Konstanze.
Roman von Karl Heinz Voigt.
Urheber-Rechtsschutz Verlag Oskar Meister, Werdau
40. Fortsetzung. Nachdruck verboten
Sein Entschluß stand fest. Er begab sich ins Hotel, packte seine Koffer. — Am nächsten Morgen fuhr er nach Partenkirchen ab.
Bald hinter München zeigten sich in dunstiger Ferne die bläulichen Schatten der schneebedeckten Boralpenkette. — Weih war das Land, grell leuchtete die Sonne auf beschneite Felder und Wiesen. Immer plastischer schoben sich die Konturen der Berge aus ihrem nebelartigen Hintergründe hervor. Schließlich fuhr der Zug in Garmisch ein.
Das Hotel, in dem er früher schon einmal gewohnt, war stark beseht. 3m obersten Stock war noch ein Zimmer srei.
Der Ausblick auf die Berge war schön und ergreifend. — Der Winter ist in den Alpen von einer stillen, majestätischen Pracht.
Hier am Fenster stand Lothar so manchesmal, wenn das starke Schneegestöber ihn an das Zimmer band.
Seine Gedanken klärten sich, ein Abglanz der majestätischen Erhabenheit dieser Berggiganten da drüben breitete sich über seine Seele. Das wur-> den Stunden der Erinnerung, des geheimen Sehnens und der stillen Wünsche.
Lothar vermied es, mit den Gästen des Hotels in nähere Berührung zu kommen. Er wollte diese wenigen Tage hier ganz für sich haben. Eine innere Sammlung bedeuteten ihm diese Tage. —
Unten im Speisesaal versuchte einmal ein älterer Herr, der unbegreiflicherweise noch Hochtouren machte und zwar mindestens über zwei- tausendfünfhundcrt Meter Höhe, ihn in ein Gespräch zu ziehen. Er fragte, ob Emmerstorff sich ihm nicht anschliehen möchte. Er hätte morgen eine Tcgespartie vor. „Hur sanfte Steigung", sagte der alte Herr, aber die übrigen Gäste lachten. Ein junger Mann, der einmal eine Tour
mtt dem Bergsteiger gemocht, erklärte, daß diese „sanfte Steigung" mindestens dreitausend Meter bedeutete.
Lothar lehnte die Aufforderung des alten Sportsmannes höflichst dankend ab.
Die Gäste zerstreuten sich in die eleganten Säle des Hotels, in denen allabendlich getanzt wurde. Bald erklangen Saxophon und Banjo. Lothar aber entfloh diesem gesellschaftlichen Treiben.
Am vierten Tage seines Aufenthaltes in Partenkirchen unternahm Lothar eine größere Tour. Er nahm sich kein festes Ziel vor.
Die Wintersonne glänzte über der stillen Ratur. Ringsum glitzernde Helle. — Er hatte einen einsamen, schneeverwehten Weg gewählt und stieg nun langsam bergan.
Die Luft war dünn und kalt.
• Bald hatte Lothar einen felsgeschützten freieren Pfad gesunden und klomm nun ohne Mühe langsam höher und höher. Seitwärts begleiteten ihn die weitzvermummten Kappen der Radelhölzer, die immer kleiner wurden, bis sie sich im Knieholz verloren.
Er hielt seinen Schritt an. Das Auge schwerste über die greifbaren nahen Firnfelder. — Himmel und Gletscher flössen zusammen in einer weißbläulichen Stahlfarbe.
Rach langem Versäumen und Versinken in die weihevolle Stille der Ratur nahm Lothar seine Wanderung wieder auf. — Die Sonne hatte ihren höchsten Stand längst erreicht. Das Blinken des Firmaments erlosch allmählich. Schon begannen die Schatten der Dämmerung ein mattes Licht über die Firnen auszugießen.
Richt hoch war er gestiegen, greifbar nahe lagen die Häuser Partenkirchens, aber es war ihm, als wäre er fern der Welt, fern den Menschen. schwebend in einem unwirklich sphären- haften All. Sein Blick wanderte jetzt über die erstarrten und kristallisierten Schmelzwasserseen aus weißem, blasigem Eis — dort über ihm in der dunstigen Bläue dieses sinkenden, kurzen Tages.
Ein kalter Frostnebel schwebte zwischen den Tälern, glomm langsam näher, höher und begann wie mit Radeln die Haut des Wanderers zu stechen.
Da gewahrte Lothar Fußspuren frt dem *2tcu- schnee. Seht an! Auch andere Touristen schienen heute hier herauf gestiegen zu sein.
Als die Dämmerung sich schon stark verdichtet hatte, erreichte er den Wald. Lothar spürte eine leichte Müdigkeit. Da sah er einen Menschen vor sich hergehen. Als er näher kam, gewahrte er eine Frauengestalt. — Jetzt kehrte sie ihm das Gesicht zu. Bei dem Schleier der Dämmerung erkannte er, ohne zu begreifen: Konstanze.
Sie war es und sie war es auch wieder nicht.
Es folgte ein gegenseitiges Erkennen. Ganz unwillkürlich blieb sie stehen und starrte dem Einsamen ins Gesicht.
„Konstanze!" rief er und der Rame klang wie eine zweifelnde Frage.
„Lothar!"
Ihre großen Augen füllten sich mit Erstaunen und Schreck.
Dann geschah etwas Seltsames: Die beiden einsamen Menschen reichten sich die Hände. Blick lief in Blick.
Sehr schon sah Konstanze aus. Lothar gewahrte dumpf, daß die Zeit ihre Züge verschärft hatte. — Sie war es und doch war sie es wieder nicht. — Etwas seltsam Unbekanntes lag über ihrer äußeren Erscheinung. Vielleicht war es der Schein des Leides, der ihr Gesicht verklärte und der Lothar so seltsam verwirrte. — Er fühlte, es lag etwas Ergreifendes in diesem Zusammentreffen hier im Angesicht der schweigenden Ratur, in Gottes Rähe.
Auch sie empfand wohl so. Sie wollte reden, aber eine unbestimmte Empfindung verschloß ihr lange Zeit den Mund.
Schließlich kam es zögernd von seinen Lippen: „Ich glaubte, du seiest in München, Konstanze? — Ich wollte dich dort singen hören."
Sie schien sich nur schwer in die Wirklichkeit zurückzufinden.
„Ich singe in einigen Tagen wieder", erklärte sie. „Ich benutzte die kurze Freizeit zu einem Ausflug hierher."
Er schwieg. Sie beide hatten plötzlich die Erkenntnis des Schicksalsmähigen, das in ihrem Zusammentreffen lag.
„Ich wage nicht, diese Stunde dem Zufall zuzuschreiben, Konstanze", sagte er dann leise.
Eie sah ihn fragend an. Ihre Augen schienen < größer geworden zu sein. Sie blickten stets so voller Verwunderung.
„Schicksal?" fragte sie.
Er nickte: „Ich glaube."
Sie waren langsam weitergegangen. Unter einer hohen Tanne, mit tief herabhängenden schneebelasteten Zweigen stand eine Steinbank.
Er säuberte den Sih. Sie ließen sich nieder.
„Diese Stunde hat uns zusammengesührt, Konstanze/ — Darf ich sprechen? — Willst du mich anhören?"
Sie machte eine Handbewegung, die er als Zusage deutete.
Run quoll alles, was er in der Zeit, da sie von ihm gegangen, erlebt, aus seinem Innersten heraus. Er legte sein Unglück und seine Irrfahrten in die weihen Hände dieser Frau. Er schonte sich nicht. Er wühlte all sern-unrecht hervor. Rannte Julias Ramen. Er sah Konstanze dabei ins Gesicht. Ihre Mienen waren aus Stein. Keine Regung spiegelten sie wider. — Er fuhr fort in seiner Selbstanklage, schob all das, was ihn ins Elend gebracht, auf sich selbst. Richts von einer Anklage gegen sie. Kein Vorwurf, daß sie ihn verlassen, daß er elend geworden durch ihre Schuld. „Rachdem du von mir gegangen, Konstanze, empfand ich erst, was du mir warst. Jetzt, da ich dich vor mir sehe, weiß ich, daß ich dich brauche, um leben zu können", endete er. — „Du bist von mir gegangen, gut!" fuhr er dann fort. „Ich konnte dich nicht halten und ich wollte es auch nicht. Du meintest, es sei dein Glück, wenn du aus meinem Hause gingst und ich durfte deinem Glücke nicht hinderlich sein. — Wenn ich nun die andere Frau heirate, Konstanze, so wird mein Innerstes doch dir gehören, während es der anderen gegenüber tot sein wird. — Jetzt erst weiß ich, daß zu einer Ehe mehr gehört als Achtung. — Jetzt verstehe ich deine damaligen Worte, die ich mir in letzter Zeit oft überlegt habe. Es gehört tiefste Harmonie zu dem Lebensbunde zweier Menschen. — Du wirst der Musik leben und wirst durch sie Glück und Freude zu den Menschen bringen. Ich aber werde gehen ..." '
(Schluß folgt.)
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in der Bearbeitung von Wolfgang Graeser
Leitung: Dr. St. Temesvary
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Eintrittskarten: 1.50 und 1.—Mk., Schülerkarten 75 Pf. bei Ernst Challier, jetzt Neuenweg 10, und abends an der Kasse. Studentenkarten 75 Pfennig nur im Vorverkauf bei Herrn
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