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Nr. 244 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Samstag, 18. Oktober 1950

Zlandstaatenpolitik im Osten und Güdosten.

Außenpolitische Umschau.

Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Pros, der Geschichte an der Universität Äerlin.

Die Wahlen in Finnland am 2. Oktober hoben den bürgerlichen Parteien eine Zweidrittel- Mehrheit gebracht: und damit auch die Zwei­drittel-Mehrheit, mit der sie die sog.Lappo"- Gesetze gegen die Kommunisten verfassungs­ändernd durchsetzen können. Die Sozialdemokraten haben 67 Mandate gewonnen, die Kommunisten, die keine eigenen Kandidaten aufstellen dursten, kein einziges. Die eigentlicheLappo"-Partei, die finnische Sammlungspartei hat 42, die Agrar­partei 50 Mandate erzielt. Das Ergebnis ist also ein bürgerlicher Sieg.

Auch imMemellandc fanden Wahlen statt, am 10. Oktober. Ihr Ergebnis war, unter stärkster Wahlbeteiligung, je zehn Sitze der beiden deut­schen Bürgerparteien (bei 59 im ganzen) und die Aufrechterhaltung der bisherigen politischen Willensbildung. Der Memelländische Landtag hat eine überwältigende Mehrheit für deutsche Autonomie des Memellandes. Demgemäß muh das Direktorium, das nach den Genfer Ab­machungen sofort zurückzutreten hat, neu gebildet werden.

Diese Memelwahlen spielten sich auf bem Hintergründe einer deutsch-litauischen Auseinandersetzung ab, die Deutschland bei der andauernden Renitenz Litauens jetzt vor den Bölkerbundsrat gezogen hatte. Litauens Dölkerbundsvertreter in Genf hat es auf die Berhandlungen dort nicht ankommen lassen, son­dern sich mit dem deutschen Außenminister über die deutschen Beschwerden geeinigt: das li­tauische Direktorium in Memel sollte an Stelle von drei Litauern, zwei Memelländer und einen Litauer erhalten, bis zu den Wahlen im Amt bleiben und dann im Verhältnis zur Zusammen­setzung des neuen Landtages neu gewählt werden. Außerdem sollten die Preh- und Versammlungs­freiheit wiederhergestellt werden. Damit schien der ewige Memelstreit in direkter Verhandlung zwischen den Ministern C u r t i u s und Z a u - nius beseitigt zu sein. Aber als der litauische Auhenminister nach Kowno zurüctkam, stieh er auf so großen Widerspruch gegen seine Haltung in Genf, dah er zurücktrat. Man warf ihm vor, bah seine Zugeständnisse weit über die Verpflich­tungen aus der Memelkonvention hinausgingen. Die litauische Regierung erfüllte auch die Zusagen nicht-«der nicht rechtzeitig. Dementsprechend hat auch der Generalsekretär des Völkerbundes ein­gegriffen mit dem Hinweis, dah das Ziel der Genfer Vereinbarungen, die Freiheit der Wahl zu sichern, nach der Haltung der litauischen Re­gierung nicht erreicht werden konnte, und forderte demgetnäh Litauen zum Bericht darüber auf.

Roch wichtiger ist der Hintergrund, auf dem sich das alles abspielt. Der Rücktritt des Außenministers zeigt, wie gespannt die Lage inKowno ist. Die Opposition, die den Minister Zaunius stürzte, die christlichen Demokraten, grif­fen ihn an wegen seiner deutschfreundlichen und polenfeindlichen Politik. Sie drängt in die Re­gierung und strebt offenbar auch eine Aenderung des außenpolitischen Kurses an, d. h. von der deutsch-russischen Orientierung weg zu der Ver­ständigung mit Polen! Der gestürzte Diktator Woldemaras, der den polenfeindlichen Kurs mit aller Konsequenz steuerte und die Wilnafrage immer offen hielt, war barum auch immer ein Gegner der katholischen Geistlichkeit seines Landes, die zu dem polnischen Klerus enge Beziehungen hat. Jetzt scheint also eine andere Richtung offen aufzukommen, im Innern wie in der Außenpolitik.

Deutschland hat stets den Standpunkt vertreten, dah Litauen selbständig bleiben müsse und ein wichtiges Glied zwischen ihm und Rußland sei. Die Verhandlungsweise und Starrheit der litauischen Politik sowie vor allem natürlich ihre Behandlung der Memelfrage und die Ver­gewaltigung der Memelländcr hat diese Arbeit oft unmöglich gemacht, jedenfalls ungemein er­schwert. Wenn sich aber nun Litauen zu Polen

wendet und über die Wilnafrage eine Ver­ständigung anstrebt, so eröffnet das unerfreuliche Aussichten für uns! Das Memelland wird noch gefährdeter als es jetzt schon ist. und der sog. Baltische Bund, der Zusommenschluh der Randstaaten unter polnischer Führung, tritt dann tatsächlich in den Bereich der Möglichkeit. Er war so lange unmöglich, als der polnisch-litauische Gegensatz unversöhnt blieb. Dann konnten Lett­land und Estland die Verbindung nicht finden und alle Bemühungen dieser Art. auf einer Reihe von Konferenzen immer wieder versucht, mußten scheitern. Wenn sich jetzt wirklich eine litauisch- polnische Verständigung anbahnte, so wird ein Z u s a m m e nschluh der Randstaaten unter Führung von Polen möglich, auch wenn in ihm Finnland nicht vertreten sein würde. Dos ist eine unerfreuliche und peinliche Aussicht. Diese Konstellation scheint der größere Hinter­grund des Memelstreites zu sein, die selbstver­ständlich auch Ruhland sehr interessieren muh.

Ein ähnlicher Zusammenschluß, wie er für die Randstaaten im Osten angestrebt wird, wird jetzt sehr interessant auf einer Konferenz der Balkan st aaten für Südosteuropa er­örtert. Zum ersten Mole in der Geschichte sind Vertreter aller Dalkanvölker zusammengekommen. Wenn auch die Konferenz nicht offiziell, keine Regierungskonferenz ist, so vertreten doch alle Delegationen in Athen die amtliche Auffassung ihres Staates. Es sind anwesend: Griechen, 2ll- bonier, Türken. Jugoslawen, Bulgaren und Ru­mänen. Die Wichtigkeit dieser Zusammenkunft wird dadurch unterstrichen, daß an ihr als Beob­achter Vertreter des Völkerbundes, der Vereinig­ten Staaten von Amerika und der Basler Dan? für internationale Zahlungen teilnehmen.

Die Konferenz wird große praktische Erfolge nicht erzielen, ober dah sie überhaupt stattfindek,

dah damit der alte und notwendige Gedanke einer sog. Balkanföderation zum ersten Male aktuell und besprochen wird, ist interessant und bemerkenswert. Wie aus wirtschaftlichem Ge­biete die Zusammenschluhidee in Europa an dieser Ecke am stärksten ift wir meinen die Agrar- konferenzen des Südostens unter rumänischer Führung. so scheint hier auch auf politischem Gebiet die Idee nun vorwärtszugehen.

Was kann sie praktisch erreichen, da ja doch keiner dieser Staaten seine Souveränität aufgeben will? Schon die gemeinsame Erörterung gemein­samer Angelegenheiten ist wichtig: die Konferenz ist gelungen, wenn sie es fertig bringt, dah irgendwie organisch regelmäßig so weiterge­arbeitet wird. Die tragende Idee aber ist ein Balkan-Locarno, allo der gegenseitige Richtangriffspakt, und eine Vereinigung im Sinn eines Staatenbundes, wobei man etwa an die Form des Deutschen Bundes vor 1870 denkt. Dieser Bewegung ist große Bedeutung beizu­messen. Richt nur unter dem Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit, daß kleinere Staaten sich zu- sammenschliehen, um die Unvernunft der Grenzen zu überwinden und ihr Gewicht zu steigern, sondern auch unter dem ihrer Unabhängigkeit von den Großmächten. Die Athener Konferenz ist felbstverständlich getragen von dem Willen: der Balkan den Balkan st aaten!, und dem Widerstand gegen eine französische oder italienische Politik, die den Balkan noch be­handelt, wie er vor dem Berliner Kongreß be­handelt wurde, als Epielball der großen Politik und als Rivalitäten-Gebiet der Großmächte. Dem europäischen Frieden kann es nur dienen, wenn, indem die Balkanstaaten ihr Schwergewicht durch Zusammenschluß verstärken, Reibungen und Gegensätze zwischen Frankreich und Italien auf dem Balkan geschwächt oder unmöglich gemacht werden.

Familienzwist im Empire.

OerDorzugszoll auf der britischen Reichskonferenz. Gnadenfrist fürMacdonald.

Bon unserem 01.-Berichterstatter.

Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. London, Oktober 1930.

Die Krise auf der britischen Weltreichskonserenz hat plötzlich und scyarf eingesetzt. Sie berührt nicht nur die Verhandlungen, sie bedroht auch in ge­fährlichster Weise die Regierung Macdonald. Un­ter der Führung des kanadischen Premierministers Bennett sind die Dominio.vs vor,.estohen und haben England die unzweideutige Frage vorge­legt, ob es zu einer Vorzugspolitik bereit ist oder nicht. Hierauf gab Macdonald zu­nächst keine Antwort. Er ist in die Defensive gedrängt: der Angriff war stärker als die Ver­teidigung. Bennett führt. Australien, Reuseeland und Reufundland unterstützen ihn mit ganzem Herzen, Südafrika leiht ihm mächtigen Beistand, obwohl es den Ausbau der Handelsbeziehungen innerhalb des Weltreiches etwas anders als die übrigen Schwesterstaaten ausgebaut sehen möchte.

Außenstehende mögen wieder einmal, zum stillen Vergnügen der Engländer, die Anzeichen zum Zerfall des englischen Weltreiches sehen. Richts wäre falscher, als die Gedanken in dieser Richtung lausen zu lassen. Was wir da sehen, ist ein Familien st reit, bei dem die jüngeren Geschwister alles andere wollen, als sich mit dem ältesten Truder auf Tod und Leben zu verfeinden. Im Gegenteil, sie wollen ihn enger in den Familienverband hineinziehen md ihn dazu überreden, im gegenseitigen Handelsver­kehr Vorteile zu bieten, die der Foreigner", der Ausländer, nicht haben soll. Die Dominions wol­len das Weltreich fester und einiger denn je machen, gerade weil sie jetzt selbständige Staaten sind, die ihr Schicksal selbst bestimmen können.

Bennett ist die Verkörperung dieses Gedankens. Er stammt aus einer der alten Loyalisten-Fami­lien, die ihr Haus und ihr Heim in den Staaten aufgaben, weil sie der alten englischen Flagge nicht untreu werden wollten. Seine Vorfahren führten das einfache Leben strenggläubiger Puri­

taner: sein Vater war noch ein Zimmermann und ein Methodistenlehrer erzog den Sohn zum Rechts­anwalt. Bennett war sehr erfolgreich, glückliche Umstände halsen ihm, und heute schätzt man ihn auf 15 bis 20 Millionen Dollar. Er ist also völlig unabhängig in seinen persönlichen Entschlüs en und kann daher unbeirrt auf die großen politischen Ziele hinsteuern, die er sich und seinem Lande auf Grund einer gründlichen Kenntnis der Entwick­lungsmöglichkeiten Kanadas gesetzt Hot. Auf das konservative Banner hat er die WorteCanada first gesetzt. Als ihm die Liberalen mit dem SchlagwortEmpire first antworteten, griff er sie erfolgreich mit dem Vorwurf an, daß ihre Politik die Vorzugsbehandlung britischer Warrn und Guter illusorisch mache. In seinem Wesen steckt eine einheitliche, folgerichtig entwickelte Kraft, die ihre Wurzeln in britischem Stolz und kana­discher Heimatsliebe hat, und darum wirkten die Worte, die er auf der zweiten Vollsitzung der bri­tischen Weltreichskonserenz sprach, auch so über­zeugend.

In einer weniger glücklichen Lage ist Mac­donald. Er ist an sich als ein Kind der Frei­handelszeit ausgewachsen: ob er noch heute in seinem Innern an dem alten Glauben der Man­chesterlehre sesthält, kann man zum mindesten be­zweifeln. Er lebt in einem Zwiespalt, und seine Partei leidet an denselben Sorgen. Hier gibt es geharnischte Freihändler und Gewerkschacks- führer, die sich zum Schutzzoll bekannt haben. Hinein mischen sich die sozialistischen Theorien, die sich von keiner der beiden Methoden ein Heil versprechen und statt dessen dem reichlich ver­schwommenen Ideal desgeregelten Handels" durch halbstaatliche oder staatliche Institutionen nachiräumen. Das Ergebnis ist der schwächliche Kompromiß, der die energische Schwenkung unmöglich macht und die Führer zum Lavieren zwingt.

Hinzu kommt, daß die Arbeiterregierung in ihren Entschlüssen von den Liberalen ab-

Mskau und Petersburg 1830.

Von Aikolai Gogol.

Zum teftenmal ins Deutsche übersetzt von Sigismund von R a b e d i.

... Tatsächlich, wenn man so denkt, wohin die Hauptstadt Rußlands verschlagen wurde bis ans Ende der Welt! Ein merkwürdiges Volk, dieses rus­sische: Da hatten sie als Hauptstadt Kiew dort war es zu warm, noch nicht kalt genug: bann über- siebelte bie Hauptstabt nach Moskau nein, auch bort ist's noch nicht kalt genug: man serviere uns Petersburg! Aber bafür was für wilde Wüste­neien zwischen der Mama und dem Söhnchen! Was für Panoramen, welch eine Natur! Die Luft erfüllt von Nebeldampf: auf der farblosen, grau­grünen Erde nichts als verkohlte Baumstümpfe, Kiefern, Fichten und Grashöcker .. . Gut wenigstens, daß die pfeilgerade Chaussee und die singenden und klirrenden Troikas einen blitzschnell uorübertragtn. lind dabsi welch ein Unterschied, welch ungeheurer Unterschied zwischen den beiden! Moskau ist noch bis heute der russische Bollbart, doch Petersburg be­reits ein lackierter Europäer. Wie hat sich dieses alte Moskau breit hingesetzt und auseinandergeräkelt! Und wie stramm, die Hände an der Hosennaht, steht dieser Stutzer Petersburg! Vor ihm liegen auf allen Seiten Spiegel: dort die Newa, dort der Finnische Meerbusen, dort die Kanäle. Der hat gknug, um sich anzuschauen. Und kaum bemerkt er an sich ein Federchen oder ein Fädchen, so ist's auch schon fort­gezupft. Moskau ist ein altes Tantchen, backt Pfann­kuchen, guckt von weitem und hört, im Sessel sitzend, behaglich von all den Dingen, die sich draußen in der Welt tun. Petersburg dagegen ift ein ge­wandter Bursche, sitzt niemals zu Hause, erscheint stets bis aufs legte Tüpfelchen angezogen, und tauscht kokett mit dem herangereisten Europa Kom­plimente aus.

Petersburg ist ganz Bewegung, von den Kellern bis zum Dachgeschoß: mit der Mitternacht beginnt es seine Franzbrote zu backen, die dann morgens von feiner vielstämmigen Bevölkerung aufgefuttert werden, und die ganze Nacht über blinkt bald bas eine, bald bas anbere seiner gelben Augen: Moskau schnarcht bie ganze Nacht durch, und fahrt dann am Tage mit (einen Kollatschen auf den Markt.

Moskau ist zweifellos weiblichen Geschlechts, Peters­burg männlichen. In Moskau find alles Bräute, in Petersburg alles Bräutigams. Petersburg be­folgt den feinsten Ton in feiner Kleidung, liebt keine bunten Farben und duldet nicht bie geringsten Ab­weichungen von der Mode: Moskau dafür verlangt, wenn es schon nach der Mode gehen soll, sozusagen eine Mode nach allen Koordinaten: sind die Taillen lang, so macht es sie noch länger, sind die Frack- austchläge groß, so sind sie bei ihm wie die Scheunen­tore. Petersburg das ift ein peinlich genauer Herr, ein richtiger Deutscher, der auf alles mit Be­rechnung sieht und genau seinen Geldbeutel inspi­ziert, bevor er einen Abend gibt; Moskau aber ist ein russischer Grandseigneur, und wenn es sich schon mal vergnügt, so vergnügt es sich bis zum Umfallen, ohne viel Sorge darüber, daß bas Portemonnaie schon längst nicht mehr ausreicht: es kann auf ben Tob bie Mitte nicht leiden. In Moskau haben alle Journale, wie gelehrt sie auch fein mögen, auf der letzten Seite ihre Modebildchen, die Petersburger bringen selten Bilder, und wenn, so kann der un­geübte Betrachter einen Schreck kriegen. Die Mos­kauer Journale sprechen von Karl von Schelling usw.; die Petersburger reden nur vom Publikum und von der Solidität ... In Moskau halten die Journale Schritt mit der Zeit, aber verspäten sich in der Auslieferung; in Petersburg halten die Jour­nale keineswegs Schritt mit der Zeit, aber erscheinen dafür akkurat, zur versprochenen Stunde. In Mos­kau kommen die Schriftsteller um ihr Geld, in Petersburg nehmen sie welches ein. Moskau fährt immer Kutsche, eingehüllt in den Bärenpelz, und meistens zu einem Essen; Petersburg rennt, die Hände im Gummimantel, in vollem Galopp zur Börse oderin den Dienst". Moskau vergnügt sich bis vier Uhr nachts und erhebt sich andern Tags nicht vor zwei aus dem Bett, Petersburg vergnügt sich ebenfalls bis vier nachts, aber haftet andern Tags, als ob nichts gewesen wäre, pünktlich um neun in seinem Gummimantel zur Sitzung. Nach Moskau schleppt sich ganz Rußland mit Geld in der Tasche und kehrt ziemlich erleichtert heim; nach Petersburg kommen die Leute ohne Geld, und keh­ren bann in alle Weltteile mit einem netten Kapital zurück. Nach Moskau hin schleppt sich ganz Ruß­land in Winterschlitten, durch den Winterschnee, um zu verkaufen und einzukaufen; nach Petersburg wandern die Bauern zu Fuß, in der Sommerzeit,

um zu bauen und zu arbeiten. Moskau ist ein Speicher, es türmt die Säcke und würdigt den Klein­händler keines Blickes; Petersburg hat sich ganz in kleine Stückchen zersplittert, in kleine Läden und Geschäfte, und macht auf den Einzelkäufer Jagd. Moskau sagt:Wenn mich der Käufer braucht wird er mich schon finden"; Petersburg stopft sein Reklameschild direkt unter deine Nase, gräbt sich unter deinen Fußboden mit einemFranzösischen Weinkeller" und errichtet einen Droschkenstand un­mittelbar in der Tür deines Hauses. Moskau hat kein Auge für feine Bewohner und versendet Waren für ganz Rußland; Petersburg verkauft Krawatten und Handschuhe an seine eigenen Beamten. Moskau ist ein gewaltiger Kaufhof; Petersburg ein be­leuchteter Gefchäftsladen.

Rußland braucht Moskau notwendig. Petersburg braucht notwendig Rußland. In Moskau triffst du feiten einen gestempelten Beamtenknopf am Frack; in Petersburg gibt es überhaupt keinen Frack ohne gestempelte Knöpfe. Petersburg liebt über Moskau zu spötteln, über feine Geschmacklosigkeit und Unge­wandtheit, Moskau aber stichelt auf Petersburg, daß es nicht einmal russisch sprechen kann. In Petersburg promenieren um zwei Uhr mittags Leute auf dem Newfki-Profpekt, die anscheinend aus den Blättern der Modejournale herausgestiegen sind, ja selbst Gxeisinnen haben so enge Taillen, dah man lachen muß: auf dem Moskauer Boulevard trifft sich unweigerlich, inmitten der elegantesten Menge, irgendein Mamachen mit dem Tuch um den Kops und dann schon allerdings ganz ohne Taille. Es wäre da noch viel zu sagen, das gäbe aber, wie zwischen den zwei Städten:Eine Distanz von un­geheurer Länge!

Mahagonny" in der Frankfurter Oper.

Die Iubiläums Festwoche des Frankfurter Opernhauses fand nach den vorausgegangenen, vorzüglich unter histori­schen und repräsentativen Gesichtspunkten zu be­trachtenden Festvorstellungen einen interessanten Abschluß mit der Erstaufführung eines Werkes unserer Zeit, mit der Ausführung der Oper Aufstieg und Fall der Stadt 2Ha- hagonny" (Musik von Kurt Weill, Text von Bert Brecht). Also nach der glanzvollen Aufführung von Standardwerken der deutschen

h ä n g i g ist. L l o h d G e o r g e ist zwar auch kein Freihändler mehr im allen Sinne deS Wortes; leine Beweglichkeit hat es gestattet, unter dem Mäntelchen desSafeguardmg of Industries enorme Schutzzölle durchzubringen, ohne daß er damit offiziell die allgemeine Grundlage des Frei­handels ausgegeben bat. Er hält sie für notwendig, um seine Wäyler bei der Stange zu halten und wird deshalb sehr zögern, in das Horn der Pro­tektionisten zu bla'en. So sind Macdonalds Hände gebunden. Selbst wenn er die immer stärker wer- denden Tendenzen zum Schutzzoll verspüren und vielleicht auch von ihrem etwaigen Werte über­zeugt sein sollte, so könnte er doch nicht, wie er wollte. Lord Deaverbrook bat, trenn auch vielleicht i**i anderen Sinne, vor einigen, Mo aten das Sch'agwor. von einem cnI scheu Volksbe­gehren i.. u.c Debatte geworden, um die S:im- mung im Dolle über die Einführung von Schutz­zöllen zunächst sestzustcllen. Heute könnte vielleicht Macdonald einen Ausweg aus den Schwierig­keiten, in denen er steht, durch dieses selbe Mittel des Dollsbegehrens sinken, wenn er die Abstim­mung auS te.n parteipoliti'chen Rahmen heraus­hebt und ihr Ergebnis zur Richtschnur seiner Han­delspolitik im Weltreiche macht. Al er wird er diesen Weg gehen können?

Im konservativen Lager herrscht Iu- bel. Die Dominions Innen als mäch ige Alliierte. Sie halsen Baldwin nicht nur im Kampfe gegen die Regierung, sondern auch im Streite mit den Lords der Presse. DerKreuzzug für den Welt- reichsfreihandel". der von Lo.d Beaoervrvok in die Welt hinauspoaunt wurde, hat eine arge Schiappe erlitten. Die Dominions haben den Dor­sch.ag als praktisch unmöglich abgelehnt. Lord Deaverbrook wendet sein Fähnchen und lenlt ein. Lord Rothemrcre ist noch nicht ganz so weit. Ie- doch deutet alles darauf hin, daß die von den Dominions ausgegebene Parole die Risse in der konservativen Partei schließen wird, so daß die Konservativen wieder einheitlich ge­schlossen vor die Wählerschaft hintre.e.i können.

Wann wird das sein? Man kann annehmen, daß das politische Anstandsgefühl einen Sturz Macdonalds nicht eher zulassen wird, als bis er die beiden großen Konferenzen: die Welt­reichskonferenz und die englisch-in­dische Konferenz, erledigt hat. Letztere wird sicherlich bis Weihnachten und vielleicht auch noch bis in die ersten Wochen des neuen Iahres hinein dauern. Danach ist es dann Zeit für die politischen Gegner, zur Abrechnung zu schrei­ten. Soweit die Weltreichskonferenz in Frage kommt, ist es leicht, einen Maßstab anzulegen. Man braucht nur zu messen, wieweit zwischen Mutterland und Dominions eine ilebcrcinftim- mung erzielt ist, die den wirtschaftlichen Zusam­menschluß des Weltreiches gefördert hat. So wie die Lage augenblicklich aussieht, werden die Gegner kein allzu schweres Sviel haben.

Ob Macdonald auf innerpolitischem Gebiete ein Gegengewicht gegen die Kritiker an seiner Welt­reichspolitik aufbringen kann, ist zweifelhaft. Zwar ist sein Programm für die kommende Par­lamentsperiode noch nicht heraus. Aber man weih schon, daß er vor feiner Wählerschaft eine Derbeugung machen und das Gewerk­schaftsgesetz abändern will, das nach dem Kohlenstreik eingesührt wurde und das die Ge­werkschaft ihrer Macht zum zwangsweisen Cm- ziehen der Beitragsgelder für politische Zwecke beraubte. An diesem Vorschlag haben weder die Liberalen noch die weiten Massen der Arbeiter em Interesse, die über die Richtabführung ihrer Gelder gar nicht so unzufrieden sind. Die eigent­lichen Interessenten sind die politischen Gewerk­schaftler, die die Parteikassen gefüllt sehen toolten. Diese Maßnahme reicht also nicht aus, um der Macbonalb-Regierung Popularit.it zu geben. Was die Wählermassen wollen, sind Taten, die zu Hoffnungen auf N e u b c I e b u n g des Wirtschaftslebens berechtigen. Ein e solche Tat könnte eine Weltreichspolitik fein, die neue Ziele steckt; aber die Wahrscheinlichkeit hierfür ist gering.

So glauben denn die englischen Politiker, daß etwa im Februar das Kesseltreiben beginnen wird, dem das Wild im Frühjahr zum Opfer fallen soll. Lord Cecils Andeutungen in Genf erregten schon Aufsehen; er bezweifelte, ob er im nächsten Iahre zur Vollversammlung des Völkerbundes

Opernliteratur die notwendige Berücksichtigung der modernen Opern lunst mögen auch bie lln- terschiede zwischen diesem und jenem noch so kraß sein.

Die künstlerische Verbindung des Dichters Brecht mit dem Komponisten Weill dauert nun schon einige Iahre: den größten äußeren Erfolg fan­den beide bisher mit ihrerDreigroschenoper". Diesen neuen Opemtyp, kaum dem bisher gemein­hin als Oper bezeichneten Kunstwerk vergleich- bar. wollten Brecht und Weill mit ihrem neuen Werk weiter ausbauen und vervoltkommnen. Ilm es vorwegzunehmen: als künstlerische Einheit, als Gesamtwerk, ist die neue Oper ein Fortschritt gegenüber derDreigroschenoper", doch reicht s e an deren Wirkung und Schlagkraft trotz aller Ra­dikalität Brechts nicht ganz heran. Der Musiker Weill entwickelt aus den Elementen Iazz und Song eine Rummern-Oper, in der er im Ein­klang mit Brechts Forderung nach epislemThea- ther im wesentlichen nicht die Handlung durch Musik fommeniiert, sondern die Wirkung des Ge­schehens auf die darstellenden Menschen. Beson­ders toirffam sind die Momente, in denen die Vorkriegslyrik des Spießers, dasGebet einer Iungfrau" undStürmisch die Rächt und die Sce geht hoch" parodiert werden. Seinen künstlerischen Höhepunkt erreicht Weill tnit der Schlußavo- theose, in der er alle Hauptmelodien der Oper kraftvoll zusammenfaßt. Brechts Text ist wie im­mer radikal und gipfelt in einer Anklage gegen die Macht und das älnrecht des Geldes; trotz allem Vorherrschen der Tendenz, merkt man, daß ein Dichter am Werk war.

Der Erfolg war groß: nach mächtigem Beifall am Schluß des ersten Aktes schien die Anteil­nahme zunächst etwas abzuflauen, doch wurde dir Zustimmung des vollen Hauses am Ende wieder stürmisch, und einige wenige Pfeifer kamen nicht zur Geltung. Der anwesende Komponist bedankte sich persönlich für den Beifall. Der Erfolg wurde sichergestellt durch eine sehr gute Darstellung sowohl durch die Solisten, von denen nur Frau ®entn er- Fischer und der neue Tenor Willi Wörle hervorgehoben seien, als auch durch die Stabführung Hans Wilhelm S t e i n b e r g s und die geschickte Regie Dw Herbert Grafs. Die Bühnenbilder schuf Ludwig Sievert.

H. H-&