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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Nr. |5 Zweites Blatt

5amstag,^8.Zanuar (950

Gießen

und die Gasfernversorgung.

Don Or.'Ing. Ernst Hamm, Beigeordnetem der Stadt Gießen.

Rachdern das Vertragswerk der H e - k o g a mit der Ruhrgas-A. -G. und Saargas-A.-G. zur Versorgung von Hessen mit Ferngas den städtischen Körper­schaften zur Entscheidung vorliegt, haben wir den städtischen Dezernenten gebeten, seinen Standpunkt in dieser Angelegenheit hier darzulegen. D. Red.

Wir stehen heute an der Schwelle einer neuen Epoche in der Verwendung des Gases. Einern so leistungsfähigen Wärmeträger, wie dem Gase must ein erweitertes Betätigungs­feld zugewiesen werden. Schon nach dem Kriege haben Industrie und Gewerbe versucht, diesen leicht regulierbaren Wärmeträger einzuschalten. Gelingt es, dieses Problem zu lösen, so kann eine Abwanderung von Industrie und Gewerbe aus kohlenfernen Gebieten in kohlen­nahe verhindert, einem kohlenfernen Wirtschaftsgebiet seine Industrie und Gewerbe erhalten und so die nötige Dezentralisation von Industrie und Gewerbe ge­fördert werden. Ein Antrieb zur Erweiterung des Gaskonsums liegt in dem Bedürfnis nach einer R a u m g a s h e i z u n g , die für den Haus­halt erhebliche Vorteile brächte (Wegfall der Stapelung von festen Brennstoffen, des Trans­ports der Brennstoffe zur Feuerstelle, der un­wirtschaftlichen Anhcizzeit, der Verschmutzung durch Kohle u. dgl.). Es handelt sich also um eine Konkurrenz des Gases mit den festen Brenn- stassen. Die Frage lautet deshalb: Wie brin­gen toir e s fertig, die festen Brenn­stoffe durch das volkswirtschaftlich günstigere Gas für Industrie, Ge­werbe und Raumheizung zu erset­zen? Das ist der Ausgangspunkt des ganzen Problems.

Zur Beantwortung dieser Frage bedarf es zweier Lleberlegungen:

1. Der Industrie- und Gewerbebedarf an Gas ist grasten Konjunkturschwankungen ausgesetzt. Der Raumhei.zgasbedarf hängt von der Witterung ab. Wir werden im Winter einen sehr großen, im Sommer so gut wie gar keinen Bedarf an Raumheizung haben. Diese starken Schwankungen an Gasbedarf könnte weder ein kommunales Werk, noch ein Gruppengaswerk wirtschaftlich ausgleichen. Denn da im Winter etwa fünf- bis zehnmal so viel Gas erzeugt werden mühte wie im Sommer, so mühten die vorhandenen Gaswerke oder ein neu zu bauendes Gruppengaswerk sich in ihrer Crzeugungsmenge auf den Winterbedarf ein­stellen und entsprechend groh ausbauen. Im Sommer lägen dann Teile des Gaswerkes still. Bei der Hohen Zinslast eines nur teilweise aus- genuhten Kapitals würden die Werke un­wirtschaftlich arbeiten und ihr Produkt verteuern. Im Sommer mühte außerdem immer ein Teil der Arbeiterschaft entlassen wer­den. (Vgl. die Rohrzuckersabrikation, die fast un­erträglich mit Kapitaldienst belastet ist, weil sie etwa elf Monate stilliegt und nur einen Mo­nat arbeiten kann.) Die Lösung kann nur durch den Fernbezug von Gas aus einer Ge­gend, too Gas als Massenprodukt bil­lig a n f ä l l t, gefunden werden, und zwar entweder auf dem Wege reinen Fernbezugs, oder auf dem Wege einer Kombination von Fernbezug und Gruppengaswerk. Den letzteren Weg hat die Hekoga gewählt; sie will von der Ruhr und der Saar Ferngas beziehen und das Gaswerk Mainz als Gruppen­gaswerk und als Reservewerk erhalten.

2. Wenn das Gas den Wettbewerb auf die Dauer mit den festen Brennstoffen aufnehmen soll, so muß sein Preis mit den festen Brenn­stoffen wettbewerbsfähig sein. Unter Be­rücksichtigung der oben dargelegten großen

Schwankungen im Iahresgasbedarf ist aber weder ein vorhandenes Gaswerk in unserm Wirtschafts­gebiet, noch ein neu zu bauendes Gaswerk in der Lage, das Gas der Hekoga so billig anzubieten, daß das Gas mit den festen Brenn­stoffen wettbewerbsfähig wird. Es liegt das eben daran, daß weder die vorhandenen Werke, noch die Hekoga in einem neuen Eigenwerk der Schwankung begegnen können, weil sie zu große Kapitalien investieren müßten. Ruhr und Saar dagegen können die Schwankung ohne wei­teres tragen, weil sie, wenn wenig Gas anae- fordert wird, selbst mehr Gas bei ihren Mo«^ Öfen unterfeuern. Wird mehr Gas verlangt, so unterfeuern sie mit Generatorgas und geben entsprechend mehr Starkgas ab. Deshalb können Ruhr und Saar Preise stellen, welche die Konkurrenz mit den festen Brenn­stoffen aufzunehmen imstande sind. Die He­koga hat mit aus diesen Gründen das Angebot von Ruhr-Saar andern Angeboten und der vor- geschlagenen Errichtung einer Eigenkokerei vor­gezogen.

W i e ist nun die Lage der Stadt Gie­ßen gegenüber dem Vertragswert der Hekoga mit Ruhr- und Saargas AG. und gegenüber den eben ausge­führten allgemeinen volkswirt­schaftlichen Erwägungen?

Rach den Gründungsverträgen, welche die Stadt Gießen durch ihren Beitritt zur Hekoga anerkannt hat, hat sie vollkommen freie Hand, ob sie ein eigenes Gaswerk betreiben, oder ob sie Ferngas durch die Hekoga beziehen will. Sie ist an die Gasfernversorgung nur in­soweit gebunden, als sie eben Teilhaberin der Hekoga und damit im Rahmen ihrer Beteiligung (4 von 100 Anteilen) an der Hekoga finanziell mitverpflichtet ist.

Die Stadt Gießen muß aber m. E. am Zu - standekommen des Vertrages aus fol­genden Gründen interessiert fein: Unfer städti­sches Gaswerk ist für eine Gasabgabe von 3 Millionen Kubikmeter Gas im Iahr gebaut. Tatsächlich werden aber heute schon 3,6 Millionen Kubikmeter im Iahr erzeugt. Das Gaswerk kann diese Menge aber nur liefern, weil es überhaupt nicht mehr normal betrieben, sondern ständig überlastet wird. Wenn wir nicht die Gasbeleuchtung in den Straßen durch die elektrische erseht und die Reichsbahn als Ab­nehmer (sie ist zur Wagenbeleuchtung mit Oel- gas und jetzt zur elektrischen Beleuchtung über­gegangen) verloren hätten, wodurch wir zusam­men V2 Million Kubikmeter Gas weniger zu erzeugen haben, so wüßten wir nicht, wie wir über 4 Millionen Kubikmeter Gas überhaupt im jetzigen Werk erzeugen sollten. Außerdem ist eine größere Reservehaltung bei erhöhter Anforderung mit dem derzeitigen Dehälterraum unmöglich, so daß Störungen dann nicht mehr, wie bisher, durch die Dehälterreserve ausge­glichen werden können. Selbst wenn eine Be­lieferung für Industrie und für Raumheizung nicht eintritt (wir sind dazu gegenwärtig auch gar nicht in der Lage; weil wir in dem veralteten Werk das Gas viel zu teuer erzeugen), so stehen wir doch tatsächlich vor der Rotwendigkeit, noch mehr Gas abgeben zu müssen. In unserem dazu zu kleinen und veralteten Werk sind wir dazu nicht imstande. Wir müssen also entweder ein neues Gaswerk bauen, oder Ferngas beziehen. Bei der Entscheidung, welche Form zu wählen ist, ist das wirtschaftliche und das finan­zielle Moment in den Vordergrund zu stellen. Beim R e u b a u eines Gaswerkes müßten wir 1,6 b i s 2 Millionen M k. investieren. Durch die hohen Zinsen, Abschreibung, Instand­haltung, Kompressionskosten usw. müßte der Er­zeugerpreis mehrere Pfennige für den Kubik­meter teuerer werden, als in unserem heutigen Werk. Der Gaspreis müßte also unter allen Umständen um diesen Betrag steigen. Man stelle sich dann einmal die Erbitterung in der Bevölkerung vor, wenn die Rachbargemeinden oder die übrigen hessischen Städte womöglich billiges Ferngas beziehen und bei uns durch den

Reubau eines Gaswerkes die Preise steigen müßten! Durch die teuere Produktion in einem eigenen neuen Werke würde auch endgültig der volkswirtschaftlich richtige Gedanke, für Industrie- und Raumheizung Gas zu liefern, begraben, ebenso der Gedanke, Industrie durch bil­lige Gasbelieferung heranzuziehen. Aber selbst gesetzt den Fall, wir könnten in einem neuen Werk billig produzieren und könn­ten Industriegas und Raumhcizgas absehen, so wären wieder die dadurch bedingten und schon erörterten Schwankungen im Gasbedarf wirt­schaftlich nicht tragbar.

Aus allen diesen Gründen komme ich zu dem Ergebnis, daß wir unsere Gasproduk­tionsfrage nur durch Bezug von Ferngas lösen können. Deshalb trete ich für den Vertrag der Hekoga mit Ruhr- und Saargas AG. ein, zumal ich durch die nahezu zwei Iahre dauernde ernste Prüfung dieser Frage durch die Hekoga genügend unterrichtet bin, um mir ein Urteil dahingehend zu bilden, daß die von der Hekoga vorgeschlagene Lösung: Fernversorgung von Ruhr- Saar mit Gruppenstühwerk Mainz von allen anderen Angeboten und Lösungen die wirtschaftlich günstigste ist, sowohl für die Kom­mune, die Industrie und Gewerbe, und die sonstigen Verbraucher.

In der Polemik gegen die Gasfernversorgung ist behauptet worden, die Eigenständigkeit ginge verloren. Sie ist bei einem eigenen Gaswerk auch nicht vorhanden; denn es ist von der K o hle n I ie f e r u n g der Zechen abhän - g i g. Eine vollständige Eigenständigkeit wird nur erreicht, wenn auch die Kohlenbasis in Händen des Gaswerkes ist' Don einem solchen fragwürdigen Experiment werden wir hübsch die Finger lassen. Trägt denn beim elek­trischen Strombedarf eine Kommune,Be­denken, ihn, auch ohne die Erzeugungsbasis zu besitzen, aus der Ferne zu beziehen?

Die Befürchtung, daß durch irgendwelche Er­eignisse der Zernbezug unterbunden werden könnte, ist nicht spezifisch für den Fernbezug, sondern auch für die Eigenerzeugung. Beim Rhein-Ruhrkampf wurde die Fernversorgung in den Fernleitungen von der Ruhr aus durchge­

führt, während die kommunalen Gaswerke still- lagen. Bei der Unterbrechung der Hauptleitung treten die Reserveanlagen des von der Ruhr weiterzubetreibenden Gaswerks in Mainz in Tätigkeit. Heber den dauernden Weiter­betrieb des Werkes sind Verhandlungen mit Ruhr-Saargas AG. im Gange. Eine für die Hekoga günstige Lösung dieser Forderung ist die conditio sine qua non für die Annahme des Vertragswertes durch die Hekoga.

Der Weiterbetrieb des Gaswerkes in Mainz sichert mit anderen Werken die Lieferung von G a s k o k s. Wenn das Programm, feste Brenn­stoffe durch Gas zu ersehen, durchgeführt werden soll, dann ist die Sicherung von Gaskoks nicht mehr von ausschlaggebender Bedeutung; wir wollen ja dann gerade auch den festenDrenn- stofsKoks" durch das Gas verdrän- g e n. Durch Ersah der festen Brennstoffe sind Jnstallationsarbeiten nötig, die der Geschäfts­welt und der Arbeiterschaft neue Derdienstmög- lichkeiten gewahren.

Die öffentlichen Interessen im all­gemeinen sind in dem vorliegenden Vertragswert dadurch gesichert, daß die H e k o g a an der Fernleitung beteiligt und nach § 14 des Gesell­schaftsvertrages niemals majorisiert wer­den kann, sondern den Ausschlag gibt. Ferner wurde der Hekoga und dem Herrn Hessischen Minister des Innern je ein Sih im Aufsichtsrat der Ruhrgas-AG. zugesagt. Cs dürfte auch be­kannt sein, daß die Saarzechen fast ausschließlich in Händen des Preußischen Staates sind, so daß ein genügender kommunaler und staatlicher Ein­fluß vorhanden ist.

Zweifellos liegt eine Entscheidung von weittragender Bedeutung vor. Die Lage, in der sich die Gemeinden bei dieser Ent­scheidung befinden, läßt sich vielleicht in mancher Beziehung vergleichen mit ihrer Lage bei der Einführung der Eisenbahnen. Alle Gemeinden, die damals den Anschluß verpaßt hatten, sind ins Hintertreffen geraten. Wir brauchen den Mut zur Ueberzeugung, daß es sich hier um einen wichtigen Fortschritt handelt, damit wir nicht in denselben Fehler verfallen, wie d i e Gemeinden, welche die Eisenbahn abgelchnt haben.

Eine Vrani und siebenmal sieben Kronen!!!

Don unserm römischen ^-Korrespondenten.

Rom, Ianuar.

... Da aber nahm er das Königstochterlein in seine Arme und sie haben Hochzeit gefeiert und das Volk schmauste und festete sieben Tage lang... Ist es möglich, daß anderswo die Leute Geschäfte abschließen, auf den diplomatischen Märkten, die man Konferenzen heißt, um Geld feilschen und sich überhaupt mit Kurszetteln ab­geben, die im Märchenschatz keine gangbare Ware erblicken? Gibt es wirklich Zeitungen, in der Welt draußen, die über Kriegstribute und Skiwetter und die Papageienkrankheit schreiben? Ach ja, ich war auch einmal Zeitungsschreiber, ich habe mir die Reportersporen verdient, als ein Rad­fahrer von einem Automobil überfahren wurde, ich habe über die ornithologische Musterschau Sie erinnern sich doch noch? auf der Berner Landesausstellung berichtet, ich war Kriegsberichterstatter und interviewte Mussolini und sah, wie König und Papst sich begegneten aber das alles muß lange her, vielleicht in einem anderen Leben gewesen sein. Ieht be­wege ich mich schon lange nur noch in Kreisen, wo man mit Kronen umgehet, wie andere Leute mit Briefmarken, von sieben Zacken auf­wärts, verkehre nur noch mit den Brüdern Grimm und einem Herrn Andersen, bin im Königs- schloß zu Hause und mische mich verstohlen unters Volk, recke die Rase in die Lust und kriege vor bassem Erstaunen die Maulsperre.

Der schöne Königssohn, das werden Sie ja nun

inzwischen wohl erraten haben, hat nämlich das blonde Königstöchterlein gefreit.

Hochzeit sieben Tage und Rächte lang.

*

Eines bringe ich nicht fertig: die Zeitungen zu lesen. Sie schmecken wie (Sanßbraten am Dreikönigstag, wenn es an Weihnachten und Reujahr und die faulen Tage dazwischen mittags und abends nichts als Gansbraten gegeben hat. Auch Honigkuchen sollen auf die Dauer an Wohl­geschmack einbüßen. Ein Glück, daß sich allmählich sogar der römische Himmel überzieht, denn zu glauben, daß die Sonne an den sieben Hoch­zeitstagen aus meteorologischen Gründen geschie­nen habe, das kann nur einem Barbaren in den Sinn kommen.

Sie erschien, wie die Gottheit erscheint, sie war würdig der ewigen Roma, sie war der Gruß des Himmels an das Brautpaar, und es gab dennoch etwas, was noch herrlicher war als diese gebene beite Sonne. Die hehre Braut! Das Gold der italienischen Sonne wird morgen nicht so viel Glanz haben wie deine Haare, o Prinzessin, und der Schnee der Apenninen nicht so weiß fein wie dein Brautschleier und die Aeolsharfen der Feuerinsel fingen nicht so jubelnd wie dein zitternder Atem; kein Spring­brunnen so süß und fein wie die Stimmen der schönen Frauen, die von den Bergen herabsteigen und vom Meere Herkommen, dir, dir zu Ehren! Alle Farben, alle Düfte, alle Schönheit und aller

Florian Geyer."

Hessisches Landcstheaier Darmstadt.

Der deutschen Zwietracht mitten ins Herz!"

Immer wieder einmal muh man dieses Schau­spiel lesen, immer wieder muß man es auf der Bühne lebendig sehn. Denn es steht noch immer in der vordersten Linie des dramatischen Schrift­tums, das in den letzten 50 Iahren bei uns geschaffen worden ist.

Es wird auch stets zu den Werken zahlen, welche entscheidend dem Dichter Gerhart Hauptmann seinen Platz in der deutschen Literatur erobert und behauptet haben.

Unb es ist endlich ein ganz merkwürdig zeck- gemäßes Schauspiel, dieses Bauern- unb Ritter­stück der Reformationszeit, diese Tragödie des deutschen Bundschuhkrieges, der _ doch vor vier Iahrhunderten begonnen, ausgekämpft und ver­loren wurde trotz dem Florian Geher und wider ihn.

Aber die von fernher zum Leben erweckten Stimmen des bäuerlichen, evangelischen Haufens reden heute noch oder heute wieder mit einer schmerzhaften Eindringlichkeit zu uns und werden sofort verstanden:

wenn die Dauernführer um den Florian Geher herum in der Würzburger Kapitelstube alle mit einem grimmigen Wunsch ihre Messer in den Kreidekreis an der Kirchentür gestoßen haben und ganz zuletzt der schwarze Ritter mit dem Eisen ausholt: «Der deutschen Zwietracht mitten ins Herz!",... dann erhebt sich, noch ehe der Vor­hang fällt, spontan der Beifall im großen Haufe.

*

Es ist wahrhaft ein deutsches Schauspiel, was da mit fünf starken Akten und einem Präludium sich begibt. Daß Hauptmann hier die Tragödie des Bauernkriegs vor uns aufreiht, dah er die erste große soziale Revolution in Deutsch­land künstlerisch zu gestalten unternimmt, mag uns heute weniger bedeutsam sein, als dah das Schauspiel, durch alle Szenen hindurch, ein un­bestechlich klares und erschreckendes Spiegelbild deutschen Wesens dar stellt: ein Bild der ur- etoigen, inneren Friedlosigkeit unb Zerrissenheit unseres Volkes.

Darüber hinaus freilich wird hier eine alte Fabel abermals abgewandelt unb an einem

zufälligen historischen Beispiel aufs neue er­wiesen; eine Fabel, die übers Rationale und eigentümlich Deutsche allerdings weit hinaus reicht und das Stück über den vergessenen ge­schichtlichen Anlah hinweg ins allgemein Mensch­liche und zu einer bleibenden Gültigkeit erhebt:

wie der Einzelne, groß, mächtig, berufen zum Führer und Wegweiser der dumpfen, kopflosen Masse, eben an der Masse zerbricht, von ihr verkannt, verfehmt, zu Tode gehetzt und ver­nichtet wird und mit ihm zugleich die Idee, für die er sich einfetzte mit Leib und Leben, für die er feine Fahne schwang und fein Schwert.

So ist uns die Tragödie des Bauernkrieges mehr als eine historische Erinnerung auf dem Theater, wenn wir den Aufruhr vor vierhundert Iahren als ein Beispiel und Sinnbild des un­lösbaren Widerstreit, s begreifen, in dem allezeit der Einzelne gegen die vie.zuvielen steht. Dann ist derFlorian Geher" die Tragödie des Füh­rers ohne Volk, des einsamen Fahnenträgers, der an der Kleinheit, an der Zwietracht, an der Feigheit und am Haß der anderen, der Alltäg­lichen unb ewig Gestrigen zugrundegeht.

Es gibt Stimmen wider denGeher", weil der wider den GoetheschenGötz" fei; in der Tat spielt hier der Derlichinger mit der eifernen Hand eine recht klägliche Rolle. Das historische Urbild war sicher anders beimGötz" und beimGeyer". Darauf kommt es nicht an. Mög­lich ist beides: derGötz" und derGeher"... im Wesen, in der Idee und im Stil. Goethes Form war eine geniale Stilisierung, die sicherlich oft der geschichtlichen Treue ermangelt. Sicherlich haben die Menschen zu Luthers Zeiten anders gesprochen, als sie es bei Goethe tun. Möglicher­weise haben sie so gesprochen, wie sie es hier bei Hauptmann tun, der ein Raturalist blieb noch in der Historie und dabei nicht minder genial war. Entscheidend ist die innere Wahrheit oder Glaubwürdigkeit, unb die ist hier wie bort zu spüren. e

Was denGeher" angeht, so hatte in ihm ber Naturalismus die größte Probe bestanden, die er je bestehen konnte, indem er, gegen sein eigent­liches Wesen, sich rückwärts wandte und eine verschollene Zeit uns ebenso nahe rückte, wie die ewigen Wirklichkeiten ber Gegenwart (vor dreißig oder vierzig Iahren).

War in denWebern", wie man getadelt hat, keinHeld", war hier, wie man lobend hervor­hob, eben die Masse derHeld", so ist diese Masse imGeyer" nur noch das brodelnde, brausende, verworren unb vielstimmig tönende Gegenspiel gegen den Helden, den schwarzen Feldhauptmann, der ihr Kopf und Führer sein sollte, den sie verlassen und dessen Fahne sie schänden.

Doch soll man auch den rein historischen Wert unb Gehalt des Dramas nicht gering anschlagen. Denn es gibt nicht allein ein erschreckendes und unheimliches Bild jener um 1525 an vielen Orten in Deutschland losbrechenden Bundschuh-Revolte; es stellt diesen. Aufruhr in fein Iahrhundert hinein, vor die Kulissen der Zeit, unb es sammelt in ihm auch die mancherlei Stimmen und Ströme, die durch den Bauernkrieg hindurchfließen und etwa mit den Ql amen Hutten, Luther, Sickingen, Karlstadt und Veit Stotz bezeichnet werden.

Es hat das Bild jener Welt beschworen mit den Romen des Kaisers, der Fürsten und Bischöfe nicht allein, sondern auch mit den Rainen Pavia und Rümberg, den Rainen der Fugger unb Welser und Franzosen, mit den Stimmen der Ablatzkrämer unb mit der Predigt vom Iüngsten Gericht.

*

Dies alles macht uns das Schauspiel wichtig und wertvoll, darum wird man es immer wieder lesen und immer wieder lebendig an sich vorüber­ziehen lassen wollen, wenn manches andere (auch manches, das aus derselben Hand kam) längst vergessen ist.

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Die neue Inszenierung des Intendanten Carl Ebert ist in einem großen Rahmen angelegt, auf kräftige Linienführung und starke Akzente ein­gestellt, übrigens auch ausführlich und ohne schwer­wiegende dramaturgische Eingriffe. Erhebliche Streichungen haben wir nur im Vorspiel bemerkt. Der günstige Gesamteindruck haftet an den Lei­stungen Volks (als Geyer) und des Bühnen­bildners Reinking; beide machen manches wett, was der Regie und der Besetzung mangelt.

Regiemäßig war eine gewisse dynamische Aus­geglichenheit zu vermissen, die allein jeder Szene ihr eigentümliches Gewicht, ihren besonderen Ton und ihre Geschlossenheit verleiht. Diese war er­reicht im Vorspiel unb in den Mittelakten (im zweiten, zu Rothenburg, vor allem); sie schien

uns zu fehlen im ersten, wo manches im Heber» maß der Stimmen (Götz!) unb dem Durcheinander­fluten der Massen verloren ging; und auch im fünften, der in feiner ersten Hälfte zu betont auf wirksames Theater gestellt war unb ganz am Ende erst in ber verzweifelten Kampf- und Todes- fzene das ihm gehörige Format gewann.

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Fritz Volk ist der Geyer; er gibt ihm, eine sehr männliche-Erscheinung, prachtvoll das äußere Bild, das man hier erwartet, in Kopf, Gestalt, Bewegung und Stimme; aber er gibt und das ist das Wertvolle an feiner Leistung mehr als das Bild eines trotzigen Haudegens und hals­starrigen Fähnleinführers, er dringt in die Ge­stalt ein und bemüht sich um den menschlichen Hmritz, der uns heute allein wichtig sein kann am Florian Geyer; und so ist er ebenso stark und eindringlich wie in den repräsentativen großen Szenen wenn er lutherisch dröhnend sein Truhlieb singt oder zuletzt fechtend stirbt mit seiner Fahne, in den stillen Augenblicken, wenn er etwa der Mutter des Geblendeten zuhört oder eine geschnitzte Madonna nachdenkend in den Händen hält.

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Reben Volk können aus dem Riesenaufgebot nur die wichtigsten Ramen notiert werden. Vor allem der von QKinetti sehr geistig gefaßte, leidenschaftliche Feldschreiber Löffelholz; der von Ebert selbst klangvoll und mit feiner Gliederung gesprochene Bischof von Würzburg; Gallin- g e r s fanatischer Link; gut waren auch Schind­ler (Karlstadt), Westermann (Desenmeher), Keßler (Iöslein) und W e m p e r, der den Schäferhans mehr in den Vordergrund spielte, als man es sonst gewohnt ist. Recht äußerlich und stellenweise verkrampft wirkte daneben Bau­meisters Tellermann, sehr schwach auch die weiblichen Rollen Inge Conradi (Marei); Bessie Hoffart (Anna von Grumbach), nur Käthe Gothe (alte Frau) traf den richtigen Ton.

Ganz ausgezeichnet in Farbe unb Form waren bie Dühnenbilber von Reinking, großzügig unb stilrein, eingefühlt in ben Geist des Iahr- Hunderts, kraftvoller Rahmen unb Hinter­grund für bie bewegte Szene.

Das Große Haus war stark beseht; lang an­haltender Beifall rief zuletzt bie Hauptdarsteller an bie Rampe. Dr.Th.