Ausgabe 
19.7.1930
 
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Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, (9. Juli (950

Nr. 167 Zweites Blatt

Oie deutsch-französische Verständigung.

Außenpolitische Umschau.

Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Derlin, TR. d. 51

3n seinem Paneu ropa-Memorandum schlägt Driand einen theoretischen Plan für eine Ä e u - Organisation Europas vor. Man kann aber nicht sagen, bah da, wo europäische Zu­sammenarbeit in der Praxis getätigt werden könnte, Frankreich vorangeht. Dabei haben wir im Augenblick besonders die Saarfrage im Auge, die durch Frankreichs Schuld und An­sprüche immer noch unerledigt geblieben ist. Die acht Monate lang hingezogenen Verhandlungen haben Anfang dieses Monats abgebrochen wer­den müssen. Der deutsche Standpunkt konnte dabei gar kein anderer sein als: Rückgabe d<S Eigentums an den Kohlengruben ohne Ein­schränkung an Preuhen und Bayern, und dann, daneben: Entgegenkommen gegen berechtigte wirt­schaftliche Wünsche der interessierten französischen Kohleyvcrbraucher. So hat der Außenminister das deutsche Programm formuliert. Und damit hätte der Rückkehr des Saargebiets in die deut­sche Souveränität kein Hindernis mehr ent- aegengestanden. Die Bestimmungen über die Qlb- stimmung 1935, über deren Ausgang ja auch auf französischer Seite gar kein Zweifel besteht, wären hinfällig geworden, und die Achtung vor der Souveränität, die Briand« Paneuropa- Denkschrift so stark unterstreicht, hätte sich einmal praktisch auSgewirkt.

Aber Frankreich hat es verschuldet, daß die Verhandlungen sich acht Monate lang im Kreise drehen mußte, weil es eine Beteiligung an den Kohlengruben des Saargebiets for­dert. Damit standen die beiden Programme, das deutsche und bas französische, einander von vorn­herein unüberbrückbar gegenüber. Deutschland lann gar nicht anders als verlangen, daß die Saargruben in den Staatsbesitz zurückkehren und daß von dieser Grundlage allein über eine wirt­schaftliche Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich verhandelt wird. Frankreich möchte billig und regelmäßig Saar­kohle geliefert bekommen. Die privatwirtschaft­lichen Einflüsse, die dabei auf die französische Regierung wirken, haben dieser beigebracht, die­ses französische Interesse sei nur dadurch zu ver­wirklichen, daß die französische Kohlenindustrie entweder direkt am Grubenbcsih oder wenigstens an einer Ausbeutungsgesellschaft beteiligt sei. Damit ist durch Frankreichs Schuld, indem feine Regierung ein Privatinteresse seiner Industrie sich zu eigen machte, die Frage auf den toten Punkt gekommen. Selbstverständlich spielt da­bei auch ein starkes politisches Moment mit, in­sofern, als mit der direkten Beteiligung an den Gruben der französische Staat natürlich seine Hände in den Angelegenheiten der Saar haben würde.

So ist Frankreich jetzt unzweifelhaft ein Vor­teil entgangen, weil Deutschland bereit war, bei Anerkennung seines prinzipiellen Stand­punktes und der Rückkehr der Saargruben in den Staatsbesitz die frühere Rückgabe des Saarge­biets mit wirtschaftlichen Vorteilen für Frank­reich zu bezahlen, die wegsallen, wenn 1935 sowieso die Dinge in ihre alte Ordnung zu- rückkehrcn. Wir lassen beiseite, ob die ganze An­lage, der Saarverhandlungen von deutscher Seite von Anfang an richtig gewesen ist und allo Möglichkeiten fest im Auge hatte. Diese nach­trägliche Kritik nützt heute nichts mehr, die Hauptsache ist, daß in jedem Falle der deutsche Standpunkt: Rückkehr auch der Gruben in den Staatsbesitz Bayerns und Preußens absolut fest gehalten werden muß und daß erst nach der Durchsetzung dieses Standpunktes die aller­dings durchaus notwendige Erörterung darüber beginnen kann, die wirtschaftspolitischen Inter­essen einer deutsch-französischen Gemeinschaft ge­rade an der Stelle zu verwirklichen, an der das Saargebict selbst interessiert ist.

So hat die Frage also leider nicht zum Aus­trag gebracht werden können. Sie muß weiter langsam reifen. Wir haben kein Interesse daran, sie zu forcieren, und das Saargebiet wird ebenso, wie es das Rheinland so lange getan hat. die Leiden des jetzigen Regimes weiter tragen und nicht verlangen, daß Deutschland mit unmöglichen Opfern eine frühere Befreiung erkauft. Aber die Frage sei wiederholt, ob man in Paris glaubt, mit dieser Methode und ihren Hintergründen, wie sie in den Saarverhandlungen zutage trat, die europäische Zusammenarbeit, den Paneuropage­danken überhaupt zu fördern. Dabei steigt doch offenbar in manchen weiterblickenden Köpfen Frankreichs die Idee immer stärker auf, daß Frankreich auch Deutschland einigermaßen braucht!

Es ist klar, was wir im Auge haben: d i e Spannung zwischen Frankreich und Italien. Der bekannte Außenpolitiker des Matin", S a u e r w e i n . der ein Vertrauens­mann von Briand ist, hat das in diesen Tagen zu erkennen gegeben, indem er besonders warm und was wichtiger ist mit neuen Gründen eine deutsch-französische Verbindung propagiert. Er sieht sich in Europa um, stellt fest, dah England und Italien für Driands Idee nicht in Frage kämen, und dah nur Deutschland übrig bleibe und dieses könne sich nur mit Frankreich verbinden, Frank­reich aber habe Deutschland vieles zu bieten. Alles das zählt Sauerwein auf, und bemerkens­wert ist, dah er es so entschieden tut. Er fagtek daß Frankreich allein Deutschland zu einer Er­leichterung der Reparationslast durch ein llebercinfommen mit Amerika verhelfen, dah cs allein ihm die Rückkehr zu einer Mi­litärmacht verschaffen könne, die eines gro­ßen Volkes würdig sei, und daß es allein ihm den Zusammenhang mit Ostpreu­ßen wieder Herstellen könne. Die Sorgen in Paris müssen doch schon ziemlich groß fein, wenn ein so erfahrener und besonnener Außen- Politiker derartig weit geht in der Aus­malung von Möglichkeiten, die doch von Frank­reich aus immer und immer wieder unbedingt ausgeschlossen worden sind. Was mag wohl Poincare gesagt haben, als er diesen Matin- Artikel las? Sauerwein selbst ist denn auch im letzten Punkte (Korridor und Ostpreußen), als

man ihm aus Polen auf den Leib rückte, zurück- gewichen, und stellte fest, er habe dabei nur Ver­esterungen auf dem Gebiete des Verkehrs ge­meint, während er jede Lösung auf Rückkehr des Korridorgebietes zu Deutschland für .entschieden gefährlich für den Frieden und zugleich im hohen Maße ungerecht" erklärt.

Wir nehmen diese Anregungen nicht über- mähig em ft Sie sind Blasen, nicht mehr, in einer Erörterung, deren Bild unausgesetzt wechselt die aber Europa immer mehr und immer stärker in Atem halten wird. Das ist eben das D e r - hältnis zwischen FrankreichundIta- l i e n. Briand hat Italien am 7. Iuli den Vor­schlag gemacht, bis Ende Dezember in den Flottenrüstunaen eine Pause eintreten zu lassen, die italienische Regierung hat darauf am 14. zustimmend geantwortet. Das ist nun nicht zu überschätzen, weil das Schiffsprogramm sowohl Frankreichs wie Italiens für dieses Iahr 1930 sowieso feststeht und in voller Ausführung ist und schwerlich von einer der beiden Mächte in diesem Iahre mit neuen Dchifssbauten über­schritten werden soll. Dieser Meinungsaustausch bat nur die Bedeutung einer gewissen Ent­spannung, die ermöglicht, die seit Wochen

unterbrochenen Verhandlungen wieder aufzu­nehmen.

Briand hat unbedingt diese Absicht, und auch in Rom sieht man wohl ein, daß die Methode der drohenden Reden und des Säbelrasselns weder eine friedliche Verständigung herbeiführt, noch Italiens Wünsche wirklich durchsetzt. Diese Wünsche gehen, wie bekannt, auf die Parität in der Flottenausrüstung mit Frank­reich, auf die Erleichterung der italienischen Einwanderung in Tunis unö auf fran­zösische Zugeständnisse an Italien an der GrenzezwischenTuniSundTripolis. Wie heute die Dmge liegen, kann Italien mit Gewalt diese Wünsche nicht durchsetzen. Heute ist es noch so. daß Italien wohl in jeder Be­ziehung Frankreich unterlegen ist und in einem Kriege mit ihm außerordentlich viel ris­kieren würde. Daher bleibt Mussolini auch gar nichts anderes übrig, alS in die Bahn der Ver­ständigung einzulenken. Aber, um es noch einmal zu sagen, wenn diese Verhandlungen von Frank­reich im Stil der Gespräche mit Deutschland über die Saar geführt werden, dann kommen sie ebenso wenig vorwärts, und die Gefahr eines französisch-italienischen Krieges lastet nach wie vor auf Europa.

Wetterleuchten im Kernen Osten.

Lebt Ltngern-Siernberg, der Herr der Mongolei? - Bürgerkrieg am Amur.

Wird Sibirien das Schicksal des Bolschewismus?

. on G von Ungern-Sternberg.

Rachkornrne der Kreuzritter und Seeräuber nannte sich Ungern-Sternbcrg. der Freund des Lebenden Buddha, des Hutuktu von Urga, der Herrscher über die Mongolei, der in der Revolution ein Werk des Teufels sah und mit grausamer Härte, mit dem Glauben eines Don Quichotte und mit der Ucberzeugung eines Inquisitors den Bolsche­wismus auszurotten versuchte, der im Fernen Osten von den einen als ein höheres Wesen verehrt, von den anderen verflucht wurde. Es hieß, Ungcm-Stcrnberg sei von seinen Offizieren verraten worden und die Bolschewiken hätten ihn erschossen. Die Mongolei geriet unter die Herrschaft der Roten, der Lebende Buddha wurde seiner Macht entkleidet und derGroße Rat", der Huruldan, spielt in Urga die Rolle der Sowjets.

Ieht, nach zehn Iahren, kommt aus dem Femen Osten die Rachricht, daß Baron ilngem- Stemberg durch ein Wunder aus den Händen der Bolschewiken gerettet worden sei und sich in ein Buddhistenkloster in Ti­bet zurückgezogen habe. In Chardin ist, aus Ljassa kommend, ein burjatischer Lama, Muniku Zibenow, eingetroffen, der behauptet, mit Ungern-Stern&erg in einem abgelegenen Kloster gesprochen zu haben. Der General sei kaum wiederzuerkennen gewesen. 3m gelben Mönchsgewand der Lamas gehe er schweigend auf dem Klosterhof spazieren und kümmere sich wenig um die Dinge dieser Welt. Der Dalai Lama in Ljassa lade ihn häufig zu sich ein und verrichte mit ihm die vorgeschriebenen Gebete. Ungern prophezeit, dah die Herrschaft der Dol- schewilen, trotzdem sie noch weitere Erfolge haben würden, nicht mehr allzulange dauern würde. Die Mongolei werde sich zuerst von der roten Geißel befreien, dann werde er aus dem Kloster in die Welt zurückkehren und die Erde vom Bösen zu befreien helfen.

General Ängem-Stcmberg entstammt einem Zweige seiner weitverbreiteten Familie, die immer für Geheimwissenschasten und für die Geheimnisse des fernen Tibet großes Interesse gezeigt hat. Vielleicht schon in den Petersburger Salons, sicher aber im Verkehr mit gelehrten burjatischen Mönchen und mit den Lamas in der Umgebung des Hutuktu, hat er in Urga Beziehungen mit dem verschlossenen Lande Tibet anknüpfen können, die ihm jetzt, wenn feine Rettung nicht eine Legende ist, von Ruhen ge­wesen sind. Angeblich waren es die Mahatmas in Tibet, die Brüder der weihen Loge, die Helene B l a v a h k Y, die Begründerin der Theo­sophie, inspirierten und ihr Dinge offenbarten, die sie in derGeheimlehre" und in derent­schleierten Isis" niedergelegt hat. Ungern-Stern- berg war Theosoph. Wenn er seinen Henkern entronnen ist, so muhte ihn sein Weg in die wilden Einsamkeiten Tibets führen, um durch Meditation und durch das Sichversenken in die Welt des Uebersinnlichen neue Kräfte für den Kampf mit dem Bolschewismus, der für ihn die irdische Berkörperlichung des Bösen ist, zu sam­meln.

Legende oder Tatsache! Die Rachricht allein, dah Baron Ungem-Stembcrg' lebt, hat im Fernen Osten toie ein Funke gezündet und seinen Ramen zu einem Symbol in den Aufständen und Kämpfen gegen den Bolschewismus gemacht. In den Gebieten um den Amur gärt es, in der Taiga sammeln sich bewaffnete Scharen von Bauern, Ansiedlern und Qlbenteurcm, die, wo immer sie sie finden, die Roten angreifen_ und sie auf reiben. Die bolschewistischen Behörden haben aus Chabarowsk und aus Wladiwostok Truppen gegen die Aufständischen geschickt, aber die Soldaten desertierten und gingen zum Teil zu den Rebellen über. Kaum dah sich die Rach­richt von der Rettung Ungem-Stembergs ver­breitet hatte, entschlossen sich auch Schew- t s ch e n k o und Borissow, sich der weißen Bewegung anzuschliehen. Diese beiden Ramen besagen in Europa wenig, um sie spinnt sich aber im Fernen Osten eine ganze Legende. Diese beiden Männer waren es, die in den Iahren 1919 und 1920 Freischaren gegen die Iapaner aufstellten, die mit unnachahmlicher Tollkühnheit, bald hier, bald dort auftauchten, die feindlichen Abteilungen umschlichen und ihnen schwere Verluste beibrachten. Sie bildeten damals eine Vorhut der Bolschewiken, wandten sich auch gegen die weihen Truppen des Ataman Kal­mykow, brachten an der Eisenbahnstrecke am Uffuri zahlreiche Proviant- und Miltärzüge zum Entgleisen und verschwanden. wenn sie von starken Militärabteilungen verfolgt wurden, unauffind­bar in der Taiga. Aber die Bolschewiken lohnten ihnen schlecht die geleisteten Dienste Schcw- tschcnko und Borissow sahen sich bald gezwungen, wieder ihr altes Gewerbe von Tigerjägern und Goldsuchern auszunehmen, aber wo immer sie

in den Ansiedlungen erschienen, wurden sie wie Helden gefeiert, und Hunderte von jungen Leu­ten erklärten sich bereit, unter ihrer Führerschaft in den Tod zu gehen.

Die Stadt Spask ist in ihre Hände gefallen, die bolschewistischen Behörden und Kommissare wur­den niedergemacht, an der Ducht der Heiligen Olga und im Gebiet von Eutschansk sind die Bolschewiken vertrieben, und in der sommer­lichen Taiga wütet der blutige Bürgerkrieg. Der Sommer ist glutheiß in Sibirien, am Amur und am Uffuri gibt es Wälder und Gebiete, in denen fein geschriebenes Gesetz anerkannt wird, in denen der der Herr ist, der zuerst schießt. In der Taiga sammeln sich die Partisanen, in der Taiga haben sie ihre Waffenlager, aus der Taiga brechen sie wie Wölfe hervor und vernichten die ihnen ver­haßten Roten. Bis Wladiwostok hinauf zündet der Aufruhr, und es ist wahrscheinlich, dah es Borissow und Schwetschenko gelingen wird, dort die Bolschewikenherrschaft zu brechen. Seit Graf Murawjew-Amursky den Osten Sibiriens für Alexander 11. in Besitz nahm, hat sich oft genug das Schicksal der Völker im Femen Osten zu­sammengebraut. Wegen der Wälder am Ialu- fluß brach der russisch-japanische Krieg aus, wegen der Mandschurischen Eisenbahn kämpften Bolschewiken und Chinesen, ein Streit, der noch heute nicht beigelegt ist, und in der Mongolei wartet das Geheimnis zukünf­tiger Ereignisse. Aus jenen Bergen, die als blaues, zackiges Band am Horizont erscheinen, wenn der Eifenbahnzug sich Irkütsk nähert, drang einst die Geißel Gottes, Dschingis-Khan, hervor und erfüllte Europa mit feinem Schrecken. In der Mongolei unterlagen die Truppen Un- gern-Stembergs dem Andrang der Bolschewiken, an deren Evangelium damals noch viele glaubten, und der Feme Osten wurde bolschewikisch. Zehn Iahre sind im Werden der Völker eine kurze Spanne Zeit, aber der Puls des Völkerlebens jagt im Fieber, die Ereignisse überstürzen sich, und die Götter, denen man noch gestern opferte, werden abgesetzt. Lebt Ungem-Stembetg? Hat der burbatische Mönch in Chardin die Wahr­heit erzählt? Es kommt weniger auf die Tatsache an, als darauf, daß wieder der Rame des Mannes in Asien als Symbol aufgeftellt ist, um den sich die Feinde der Roten Revolution sammeln.

Die Landstrecken am Amur und am Uffuri sind mehr als 10 000 Kilometer von den Kultur­zentren Europa entfernt. Am Amurbogen gibt es weite Gebiete, die kaum erforscht sind, wo sich Schamanen, Goldgräber, Tigerjäger und Aben­teurer ein Rendezvous geben. Dort leben aber auch Grenzkosaken und Bauern aus dem Innern Rußlands, die dort angefiebelt wurden, ein star­ker. kampfgeübter Menschenschlag, der sich jetzt unter Führung derKönige der Taiga", Borissow und Schewtschenko, gegen die Bolschewiken empört hat Das Echo von den Känwsen am Amur dringt nur ganz leise und abgeschwächt nach Europa, das seine eigenen Sorgen hat und nicht weiß, wie cs mit ihnen fertig werden soll. Hätte Osscndowsky nicht sein vielgelesenes Buch Tiere, Menschen und Götter" geschrieben, so würde die Welt auch wenig von Ungem-Stem- berg, von der Legende, die sich um seine Person gebildet hat, und von den Kämpfen im Femen Osten wissen. Ein Sowjetfilm zeigt uns den Sturm über Asien". Dort schlummern ungeahnte Kräfte, dort leben andere Menschen, als wir sie zu sehen gewohnt sind. Die Sage von den großen Brüdern der Weihen Loge und »oft den Mahat­mas in den Gebirgseinsamkeiten Tibets, die an­geblich auf die Geschicke der Menschheit Einfluß nehmen, mag ein Traum der Theosophen fein, aber wer weiß, ob das Schicksal Asiens nicht auch uns zum Schicksal wird. Die Aufstände am Amur haben vielleicht nur Bedeutung für jene entlegene Welt, vielleicht aber sind sie die ersten Flammenzeichen eines neuen Sturms über Asien, das Wetterleuchten einer neuen Epoche, die sich ankündigt.

Taten für Tonntag, 20. Juli.

1304: der Dichter Francesco Petrarca in Arezzo geboren; 1497: Kaiser Maximilian bestätigt urkundUch die Leipziger Mehprivilegien; 1849: der Maler Max Liebermann in Berlin geboren; 1880: der Philosoph Graf Hermann Keyserling in Koenno in Livland geboren; 1903: Papst Leo XIII. in Rom gestorben.

Taten für .ontag 21. Juli.

Sonnenaufgang 4.07 Ufjr, Sonnenuntergang 20.04 Uljr; Mondaufgang 23.59 Uhr, Mond­untergang 16.05 Uhr.

1858: der Maler Lovis Corinth in Tapiau geboren; 1886: der Waler Karl v. Piloty in Arnbach gestorben.

Oie Reichsreform und Hessen.

Auf Einladung der Historischen Fach­schaft der Landesuniversität sprach am vergangenen Mittwoch Archivdirektor Prof. Dr. I. R. Dieterich. Darmstadt, über .Di« Reichsreform und Hessen, mit besonderer Berück­sichtigung der historischen Voraussetzungen".

'Der Vorsitzende der Historischen Fachschaft so schreibt man uns bemerkte einleitend, daß man gerade in Gießen besonderes Interesse für das Thema vorauSsetzen dürfe, da daS Problem durch hiesige Univerfitätsproscssoren in einer Reihe von Aufsätzen desG.eßcner Anzeigers" von verschiedenen Seiten beleuchtet worden sei. Deshalb habe die Fachschaft den Dortrag der Allgemeinheit zugänglich gemacht.

Der Redner betonte zu "Beginn feiner Ausfüh­rungen, es könne nicht seine Ausgabe sein, über die Reichsreform vom politischen Standpunkt auS zu sprechen; er wolle als Historiker nur ihre histo­rischen Voraussetzungen für Hessen behandeln. Allein auf denFrankfurter Plan" von QL Weitzel und den von ihm beeinflußten ,Rhein- Mainischen Atlas" der Frankfurter Geographen Dehrmann und Maull werde er näher eingehen. Dieser Plan, der das Rhein-Main-Gebiet alS eine GroßprovinzRheinfranken" mit dem Frank­furt-Mainzer Becken als Mittelpunkt bei einer Reugliederung des Reiches gebildet wissen wolle, fei durchaus utopisch: denn er rechne nicht mit den gegebenen Tatsachen und gehe von falschen Vor­aussetzungen aus. Prosessor Dieterich zeigte bann, gestützt auf die Forschungen von Gg. Wolff und E. E. Stengel, daß diesesRheinsranken" seit dem frühesten Mittelalter eine Mischbevölkerung ge­habt habe, die nie unter einem einheitlichen Ramen, etwa als Chatten ober als Franken auf­getreten sei. Don einem rheinfränkischen Stamme könne man daher nicht reden; der 'Begriffrhein- fränkisch" könne nur auf die Mundart dieser Landschaft angewandt werden. Durch Olufzählen der mannigfaltigen Siedlungsschichten rechtfer­tigte der Redper diese Dehauptung. Im Laufe der Zeit hättest sich in diesem Raum fünf größere Staaten entwickelt: Hessen-Kassel. Hessen-Darm­stadt, das Erzbistum Mainz, die Kurpfalz und die Grafschaft Rassau. In den ersten drei Iahr- zehnten des 19. Iahrhundcrts seien das Erzbis­tum Mainz und die Kurpfalz verschwunden. 1866 Kurhessen und Rassau. Heute müßten an der Bildung eines lebensfähigen mittelrheinischen Staates folgende Gebiete beteiligt werden: Preu­ßen mit der Provinz Hessen-Rassau und der Rheinprovinz, Bayern mit der Rheinpfalz und dem Aschaffenburger Decken, "Baben mit der rechtsrheinischen Pfalz, Olbcnburg mit Birken­feld und der Volksstaat Hessen. Das Gefühl der Verbundenheit und die Zusammengehörigkeit in­nerhalb dicicr Gebiete sei so stark und fest, trotz­dem die Grenzen erst seit hundert Iahren be­stünden, daß kein Reichsreformplan dieses Mo­ment unberücksichtigt lassen dürfe. Die bisherigen Vorschläge aber, sowohl der des Unterausschusses der Länderkonferenz als auch der des Dundes zur Erneuerung des deutschen Reiches (Luther- bund). erstaunten durch die geringe Beachtung der historischen Voraussetzungen und der heutigen Verhältnisse. Der hessisch« Staatspräsident Dr. Adelung habe mit Recht seinen Einspruch gegen diese Pläne geltend gemacht, die ja auch von namhaften Gießener Professoren genannt seien nur der Historiker Aubin und der Slaais- rechtler Gmelin nicht gebilligt würden.

In seiner SchriftDas geschichtliche Recht der hessischen Landschaft" habe der Marburger Histo­riker E. E. Stengel den auch nach des Rednev Ansicht einzig gangbaren Weg zu einer Ver­einheitlichung gezeigt: Hessen-Rassau und der Volksstaat Hessen müßten vereinigt werden, doch so, daß man jedem Teil sein Lebensrecht sichere. Dieses Gebiet wäre dann gleichzeitig der un­bedingt notwendige Pufferstaat, der die Span­nungen zwischen Rorden und Süden (Mainlinie!) auffangen und neutralisieren könnte. Das von

Weitzel, Frankfurt, vorgeschlageneRhein­franken" dem man ehrlicher die Bezeichnung

Groß-Frankfurt" gegeben hätte, sei zu stark süddeutsch orientiert, um für diesen Ausgleich

in Frage zu kommen.

Der Redner erklärte abschließend, seiner An­sicht nach könne man nur durch eingehende Ver­handlungen zwischen den zunächstBeteiligten der Lösung des Problems näher kommen, nicht aber durch verallgemeinernde Vorschläge von oben; er wies als Beispiel auf die gründlichenBera­tungen über alle Einzelfragen hin. zu denen sich seit fast einem Iahr die evangelischen Kirchen­behörden von Hessen-Kassel, Hessen-Darmstadt, Hessen-Rassau und Frankfurt zusammenfinden.

Die Ausführungen, die durch ihre ausgezeich­nete historische Grundlage überzeugend wirkten und deren ernster Bedeutung sich keiner der Zu­hörer wird verschließen können, wurden mit reichem Beifall aufgenommen.

Der evang. Befreiungsgottesdienst in Mainz.

Wie wir erfahren, wirb die Regierung der evangelischen Landeskirche sich geschlossen an dem morgigen Des rei ung s - gottesbienst in der Christuskirche in Mainz beteiligen, zu dem bekanntlich der Reichspräsident Hindenburg fein Erscheinen zugesagt hat. Olis Vertreter der Landeskirche werden Prälat v. Or. D ie h l und Vizepräsident Or. Dah lem mit den beiden Geistlichen der Christuskirche den Herrn Reichspräsidenten am Portal empfangen und in die Kirche geleiten.

Zu dem Dcfreiungsgottesdienst begehren Zehn- taufenbe Einlaß. Da nur ein Teil davon in der Kirche Raum finden kann, muhten der Ord­nung halber Karten ausgegeben Werdern Dor der Kirche sind Lautsprecher ausgestellt, so bah alle, bie in Ordnung sich vor der Kirche sammeln, an dem Gottesdienst teilnehmen können. Die Festpredigt wird der Superintendent von Rheinhessen, Oberkirchenrat Zentgraf (ONainz) halten.

Briefkasten Oer Redaktion.

2 andpost. Es handelt sich in Ihrem Falle um eine uns unbekannte Angelegenheit eines preuhischen Gemeindebeamten, oder Ge­meindehilfsbeamten. Wir empfehlen Ihnen, falls Sie dort zu einer Einigung nicht kommen können, sich an das Landratsamt Wetzlar und erforder­lichenfalls noch an den Regierungspräsidenten in Koblenz zu wenden.