Nr. 269 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
IHonlag, (7. November (930
Oes Fürsten Bülow Entlassung.
Aus dem zweiten Bande der Denkwürdigkeiten des Reichskanzlers. - Ein historisches Gespräch an Bord der „Hohenzollern". — Lkm die Nachfolge Bülows.
AuS dem Vorabdruck der „Dossischen Zeitung", Copyright 1930 by Ullstein AD., Berlin. .
(Rachdruck verboten.)
Der Kaiser empfing mich am Fallreep, äugen- fchetnlich nervös, zappelig, ungeduldig, mit einem Anflug von Verlegenheit Seine heftigen Gestiku- latirxien fielen mir auf. ES entspann sich der nach- fteßenbe Dialog, dem ich wiederum eine am 27. 3uai 1909 gemachte Auszeichnung zugrunde lege.
6. OH.: ..Wegen Ihrer Vachfolge, lieber Bülow, brauchen Sie sich nicht mit einem längeren Vortrag zu quälen, aus den Sie sich wahrscheinlich vorbereitet haben. Ich bin entschlossen, B e t h - mann zu nehmen. Damit sind Sie ja gewiß sehr einverstanden. Ec ist treu wie Dold, ein Biedermann durch und durch, ein kolossaler Arbeiter, auch sehr schneidig, er wird Mir den Reichslag aufmöbeln. Uebrigens habe Ich bei ihm in Hohenfinow Meinen ersten Veh bock geschossen."
Ich: „Da Eurer Majestät Wahl schon getroffen ist, kann ich nur mit Hamlet sagen: „The rest is siLence.“
6. HL: „Im Zitieren sind Sie immer roch großartig, aber machen Sie nicht ein so elegisch:- De- siebt. Sehen Eie Mir Ihre Bedenken auseinander. 3q> bin zwar sehr eilig, weil Ich um ein Uhr bei dem Fürsten Monaco lunchen soll. Aber Sie höre Ich immer gern."
Ich: „Für die innere Politik ist Bethrnann wohl alles in allem der Beste. Die Linke wird er bei der Stange halten, das Zentrum wieder heran- -iahen, die Konservativen sind ihm, soviel ich weiß, auch wohlgesinnt. Er versteht nur gar nichts von auswärtiger Pol'tik."
E. M. tlachend, heiter): ..Die auswärtige Politik überlassen Sie nur Mir! Ich habe bei Ihnen eiwigcs gelernt. Es wird schon gehen."
Ich: „Das hoffe ich Aber Eure Majestät brauchen wenigstens als Amanuensis einen guten Äaals ekcelär des Auswärtigen Amts. Schö n ist imsähiq."
6. OH.: ..Er hat in der bosnischen Frage aber doch famos abgeschnitten, denke Ich."
Ich: „3a, unter mir."
6. OH. tzurn erstenmaal etwas gereizt): „Was unter 3hnen ging, Mein lieber Bülow, wird wohl auch unter Mir gehen."
Ich: „Als Stühe und Hilfe für das auswärtige Ressort empsehle ich Eurer Majestät Mühlberg oder Kiderlen."
S. Ott.: „Die nehme Ich beide nicht."
Ich: „Dann nehmen Eure Majestät Bernstorfs. Der würde sich eventuell auch zum Reichskanzler eignen."
S. M.: „Das will ich Mir merken. Ich habe Dernstorsf sehr gern."
Ich: „Ein begabter Mensch ist auch Drockdvrff- Ranhau."
6. an.: „Den nehme Ich nicht. Er ist ein Reffe von Therese Drockdorff, der Oberhofmeisterin Meiner Frau, und Ich mag keine Verwandtschaften zwischen dem Auswärtigen Amt und Meinen Hosleuten."
Ich: „Sachlich lege ich Eurer Majestät zwei Bitten ans Herz, sehr ernst und sehr dringend."
6. OH. (abwehrend, ungeduldig, sieht nach feiner Armbanduhr): „Lieber Bernhard, Ich habe wirklich keine Zeit mehr."
Ich: „Das tut mir leid. Ich werde mich aber bemühen, Extrakt zu reden, in fliegender Eile, wie der arme Dietrich Hülsen zu sagen pflegte: Trachten Sie, zu einem Naval agrccnicnt mit England zu kommen."
6. OH. (sehr gereizt): „Run kommen Sie mir zum Schluß noch mit dieser Sache! Habe ich Ihnen nicht oft genug gesagt, mündlich und brieflich und in soundsoviel Marginalien, daß Ich Mir nu Meine Schiffsbauten nicht hineinreden lasse! Seher solche Vorschlag ist eine Demütigung für Mich und Meine Marine."
Ich: „Ich habe Eurer Majestät nie zu etwas geraten, worunter unsere Ehre leiden könnte. Aber eine so weitreichende und dabei schwierige Frage kann nicht vom Standpunkt des Paukkomments behandelt werden. (Seine Majestät runzelte die Stirn.) U.rd dann! Wie soll unsere Ehre darunter leiden, wenn wir freiwillig, avec un beau geste, mit England au einem Abkommen gelangen, das mit der englischen Besorgnis vo.f dem Tempo unserer Schiffsbauten die latente! Kriegsgefahr verringert?"
6. OIL (mit großer Bestimmtheit): „Ich glaube nicht an eine solche Kriegsgefahr!" Der Kaiser blickte, während er so sprach, auf die seine „Hohen- zollem" umgebende Kriegsflotte. Indem er mit der Hand auf die gewaltigen Panzerschiffe deutete, rief er mit erhobener Stimme und mit stolz» zurückgebogenem Haupt mir zu: „Wenn einer, wie Ich, in diesem Moment, die Früchte seiner ehrlichen und saueren Mühen so unmittelbar vor Augen hat, dann darf er wohl ein gewisses Selbstgefühl betätigen." Ich mußte an Schillers Polykrates denken, der von seines Daches Zinnen auf Samos schaute mit vergnügten Sinnen.
Ich erwiderte: „Auch ich glaube nicht, daß England von heute auf morgen über uns herfallen wird wie seinerzeit Relson über Kopenhagen und die kleine dänische Flotte. Was ich glaube, ist, daß, wenn wir unseren Schiffsbau forcieren — ich unterstreiche das Wort: forcieren! — ein durch das Tempo unserer Bauten schließlich allzu sehr beunruhigtes und gereiztes England sich gegen uns wenden wird, falls irgendeine größere Korn» plikation ihm Gelegenheit bietet.“
6. OH.: „Ich will Mich doch im guten und in Frieden von Ihnen trennen, lieber Bülow, warum kommen Sie auf diesen alten Streitpunkt zurück?"
Ich: „Weil die Gelegenheit für eine Verständigung mit England gerade jetzt günstig liegt. Mein Rücktritt, ein neuer Reichskanzler, das gibt a new departure. Auch kann es jetzt nicht so aus- fehen, als ob wir deshalb über das Tempo unserer Schisssbauten mit uns reden ließen, weil uns der finanzielle Atem ausginge. Unsere Kassen sind wieder voll."
S. Ott.: „Ich kann und will Iohn Dull nicht erlauben, Mir das Tempo Meiner Schiffsbauten vorzuschreiben l"
Ich: „Cs handelt sich ja gar nicht um ein Vor- schreiben, um ein Diktat, auch nicht um einen
Zwang, sondern ujn ein freiwilliges und freundliches Arrangement."
6. OH. (sehr ungeduldig): „Das sind Wortspielereien I Ich bitte Sie noch einmal, hören Sie ldamit endlich auf. Wir wollen uns doch im guten trennen, nicht wahr?"
Ich: „Dixi ct salvavi animam meam.“
6. OH.: „Schon wieder ein Zitat! Run, und wie ist es mit der zweiten Ermahnung des großen Pädagogen?'
Ich: „Wiederholen Sie nicht die bosnische Aktion."
E. OH. (mißtrauisch): „Die war aber doch ein Triumph für Sie?"
Ich: „Die Situationen wiederholen sich in der auswärtigen Politik selten in ganz gleicher Weise. Im vorigen Winter lagen die Dinge, wie sie kaum je wieder liegen werden. Ne bis in idem!"
S. OH. (wieder heiter, freundlich): „Sie zitieren zum Schluß aber noch gewaltig. Das wenigstens macht Ihnen keiner nach. Also, Sie meinen, Ich soll auf dem Balkan vorsichtig fein?"
Ich: „2a, dort noch mehr als anderswo. Dort liegt die Gefahr. Denken Eure Majestät, bitte, an alles, was Bismarck in dieser Beziehung gesagt, geschrieben, gewarnt hat. Denlen Eure Majestät an seinen Erlaß an den guten Deines, meinen alten Freund und Regimentskameraden, Eurer Majestät ausgezeichneten Eeneraladjutan- tcn. Ich habe Eurer Majestät nach dem Manöver in Koblenz, es war wohl 1905, die Abschrift dieses Bismarckschen Erlasses, die ich mir genommen hatte, vorgelesen und Cure Majestät gebeten, sie an Sich zu nehmen."
S. OH. (sieht wieder nach der Armbanduhr): „Schon, schön. Ich werde das nicht vergessen. Seien S c ganz ruhig. Run muß Ich aber fort. Ich darf Monaco nicht warten lassen. Ich nehme Sie aber mit in Mein Boot und fahre Sie hin."
Ich: „Sehr gnädig, Cure Majestät? Rur noch das eine: Gerade wenn Sie zu meinem lebhaften Bedauern ein Agreement mit England ü er das Tempo unserer Schiffsbauten ablehnen, müssen Sie doppelt vorsichtig mit den Russen fein. Ich sage es noch einmal, an einen plötzlichen Heb erfüll von feiten der Engländer glaube ich nicht, wohl aber, daß ein durch das Tempo unserer Schiffsbauten ganz außer Rand und Band gebrachtes England gegen uns vorgehen wird, sobald wir mit Rußland aneinander sind. Und bann: Wollen Sie wirklich Bethrnann? Karl Wedel wäre besser."
S. OH. (während er zum Fallreep geht): „Der ist Mir zu eigensinnig, zu sehr Dickkopf, das wissen Sie ja seit lange.“
Ich: „Oder Schorlemer? Er hat mehr Kavalierperspektive als Bethrnann. Oder Rheinbaben? Der hat mehr Courage."
E. OH.: „Rein! Es bleibt bei Bethrnann. Passen Sie nur auf, wenn der lange Kerl sich von der Dank des Bundesrats im Reichstag erhebt und die verehrten Reichsboten mit seinen strengen Augen ansieht, dann kriegen sie es alle mit der Angst und verkriechen sich in ihre Mauselöcher. Und dafür ist es hohe Zeit! Run aber rein ins Doot."
Reichsbanner-Kundgebung in Gießen.
Am Freitagabend sprach in einer sehr gut besuchten Versammlung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold Major a. D. Anker im Cafe Leib. Landesverbandsführer Kern, Darmstadt, leitete die Versammlung und betonte einleitend, daß die Versammlung des Reichsbanners in Gießen eine Mobilmachung gegen die Reaktion, die in Gießen besonders stark sei, darstelle. Er wies weiter darauf hin, daß der „Gießener Anzeiger" es abgelehnt habe, die Einladungsanzeige für diese Versammlung aufzuneh- mcn. (Demgegenüber stellen wir hiermit fest, daß, wie bei allen derartigen Anzeigen von Parteien und Verbänden, auch hier lediglich die agitatorischen Zusätze zur Einladung beanstandet wurden, daß der Ausnahme der Einladung selbst aber nichts entgegenstand. Trotzdem ist die Anzeige nicht zur Einfügung in den „Gießener Anzeiger" bestellt worden. D. Red.)
Sodann ergriff der Redner des Abends, QHa* jor a. D. Anker, daS Wort. Er referierte zunächst ausführlich darüber, wie er als Soldat der alten Armee schwere innere Kämpfe zu bestehen hatte, bis er sich entschließen konnte, den republikanischen Staatsgedanken mit seiner Person zu vereinigen. Viele andere Soldaten Hütten ebenfalls großen inneren Widerstand überwinden müssen, um sich zur Republik zu bekennen. Heute sei es jedoch so weit, daß der wahren und übe.zeugten Feinde der Republik als ötaatsform nur noch verschwindend wenige seien. Die Revolution, so führte er u. a. weiter aus, könne auch nicht als ein nationales Verbrechen gelten, sofern die Angehörigen einer Ration in überwiegender Mehrheit die Träger der re armierenden Idee seien. Im übrigen wären die Sozialdemokraten bemüht gewesen, die Monarchie aufrechtzuerhalten, eine Tatsache, die dadurch be wie e n werde, daß dem Abdankungsedikt beigefügt worden fei, „der Kaiser muß abdanken, der Kronprinz auf feine Reche verzichten, denn nur so fet die Dynastie zu reiten". Der Redner befaßte sich weiter mit den Vorgängen während der letzten Tage des Krieges, wie sie sich an der Front abgespielt hätten, und betonte, daß die den Kampfgeist zersetzenden Flugblätter nicht von deutschen Sozialdemokraten aus in die Gräben gebracht worden seien, vielmehr von feindlichen Fliegern abgeworfen worden wären, nachdem von deutscher Seite ähnliches über den feindlichen Gräben geschehen fei. Weiter wies er darauf hin, daß auch die Republikaner Anhänger des Wehrgedankens seien, sich aber dagegen wenden müßten, daß zum Kriege gehetzt würde, zu einem Zeitpunkt, da die deutsche Wehrmacht nur geringe Aktionsmöglichkeit habe und keinen entscheidenden Schlag gegen einen mächtigen Feind zu führen imstande fei. Er wünschte sich den Soldaten mehr in der Rolle eines Feuerwehrmannes, der den Wunsch habe, daß ein Unglück, wie eS ein Brand darstelle, nicht eintreten möge. Im Hinblick aus die heutigen Derhältniffe erklärte der Redner, es gehe nicht an, daß Beamte und Pensionäre, die von der Republik Gehalt und Pensionsgelder bezögen, gegen den Staat wühlten und ihn stets zu schädigen und an seiner Form zu rütteln versuchten. Wesentlich aber sei es, daß die historische Wahrheit über den sog. Dolchstoß festgestellt werde, denn erst dann werde die Republik nicht mehr mit Feindschaft, sondern mit Liebe betrachtet und damit der Weg
Erster Tag im Kammerspiel-Zyklus.
Julius MariaBcckcr: „Ter Brückcngcist".
Der erste Tag des vom Goethe-Bund gemeinsam mit dem Stadttheater veranstalteten Kammerspiel- Zytlus brachte als sonntägliche Morgenfeier die Aufführung eines „Spieles vom Tode" des Dichters Justus Maria Becker: es heißt „Ser Brücken- g e i st" und ist kein eigentliches Drama, sondern eine tiefsinnige, mit allerlei Gedankenwerk befrachtete Vision vom jüngsten Tage, ein mit Musik verbrämter, lyrisch-melodramatischer Dialog, halb Erzählung, halb Totentanz — eindringlich und schlicht, mensdstich-irdisch und zeitlos zugleich.
Wie die Alten sich die greife Gestalt des Charon als seelengeleitenden Fährmann der Abgeschiedenen in die Unterwelt dachten, so wird in der Borstellung des fränkischen Dichters, der aus spürbaren Nachklängen des Expressionismus in eine neue Romantik hineinwuchs, der Grenzwächter und Zollerheber am Brückenturm zum „Briickengeift": er öffnet und schloßt den toten Seelen die Schranken, die ihr gewesenes Dasein von ihrem neuen Reich scheiden. Brückengeist: ein mythisches Wesen, feindselig und gütig zugleich den Irdischen gesinnt, mit tiefem Wissen begabt von Leben und Tod.
*
ßier spricht ein Dichter, bas muß man gespürt haben aus den Worten des Spiels, und wem ste nicht gleich eingegangen find wie ein flacher Schla- gcrtrxt oder ein blöder Schwankdialog, der möge einholten und ein Weilchen nachdenken über das, was er horte und sah, — ehe er sich mit schnell- fertiger ®eringfd)äßung abwendet.
Es liegt ein tiefer Sinn in den Erzählungen, Wechselreden, Bildern und Gestalten des Spiels. Becker hat intensiv erlebt, was manchem zuvor gewiß nur undeutlich oder unterbewußt auf« gestiegen war: die Magie einer Brücke, beruhend auf dem kaum mehr empfundenen Emporgehobenwerden und Schweben auf schmaler Grenze zwischen hüben und drüben, ... über einer ewig rauschenden Tiefe.
So wird dem Dichter die Brücke zum Symbol, zum Sinnbild und räumlichen Gleichnis des schmalen Bezirks zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Himmel und Erde. Wer die Brücke betrat, hinten: dem sind die Schranken zum irdischen Ufer auf immer geschlossen: sie wird ihm zur Himmelsleiter und wölbt sich in riesigem Boden den Sternen zu.
In. dieses, im Räumlichen sichtbar gemachte Gleichnis wird das schöne und sehr menschlich empfundene Motiv von der Wiederbegegnung und Wiedervereinigung der abgeschiedenen Seelen, ... zumal der toten Liebenden sinnfällig einbezogen. So kommt untean linken Brückenturm ein singender Hand- wecksbursch, unterm rechten ein junges Mädchen, beide auf der Suche nach einem fernen Geliebten, zum Grenzwächter ans Tor, ... hinter die Schran
ken, auf die schmal geschwungene Straße, von der es keine Wiederkehr gibt.
So wenden sich beide traurig vom gesenkten Schlagbaum zur Mitte zurück und finden einander, selig entrückt, vor dem steinernen Madonnenbild im dichten Flockenfall der winterlichen Nacht unter den kreisenden Sternen, und der Brückengeist wirft ihnen mit einer guten Gebärde den gemeinsam einhüllenden dunklen Mantel über für die letzte Reise.
Dieses Bild: die beiden Liebenden vor dem Muttergottesbild, im Schneefall aus hohem Himmel, in Brückenmitte zwischen wuchtigen Grenztürmen ... war von großer und eindringlicher Schönheit. Hier gelangte die ganz auf einen finnfäUigen Ausdruck des dichterischen Gleichnisses bedachte, geschickt stilisierende Aufführung des Intendanten Dr. Prasch, vorzüglich unterstützt von seinen technischen Helfern Löffler und Keim, zu einem Höhepunkt visueller Regieführung. Auch war der Spielleiter bemüht, der szenischen Phantasie in feiernd) nachhallender Sprachgestaltung den ihr zukommenden Klang und die angemessene rhythmische Betonung zu geben. Die Musik von Hans U1 - ball (Leitung von Fritz C u j 6) hätte — für unser Empfinden — einfacher, gleichsam volksliedmäßig und mehr auf eine schlichte Melodik hin instrumentiert sein müssen. *
Drei Schauspieler ordneten ihre darstellerische Individualität willig der verständnisvoll wirkenden Führung unter. Herr B ä u e r l e fand, scharf akzentuierend, als Brückengeist den aus Irdischem und Jenseitigem zusammenströmenden Sprachklang des Gelciters über die Grenze: W e - s e n e r spielte in schlichter Natürlichkeit den Handwerksburschen Wendlin von Strümpfelbach: Elisabeth Wielander, blaß-blonde Legendengestalt, sprach die zärtlichen Worte der jungen Liebenden.
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Die Morgenfeier war gut besucht. Die Aufführung soll am kommenden Sonntag zum Totengedachtnis wiederholt werden. hth-
Hochschulnacknchien.
Der Oberingenieur der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft in Berlin Dipl.-3ng. Dr.-Ing. Hans Piloth hat den Ruf auf den Lehrstuhl der Elektrotechnik an der Technischen Hochschule in München als Rachfolger von Geheimrat K. Heinke zum 1. März 1931 angenommen. Seine Ernennung zum etatsmäßigen Ordinarius an der Münchener Hochschule ist bereits erfolgt .
Der Oberlandesgerichtspräsident a. D. Dr. jur. h. c. Emst Dronke ist zum Honorarprofessor in der rechtswissenschaftlichen Fakultät der ilni- versität Frankfurt ernannt worden: gleichzeitig wurde er beauftragt, Vorlesungen auf dem Gebiete des Bürgerlichen und Verfahrens- Rechts zu hotten. 1928 ernannte ihn die Frankfurter Rechtswissenschaftliche Fakultät zum Ehren» । doktor.
Hauch von Paris.
Von Albert H tausch.
II. „Le Quartier" („Das viertel").
Wenn ich sehr lange in Paris bleibe, wohne ich oben in Montmartre. In einer verschwiegenen „Gor^onniöre", deren Wohnzimmer aus einen Binnengarten geht, deren vergittertes Schlaszimmersenster aber auf eine jener Treppenstraßen schaut, welche von den äußeren Boulevards nach der Place du Tertre hinaufführen. Verlasse ich Paris, so wird das kleine Paradies untervermietet — und ich kündige meinem Stellvertreter nicht auf, wenn ich nur für kürzere Zeit in der Lichtstadt Aufenthalt nehme. Dann bin ich auf der „ anderen" Seite zu Hause, auf dem linken ©eine-üfer, im siebenten Bezirk, also im alten Viertel von St. Germain, iinb ich bin dort wirklich genau so zu Hause wie auf der Höhe von Montmartre. Der Fluß ist mir heimatlich wie der Berg — und ich weiß manchmal nicht, wen von beiben ich mehr liebe.
Habe ich mich nun also in den Bannkreis des Flusses begeben, mein Quartier für anderthalb bis zwei Monate am Quai Voltaire aufgeschlagen, so sagen die Leute in diesem- Viertel, die mich kennen: „Monsieur est revenu dans le quartier.“ („■Ser Herr ist in das Viertel zurückgekommen.") Genau so, wie sie etwas erstaunt und vorwurfsvoll, ja manchmal auch fast etwas herablassend sagen: „Tiens, monsieur quitte le quartier“, „So so — der Herr verläßt das Viertel"), wenn ich in die Montmartrewohnung übersiedle. Denn „le quartier“ (.das Viertel") ist eine große Angelegenheit, „etre du meine quartier“ („aus dem gleichen Viertel stammen"), ist ein unsichtbares Band von oft ungeahnter Stärke. Der Pariser liebt sein Viertel zärtlich — und er läßt nichts darauf kommen. Wer aus der Gegend des westlichen Boulevard St. Germain und des Quai d’Orsay stammt, an dem das Abgeordnetenhaus, das Außenministerium und das Haus der Ehrenlegion liegen, ist sehr stolz ckus sein Viertel. Regierungsatmosphäre des heutigen Frankreich und — um den Boulevard St. Germain herum, den Sih der alten royalistischen Aristokratie,- in deren grauen, edlen Palästen die Zeit stillzustehen scheint — die Lust gewesener Größe: was will der kleine Wann aus Paris noch mehr? Man muß ihn sagen Horen: „Ah oui, nous du septifcme“ („3a, wir vom siebenten"). Das ist wirklich etwas anderes, als wenn einer in Datignolles oder in Belleville oder gar „braußen“, an den Toren wohnt. Dieses „septifcme“ verpflichtet. Hier hat man als Muster die Haltung der vornehmen Leute, in deren Schatten man wohnt. Hier gibt es noch Zucht, Verschwiegenheit, Würde... Man weiß alles, sellrstverständlich, — aber man drückt die Augen zu... Dieses Augenzudrücken: einer der bezauberndsten Reize von Paris. Hier ist die Liebe wirklich noch Element, dem niemand andere Dämme setzt als die Menschen, die liebenden, es selbst tun. Lind eben darum ist in Paris die Liebe so selbstverständlich und so mild ge
blieben. Wann hört man hier jemals aus dem Munde selbst eines noch so geringen Straßenmädchens ein gemeines Wort? — —
„Ah, monsieur est donc revenu dans le quartier’.“ Das ist das Wort, das mich nun an allen Ecken und Enden empfängt, als ich am Vormittag nach meiner Ankunft die unerläßlichen Besorgungen mache. Da ist zuerst der Friseur und seine liebenswürdige Frau, deren Lippen mit scharlachroten Stiften angemalt sind, genau wie die Fingernägel. Welche Flut von Fragen — und welche Schwierigkeit, immer so zu antworten, daß man eigentlich nichts gesagt hat. Da ist der etwas melancholische Gehilfe, dessen blasses Gesicht sich kaum jemals belebt. Er stammt aus der Gegend von Clermont-Ferrand. Er sagt: „Wir sind dort unten anders als die Pariser“ — und er ist zufrieden, anders zu sein. Er arbeitet still und gewissenhaft, ohne zu sprechen. Aber er betrachtet sich und sein bleiches Haupt immerzu im Spiegel — und seine dichten schwarzen Haare duften bei jeder Bewegung nach dem Eau de Cologne du Chevalier d’Orsay... Tas ist so, solange ich ihn kenne — und das wird wohl immer so bleiben. Die Franzosen lieben nicht sehr den Wechsel. Auch der kleine Mann ist sehr konservativ.
Dann ist da mein Papiergeschäft mit feiner beleibten Besitzerin, welche, wie alle ihre Artgenossinnen, immer etwas erhöht hinter einem Kassen tisch thront und die Scheine in ihren schwerberingten Fingern knistern läßt. Auch sie sagt: „Ah, monsieur est de retour dans le quartier" und fügt noch, geheimnisvoller und fast so als ob sie Verbotenes fragte, dichter an meinem Ohre zu: „Et que se passe-t-il donc lä-bas?“ („Und was geht denn nun eigentlich drüben (in Deutschland) vor?") Aber sie wartet nicht einmal die Antwort ab: „Comme vous avez bonne mine“ („wie gut Sie aussehen"), lenkt sie das Gespräch in allgemein menschliche Bahnen zurück — und entläßt mich, indem sie mir eine junge Angestellte zur Erfüllung meiner Wünsche „attachiert". Diese junge Dame ist hochmütig (schon zwei 3ahre lang), sehr schon, hat einen Freund im Ministerium und ernährt ihre leidende Mutter.
Das alles hat mir Madame — sagen wir Thevenin erzählt, die Besitzerin eines benachbarten kleinen Cafes, wo ich öfters einen „Bresil“ trinke (unter vielen Gepäckträgern des d'Orsay-Dahnhoss, die hier ihr Standquartier haben) und einem kleinen räudigen Hund Zucker gebe. Madame Thevenin weiß alles, was sich in ihrer Ecke („dans mon coin“) abspielt, ßie weiß auch, daß ich nachts arbeite und meinen Vergnügungen unter Tags nachgehe. Aber nicht im „Viertel". Klugerweise. Herren („was ein rechter Herr ist") amüsieren sich nicht in ihrem „Viertel". Von wirklichen Herren weiß man nie etwas Genaues...
— Und von Damen? frage ich sie einmal.
— Alles, erwidert sie fast heftig. Weil alle Damen sich gegenseitig überwachen! Aber die Herren helfen sich gegenseitig...
Tiens, madame Thevenin!
(wird fortgesetzt.)


