Ausgabe 
19.11.1930
 
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Dankleitungen verlangten einen GehaltSabbcru um 11 v. H-, ferner u. a. Kürzung der Tarifstaffel und Wegfall der Dankfeiertage. Wie der Deutsche Dankbeamtenverein ergänzend mitteilt, wird cS nunmehr zu einem Schlichtungsverfahren im Reichsarbeitsministerium kommen.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 19. November 1930.

Kündigungen in der Tabakindustrie.

Veranlaßt durch die von der Reichsregierung be­absichtigte gewaltige Erhöhung des Tabakzollco und die dadurch hervorgcrufene schwere Gefähr­dung der Zidarrenindustrte ist in einer Anzahl hiesiger Zigarrenfabriken einer Reihe von kaufmännischen und technischen An- gestellten, deren Arbeitsverhältnis eine längere Kündigungsfrist vorsicht, zu in 31. Dezember dieses Jahres gekündigt worden. Die Ta­bakindustrie rechnet damit, daß beim Inkrafttreten der seht vorgesehenen außerordentlich starken {teuer- lichcn Mehrbelastung des Tabaks kurz nach Weihnachten alle Z i g a r r e n b e t r i e b e zum Erliegen kommen und auf eine ganze Reihe von Monaten ftillftehen werden, da infolge der unerläßlichen Preiserhöhun­gen mit Sicherheit ein starker Konsumrückgang ein- treten wird. Es ist außerordentlich bedauerlich, daß die maßgebenden Stellen in Berlin allen begrün­deten Einwendungen der Tabakindustrie gegenüber an ihrem unglückseligen Projekt festhalten und da­durch über einen wichtigen deutschen Industriezweig, den die Zigarrcnindustrie unstreitig darstellt, eine so schwere Krisis heraufbeschwören.

Rach einer Meldung aus Heidelberg haben auch die größeren Betriebe der Heidelberger Tabakindu­strie einem beträchtlichen Teil ihrer k a u f m ä n n t - scheu Angestellten zum 1. Januar 1931 gekündigt und außerdem die Absicht geäußert, zum gleichen Termin ihre Heidelberger Fa­briken und die F i l i a l b e t r i c b e in Nord­baden st i l l z u l e g e n. Sie sind ebenfalls der Ansicht, daß die ganze deutsche Tabakindustrie in ähnlicher Weise Vorgehen wird, weil vom 1. Januar ob infolge der Tabakzollerhöhung der Verbrauch so stark zurückgehen werde, daß die Fabriken m o - natelang nichts zu produzieren brauch­ten, zumal die Laaer voll seien und die Bestände noch für längere Zeit ausreichten.

politische Neutralität

der Evangelischen Landeskirche.

3n dem soeben herauSgekommenen Verord­nungsblatt erläßt das Evangelische Landes­kirchenamt an alle Kirchenvorstände ein Aus- schreiben, in dem mit Nachdruck darauf hin- aewiesen wird, daß eS verboten ist, evange­lische Gemeindehäuser zu irgend­welchen Parteizwecken zu benutzen. Alle Einträge der Parteien seien abzuweisen. Don allergrößter Bedeutung bleibe, daß die c v a n- gelische Kirche allen Parteien gegenüber allerstrengste Neutralität bewahre.

Vorsicht mit Gistweizen.

DomHubertus", Derein weidgerechter 3ager, Sitz Gießen, wird uns geschrieben: Die Mäuse­plage zwingt den Landwirt zu energischen Be- lämpsungsmitteln, u. a. zum Streuen von Gift- weizen. Die Derwendung von vergifteten Ge- treioekörnern birgt aber eine große Gefahr für d ie Bestände an Rebhühnern und Fasanen in sich, da leider bet dem Aus­legen nicht immer mit der nötigen Sorgfalt ver­fahren wird und die Körner häufig offen in den Löchern liegen anstatt in die Gänge eingeschoben xu werden, so daß sie dem Dvgelauge nicht sichtbar sind. Es werden auch dann noch genug Körner durch die Mäuse wieder herausgeschasst. Wer mit Gift arbeitet, macht sich auch haftbar für etwaige Schäden, die anderen aus seiner

Oer Dreizehnte.

Vornan von Anny von panhnys.

Copyright 1929 by Verlag Bechthold, Braunschweig.

6. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Seine Brauen zuckten nervös und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Er mußte sich bezwingen, um es nicht laut hinauszuschreien, was er nun antwortete.

Der Dreizehnte?! Wie konnte ich ihn ver­gessen! Er muß mit unS gefahren sein vom Hause aus, denn unterwegs ist niemand auf­gestiegen und konnte niemand aufsteigen, der Wagen war ringsum meterhoch geschlossen, Scn- norila Hirtberg machte sich den Spaß, nachzu­zählen und entdeckte zuerst, wir waren eine Person mehr als wir sein könnten. Da glaubte sie sich verzählt zu haben und zählte wieder. Auch ich tat eS mehrmals, aber wir sprachen zu niemand davon, um die vergnügte Stimmung der anderen nicht mit abergläubischem Kram zu zerstören, ilnb weil eS auf dem Wagen etwas durcheinander ging, durch das Karten- und Kon­fettiwersen ins Publikum und in die Nachbar- Wagen, lachten wir schließlich über unseren Drei­zehnten. Doch als wir vor der Dar den Wagen verließen, zahlte ich bestimmt dreizehn, aber gleich darauf waren wir zwölf und blieben zwölf. Es war in der Dar ein halb nach vier, mit etwa« Eilen konnte der Mensch also ganz gut zu der von der Portera genannten Zeit in unserem Hause sein.

Er {tieft das alle- rauh und atemlos hervor und in seinen Augen war die Flamme deS Hasses entbrannt.

DaS heiße Blut seiner Rasse brach durch.

...Ich will ihn suchen, den Mörder, und der Himmel möge mir belstehen, ihn zu sinden." Er hob wie in Ekstase die Arme.Dio mio, hilf mir, das erbärmliche Subjekt seiner Strafe zu- zuführen. Blut fordert wieder Blut!"

Seine tiesdunklen Augen In dem sehr eben­mäßig geschnittenen, bräunlichen Gesicht hatten einen sanatischen, fast wilden Ausdruck, und Eva dachte, zusainmenschauernd, einer solchen Leidenschaft hätte sie Prlmo Duero gar nicht für fähig gehalten.

Ur lief) sich erschöpft auf dem Stuhl nieder.

Der Richter sagte:Können Sie diesen drei- zehnten Clown äußerlich beschreiben?"

Bewahre", gab Primo xur Antwort, Sen- norlta Hirtberg und ich stellten nur eine Per­son mehr fest. Lind erst, als wir ixxr der Dar vom Wagen abgestiegen waren, nahmen wir die MaSken ab. Der Dreizehnte stieg mit vom Wagen und muß sich dort in der Dar sofort entfernt haben."

Anwendung entstehen. Daher ergeht an olle Kreise, die mit der Mäusevergiftung zu tun ha­ben, die Ditte, dafür Sorge zu tragen, daß Giftweizen nur unter Anw endung der gebotenen Vorsicht Verwendung fin­det. Schäden an den Wildhühnerbeständen treffen nicht nur den 3äger, sondern auch den Dauer selbst.- DaS Rebhuhn ist ein eifriger Vertilger kleiner 3nsekten und vor allem von ilnfraut- famen, der Fasan dagegen verzehrt große Men­gen von Drahtwürmern, ist ein geschworener Feind der Schnecken und frißt Mäuse, wo er sie erwischen kann. DaS freie Lim her liegen ver­gifteter Mäuse gefährdet daher auch alle Tiere, die dem Bauern von der Natur als Helfer gegen die Mäuf ep läge gegeben sind. Muß also Giftweizen Verwendung finden, bann mit aller VorsichtI

BerufSkundlicher Vortragsabend.

Der Montagabend brachte im Rahmen der von der Berufsberatung des Arbeitsamts Gießen veranstalteten berufSkundlichen Vortragsreihe vier ausführlich «.«Referate über Berufe, die sowohl von Knaben alS auch von Mädchen erlernt werden können.

Herr TheiS, Gießen, sprach über den Beruf des Dentisten (Dentistin) und schilderte sehr ein­gehend das Arbeitsgebiet, sowie die Ausbil­dungswege und -möglichkeiten dieses Berufes. Gute Volksschüller mit mindestens Durchschnitts­notegut", sowie Schüler höherer Lehranstal­ten können den Berus erlernen. Der Referent gab zum Schluß seiner Ausführungen noch ge­naue Angaben über die Derdienstmöglichkeiten nach abgeschlossener Ausbildung.

3n lebendiger Weise wußte Herr Winter- Hofs, Gießen, den Beruf des Drogisten zu schildern, der bei dreijähriger Lehre nicht nur eine gute fachmännische, sondern eine ebenso gründliche kaufmännische Ausbildung erfordert. Die theoretische Ergänzung der praktischen Aus­bildung erhält der junge Drogist (Drogistin) durch den Besuch einer Drogistenfachschule. Wo eine solche Schule nicht besteht, muß der Dro­gistenlehrling neben dem Besuch der kausinänni- schen Fortbildungsschule an Fernkursen teilneh­men. Eine Fortbildungsmöglichkeit für den aus­gelernten Drogisten ist durch Besuch der höheren Lehranstalt für Drogisten gegeben.

Herr K e n e r, Gießen, behandelte den Be­rus des Buchhändlers bzw. der Buchhänd­lerin. 3n klarer, sachlicher Weise wies er darauf hin, welch großes und weites Arbeitsgebiet dem Beruf zu eigen ist und welche Anforderungen er an die Ausübenden stellt. Gute, über dem Durchschnitt stehende Allgemeinbildung, ausge­prägter Geschmack, vor allen Dingen aber auch Liebe xum Buch und Freude am Lesen sind die Hauptbedingungen im Berus, der heute aller­dings sehr stark unter den schlechten wirtschaft­lichen Verhältnissen zu leiden hat.

Die vielen und verschiedenartigen Tätigkeiten des Gärtners bzw. der Gärtnerin schilderte das ausführliche Referat von Herrn Schnei­der, Gießen, das durch Lichtbilder noch er­gänzt wurde. Der Beruf ist gut und gesund für kräftige junge Leute, stellt jedoch auch an die geistigen Fähigkeiten deS Lehrlings einige Anforderungen.

Bornotizcn.

Tageskalender für Mittwoch. Stadttheater:Das Land des Lächelns", 18 bis 21 Llhr. Kirchenkonzert, 20 LIHr, in der 3ohanneskirche (zum Besten der Hinterbliebenen der Opfer deS Grubenunglücks zu Alsdorf und Maybach). Christliche Versammlung, Gießen.- Vortrag:Ewiges Leben", 20.15 Llhr, im Cas6 ßeib. Deutscher Sprachverein: Vortrag von Prof. Dr. A. Götze überDie deutschen Fa­miliennamen", 20.30 Llhr, im Vorlesungsgebäude Hörsaal 45. Oberh. Ges. f. Natur- und Heil­kunde: Vortrag (ThemaVersuche mit kurz­welligen und ultrakurzweAigen SchwingungS-

Er wird anscheinend ungefähr 3hre Figur haben", sagte der Kommissar,denn wenn er auf fallend großer, oder kleiner gewesen, könnte sich doch die Portera nicht darauf versteifen, ge­rade Sie gesehen zu haben."

Natürlich", gab Primo Duero zu und sein Kopf schmerzte von dem bohrenden Gedanken.

Da gab es also einen Menschen auf der Welt, der seinen Vater erschossen hatte, der Werte gestohlen, deren Verlust fast den Ruin deS Ge­schäftes bedeuteten, und er wußte nichts, gar nichts von ihm. Nichts weiter, als daß er für kurze Zeit der Dreizehnte auf dem Korsowagen am Rosenmontag gewesen.

Der Llntersuchungsrichter erklärte, die Sen- norita könne nun gehen.

Da erhob sich Eva Hirtberg und Primo Duero stand auch sofort auf.

Er bot ihr die Hand.

Dank. Sennorita, daß Sie an den Dreizehnten dachten.

Sie nahm die Hand und lächelte ihm ermu­tigend zu. Doch sprach sie nicht. Die anderen Angestellten hatten sich schon entfernt, aber sie blieb in der Nähe des Präsidiums slehon, ihr war es, als müsse sie hier auf Primo Duero warten.

Lind sie wanderte langsam auf und ab, sann unablässig, wer wohl jener Mensch fein konnte, der mit so grenzenloser Llnverschämtheit den dreizehnten Clown gespielt.

Nach ungefähr einer halben Stunde kam Primo Duero langsam aus dem mächtigen Dau ge­schritten, und als er des blonden Mädchens an­sichtig ward, glitt eS wie freudiges Erstaunen über seine Züge.

Eva Hirtberg wartete, bis er nahe war.

3ch wollte 3hnen nur sagen, eS tut mir furchtbar leid, daß Sie in diesen gräßlichen Verdacht geraten konnten."

Er zuckte die Achseln.Die allzu sicher aus­gesprochene Behauptung der Portera trägt daran die Hauptschuld." Seine Augen ruhten in den ihren.Herzlich danke ich Ihnen aber für 3hr Mitgefühl, Sennorita Hirtberg, es tut wohl. 3d) habe sehr gelitten unter dem Verdacht, und ich leide bitter unter dem Geschehenen. 3ch weiß noch nicht, wie das alles werden wird, denn ich muß doch dem Marques de Palma die blauen Brillanten ersetzen, und dazu kommt der Verlust von sünsundslebzigtausend Peseten." Seine Lip­pen zuckten.Ich fürchte, das Geschäft wird auf» hören müssen, zu existieren." Sie gingen langsam nebeneinander her.Das heißt, wenn man den Mörder nicht findet und ihm die Deute wieder abnehmen kann", begann er wieder.Der Kom­missar befragte mich noch, wer in der Familie einen Schlüssel zum Korridor unserer Wohnung besäße. Meines Vaters Schlüssel fand man in

Erzeugern), 20.30 Llhr, !m Physiksaal deS Real- GymnasiumS. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Die Lindenwirtin" (mit Käthe Dorsch). Astoria-Lichtspiele:Das wilde Blut" undMaS- cotldyen".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Heute findet als Fremden­vorstellung daS Gastspiel der Vereinigten Ope­rettentheater Bochum-Hamborn statt. Zur Aus­führung gelangt die Operette von LeharDas Land des Lächelns". Die 3ntendanz macht darauf aufmerksam, daß diese Aufführung die letzte Wiederholung dieser Spielzeit ist.

* Morgenfeier Im Stadttheater Gießen. Die Intendanz teilt mit, daß die Mor­genfeier am Sonntag wiederholt wird. Zur Auf­führung gelangt ein Spiel vom Tode von Julius Maria Becker:5)er Brückengeist." Spielleitung Intendant Dr. Prasch. Diejenigen Mitglieder des Goethebundes, die am vergangenen Sonntag die Aufführung nicht besucht haben, können am kom­menden Sonntag die Morgenfeier ebenfalls be­suchen mit Inanspruchnahme der ihnen zustehen- den Preisermäßigung.

* © t erbet äl le In Gießen. 3n der Zeit vom 1. bis 15. November sind in Gießen ver­storben: Minna Adam, geb. Söhngen, Witwe, 76 Jahre, Löberstraße 19; Helene Appel, geb. Körbächer, Witwe, 85 Jahre, Iohannesstraße 16; Michael Behold, Gckstwirt, 51 Jahre, Lessing­straße 18; Wilhelm Gräf, Pflasterer, 59 Jahre, Schützenstraße 15; Emst Ruppel, Fuhrmann, 70 Jahre, Frankfurter Straße 165; Philipp Wolf, Llnierrffizier, 30 Jahre, Weserstraße 18; Hugo Robert Osinsky, Maschinenschlosser, 78 Jahre, Ludwigftratze 12: Berta Koch, geb. Brenne­mann, Witwe, 85 Jahre, Röntg en strafte 2; Lud­wig Sieglinger, Hausbursche, 21 Jahre, Katha­rinengasse 11; Antonie Margareta Decker, geb. Georg, 28 Jahre, Frankfurter Strafte 165.

** Zusammenstoß zwischen Auto und Motorrad. Gestern nachmittag stießen auf der Landstraße in Richtung Reiskirchen, bei der Um­leitungsstelle an der Annerodcr Chaussee, ein Per­sonenauto aus Gießen und ein Gießener Motorrad in ziemlicher Fahrtgeschwindigkeit zusammen. Auf dem Motorrad saßen drei junge Leute von hier, von denen die zwei Beifahrer erheblich zu Schaden kamen, während der Motorradführer zu seinem Glück nur leichte Wunden erlitt. Der etwa 18 Jahre alte Hans Dups von hier wurde am schwersten von dem Unfall betroffen, denn er erlitt innere Verletzungen und liegt zur Zeit in ernstem Zustande in der Chirurgischen Klinik darnieder; der ungefähr ebenso alte Paul Klein von hier trug Prellun­gen am Arm davon und ist ebenfalls in der Chirur­gischen Klinik untergebracht. Von den Insassen des Autos kam niemand zu Schaden. Die Verletzten wurden von einem Kraftwagenführer bzw. Motor­radler, die beide kurz nach dem Unglücksfall die Straße passierten, sofort nach Gießen mitgenom­men. lieber die Schuldfrage wird erst die behörd­liche Untersuchung näheren Aufschluß erbringen können.

* (Jamiltenabcnb des Bundes Haus und Schule". Der BundHaus und Schule" hielt am Freitag im Iohannessaal einen gut besuchten Familienabend ab, bei dem Prof. Keller (Friedberg) einen Vortrag überDie letzte Wirklichkeit" hielt. Der Redner führte, wie man uns berichtet, etwa folgendes aus: Bei Christen solle es eigentlich eine Frage nach der letzten Wirklichkeit, d. i. nach der Wirklichkeit alles dessen, was wir in unserem Glaubens­leben erhoffen und erwarten, gar nicht geben. Doch angesichts des Zweifels so vieler sei eine Behandlung der Frage berechtigt. Man sei lange Zeit gewohnt gewesen, die Wirklichkeit durch Llntersuchung der Materie zu erforschen, und die Wissenschaft habe nur das als Wirklichkeit gelten lassen, was man mit den ©innen erfassen könne. 3n dieser Beziehung sei heute eine Wendung eingetreten. Maßgebende Stimmen der Jetztzeit

seiner Tasche, den zweiten hatte ich, und da es keinen dritten gibt, muß sich der Mörder einen Nachschlüssel besorgt haben. Man fragte mich noch allerlei und mir ist davon wieder ganz konfus zumute. Aber man gibt die Leiche meines Vaters frei, und ich darf auch wieder in die Wohnung." Er seufzte.Ich werde den Packer bitten, mit mir in der Wohnung zu schlafen, bis ich erst über alles im klaren bin."

Eva sagte teilnehmend:Sie werden viel zu tun und zu überdenken haben in nächster Zeit, ©ennot Duero."

Er nickte.

Sehr viel, und ich bitte alle AngesteUten, vorläufig abzuwarten; in einigen Tagen werde ich allen Nachricht geben."

Eva dachte, der Mann an ihrer Seite wäre vielleicht jetzt lieber allein, sie hätte wohl doch nld)t auf ihn warten sollen. Aber es hatte sie dazu gedrängt, ihm zu sagen, wie leid es ihr tat.

Sie meinte hastig:Ich möchte dort mit dem Autobus Helmfahren, auf Wiedersehen, Sennor Duero."

Er zog den Hut.Aus Wiedersehen, ©ennonta! Er blickte ihr flüchtig nach und sann, es wäre gut gewesen, wenn sie noch ein Stückchen mit ihm zusammen gegangen wäre. Ihre klare biegsame Stimme hatte etwas Wohltuendes und Beruhi­gendes.

Sein Gesicht versinsterte sich, ©eine Kusine war ihm eingefallen, und ihre wehetuende Schroff» fteit gestern an der Leiche seines Vaters. Wie hatte sie seine Hand von sich geschleudert. AIS wäre er ein Aussätziger.

War es nichk. schrecklich, daß sie, die ihn doch schon so lange Jahre kannte, ihm eine solche Tat zutraute? ©ie muftte ganz von Sinnen gewesen fein. Die furchtbare Lleberraschung, die sie vor­fand, als sie von dem Karnevalstreiben heim­kam, mußte sie so verstört haben, daß sie nicht mehr wußte, waS sie ihm antat mit dem Be­tragen.

Er erreichte die Calle Fernando, und als er das Haus betrat, umfing es ihn sofort wie ein starker Alpdruck.

Die Portera stand auf dem Flur. Sic wich vor ihm zurück wie vor einem Gespenst.

Er sagte heftig:Meine Llnschuld ist einwand­frei erwiesen, sonst stände ich nicht hier vor Ihnen. Ich fordere Ihre Achtung, Sennora, das ist wohl das mindeste, was ich verlangen darf, da mich die Polizei freigegeben, die mich auf Grund Ihrer Angaben verhaftete."

Die Frau knickte vor Öen scharf gesprochenen Worten etwas in sich zusammen.

Ich kenne Sie ja schon lange, Sennor, und konnte Ihnen fo etwas EntfetzlicheL nicht zu­trauen, aber ich

bezeichneten diesen Weg alS Irrweg, denn un­serer Wissenschaft seien Grenzen gesetzt, und wir ständen vor der Tatsache, daß unser eigenes Ich uns eine andere Wirklichkeit erschliefte, unab­hängig von unserem Verstand, nur durch unser Empfinden und Erleben erfaftbar, die stille leuch­tende Wirklichkeit des ewigen Gottes, und letzte Wirklichkeit überhaupt. Der überzeugende. Vor­trag machte auf die Zuhörer einen tiefen Ein­druck. Stud phil. Weber erfreute im weiteren Verlauf des Abends durch zwei Klaviervorträge.

** Gewerkschaftsbund der Angestell. t e n. Man schreibt uns: Die Gruppe der weiblichen Angestellten im GdA. hatte Frau Dr. Margret Neumann (Gießen) für einen Vortrag über das Thema:Der Einfluß des Berufes auf die geistige und seelische Haltung der Frau" gewonnen. Die Vor- tragende betonte, daß die subjektive, d. h. die innere Einstellung zum Beruf meist zugunsten der objek­tiven, der äußeren Einwirkungen zurücktrete, was für die Frau um so mehr bedeute, als sie mehr ge­fühlsmäßig reagiere als der Mann. Die Frau fei aus ihrer hauswirtschaftlichen Tätigkeit burd) die Mecha­nisierung des Haushalts mehr heryusgedrängt wor­den, und ihr urfprüngliches Gebiet des Hausgewer­bes habe sie aufgeben müssen. Dadnrch-sei eine ge­wisse Entwurzelung eingetreten, die sich auch auf ihre Berufstätigkeit auswirke. Drei Typen ließen sich unterscheiden: der aktive Typ, der den Beruf bejahe, der Erwerbstyp und der Berufstyp, der sich in nüchterner Weise mit den Gegebenheiten abfinde. Entscheidend sei hierbei die Einstellung zum Leben. Darüber hinaus komme es darauf an, ob durch ge­eignete Erziehung eine positive Lebenseinstellung mitgegeben ist. Die Folge davon zeige sich in jeder Lebenslage in der Meisterung oder Erfolglosigkeit des Augenblicks.

Eingesandt.

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)

Fahrplanwünsche an die Vlebertalbahn.

Bekanntlich fährt der Mittagszug der Dieber- talbahn 13.20 Llhr ab Gießen. Er trifft in Bieber 13.52 Llhr ein. Die Rückfahrt ab Bieber erfolgt erst 14.40 Llhr, Ankunft in Gießen 15.10 Llhr. Der Zug liegt somit 48 Minuten in Bieber still und hat in sehr vielen Fällen bei der Rückfahrt noch Verspätung. Eine große Anzahl Fahrgäste hat nun bei der Diebertalbahn den Wunsch geäuftert, den Mittagszug so zu legtn, daß wenigstens, be­sonders bei der jetzt kommenden kalten Jahreszeit, für die Fahrgäste die Möglichkeit besteht, nach Hause zu fahren, um ein warmes Mittagessen einzunehmen. Dies trifft hauptsächlich auf die Heuchelheimer Fahrgäste zu.

Die Verwaltung der Diebertalbahn hat dieses Ansinnen abgelehnt mit dem Bemerken, die Mehrzahl der Fahrgäste wolle an dem seit­herigen Plan festhalten. Lieber dieses Verhalten der Verwaltung der Biebertalbahn sind viele Fahrgäste sehr erbittert, denn die übergroße Mehrzahl ist anderer Meinung als die Verwal­tung und glaubt in dem Einwand eine Irre-» führung erblicken zu müssen.

Bei gutem Willen könnte man den Zug so legen, daß er 13.15 Llhr in Gieften abfährt und kurz vor x/215 Llhr in Gießen wieder eintrifft. Daft dies möglich ist, beweist die Biebertalbahn an anderen Stellen des Fahrplanes. Die Ver­waltung der Biebertalbahn führt weiter ins Feld, daß die Rangierarbeiten, besonders der Güterverkehr, während dieser Zeit geregelt würde. Dieser Grund erscheint in keiner Weise stichhaltig.

Der Morgenzug ab Gieften fährt 8.20 Llhr und ist 8.50 Llhr in Bieber, der nächste Zug mit Aus­nahme von Mittwoch, Samstag und Sonntag fährt erst in Bieber ab 11.25 Llhr. Gerade der Vorort Heuchelheim könnte eine viel geeignetere und bessere Verbindung haben, wenn nicht dieser unglückselige Vertrag mit der Diebertalbahn noch bestünde. Viele Fahrgäste

der Biebertalbahn.

Sie brach ab. Sie wagte den flammenden Augen gegenüber nicht, noch einmal etwas davon zu wiederholen, was sie gesehen hatte.

Wo befindet sich meine Kusine, wissen Sie es?"

Die Portera gab eilfertig Auskunft.

Nach einem furchtbaren Weinkrampf gestern abend brachten wir sie in meine Wohnung. Ich habe die halbe Nacht bei ihr gewacht. Sie ist heute früh vernommen worden, ich auch, und nun ist sie wieder in meiner Wohnung. Sie ist entsetzlich verstört."

Primo Duero vergaß in jäh aufquellenöent Mitleid völlig, wie schwer ihn Montserrat am Tage vorher beleidigt und ihm weh getan.

Ich möchte meine Kusine sprechen , erklärte er,es wird sie beruhigen, mich frei zu sehen."

Er dachte, die Portera hatte gestern mit ihrem Geschrei die ganze Umgebung förmlich in den entsetzlichen Glauben an seine Schuld hinei n- fuggeriert. Auch Montserrat. Er woltte ihr vergeben.

Er lächelte ein wenig, er freute sich auf ihre Freude, wenn sie ihn plötzlich vor fich stehen sehen würde.

Die Portera nickte:Kommen Sie, Sennor, ich führe Sie zu ihr."

Die Wohnung der Portera lag hinter der Porteria (Pförtnerloge), und die Frau führte ihn dorthin, klopfte an ein Zimmer, öffnete die Tür um einen Spalt.

Sennorita, es Ist jemand gekommen, der SIL gern sprechen mochte."

Primo Duero hörte Montserrats Stimme. Es war ein zitternder Klang darin, der sein Mitleid noch verstärkte. Sie sagte wie klagend:Schon wieder die Polizei? Man soll mich doch in Ruhe lassen, ich weift doch wirklich weiter gar nichts, als was man schon aus mir heraus- quetschte."

Da Jtleft Primo Duero, überwältigt von seinem Gefühl, die Tür völlig auf und trat lang­sam ein.

Montserrat!" Die Zärtlichkeit, die er seit langem für das reizvolle Mädchen empfunden, überwältigte ihn, als er sie totenblaft, mit großen, verstörten Augen vor sich sah. Sie hatte in einem urgroßväterlichen Armstuhl gesessen und sprang, wie von kraftvollen Händen gewaltsam empor­gerissen, bei seinem Anblick hoch.O santa mia, Nuestra Sennora de Montserrat, dul" Beide Hände, mit den Innenflächen nach auften, waren ißm entgegengebreitet wie zur Abwehr, die durch ihren Gesichtsausdruck noch verstärkt wurde. Was willst du hier, was willst du bei mir? Störe ich dich auch? Willst du mich mit deinem lautlosen Mordinstrument auch von der Erde bringen?

(Fortsetzung folgt.}

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