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Nr. 295 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Mittwoch, 17. oezemver (950

General Bolivar, der Napoleon Südamerikas.

Zum 100 jährigen Todestag des Befreiers.

Don E von Ungern$(5kmberg

Am 17. Dezember 1830 verschied General Bo­livar in seinem Landhaus in San Pedro Ale- jandrino in Kolumbien. Mit ihm starb in ver- paltnismähig jungen Jahren (er war 1783 in Earcas in Venezuela geboren) einer der größten Männer seines Jahrhunderts Er war es, der die Ketten des spanischen Weltreiches, in dem damals noch die Sonne nicht unterging, sprengte und nach siegreichen Kämpfen die st a a t I i ch e Selbständigkeit Venezuelas, Kolumbiens, Ecuador-, Boliviens, Perus und von Panama gründete. Südamerika ehrt in ihm einen Helden, einer genialen Mann und Feldherrn, dem es Vorbehalten war, in das Weltgeschehen einzu­greifen. 3n der deutschen Erinnerung lebt Gene­ral Bolivar als der Freund Alexander von Hu mb o l d t s weiter, mit dem er in enger Verbindung stand Der hundertjährige TodeStag des Napoleons Südamerikas, wie ihn die Südamerikaner nennen, geht auch in Europa nicht unbemerkt vorüber. 3n Berlin findet an seinem Todestag in der Krolloper unter Teil­nahme der Reichsregierung eine feierliche Hul- biffung für Bolivar statt. Reichsaußenminister Dr. C u r t i u s, der Leiter des 3beroamerikani» schen 3nstituts, Staatsminister a. D. Dr Otto Dölitz, die Gesandten Venezuelas, Erz. D a g - nino. und Kolumbiens. Erz. Gomez, werden die Bedeutung und die Verdienste Bolivars wür» diacn.

General Bolivar ist der Nachkomme eines alt­adligen spanischen Geschlechtes, das in Venezuela ansässig geworden und seit der Zeit der Kon­quistadoren eine führende Nolle im Lande ge­spielt hatte. Seine Eltern liehen ihm eine sorg­same Erziehung zuteil werden und entsandten ihn in sehr jungen 3ahren an den Hof von Madrid, um sich weiter auszubilden und um Beziehungen anzuknüpfen. Es war die Zeit der finstersten Neaktion in Spanien. 3ede geistige Regung erschien als verdächtig, die Knechte der 3nquisation waren wieder in ihre alten Rechte eingesetzt worden, und unter Fernando VII. schrie das Dolk in den Straßen MadridsVivan las Cadenas! (Es leben die Ketten!). Trotzdem der junge Bolivar in den Hofkreisen freundlich auf- ficnommcn wurde, bedrückte ihn die Atmosphäre, n der er zu leben gezwungen war. Er studierte die Werke von Rousseau und Voltaire, geriet unter den Einfluß der französischen Freihcits- aedanken. huldigte demokratischen 3dealen und legte schließlich 1805 während eines Besuches in Rom auf dem ^Heiligen Hügel" den feierlichen Eid ab. das spanische 3och über Südamerika zu brechen.

Gleich nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, schiffte er sich in seine Heimat ein. Der Zufall toolltc es. daß in dem Augenblick, als Bolivar i n Venezuela eintraf, unter der Führung von General Miranda eine Empörung gegen d i e spanische Herrschaft ausgebrochen war. Mit feuriger Begeisterung schloß sich Boli­var der Bewegung an. die ohne sein Eingreifen und ohne sein militärisches Genie wahrscheinlich bald zusammengebrochen wäre. Bald hatte er d i e Oberleitung übernommen und nach fünfzehn 3ohre langem Ringen und Erfolgen auf beiden Seiten trug er den Sieg davon. Auch als Diplo­mat tat er sich hervor. Als Gesandter in England (1810) versuchte er die eng'ische Miß­stimmung gegen Spanien für seine Zwecke auszu­nutzen Aber erst 1815 gewann er die Unter­stützung Londons gegen das Versprechen der Abtretung von 3amaika und Nicaraguas, durch das schon damals ein Kanal gegraben wer­den sollte. Endgültig sah Bolivar aber sein Be­freiungswerk erst durch die Erklärung der Monroe-Doktrin gefestigt, do die Mächte der Heiligen Alliance erst dann die Unterstützung der spanischen Wieder?rob?rungspläne aufgaben.

Die Befreiung Südamerikas von der spani­

schen Herrschast ist eine historische Tatsache, die durch die Siege bei 3unin und Ayacucho (1824) besiegelt wurde. Es ist müßig, darüber nach­zugrübeln. ob die Sprengung des spanischen Weltreiches der Entwicklung der Menschheit zum Segen oder zum Schaden gereichte. Der Ozean, der bisher zwei Kontinente nur geographisch schied, trennte sie jetzt auch politisch, und des katholischen Königs Majestät, die bisher, wenn auch nur symbolisch, über dem Schicksal Südame­rikas wachte, mußte dem Tempel der Demo­kratie Platz machen. Die 3deale der fran­zösischen Revolution. , Freiheit, Gleichheit. Brü­derlichkeit", wurden in Länder verpflanzt, die von undurchdringlichen Urwäldern bedeckt waren, in denen es den Nachkommen der Eroberer gar

Die Stadtverwaltung hat heute den Mit- gliedern des Stadtrates folgenden Steuer­antrag mit Begründung zugehen lassen: Antrag der Stadtverwaltung:

Der Finanzausschuß wolle beschließen:

Der in der Delriebsrechnung für das Rechnungs­jahr 1930 sich ergebende Ausfall von 1 2 7 0 0 0 IN k. (Holz- und Grasgeld = 24 000 2HL, weniger-Ueber- weisung von Reichssteueranteilen = 92 000 Mark, Fehlbetrag der Velriebsrechnung des wohnungs- baukontos = 11 000 Mk. wird wie folgt gedeckt:

1. Mit Wirkung vom 1. April 1930 wer­

den erhöht:

s) die Gewerbesteuer vom

Ertrag von 220 Rpf. auf

280 Rpf. RM.

Mehreinnahme - 52 200 b) die Gewerbesteuer vom Kapital von 55 auf 60 Rpf.

Mehreinnahme = 14 900

c) die Grundsteuer von Ge­bäuden und Bauplätzen von 27 auf 33 Rpf.

Mehreinnahme - 60 000

2. Das waffergeld wird vom 1. Ja­nuar 1931 ab von 25 auf 28 Rpf. je cbm erhöht.

Mehreinnahme -- 9 000

3. Der hundertfah der gesetzlichen Miete wird vom 1. Januar 1931 ab um 2 v. h. erhöht.

4. Der Stadtratsbeschluß vom 28. No­vember'1930 über die Erhebung einer Wasseranschlußgebühr wird aufgehoben."

Begründung.

Nach der Verordnung des Reichspräsidenten zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen vom 1. De­zember 1930 dürfen mit Wirkung vom 1. April 1931 ab^ den Realsteuern der Gemeinden keine höheren Steuersätze zu Grunde gelegt werden, als die bis zum 31. Dezember 1930 rechtswirksam be­schlossenen Steuersätze. Diese einschneidende Rege­lung und noch weitere, die Finanzen der Städte stark berührende Vorschriften der vorerwähnten Verordnung veranlaßten die Stadtverwaltung, un­verzüglich die Auswirkungen der Verordnung für den Voranschlag des am 1. April 1931 beginnenden Rechnungsjahres genau zu prüfen. Bei dieser Prü- I

nicht einfiel, die 3ndianer als gleichberechtigt zu betrachten und in denen es nur geringe und engbegrenztc Kulturzentren gab. Nach dem Bruch mit Spanien bildeten sich sofort mächtige Oligarchien, die sich oft untereinander be­fehdeten und Präsidenten gelangten zur Macht, dic wie orientalische Despoten regierten. Re­volutionen und Kriege erschütterten die junpen Staaten, noch in den sechziger 3ahren des Dongen 3ahrhunderts verblutete Paraguay unter seinem Diktator Lopez. Erst 1876 schlossen Chile und Peru nach der blutigen Schlacht beim El Moro Frieden, und die Wogen der letzten Revolutionen, die in diesem 3ahre fast alle Staaten Südamerikas überfluteten, zeigen, daß der Sieg der Demokratie, den General Bolivar Südamerika brachte, kein reines Glück für die jungen Staaten bedeutete. Bolivar selbst rang sich kurz vor seinem Tode, gekränkt durch die 3nlrigucn, die ihn umgaben und in Voraussicht des Kommenden das traurige Bekenntnis ab Hemos arado el Mar", d. h. wir haben das Meer gepflügt, unser Werk war umsonst.

jung ergab sich, daß namentlich infolge der fort­gesetzt steigenden Ausgaben für die Wohlfahrts­pflege der Voranschlag 193 1 einen Fehl- betrag von mindestens 750000 RM. aufweisen wird. In welcher Weise dieser Fehlbetrag zu decken sein wird, steht dahin. Das aber steht heute schon fest, daß es unverantwortlich wäre, diesen gewaltigen Fehlbetrag noch zu vermehren durch Uebernahme des im Rechnungsjahr 1930 sich ergebenden Fehlbetrags. Als Fehl­betrag für das Rechnungsjahr 1930 ist weiterhin festgestellt worden die Summe von 1 27 000 R M., und zwar eine Weniger-Einnahme an Holz- und Grasgeld von 24 000 RM, Weniger-Ueber- weisungen von Realsteueranteilen von 92 000 R M., Zuschuß zum Wohnungsbaukonto von 11 000 RM. Dieser Fehlbetrag von insgesamt 127 000 RM. muß unbedingt im Laufe des Rechnungsjahres 1930 abgedeckt werden. Als Deckungsmittel kommt nach Ansicht der Stadtverwaltung in erster Linie eine Anpassung der Realsteuersätze an die entspre- chenden Sätze aller übrigen hessischen Städte in Betracht. Die Stadtverwaltung muß mit Bedauern und Sorge beobachten, daß der Stadtrat in den letzten Jahren sich immer weiter von den von der

Stadtverwaltung für richtig gehaltenen Finanz- grundsätzen entfernt und namentlich die Realsteuern erheblich unter dem Durchschnitt der übrigen hessi- schon Städte festgesetzt hat. Die Realsteuersätze der übrigen hessischen Städte, der Durchschnittssatz der Realsteuern in den übrigen hessischen Städten, sowie die in Gießen bestehenden Realsteuersätze ergeben sich aus der nachstehenden Zusammenstellung:

Gewerbesteuer Grundsteuer vom vom für für sonst.

Ertrag Kapital Gebäude Grundbesitz Rpf. Rpf. Rpf. Rpf.

Darmstadt 280 60 42 60

Mainz 401 75 70,2 50

Offenbach 420 65 65,5 60

Worms 243,3 83,3 35,26 35,62

Alzey 330 90 40 62

Bad-Nauheim 300 70 14 30

Bensheim 272 98 27 53

Butzbach 330 80 20 40

Friedberg 344 115 20 40

Heppenheim 333 88 36 63

Oppenheim 421 83 89 179

Bingen 240 48 12 24

Durchschnitt der hessischen Städte

326,2

79,61

39,25

58,05

Gießen

220

55

27

35

Äie Steueranträge der Stadtverwaltung.

Eingehende Begründung des Verwaltungsstandpunktes.

Stadtrat Pflugmacher, Präsident der Magde­burger Handwerkskammer, wurde zum Präsidenten des Deutschen Handwerkskammertages gewählt.

Die Stadtverwaltung hat in den letzten Jah­ren im Finanzausschuß und Stadtrat bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf hingewiesen, daß es ungerechtfertigt sei. daß der Stadtrat in derart erheblichem M< ße von dcn Rca.ste.:ersähen der anderen hessischen Städte adweicht. Ganz besonders hat die Stadtverwaltung den Finanz­ausschuß und den Stadtrat darauf aufmerksam gemacht, daß die unbegründete Niedrighaltung der Realsteuern und die dadurch notwendig ge­wordene vorzeitige Einsetzung der letzten finan­ziellen Reserven (Ausgleichsfonds> dereinst die Finanzen der Stadt Gießen aufs schwerste beein­trächtigen werde. Auch hat die Stadtverwaltung dem Finanzausschuß bereits vor zwei 3ahren vor Augen geführt, daß im Falle einer künftig ein tretenden gesetzlichen Stabilisierung der Real­steuern die Städte mit höheren Realsteuersähen m Zukunft besser dastehen und ihre Aufgaben leichter erfüllen würden, wie die Stadt Gießen mit ihren niedrigen Realsteuerfähen. Endlich hat die Stadtverwaltung den Stadtrat schon vor mehreren 3ahren darauf hingewiesen, daß, wenn man in günstigeren Wirtschaftsjahren die Steu­ern zu niedrig halt, man später in die Lage kommen könne, in ungünstigen 3ahren Steuer­erhöhungen vornehmen zu müssen. Die Mahnun­gen und Warnungen der Stadtverwaltung blie­ben vom Stadtrat vollkommen unbeachtet. Sie werden nunmehr letztmals kurz vor Torschluß eindringlichst wiederholt.

Die Stadt Gießen erhebt zur Zeit von allen 13 hessischen Städten die kleinsten wie Butz­bach, Heppenheim. Oppenheim einbegriffen die niedrigste Gewerbeertragsteuer. Die Mehrheit deS Stadtrats hat die von der Stadtverwaltung in den letzten Jahren vorgeschlagenen Erhöhungen der Gewerbesteuer stets abgelehnt und die Ablehnung damit begründet, daß die wirtschaft­liche Struktur der Stadl Gießen anders sei, wie in den übrigen hessischen Städten, und sie hat behauptet, daß Handel, 3ndustrie und Gewerbe der Stadt Gießen nicht die Gewerbesteuerfähe tragen könnten, wie sie in sämtlichen anderen Städten Hessens von den Stadträten festgesetzt sind. Es ist aber nach der Ueberzeugung der Stadtverwaltung nicht angängig, dem Wirt­schaftsleben der Stadt Gießen die unterste Stu'e unter allen Städten des Landes einzuräumen, und die Stadtverwaltung ist durchaus der Auf­fassung, daß für die Gießener Wirtschaft die­jenigen Gewerbesteuersähe tragbar gewesen wären, die sich als durchschnittliche Belastung in allen anderen hessischen Städten ergeben. Wenn im Finanzausschuß und Stadtrat wiederholt die Mei­nung vertreten wurde, daß die anderen Städte an diesen Steuersätzenzugrunde gehen", so wird die Zukunft lehren, wer eherzugrunde geht": die Städte mit höheren, oder die Städte mit niedrigeren Realsteuern.

Knppenlandschast

von Hans Brandenburg.

Hans Brandenburg wurde soeben mit dem Münchener Dichterpreis 1930 aus­gezeichnet.

Auf der Schwelle zwischen altem und neuem 3abr steht der Christbaum, der alte und neue Freunde versammelt, und unter ihm reichen sich Über jener Schwelle Hirten und Könige die Hände Ein Hirte selbst, ein Südtiroler Hüterbub. hat ihre Gestalten und die des Viehes geschnitzt, Ober­ammergau hat die Schar vervollständigt. Ochs und Esel sind vom Mür.ch.mer Kripperlmarkt hinzu- gekommen. Und die heilige Landschaft, in der sich alles begegnet, die gastlich offene für Völker md Dinge der Erde, tue den Okzident zum Orient wandelt und umgekehrt, ist ganz Deutschland von der Etsch bis an den Belt.

Die Könige mit ihrem schwarzen Gefolge wan­dern aus Urwäldern her. sie treten unter Misteln wie unter tropischen Bäumen mit glasweihen Früchten und unter unseren zu fremdländischen Kandelabern gewordenen Disteln ins Freie. Haus­wurz aus einem Bauernhof des einsamsten Am- mertales bildet Agaven und Kakteen, durch die sie näher schreiten, hügelige Steppe empfängt sie, bewachsen mit Heidekraut von nordischen Hünen­gräbern Gebirge steigt auf. Steine vorn Sylter Roten Küss, arktischer Granit, angeschwemmt vom Meere, roter Helgoländer Fels mit grünen Kupseradern, Dergkristall aus dem Erzgebirge, als Glasberg die Kerzen des Gezweiges spiegelnd.

Die Hirten stehen schon anbetend vor dem CSS nü­ber, die Füße in heimischem Waldmoos Ein Fels­block von der Benediktenwand wuchtet im Vorder­grund. umlagert von Steinen des Allgäus, von batiniertcr Kugelflechte des Schlehdorfer Moors von grasgefleckter Schildflechte und Isländischem Moos aus dem bayerischen Hochgebirge. Bart­flechten hängen auf die Häupter herab, darunter eine Art aus dem Wettersteingebirge wie lange, durchsichtig gesponnene, lichtgrüne Girlanden. Der Stall ist aus Rinden, Geäst und Wurzeln ver­strebt. die den 3farauen entstammen, und verliert sich in eine rechte bethlehemitische Geburtshöhle, deren Wand sich tropfsteinhaft aus alten Holz­strünken aufbaut, die in den feuchten Wäldern am Rande des Dachauer Mooses moderten. Das Oesuskind, eine wmzig-rosige Nacktheit aus un­

seren alten Wachsziehereien, ist auf Wolle von Schafen der Nordfeeinfeln gebettet, und in der Nähe lehnt mit dem Wasservorrat der Heiligen Familie das kleine Tongefäh eines Indianers, das ein Freund aus Peru mitbrachte, als riesige Amphora.

Bis zum Dreikönigstage lebt diese Landschaft! dann geht sie unter, um erst nach einem Jahr im Schein der nächsten Wachslichtersonne wieder aufzuerstehen. Dann brennen die letzten Kerzen aus nur die hinter der Krippe verborgene leuch­tet noch, und ihr Glanz genügt, sich all den schwebenden Glaskugeln droben so weit zu spenden und mitzuteilen, daß sie einen zarten Sternen­himmel über die entschlummernde Weihnacht breitet.

Man geht schaufensterln.

23on Dorothea Hofer-Oernburg

Die kleine gnädige Frau.

Die kleine gnädige Frau geht, gut einge­bunden, die ganze große Straße entlang und ist hübsch. Allen fällt es auf. So hübsch ist sie, daß sie es schon gar nicht nötig hat, sich viel darum zu kümmern. Die Straße ist lang und, wie gesagt, voller Läden. An allen Kreuzungen stehen Christ bäume, zusammengepackt, wie Ku­lissen. die erst entrollt werden sollen. Cs duftet nach Schnee, nach Harz, nach Tannen und Winter und Weihnachten. Die kleine gnädige Frau geht schnuppernd daran entlang geht und bleibt ein wenig stehen, wenn ein günstiges Schau­fenster ein günstiges Spiegelbild von ihr wirft, und besieht sich ihre günstige Silhouette. Schau- senstcr haben das so an sich, veredelnd auf Sil­houetten zu wirken. Dann besieht sie die Aus­lagen. - Gott im Himmel, was es alles gab! So hübsche Sachen und so furchtbar billig! Man findet durchaus nicht immer alles furchtbar billig! Dazu muß man schon disponiert fein, seinen guten Tag haben. O, es gibt so tief melan­cholische, wo alles lächerlich und widernatürlich teuer ist. Tage, an denen man nicht einmal Shopping gehen würde, geschweige denn ,Besor­gungen machen", lind das ist doch so ein wesent­licher Unterschied. Shopping ist die platonische Urform der Besorgung, Shopping heißt im wesentlichen, einen Vorwand suchen, etwas Ueberflüssiges nicht überflüssig finhen. Die kleine gnädige Frau hatte diesbezüglich einen ihrer

allerbesten Tage. Alles war entzückend, und alles für denselben Preis zu haben, solange ihr Shop­ping eben nicht in Besorgungen ausartete.

Da waren Perlketten unglaublich, was für eine Auswahl. Man mußte zu jedem Kleid eine haben. Das war das einzige, was sie eventuell teuer machte. Seidenwäsche gab es also einfach unerhört, was man schon spottbillig mit Hand­arbeit bekommen konnte Pelze...! Einfach lächerlich!

Die kleine gnädige Frau ging und fand so dies und das, wünschte sich dies und das. Dabei hatte sie noch nicht die mindeste Idee, was sie ^i hm" schenken würde. Das fand sich dann schon ganz von selbst. Was kann man übrigens Männern schon schenken. Sie sind in dieser Beziehung so un­amüsant und so anspruchslos. 3a, sie würde sich Kombination wünschen. Unter andern natürlich. Ein Kombination, zwei Kombination.

Wenn er nett ist, wenn er sehr nett ist. schenkt er ihr dann einen Pelz.

Der nette junge Mann.

Der nette junge Mann schaufensterlt sozu­sagen in der vierten Dimension. Er sieht we­der sich noch Preise oder 3nbegriffe von grei­fen darin, er sieht nur hübsche und günstige Silhouetten und fängt etwas auf von dem stum­men aber heftigen Wunschfluidum ihrer 3n- haber Darum versucht er ä tempo, sich vorzu­stellen, was er ihr schenken würde, toeim ... und ist zufrieden, daß es nur eine beliebig wiederholbare Vorstellung bleibt Uebcigens eine neue Aktenmappe würde er sich an Weih- nachten wohl zulegen müssen. Daran dachte doch keiner sonst, und es war ja auch nur etwas Praktisches. Zu einem Auto reichte es nicht. Ein Auto ist kein Schlips und folglich keingeeig­neter Geschenkgegenstand für Herren". Für die Hemden sorgte Mama, und ziemlich viel Eau de cologne würde er bekommen, darauf konnte er sich mit einiger Sicherheit verlassen. Und also konnte er sich mit Gemütsruhe dem Ver­zügen des vierdimensionalen Dchaufensterlns hingehen.

DaS Kind.

Das Kind drückt seine kleine Nase platt an der Scheibe. Es gibt einen dicken runden Hauch­rand mit einem schwarzen, verwehenden Loch in ber Witte.Pfui", sagt die Mama,wie un­appetitlich ... komm schon endlich, es gibt noch so viel hübsche Läden", und zie^t es weiter zum

nächsten, ein wenig sperrig, ein wenig schwer­fällig in seinen Buhen mit Reihvcr'chluh. Das Kind wundert sich und wagt nicht recht etwas darüber zu sagen. Erwachsene sind so ko­misch. Wie ist das nun aber wohl ...? Man schreibt an den Weihnachtsmann, man wünscht sich das Blaue vom Himmel, und dabei kann man es hier unten in all den Läden da viel ein­facher kaufen? Der Weihnachtsmann eine himmlische G. m. b. H ? Wozu machen sie immer alles so umständlich? Wozu? Nur damit Kinder wieder Mühe davon haben? Komisch. Das Kind überlegt schwer und mit kleinen stoßenden Seufzern, die in der QBinter- (uft wie gehauchte Fragezeichen hängen blei­ben.Mach schön den Mund zu", sagt Mama. Das Kind macht ihn zu, schließt gleichzeitig einen Kompromiß zwischen Augenschein und Herkom­men und schreibt zu Haus seinen Wunschzettel. Es stehen entsetzlich viele Sachen darauf und schließt mit den Worten:Lieber Gott, mach Dich vergnügt und grüße alle, die mir das schenken.

Deine liebe Biene."

Lob ber fflütter.

Mit einem Preis der Mütter (von Hans Dethge) eröffnet die Leipziger3IIuft ritte oeitung" (Verlag 3.3. Weber) ihre diesjäh­rige Weihnachtsnummer, die der Mutter ge­widmet ist. Die unter dem Titel .Das Bild der Mutter" zusammengefaßten Beiträge von Thomas und Klaus Mann. Gustav Frenssen. H-lene Böh- Fulda. Ludwig Finckh. Wilhelm Ost- wald, Wilhelm Dölsche und Alfred Brust stehen un Mittelpunkt des Heftes. Probleme des Tages werden m den Aussätzen von Dr. H Boeßneck .Die Mutter und die junge Genera.ion' und von E Fe- cern-Kohlhaas .Ter Schuh >. er Muller in Beruf" berührt. DerSeitragMütter und Söhne" von -Dalertan Tornius bringt eine Auslese von Müt- tem berühmter Männer. Don der Pädagogium Seite aus wird das Thema in dem Artikel ,Müt- ter. die uns Lehrern gefallen von Paul Georg Münch beleuchtet. Gabriele Reuter plaudert über bte »Aschenbrödel unter den Müttern", die be- riichtigte Schwiegermutter und die übel beleumdete 6tiefmut.er. Heber die Steuerungen der Mutter­siebe bei den farbigen Völkern berichtet Dr. QL Heilborn in einem Artikel ,3n der Hautfarbe ver­schieden in der Mutterliebe gleich". Ausge­zeichnet ist das reiche Bildmaterial.