter und betonte in diesem Zusammenhang die große Verantwortung des Völkerbundes bei den Verhandlungen im Januar nächsten Jahres in Genf und die damit für den Völkerbund verbundene ft a r k e Vertrauenskrise. Weiter forderte der Redner ent- schiedene Selbstbesinnung des deutschen Volkes auf (ein Recht zum Schutze der deutschen Minderheiten, zu dessen wirksamer Geltendmachung er mehr innerpolitischen Frieden auf allen Seiten und entschie- denstes Bekenntnis aller Deutschen zum deutschen Volkstumsgedanken forderte. Er verlangte Gerechtigkeit für alle Deut- schen, auch in den anderen Staaten, einen völlig neuen Geist in Europa und entschiedenste Abkehr von den Gewaltmethoden, die bisher von den Machthabern der anderen Länder gegen die deutschen und die übrigen Minderheiten angewandt worden sind. Ehrliche Durchführung des Selbstbe- stimmungsrechtes der Völker und starkes Selbstverantwartungsbewußtsein einer Ration müßten die Leitgedanken der Zukunft und die Grundlage für die Neuordnung des politischen und staatlichen Lebens sein. (Starker Beifall.)
stud. iheol. Leidotph
als 1. Vorsitzender der Studentenschaft, bekräftigte die Forderungen der beiden Vorredner noch in kurzen Sätzen und empfahl dann die nachstehende
Entschließung
zur Annahme, für die sich die Kammer der Studentenschaft einmütig ausgesprochen hat:
„Die polili che Tagespreise aller Richtungen berichtet feit Wochen tagtäglich über die politische Entrechtung und Knebelung des Deutschtums in Polen, insbesondere in Ost-Oberschlesien, anläßlich der Sejirwahlen. Die Haltung der polnischen amtlichen Slellen bedeutet nicht nur einen Proletarierfrau geboren, macht er bereits mit fünf Jahren die Bekanntschaft der Polizei, die ihn wegen eines Broldiebstah's auf dem Markt öffentlich verprügelt. Ein hochstehender Priester nimmt sich des verwahr'osten Jungen an, schickt ihn auf eine höhere Schule und später auf die ünirerfität. Während des Studiums wird DillonS Pflegevater wegen Irrlehren verbannt. Der junge Francois, aufs neue entwurzelt, stillt seinen Ehrgeiz nicht nur in den Hbrsälen, wo er bald Altersgenossen und Lehrer an Wissen überflügelt. Bei den Gelagen der Burschenschaften greift er zur Laute und singt kecke Chansons (Chansons sans gene), ganz ich neu in der ungeschminkten Verherrlichung des Trunls und der Liebe, heute nicht mehr erhalten, aber im ünterftrom noch erkennbar in den .Songs" unserer letzten Jahrzehnte. Ein Frauenyeld und Raufbold ohnegleichen, wird Dillon Anführer der berüchtigten „Coq: iilards“ („Mu'chelbr.der"), einer Räuberhorde, die unter der Mitwisserschaft des bestochenen Polizeipräsidenten nach Art der heutigen Derbrecherban- den Chikagos und Shanghais das nächtliche Paris unsicher macht. Auf die Dauer verträgt sich der Hauptmann jedoch nicht mit den Spießgesellen, er flüchtet in die Wälder und wird aus einem Hundeführer des Herzogs von Orleans gegen eine Monatsgage von 3D Dukaten Hofkompositeur. Aber lange duldet es den Vaganten nicht in der Schloßatmosphäre. Eine Zeitlang haust er bei einem armen Edelfräu- lein, aus deren Armen ihn unvermutet ein bischöf.icher Rebenbuhler mit Wafseng walt los- reiht. Dillon erschlägt ein Dutzend Reiter, schmachtet ein paar Jahre im Gefängnis und soll eben hingerichtet werden, als ihn anläßlich der Krönung Ludwigs XI. eine Amnestie befreit Wieder lockt den Tollkühnen Paris, wieder übernimmt er die Führung der Coquillards. In einer fürchterlichen Schlacht mit der Polizei spielt Dillon die schimpflichsten Kerle seiner Bande, die gegen seinen Willen allzu plump und wahllos stahlen, dem Polizeichef in dir Hände. Aber der Dichtervagabund fällt in die Grube, die er anderen grub, selbst hinein. Als er dem Po- lizeichcf ein Mädchen ausspannt, unterschiebt dieser uniformierte Gauner einen selbst verübten Mord dem verhaßten Dillon. erzwingt von ihm durch scheußliche Foltern ein falsches Geständnis und überan.wortet ihn dem Hen- ker. Unb nun kommt das beispielloseste Stück dieses beispiellosen Lebens. Indes schon der Richtplatz für ihn aufgeb aut wird, arbeitet
unerhörten Bruch der den volklichen Minderheiten durch internationale Verträge feier'.ichst gewährleisteten Rechte, sondern stellt sich auch als ein Verhalten bar, durch das das polnische Dolk von sich aus darauf verzichtet, weiterhin als Kulturnation angelehen zu werden.
Diese Meldungen, die die gesamte deutsche Oefsentlichleit mit schärfster Erregung vernommen hat, werden aber noch bei weitem übertroffen durch den unerhörten Fanatismus der polnischen Aufständischen, die unter dem Schutz Der polnischen Behörde mit menschenunwürdiger Grausamkeit gegen da- Deutschtum in Ost-Oberschlesien wüten.
Die Studentenschaft der Universität Gießen erhebt einmütigen Protest gegen vieles unglaubliche Terhalten. sie richtet die Blicke der gesamten akademischen Welt auf diese Dcrgänge und
gibt der Erwartung Ausdruck, daß die Aka- demiker chast aller Kulturnationen bei ihren Regierungen vorstellig wird, um diese zu Maßnahmen gegen die polnische Regierung zu veranlassen. Die Gießener ötubentenfebat richtet an den Herrn Reichspräsidenten und die ReichS- regierung die dringende Ditte, nicht länger mit anzusehen. w e wehr.oles Deutschtum unter den Quälere en rücklichts.oser polnischer Chauvinisten leiden muß, sondern mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln b:r polni'chen Regierung gegenüber, aber auch bei den diplomatischen Vertretern aller anderen Länder gegen diese uncr* hörte Grausamkeit vorzugehen."
Einhellig wurde dieser .Kundgebung zugestimmt und mit dcm Gesänge des Deutschtandltedes bie eindrucksvolle Versammlung geschlossen.
Wer schnell Hilst, Hilst doppelt...
Oie zeitgemäße Gießener Ganitätswache.
Als Henry Dunant, bet Schweizer Schriftsteller unb Philantrop, als Gränber und eifriger Förderer der interna, ionalen Verbindung zur Pflege und Schonung der im Kriege Verwundern auftrat, mag er sich wohl kaum helfen bewußt gewesen fein, welch ungeheure Bedeutung der durch fein Buch „Un souvenier de solfe.'ino“ veranlaßten Genfer Konvention unb der bamit verbundenen Gründung des Roten Kreuzes zulam und wie sich der Gedanke für die Friedenstlltiglcit der San'tälskolonnen vrmRot.nK euz auewi.k.e. Welch: Bedeutung ihr in Wirklichkeit beizumessen ist, ergibt sich in allen Konsequenzen aus einem Besuch bei der
Gießener Sanitätswache vom Roten Kreuz So überheblich das auf den ersten Augenblick klingen mag, bie Tatsache ist nicht zu leugnen, denn die hiesige Sanitätswache ist ebenso gut b:r Ausdruck eines Prinzips, wie eine Sanitätswach: in der Reichshauptstadt. oder an irgenb:iner anderen Stelle. Die Gießener Hilfslolonne ist ein Teil jener weltumspannenden Organisation, ein typischer (für unsere Verhältnisse sehr leistungsfähiger) Vertreter eines Systems, über Le sen Wert zu streiten sich völlig erübrigt, da die Praxis und die täglich: Rotwendigkeit bie Existenzberechtigung eindrucksvoll genug nach velsen.
Einige Ziffern werfen ein Streiflicht auf das Ausmaß der Beanspruchung der Gießener Sanitätskolonne. Der Kolonne gehören etwa 8D aktive unb 22 inaktive Mitglieber an, die im Rolfalls alle zur Hilfeleistung aufgerufen werden können. Dei den Probealarmen wurde diese Tatfache stets hinlänglich unter Beweis gestellt. Wenn ma.i den Jahresbericht der Kolonne vom Jahre 1929 durchsieht. so kann man daraus entnehmen, daß die Eanitätsleute im Laufe des Geschäftsjahres nicht weniger als
3693mal zu Hilfeleistungen herangezogen wurden. Krankentransporte wurden L09 durchgeführt, mit den beiden Krankenwagen wurden allein 1511 Transporte bewerkstelligt. Von den Transporten waren 900 für das Gebiet der Stadt Gießen, für die Provinz Oberhessen (aus'ch'ieß- lich Gießen) 509 und außerhalb der Provinz 219 notwendig.
Tie hiesige Station der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz ist sehr gut ausgerüstet und dürfte in der Derfa.sung, in Der sie sich befindet, geeignet fein, ernsten und umfangreichen •Unfällen tatkräftig und wir kam en'gegcry-i treten. Im Wachtlokal am Kanzleiberg finden wir jederzeit,
Tag und Rächt einen Sanitätsmann vor bet bereit ist, sofort zu helfen, ober aber bie Kolonne $u alarmieren.
Im Prinzip ist die Alarmierung der Sanitätskolonne der der Feuerwehr sehr ähnlich. Zwar
Villon sein Gnadengesuch zur Ballade um. Während der Sprecher die geniale Ballade vorliest, erhebt sich das gesamte Parlament von den Plätzen und spricht den Dichter einstimmig frei. Eine phantastische Szene von ung'aub icher Wucht, undenkbar in unseren Tagen, nicht erfunden von einem Poeten, sondern wahrhaft geschehen im „finftem“ Mittelaller: ein Dichter vermag den über ihn verhängten Todesfpruch aufzuheben durch die Gewalt feiner KunstI
Wir finden Villon später in Belgien und England, er hält Vorlesungen an der Universität zu Brüssel, er spielt in einem Passionsstück zu Antwerpen den Judas Ischarioth. Und auf einmal erlischt seine Bahn im Dunkeln. Riemand weih, wo und wie dieses Dasein, das von jeher „fein* Sach auf nichts gestellt" hatte, zu Ende ging. „Er hat sich unter Menschen bewegt, toi: kein anderer Mensch mehr", schließt Paul Zech den Bericht dieser unerhörten Erdenfahrt. .Seine Raubzüge waren Ausstrahlungen einer energie- bewegten Weltseele. Kein Gesetz irgendwelcyer Ordnungstafel konnte er ernst nehmen, er stellte sich außerhalb jeder Gesellschaftsbahn... Er hat viele Jahre seines Lebens in Gefängnissen zugebracht. Er hat unsterbliche Dallaoen geschrieben."
Man muh diese Balladen lesen: ein Mensch, verschwistert mit Baum und Tier, liegt am Herzen der Schöpfung. In seiner irdifch-himmlischen Liebe atmen Wolken, Winde und Sterne. Tie M^usefrau, die in seiner Zelle Junge bekommt, die Zigeunerdirne mit Wurzelhaar und Tiergesicht, der Apfelbaum, in dem die Rachtigall ihr Silber spinnt, die alte Klempnersfrau, der kleine Barbier aus Brabant, die Galgenbrüder und Tagediebe — alle bilden sie im Lied Villons ein Teil seines Ichs. und dieses Ich erschafft gottbegnadet die Welt.
Wann schwindet die Schönheit her grau?
Es gibt nur wenige Lieblinge der Götter, die ewig jung und schön bleiben. Das sind unter den Frauen die seltenen Ausnahmen, wie Rinon de l'Enclos, die noch als 80jä)rige die Herzen der Jünglinge entzündete. Aber innerhalb des Spielraums, den die Ratur der Frau im allgemeinen gewährt, gibt es große Unterschiede. Die Töchter der südlichen Länder altem früher als die der nördlichen: sie sind mit 18 in voller Blüte und mit 40 schon alt. Doch hat im allgemeinen die Frau sich im letzten Jahrhundert eine ganze Reihe von Jahren erkämpft, in denen sie noch Anspruch
verfügt man nicht über eine derart umfangreiche Ringleitung. wie die Feuerwehr, immerhin ist aber eine Reih: von Helfern telephonisch mit derWach: verbunden, vnb ctlra 0 berfe ben tün en inneren.o 6 Minuten von einem Unfall in Kenntnis gesetzt werden. Sobald sich di: Marrnie- rung der gesamten Mannschaften als notwendig erweist, übernehmen Radfahrer nach einem geschickt ausgeklügelten System die Benachrichtigung. Man unterscheidet dabei zwei Arten von Alarm, und zwar .Alarm Depot" und .Ba^n- Alarm". Im Falle eines EisenbahnalarmS begeben sich die Hilfsmannschaften nicht erst zum Depot, sondern von ihrem Wohnort aus direkt zum Bahnhos und werden von dort aus im Hilfs- zug nach der Unfallstelle gebracht. Besonders er- wähnenswert erscheint auch, daß
die Gießener Sanitätskolonne über durchaus zeitgemäße Hilfsmittel technischer Art verfügt.
Liehen doch in erster Linie zw:i auf da- modernste eingerichtete Kraftwagen für den Krankentransport zur Verfügung, von denen einer bestimmt in 21/- Minuten von seinem Standort bei einem hiesigen Autounllrnehrn r auS, am Depot eintreffen kann, denn ein Kraftwagenführer, der naturgemäß ebenfalls die Ausbildung als Helfer genossen hat. steht ständig dienstbereit. Die Kolonne verfügt weiter über 24 einfache und zwei fahrbare Tragbahren und über ein großes Zelt in den Abmessungen von 3x4 Meter. Kürzlich wurden einige neuartige Denzingaslampen und ein Scheinwerfer der Firma Zeiß (Jena) von außerordentlicher Leuchtkraft beschafft, die die Arbeit während der Rächt erleichtern. Ein sehr einfacher unb gleichermaßen praktischer AtmungSapparat setzt die Helfer, in Verbindung mit dem Sauerstoffapparat, in den Stand, auch manches durch Gasvergiftungen schwer gefährdete Mrnschen- leben zu retten. Große Mengen von Material jeder Art lassen die Sanitätsmänner auch bei größeren Unfällen nicht in Verleg rnhellen kommen. Selbstverständlich dürfen die Sanitälsleute nur in gewissen Fällen selbständig handeln, die Oberleitung liegt vielmehr in den Händen deS Kolonnenarztes.
Es dürfte nicht jedermann bekannt fein, bah sich die hiesige Station
wirtschaftlich selbst tragen muß.
Die Aufrechterhaltung der HilfSstallon ist nur dadurch mög ich. Laß eine Anz. hl edler M nschen- sreunde durch einen jähr.ichen Beitrag a.s unterstützende Mitglieder die gute Sache fördern. Weiterhin dürfte nicht allgemein bekannt fein, daß die Sanitätswache nicht nur in den Fällen hilft, die sich als Unfall im Betrieb, auf der Straße, kurzum in der Oeffentlichkeit ereignen, sondern auch xu privaten Leistungen zugezogen wird, wo es gilt, an Krankenlagern durch Umbetten oder
auf Schönheit erheben kann. Als Balzac vor 100 Jahren die „Frau von 30" als Heldin entdeckte, da erobert: er damit der Frau eine neue Jugend. Dann wurde die „Frau im gefährlichen Aller" nicht nur literaturfähig, sondern man entdeckte auch ihre besonderen Reize, und in unseren Tagen haben auch die Großmütter noch ihren Anspruch auf Gefallen angemeldet. Wie eine Schwedin, die Baronin Beata Dcnde. hervorhebt, können die Schwedinnen in dieser Hinsicht vorbildlich sein. „(Sin schwedische- Mädchen", so schreibt sie. „wird nicht im Pensionat aufgezogen, lernt nicht mit 17 Jahren die Künste des Schminkens und Puderns und wird nicht auf Bälle und Gesellschaften geschleppt, die bis spät in die Rächt hinein dauern. Die schwedischen Frauen haben zuerst den Segen der Leibesübungen und dos Leben- in Luft und Sonne erkannt und wissen, daß Sport und Freiluft länger und besser schön erhalten al- alle künstlichen Mittel. Sie streben nicht nach Schönheit, sondern nach Gesundheit, und dadurch fällt ihnen die Schönheit von selbst zu. Deshalb sind sie nicht nach einer langen Gesellschaftssaison ermüdet und abgespannt, sondern bleiben immer frisch und blühend. Ich kenne Frauen in Schweden, nicht nur Bäuerinnen, die den ganzen Tag im Freien leben, sondern Damen der besten Gesellschaft, die mit 70 Jahren noch schön sind, unb das ist keine Schönheit der Seele, die nur in den Augen leuchtet, sondern wirkliche blühende Anmut der Züge und der Haut. Das kommt daher, weil sie nicht Runzeln wie die Hölle vermeiden und weil sie nicht ihren Teint mit Puder und Schminke verderben. Cs gibt n Schweden mehr schöne Frauen als irgend wo anders. Das sind die Erscheinungen mit blondem Haar, blauen Augen und blendend weihen Zähnen, die allen Stürmen der Zeit trotzen unb bei denen nur das Haar mit dem Weihwerden einen neuen Reiz gewinnt. Das Schwinden der Schönheit bei der Schwedin wird auch durch ihre vorzügliche Derdauung verhindert: mit ihren guten Zähnen kann sie noch im höheren Alter gut tauen, und die gesunde Milch ist das Ratio- nalgerränk. Auch find die Schweden ein lustiges Dolk, das sich keine unnötigen Sorgen macht. Diese Heiterkeit verbannt die Furchen und scharfen Linien aus dem Gesicht der Frau. Das Land leidet nicht an Ucbervölkerung. unb bie Bewohner sinb nicht in Riesenstädte zusammengepsercht. In dem hastigen und gierigen Leben ber Grohstabt schwindet die Schönheit, aber unter natürlichen Lebensbedingungen bleibt sie erhalten."


