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Ruhm. die ganze unermeßliche Lrebe deines neuen Vaterlands wird morgen in dem Zauberkrecs deines Drautdiadems eingeschlossen semi

So beginnt der Leitartikel in der Zeitung, so hallt es Tag für Tag durch alle Spalten. So apathetisch ist die Sprache des Orients noch nicht gewesen, so viel Stilblüten sind noch nicht ein­mal auf das Haupt des Duce herniedergegar^en. Wenn das Journalismus ist, dann ist das Mär­chen vom Glasberg ein Zeitungsbericht über die mathematischen Möglichkeiten der schiefen Ebene.

Wenn man jetzt wachen Sinnes und geschärften Blickes durch die Stadt schlendert, dann flimmert es einem noch sieben Tage lang grün und weiß und rot vor den Augen. Sogar die Rächte find in den Landesfarben angestrichen. Um die Reggia herum, den Quirinalspalast, gehen die Leute alle, als hätten sie drei Zentner am Zopf hängen und die Frauen träumen alle von drei Meter langen Schleppen. Die Soldaten funkeln, wie vom Weihnachtstisch weggenommen und die Automobile haben einen gravitätischen Gang an­genommen. Taxameter, die sich in diese Gegend verirren, werden so verächtlich angeschaut, wie Bettler im Reiche Amanullahs, der übrigens auch zu den Gästen gehört.

Ich habe bis jetzt vierKönige undfunf- undvierzig andere Kronen gezählt, es können auch ein paar mehr sein. Da ist ein Herzog, der das mächtige Britannien vertritt, da ist der Gesandte des Pharaos Fuad, da ist König Boris, der, wie man flüstert, ein Auge auf das andere Königstöchterlein geworfen hat. Gold- und kriegsruhrnstrohend, an der Spitze einer die schimmernde Wehr verkörpernden Schar von Offizieren, zeugt Marschall Petain für das pazifistische Frankreich und Splitter von Tri­butärstaaten, wie Bayern, haben gleich drei Prin­zen geschickt. Wer zählt die Orden und Spangen und Schnallen und Schärpen an den königlichen Empfängen im Quirinal, auf dem Kapitol? Mein armer Frack schämte sich sichtlich seiner Blöße. Der Hund bellt, der Hof glänzt, das ist nach der Grammatik eineinfach nackter Sah", da muh so ein Journalist, der schreibt, schon ein ganz scham­loser Kerl sein.

Immerhin hat mich der Großzeremonienmeister, es sei ihm in den Annalen der weltmächtigen Presse hoch angerechnet,auf Befehl Seiner Majestät" sogar zu der Trauung in der Schloßkapelle eingeladen. Mir war zu­mute wie siebenmal sieben jungen Mädchen. Auch eine englische Kollegin hätte die Erlaubnis gehabt, als einzige weibliche Iournalistin dem großen Augenblick der Weltgeschichte beizuwoh­nen. Aber sie mußte verzichten, denn sie hatte keine Dreimeterschleppe. Die aber war wichtiger als die Einlaßkarte. So demokratisch Diktor Emanuel sein mag, so väterlich er ein Auge zudrückte, als seine Aelteste nicht einem Prinzen, sondern ihrem Reitlehrer zum Altar folgte, bei Hof gilt noch die strenge Etikette, die sogar Botschafter und Gesandte räumlich trennt

Die Könige saßen, die Ioumalisten standen und sahen infolgedessen mehr als alle anderen, die im Zuge mitschreiten mußten, Rang nach Rang.

Einen solchen Zug hatte Italien noch niemals erlebt, noch niemals segnete, vom Papste gesandt, ein Kardinal einen königlichen Bund. In dieser Kapelle Paolina fand so manchesmal ein Kon­klave statt, sie sah Kronen und Purpur ver­gangener Zeiten, aber die Pracht an diesem 8. Ianuar des eisernen Jahrhunderts war so übermächtig, daß sie blendete.

Sie war ernst, die Prinzessin, als sie in ihrem schneeweißen Engelsgewand als belgisches Kö­nigstöchterlein an den Altar trat, sie lächelte wie ein Cherub vor Gottes Thron, als sie das Ia gesprochen hatte und die künftige Königin Italiens war.

Pastellfarben waren für die anderen Damen des Hofes vorgeschrieben und so schwebten zarte Frühlingswölkchen vor dem schweren roten Samt der Himmelswände.

Winnetou...

Von Helmut Rosenthal.

Mit Hans Rückert, der mittlerweile ein or­dentlicher Theologie-Professor geworden ist, konnte man kaum darüber reden: und auch Rohr, der unterdessen ein Pastorat im Ucker- märkischen bekommen hat, hielt nie viel davon. Denn Rückerts strenge Reigung galt den Glei­chungen mit zwei Unbekannten: und Rohr war fachmännisch in den Feldzügen des Dreißigjäh­rigen Krieges beschlagen. Sie beide, hatten Besse­res zu tun, als sich um einen Ap'achenhäuptling zu kümmern.

Und wahrscheinlich haben sie da genau das Richtige getan denn wer ihren heutigen Stand mitsamt seinen Würden in Betracht zieht, der gewahrt nicht ohne Ehrfurcht, daß sie das Dasein unbeschränkt belohnt hat: die Achtung der Mit­bürger begleitet ihr Tun und Treiben: die wohl­wollende Zustimmung der Gutgesinnten ermuntert sie zu weiterem Wirken: und sie sind uns an­deren um etliche Rasenlängen voraus. Ihr Leben glitt sanft auch ohne Winnetou dahin.

Wir anderen indessen richteten den Schwung unserer dreizehn Iahre weniger auf Gleichungen ober verschollene Feldzüge: und darum hatten wir unglücklicherweise Muße, uns um Sachen zu kümmern, mit denen man es leider zu nichts Rechtem bringt: wir glaubten an Mokassins und Kalumets, an Federn und doppelläufige Silber- büchscn, an Leggins und Medizinbeutel; und wir glaubten am gläubigsten an das bronzefarben edle, heroisch schweigsame Profil Winnetous.

Vielleicht hätten wir lieber nicht daratz glau­ben sollen. Denn die Welt, in der wir dann später Hausen sollten, zieht aus guten Gründen einen weit unscheinbareren Menschenschlag vor einen Menschenschlag, der weder eine Fährte lesen noch den berühmten Knieschuß zwischen den Augen eines Spähers tun kann, aber dafür mit der Doppelzunge eines heuchlerischen Bleich­gesichts redet und den ehrlichsten Trapper in Verlegenheit setzen darf.

Iedoch an unseren Horizonten stand herrisch Winnetous Antlitz, beispielhaft und vorbildlich. Lind das war in der Lat nichts Geringes: denn schließlich war doch Old Shatterhand auch ein Kerl, der durch die prachtvollsten Fähigkeiten bestach. Aber so anerkennenswert fein Iagdhieb auf die feindlichen Schläfen war und so erregend

Das Volk raste, als die beiden Könige, die bei­den Königinnen und das Brautpaar auf den Balkon trat, es geriet aber ins Delirium, als Prinz und Prinzessin allein dort standen, um- rauscht von ihrem jungen Glück.

Sechstausend Gefangene sind in Freiheit gesetzt worden. Dierhunderttausend Menschen brauchen ihre Geldstrafen nicht zu bezahlen, nicht einmal die Polizeibußen. Zehntausend Paar Schuhe wur­den verteilt, alle Pfänder im Leihhaus ausgelost, es gibt Brot und Spiele!

Stundenlang zieht der Trachtenzug vorüber, tausend Tiere führt er mit, Ziegen und Pferde und Schafe und Kamele, Mohren und Musel­männer groß, groß ist das Reich des Königs. Aus Südtirol kommen sie und aus Rhodos, die Tamburine schellen, die Dudelsäcke flöten, man tanzt die Tarantella und singt ergreifende Volks­lieder Auf buntbemalten Karren, auf dem Rücken von Eseln und Muli trotten vollständig aus­gerüstete Brautbetten vorüber. Hochzeitsbitter «n voraus. Iede Provinz hat ihre schon- ädchen ausgewählt, das Herz kann einem

sein unfehlbarer Schuß aus Bärentöter und Henrhstuhen: an denroten Gentleman" Winne­tou kam selbst er nicht hera^

Unb so hübsch es sein mochte, beim Indianer­spielen etwa den listig kleinen Sam Hawkens vorzustellen oder den bärenstarken Old Firehand oder den geriebenen Schuft Santer zunächst wollten wir allesamt Winnetou werden. Erst wenn seine Maske und seine Rolle vergeben war, entschlossen wir uns zaudernd, den Ramen eines andern Westmanns und Savannenläufers anzunehmen. Iedoch, das Richtige war das nicht; denn Winnetou war eben alles untergeordnet.

Unb, falls wir ehrlich sinb: niemals waren wir in jenen Iahren so zuverlässig, so ritterlich, so überlegen gütig, als wenn wir Winnetou spiel­ten. Alle Bosheit fiel von uns ab, wir ärgerten niemanben mit ungestümen Streichen; jebe Un- beherrschtheit der Zunge war uns ein Greuel. Wie hätte sich auch bas bamit vertragen, daß wir tapferer, besser, heldenhafter waren als bas Volk ber weißen Männer unb den Vorrang auf das nachdrücklichste bestätigen mußten!

Ein Iahr nur ein strenges, knabenhaftes herbes Iahr nur waren wir so heroisch, wie wir das eigentlich allem Widerstand und Hemm» nis zum Trotz hätten werden können, wenn wir nicht doch allmählich ein bißchen klug unb toelt- getoanbt geworben wären und der Einsicht Platz gemacht hätten, daß die Winnetous immer und immer dem Untergang geweiht sind, während die Vorsichtigen auf ber (Stufenleiter hurtig höher klimmen. Rur ein Iahr gehörte Winnetou

Langsam schritt er bann aus unseren Gebanken- räumen hinaus; benn unversehens waren anbere Heroen mächtiger unb zwingenber geworden. Schlank, schweigsam, bronzefarben ging er ge­lassen in die halbe Dämmerung jener verschütteten Bezirke hinüber, in deren ungewissem Licht jetzt auch die Gleichungen mit den zwei Unbekannten und die Feldzüge aus dem Dreißigjährigen Kriege ruhen. Die Fährte seines geschmeidigen Fußes verwischte sich zur Unkenntlichkeit.

Denn das Leben hat von uns nicht gewollt, daß wir Bowiemesser und Lasso in der Faust halten. Es hat nicht gewollt, baß wirZounds!" sagen unb flink den Skalp vom Haupt unserer Feinde trennen. Es hat uns Schreibmaschinen oder Geschäftsbücher oder sonst etwas Rühlichcs in die Hand gedrückt. Und es hat uns gelehrt, bah man ben Gegner noch besser trifft, wenn man spitze Polemiken toiber ihn schreibt ober ge­hörig hinter seinem müben Rücken herschimpft.

pumpern wie bamals, als man ums Lyzeum herumschlich. Schönes, schönes ItalienI

Auf dem Kapitol stehen brei michelangeleske Paläste, die durch Zubauten für den einen Tag des großen Empfangs verbunden wurden. Sv trefflich sind sie ausgefallen, daß man sehr scharf zugucken muß, um unterscheiden zu können, too das Echte aufhört. Vielleicht, die Aestheten streiten sich schon, würde der Platz durch eine solche Geschlossenheit gewinnen.

Wie ber Blick nachts bei bem großen Empfang hinunterfiel auf bie unsagbar gewaltige Trüm- merftätte des Forum Romanum, gewahrte er dort Gladiatoren und Bürger im Streit, bann tauchten Fackeln auf, Prätorianer machten Platz ... Blumen, Frauen ... ein antiker Hochzeitszug .., Gallier, Germanen, Aethiopier ... man hält ben Atem an, bis bie Schatten unter bem Tri­umphbogen verschwunben sinb. Das war geniale Regie.

Feuerwerk auf dem Ianiculus. Hofjagd in Castelfusano. Paraden. Galavorstellung im Opernhaus. Ein Parkett von Königinnen.

Mögen sie markten im Haag wir, wir leben im Märchen.

Doch wenn auch die Silberbüchfe nicht mehr dröhnt und der Kriegsruf der Apachen nicht mehr über bie Prärie rauscht allzu sehr bürfen wir uns nie barauf verlassen, baß Winnetou starb unb schattenhaft im Rebel zerging.

Denn es kann fein, daß wir eines Tages durch bie Savanne ber Friedrichstraße pirschen, unb baß bann von hinten die biedere Faust Gerhard Ritsches auf unsere Achsel haut. Ritsches, der damals wohl ein Old Firehand war.

Dann aber können wir machen, was wir wol­len: während die Untertertia und die Obertertia aus ihrer Versunkenheit hinterlistig heraufge­schlichen kommt, hebt sich langsam ein schwei­gendes, gebräuntes Profil aus den Schatten ... und während zwei ausgediente abgehalfterte Obertertianer ein bißchen verlegen zusammen in die Settlements der Leipziger Straße einbiegen, schreitet unhörbar, unsichtbar der schweig­sam schlanke Winnetou mit ihnen.

Winnetou, der besser war als wir alle...

Der Gonntagswächier.

Von Siegfried von Vegesack.

Hier im Dorf gibt es keine Schupo, keine Sipo und überhaupt keine po. Dafür gibt es den Sonn­tagswächter.

Die Würde eines Sonntagswächters wird jedem männlichen Einwohner zuteil. Und da unser Dorf etwa zwanzig Häuser hat, kommt jeder ungefähr zweimal im Iahr an bie Reihe.

Waffe unb Emblem des Sonntagswächters ist eine lange Hellebarde mit Blechschild, auf dem Gemeindedienst" steht. Mit dieser Hellebarde bewaffnet, umschreitet ber Sonntagswächter toäfj- tenb der Kirchzeit feierlich das Dorf, sieht zu, baß nichts gestohlen wird, unb daß kein Feuer ausbricht. Selbst die ältesten Sonntagswächter erinnern sich nicht, daß bisher während der Kirchzeit etwas gestohlen wurde, ober bah ein Feuer auKbrach. Aber vielleicht ist bie erfreu­liche Tatsache nur dem Vorhandensein des Sonn­tagswächters zuzuschreiben.

Als uns eines Samstagsabends zum erstenmal die Hellebarde ins Haus getragen unb ich in bie Geheimnisse bes Sonntagswächteramtes ein- geweiht wurde, konnte ich. blaß vor Glück, die ganze Rächt kaum schlafen. Es war das erste öffentliche Amt. das mir anvertraut wurde, unb toirb wohl auch mein letztes sein.

Schon in aller Frühe, wenn bie letzten Kirch­gänger. alte Dauern in schwarzen, breitkrempigen Hüten mit talergeschmückten Westen, bie Straße

dem er ft en Schritt auf bie schiefe Ebene ne n Schutz vor dem Abgleiten mehr gibt.

Es war gut, daß solchen Möglichkeiten dank ber unabhängigen Stellung ber Reichs« bank ber Boden von vornherein entzogen war. Herr Schacht hat sich als ein unerbittlicher Hüter ber Währung gezeigt. Freilich bie Macht, bie ihm f;in Amt verlieh, mar mehr nega­tiv als positiv. Er konnte wohl bie zunehmenbe Verschuldung im Auslanb abbremsen, er konnte auch bafür sorgen, baß bie Mark auf ben internationalen Gelbmärkten ihre Parität mit den anderen Gold- beoifen bewahrte, aber bie Mißwirtschaft im Innern, bas sinnlose Anschwellen ber Aus­gaben über die Einnahmen, bie Defizitbetriebe unb die Verringerung ber inlänbischen Kaufkraft ber Mark konnte er nicht oerhinbern. Erst als man endlich ohne seine Mitwirkung nicht mehr auskam, konnte er es im Dezember vorigen Jahres erzwin­gen, bah im Gegensatz zu bem Hilserdingschen Di­lettantismus ein erster Versuch gemacht wirb, bas Finanzwesen bes Reiches auf eine gesunde unb solibe Basis zu stellen.

Auch biefer Erfolg ist der Autonomie ber Reichsbank z u danken. Er war nur mög­lich, weil sich ihre Leitung nicht mit dem jeweiligen Kurs ber Regierung zu ibentifizieren braucht. Unb babei muß es bleiben! Von ber Person des Herrn Schacht kann ganz abgesehen werden, aber an bie Spitze ber deutschen Notenbank gehört ein Mann, ber es nicht nötig hat, mit ben parlamen« torischen Majoritäten zu liebäugeln unb mit den von ihnen bestellten Ministern Kompromisse zu schließen, ein Mann, ber ohne ein rotes ober rötliches Par­teibuch in ber Brusttasche, frei unb unabhän - g i g für sein Institut unb für bie Währung bes Reiches sorgen kann.

Gewiß ist es grundsätzlich nicht wünschenswert, daß ber Reichsbankpräsibent eine berartige Aus­nahmestellung besitzt, aber wie die Verhältnisse lie­gen, ist es zur Zeit unvermeidbar. Das Ver­trauen in unsere Währung stützt sich zum großen Teil auf bie Gewißheit, baß sie in bie finanzielle Misere und marxistische Mißwirtschaft nicht hinein- gezogen werben kann. Wenn biefe beseitigt sinb unb wenn bie regierenben Parteien gelernt haben, ihre Ausgabefreubigkeit zu zügeln unb statt mit Schulden mit Den tatsächlich vorhandenen Einnahmen zu wirt­schaften, bann ist es Zeit, auch bas Statut ber Reichsbank zu reoibieren unb ihrem Präsibenten wieber den Platz unter bem Reichskanzler anzu­weisen, ben er vor bem Kriege einnahm. Die Re­gierung muß erst beweisen, baß sie selbst bie er- forderliche finanzielle Gewissenhaftigkeit besitzt, ehe man ihr ben Schlüssel zum Gelbschrank wieder in bie Hanb gibt.

Erweitertes

Schöffengericht Gießen.

* Gießen. 15. Ian. Ein oberhessischer Stan­desbeamter hat sich mehrerer Verfehlungen gegen das Personen st andsgesetz schul­dig gemacht, indem er die Trauung einer minder­jährigen Braut ohne Einwilligung ihres gesetz­lichen Vertreters und weiter eine andere Trau­ung vorgenommen hat, ohne vorher das ord­nungsmäßige Aufgebot zu veranlassen. Strafe: je zehn Mark Geldstrafe oder 2 Tage Gefängnis. Außerdem hat er aber auch in einem Falle falsche Einträge in das Heiratsregister und in das Aufgebotsverzeichnis vorgenommen. Obwohl § 348 StGB, für dieses Delikt eine Mindeststrafe von einem Monat Gefängnis vor- sieht, erkannte das Gericht doch dem Antrag des Staatsanwalts gemäß an Stelle dieser in erster Linie verwirkten Freiheitsstrafe auf eine Geld­strafe von 100 Mark.

Ein bisher unbestrafter Angestellter war ge­ständig. bei feiner Firma im Laufe der letzten Iahre den Betrag von etwa 20 000 Mark unter­schlagen unb diese Unterschlagungen durch Fäl­schung der Lohnlisten, Eintragung höherer Löhne ufto. verschleiert zu haben. Er will durch seine finanzielle Rotlage und die großen Aufwen­dungen für feine Familie zu diesen Verfehlungen gekommen fein. Das Gericht billigte dem An-

zum Marktflecken hinunterstapfen, schreite ich, die Hellebarde aufrecht in ber Hand, über den grünen Hügel ins Dorf, und Frau und Kind Winken mir stolzerfüllt ein letztes Lebewohl vom Fenster zu.

Mit äußerster Gewissenhaftigkeit prüfe ich jedes Haus, jeden Schornstein, jede Tür. Aber nirgends kann ich etwas Verdächtiges bemerken. Das ganze Dorf ist wie ausgestorben. Rur fürchterlich zischende Gänse ziehen in Scharen hinter mir drein, weichen aber vor meiner gezückten Helle­barde scheu zurück. Beim Pledl knabbern zwei Ziegen an einem Obstbaurn; ich treib sie mit der Waffe in die Flucht. Drüben beim Killinger hockt ein Bub in der Pfütze und brüllt. Ich zieh ihn heraus, aber jetzt brüllt er noch toller. Da. plötz­lich kommt ein Schwein um die Ecke, rennt wie besessen durch die Pfütze und verschwindet in Obermeiers Krautfelde.

Ratlos stehe ich mit der Hellebarde da. schleiche mich gebückt um den Acker und stürme mit vor­gehaltenem Spieß auf den Sonntagsfrevler los. Er zieht sich grunzend zurück.

Ich bin von einem so unbändigen Pflichteifer erfüllt, daß ich in jedes Fenster hineinschaue unb in jede offene Tür eintrete. Immer liegt irgendwo eine Spiegelscherbe, ein steifes Vorhemd und ein abgebrochener Kamm. Unb überall wälzen sich winzige Geschöpfe auf dem Fußboden, starren stumpfe Augen mich blöde an. Doch man sieht auch rührende Bilder: Väter und Großväter, die das Iüngste wiegen, während die Mutter zum Hochamt gegangen ist. Uralte verhuzelte Weiberchen zupfen mich am Arm und laden mich freundlich zum Sitzen ein.

r /?^r am liebsten gehe ich in das kleinste, letzte Häuschen, das abseits am Walde liegt. H'er wohnt ein junges, glückliches Paar, eine strahlende Mutter, unb fast jedesmal wenn ich komm, regt sich wieder etwas in der Wiege und hackt ein Kind mehr auf dem Fußboden!

Habe ich so in alle Häuser geb lieft, bin ich toteber auf und ab geschritten, von einem Ende jum anderen, bann überschau ich noch einmal vom grünen Hügel das ganze am Hang niedergeduckte Dorf unb das weite Land mit ben blauen Bergen und Wäldern. Aus der Tiefe klingt die Sonntags­glocke vom Marktflecken herauf, und über ben ^alb kommen die hellen hohen Glocken aus Rinchnach, bem früheren Kloster.

Die ersten Kirchgänger, schwarze, steife Ge­stalten, eine hinter ber anderen, stapfen den Derg herauf.

Das Amt des Sonntagswächters ist vorüber.

Und mit feierlicher Würde, bie Hellebarde auf­recht in ber Hand, kehrte ich heimwärts.

Regierung und Reichsbank.

Professor Dr. Max J. Wolff, Berlin.

Der bedauerlich offene Krach im Haag mußte unter allen Umständen vermieden werden. Der Ge­gensatz zwischen der deutschen Regierung und dem Reichsbankpräsidenten durfte nicht in der Öffentlich­keit und sogar noch im Ausland unter den Augen unserer Gegner ausgetragen werden. Der Zwischen­fall hat das Ansehen der einen wie der anderen Seite schwer geschädigt. Herr Schacht kann sich frei­lich darauf bekusen, daß er die Regierung über feine Absicht nicht in Unkenntnis gelassen, son­dern ihr rechtzeitig den Inhalt feines Briefes an den amerikanischen Bankier Reynolds mitgeteilt habe' aber er mußte sich sagen, als er trotzdem a l s Sachverständiger nach dem Haag berufen wurde, daß seine Absicht entweder mißverstanden ober in ihren Konsequenzen nicht deutlich genug ausgedrückt war. Es mußte ihm klar fein, daß er auf der dortigen Konferenz nicht als Gegner, son­dern als Helfer der deutschen Minister auftreten sollte.

Wenn man aber zugibt, daß sich Herr Schacht i n der Form vergriffen hat, so ist damit in der Sache nichts gegen seine Auffassung gesagt. Man kann gewiß der Ansicht sein, daß die nachträglichen Verschlechterungen des Poungplans nicht so schwer ins Gewicht fallen, daß seine Ablehnung und damit die Rückkehr zum Daroesplan eine nationale Pflicht ist, aber man wird auch der entgegengesetzten An­sicht ihre Berechtigung zugestehen, und vor allem roird man dem Reichsbankpräsidenten, dem Mann, der zum Hüter der unter den größten Opfern sta­bilisierten deutschen Währung bestellt ist, nicht das Recht bestreiten, seine Stimme zu erheben, und zwar so laut als möglich zu erheben, wenn er eine Gefahr für diese Währung befürchtet. Das ist keinenationale Disziplinlosigkeit", wie der Vorwärts" pathetisch erklärt,kein Theater", das zum Besten der internationalen Zuschauer aufgeführt wird, sondern die Erfüllung einer selbst - verständlichen Pflicht.

Innerhalb ber deutschen Grenzen gibt es wohl kaum einen zurechnungsfähigen Menschen, ber an ber Ausführbarkeit bes Poungplanes nicht zweifelt, unb wenn eine Finanzautorität wie ber Reichsbank- präfibent biefen Zweifeln Ausbruck gibt unb erklärt: Hier kann ich beim besten Willen nicht mehr mit­machen!", ba wäre es besser, diese Erklärung als wirksame diplomatische Waffe gegen bie Gegner zu verwenben, statt ben Mann, ber sie ge­wiß nicht leichten Herzens abgegeben, zu verhöhnen unb niebrzubrüllen. Allgemein wirb von Schachts Gegnern bie Forderung erhoben, das Statut ber Rcichsbank zu änbern, b. h. bem Präsibenten, mag es nun Herr Schacht ober ein Nachfolger sein, eine Stellung anzuweisen, bie ihm in Zukunft j e -

den Widerspruch gegen die Pläne ber Regie­rung unmöglich macht.

Der Leiter unserer Notenbank besitzt die denkbar größte Unabhängigkeit. Er ist von der Re­gierung nicht eingesetzt und kann von ihr nicht ab­gesetzt werden. Er ist weder dem Reichskanzler noch dem Reichspräsidenten verantwortlich, sondern nur bem Verwaltungsrats seines Insti­tutes, der sich wieber aus unabhängigen Män­nern ber Wirtschaft zusammensetzt. Diese übergeord­nete Stellung wurde der Reichsbank und ihrem Präsidenten als Schutzmittel gegen eine neue Inflation eingeräumt, man wollte der Regierung jeden Einfluß auf die Notenbank, auf das Rückgrat der Wirtschaft, entziehen. Das war eine Forderung, die von den ausländischen Gläubigern gestellt wurde, aber eine Forde­rung, die auch im dringend st en Interesse bes beutschen Volkes lag. Der Vorgang ber unbegrenzten Notenausgabe bürste sich nicht wieder­holen, das Reich sollte auf diese Weise gezwun­gen werben, seine Einnahmen unb Ausgaben ohne den Druck von zusätzlichem Papiergeld zu balangieren.

Deutschland ist von einer zweiten Inflation ver­schont geblieben, aber man wird nicht behaupten, daß darum die bisherigen vorbeugenden Maßnah­men überflüssig wären. Im GeKnteil, bei der fi­nanziellen Mißwirtschaft, bie sich überall in Reich, ßänbern unb ® emeinben breit macht, wirb man bafür bankbar sein, baß bie Reichs­bank noch immer ihre völlig unabhängige Stellung besitzt, baß sie unb bamit Die Deutsche Währung wie ein Fels im Meer, unberührt von allen um- roogenben wirtschaftlichen unb finanziellen Krisen, dasteht.

Die Finanzwirtschast ber letzten Jahre bestand in einer unbegrenzten Ausgabefreudig­keit, ohne daß man sich um die Frage ber Deckung viel Sorge machte. Ausgaben und Einnahmen ge­rieten in ein immer stärkeres Mißverhältnis. Selbst in Preußen, dem Staat, der noch am verständigsten in finanzieller Beziehung verwaltet wird, ist das Defizit eingezogen, und die anderen Länder sowie das Reich unb ber größte Teil ber großen Kom­munen greifen heute zu ben verzweifeltsten Mitteln, um ber chronischen Erschöpfung ihrer Kassen und ber beftänbig zunehmenden Verschuldung zu begegnen. Hätte es unter diesen Umständen nicht nahe gelegen, wieder zur Notenpresse zu greifen? Gewiß nicht in der bösen Absicht, eine neue Inflation Herausgabe- schwören. Aber so ein bißchen Papiergeld hätte doch in manchen Augenblicken eine bedeutende Erleichte­rung gebracht. Die Versuchung wäre groß gewesen, unb aus Erfahrung wissen wir ja, baß es n a ch