Ausgabe 
17.4.1930
 
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setze zugrundegelegt. Das Gesamtbild kann dahin charakterisiert werden, dah der Haushalt die Wie­derkehr des Vertrauens zur Solidität des Etats rechtfertigt, aber vorn Stand­punkt der Sparaktion wenig ermutigend ist. Der Redner erörterte dann die Aussichten für 1931. Nur in Höhe von rund 200 Millionen ist die Entlastung des Haushaltes von 1931 schon jetzt wirklich fun­diert, und auch das nur unter der Voraussetzung ausreichender Arbeitslosenversicherung. Alles ^wei­tere hängt von der wirtschaftlichen Entwicklung, von Anlcihemöglichkeiten und von dem Sparprogramm auf lange Sicht ab.

Namens der Ausschüsse beantragte der Bericht­erstatter dann eine Reihe von C n t s ch l i e ß u n - gen. wonach die Reichsregierung ersucht wird, im Sparprogramm noch vorzusehen: Auf­hebung der reichseigenen Forstverwaltung, Ver­einigung der Vauverwaltung mit der Vauverwal- tung der Länder. Fertigstellung der Sammlung des Reichsrechtes. Ferner bei Aufstellung des Sparprogramms zu prüfen die weitere Behand­lung der Kanalbaufrage vom finanziellen und wirtschaftlichen Standpunkt, die Frage der Abtrennung des Waffenamtes vom Aeichs- wehrministerium, die Frage der Auf­hebung der Reichsvcrtretung in München und die Möglichkeit der Eingliederung des Sparkom­missariats in die Allgemeine Verwaltung. Sn weiteren Entschließungen wird gefordert: Prü- fimg der billigen ^leberlassung freigewordener Gebäude im besetzten Gebiet an die Gemeinden. Vornahme der großen Reichsfinanzstatistik nur alle fünf Jahre, Vorlegung von Berechnungen über die künftige finanzielle Entwicklung der Kriegsbeschädigtenfürsorge und Vorbereitung der Reuregelung der werteschaffenden Arbeitslosen­fürsorge auf banktechnischer Grundlage.

Heichsfinanzminister Dr. Moldenhauer verweist zu der Einstellung der er st en Bau­rate des neuen Panzerkreuzers durch die Reichsratsausschüsfe auf die Regierungserklä­rung vom 1. April, in der Reichskanzler Dr. Brüning den vom Kabinett Müller ausgestell­ten Haushaltsplan unverändert übernommen habe. Daraus ergebe sich die Stellungnahme der Regierung auch zur Panzerkreuzerfrage. Die Reichsregierung hält an dem ursprüng­lichen Etat fest und kann erst nach dem Borliegen der endgültigen Stellungnahme des Reichsrates zur Frage einer Doppelvorlage ihrerseits Stellung nehmen. Die Regierung lehnt es ab. die Initiative zu ergreifen oder eine Be­einflussung auszuüben. Sie richtet an den Reichs­rat die Bitte, nach eigenem besten Wissen und rein sachlichen Erwägungen abschließend Stel­lung nehmen zu wollen und sich insbesondere in keiner Weise von der Reichsregierung beein­flussen zu lassen.

In der nun folgenden

Einzelberalung

der einzelnen Etats wird ein Antrag der Rhein- vrvvinz, daS Ministerium für die besetzten Ge­biete nicht am 1. Oktober aufzuheben, sondern zum frühest möglichen Termin, spätestens am 1. Januar 1931, mit 36 gegen 29 Stimmen ab­gelehnt.

Beim W e h r e t a-t beantragt Neichswehrminister G r o e n e r die Wiedereinsetzung der von den Aus­schüssen gestrichenen Beträge bei den Ausgaben für militärisches Personal, für Gebäudeunterhaltung und Bauten. Der Minister erklärt, sein Antrag ent­springe nicht schwäbischer Dickköpfigkeit, sondern rein fachlichen Gründen. Nach dem vom Kabinett vor- -genommenen Abstrich von 50 Millionen seien weitere Abstriche gar nicht möglich, wenn nicht der geregelte Betrieb der Wchrorganisation empfindlich gestört werden solle.

Preußischer Staatssekretär Dr.WeiSmann: Angesichts der großen Streichungen beim Sozial­etat und auch sonst bei den dringendsten Aus­gaben können wir es nicht verantworten, auf Streichungen beim Wchretat zu verzichten.

Reichssinanzminister Dr. Moldenhauer: Rach schweren Kämpfen hat sich das Reichskabi­nett entschlossen, den Wehretat mit 700 Millionen zu bewilligen. Unter diesen Umständen kann ich dem Antrag Groener nicht widersprechen. Als Vorsitzender stellt darauf Minister Dr. Molden- Hauer fest, daß der Antrag Groener ohne Widerspruch angenommen sei.

Runmehr beantragt Staatssekretär Dr.Weis­man n die Wiederherstellung der Regie­rungsvorlage beim Panzerkreuzer, also die Streichung der von den Ausschüssen

Bruckner und die He'ligen.

Legende von Ernst Liffauer.

Als Anton Bruckner eines Rachmittags im Juni auf der Orgel spielte, war er recht froh, daß niemand in der Kirche war außer dem weißen Sonnenschein, der auf der hell- gckalkten Wand und dem gelbgestrichenen Ge­stühl lagerte und leuchtete. Er sah mitten im Orgelschall, der ihn rings umhüllte wie ein tönendes Gewölk, darin er nichts sah und hörte, und also auch nicht bemerkte, daß sich das schwere mittlere Tor ausklinkte, ächzend zurücklastete und laut ins Schloß schnappte. Ein Priester, in schwarzem Kleid, darüber das weiße, spitzen­gesäumte Hemd, war eingetreten, er hielt ein langes Kruzifix wie eine Zupfgeige in der Beuge des linken Arms, und ein blanker Reifen war wie eine goldene Hutkrempe um seinen Kopf gelegt: es war der Heilige Repomnk von der Brücke des Krottenbachs. Wiederum schob sich das Tor mit einem rutschenden Laut auf: ein Kriegsknecht erschien, geharnischt, den Helm auf dem Kopf, einen Zuber Wasser in der Rechten: es war der Heilige Florian aus der Rische des Rathauses.

Das linke Seitenpförtchen ging auf: ein mittel­großes, schlankes Weib, halb Mädchen, halb Frau, trat ein, auf dem braunen Haar eine kleine, zierlich geschmiedete Krone, einen stumpf­blauen Mantel von der Farbe des Aprilhimmels rl^gehüngt: es war die Maria, die inmitten Marktes, zu oberst auf dem Brunnen daheim 1 9'n9 durch das rechte Seitenschiff ein

paar Schritte nach vorn und stand gerade in einem lichtblauen Balken aus Staub und Glanz, der aus dem letzten Gadenfenster niederquoll devl ganz hinten auf der linken Seite, das schon seit vielen Jahren den Sprung hat, da schob eine andere Frau das rechte Seitenpfört­chen, das zur sogenannten Sakristeigasse führt, langsam mit dem rechten Arm auf, langsam und behutsam, denn sie hielt auf dem linken ein Kindlein. es war die Maria von der Kreuzung wo der Zaunweg vom Marktplatz her in die Lcnzer Reichsstraße cinmündot.

Und nun hörte bas Knarren und Rutschen Aechzen. Klinken, Fallen und Zuschnappen der

Thüringen erhält wieder Reichszuschüsse.

Ein Schreiben der thüringischen Regierung an den Reichöinnenminister.

Berlin, 16. April. (WTD.) Die thürin­gische Regierung hat dem Reichsminister des Innern Dr. Wirth folgende Erklärung zu­gehen lassen:

Rach schriftlichen und mündlichen Mitteilungen des Herrn Reichsministers des Innern besteht zwischen dem Reich und dem Lande Thüringen Meinungsverschiedenheit darüber, ob Abs. I von § 3 des thüringischen Ermächti­gungsgesetzes vom 29. März 1930 Ges. S. S. 23 mit dem Reichsrecht vereinbar ist. Die Lan­desregierung Thüringens hält den Absatz I von § 3 des thüringischen Ermächtigungsgesetzes durch­aus für mit dem Reichsrecht verein­bar, sie ist aber bereit, angesichts der zwischen dem Reich und dem Lande Thüringen bestehen­den Meinungsverschiedenheit die Entscheidung des Reichsgerichts gemäß .Art. 13 Abs. ll der Reichs- vcrsassung und dem Reichsgeseh vom 8. April 1920 RGBl. S. 510 anzurufen und diesen Schritt auch gemeinsam mit der Reichsregierung zu tun.

Nachdem bei der Besprechung zwischen dem Herrn Reichsminister des Innern und dem Vor­sitzenden des thüringischen Staatsministeriums vom 10. d. M. von feiten Thüringens eingehend dargelegt ist, dah

bei der Landespolizei Thüringen eine Ver­letzung der Bedingungen für die Gewährung von Reichszuschüssen für Polizeizwecke niemals slatlgefunden.

hat, glaubt die Landesregierung Thüringens sich zu der Erwartung berechtigt, bah der Herr Reichsminister des Innern sich durch diese Dar­legungen für befriedigt erklären wird. Sie spricht deshalb das Ersuchen aus, dah die in dem Schreiben des Herrn Reichsministers des Innern vom 18. März 1930 ausgesprochene nicht be­gründete Sperrung der Zuschüsse für Po.lizeizwecke an Thüringen alsbald nach Empfang gegenwärtigen Schreibens aufgehoben wird, damit das Land Thüringen vor weiterem Schaden bewahrt bleibt. Ebenso muh die Landes­regierung Thüringens die Ditte aussprechen, dah die in dem Schreiben des Herrn Reichsministers des Innern vom 18. März 1930 weiter ausge­sprochene einstweilige Einstellung von Uc6cr* Weisungen aus Fonds Mitteln deS Reichsinnenministeriums an Thüringen zurückge­zogen wird.

Der bei der Besprechung vom 10. d. M. in Aussicht gestellte Besuch des Herrn Staats­sekretärs Z w e i g e r t wird dem Vorsitzenden des thüringischen Staatsministeriums willkom­men sein, bei Gelegenheit dieses Besuches wird die vom Herrn Reichsminister des Innern ge­wünschte Unterredung des Herrn Staatssekretärs

Z w e i g e r t mit Staatsminister Dr. Frick statt­finden können. Die Landesregierung Thüringens bedauert es überdies lebhaft, dah neuerlich in der Presse dem bevorstehenden Besuche des Herrn Staatssekretärs Zweigert der. Charakter einer amtlichen Kontrolle beigemessen wird."

Ein halbamtlicher Kommentar.

Zu der vorstehenden Erklärung der thüringischen Regierung erfahren wir noch folgendes: Bei der Be° sorecbung am 10. d. M. hat der Reichsinnenminister Dr. Wirth an den Vorsitzenden des thüringiscyen Staatsministeriums, Staatsminister Baum, wie­derholt die Frage gerichtet, ob in der thüringi­schen Landespolizei irgendwelcheDer- änderungen oorgenommen worden seien, ins­besondere ob Nationalsozialisten in die thüringische Landespoliz^'eingetreten seien.

Staatsminister Baum hat darauf wiederholt die Erklärung abgegeben, für sich wie für das thü­ringische Staatsministerium, dah in der thürin­gischen Landespolizei keinerlei Veränderungen vorgenommen worden seien, mit alleiniger Aus­nahme von solchen Anstellungen, die bereits vor dem Amtsantritt des Ministers Frick in Aus­sicht genommen waren. Insbesondere sei es absolut unrichtig, dah irgendein Nationalsozia­list in der thüringischen Landespolizei Auf­nahme gefunden hätte.

Für diese Erklärung hat die thüringische-Staats- regierung, wie der Vorsitzende des thüringischen Staatsministeriums wiederholt erklärt hat, jede Dera nt wortung übernommen.

Bevor cs zur der Besprechung vom 10. d. M. kam, hat die thüringische Regierung die Reichs- regierung wissen lassen, dah sie hinter der bekannten Erklärung des Ministers Frick, Herr S e v e r i n g könne lange warten, bis er eine Antwort auf fein Schreiben erhalten werde, nicht ge­standen habe und auch jetzt nicht stehe.

Oie E n(Teilung der Zuschüsse an Thüringen aufgehoben.

Berlin, 17.April. (MTB. Funkspruch.) Zu der Erklärung, die die thüringische Regierung dem Reichsminister des Innern Dr. D i r t h Hal zu­gehen lassen, erfahren wir noch, dah angesichts die­ser Sachlage der Reichsminister des Innern die bis­herige Einstellung der Zuschüsse für Po­lizeizwecke und sonstiger Mebetroei- sungen an Thüringen aufgehoben hat. Staatssekretär Zweigert wird nach Ostern die Besprechungen mit dem thüringischen Slaatsministe- dum aufnehmen.

eingesetzten ersten Daurate für den neuenPan- zerkreuzer. Das fei nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus politischen Gründen notwendig, damit sich die früheren heftigen Kämpfe um diesen Gegenstand nicht wiederholen.

Westfalen und Rheinland stimmen dem Antrag der preußischen Staatsregierung zu, Württemberg erklärt, es müsse sich der Stimme enthalten angesichts der Differenz zwi­schen der heutigen und der den Ausschüssen früher gegebenen Grllärung der Reichsregierung.

Der Antrag Preuhens auf Streichung der ersten Panzerkreuzerrate B wird hierauf in nament- licher Abstimmung mit Stimmengleichheit bei fünf Stimmenthaltungen abgelehnt. Der Reichs- rot bewilligt also die erste Rate

Für den Panzerkreuzer, also gegen den preußischen Antrag, stimmten Ostpreußen, Bran­denburg, Pommern. Sachsen, Schleswig-Holstein. Hannover, Hessen-Nassau, Rheinprovinz, Pro­vinz Sachsen, Bayern, Thüringen, Mecklenburg- Schwerin und Oldenburg. Enthalten haben sich Grenzmark Posen-Westpreußen, Oberschlesien, Württemberg, Bremen und Mecklenburg-Strelih.

Das Stimmverhältnis war 29 zu 29 Stimmen bei fünf Enthaltungen

Der W e fj r e t a t wird in der von den Aus­schüssen beantragten Form mit dem von Minister Groener beantragten Erhöhungen genehmigt.

Beim K r i e gslastenetat beantragen Rhein­

land und Bayern größere Mittel für die not* leidenden Grenzgebiete.

Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer er­klärt, er könne diesen Anträgen nicht zustimmen, könne aber zu dem bayerischen Antrag erklären, dah die Reichsregierung im Rahmen des Ost- Programms auch an den Röten der südöstlichen Grenze nicht Vorbeigehen werde.

Der bayerische Antrag auf Bewilligung be­sonderer Mittel für das südöstliche und nördliche Grenzgebiet wird mit 35 gegen 31 Stimmen ab­gelehnt.

Abgelehnt werden auch die übrigen Anträge auf Bewilligung besonderer Grenzhilfsfonds.

Nach Bewilligung dieses und aller weiteren Etats spricht Reichsfinanzminister Dr. M o l d e n h a u e r Dem Reichsrat und besonders dem Berichterstatter, Ministerialdirektor Dr. Brecht, den Dank der Reichsreglerung für die gute und schnelle Arbeit aus.

Die Ausschüsse hätten sich skeptisch über die Möglichkeit baldiger Steuersenkungen geäußert; die Reichsregierung wolle aber mit allen Kräf­ten an der Verwirklichung dieser Zusage arbei­ten. Sie werde nach Ostern den Entwurf eines Ausgabensenkungsgesehes vorlegen und bitte um die Unterstützung des Reichsrates für die schnelle Verabschiedung dieser Vorlage.

Im weiteren Verlaus seiner Sitzung genehmigte der Reichsrat das vom Reichstag beschlossene Gast­

stättengesetz, den deutsch-schweizerischen Rheinregulle» rungsvertrag, die weitere Ausdehnung des deutsch- englischen Auslieferungsvertrages und die deutsch­türkischen und deutsch-bulgarischen Konsularver- trage.

Mit einigen Aenderungen wurde dem Entwurf eines Einführungsgesetzes zum Allgemeinen Deut- schen Strafgesetzbuch und zum Strasvollzugsgesetz zugestimmt.

Sitzung des Reichskabinetts.

Berlin, 16.April. (MTB.) Unter Vorsitz des Reichskanzlers Dr. Brüning fand am heutigen Nachmittag in der Reichskanzlei die letzte ftabi- nettssihung vor der Osterpaufe statt. Das Reichskabinett beschäftigte sich neben der Er­ledigung laufender Angelegenheiten in erster Linie mit dem heute vom Reichsrat verabschiedeten Haus­haltsplan für das Iahr 1 93 0.

hinsichtlich der vom Reichsrat bertzilttgten einen Million Reichsmark für Kinderspeisung und der an Stelle anderer Ausgaben des Marineetas ein­gesetzten er st en Baurate für das Panzer­schiff B beschloß das Reichskabinett, die Reichs­ratsbeschlüsse dem Reichstage als Grund­lage seiner Beratungen zuzuleiten.

Kabinett und Panzerkreuzer.

Keine DoPPelvorlage.

Berlin, 17.April. (Eigene LNB.-Meldung.) In Erläuterung des halbamtlichen Berichts über die gestrige k a b i n e t t s s i h u n g erklären die Blät­ter, daß das Kabinett keine Doppelvorlage zu dem Beschluß des Reichsrats über die Einstellung der ersten Baurate für das Panzerschiff B ein­bringen wird.

DasB. T." sagt: Die Regierung hat also tat­sächlich gegenüber der Sonderpolitik des Reichswehr­ministeriums nachgegeben.

Aus dem Kabibekt wird allerdings, wie dieVoss. Ztg." berichtet, erklärt, daß die Regierung nicht bereit sei, die Frag^ des Panzerschif­fe s zu einer Kabinettsfrage zu machen, d.h. also ihren Rücktritt oder die Reichslagsauflösung für den Fall einer Ablehnung der Baurate für das Panzerschiff anzuordnen. Maßgebend für den Be- schluß des Kabinetts sei es gewesen, daß die volks­konservative Gruppe, also die Gruppe des Ministers für die besetzten Gebiete, Treoiranuv, beabsichtige, durch einen Initiativantrag im Reichs­tag ohnehin den Beginn des Panzerschifssbaus zu fordern, so daß die Frage in jedem Falle im Reichs­tag zur Debatte gekommen wäre.

In derD. A. Z." wird ausgeführt: Es ist in hohem Maße zu begrüßen, dah die Reichsregierung den erfreulichen Beschluß des Reichsrats in vollem Umfange übernommen hat. Nach dem negati­ven Ausgang der Londoner Flotten­konferenz ist es ein besonders begrüßenswertes Zeichen von Einsicht, wenn die verantwortlichen Faktoren sich unter Ueberwindung anfänglicher Be­denken für die sofortige Inangriffnahme des Neubaues entschließen. Die Sparsamkeit braucht deshalb nicht zu kur; kommen. Sie wi d in den nächsten Iahren ein so weites Feld sird-m, daß sie nicht ausgerechnet an der knappen R ü - stung des Reiches zu beginnen braucht.

polnischer Protest gegen die neuen Zollsätze.

Berlin, 16. April. (Eigene Meldung.) Wie wir erfahren, ist im Auswärtigen Amt eine Note eingegangen, in der die polnische Regierung Einspruch gegen die Zo l l erhöhungen erhebt, die der Reichstag in der vorigen Woche be­schlossen hat. In der Note wird u.a. behauptet, daß durch die neuen deutschen Zollerhöhungen die Grund­lage des vor kurzem unterzeichneten, aber noch nicht ratifizierten deutsch-polnischen Handels­abkommens verschoben und außerdem noch die letzten internationalen Vereinbarungen der Gen­fer Zollfriedenskonferenz verletzt mür­ben.

Demgegenüber wird in den Blättern fest gestellt, daß das Genfer Zollfriedensabkom- men ausdrücklich eine Klausel enthält, wonach die Bestimmungen des Abkommens beim Dorliegen

Türen nicht mehr auf: alle Heiligen und Ma­rien, die in Hauswinkeln und an den Wegen stehen, kamen, die Kirche flimmerte und fun­kelte von enzian-, glockenblumen- und vergiß­meinnichtblauen, von kirsch-, mohn» und geranien­roten Röcken 'und Mänteln, von silbernen und messingblanken Schnallen und Spangen, von Sträußen aus Jasmin oder Nelken, die man ihnen ans Kleid genestelt, auf die Sockel gelegt hatte. Sonne blitzte und spiegelte auf den vielen kreisrunden Heiligenscheinen. Bruckner, um­fangen von Schall und Spiel, vernahm nicht, daß unten Schritte schlürften und schlichen, Türen ruckten und schlurften. Nun aber kam niemand mehr: die seligen Männer und Frauen standen und horchten, es gab keinen Laut. Die Stille ihrer Andacht schwoll hinaus zur Empore und mischte sich in die große Gewalt.

Plötzlich Geräusch. Dem Nepomuk dem an­dern, von der Wallgrabenbrücke war der Schein heruntergefallen: ein kurzes Klirren, blechern auf den Fliesen verklappernd, zerschnitt die zarte Kantilene der Vox Humana. Bruckner schrak aus dem Spiel, trat an die Brüstung, staunte, erkannte aber sogleich die wohlvertrau­ten Heiligen, machte ein Kreuz, sank in die Knie. Da trat der Christophorus, der am Eck bei der Brauerei seinen Stand hat und scherzweise we­gen der massigen Gestalt und des breiten Rückens als der Heilige der Dräuknechte bezeichnet wurde, mit ein paar weiten Schritten beinahe unter die Empore und sprach hinauf:Anton, du hast uns so herrlich vorgespielt! Darum soll dir gewährt sein, was noch keinem Menschen beschieden war: du sollst an jeden von uns eine Bitte richten, und alle sollen dir erfüllt sein." Die heiligen Manner und Frauen stimmten zu: von dem Nicken wellte ein Blenden und Blinken der seit- gen Scheine durch die Kirche. Daraus breitete sich wiederum eine Stille: es war, als ob sie auf den grauen Fäden herabschwebte, welche die Sonne niederspann. Die Heiligen und Heiligin­nen blickten vor sich auf die Fliesen und schie- nen ein Ave oder Daterunser abzubeten: in Wahrheit aber waren sie begierig, was alle- » wünschen würde: hunderttau-

send Gulden: ein Haus mit 10 Stuben samt Blumen- und Kuchengarten; Kalesche» Fuchs und

Schimmel: eine Frau, fest wie die Kellnerin vom »Auge Gottes" und tugendhaft wie die Aebtissin Rechthildis von den äirsulinerinnen in Enns. Dah die Symphonien viel gespielt wer­den; daß er Organist würde am Stefansdom zu Wien. Der Bruckner aber blieb hinter der höl­zernen Brüstung auf den Knien liegen und sagte nichts. Schließlich ward dem heiligen Crispin vom Haus Nummer 66, wo der Schuh­machermeister Pankraz Resatsch wohnt, die Weile lang, und er rief empor:Mach zu, Anton, fang an, wir müssen heim!" Aber der Bruckner schwieg weiterhin. Da sagte der hei­lige Josef der von der Apotheke, er hatte einen weißen Vollbart und trug ein Jesuskind auf dem Arm mild und großväterlich:Willst du dir gar nichts wünschen, lieber Freund An­ton?"

Bruckner stand aus seinem Kniefall auf und hängte sein schmaleckiges Bauerngesicht, die ge­bogene Nase nach vorn, über die Brüstung: Ich dank schön, ihr lieben Heiligen, aber ich weih nix, ich brauch eh nix. Das heißt" er hob den Kopf ein wenig zurück und streckte den rechten Zeigefinger wie beim Schulunterricht steil empordie Musik soll mir halt bleiben, bis ich sterb, noch bei dec Sterbkerzen will ich kompo­nieren. Das ist alles."

Es rauschte und raunte und tuschelte unten im Kirchenraum, sie steckten die Köpfe zusammen, alle Heiligenscheine tauchten für einen Augen­blick ineinander, ein breites Stück Sonne schien in der Luft zu hängen. Dann lachte der Nepo­muk vom Bach:Wenn sonst nix ist": der Christophorus rief:Das kannst haben"; der Florian sprach enttäuscht:Geh' ma.

Rot, blau, grau schlürfte, schlüpfte, schlich es aus allen Türen, Seitentüren und Pförtlein. Aber die Madonna vom Markt wandte sich, schon halb in der Tür, um, hob das Kind dem Bruck­ner entgegen, dah es sich den Meister recht an­schaue. und sagte ihm ins Ohr:Den schau dir an: Das hier sind lauter gediente Heilige, der aber wirb einmal ein Heiliger!"

Dann war die Kirche leer. Bruckner stanb allein, beim Spielstuhl, hinter der Orgel und trocknete sich kopfschüttelnd den Schweiß mit sei­nem großen, rot und weiß gewürfelten Sacktuch.

Das liebste Buch.

Von Marie Henriette Steil.

Es ist nicht das grünseidene mit Gold, in dem der Ginster blüht und die Heide duftet.

Cs ist auch nicht die Dürerbibel, oder da» Evangelium des Buddha mit den köstlichen Stichen.

Es findet sich auch nicht bei den Prachtwerken und nicht bei den Seltenheiten.

Nicht in der Reihe der Widmungsbücher, die manche kostbare Handschrift gezeichnet hat, findet sich mein liebstes Buch.

Auch ist es nicht das schmalrückige, blahrote. das meinen Namen trägt, gewiß nicht.

äind nicht einmal das andere, von fast glei­chem Format, das dicht daneben steht und einen teuren Namen trägt, nicht einmal dieses ist mein liebstes Buch.

Es steht ganz unten im dunkelsten Winkel, Zwischen alten Schul- und Märchenbüchern. Ist ein fleckiges, zersetztes, billiges Märchenbuch mit häßlichem Einband und kitschigen Bildern

Warum ich dieses Buch am meisten liebe?

.Richt wegen der Märchen, nicht wegen der Kindheitserinnerungen!

Es ist ein Blatt in diesem Buch, an dem Reine, spitze Zähne genagt haben. Lind eine große Schmuhspur ist auf diesem Blatt, eine Hundepfote, ganz deutlich abgedrückt.

Es waren die Zähne und die Pfote eines klei­nen, sandfarbigen, längst verstorbenen Köters. Rur eines Köters, ohne Stammbaum und ohne Rasse.

Aber er war mein bester Freund.

Karfreitagklänge.

Es harst der Wind in den Weiden,

In Freude? nein, Trauer!

Er wehte um qualvolle Kreuzesleiden

--Nun klagt er in Wehmut:

Der Tag wird grauer.----

Hanna Krüger t t (