Ausgabe 
17.10.1930
 
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Nr. 243 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Zreitag, 17. Oktober 1930

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 17. Oktober 1930.

Redensarten und ihr tieferer Sinn.

Manche häufig gebrauchte Redewendung der deutschen Sprache hat dunklen Sinn. Der Sprecher wird sich dessen gar nicht bewußt, denn die Phrase ist so in seinen Sprachschatz übergegangen, daß er sie gar nicht mehr als störend empfindet. Wer verbindet wohl eine besondere Vorstellung mit dem Gedanken, wenn er von irgend etwas behauptet, es sei sehr schlecht, geradezu .unter jeder Kanone" gewesen! Die Idee, daß es unter einer Kanone besonders schlecht, weil schmutzig sein muß, ist wohl überzeugend, warum aber gerade unter jeder" oderieglicher" Kanone? Dieses merkwür­dig anmutendc Bild leitet seinen Ursprung durch­aus nicht von der Kriegswaffe her. 3m Gegen­teil. die Redensart entstammt einer friedlichen Einrichtung, den mittelalterlichen Klosterschulen. 3n den alten Lateinschulen benutzte man, wie heute noch, zur Korrektur der von den Schülern gelieferten Arbeiten, fünf Zensuren, und diese Klassifikation von eins bis fünf nannte man einen canon. Schülerarbeiten, die so schlecht waren, daß sie nicht einmal eine Fünf verdienten, wubden alssub omni canone bezeichnet, und daraus ist unsere Redensart ..unter aller Kanone" geworden.

Oft gebraucht ist ..frei von der Leber reden". Die Erklärung für dieses Wortspiel haben wir in altgermanischen Opserbräuchen zu suchen. Don jedem Stück geschlachteten Viehs wurde den Göttern die Leber geopfert, die in späteren Zeiten unter Einhaltung feierlicher Zere­monien im engen Familienkreis als Dankesopfer verzehrt wurde. 3m Laufe der Jahre schloß sich hieran der Brauch, daß jeder Teilnehmer des Leberessens einen sogenannten Leberreim aus dem Stegreif herauszusagen hatte, Unter dem Schutze des genossenen Opsermahls durfte man einem an­deren Mahlzeitteilnehmer derb und gründlich die Wahrheit sagen, wasfrei von der Leber zu reden" genannt wurde. Die Leberreime sind noch heute in einigen Gegenden Deutschlands üblich.

Die RedensartDer Mann lebt auf großem Fu ß". die bekanntlich eine vornehme, glänzende Lebensart bezeichnet, hat ihren Ur­sprung von dem eigentlichen Sinn des Aus­drucks, nämlich tatsächlich von einem großen Fuße. Als der Gras von Anjou. Geoffroy Plan­tagenet. mit einem Fußgeschwür behaftet war, und sich deswegen.größerer Schuhe mit langen Spitzen bediente, wurde ihm dies als neueste Mode und mit solcher Uebertreibung nachgeahmt, daß diese Vorderspitzen oft zwei Fuß lang waren. Etro sur un grand pied diese Redensart kam damals auf und hat sich die 3ohrhunderte hin­durch erhalten.

Taten für Samstag, 18. Oktober.

Sonnenaufgang 6.27 Uhr, Sonnenuntergang 17.02 Uhr. Mondaufgang 1.22 Uhr, Monduntergang 16.04 Uhr.

1777: der Dichter Heinrich von Kleist geboren.

Das Zsolierhaus in her Medizinischen Klinik.

Zu dem Artikel unter dieser Ueberschrift in Dummer 240 desGießener Anzeigers" ist ergän­zend nachzutragen, daß der Dienst für die Patien­ten des Isolierhau'es nicht nur von den Schwe­stern, sondern auch von den Krankenwä.tern und dem Dienstpersonal mit auszeübt wirb, d e mithin die Obliegenheiten ihrer Arbeit ebenfalls unter ansehnlichen Gesahrenmon.enlen zu versehen ha' den. Weiler ist jenem Artikel hinzuzusügen, daß von der Kliniloerwaltung auch für die Schwestern der Isolierstationen eine monatliche Vergütung zu zahlen ist, die an das Mutterhaus der Scheuestem abgeführt wird. Das Mutterhaus seinerseits ge-

Die Kunstsammlung im Reuen Schloß.

Es ist nicht jedem Sterblichen vergönnt, die unermeßlichen Kunstschähe der Uffizien in Flo­renz. oder des Louvre zu Paris kcnnenzulernen und zu bewundern. Richt jeden wird der Lebens­weg nach der ehrwürdigen Kunststadt Dresde« vor die Gemälde der alten Meister, oder in die Galerien Münchens führen. Wohl nicht gerade aus diekcr Erkenntnis, so doch aus einem starken Bedürfnis heraus, die Bürger der mittleren Städte an Kunstgenüssen teilnehmen zu lassen, wurden in vielen Orten unseres Vaterlandes Galerien und Kunstsammlungen geschaffen, die den Erfordernissen ost in hohem Maße gerecht zu werden imstande sind. Das trifft auch für G i e ß e n zu.

Unter mancherlei Opfern wurde die hiesige Kunstsammlung im Reuen Schloß ins Leben gerufen. Um so weniger aber mühte An­laß vorhanden sein, über schlechten Besuch der Gemäldesammlung klagen zu müssen, wie es tatsächlich leider der Fall ist. Mangelnder Be­such wäre verständlich, wenn man von der Samm­lung im Alten Schloß sagen müßte, sie wäre mittelmäßig, unzulänglich oder gar schlecht. Zwar hat man hier nicht Gelegenheit, sich in die Werke unserer größten Deutschen, Grünewald, Dürer, Wohlgemuth, Cranach, Holbein u. a. zu vertiefen, man wird auch die Werke der großen Meister der italienischen Renaissance vermissen müssen, das alles kann aber noch lange nicht dazu führen, über die Gießener Sammlung ein Werturteil in abfälligem Sinne auszusprechen. Man darf dies um so weniger, wenn man weih, unter welch schwierigen Verhältnissen die Giehener Samm­lung überhaupt zusammengetragen wurde: dah Gießen noch nicht einmal über das Vorhandene verfügen würde, wenn nicht grohzügige Stiftungen zur Bereicherung dieser Samm­lung beigetragen hätten!

ES kann nicht Aufgabe dieser Zeilen sein, die Geschichte der Sammlung im Alten Schloß auf­zurollen. Wesentlich erscheint aber, darauf hin­zuweisen, daß

die Ausstellung einen sehr inleressanlen Ouer- fchnitt durch das künstlerische Schaffen deutscher Maler (und zwar der berühmtesten) während der letzten 50 Jahre

bietet. Dah daneben heimische Künstler stark ver­treten sind, müßte die Ausstellung der Bevölke­rung besonders liebenswert machen. Wenn dies ausgesprochen wird, so muh doch auf einige bedeutende Stücke besonders hingewiesen werden. Spitzweg, der Münchener Gcnremaler, ist mit zwei Zeichnungen (Orientalen) vertreten, in denen sich seine hohe Beobachtungsgabe manifestiert. A. v. M e n z e l s geniales zeichnerisches Können spricht aus drei kleinen Zeichnungen, Kabinett­

stücke ihrer Art. Franz v. L e n b a ch. der un­übertreffliche Porträtmaler, ist in einem Bildnis von Richard Wagner zu bewundern. Reben ihm steht auf gleicher Stufe Wilhelm L e i b l, eben­falls mit einem Porträt, das durch seine Einfach­heit der technischen Behandlung besticht. Bon T r ü b n e r fällt das ..Mädchen mit den roten Haaren" auf, ein Gemälde, das absolut modern anmutet. Der Künstler starb 1917 als alter Mann. Wer könnte wohl vorübergehen an M a r Klin­gers, oder an Professor Liebermanns Werken, ohne ihnen Beachtung geschenkt zu ha­ben? Lovis Corinth, der im 3ahre 1925 verstorbene unumstrittene Meister der Zeichnung, ist mit drei wertvollen Arbeiten vertreten. Schließlich seien noch dieRamenHanS Thoma, Kaulbach, von den Reueren Otto Greiner und Erich E r l e r genannt. Franz v. Stuck, der im vorigen 3ahre verstorbene Münchener Maler, der sich des größten Ansehens erfreute, ist ebenfalls vertreten. ..Sommernacht", ein Ge­mälde von feiner romantischer Grundstimmung, wird sicher vielen gefallen.

Von den heimischen Künstlern verdient in erster Linie Otto Ubbelohde genannt zu werden. DieHessische Landschaft" ist als ein Meisterwerk ersten Ranges zu bezeichnen. Bei längerem besinnlichen Verweilen vor diesem Bild­werk werden dem Beschauer immer neue Schön­heiten offenbar: kaum ein anderes vermag die Eigenart der hessischen Landschaft so wiederzu- geten, wie gerade jenes Bild. Es sollte keinen Hessen geben, der dieses Bild nicht kennt. Hans Pellar, ein Künstler, der längere Zeit in un­serer Gegend wirkte, hat einige Gemälde geschaf­fen, die den ganzen Zauber des Rokoko, den Glariz eines tiergangeren 3ahrhunder!s herüber­spiegeln in unsere Zeit. Eine Reihe anderer Ar­beiten aus seiner Hand verdienen darob nicht we­niger Beach'.ung. Reben diesen beiden dürsten die Damen Hugo von Ritgen. E. Eimer, A. Beyer, K. Bolz u. a. m. nich' ganz unbe­kannt sein. Außerdem wird eine ....llelalterliche Plastik Rürnberger Schule, die Figur des Heiligen Repomuk, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

In angenehmer Abwechslung trit. in der Samm­lung im Reuen Schloß dem Besucher

hier das Gemälde, dort die Zeichnung, schließlich einige Arbeiten dec plastischen Kunst

entgegen. Die auf ein weises Maß beschränkte Menge des Gebotenen stellt dabei an das Auf­nahmevermögen des eüvelre i feine übertrieb nen Anforderungen. Diele Kunstblä ter liegen aller­dings noch wohlverwahrt in Schubladen: die Räume, die für die Ausstellung zur Verfügung stehen, reichen nicht aus, alles Vorhandene der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

währt den Schwestern neben freier Station in der Klinik eine nach dem Dienstaller aogestuste Bar­vergütung.

Bornotizen.

Tageskalender für Freitag. Stadt- theater: 20 Uhr:Die Prinzessin und der Eintänzer". Bund für christliche Erziehung in Haus und Schule: 20 Uhr, Familienabend im Johannessaal. Lichtspielhaus, Bahnhofstr:Atlantic". Astoria- Lichtspiele: Harry Piel:Achtung! Autodiebe!" sowie Der Kellner-Kavalier".

** Fremden Vorstellung im Gießener Stadttheater. Man schreibt uns: Das Gießener Stahttheater fegt am nächsten Sonntag, 19. Oktober, eine mit Recht beliebten Fremdenvorstellungen ort. Zur Ausführung gelangt Zuckmayers Volks- tüdSchinderhannes". Mit diesem Werk eröffnete

das Theater feine diesjährige Winterspielzeit. Eine starke Wirkung ging von dieser Erstaufführung aus. Ein echtes Volksstück voller Farbe und Leben wird hier lebendig. In Bilderbogenfrrsche zieht das Spiel unter der Regie von Intendant Dr. Rolf Prafch vorüber. Beginn der Vorstellung 18 Uhr, Ende 21 Uhr.

** Den Bebauungsplan sürdas Eich- gärtengebiet betrfit eine Bekanntmachung der Stadtverwaltung in unserem heutigen An­zeigenteil, die der Aufmerksamkeit der 3nter- effenten dringend empfohlen sei.

** Fahrschein unaufgefordertlösens Die Direktion der städtischen Straßenbahn weist in einer Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil darauf hin, daß jeder Fahrgast der Straßenbahn nach dem Einsteigen u ausgefordert den Fahrschein zu lösen bzw. das Fahrscheinheftchen dem Führer

des Straßenbahnwagens vorzuzeigen hat. Gleich- zeitig wird auf die Dachteile aufmerksam gemacht, die einem Passagier mit ungültigem Fahrschein erwachtem Man beachte die e Bekanntmachung.

Zur Bekämpfung der Ob ft bau in« schad linge sind sämtliche Obstbäume bis Mitte November abzukratzen und mit Kalkmilch zu be­streichen. Die Stadtverwaltung weist in einer Be­kanntmachung im heutigen Anzeigenteil ausdruckltch auf diese Notwendigkeit hin.

(Heuer Erfolg eines Gießener K 0m p0n i sten. Man schreibt uns: W i l lt von Moellendorsfs große ChorballadeDie Drücke am Tay", Dichtung von Theodor Fontane, halte sich unlängst bei ihrer 20. Ausführung in Iserlohn (durch den Iserlohner Männergesangver- ein unter Franz Hanernann) eines ganz beispiel- losen Erfolges zu erfreuen.

Aus Dem Gießener otanbeßamtf- r eg i ft er. Es verstorben in Gießen in der Zeit vorn 1. bis 15. Oktober: 1. August Druschke. Lokomotivführer i. R., 82 3ohre, Ebelstraße 16. 2. Karl Rühl, ohne Beruf, 84 3ahre, Am Riegel­pfad 84. 5. Johannes Becker, Metzger. 68 3ahre. Reuenweg 17. 6. Klothilde Riegel, geb. Schwarz­mann Witwe, 78 3ahre, Oftanlage 29. 7. Katha­rine Leo Geschäftsinhaberin, 58 Jahre, Bahnhof­straße 23. 7. Elisabeth Becker, geb. Theiß. Witwe. 70 3ahre, Krosdorfer Straße 9. 7. Karl Löwer, Weißbindermeister. 65 3ahre. Walltorstraße 36. 9 Karoline Ernestine Hartmann, geb. Burkhardt, 62 Jahre, Molttestrahe 24. 10. Elisabeth Ort­müller. geb. Schäfer, 40 3ahre, An der Klar­anlage 98. 10. Karl Klein, Lagerist, 51 3abre, Cderstrahe 16. 11. Georg Johann Echubecker, Zimmermann, 78 3ahre, Mittelweg 12. 11. Phi­lipp Kröck, Dachdeckermeister, 68 Jahre. Rod- Heimer Straße 25. 12. Kaspar Ludwig Althosf, Kaufmann, 68 3ahre, Walltorstratze 16. 14. Anna Hoffmann, ohne Beruf, 74 3ahre, Goethestr. 40. 14. Walter Storch, 4 Monate, Mühlstrahe 4. 14. Elisabeth« Emilie Zuck, geb. Schwing. 37 3ahre. Kaplonsgasse 5a. 15. Georg 2lppel, ohne Beruf, 77 3ahre, Reustadt 55.

** Freie Lehrer stelle. Erledigt ist eine Lehrerstelle für einen evangelischen Lehrer an der Volksschule in Lang-Göns, Kreis Gießen; Dienstwohnung ist frei.

Wiedersehensfeier ehemaliger hessischer Leib-Dragoner. Der Verein ehemaliger hessischer Leib-Dragoner (Rr. 24). der sich aus kleinen Anfängen zu einem der größten Vereine Gießens entwickelt hat. kann im Jahre 1931 auf sein lOjähriges Bestehen zurückblicken. Aus diesem Anlässe findet, wie man uns schreibt, Pfingsten 1931 eine größere Feier statt, verbunden mit einer Wiederfehensseier aller in Butzbach und Darmstadt in Garnison gestandenen Leib-Dragoner. Die Kommissionen zur Durch­führung dieser Feier sind schon gevildet: die Platzfrage ist geregelt.

Verhaftung eines Schwindlers. Der Polizeibericht meldet: Auf Ersuchen der hie­sigen Kriminalpolizei wurde in Stuttgart der Artist Franz K u r l b a u m aus Zürich festgenom­men, nachdem er im Beisein seiner angeblichen Braut Olga Lichtl aus München hier und in anderen Städten unter dem Rainen Samson- Degenseld und Heck Miet» und Darlehnsbetrüge- reien begangen hatte.

** Verloren und gestohlen. Der heutige Polizeibericht meldet: 21m 2. Ok ober wurden auf dem Wege Frankfurter Straße, Kliniksttzpße, Hammstraße bis Klinkelche Mühle acht Weiden­körbe, gezeichnet 217, verloren. Am 13. und 14. Ok.ober sind aus der Fahrradhalle der Gewerbe­schule je eine elektrische Doschlaterne entwendet worden. Personen, die sachdienliche Wahrnehmun­gen gemacht haben, wollen diese dem Polizeiamt, Zimmer 24, mitteilen.

* Härteentschädigungen für Aus« gleichsgläubiger. Der Hanfa-Bund für Ge- werbe, Handel und Industrie teilt folgendes mit:

Eurt Corrinch:

Sektion Rahnstetten".

Uraufführung im Gießener Ltadttheater.

Vorbemerkung: die älraufführung diesesEe- genwarisspieles in sechs Bildern" fand gestern abend gleichzeitig in dreiundzwanzig deutschen Theatern statt. Die Bühnen von Mannheim und Aachen, die das Stück ebenfalls angenom­men hatten, sind vorher zurückgetreten mit der Erklärung, daß sie diesen Premierenrummel nicht mitzumachen wünschten. Früher war eine Mr- außührung die Sache eines Theaters. Wem nützt, wenn man vom Geschäft absieht, ein der­artiger Massenbetrieb? Man kann ja nach der Uraufführung in beliebiger Zahl Erstaufführun­gen veranstalten.

Dabei ist das Stück keineswegs etwa so über­ragend wertvoll, daß man von einer psychologisch begründeten Massensuggestion sprechen könnte. Es ist ein handfestes Theaterstück mit schwerwiegen­den Mängeln, dessen politische Aktualität nicht über das zweite Bild hinausreicht.

Der Stoff gemeiner Mordanschlag einer ideologisch verrannten Verschwörerorganisation gegen einen Minister ist nicht neu. Das Leben hat dem Theater traurige Vorbilder und Schulfälle geliefert. Die Literatur hat sich einer gleichsam in der Luft liegenden Fabel bereits bemächtigt. Dicki Baum in ihrem Roman Fc c" ünd Alfred Reumann in feinem letzten Du- :Der Held". Deide haben den Fall auf ihre Art gestaltet, das heißt: als Erzähler. Bei beiden steht, auf ganz verschiedene Weise, hand.ungsmätzig und psychologisch der Atten­täter, der Täter, der Verschwörer, derHeld" im Mittelpunkt: in beiden Fällen war der Ge­genspieler, die Person des Opfers, in den Hin­tergrund geschoben, mehr oder minder in den Schattc-n gerückt worden, verdeckt oder indirekt dargestellt und in die Handlung einbezvgen.

C 0 rrinth schrieb ein Drama (auch wenn er es nicht so nannte) und er hat richtig emp­funden. daß er anders zu arbeiten habe, als es seine Vorgänger tun konnten. Er muhte ein Gegenspiel zeigen, mußte es greifbar und sicht­bar machen, demSpiel" gegenüberstellen zu der Auseinandersetzung geistiger Art, die eben ein Drama ausmacht. Er hat sich diese Ge­legenheit gegeben. Qlbcr er hat sie verpaßt, zum mindesten nicht ausgenuht. Er hat nur ein blendendes Theater daraus gemacht.._. und hat überdies sein Feuerwerk viel zu früh im> zweiten Dild schon losgebrannt. Die vier Sil­

ber, die nach der Pause noch kommen, fallen sehr ab. Weil einmal die politische, die geistige 2luseinandersehung, die zuvor wenigstens ver­sucht und geahnt wurde, abgetan ist und in einem kleinen, ziemlich rührseligen Privatschau­spiel versandet, älnd weil überdies damit auch der theatralische Elan der ersten Szenen fast spürbar sich lockert und nachgibt.

Erstes Bild: Sektion Rahnstetten, die Unter­gruppe einer politisch radikalen, aktivistischen Or­ganisation tagt, unter dem Deckmantel eines harmlosenFechtklubs", in ihrer Kellerkneipe. Aus einer Reihe von gut gesehenen, oöersläch- lich chargierten Ver'chwörern, meist jüngeren Alters, heben sich schärfer umrissen die drei in der Handlung wichtigsten heraus: Rahnstetten selbst, der Führer, ganz hingegeben andie Sache", kalt, ohne alle Gefühlshemmung, nur auf Taktik, Organisation,Pflicht", geschworenen Eid und ersehnte Tat bedacht. Hallbach, em sehr junger Schwärmer, berauscht von Phrasen und Gemeinplätzen wie mehr ober minder alle in diesem Kreise, ilnb Tomver, älter, reifet, klarer benkend als Hallbach, dem er seit Langem in Freunbschaft eng verbunden ist. aber auch ge­fühlsmäßig viel mehr belastet als Rahnstetten.

Die Verschwörer sind chrer selbst nicht sicher: es wird von Verrat gemunkelt. Einer wird offen verdächtigt. Wan hat auf derGegenseite" schon Wind bekommen: ein Kriminalpoliz'.st erscheint, sofort bedroht, aber uneingeschüchtert, und stellt die Personalien fest. Es ist hohe Zeit: die Leitung" hat die Tat beschlossen: der Munster, Führer und Symbol der bekämpften Richtung, soll fallen. Hallbach meldet sich freiwlllig. Tom- ber. der den Freund der Gefahr nicht breiSgeben will, kann nicht hindern, daß alle Stimmen sich auf jenen einigen.

Das zweite Dild bringt schon dramaturgisch gesehen, viel zu früh die entscheidende Szene: Gegenüberstellung des Täters und des Opfers. Hallbach dringt ins Arbeitszimmer des Mi­nisters ein und hält ihm, der ahnungslos vom Schreibtisch aufsieht, den Revolver entgegen. Große Spannung aber der Schuh fällt nicht. Der Minister tritt dem Zungen entgegen, macht ihm mit fingen, überredenden, überzeugenden Worten den 3rrsinn seines Vorhabens klar, zeigt ihm, daß der vermeintliche Verräter, den erumlegen" wollte, in Wahrheit der Mann des Dienstes am Vaterlande und der Pflicht­erfüllung gewesen ist. Und als der junge Mensch, innerlich völlig überwunden, davongestürzt ist, deckt ihn der in einem Schwächeanfall zusammen- gesunkene Minister vor den herbeiellenden Beam­

ten als einen jungen Freund, der einen harm­losen Desuch gemacht habe.

Das ist eine Szene von unbestreitbar großer äußerer Wirkung. Aber wo blieb, wenn man genau hinhörte, die Auseinandersetzung, die das Drama macht? Der junge Mensch steht fast stumm. Der Minister redet eigentlich einen Mono­log. Ein gesprochener Leitartikel ist ja noch kein Drama. Wenn es wenigstens ein brauch­barer Leitartikel gewesen wäre. Aber es sind gewiß ehrlich klingende dennoch allgemeine, unverbindliche Formeln.

Worum geht es hüben und drüben? Wer steht gegen wen? Was wollen die Gegner? 3m ersten Dild war das hohle Pathos echt, typisch, charakterisierend. Hier hätte, nachdem es ein­mal soweit war (zu sprechen und nicht zu knallen) das eigentliche Stück erst beginnen, Rede stehen, Bekenntnis ablegen, Rechenschaft geben müssen, ... wenn anders es ein politisches Schauspiel, ein positives und aufbauendes Drama sein wollte. nicht bloß ein zeitgemäßer Bilderbogen nach den Wahlen und zur Eröffnung des Reichstages.

Was ist der Sinn, die Lehre, der Gewinn dieser sechs Szenen? Wie überwinden sie das Schlagwort, die Ideologie, die brutale Ver­neinung? Wie bereiten sie den Weg zu einer Gesinnung, zu einer Pflichterfüllung, zu einer Tat, die mehr toill als Mord und mehr, als nach dem Mord mit hllfloseren Händen als zuvor der Auflösung und dem Chaos gegenüberstehen? Das sind die Fragen, die hier gestellt werden mußten um) nicht beantwortet find. Oder sollen Rahnstettens allerletzte Worte etwa als Antwort und Bekenntnis gelten?Genug der Toten genug! Das wäre denn doch für ein politisches Drama zu primitiv, zu dürfttg und kläglich.

*

Die übrigen vier Bilder: bürgerliches Trauer­spiel unb Feme-Rührstück. Hallbach gesteht das vereitelte Attentat und seine innere Wandlung. 3etzt verurteilt ihn das Femegericht als Verräter zum Tode. Tomber meldet sich, rätselhaft genug für die andern, als Vollstrecker. Der Minister ist, inzwischen einem neuen Schwächeanfall erlegen, tot Der anfangs verdächtigte Verschwörer wurde erschossen aufgesunden. (Selbstmord unwahr­scheinlich.)

Hallbachs Vater ahnt das Verhängnis, das sich über seinem Sohn zusammenzieht, möchte ihn zum Reden bringen, ihm helfen. Der schweigt hartnäckig, älnd die Mutter ist schwer leidend, ihr muß jede Qlufregung erspart bleiben. (Dem Zuschauer bleibt nichts erspart, und dem Qlutor ist jeder noch so billige Effekt recht.)

Tomber erscheint zu einemSpaziergang" mit Hallbach. Die nächtliche Scheune, wo der Gang endet, sieht genau so aus, als ob hier die Hinrichtung vollzogen werden sollte. Aber Som- bet hilft Hallbach mit allenin solchen Fällen" üblichen Mitteln zur Flucht ins Ausland und erschießt sich selber, als Rahnstetten wie ein Rachegeist hereinstürzt.Genug der Toten!"

*

Die Gießener Aufführung dieses unzuläng­lichen, aber stellenweise sehr effektvollen Tyeater- stückes wurde vorn 3ntenöanten Dr. Prafch persönlich inszeniert: es war die feinste und weit­aus geschlossenste Vorstellung, die wir bisher in der neuen Spielzeit erlebt hoben, durchgearbeitet und ausgeseilt: wir wüßten nicht, was daran auszusetzen wäre. 3eder mögliche Einwand müßte das Stück treffen, und mehr war aus diesem Stück nicht herauszuholen.

Die erste Szene wurde gleich ein blendender Auftakt, mit sicherem Instinkt für die erregende Aktualität der Vorgänge empfunden und wieder- gegeben. Stark auch die zweite, die Hauptszene: kotz ihren inneren Mängeln von unverkennbarer Wirkung auf den Zuschauer, der erst in der Pause zu Besinnung und ruhigem Nachdenken kommt.

Den folgenden Bildern gab die Regie, geschickt verteilt, wechselnde Stimmung und wechselndes Tempo, um in der Schlußszene die schon abebbende Spannung noch einmal energisch zu sammeln und zu entloben im befreienden Schuß, auf den man seit dem zweiten Bild gewartet hatte.

*

Lauter männliche Rollen in diesem Schauspiel olle mit Fingerspitzengefühl besetzt, alle gut und tüchtig an ihrem Platz. Schorf profiliert der kühl überlegene, brutal beherrschende, fanatisch verbissene Rahnstetten, den Bäuerle spielte. Hauer gab mit männlicher Warme den zwischen Disziplin und Kameradschaft schwankenden Tom­ber. Wesener setzte, vor allem im ersten Bild, seine stürmische Jugendlichkeit für den Atten­täterWallbach ein. Auf der Gegenseite F a s s 011 als Minister: sehr nobel und würdig gespielt, um eine geistige Haltung bemüht (die freilich vom Autor hätte vertieft und begründet sein müssen). Ein paar prägnante Chargen sind nach zu er­wähnen: Ritter (Der Fremde«: Volck (Hall­bachs Vater): Link mann (Krügel): Bruck (Regierurcgsrat).

Es war ein starker, von der Regie erarbeiteter und verdienter Erfolg. Der Beifall, am lautesten nach den ersten beiden und dem sechsten Bilde, darf vornehmlich der Aufführung gelten. Mit den Spielern erschien zuletzt der Intendant, hth.