Zreitag, 17. Januar 1930
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen)
Nr. 14 Zweites Blatt
Ein schwarzer Sonntag vor 25 Zahlen.
Das Signal zur russischen Revolution von 1905.-Ein Augenzeuge berichtetvon dem schwarzen Sonntag in Petersburg. - Schaljapin als Revolutionär.
Don Wladimir Koropow.
Am 9. Ianuar alten Stils jährte sich zum 25. Male eins der solgenschwerstenEr» eignisse unseres Jahrhunderts, älrner JMu- arbeiter hat die furchtbaren Sttinden des schwarzen Sonntags in Petersburg selbst erlebt.
„Das Blutvergießen am 9. Januar hat endgültig die intellektuellen Krerse auf die Seite der Revolutionäre gebracht und klar und deutlich bewiesen, daß eine Verständigung der Intellektuellen mit den zaristischen Henkern und Bluthunden, die friedliche Arbeiter mit grauen und Kindern niedermeheln, nicht möglich ist.
So beurteilte ein Leitartikel der geheimen ocit* schrist der russischen Revolutionäre, die im Genf gedruckt wurde, die Rachwirkungen des berühmten „schwarzen Sonntags". Als ob es gestern gewesen wäre, lebt in mir noch heute die Erinnerung an die Vorgänge dieses welthistorischen Tages, die ich als junger Student aus nächster Rähe beobachten konnte.
Es gährte im Winter 1904/05 im ganzen Gebiet des mächtigen russischen Reiches. Die Regierung sah unter den Schlägen der japanischen Heere im Fernen Osten ihre Stellung erschüttert. Es wurde allerdings dafür gesorgt, dah äußerlich alles ruhig aussah. Die Petersburger Gesellschaft gab sich wie immer einem ungezügelten Lebensgenuß hin, die Zeitungen durften keine aufregenden Tatsachen veröffentlichen, und was man von der allgemeinen Lage wußte, das erzählte man sich von Mund zu Mund. Es war ein Tanz auf dem Vulkan. Man munkelte von unerhörter Korruption bei den Lieferungen an die russischen Heere, die im Osten kämpften und trotz ihrer älebermacht Riederlage auf Niederlage erlitten. Man munkelte, daß allwöchentlich ganze Züge von Halbweltdamen ins Hauptquartier befördert wurden. Der allmächtige Innenminister P l e w e war im Sommer 1904 von Mörderhand gefallen, aber die Einzelheiten dieses terrorist'.schen Aktes wurden on der Presse nicht bekanntgegeben. Run erwar.ete man neue terroristische Auftritte.
Einige Tage vor dem Sonntag, der später in der Weltgeschichte bleiben sollte, sprach man von einer geplanten Arbeiterdemonstra- t i o n , von deren Einzelheiten man allerdings nichts Bestimmtes erfahren konnte. Es hieß, dah ein Priester aus dem Arbeiterviertel, dessen Raine — G a p o n — man bei dieser Gelegenheit zum erstenmal erfuhr, die Arbeiter zum Zaren führen wolle, um ihnen die Möglichkeit zu geben, dem Z-ren selbst von allen Un* gerechtigl'eiten und Verfolgungen zu erzählen, denen sie in der.letzten Zeit seitens der Polizei ausgesetzt waren. Der Sonntag, an dem der Auszug geplant war, war ein wunderschöner Wintertag. Der Himmel war völlig klar, die Sonne schien hell und freundlich und beleuchtete den herrlichen Schnee, mit dem die Straßen und Plätze der majestätischen Rewa-Stadt dicht bedeckt waren. Wie gewöhnlich ging ich um drei Uhr nachmittags spazieren, ohne viel an die angekündigte Demonstration zu denken. Die Seitenstraßen, die zum Rewsky-Prospekt, der Hauptverkehrsader Petersburgs, führten, waren von Arbeitermassen überfüllt. Mit ernsten Gesichtern schritten ruhig und gemessen Arbeiterkolonnen in Begleitung von Frauen und Kindern. Die Arbeitermassen ergossen sich in den Rewsky-Prospekt, wo sie sich zum Hauptdemonstrationszug gesellten, der sich in der Richtung nach demWinterpalais bewegte. Auf dem Bürgersteig flanierten wie gewöhnlich die Sonntagsspaziergänger, Studenten, elegante Damen und höhere Beamte. Alles sah durchaus friedlich aus, zumal man auffallend wenig Polizi- st e n begegnete.
Als ich am Ende des Rewskhs die sogenannte Polizeibrücke über den Moikakanal erreichte, sah ich, daß die Menge plötzlich stockte. Die Brücke war von einer Abteilung der kaiserlichen Garde beseht. Weiter durfte man nicht gehen. Riemand wußte, was los sei. Man sah, wie einige Arbeiter mit dem kommandierenden Offizier der Gardeabteilung verhandelten. Plötzlich erklang ein Trompetensignal. „Hinlegen", schrie ganz unerwartet ein Mann, der in einiger Entsernrma v-r m'-- sta"d und warf sich aus den D den. Ganz automatisch folgte ich seinem Deiipiel. Im sel.e.. ^u,enb.iu erLnie e.n kurzer, knatternder Laut, dessen Ursvrung mir in diesem Augenblick nicht klar war. Das Knattern wiederholte sich in kurzen Abständen. Ieht erst kam mir zum Bewußtsein, was geschehen war. Mehrere Leute lagen regungslos auf dem Schnee. Die Soldaten hatten geschossen! Run stob die Menge wild auseinander. Ich lief in eine Rebengasse, die von w.ld aufgeregten Menschen voll war. Von allen Seiten tönten die knatternden Laute, von denen ich jetzt wußte, daß es Gewehrsalven waren.
„Auf dem Platz vor dem Winterpalais wird unaufhörlich geschossen", erzählte man in der Menge. Was eigentlich geschehen war und warum geschossen wurde, wußte kein Mensch. Ich versuchte, auf Umwegen den Platz vor dem Winterpalais zu erreichen. Als ich durch den angrenzenden Alexander-Garten ging, fiel etwas vom Baum. Es war die Leiche eines kaum sechsjährigen Knaben, den eine Kugel getroffen hatte. Cs war gefährlich, weiterzugehen. Menschenmassen fluteten zurück und rissen mich mit. Unaufhörlich ratterten die Salven aus allen Richtungen. Ich begab mich zu Bekannten, die eine Wohnung in der Nähe des Winterpalastes innehatten. Dort stand ich am Fenster und sah, wie Fuhren in schneller Fahrt vorbeirasten. Auf den Fuhren lagen erstarrte Leichen in blutbefleckten Kleidern, mit grauen Gesichtern.
Das unheimliche Knattern schien kein Ende zu | nehmen. Gegen Abend trat ich den Weg nach Hause an und nahm mir eine Droschke. Lleberall standen Wachtposten, die den Weg zum Winter- palais absperrten. An einer Straßenecke sah ich in einem eleganten Schlitten die Primadonna der kaiserlichen Oper Valentina Kusa sitzen. „Henker! Bluthunde! Wie wagt Ihr, auf unbewaffnetes Volk zu schießen", schrie sie einen Gardeofsizier an, der verbindlich lächelnd ihren empörten Worten zuhörte. Als ich zu Hause ankam, brannte das elektrische Licht nicht. Auch die Wasserleitung versagte. General st reik war inzwischen ausgebrochen. Am Abend unternahm ich einen Spaziergang durch die plötzlich verödete Stadt, die einem Heerlager glich. Man sah kaum noch Fußgänger, dafür waren alle Plätze von Soldaten beseht. Vor dem kaiserlichen Schauspielhaus war ein Lager mit Zelten, Wachtfeuern und Geschützen aufgeschlagen. Die Vorstellungen in allen Theatern waren abgesagt. In der Vorhalle des Schauspielhauses stand eine Menschenmenge und lauschte den Worten eines riesigen Mannes, der heftig gestikulierend seiner Empörung über die Vorgänge Ausdruck verlieh. Cs war kein anderer als Schaljapin, der große Sänger, der auf einer Gastspielreise nach Petersburg gekommen war.
Die Folgen des blutigen Sonntags blieben nicht aus. Der Generalstreik dauerte einige Tage. Zeitungen erschienen nicht und man wußte immer noch nicht, was eigentlich geschehen war. Die wildesten Gerüchte wurden verbreitet. Drei Tage später fand in der Holoper die Premiere von Wagners „Siegfried" statt. Cs war die Zeit einer allgemeinen Begeisterung für Wagner. Als die Brünhilde, Valentina Kufa, die so mu
tig den Offizieren am Schrcckenstag die Wahrheit gesagt hatte, sich von ihrem Lager erhob, brach im Zuschauerraum ein beispielloser Sturm des Beisalls aus. Offiziere wurden seitdem in allen Gesellschaften boykottiert: die Vertreter freier Berufe wollten ihnen nicht mehr die Hand reichen. Die Petersburger Universität schloß sich dem allgemeinen Streik an, und die Auditorien verwandelten sich zu Tribunalen. Ein Student im roten Hemd und wilder Miene präsidierte: er war der Führer des bolschewistischen Flügels der Sozialdemokraten, Kusmin Karawajew. Heute ist er katholischer Priester in Berlin und beschästigt sich mit russischen Emigrantenaffärenl Studentinnen gingen in den Korridoren der Petersburger Alma mater herum, Mützen in der Hand haltend und Geld für Bomben sammelnd!
Kaum einen Monat später wurde der Groß
fürst Sergej Alexandrowitsch in Moskau ermordet. Die Änruhen nahmen zu. Im Sommer brach der Auf st and auf dem Panzerkreuzer „Potemkin" aus. Die Revolution schien nicht mehr aufzuhalten. Ieht erfuhr man auf ilmtocgcn, durch die ausländische Presse, was am blutigen Sonntag geschehen war. Die Arbeiter wollten tatsächlich nur dem Zaren ihre Beschwerden überreichen, aber die Dummheit der zaristischen Regierung machte aus einer Demonstration, die zur Volkstümlichkeit des Zaren beitragen konnte, den Vorwand zum Ausbruch einer revolutionären Bewegung. Die älnruhen erreichten ihren Höhepunkt im Spätsommer, als die Herrengüter auf dem Lande in hellen Flammen standen. Endlich sah die Regierung ein, wie schwer sie für den schwarzen Sonntag büßen mußte.
Tumen, Sport und Spiel.
Jußball-Lokalkampf in Gießen
B f.B. — Spielvercinigung 1900.
Die Punktkämpfe der diesjährigen Saison gehen ihrem Ende zu. Infolge der annähernden Punktgleichheit der vier Spihenvereine sind die wenigen noch ausstehenden Spiele entscheidend für die endgültige Placierung. Als ein fußballsportliches Ereignis ersten Ranges für Gießen und Umgebung und als das Spiel der Saison kann das am kommenden Sonntag auf dem Waldsportplatz stattfindende, im ganzen Lahnkreis mit Spannung erwartete Verbandsspiel V. f. D. gegen die Spielvereinigung 1900 bezeichnet werden. Haben Lokaltreffen an und für sich schon eine besondere Bedeutung, da es bei ihnen gewissermaßen um die Vormachtstellung geht, so ist dies bei dem kommenden Spiel in erhöhtem Maße der Fall, da es hier nicht nur um das Prestige geht, sondern um die Erringung des ersten Platzes der Tabelle und damit der Meisterschaft, oder wenigstens des zweiten, die beide die Qualifikation für die nächsthöhere Spielklasse bedeuten. Der derzeitige Labellenstand ist folgender: 1. Ockershausen (13 Spiele, 8 gewonnen, 2 unentschieden, 3 verloren, 26:15 Tore, 18:8 P). 2. V. f. B. (11 Spiele, 8 gew., 1 unentsch., 2 verl., 23:12 T., 17:5 P.). 3. Spielvereinigung 1900 (11 Sp., 7 gew., 1 unentsch., 3 verl., 38:23 T.. 15:7 P.). 4. „Germania" Marburg (12 Sp., 7 gew., 1 unentsch., 4 verl., 36:20 T., 15:9 P.). Alle vier haben also noch Chancen, einen der begehrten Plätze zu erobern. Es gilt daher für jede Mannschaft, alles einzusehen für den Sieg, der aber keiner leicht zufallen wird. Gerade der Kampf am nächsten Sonntag wird ein sehr harter werden, da die Spielstärke der beiden Gegner, Spielvereinigung und D. f. D., in den letzten Iahren noch nie ausgeglichener gewesen sein dürfte, als jetzt. Dah beide Vereine ihre stärkstmöglichste Vertretung aufstellen, ist selbstverständlich. Bei der Abwägung der Siegesmöglichkeit für den einen oder anderen auf die früheren Lokaltresfen zurückzugehen, wäre verfehlt, da sich das Stärkeverhältnis inzwischen soweit zugunsten der Spielvereinler verschoben hat, daß man wohl von Ausgeglichenheit sprechen kann. Besonders ihr Sturm, das bisherige Schmerzenskind, ist durch Verstärkung durchschlagskräftiger geworden. Dies bezeugen die lehtenVerbands- spiele, in denen sehr gute Resultate erzielt wurden. V. f. B. hat gegen Ockershausen gezeigt, daß er auch zu kämpfen versteht. Allerdings wird die Besetzung, bedingt durch die Herausstellung des Halblinken, eine Aenderung erfahren, was jedoch kaum als eine Schwächung angesehen werden kann. Während man bei der Platzmannschaft vielleicht das etwas bessere Zuspiel als ein kleines Plus betrachten kann, muh man bei der Spielvereinigung mit ihrem ungewöhnlichen Kampfeseiser und Siegeswillen rechnen, mit dem sie sich bisher in den Lokalspielen ganz besonders auszeichnete. Das Können der beiden Kontrahenten ist so wenig verschieden, dah wahr
scheinlich der das Spiel für sich entscheiden wird, der die besseren Rerven hat. Der Kampf wird von dem Bezirks-Schiedsrichterobmann L o h r e y (Kassel) geleitet.
Das FeMergfest 1930 (D.T.)
— Das diesjährige Feldbergfest findet am 2 2. I u n i auf dem Gipfel des großen Feldberges statt. In einer Sitzung des Feldbcrg- festausschusses wurden folgende Hebungen für den Vierkampf festgelegt: Männer: 100-Meter- Lauf, Weitsprung, Kugelstoßen, Freiübung,- Turnerjugend: 100-Meter-Lauf, Kugelstoßen, Weitsprung, Freiübung: Frauen: 75- Meter-Lauf, Kugelstoßen, Hochsprung, Freiübung. Der Mannschaftskampf um das Völsungen- h o r n seht sich zusammen aus 100-Meter-Lauf, Hochsprung, Kugelstoßen beidarmig, Schleuderballwerfen und 4xl00-Meter-Staffel. Reu ist, daß die Ueberpunkte bei allen Hebungen gewertet werden. Dieser Beschluß wird in den Reihen der Wettkämpfer lebhaft begrüßt werden, gibt er doch jedem Turner Gelegenheit, sein wirklich bestes Können zu zeigen.
Schwimmen im Männer-Turn-Verein.
Am Mittwoch veranstaltete der Frankfurter Turnverein von 1860 einen Staffeltag, an dem auch die Schwimmabteilung des Männer-Turn- Dereins mit konkurrierte. An den Staffelwettbewerben nahmen teil: Turnverein Offenbach, Turnverein 1860 Frankfurt und Männer-Turnverein Gießen: der Homburger Schwimmclub sagte noch in letzter Minute ab.. Als Wettkämpfe wurden ausgetragen: 4x4 Bahnen Lagenstaffel, 4X4 Dahnen Freistilstaffel, 4x4 Bahnen Bruststaffel und 10X2 Bahnen Freistilstaffel. In der 4X4 Bahnen Lagen st affet wurden die Männerturner mit nur etwa 2 Meter hinter dem Kreismeister T.-V. Offenbach zweiter, es folgte, etwa weitere 5 Meter zurück, Turnverein 1860 Frankfurt. In der 4x4 Dahnen F r e i st i l st a f f e l konnte Mtv. Gießen mit nur Handschlag hinter dem Turnverein Offenbach ebenfalls den zweiten Platz belegen, an dritter Stelle folgte dann T.-D. 1860 Frankfurt. An der 4X4 Dahnen Brust staffel, in welcher die Gießener wohl die meisten Aussichten hatten, konnten diese infolge Verletzung der besten Kraft nicht teilnehmen. Auch in diesem Rennen konnten die ausgezeichneten Offenbacher überlegener Sieger vor den Frankfurter Turnern werden. In der 1 0 X 10* Bahnen-Frei st il staffel landeten die Gießener nur mit 4 Meter hinter Offenbach und Frankfurt, welch' beide sich ein totes Rennen lieferten, an zweiter Stelle. Rach Beendigung der Staffel-Wettkämpfe kam ein Wasserbail- Freundschaftsspiel zwischen dem Kreismeister, Turnverein 1860 Frankfurt, und dem Mtv. Gießen zum Austrag. Obwohl man eine hohe Riederlage der Gießener erwartet hatte, konnten diese den Gastgebern ein fast eben- bürdiges Spiel liefern und mußten sich mit nur
Ein leidenschastliches Leben.
3u Wilhelm Waiblingers 100. Todestage.
Von Max Sidow.
Am 17. Ianuar 1830 starb in Rom der deutsche Dichter Wilhelm Waiblinger an der Schwindsucht. Er starb fünfundzwanzig Iahre und zwei Monate alt, in dürftigen, doch nicht drückenden Verhältnissen, gepflegt von einem deutschen Studenten und einer liebenden Römerin. behandelt von den besten Aerzten, die es damals in der ewigen Stadt gab. An der Pyramide des Cestius, auf dem Friedhof der Fremden, den er kurz zuvor noch besungen hatte, wurde er drei Tage darauf begraben. Dort ruht er neben seinem englischen Bruder Shelley und neben August von Goethe. .
Widerspruchsvoll, unausgeglichen wie sein Charakter waren Waiblingers Leben und Dichten. Frühreif und nur allzufrüh sich seiner glänzenden Begabung bewußt, verbrannte sein leidenschaftlicher Geist an den eigenen Entflammungen. Mit vierzehn Iahren schon trieb es den Knaben allein auf eine Wanderung durch Schwaben nach Frankfurt und von da aus weiter den Rhein hinunter. Zum Beamten bestimmt und zwei Iahre lang als Hilfsschreiber bei einem Iuristen tätig, erzwang er sich die Erlaubnis zum Studium, absolvierte das Gymnasium zu Stuttgart und kam achtzehnjährig aufs Stift nach Tübingen, wo er sich mit Morike, Ludwig Dauer und anderen, wie schon früher mit Schwab, Haug und Matthisson, befreundete und in unermüdlicher Fürsorge den kranken Hölderlin betreute. 1826 verlieh er Tübingen, nachdem er unschuldig in den Skandal der Familie Michaelis verwickelt worden war, von dem dann jene widerliche Reihe von Verleumdungen und Klatschgeschichten ausging, die seinen Ruf und später sein Andenken beschmutzte.
Zweiundzwanzigjährig reiste Waiblinger, damals schon ein Dichter von Namen und Ansehen, Verfasser zweier Romane, zweier Dramen und einer Anzahl größerer und kleinerer Dichtungen, im Auftrag des Verlegers Cotta nach Italien, dessen nördlichen Teil er von früheren Reisen schon kannte. Rom wurde ihm zum bestimmenden Erlebnis, zum Schicksal. Von Cotta unter nichtigen Vorwänden im Stich gelassen, leb te er ein halbes Iahr unter schier unglaublichen Entbeh
rungen, dürftiger als der letzte römische Dettler. Gassenjungen verspotteten den in Hunger und Not Verwahrlosten, deutsche Maler zeichneten schmachvolle Karikaturen von ihm, versahen sie mit der höhnischen Unterschrift „Ecce poeta!“ und verkauften sie teuer an durchreisende Fremde. Endlich verschaffte ihm Graf Platen die Unterstützung eines unbekannten Gönners, und von nun an wandte sich sein Schicksal. Der Berliner Verleger Reimer gab ihm den Auftrag für ein „Taschenbuch' aus Italien" und brachte seine Gedichte und sein Drama „Anna Dolehn" heraus, Dresdener Freunde druckten seine Reisebriefe, aus Norddeutschland erfuhr er schmeichelhafte Ermunterungen, und schließlich warb auch Cotta wieder um ihn und bot ihm die Hand, „freilich die leere", wie Waiblinger in bitterer Ablehnung antwortete.
Ieht begannen für den Dichter zwei kurze Iahre des Glückes und der Arbeit, in denen er ganz Italien bereiste, immer in leidenschaftlicher Bewegung, immer in unruhigem Umhergetriebensein. Aber die Strapazen seiner vielen Fahrten, die Anstrengungen eines unregelmäßigen, unvernünftigen Lebens zermürbten den ohnehin geschwächten Körper. Von einer mühevollen Sizi- lienreise kehrte er Ende Oktober 1829 nach Rom zurück und erlag dort der monatelangen, qualvollen Krankheit, deren Keim er seit Iahren in sich trug.
Ein genialischer Mensch, aber kein Genie, em talentierter Dichter, aber ein ungleich begabterer Iournalist. ein Romantiker mit klajsizistischem Ehrgeiz, ein frühreifer Künstler, der nur wenig reife, dauernde Werke zeitigte, hat Waiblinger die meteorengleiche Flammenbahn seines kurzen Lebens erfüllt. „Schwab sagte sehr wahr und richtig, ich sei im vierzigsten Iahre schon em Greis", schrieb er einmal in sein Tagebuch. Ihm blieb dieses Schicksal erspart. Er erlosch zur rechten Zeit, als schon sein begrenztes valent am Versiegen war. Italien befeuerte ihn nicht es vernichtete ihn. Platens Wort: „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem -Lode schon anheimgegeben", galt in einem noch schmerzlicheren, verderblicheren Sinne für Waiblinger als für Platen selbst. Was ihm die Sehnsucht verschwenderisch gab, zerbrach ihm die Erfüllung. Doch noch im Tode überwand er ble ^agik fernes Lebens in dem Gedanken, auf römischem Boden • zu sterben.
Was von Waiblingers Schöpfungen, deren unwahrscheinlich große Zahl n'cht einmal vollständig in die neunbändige Ausgabe seiner „Gesammelten Werke" von 1839 überging, für uns noch lebendig blieb, hat nur geringes Gewicht: eine kleine Auswahl aus seinen italienischen Gedichten, Bruchstücke aus seinem Roman „Phaeton", eine Erzählung „Die Briten in Rom", ein paar Reifeschilderungen und nicht zu vergessen sein großer Aufsatz „Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn", dessen Menschlichkeit uns auch heute noch mehr bedeutet als eine nicht immer zuverlä'c^e Que'le literargeschichtlicher Forschung. Das alles ist nicht eben v.el, aber immerhin ge- tiug, um das Andenken wachzuhalten an dieses abenteuerliche, genialisch-leidenschaftliche Leben.
Oer Jupiter.
Von Professor Or. Küstermann.
Mit feinem Sinn und tiefem Verständnis gaben die Alten der Himmelsleuchte, die uns nun schon den ganzen Winter über mit hellem Glanz erfreut und uns auch in den folgenden Wintern freilich mit langsamer Verschiebung nach dem Frühling hin treu bleiben wird, den Namen ihres höchsten Gottes, also „Zeus" bei den Griechen und „Iupiter" be> den Römern. Nun ist freilich der Iupiter nicht der hellste Wandelstern. Die Venus übertrifft ihn an Glanz, und zwar nicht selten recht erheblich. Aber dafür ist der Iupiter oft die ganze Nacht sichtbar, was bei der Venus nie vorkommt-, sein Glanz ist im Gegensatz zu dem der Venus nur wenig veränderlich, und vor allem legt die Langsamkeit seiner Bewegung, die ihn fast genau ein Iahr zur Durchschreitung eines Sternbildes brauchen läßt, den Schluß auf große Entfernung nahe, und aus einer solchen macht natürlich der helle Glanz einen noch größeren Eindruck.
In der Tat, er ist ein Riese, dieser Iupiter. Seine Masse übertrifft die der Erde 314 mal, und außer dem Saturn, der aber auch noch nicht ein Drittel von ihr erreicht, hat kein anderer Wandelstern auch nur den fünfzehnten Teil seiner Masse. Ohne die Sonne wäre er der Mittelpunkt unseres Sonnensystems, wenn er freilich auch alsdann seine Begleiter nur zu viel langsameren Bahnen veranlassen könnte, als es jetzt die Sonne tut.
Auch beschriebe er seinerseits, durch die Anziehung des Saturn veranlaßt, eine recht erhebliche Iah- resbahn, während die Sonne sich zwar durch den Sternraum hindurchbewegt, im Verhältnis zu den sie umkreisenden Wandelsternen aber in fast völliger Ruhe verharrt.
Wir wollen uns also freuen, dah wir um die Sonne und nicht um den Iupiter umlaufen. Aber auch dieser ist ein Mittelpunkt, ähnlich etwa einer Großstadt, die zwar nicht Hauptstadt des Reiches, aber doch immerhin eines bedeutenden Teilgebietes ist. Neun Monde bewegen sich um den Iupiter, wovon schon vier mit kleineren Fernrohren sichtbar sind, während sich von den übrigen fünf Monden drei an der Grenze der unmittelbaren Sichtbarkeit bewegen und zwei bisher überhaupt nur im Lichtbild sichtbar sind. Betrachtet man den Riesenplaneten mit dem Fernrohr, so sind häufig nicht alle vier Monde sichtbar: denn oft steht der eine oder der andere vor oder hinter seiner Scheibe oder auch in seinem Schatten. Eine solche Mondfinsternis hat ein Unsichtbarwerden des Sternleins zur Folge. Sehr auffallend ist die starke Abplattung des Sterns. Sie ist freilich verständlich, wenn wir bedenken, dah er sich trotz seiner gewaltigen Gröhe in etwa 9 Stunden und 50 Minuten um seine Achse, dreht.
Die Iupiteroberfläche zeigt ein streifenartiges Aussehen. Da sich die Streifen langsam ändern, so ist anzunehmen, dah sie eine Art Lufthülle darstellen, durch deren Lücken wir an einigen Stellen die eigentliche Oberfläche des Weltkörpers sehen. Die langsame Veränderung der Streifen, die aber bei der gewaltigen Entfernung nur durch eine an und für sich schnelle Bewegung hervorgerufen sein kann, läßt auch darauf schließen, daß es mächtige Kräfte sein müssen, die sie hervorbringen. Die Sonnenstrahlen treffen den Iupiter bei der großen Entfernung nur sehr abgeschwächt. Es ist also wahrscheinlich, dah er noch nicht so stark abgekühlt ist wie die Erde, sondern auch an seiner Oberfläche, und nicht nur im Innern, noch Eigenwärme zeigt. Der Stern ist ein ziemlich lockeres Gefüge, denn trotzdem die Wirkung der Schwere dort ungefähr dreimal so groß ist wie auf der Erde, so beträgt doch seine Dichte nur etwa ein Viertel der Erddichte, er muh also aus an sich nur wenig dichten Massen bestehen.


