Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Nr. 294 Zweites Statt
Dienstag, 16. Dezember 1930
Deutsche Realpolitik.
Don * * *
Wir lassen den In Ur. 283 und 284 vom 3. und 4. Dezember veröffentlichten Aufsätzen „Gedanken zur europäischen Laa e" eine abschließende Betrachtung des gleichen Verfassers über die wesentlichen Richtlinien dcr deutschen Auhen- Politik folgen. Auch in diesen Darlegungen — wir betonen dies ausdrücklich — handelt es sich nicht um unsere Meinung ober Stellungnahme. Es handelt sich darum, alle denkenden Deutschen, insbesondere die deutsche Jugend, zu gründlichem Rachsinnen anzu- regen und sie zu veranlassen, leidenschaftslos Stellung zu nehmen zu Fragen, in denen sich die deutsche Zukunft nicht minder birgt als die europäische: was immer das'elbe ist. D. Red.
Der Reichstag hat die Debatte über die deutsche Außenpolitik aogelehnt. Für den Augenblick. Er hat sich damit, ebenso wie die Regierung, ein unschätzbares Verdienst erworben, ein Verdienst, dessen ganze Tragweite erst dann ermessen werden kann, wenn es den Deutschen z„r vollen Bewußtheit gekommen sein wird, in welcher ungeheuren Gefahr sich ibr Land am Ende des Jahres 1930 befunden hat. Es wäre falsch, an- zunehmen. daß alle Gefahr überhaupt gebannt ist. Sie ist nur, fürs erste, zurückgedrängt: und es ist zu hoffen, daß sie noch weiter zurückgedrängt werden kann, sofern sich in den kommenden Wochen die Gemüter beruhigen und die Vernunft über die Leidenschaft einen weiteren Sieg davon trägt.
Ich bin dcr Ansicht, auch die Rational- sozialisten sollten sich eher darüber freuen, daß die fürchterlich« Verantwortung, welche eine Annahme ihres Antrages ihnen aufgebürdet hätte, vorläufig von ihnen genommen ist. Denn es ist nicht er letztlich, welche „aktive" Außenpolitik sie betreiben sollten, die ihnen — angesichts der gesamten europäischen Lage — nicht infolge ihrer völligen Aussichtslosigkeit viele heute bestehenden idealen Sympathien ver'chcrzt hätte. Es ist außerhalb jeden Zweifels, daß die nationalsozialistische Jugend von einer brennenden Vaterlandsliebe beseelt und von einem hohen Willen, Deutschland aus seinen Fesseln zu befreien, getragen ist. Aber das sind doch nur Selbstverständlichleiten: Voraus'«Hungen, deren Fehlen bei jeder anständigen Jugend als jammervoll empfunden werden müßte! Wo ist denn dcr Deutsche, der sein Land nicht aus der Tiefe seines Herzens liebt, und ihm in Zeiten der schwerste., Rot nicht mit der ganzen Kraft seines Gefühles anhängt? A:er mit Gefühl allein wird doch keine praktische 'jtolitif gemacht! Ja, man tann behaupten, daß mit Gefühl fast immer schlechte, zum mindesten gefährliche Politik gemacht w ro! In ollem politischen Handeln hat die Klugheit das Primat. Klugheit aber ist: Berechnung des Möglichen, Ablehnung des Unmöglichen. Denn alles Unmögliche bürgt die Ge'ahr, eine schlechte Situation weiter zu ver'chlechiern, wenn nicht gar den Zusammen, ruch herbeizuführen. Alle Entscheidungen politischer Ratur, welche gefällt werden, but en nur den kältesten Erwägungen des realen Vorteils entspringen. Tun sie das nicht, so tragen sie fast den Slempel des Verbrechens. Und solche Entscheidungen pflegen sehr junge und heißblütige Mcn chen ebensowenig fällen zu können wie vcruissene Ideologen oder bequeme, verantwortungslose Philister: ganz ein er. ei, in welchem Lager sie sich befinden. Wir leben in einer Zeit — ich muß es einmal aussprechen — wo die einfache Tatsache, daß einer „jung" ist, überschätzt wird! Jungsein verpflichtet weit mehr, als es berechtigt. Ausgeglichenere Zeiten werden auch hier wieder ein ge'ündcres Gleichgewicht Herstellen. Es ist heute die Aufgabe gereifter Menschen, sich Der (als Stoff oft hervorragend guten) deutschen
Wunschzettel für Weihnachten.
Don Ernst Lissauer.
Alljährlich um die Zeit, wenn die ersten Fest- bäume in kleinen Weihnachts-Wäldchen auf den Plätzen und Bürgersteigen emporwuchsen, durfte ich als Knabe einen Wunschzettel schreiben. Ge- burtötag und Weihnachten lagen nahe beieinander unMo kam nur ein einziger zustande, in dem ich aber Geburtstag.- und Weihnaptswünsch« serg- fältig unterschied. Weil ich ohnehin wußte, daß ich nur einen Teil dec gewünschten Bücher und Spielsachen bekommen würde, so stellte ich. weit über die Möglichkeit hinaus, vielerlei zur Wahl doch unterließ ich nicht, die Heftigkeit, mit der das einzelne begehrt wurde, durch ein- bis vielfache Unterstreichung zu kennzeichnen. Und eigentlich war dies wünschende Schwe.fen in den Möglichkeiten die schönste unter den vorweihnachtlichen Freuden. Zinnsoldaten, Uniformen. Bücher, das war jahraus, jahrein Inhalt und Inbegriff der Wünsche, später wurden die Soldaten und Uniformen durch Roten ersetzt: di« Bücher blieben und sind geblieben. Heut aber fliegen sie. erwünschte und unerwünschte, das ganze Jahr lang, ^gein. tagaus, in die Stube. Doch noch immer stehen Bücher auf meinem Wunschzettel. Seltene?
in kein Sammler. Kostbare? Kein Biblio- pvUe- Vergriffene? Von Fall zu Fall. Und dennoch Bucher: nun wünsche ich mir Bücher, die es .nie und nirgend hat gegeben". Vielleicht schriebe Ky sie selbst gern; aber ein Leben ist kurz, und e$ mangelt an Zeit oder auch an Eignung und Kenntnis.
Alljährlich also wünsche ich mir livres imaginai- res; das sind beileibe nicht „eingebildete Bisher" wie jener „eingebildete Kranke", dec lebenslänglich an salscher Uebersetzung leidet, sondern Bücher deren Stoff und Jnhall ich selbst ersonnen habe. 1930 aIf° mCin Wunschzettel für Weihnachten
Zum ersten: „Die ewige Apokalypse" Ein monumentaler Band, großen Formats, mit vielen Bildnissen und Dlldtafeln ausgestattet. Das erste Kapitel hanvell von dec .Offenbarung Johannis", der „Apokalypse" schlechthin, von Ort und Zeit. Art und Bedeutung; das zweite von den apokalyptischen Vorstellungen früherer und späterer Zeiten: von den Gesich.en der Propheten Ezechiel und Daniel, von jenen apokalyptischen Büchern, die nicht in den Kanon der beiden Testa
Jugend liebend anzunehmen und sie in ruhigem Erwägen der Gegebenheiten und Möglichkeiten politisch zu erziehen. Die Partei und ihre Axiome mögen innenpolitische Routine geben: in der Außenpolitik kommt man mit keiner Parteidoktrin aus. Denn die Auhenpolill eines Landes wird bestimmt durch die Darriören, welche ihr die Außenpolitik anderer Länder entgegensetzen. Mit Ideologien aber hat noch kein Mensch, solange die Welt besteht, diese Barrieren beseitigen können. Manchmal mit Cewalt — mit Krieg: sofern der Krieg eine wirkliche Aussicht auf Sieg hatte. Endete er mit der Riederlage, so war Vernichtung oder Aufrichtung neuer Barrieren die unausbleibliche Folge. Wenn ein Land dieses weiß, so ist es das unsere.
Machen wir uns doch immer wieder dieses eine klar: so bitter und so qualvol. es auch für uns sei: D e u t s ch l a n d i st noch ineiner Zwangslage: und zwar in einer solchen. welche durch keinen Krieg nur im entferntesten beseitigt, sondern erheblich verschlimmert würde. In meinem Aufsatz „D.e Landkarte" (Gießener Anzeiger Rr. 284) ist in unwiderleglicher Weise bargetan, wohin eine militärische Aktion führen müßte. Cs erübrigt sich, diele Dinge noch einmal auseinanderzusetzen, geschweige denn das Phantom einer deutsch-italienisch-russisch-türkisch-grie- chisch-bulgarisch-ungarisch-österreichischen Allianz im Rebel der Phantasie aufsteigen z lassen. Das deutsche Interesse verlangt keine solchen Allian« zen, welche uns nur im Dienste anderer verpflichten und unser 2anb zum Schlachtfeld machen würden: das deutsche Interesse verlangt — für die kommenden Jahr: — eine Politik der unbedingten Geduld, der vorsichtigen, lautlosen diplomatischen Kulissenarbeit und der militärischen Reutralität. Deutschland muß ein Maß von innerer, nationaler Diszi - pliniertheit und Selbstbeherrscht- heit aufbringen, w i e nie zuvor: und eben dadurch seine wirkliche Kraft, ober sage man. fein „Heldentum" beweisen. Es muh seine Ziele so wenig wie möglich von der Tribüne herunter verkünden, es muh ihre Verwirklichung in aller Stille vorbereiten und
sein« Karten nicht vor aller Welt aufdecken Es muh gegen allzudeutliche Sympalhiebezeugun- gen mihlrauisch bleiben und nie vergessen, daß der Sperling in der Hand wichtiger ist. als die Taube auf dem Dach. Hat nicht eben erst in seiner Münchener Rede Dr. Schacht sehr richtig gesagt, dah ja der QJoungplan i n s i ch selbst die Handhabe zu seiner Abänderung birgt? Also wozu vorzeitig darauf bestehen, dah er falle? Automatisch wird sich unser Recht aus Modifizierung Geltung verschaffen. Man lasse doch den psychologischen Augenblick ganz von selbst kommen! Sodann: ist es klug, öffentlich Grenzregulierung zu verlangen? Sich durch eine solche Forderung mit allen anderen Staaten zu solidarisieren, welche das gleiche tun, und sich dadurch mit ihnen auf Verderb und Gedeih zu verbinden? Hat Deutschland ein Interesse an einem Einsturz des gesamten europäischen Gebäudes, wie es nun einmal ist — an einem Einstur,;, der von dem unerhörtesten aller Kriege begleitet sein müßte? Glaubt ein denkender Mensch, England werde gegen Frankreich stehen? Hält man Locarno für einen Fetzen Papier? Glaubt derselbe denkende Mensch, es liehe sich irgendeine diplomatische Revision (denn nur eine solche kann für Deutschland aus den oben bargelegtcn Gründen in Betracht kommen) anbcrs bewerkstelligen als im Einverständ- nis mit Frankreich? Drehe es sich nun um ben Anschluß oder um bie Ostgrenzcn ober um die Kolonien? Solange Frankreichs Macht so ungebrochen da steht wie heute, gibt es keine praktische deutsche Außenpolitik. die diesen Kardinalfaktor, dieses A und O der europäischen Lage, außer acht liehe! Das ist auch einem Manne wie Hitler klar: und er selbst wäre wohl der letzte, der — hätte er bas Steuer in bet Hanb — bie Verantwortung auf sich lübe, einen Krieg gegen Frankreich mit bem linken Rheinufer zu bezahlen. Wie man sich wend« und wie man sich drehe: alle Wege der deutschen Revisionspolitik gehen über Paris unb über die Verständigung mit Frankreich. Es ist ganz gleichgültig, ob man einen solchen Weg liebt oder nicht. Er ist ein Weg der unabänderlichen Rotwendigkeit unb muh als solcher begangen werden ...
Ein tönendes Lexikon wird redigiert
In der Lautabieilung der Berliner Staatsbibliothek.
Don Hans Biückner.
Auf dem Podium in bem kleinen Vortragssaal steht ein alter Mann mit langem Haar unb bunter Tracht, unb singt. Er hält eine abgenutzte Guitarre in dcr Hand, eine sogenannte Gusliha, unb begleitet damit seinen Gesang Die Gus.'itza ist ein uraltes Instrument aus dem Lande der schwarzen Berge, unb dcr Alte, der hier seinen Gesang vorträgt, ist auch von ben schwarzen Bergen hernicbergeftiegen unb singt uns jetzt die alten Volks- unb Heldenlieder seiner Heimat mit der ihm eigenen Begeisterung vor. Auch feine Tracht ist seltsam, buntfarbene Stickereien und wci.e Gewänder. Dec giuze Aufzug wirkt in der Rühe des großen schwarzen Flügels unb der modernen Umgebung anachronistisch unb theatra i,ch. Merkwürdigerwe sc zeigt der Alte fein markantes Gesicht nur ganz selten. Er ist dem Saal mit bem Rücken zugekehrt unb singt fortwährend unter Beibe)a'tung dieser Stellung. Das Publikum würde sich beleidigt fühlen, wenn es hier überhaupt ein Publikum gäbe.
Cs gibt aber nur einen Hörfaal mit leerstehenden Stühlen. Rur ein einziger Mann steht vor bem Allen, ber technische Leiter bieses Instituts, unb der alte Mann in seiner sonderbaren Tracht singt in einen Trichter hinein, ber in die Wand eingelassen ist. Ratürlich ist es ein Mikrophon. Alte montenegrinische Heldenlieder
würden an anderer Stelle kaum noch eine geduldige Hörerschaft finden, aber dieses Mikrophon verliert nie die Geduld, und auch der Mann der Technik, der es belauscht, bringt allem immer gleich großes Interesse entgegen. Der Alte hat nicht einmal eine gute Stimme, auch die Aussprache ist nicht besonders. Aber was er vorträgt, muß vor bem Vergehen bewahrt werden. Cs ist zwar nur aus dem Dolksschah eines kleinen unbedeutenden Volkes, aber hier an dieser Sammelstelle der Schätze aller Sprachen der Erde, sind diese verwelkten Kricgsiieder von großer Bedeutung. Was dieser Mann singt, kennen nur noch einige Hirten, Jäger ober Bauern bes kleinen Balkanlandcs, und wenn diese sterben, ist es ganz versunken. Ausgeschrieben ist es nirgends, unb. auch bas Land ber schwarzen Berge mobemifiert sich allmählich.
Es ist nicht der Aufnahmeraum einer. Schallplattenfabrik. Es würde auch gar nicht lohnen, diese alten Lieder mit der Begleitung der alten abgewetzten Gusliha im Vortrag einer nicht mehr klangvollen Männerstimme herzustellen. Aber hier werden ja die Stimmen nicht um des Verkaufes willen festgehalten, sondern für bie Wissenschaft, für bie Rachkommen, ja, für bie Ewigkeit. „Wie schön wäre es", sagt mir der Leiter dieses Aufnahmeraumes — es handelt sich um bie C a u t - abteilung der Staatsbibliothek in
mente eingegangen sind, wie „das Buch Henoch" unb „bie Apokalypse des Baruchbie dem Umkreis des Alten, wie bie „Offenbarung bcsPetrus" unb „ber Hirt des Hermasdie dem Grenzbereich des Reuen Testaments angehören.
Ein Kapitel schildert jene Epochen, in denen apokalyptische Stimmung herwebt unb bie bem ber Apokalypse innerlich verwandt sind: ein Zeitalter verdrühnt in ungeheuren Umwälzungen unb Kriegen, in Gefchichts- unb MenschhcitsbVen, unb das Zeitenbe wirb als Wellende gefühlt: so bas erste Jahrhunbcrt nach G^ri'to, das Jahrhundert vor ber Reformation, die ersten Jahre ber Reformation selbst; die Jahre um das Ende des Dreißigjährigen Krieges unb fch..eßlich unsere eigene Gegenwart.
Ein anderes Hauptstück erzählt von den vielfältigen Deutungen ber Offenbarung, bie vornehmlich in solchen Epochen entstanden doch vielfältig auch sonst, weit über Has neunzehnte Jahrhundert hinaus bis auf heutige Schriften, wie die des amerifani d)m Pfarrers Ruffel, welche die Apokalypse für die ganz: Geschichte bis auf unsere Zeit kurios auslegen, unb von benen viele Millionen Exemplare, auch in Europa, verbreitet sink».
Ein anderer Abschnitt stellt bar, wie bie Gesichte ber Offenbarung sich auf ben Blättern derGraphi- fer unb den Tafeln ber Malerei spiegeln unb bietet die bebeutenbften Stücke selbst. Da wäre die Rede von ber „Auferstehung" des Signorelli, von der gewaltigen Blut.erfolge Dürers, vom Jüngsten Gericht Michelangelos, von ben apokalyptischen Reitern Kaulbachs unb Döcklins unb ben apokalyptischen Visionen heutiger Künstler.
Ein anderes Hauptstück! Rachhall der Apokalypse in der Dichtung: ihre Einwirkung auf Dantcsche unb Mittonsctze Gesichte; die Erzählung des Franz Moor im letzten Akt der „Rnuber"; jener Traum in Morik.s Roman „Maler Rollen"; manche Gedichte des neunzehnten Jahrhunderts von Arndt, Rückert, Blomberg; eine Szene aus bem Roman „Die Taten des Herakles" von Felix Braun; oder jene kurze, starke Beschreibung, die Friedrich Raumann von Rubens »Sturz der Verdammten" geboten hat.
Zweitens: ein Tafelwerk „Schlußstein e". Schlußsteine heißen jene vielfältig geformten, vielfarbig bemalten Steine an ben Deckenwölbungen gotischer Dom«, in benen die von unten her aufwach senden Streben zusammen- treffen, unb die eben diesen Zusammenschluß bau
lich betonen unb schmuckhaft ausbrücken. Ein Essay über die Entwicklung bes Schlußstein begleitet bas anmutige Buch.
Zum Dritten: Kulturgeschichte der mittelalterlichen Bauhütte. Ausführliche Darstellung ber Sitten unb Bräuche, die bei den zunftmäßig geordneten Bauhütten, zumal in Deutschland und Frankreich, im Schwange waren: Satzungen; Wappen und Zeichen; bie Werkgeheimnisse und ihre Bewahrung; Verkehr von Hütte zu Hütte; ihr Gemeinsames unb ihre Unterschiebe, das Ende; der Zufammenhang mit der Freimaurerei. Dies Buch erzählt nicht kunst- geschichtlich von Art unb Wert der Leistungen, sondern von ben Bedingungen, unter benen sie zustanbe kamen.
Zum Vierten: Goethes Leben, tagte e i f e bärge st ellt. Ein Weimarer Goethe- forscher hatte diesen Plan gefaßt, muhte ihn aber auf geben. Das Leben GoecheZ ist uns so tief bis ins einzelne bekannt wie das Leben keines anbern Menschen: durch seine Tagebücher unb Briefe, durch bie Tagebücher, Berichte. Erinnerungen, Briefe von Menschen, die in seiner Umgebung lebten, von Gästen unb Besuchern. Vi'le Lücken selbstverständlich vorausgesetzt, vermag solch Buch tatsächlich Goethes Leben Tag für Tag und oft sogar Stunde für Stunde zu schildern. Der riesige Kalender eines unermeßlich fruchtbar angewandten, eines aufs Breiteste ausgedehnten unb aufs Dichteste gesammelten Daseins: ein ungeheures Dorbilb der Menschheit.
Ergebnisse der letzten Expedition Sven Hedins.
Die große Expedition Sven Hedins, die feit 37, Jahren in Kaniu und Chinestich-Turllstan tätig ist, hat auf den verschiedenen Forschungsstationen, die von dem großen schwedischen Gelehrten angelegt wurden, wichtige Ergebnisse gezeitigt, wie der geringer Berichterstatter des Manchester Guardian meldet. Die Expedition, die hauptsächlich aus schwedischen. deutschen und chinesischen Forschern zu- sammenge etzt ist. halte bei ihrem Abmarsch von Peking auch deutsche Flieger mitgenommen, um sonst unzugängliche Tei.e ber Wüsten von der Luft aus zu studieren. Aber die chinesische Regierung hat bis- her die Erlaubnis verweigert, das Flugzeug zu benutzen. Eine der ersten Aufgaben war bie Einrichtung von Stationen znr Sammlung meteorologischen
Berlin — „wenn wir zum Beispiel die VollS- unb Hclbengesänge. die zarten Minnelieber unb Weisen des Mittelalters im Vortrag ihrer Schöpfer oder mindcstcirs im ursprünglichen Dialekt so ausbewahrt hätten, wie wir cs jetzt mit der Dichtung dieses fremden Dolles tun."
Aber nicht nur die Dichtung selbst wird ausgenommen. sondern auch die Art und Weise des Vortrages, der Klang ihrer Melodie unb alle Schattierungen der fremden Zunge. Eins Menge von unbekannten Worten, die lein Lexikon aufweist, werden so au! bewahrt in ihrer ursprünglichen Frische erhalten. Und die Aufgabe dieser ßautabtetlung ist cs. dieses tönend« Lexikon zu redigieren unb dauernd zu erweitern.
Cs ist sicher nur ein Zufall, daß ich ben alten Montenegriner vor dem Mikrophon getroffen habe. Genau fo gut hätte cs auch ein Malaie, ein tibetanischer ötubenl, ein Südchinese oder ein Kurde sein können. Den Exoten, die in Berlin leben, wirb mehr als einmal Gelegenheit gegeben, ihre Stimm- unb Spracheigenarten für diese schallende Bibliothek herzugeoen. Einige machen cs aus Begeisterung für die Sache, andere gdgen ein Entgelt.
Man lammt so noch billiger dazu, als wenn man diese Leute in ihrer Heimat aussuchen müßte. .Dies ist aber dennoch dcr häufigere Fall. Im dunkelsten Afrika, in den Wüsten Asiens, in den Schluchten des Kaukasus und in den Kordvllieren, unter den Eskimos uhb Menschenfressern wirb mit größtem Eifer die lebende Stimme unb Sprache der Völker gesammelt. Alle Weiber von ben Bantu-Regem ober Greise von ben Papuas hocken vor bem seltsamen Apparat unb reben, fingen, schreien, klatschen, schnalzen, kichern und gurgeln in das kleine Mikrophon hinein unb übergeben so ihre seltsamen Mutterlaute der Wissenschaft unb der Ewigkeit.
In dcr Lautabteilung der Staatsbibliothek in Berlin sind bereit die Sprachen der meisten Völler der Erde in tausenden von kleinen Platten aufbewahrt. Cs ist eine der reichhaltigsten Lautbüchereien der Welt. Fast alle Regersprachen und Dialekte sind hier vertreten und auch die Verschiedenheiten der modernen Sprachen. Ein Engländer kgnn nur hier erfahren, daß di« englische Sprache zwanzig große Dialekte hat, denn die englischen ßautfammlungcn wissen sie selbst nicht so genau. Die Japaner und Chinesen können hier ihre eigene Sprache belauschen unb bie amerikanischen Reger die ihrer in Afrika gebliebenen Brüder. Die „Befer“ dieser Bibliothek sitzen nicht in einem großen Saal dicht nebeneinander, fonbem jeder für sich in einer kleinen Box. In jeder dieser Do^en steht ein Tisch mit einem Grammophon, auf dem man die ausgesuchte Platte spielen lassen kann. Es ist sehr interessant zu sehen, wie so ein Student ober Gelehrter vor seinem Grammophon sitzt unb sich Rotizen macht und. wenn er nicht ganz verstanden hat, „aurüdblättert", das hecht, die Membrane einige Drehungen zurück fetzt.
Die Abteilung ist nicht nur eine Sprachen- und Dialektsammlung, es ist auch die B i b l i o t h e t historischerStimmen. Reben unb Sprach- bokumen te. Reben dcr Stimme Kai'er Wilhelms II. sind hier auch Ebert. Hindenburg unb anbere Persönlichkeiten ber Politik, ber Wissenschaft unb ber Dichtung vertreten.
Aber nicht nur Menschenstimmen werden hier konserviert. Auch die Stimmen der Tiere sind unendlich lehrreich. Es ist keine le'ichte Arbeit für ben technischen Beiter in Menagerien, Zoologischen Gärten unb Zirkussen dafür zu sorgen, dah die Tierstimmen in ihrem ursprünglichen Charakter festgehalten werden. Die Arbeit erfordert viel Geduld und Hingabe. Man geht den wilden Tieren mit bem Mikrophon so nahe wie nur irgendmöglich unb lauschte ihre Sprache ab, das heißt bie verschiedenen Stimmen ihrer verschiedenen Stimmungen. Ein Elefant, ein Tiger, ein Affe oder ein Rilpferd geben ganz anbere Baute von sich, wenn sie hungrig sind, als toenn sie sich vollgefreffen haben. Cs gibt Freuden- ftimmen, Brunst st immen, Zomesftimmen und Stimmen des Wohlbehagens unb Spielens. Für
unb astronomischen Materials. Vier solcher Stationen. die einzigen in diesem riesigen Gebiet, haben nun seit mehr als 3 Jahren stündliche Beobachtungen aufgezeichnet. In Turfan am Rordwestrand des Tarim- oeckenS in einer Vertiefung von etwa 70 Meter unter dem Meeresspiegel macht Dr. Ricls Ambolt besonders interelsante Versuche über die Schwerkraft; er muh dabei 55 Stunden lang säst ununterbrochen beobachten und kann während dieser Zeit nur 5 Stunden der Ruhe pflegen. Hedin hat im vergangenen Jahre diese reich ausgerüsteten Stationen der chinesichen Regierung unter der Bedingung zum Geschenk gemacht, daß sie von chinesischen Gelehrten Welter znr Beobachtung benutzt werden. Aus den bereits gesammelten meteorologischen Tatsachen hofft man, aus dem Rordwcsten kommende Stürme Vorhersagen und damit den Chinesen einen großen praktischen Ruhen bringen zu tonnen. Mehr als 20000Werkzeuge der jüngeren Steinzeit sind von dem Archäologen Dr. Folke Bergmann gesammelt worden; er hat auj) alle Schriften aus der Zeit der ersten Han-Dynastie, also aus einem der beiden letzten vorchristlichen Jahrhunderte, gefunden, die auf Hvlzstäben ausgezeichnet find und die Feldzüge der älteren Han-Rai er gegen die eindringenden Hunnen schildern. Wichtige paläontologische Entdeckungen, darunter eine neue Art Dinosaurier unb versteinerte Insekten unb Fische, sind von Dr. Birger Bohlin gemacht worden. Biele Lücken in unserer beschräntten Kenntnis der physikaliichen Geographie des großen Tarim-Beckens werden durch die Arbeiten der beiden schwedischen Geologen Dr.Erik Rorm unb Atels Hoerner ausgefüllt, bie genaue Karten von dielen bisher noch kaum erforschten Gebieten aufgenommen Haden. Eine große Sammlung seltener Pflanzen ist von der boianiichen Abteilung angelegt worden, die in dem Gebiet von Tebbu in ber 2lähe der Grenze von Tibet arbeitet, unb eine ethnologische Gruppe hat in Rord-China unb der Mongolei die Kuliformen des Lamaismus studiert. Dr. Hedin hofli, drei schwedische Archäologen auch nach Russisch-Turkestan schicken zu können, wenn es die Sowjet-Regierung gestattet, und eine bo'anilche Expedition nach dem östlichen Himalaya. Er steht mit diesen weit entfernten Unternehmungen von seiner Basis in Peking aus in Beziehung, so gut daS möglich ist; aber wie schwierig bie Verständigung ist, zeigt bje Tatsache dah ein Te egramm an ihn von bem nächsten Vorposten fast 3 Wochen braucht. Die Gruppen in den entfernten Gegenben von Chinesisch- Turkestan sind nur von Kamelreitern nach Monaten anstrengender Reise durch die Wüste zu erreichen.


