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Nr. 218 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)

Donnerstag, 18. September 1930

Oie Weltunruhe.

Don Or. Paul Rohrbach.

Wer kennt nicht die Verse in der Widmung von Bodenstedts .Mirza Schasfh".

Derweil in Weh n die Erde trritzt, Gewaltiges sich vorbereitet, Unb ein vcrderbenschwangerer Deist Deharnischt durch die Länder schreitet...?

Wie einfach im Vergleich zur Gegenwart lagen damals noch die europäischen, die Welt-Gegen­sätze! ES war der Konflikt, der sich bald danach im Krimkriege entlud, 1854, der sich in jener vor bald achtzig Jahren geschriebenen Strophe spiegelte. Selbst der Krieg von 1 8 7 0 war daS Eraebn'S einer Streitfrage: Werden daS französisch« Selbstgefühl, die fran­zösische Sorge um nationale .Sicherheit", die bevorstehende politische Einigung Deutschland- unter preußischer Führung dulden?

Dann schürzte sich, langsam, in Jahrzehnten, der Knoten zum Weltkrieg. Die Herde der Anruhe lagen in Frankreich, daS Eksah-Loth- ringen nicht verschmerzte, in Rußland, daS nach Konstantinopel und noch der Herrschaft über die Slawen drängte, in England, dem die deutsche Flotte Sorge machte und das den deut­schen Handel neidete. DaS Feld Oer streiten­den Kräfte, die sich zur Entladung sammelten, war größer geworden: es reichte vom Westen Europa- bis in den Orient. Vergleichen wir ober seine Ausdehnung mit der Summe dev Gebiete, in denen die heutige Weltunruhe wur­zelt. so sehen wir, wie weil entfernt die angeb­liche Formel der Weltbefriedung, die Formel deS Versailler Diktats, davon war, den Welt- srieden zu bringen. Sie hat nicht den Frieden gebracht, sondern sie hat überall neue Spannungen geschaffen, die sich entladen wollen.

Es ist bezeichnend für die Gegenwart, daß überall die Entwicklung zur Krisis drängt. Wir sehen auf der einen Seite, daß Keime, die vor langer Zeit gepflanzt wurden und die allmählich emporwuchsen, jetzt plötzlich zu einer folgenschweren Entfaltung kommen. Als Ra- poleon i. am 30. April 1803 Louisiana, da­mals die Hälfte des ungeheuren Mississippi- VeckenS, an die Vereinigten Staaten verkaufte, sagte er zu seinen Ministern:

.Die Engländer streben, die Reichtümer und den Handel der ganzen Welt an sich zu reihen. Am die Völker von ihrer unerträg­lichen kommerziellen Tyrannei zu befreien, ist eS nötig, ihren Einfluß durch eine See­macht zu balancieren, die ihnen eines TageS die Handelssuprematie streitig machen kann. Diese Macht sind die Vereinigten Staaten. Stärke ich deren Stellung durch Abtretung des Mississippi-Gebiets, so erhält England im Welthandel einen Mitbe­werber, der seinen Aebermut früher oder später dämpfen wird!"

Eine - TageS! Große Politiker sind große Propheten, durch ihr Handeln nicht minder, als durch ihr Reden. Es sind über hundert Jahre vergangen, bi- der Prophet Rapoleon Recht behielt, aber hat er nicht Recht behalten auf eine Art und in einem Amfang, daß wir über seinen divinatorischen Dorausblick staunen?

3m Jahre 1799 sprach man zuerst von einem englischen Reich in Indien. Die englische Verwaltung aber konnte je länger, desto weni- ?er auskommen, ohne eingeborene Hilfs- r ä f t e heranzuziehen. Eie gab den Indern Schulen. Aus den Schulen wurden Hochschulen, wurden indische Rationalvereine, wuchs eine indische Presse, eine indische Kritik, ein indsches Selbstgefühl heran. Dann zertrümmerte der Weltkrieg den Glauben des indischen Volks an die Superiorität der weißen Rasse. Indien will jetzt frei fein, und wenn man den Index fragt, mit welchen Mitteln er denn glaube, England

zu zwingen, so lächelt er nur und sagt: ES gibt jemanben der stärker ist alS Englanb, und dem eS paffen könnte, daß Indien frei ist! Eo strecken sich die Linien, längs denen politi­sche Kräste zur Wirkung kommen, jetzt über die ganze Erde. Alle die Felder aber, die sie durchschneiden und verbinden, sind Felder der Anruhe. Welche Anruhen und welche Spannungen sind allein davon in die Welt gekommen, daß zuerst der Oesterreicher Regrelli einen Plan für die Verbindung des Mittel- meers mit dem Roten Meer ausarbeitete und der Franzose LessepS ihn aufnahm und auS- führte!

Ein anderer, mächtig wirkender Faktor der Weltunruhe ist das Rationalitäts- Prinzip geworden. Es ist im Grunde ein Ab­kömmling aus deutschem Geist. Als Herder die .Stimmen der Völker" sammelte und als die Romantiker selbst Goethe tat es dem Eigenleben halbvergessener europäischer Ostvöl­ker in ihren Liedern und Sitten nachgingen, wur­den am Dalkan und am Fuß der Sudeten die ersten Keime gepflanzt, deren hundertjährige Ent­wicklung die alte habsburgische Monarchie zer­sprengt hat. Dann kam der Menschenfang der Entente mit der Verkündung des Selbstbestim­mungsrechts der Völker. Wenn die Betrüger nur geahnt hätten, welch eine Anruhe in der ganzen Welt sie damit gegen sich selber herauf- beschwvren würden! Es ist die stärkste Sanktio­nierung für die große Forderung, die jetzt von allen nationalen Minderheiten erhoben wird: Volkstumsfreiheit soll dieselbe Geltungs­kraft haben wie Religionsfreiheit! Es wird nicht lange dauern, so wird auch dies Prinzip

em anerkannte- Stück vom moralischen Kultur- besih der Menschheit sein, aber bis es dahin kommt, zuckt eine Anruhe, die aller DämpfungS- versuchc spottet, durch die vergewaltigten Völ­ker und Volksteile der Welt. Kaum ein Jahr­zehnt nach dem Weltkriege bricht unter den Flamen in Belgien eine Bewegung auS, die den Anschluß an Holland verlangt, und die bei den Wallonen die Gegenwirkung auSlöst: Gut, dann wollen wir zu Frankreich! Wir Deutsche brauchen sicher nichtS dagegen zu haben, aber welche Folgerung ist natürlicher, als daß dann auch die Oesterreicher heim ins Reich kommen, daß der Weichselkorri- d o r und der Verrat an Oberschlesien un­geschehen gemacht werden?

Jeder Schultag, jede öffentliche Versamm­lung, jedeS festliche Beisammensein in Un­garn beginnt heute mit dem gemeinsamen Be­kenntnis:

.Ich glaube an einen (Sott!

Ich glaube an ein Vaterland!

Ich glaube an eine ewige göttliche Gerechtigkeit! Ich glaube an Angarns Auferstehung!"

Völker, die diesen Willen haben, werden sich nie beruhigen, bevor ihren abgerissenen Glie­dern Freiheit der Selbstbestimmung wird. Was verschlägt es dagegen, wenn die Besitzer des Raubes an Angarn sich zur .Kleinen Entente" zusammentun? WaS verschlägt es gegen das deutsche Recht auf geraubten deutschen Boden, wenn die Polen in Warschau und in Posen Hatzlieder singen? Mögen sie singen! Ihr Sin­gen ist nützlich für die Ohren derer, die an der Weltunruhe schuld sind.

Weltausstellung der Briefmarken.

Oie Internationale Postwertzeichen-Ausstellung (Iposta) Berlin 1930.

i on M. Büttner.

In demselben Jahr, in dem das wichtige kleine Werkzeug deS schriftlichen Weltverkehrs, das Postwertzeichen, seinen 9 0. De burtstag feiern konnte, ist die lange geplante, bisher größte Welt- und Heerschau der Philatelie, zur Wirklichkeit geworden. Die Internationale Postwertzeichen-Ausstellung, die am 12. September in Berlin in sämtlichen schönen Festsälen des Zoologischen Gartens eröffnet wurde, bestätigt aufs neue dem Kenner und lehrt überraschend den Laien, daß die Brief­markenkunde sich aus einer früher oft belächelten Liebhaberei der Jugend längst in eine Art lie­benswürdiger Wissenschaft, in eine Kulturerschei­nung verwandelt hat.

Wenn man von der Ausstellung selbst und von ihrem fast überwältigenden Umfang auch nur einen ungefähren Begriff vermitteln will, lassen sich ein paar Zahlen nicht umgehen. Etwa 600 Einzelobjekte sind hier zusammengestromt, davon zwei Drittel aus dem AuSlande mit seinen reichen Sammlern: rund 2000 Quadrat­meter Wandausstellungsfläche in äußerst ansprechender Aufmachung sind bedeckt. 50 Vitrinen gefüllt, ganz abgesehen von den vielen ßogen und Ständen der Markenhandels­häuser. Die heute vielleicht wertvollsten Sammlungen der Welt sind hier zu sehen, darunter Markengruppen einzelner Länder im Werte von 500 000 Mark und mehr. Stets dicht umdrängt von staunenden Sammlern und Laien sind im Marmorsaal besonders die beiden feuer- und diebessicheren Tresors, die ständig scharf bewacht werden: bergen sie doch die größ­ten Seltenheiten der philatelistischen Welt. Da bewundert man die fast schon sagenhafte, nur in einem einzigen Stück bekannte Britisch- Guiana zu 1 Cent farmin von 1856, für

die ihr glücklicher Deisher, der Amerikaner Arthur H i n d, auf einer Ferrari-Versteigerung fast 150 000 Goldmark bezahlt hat. Oder die be­rühmten und auch dem Laien vom Hörensagen bekannten roten und blauen Mauritius zu 1 und 2 P. mit der falschen InschriftPost Office, deren jedes Stück heute mit rund 60 000 Mark bewertet wird. Sogar die seither noch nir­gends öffentlich gezeigte Druckplatte dieser Rari­täten ist hier zu sehen. Eine andere Kostbarkeit ist die ebenfalls nur einmal vorhandene, versehent­lich gelb statt grün gedruckte 3 Skilling von Schweden, die der Aussteller 1928 für 37 500 schwedische Kronen gekauft hat. Oder von den alt­deutschen Seltenheiten der bekannte Baden- Fehldruck 9 Kreuzer blau-grün statt rosa, den man auf 25 000 Mark schätzt. Mit diesen und einigen anderen Seltenheiten bergen die kleinen Stahlschränkchen wohl den Wert einer runden Million.

Einen besonderen Rana nimmt die sog. Rote Veranda ein, in der zehn europäische Staaten ihre philatelistischen Objekte ausgestellt haben. Da zeigt das Berliner Reichspostmuseum Ent­würfe und Probedrucke deutscher Marken: die Abteilung München des Reichspostministeriums veranschaulicht in Originalzeichnungen, Druck­platten usw. den gesamten Herstellungsgang der Prinzregent-Luitpold-Marken von 1911. Der Reichskunstwart hat Original-Markenentwürfe deutscher Künstler, Probedrucke nicht verausgab­ter Marken usw. beigesteuert. Auch die öster­reichische Postverwaltung stellt den Werdegang der Briefmarke dar und zeigt die Originalent­würfe zu einigen ihrer schönen Wertzeichen. Das niederländische Postmuseum im Haag hat u. a. die Kupferdruckplatten der Gedenkausgabe 1913 ge­liehen. Die polnische Post und die russische

Sowjetrepublik haben Teil« ihrer Staatssamm­lungen zur Aufstellung gebracht. DaS letzte Jahr­zehnt ihrer Markcnkunsl schildert die schwedische Postverwaltung, die Herstellung der vorbildlichen tschechoslowakischen Marken führt daS Prager Postministerium vor, ebenso die Verwaltung der Fürstlich Liechtenstcinschen Wertzeichen-Samm­lung den Druck der reizvollen neuesten Aus­gabe.

Aus den hier zusammengetragenen Warken- schätzen der eigentlichen Sammler können an dieser Stelle und nach einem ersten Rundgang nut einige der hervorragendsten Objekte erwähnt werden. In der Gruppe der Forschungssamm­lungen zeigt etwa Adolf Passer (Prags auf zehn Meter Wandfläche Marken der provisori­schen Regierung in Angora. Direktor H. Birn­bach (Berlin) auf siebzehn Meter seine be­rühmte Moldau- und Altrumänien-Sammlung, C. Ott (Altona) seine prächtigen SchleSwig- Holstein-Markcn. Konsul A. Weinberger in Brünn hat auS seiner Allgemeinsammlung eine Anzahl hervorragender Seltenheiten von Alt­deutschland, Altitalien und Aebersee auSgewählt. Der bekannte große Sammler Alfred F. Lich­tenstein (Reuyork) sandte seine kostbaren Mau­ritius, die nicht nur ein kleines Vermögen dar­stellen, ferner alte Schweizer Kantonalmarken, Britisch Kolumbia und Vancouver. Don seinem Landsmann Arthur Hind sieht man, außer der erwähnten größten Seltenheit, auf zehn Meter eine herrliche Sondersammlung der ersten Spa­nien-Marken in Blocks, ganzen Bogen und wie­derhergestellten Platten. Ein dritter berühmter Reuyorker, Theodore E. S t e i n w a y . stellt nicht nur Konzertflügel, sondern auch ausgezeich­nete Markensammlungen her, wie der ausge­stellte Teil von Reu-Süd-Wales beweist. Tracey Woodward (Schanghai) schickte einiges auS seiner Forschungssammlung von Japan, Korea und Formosa, zwölf Bände auf über tausend Seiten, das Ergebnis 45jähriger Forschungs­arbeit! Dr. Siegfried Ascher (Berlin) ist mit seiner interessanten Spezialsommlung der ersten englischen Briefumschläge von Mulready vertre­ten. H. Bauer (Straßburg) mit seinen Slsaß- Lothringen und Kricgsmarken von 1870/71, I. B. Seymour in London mit seiner bedeutenden wissenschaftlichen Großbritannien-Sammlung. Don Dr. E. Siena (Rom) sieht man eine wunder­volle alte Parma-Zusammenstellung, von K. A. Günther (Chemnitz) ferne schon oft preis­gekrönte Sachs en-Sammlung, von Konsul F. D e n z i g e r (Stockholm) 20 Meter Schweden- Marken und von vielen anderen zahlreiche Kost­barkeiten, die sich wohl nur durch häufige Be­such« alle entdecken lassen.

Einen breiten Raum nimmt der modernste Sammelzweig, die F l u g p o st ein, aus wel­chem Gebiet insbesondre die jüngsten gro­ßen Zeppelinfahrten mit ihren vielenl Postsachen reich vertreten sind. Dem gefährlichen Problem der Briefmarkenfälschungen haben andere Aussteller ihre Studien gewidmet. Immer beliebter wird auch das Sammeln von Abstempelungen, denen man in außerordentlich vielen Objekten begegnet. Mit welcher Vielfel- tigkeit und Gründlichkeit allein dieses eine Gebiet der Poststempel heute philatelistisch bearbeitet wird, vermag sich der Laie nicht vorzustellen. Schließlich ist ein besonderer Raum der AuSstel- lung der umfangreichen Literatur über Briefmarken Vorbehalten, die in einer gro­ßen Reihe von Handbüchern. Studien Katalogen und Zeitschriften auf dem Plan erschienen ist.

Daß in der größten aller bisherigen Brief- marken-Ausstellungen zwei «igenePostäm- t e r mit Sonderstempeln nicht sehlen dür­fen ist wohl selbstverständlich Die intimen De- zieyungen zwischen Post und Sammlern kommen auch darin zum Ausdruck, daß die deutsch« Reichspost den Philatelisten besondere Ausstel­lungsmarken mit Städtebildern beschert bat, bruch- technische Meisterwerke, die natürlich eifrig ge-

Auswanderer.

Begegnung in Cuxhaven.

Von Franz Gensecke.

Ich sehe sie nod) deutlich vor mir: drei schlanke, starke Jungen, fünfundzwanzigjährig. mit seh­nigen. hageren Arbeitshänden und lässig getra­genen Schultern. Wir saßen am frühen Morgen auf einer Bank auf der .Alten Liebe" neben­einander. Unter unseren Füßen gluckste und platschte das schmutzig.graue Wasser der Elbe­bucht, die sich in alter Gewohnheit in Rebel­tücher gehüllt hatte. Don seewärts kam eine scharfe, kühle Brise, die den Wellen hier unb dort kleine, weißschäumige Kronen aufsetzte. Die Sonne steckte noch als matte, glasige Scheibe in den Wolken.

Eie sahen zu britt und doch jeder für sich neben mir, die Hände unbeholfen auf die Knie gestützt, und starrten von Zeit zu Zeit in die Rich­tung. aus der die Elbe herfloß, als warteten sie aus etwas, das mit den Wassern des Stromes dort irgendwo aus der Dunstwand herauskommen müßte. Sie waren wetterharte, derbe Jungen und trugen Anzüge nach gestrigem Schnitt aus grobem Stoff. Der erste, Sohn eines Bauerst, groß und gebräunt, sprach von praktischen Dingen, die seine Gedanken beschäftigten, ohne zu fragen, ob die anderen daran Interesse hätten. Der zweite, Bergmann aus Westfalen, trug über blassem, ein wenig rundlichem Gesicht mit schwar­zem Stutzbärtchen einen schwarzen Hut mit brei­tet, weicher Krempe. Er hörte teilnahmslos zu unb knetete aus seinem Morgenbrot kleine, harte Kügelchen, die er über die Latten des Fuß­bodens rollen ließ, bis sie in das Wasser ab­sprangen. Der dritte, ein Schmied, reckte sich lang gegen die Rücklehne der Bank, streckte die Deine von sich, vergrub die Hände tief in den Hosentaschen und betrachtete des Bergmanns Brotkugelspiel mit geringschätzigem Grinsen.

3ch versuchte ein Gespräch in Fluh zu brin­gen, indem ich von dem Grunde ihres Wartens, von dem Lleberseedampfer sprach, der sicherlich schon irgendwo zwischen Hamburg und Cuxhaven auf der Elbe schwamm. Ob ich den Dampfer schon gesehen hätte, fragte der Bergmann. Ob man fein Gepäck gut unterstellen und sein Geld beim Zahl­meister in Derwahr geben könne, erkundigte sich der Dauer. So kamen wir allmählich in eine Unterhaltung, * beten Kosten allerdings in der Hauptsache von mir getragen wurden. Ich erfuhr dabei, was ich ihnen schon angesehen hatte, daß sie nach Südamerika auswandern wollten, und

daß drüben jeder fein besonderes und fein großes Glück erwartete, vorläufig zwar noch mit vielen Wenn" undAber", doch mit beneidenswerter Konsequenz.

Als ich nach dem Mittagessen im Hotel mich auf mein Zimmer zurückgezogen hatte, um in Auhe eine Zigarre zu rauchen, hörte ich von der Elbe her die Sirenen des herankommenden Damp­fers. And als ich an das Fenster trat, schob sich die hohe, schwärzliche Masse des Ozeanriesen gerade aus dem Rebel heraus. Ich ging sofort hinunter.

Am Zoll Hause wirbelndes Gedränge, das durch­einander-, umcinanberquirlte und sich langsam auf den Anlegekai hinausschob. Meine drei Freunde kamen soeben nacheinander, jeder einen schweren Koffer und noch verschiedene einzelne Pakete in den Händen, aus der Hatte. Auf dem Kai blieb der Schmied stehen, um sich zu ver­schnaufen, schob den Hut in den Racken und wischte mit einem bunten Tuch den Schweiß von der Stirn. Dann sah er andächtig an der schwar­zen Wand des Schiffes in die Höhe und faßte seinen aus Ehrfurcht und Staunen gemischten Eindruck zusammen in das Wort:Donnerwetter".

Der Bauerssohn kam als zweiter. Sein Gesicht schien mir zusammengekniffener als am Morgen. Zwischen den Zähnen zerbiß er das Mundstück einer Pfeife, die kalt uno leer auf der älnterlippe schwappte. Als er neben mir stand, nahm er den Pfeifenkopf zwischen bi« Finger der Rechten unb sagte so beiläufig mit halbgeöffnetem Munde:Ick habe mir überlegt, daß drüben Weibe unb Diey doch ganz anders bewirtschaftet werden. Da wird man umlernen müssen unb Lehrgeld zahlen." Er seufzte, als sähe er sich in Oebanlen noch ein­mal hemdärmelig, Hut tief in Stirn unb Racken gezogen, im Grummetschnitt stehen: Gras duftete, Sonne stach, ßerchenlieber schwangen im Blauen, Sensen Langen und flirrten, und er fang ein Lied, ein Lied, wie die Mädchen fangen, wenn sie abends Arm in Arm zu einer Reihe gefettet auf der Landstraße spazieren gingen. Er wies auf den Schmied.Wer nicht an der Scholle haftet, scheidet doch leichter."

Unbeachtet hatte sich der Bergmann auf seinen Koffer gesetzt. Ich bemerkt« ihn erst, als er mich am Aermel zog, mir behutsam einen Brief in die Tasche schob und leise fragte, ob ich ihn in den Postkasten stecken wolle. Er möge ihn keinem Fremden anvertrauen. Ich mochte wohl gelächelt haben, denn er wurde rot und fügte entschul­digend hinzu: .Er ist an meine Mutter."

Da standen nun diese jungen Männer klein­laut am Fuße der schmalen Fallreepstveppe, hatten ihre Koffer auf den Boden gesetzt, als

seien sie vom Tragen müde, ftierten die hohe Echifsswand an und zögerten den ersten Fuß auf die erste Stufe zu fetzen. Der eine dachte an dce Scholle, auf der fein Blut gewachsen war. der andere an die Mutter, die ihn geboren hatte. Erde Mutter? war dies nicht im Grunde bas gleiche? Umfaßten sich die beiden nicht in dem einen Begriff Heimat? Ob der eine bei dem Gedanken an die Scholle, die fein Pflug gewendet hatte, seufzte, oder der andere nod> einen raschen Brief an die Mutter schrieb, nach beiden griff die Heimat mit unsichtbaren, festen Händen.

Als sie schließlich nach ihren Koffern griffen und mir ihre Hände zum Abschied hinstreckten, waren wohl in beiden die gleichen Gedanken wach: Du bist kein Kind mehr, laß dir nichts aranerten. Dann stiegen sie die Stufen des Fall­reeps hinan und schauten sich oben noch einmal um. als der Schmied noch immer neben mir stand. Dann drehte auch er sich langsam um, gab mir mit festem Druck die Hand, nahm seinen Koffer auf und schritt mit tapsenden, schweren Schritten feinen Gefährten nach.

Die Sirene hatte ohrenbetäubenb geheult. Eben wurden die Stahlttosfen gelöst. Die drei standen über mir an der Reeling. Da begannen die Schrauben zu wühlen: weißer Gischt schäumte auf. Ein Zittern lief über den stählernen Leib, ein Riß entstand zwischen Land und Schiff, der immer weiter klaffte, und in den graues Wasser gurgelnd schoß. Hundert Augenpaare bohrten sich von oben in diesen Riß, der zwischen ihnen und der Heimat aufbarst. Musik spielte ein Abschieds­lied. Während der Dauer und der Bergmann mit bunten Tüchern winkten, als wollten sie mir ihre Herzen zuwerfen, stand der Schmied am Heck, spuckte ins aufgewühlt« Wasser und warf dem weichenden Lande kaum einen Blick nach.

Bizarre 2Reforbjagben in Amerika.

In den letzten Wochen sind aus den ^Bereinigten Staaten die seltsamsten Rachrichten über ein Rekord« fieber gemeldet worben, bas unter ber Bevölkerung ausgebrochen ist. Diese Manie ruft bie ernsten Ve­rrenken aller einfichtigen Beobachter des Dolkslebens hervor, unb es ist eine Bewegung im Gange, bie bie verrücktesten Wettbewerbe durch Verbote verhindern will. Besonders sollen die Kinder geschützt werden. Gin jugendlicher .Daumsitzer'' ist bereits herunter- gefallen und war sofort tot. Sin anderer, der 13 jährige Billy O' Donnell aus Camden in Rew Jersey, der auf diese Weise Geld verdienen wollte, um seine kranke Mutter zu unterstützen, stürzte ebenfalls herab und wurde schwer verletzt in dasselbe Krankenhaus übqjgcführt, in dem seine Mutter lag. Sin 14 jähriger

aus Riagara Falls hatte bereits 164 Stunden auf feinem Baum gesessen, als ber Dämon der Eifer­sucht ihn zum plötzlichen Abbruch feiner Rekordjagd veranlaßte. SeineFreundin", die es müde geworden war, auf ihn zu warten, ließ fich vor den Augen ihres Liebhabers von einem feiner Gefährten zn einem Kinobefuch verführen, und das konnte Red nicht ertragen. Einen Rekord im Baumsitzen hat Daniel Knight mit 336 Stunden aufgestellt, während gleichzeitig feine Mutter auf einem benachbarten Baum ihre 217. Stunde verbrachte. Andere Iungeng suchen Rekorde im Drachensteigen aufzustellenz so hielten zwei Brüder Otterbein ihren Drachen 19 Stunden in der Luft, bis eine Taube mit ihm zufammenstieß und ihn zu Fall brachte. Vier ander- Knaben ttieben einen Baseball Tag und Rächt 130 Stunden, bis daS Interesie des Publikums er­lahmte. Die Fahrrad-Wettbewerbe, bei denen immer ein Radler den andern auf demselben Rade ablöfk wurden Tage und Rächte lang fortgesetzt, wöbet vielfach die Eltern der Rekordbrecher alSManager* auftraten. Hinter all diesen Tollheiten steckt ja ein prakttscher Zweck, da man von den Zuschauern nicht unbeträchtliche Summen einfammelt In der Stadl Bloomfield begannen Raymond-Sharp und Wallac« Bogel einen Rekord im Bartwachsen. Dieser mußts von Vogel, nachdem er eine Woche gewährt hatten abgebrochen werden, weil Frau Dogel drohte, ihrem Manne Leim auf die .Stoppeln" zu schmieren, wenn er fich nicht sofort rasierte. Besonderes Ärgernis hat der Rekord im Sargliegen erregt, den .Kapitän* Jack Evans in Atlantic City unternahm. Sr lieft fich in einem Sarg unter der Erde eingraben unb stand nur durch eine stählerne Röhre mit der Ober­welt irr Verbindung. Ein Trupp von Totengräbern stand bereit, um ihn sofort auszugraben, wenn etz diese Probe nicht mehr aushalten könnte. Das Sin» zige, worüber er fich in feinem Grabe beschwerte war das ewige Herumtrampeln der Zuschauer übet ihm, das ihn nervös machte. Rach einer Woche unb nachdem er den Rekord im Sargliegen geschlagech hatte, gab er seinem Wunsch Ausdruck, ausgegrabeN zu werden, da er an Krampf litt. Aber die Managet wollten das Geschäft noch einträglicher gestalten unft sagten ihm zurück, daß fie für baß Schauspiel des Ausgrabens einen Eintritt von 50 Cents erhebe- würden. Das aber erschien SvanS zu viel und bat, doch nur 25 Cents zu nehmen, da die LeutS soviel nicht bezahlen würden. Auf dieser Bafis einigt* man fich, nachdem es noch zu einigen häßlichen Auf­tritten gekommen war. Schließlich brachte man einen Halbtoten herauf, mit langem Bart, eingesunkenen Wangen und zitternden Händen, der vor der ver­sammelten Menge eine mühselige Verbeugung machte...