geklagten mildernde Umstände zu und verurteilte ihn zu 7 Monaten Gefängnis.
(Sin auswärtiger junger Mann wurde beschuldigt, in mehreren Fällen sich mit jugend- lichen männlichen Personen — § 175 StGB. — vergangen zu haben. Er war umfassend geständig. Da der Mißbrauchte in einem Falle unter 14 Jahre alt war, liegt auch ein Verbrechen gegen § 176 Ziffer 3 StGB. vor. Das Gericht nahm in Liebereinstimmung mit dem Staatsanwalt mildernde Umstände an, sprach aber mit Rücksicht auf das für die Jugend außerordentlich gefährliche Treiben eine Gefängnis- strafe von zusammen 11 Monaten und 2 Wochen aus. Der andere jugendliche Angeklagte wurde zu 4 Wochen Gefängnis verurteilt.
Aus der provinzialhauptstadi.
Gießen, den 18. Januar 1930.
Auslandsdeutschtum und Schule.
Der Abschluß der Tagung.
Der Lehrgang „Auslandsdeutsch- Ium und Schule" fand am Donnerstagnachmittag seinen Abschluß. Aach einleitenden Worten von Oberstudiendirektor Prof. Altendorf (Gießen) behandelte
Sludicnrat Prof. Dr. König
ehemals in Straßburg, der derzeitige Dozent für Auslandsdeutschtum an der hiesigen Universität, das Thema „Volk und Staat". Er führte etwa folgendes aus: Bolksgrenzen decken sich nicht mit Staatsgrenzen. Aicht der Staat ist Zweck, sondern die Volkheit. Der Staat soll Mittel zum Zweck sein zur Erfüllung der Vo'k- heit, ein Volk ohne Staat kann nicht leben. Das deutsche Volk lebt nicht nur in Deutschland, sondern im Grunde in mehr als zwanzig europäischen Staaten. Als Volk sind wir Deutsche die größte Volkheit Europas, zählen weit mehr als die 60 Millionen Russen und sind an Zahl doppelt so stark als die Franzosen. Im Ra- tionalitätenstaat Schweiz leben mehrere Volkheiten friedlich zusammen. Auch in Estland ist es gelungen, die Mehrheit der Estländer mit der Minderheit der Deutschen in gedeihlicher, fruchtbringender Zusammenarbeit zusammenzufuhren. Die Mehrheit unterdrückt nicht die Minderheit. Treue dem Staat und Treue dem Volk können nebeneinander Berechtigung finden. Der Staat ist in der Regel mehr Gesellschaft, während Volkheit enge Gemeinschaft bildet. Die Gemeinschaft ist die höhere, der einzelne ist untergeordnet. Die Stellung zur Gesellschaft Staat kann man auf- geben, die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft Volk nicht, es müßte denn jemand seinem Volk untreu werden. Volkheit ist relativ ewig. Hoffen wir, daß wir alle vom Staat über das Volk doch noch einmal zum Ziel kommen!
Legalionsrat Dr. Bochme
vom Auswärtigen Amt. ehemaliger langjähriger Leiter der deutschen Auslandschule in Mexiko und einstiger Austauschprofessor an Liniversi- täten der Vereinigten Staaten von Nordamerika, referierte über das Thema „Von der Arbeit der deutschen Auslandschulen". Er zeichnete zunächst die einzelnen Typen der deutschen Auslandschulen, die vielfach von kirchlicher Seite ins Leben gerufenen Siedelungs- schulen, die nach 1850 entstandenen Auslandbürgerschulen, deren Bildungsziel schon gehoben war, wenn auch die deutschen Lehrpläne noch keine Berücksichtigung fanden. Aach 1871, als Vertreter von deutschen Handelssirmen in den Handels- und Hafenstädten fremder Staaten ansässig wurden, gestaltete sich der Charakter der Schulen um. Die Lehrziele wurden höher gesteckt: Es entstanden die ersten Realschulen mit Anschluß an die deutschen Lehrpläne. Sie fanden
Der Traum vom Slülk.
Vornan von E. Lovett und M. v. Weißenthurn.
Copyright by Marie Brügmann, München.
14. Fortsetzung. Raddruck verboten.
Inzwischen war Scharf denselben Pfad hinabgeschlendert, den Sabine von Rechten und Kurt von Wildhofen kurz vorher eingeschlagen hatten. Er hatte die beiden von dem Fenster seines Dachstübchens aus in den Wald schreiten sehen.
Den abgeschabten Kragen seines alten Lieberziehers hoch hinaufgeschlagen und den zerdrückten Hut möglichst tief in die Augen gezogen, so stopfte er langsam einher. Seine roten Hände hatte er tief in die Rocktasche vergraben, und ein schmutziges buntes Seidentuch schützte seinen Hals vor der Kälte. Mit seinen schadhaften Stiefeln bewegte er sich auf dem feuchten Waldwege vorsichtig weiter, dabei ununterbrochen mit sich selbst redend und lebhaft gestikulierend. Meistens waren cs Drohworte, die aus seinen zusammengepreßten Lippen hervordrangen.
Der Mann sah krank, hungrig und verzweifelt aus: ein Bild des Elends. Er trat jetzt in einen der schmalen Pfade, den man der Fasanenjagd wegen durch das dichte Unterholz gebahnt hatte. Solche Durchbrüche waren in großer Anzahl vorhanden, die teils durchschnitten, teils nebeneinander herliefen oder das Jagdterrain umgaben. Der Fremde war noch nicht weit gegangen, als er in geringer Entfernung das vom Fenster aus beobachtete Paar in eifrigem Gespräch stehen sah. Er trat schnell seitwärts in das Gehölz und verbarg sich hinter einem dichten Wacholderbusch. Die Entfernung zwischen ihm und den beiden jungen Leuten war zu groß, als daß er sie hätte belauschen können, obwohl das Paar viel zu vertieft in sich selber war, um die Aähe eines Dritten zu ahnen.
Der Herr hielt die Hände der jungen Dame in den seinigen und versuchte, sie leise an sich heranzuziehen: sie aber entzog sie ihm, wandte sich hastig von ihm ab und betrat schnell den Weg, der an dem Versteck des Fremden vorüberführte. Ihr Begleiter sah ihr einige Augenblicke nach: dann schritt er mit gesenktem Antlitz in der ent- geoengcsehten Richtung davon. Sabine, denn sie war es, schien bis ins tiefste Innere erregt zu sein Heiße Tränen rollten über ihre Wangen, und ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihre schlanke Gestalt, während sie langsam zum Pachter- Hause zurückkehrte.
Der Mieter von Frau Heiß hatte dieses scyone Mädchen vor langen Jahren, als es noch em Kind war, zum letzten Male gesehen: aber ihr goldblondes Haar und ihre großen, blauen Augen waren unverändert geblieben.
deutscherseits 1899 Anerkennung, und nicht lange später wurde einzelnen auch das Recht zugespro- chen, Reifezeugnisse auszustellen, so in den Städten Konstantinopel. Bukarest, Antwerpen und Brüssel. Aach 1900 wurde auch Kindern des Gastlandes Genehmigung erteilt, in die deutsche Auslandschule einzutreten, infolgedessen stieg die Schülerzahl vor dem Weltkrieg noch auf 56 000, von denen aber am Schluß des Weltkrieges nur noch ein Viertel übrig blieben. In den letzten Vorkriegsjahren wurde auch noch die Gründung von deutschen Auslandschulen nur für Ausländer vorgenommen, die man als Propagandaschulen ansprechen darf. Sie wurden alle ein Opfer des Krieges und sind bis heute nicht wieder eröffnet worden. 3n ungeahnter Weise stieg nach dem Weltkrieg der Besuch der deutschen Auslandschulen wieder in die Höhe, die Vorkriegszahl von 56 000 war bald überholt, ein Zeichen dafür, daß die deutschen Schulen doch in den Ländern verwurzelt waren (selbst in Belgien). Sämtliche deutschen Auslandschulen werden getragen von Schulvereinen, sind also privater Aatur: Reichsschulen bestehen bis heute noch keine, wenn auch die vom Reich aufgebrachten Mittel für die deutschen Auslandschulen viel größer sind, als vor dem Weltkrieg. Alle Schulen verbindet der Blick auf Deutschland, der Anschluß an deutsche Ziele. In wenigen Jahren werden etwa zwanzig deutsche Vollanstalten im Auslande vorhanden sein, z. Z.-sind es schon zwölf. Infolge der Zwei- sprachlichkeit macht der Unterricht in den Schulen große Schwierigkeiten. Wenn auch die deutschen Lehrpläne Richtlinien bilden müssen für das Bildungsziel, so muß auch den Lehrzielen des Gastlandes unbedingt Rechnung getragen werden, die Arbeit wird dadurch sehr erschwert. Die Schulen sind als Einheitsschulen zu betrachten, vom Kindergarten ab bis zum sechs- bis siebenjährigen Volksschulaufbau, auf dessen Grundlagen dann bis zur Reisevrüfung weitergearbeitet wird. Das Hauptarbeitsg:biet ist und bleibt der deutsche Sprachunterricht. Vom Redner wurde am Schluß seiner Ausführungen noch dankbar anerkannt, daß namentlich in Hessen für die deutschen Aus- landschulen großes Interesse besteht.
Obcrftttdicndirektor Altcndorf
sprach unter dem Beifall der Lehrgangsteilnehmer allen Rednern herzlichen Dank aus und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Anregungen auf fruchtbaren Boden gefallen sein möchten.
Bornotizen.
— „D i e andere Seite" im Stadttheater. Man schreibt uns: Aach den vielen Kriegsbüchem hat nun ein Engländer, R. C. Sheriff, auch eine Tragödie des Schützengrabens geschrieben: „Journey s End“ („Die andere Seite"), ein Stück in 3 Akten. Deutsche Bearbeitung von Hans Reisiger. Es hat einen beispiellosen internationalen Erfolg gehabt in London, Aeuyork und Paris. Dieses Stück wird am Mittwoch, 22. Januar, in unserem Stadttheater unter der Spielleitung des Intendanten Dr. Prasch erstaufgeführt.
*
** Wer hat Photographien vom K r ie a s a u s m a r s ch der Gießener Garnison? Zur Vervollständigung der Sammlungen unseres Oberhessischen Museums wäre es der Museumsleitung erwünscht, wenn ihr photographische Aufnahmen, die beim Kriegsausmarsch der hier aufgestellten Truppenteile gemacht worden sind, überlassen würden. Cs handelt sich darum, diese Bilder in wohlgeordneter Sammlung und in Verbindung mit anderen Dokumenten und Erinnerungsstücken aus der Kriegszeit für spätere Geschlechter, zu erhalten. Wer von unseren Mitbürgern Gewicht darauf legt, die Aufnahmen im eigenen Besitz weiter zu verwahren, möge die Photos der Museumsleitung vorübergehend zur Herstellung einer neuen Aufnahme überlassen. Man darf wohl hoffen, daß
Jetzt trat er plötzlich aus dem Gehölz heraus und stellte sich ihr in theatralischer Pose und mit ausgestreckten Händen in den Weg.
Sabine schrie laut auf und stand vor Schreck gelähmt still: sie hielt den Mann für einen Landstreicher mit üblen Absichten. Trotzdem versuchte sie mit Aufbietung ihres schwachen Mutes, an ihm vorbeizuschlüpfen. Doch er blieb mit aus- gebreiteten Armen inmitten ihres Weges stehen, somit offen seine Absicht bekundend, sie nicht durchzulassen.
„Sei ganz ohne Furcht, mein liebes Kind! redete er sie jetzt an. „Ich würde dir um keinen Preis der Welt etwas Böses zufügen."
„Geben Sie mir den Weg frei, bitte!" flehte das geängstigte Mädchen.
„Was, du erkennst deinen eigenen Vater nicht mehr, mein Täubchen?"
„Mein Vater?" Mit entsetzten Blicken maß sie die Vagabundengestalt vor sich von oben bis unten, und noch einmal in das Gesicht des Mannes schauend, kam ihr plötzlich die Erinnerung an ihre Kindertage. Auch wußte sie, daß ihre Mutter „ihn" erst gestern getroffen hatte.
„Warum bist du denn noch immer hier?" stammelte sie. „Du hast der^Mutter gestern versprochen, die Gegend zu beifaffen und keine Begegnung mehr mit uns zu suchen", sagte sie jetzt mit plötzlich wiedergewonnener Fassung.
„Ach, mein Kind, Versprechungen sind schnell gemacht und oft schwer zu halten. Deine Mutter zum Beispiel versprach mir auch etwas, nämlich eine Summe Geldes, und ich kann nicht früher von hier fort, bis ich sie habe. Ich brauche Geld, um nicht zu verhungern, liebe Sabine — ich brauche dringend Geld."
„Du willst also jetzt von mir Geld haben?!"
„Ja, eine große Summe noch dazu, mein gutes Kind! Deinem armen Vater geht es sehr traurig. Sieh dir diesen abgetragenen Lieberrock, diese Hassenden Stiesel, dieses zerlumpte Flanellhemd an!" Er öffnete den alten Paletot. „Keine Weste, kein warmes Llnterkleid, um mich vor der Kälte zu schützen! Ach, Sabine, ist es recht, daß du in Samt und kostbarem Pelzwerk einhergehst, während dein armer, kranker Vater vor Kälte zittern muß in feiner elenden Kleidung?"
Trotzdem Sabine ihn in seiner ganzen Schlechtigkeit kannte, erfüllten sie seine Worte doch mit dem tiefsten Mitleid: auch ließ sich ihre Wahrheit nicht leugnen.
„Ich habe aber kein Geld, um es dir geben zu können, Vater!" erwiderte sie klagend und mit einem traurigen Blick auf feine armselige Erscheinung. „Gott weiß es, wie gern ich dir bei- stehen würde, wenn ich es könnte: aber auch wir sind sehr arm, und wenn du mich auch gut gekleidet siehst, besitzen wir doch nur das aller- notwendigste Geld, um von hier wieder abreifen zu können. Die Kleider, die wir tragen, haben
diese Ditte des Museums bet unseren Mitbürgern Erfüllung findet. Zusendungen richte man an die Direktion des Oberhessischen Museums und der Gailschen Sammlungen.
*• Das Kirchnotgeld. Von dem Vorsitzenden des Evangelischen Gesamtkirchenvvrstan- des wird uns folgendes mitgeteilt: „In einem „Eingesandt" in der Dienstagnummer wird bemängelt, daß das Kirchnotgeld an den Samstag- nachmittagen von 2 bis 5 Llhr erhoben wird. Diese Anordnung wurde getroffen, weil unser Kirchenrechner zu anderer Zeit beschästigt ist. Wir glaubten auch, durch diese Maßnahme die Entrichtung dieser außergewöhnlichen Steuer unseren Gemeindegliedern, von denen viele am Samstagnachmittag nicht beschäftigt sind, sehr bequem zu machen. Ist es zuviel verlangt, wenn jetzt bei dem schönen Wetter jemand nachmittags einen Spaziergang macht und dabei im Markus- faale vorspricht? Cs jedem recht zu machen, ist eine Kunst, die bekanntlich niemand versteht."
''Eine Erwcrbslosenversammlung. die von den Kommunisten einberufen war, sano gestern von 11 bis gegen 14 Llhr im Katholischen Vereinshaus statt. Vor etwa 200 Zuhörern sprachen das kommunistische Stadtratsmitglied Lepper. Gießen, und der kommunistische Provinzialtagsabgeordnete Schäfer, Bad-Aauheim. Die Versammlung nahm einen ruhigen Verlaus, die Teilnehmer gingen nach Versammlungsschluß ohne Zwischenfall auseinander. Vorsorglich hatte die Polizeibehörde Sicherungsmaßnahmen getroffen.
** Aus dem Gießener Standesamt s- r e g i ft e r. Cs verstorben in der Zeit vom 1. bis 15. Januar: 1. Josef Stern, Viehhändler, 57 Jahre, Aordanlage 11, Martha Jörg, 5 Jahre, Asterweg 7; 3. Karoline Lock, geb. Seibel, 69 Jahre, Kirchenplah 18, Dorothea Baßler, geb. Hütter, Witwe, 65 Jahre, Wetzlarer Weg 80: 5. Berta Kalbhenn, berufslos, 55 Jahre, Kaiserallee 23; 9. Anna Aierstheimer, geb. Scherer, 67 Jahre, Mäusburg 1; 12. Rifka Sulzbacher, geb. Aeumann, Witwe, 71 Jahre, Liebigstraße 31, Elisabeths Geißler, geb. Häuser, Witwe, 73 Jahre, Bahnhofstraße 60, Luise Berta Elisabeth Viertel- Hausen, geb. Schäfer, 28 Jahre, Ludwigstraße 21, Marie Woldt, geb. Aff, Witwe, 55 Jahre, Ebel- strahe 9; 13. Fridolin Zöllner, Pfarrer i. R., 76 Jahre, Keplerstraße 13; 15. Georg Henrich, Geschäftsführer, 61 Jahre, Frankfurter Straße 25.
'• ileber d i e Aussichten im Volksschullehrerberuf teilt das hessische Ministerium für Kultus und Bildungswesen mit, daß in den nächsten Jahren voraussichtlich eine Verschlechterung eintreten wird. Die Aufnahme in die Pädagogischen Institute soll deshalb vom Sommersemester 1930 ab nur noch in beschränktem Umfange erfolgen. Cs ist damit zu rechnen, daß nach Abschluß des zweijährigen Studiums als Dolksschullehrer die Anwärter noch 1—2 Jahre (katholische Anwärterinnen sogar 3—4 Jahre) warten müssen, bis sie eine_ bezahlte Verwendung im Schuldienste finden können. In der Wartezeit kann jedoch der Vorbereitungsdienst zur 2. Lehrerprüfung (Staatsprüfung) erledigt werden, so daß die Anwärter dauernd mit dem Lehrerberufe verbunden bleiben.
** Der Kriegerverein Gießen feierte am .Samstag im Saale des (Safe Leib sein 56. Stiftungsfest. Es wurde durch einige Musikstücke der Kapelle Weller eingeleitet, worauf Sri. Liesel Amend einen von Herrn Binde - Wald verfaßten Dorfpruch ausdrucksvoll zu Gehör brachte. Der 1. Vorsitzende, Landgerichtsrat Trümpert, begrüßte die Gäste und Kameraden und entwickelte ein ausführliches Bild der Vereinsgeschichte, wobei er der Altveteranen und aller im Weltkriege gefallenen Kameraden mit Dankesworten gedachte. Anschließend überreichte er an 10 Altveteranen das „Hassia"- Ehrentreuz, die höchste Auszeichnung, welche die Kriegcrkameradschaft „Hassia" verleiht, und gab die gleiche Auszeichnung auch dem Kameraden
wir noch nicht bezahlen können." Sie dachte einen Augenblick an ihre Ringe; aber die Steine waren künstliche Diamanten und deshalb wertlos. „Mutter sagte mir, daß sie dir gestern etwas Geld gegeben hätte," fuhr sie fort, „da kannst du doch heute nicht in so großer Rot sein."
„Armselige fünf Mark! Die habe ich bereits der Pächtersfrau, bei der ich ein kleines Zimmer mietete — auch ohne Geld natürlich —, gestern gleich für meine Beköstigung gegeben."
„Du wohnst im Pächterhaufe?" rief Sabine bestürzt. „Dort, wo wir soeben gefrühstückt haben?"
Cr nickte zustimmend. „Lind werde dableiben, bis ich Geld genug habe, diese Gegend als anständiger Mensch verlassen zu können," setzte er mit Rachdruck hinzu.
Sabine war sprachlos. Wenn ihre Mutter das geahnt hätte, wäre sie wohl lieber gestorben, als heute mit ihr hierherzukommen.
„Du hast aber der Mutter gesagt, daß du sofort nach der Stadt zurückkehren wolltest!" rief sie empört. „Sie glaubt dich bereits dort. Warum hast du sie denn getäuscht?"
Der Mann lachte leise in sich hinein. „Ihr lieben Weiblein täuscht euch selbst zu viel. Jetzt aber, Sabine, gib mir einstweilen etwas Geld; selbst das allerwenigste ist mir willkommen. Morgen erscheinst du dann wieder hier und bringst mir mehr. Deine Mutter ist eine gefühllose Frau, hart wie Stein, doch du wirst deinen armen Vater gewiß nicht umkommen lassen."
„Aber ich besitze ja kein Geld, Vater: ich sagte es dir schon — außer einer Mark höchstens."
Dabei zog sie eine winzige Börse aus der Tasche und schüttete ihren Inhalt auf ihre Hand. Cs waren ungefähr sechzig Pfennige in Rickel, dazu einige Kupfermünzen. Ihr Vater streckte gierig die Hand danach aus und versenkte das Geld ohne weiteres in seine Rocktasche.
„Das, liebe Sabine, betrachte ich aber nur als einen Scherz von dir," sagte er dann trocken. „Morgen mußt du mir schon einen größeren Betrag bringen."
„Das ist aber alles, was ich besitze."
„LInsinn, Kind!" Lind plötzlich in einen grollenden Ton verfallend, fuhr er fort: „Die Leute, bei denen ihr zu Gast seid, sind sehr reich und mit euch befreundet. Du kannst von ihnen Geld verlangen, wenn du nur willst."
„Auf welche Weise denn? Ich kann es doch nicht stehlen?"
„Rein, natürlich nicht, aber von ihnen borgen!“
„Lieber Vater, Damen borgen sich kein Geld von Freunden, bei denen sie Gastfreundschaft genießen," entgegnete Sabine in halb belehrendem, halb verächtlichem Ton.
„Sie sind nicht eure ersten besten Freunde. Du bist so gut wie verlobt mit dem Erben dieser Besitzung, das hat mir deine Mutter erzählt.
Karl Rück für Verdienste innerhalb des Vereins. Ehrentafeln tonnten überreicht werden an zwei Mitglieder für 40jährige und zwölf Mitglieder für 25jährige Zugehörigkeit zum Verein. Kain. Albin Klein überreichte nach einer Ansprache über das Kleinkaliberschießen an vier Kameraden die vom Kysshäuserbund gestiftete Ehrennadel für bestes Kleinkaliberschießen und für Erwerbung des Hassiawanderprcises, sowie an zwei Kameraden dieselbe Radel für hervorragende Schieß- Iciftung. Im folgenden gemütlichen Teil kamen neben Musikstücken zur Ausführung ein Tanz, der von drei Damen in schönster Weise vorgesührt wurde, ferner ein humoristischer Vortrag und ein Lustspiel, die sämtlich lebhaften Beifall fanden. Eine Verlosung und anschließender Tanz schlossen die schön verlaufene Feier.
" Jahreshauptversammlung der OrtsgruppeGiehenimD. H. V. Man berichtet uns: Die Ortsgruppe Gießen im D. H. D. hielt am vergangenen Samstag im „Bayerischen Hof" ihre Jahreshauptversammlung ab. Der Vertrauensmann der Ortsgruppe. Herr Schaub, begrüßte die Erschienenen, insbesondere Gau- vorsteher Auerbach, Frankfurt, der in einem einstündigen Referat zur Wirtschaftslage sprach. Der noch nicht beendete Rationalisierungsprozeh in der Wirtschaft habe auch im verflossenen Wirtschaftsjahr zu erhöhter Arbeitslosigkeit geführt, wovon gerade die Kaufmannsgehilfen am stärksten betroffen sind. An Hand von Zahlen wies der Redner nach, daß in unserem Wirtschaftsgebiet die Zahl der stellenlosen Kaufmannsgehilfen besonders hoch ist. Rur zaghaft und äußerst vorsichtig nehme die Wirtschaft neue Kräfte auf. Die Schwierigkeiten der Geldversorgung unserer Wirtschaft seien durch Be- iDegungeu auf dem internationalen Geldmarkt zeitweise erheblich verschärft. Mit den Stockungserscheinungen sei auch ein gewisser Reinigungsprozeß in der Wirtschaft verbunden gewesen. Der Favag-Zusammenbruch und der Sklarek-Skandal seien Beispiele hierfür. Mit starken Hemmungen hatte die Wirtschaft von außen zu rechnen, zunächst mit den Reparationen, dann aber auch mit dem hohen internationalen Zinsniveau, hervorgerufen durch die Reuyorker Börsenhausse und endlich dem Angriff auf die deutsche Währung auf der Pariser Sachverständigen-Konserenz. der Diskonterhöhung im Gefolge hatte. Dieser Angriff auf die deutsche Währung habe int Innern eine sinnlose Jnflationsangst ausgelöst und die Kapitalflucht gefördert. Hinzu komme der in Unternehmerkreisen verbreitete Pessimismus. 3m Gegensatz zu der unsicheren Lage der Wirtschaft stehe die Entwicklung des Deutsch- nationalen Handlungsgehilfen - Verbandes. Gemessen an dem Reinzuwachs an Mitgliedern stelle das verflossene 3ahr das beste seit der Stabilisierung dar. Mit einer Mitgliederzahl von rund 380 000 männlichen Kaufmannsgehilfen und Lehrlingen habe der D. H. V. weiter feine Stellung als größter Angestelltenverband der Welt gefestigt. Die erhöhte Spartätigkeit der Mitglieder in der Goldmarksparkasse des Verbandes, die günstige Entwicklung der Versicherungsunternehmungen. vor allem der Berufskrankenkasse des Verbandes, zeugen von dem Vertrauen, daß die Mitglieder zu ihrem Berufsverbande haben. Die sich anschließende 3ahreshauptversammlung der Ortsgruppe zeigte, daß die Ortsgruppe Gießen mit der allgemeinen Entwicklung des Verbandes Schritt gehalten hat. Auf allen Gebieten des Verbandes war eine erfreuliche Aufwärtsentwicklung festzustellen. Besonders sei hier erwähnt, daß auf dem Gebiete der Berufs- und Allgemeinbildung die Ortsgruppe den Mitgliedern sehr gutes geboten hat und erfreulich ist die starke Anteilnahme der Mitglieder an diesen Bildungseinrichtungen. Der Vorstand wurde durch Reuwahl ergänzt. Mit dem Gelöbnis, weiter für Vaterland, Stand und Verband zu wirken, wurde in das neue Geschäftsjahr eingetreten.
Sie hofft, daß er dich bald heiraten wird, und hat mich damit vertröstet. 3ch soll geduldig warten, bis du hier die junge Schloßherrin bist, aber — ich kann nicht warten, ich muß Geld haben — innerhalb zweier Tage schon. Wenn du mit ihm verlobt bist, kannst du dir das ja leicht von ihm vorstrecken lassen. 3ch brauche ungefähr zweitausend Mark."
„Aber Vater! Lim Gottes willen! Außerdem bin ich keineswegs mit ihm verlobt."
„Keineswegs verlobt? Was hat er dir denn soeben noch gesagt, als er dich bei den Händen hielt? Du willst mich also belügen und mir ableugnen, daß er dich um deine Hand gebeten hat?"
„Ich belüge dich nicht, Vater, und sage dir hiermit die volle Wahrheit: Kurt von Wildhofen hat mir allerdings einen Heiratsantrag gemacht, aber ich habe ihn ausgeschlagen."
„3hn ausgeschlagen?!" zischte er mit blitzenden Augen. Dabei faßte er ihr Handgelenk und schüttelte sie heftig. „Du Wahnsinnige, du alberne Rärrin, wie kannst du dich unterstehen! Aber ich erlaube das nicht! Geh sofort zu ihm zurück und sage ihm, daß du deine Meinung geändert hast."
„Das ist ganz unmöglich, Vater I"
„Unmöglich? So? Run, wir wollen gleich sehen, ob es unmöglich ist. Ich werde schon Mittel finden, es möglich zu machen. Sieh her!"
Er griff in die Brusttasche seines Rockes und zog einen geladenen Revolver hervor. Sabine sprang entsetzt zur Seite.
„Du Törin! Dich zu erschießen beabsichtige ich nicht: aber ich schwöre dir, daß, wenn du mir das Geld nicht bis übermorgen ausgehändigt hast, ich deinen stattlichen Freund erbarmungslos niederschießen werde wie einen Hund."
Sabine stieß einen Schreckensruf aus; dann aber, von dem Mut der Verzweiflung erfaßt, führte sie einen heftigen Schlag nach seiner Hand, die die Waffe hielt. Er aber war schneller als sie. denn er zog sie zur Seite und steckte den Revolver hohnlächelnd an seinen früheren Platz. Seine List hatte also Erfolg gehabt und er wußte jetzt, was er wissen wollte: in der Person ihres Liebhabers war Sabine zu treffen.
„3n meiner verzweifelten Lage," fuhr er jetzt in drohendem Ton fort, indem er den schäbigen Lieberrock über dem Revolver zuknöpfte, „kann ich mich mit dem, was du mir eröffnet hast, nicht zufrieden geben, und wenn es nötig ist, werde ich ihn" — dabei schlug er dröhnend auf die Stelle, wo der Revolver steckte — „schon zu gebrauchen wissen. Sei also ein folgsames Mädchen und tue, was ich dir sage. Warum in aller Welt hast du diesen Freier denn abgewiesen, da du doch weißt, was für eine vorzügliche Partie er ist?"
(Fortsetzung blgt)


