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Dieschöne Unbekannte".

persönliche Erinnerungen an Rußlands Gchictsalsstunde. Wie das Zarenreich eineBerfassungerhielt. OieverhängnisvolleSchlitienfahrt.-- OasBegräbnis des Fürsten Trubehkoj. Oer ^Verein der Vereine".

Don Dr. Alexander Andreewsky.

Dor genau einem Dterteljahrhundert wurde dem russischen Volk die seit Jahr­zehnten begehrte Verfassung verliehen. Durch die das Zarenreich auch in staats­rechtlicher Beziehung in das europäische Staatensystem eingegliedert werden sollte.

Am 17. Oktober 1905 wurde die russische Ver­fassung verkündet. Dos russische Parlament, daS damals geschaffen wurde, ist bekanntlich von der Gowjetrcgierung 1917 aufgelöst worden. Seit einem Jahrhundert verlangten alle russischen in­tellektuellen Artige sehnsüchtig nach der parla­mentarischen RegierungSform Hur wenige wissen, daß dieser Wunsch bereits im Jahre 1881 beinahe in Erfüllung gegangen wäre. Zar Ale­xander II. der sich liberalen Reformen keines­wegs verschloß und im Iahre 1861 Aum Ent- fetzen der rufNschen Großgrundbesitzer die Leib­eigenschaft abgeschafft hatte, trug sich mit dem Gedanken, Rußland durch eine par­lamentarische Verfassung in die Reihe der euro­päischen Staaten zu rücken Gr betraute den damaligen Kanzler des russischen Reiches, Graf LoriS Melttow, mit der Ausarbeitung der ersten russischenKonstitution". Am 1. März 1881 sollte dieses wichtige Aktenstück unterschrieben werden, in der Absicht, es bald darauf zu ver­öffentlichen. Wie gewöhnlich, fuhr der Zar auch an jenem Morgen in feinem Schlitten durch die Ströhen der Rewastadt. Das Schicksal wollte eS, dah er nicht mehr lebendig zurückkehren sollte. Der Zar fiel an diesem Tag einem Bombenanschlag zum Opfer. Riemand kann heute sagen, tote die Geschichte AuhlandS sich weiter entwickelt hätte, wenn es bereits im Jahre 1881 in die Reihe der parlamentarischen Staaten Europas getreten wäre.

Seit jenem Tage hatte die russische Oefsent- lichkeit nur einen Wunsch: das Parlament. Zar Alexander III. unterdrückte in plumper Reak­tion alle Versuche, eine Verfassung zu erlangen. Bei jedem öffentlichen Bankett wurde seitdem ein feierlicher Toast aus dieschöne Unbe­kannte" getrunken. Der unweigerlich kon­trollierende Gendarm sragte dann, wer denn die schöne Unbekannte sei, aus deren Gesund­heit mit soviel Eifer und Fleiß getrunken wurde. Die Antwort lautete stets:Es ist eine schöne Ballettänzerin, die Freundin des Herrn, der den Trintspruch gemacht Hot." Wollte der Hüter der Ordnung auch noch den Romen der betreffenden Dame wifsen, fo pflegte man ihm au erklären, dah ein Gentleman den Ramen seiner Geliebten nicht verraten dürfe. Der Ver­treter der Polizetgewalt gab sich auch gewöhn­lich mit dieser stereotypen Erklärung zufrieden, obwohl er ganz genau wußte, dah unter der .schönen Unbekannten" die Verfassung gemeint war. Die Regierung des Zaren AlexanderIII. verlief im düsteren Schatten der Reaktion. An liberale Reformen, zumal an die Schaffung einer Volksvertretung, war gar nicht zu denken. Rach dem Tod Alexanders ll I. richteten sich die Blicke voller Hoffnung auf den jungen Zaren Rikolau - 11., von dem man große Zuge­ständnisse an die ösfentliche Meinung erwartete. Der Zar verschloß sich jedoch allen Reformen und erwiderte einer Delegation, die ihn um die Gewährung einer parlamentarischen Verfassung bat:Diese Wünsche sind hoffnungslose Träu­mereien."

Als im Iahre 1904 der russisch-japa­nische Krieg ausbrach, benutzte die liberale Presse die Riederlagcn der russischen Armeen im Fernen Osten, um in bestimmter Form eine parla­mentarische Volksvertretung zu fordern, die allein Rußland vor dem Chaos retten könnte. Ein Pro­fessor der Moskauer Universität, Fürst T r u * betzkoj, veröffentlichte einen flammenden Ar­tikel über dieses Thema. Einige Tage darauf starb er. Sein Begräbnis gestaltete sich zu einer ge­waltigen Kundgebung gegen die Regierung. Die öffentliche Meinung war über den sinnlosen Krieg und den Zusammenbruch der russischen Heeres- macht empört. 3m Herbst 1905 tagte in Peters­burg eine Organisation, die sichVerein der Vereine" nannte, und in der sich Vertreter aller freien Berufe Aerzte, Rechtsanwälte, Ingenieure und Künstler zusammengeschlossen hatten. Dieser Verein führte eine recht deutliche Sprache, und die Regierung des Zaren fürchtete mit Recht, daß er sich In eine konstituierende Ver­sammlung verwandeln könne. Ein Witzblatt ging soweit, eine Karikatur des Zaren zu bringen, der auf dem Bild einen nach Deutschland fahrenden Zug bestieg. Am aktivsten beteiligten sich die Studenten an den innerpolitischen Wirren. Im Frühling 1905 waren Studenten der Moskauer und Petersburger Universität In den Streik ge­treten, der solange dauern sollte, bis Rußland eine verfassungsmäßige Regierung erhalten habe. Täglich fanden in der Petersburger Universität an der ich damals studierte Versammlungen statt. Iungc Mädchen mit kurzen Haaren, was damals als äußerst revolutionär empfunden wurde, sammelten Geld für den Kampf gegen die autokratische Zarenreaierung, die sich immer noch abwartend verhielt. Einer der leidenschaftlichsten Redner war KuSmin Karawajew, ein Stu­dent mit langem Haar und fanatischen Augen In einem bleichen Gesicht. Heute steht der ehe­malige Revolutionär an der Spitze der Fürsorge für zaristische Emigranten in Berlin!

Ansang Oktober wurde der General streik erklärt. Plötzlich standen alle Betriebe still. Durch den Streik der Eisenbahnen war Peters­burg von der ganzen Welt abgeschnitten. Da die Zeitungen nicht erschienen, konnten die wider­sprechendsten Gerüchte in Umlauf gesetzt werden. Licht, Wasser, Straßenbahn alles versagte. Das hatte man noch wenige Tage vorher für unmöglich gehalten! Die Straßen lagen finster und oroheno, Scheinwerfer der RegierungStrup- pen, die die Stadt in ein Militärlager verwandelt hatten, suchten verborgene Revolutionäre auf. Am 17. Oktober morgens wurden an den Straßen­ecken und an den Säulen Plakate geklebt. Der Zar hatte dem Volk eine parlamentarische 03 e r f a ff u na gegeben. Es war die Großtat des Grasen Witte, der soeben den Friedens­schluß mit Iapan erwirkt hatte, und dem eS nun gelang, den Zaren trotz den heftigsten Wider­ständen der Hofkamarilla zu überreden, daS Manifest zu unterschreiben.

Am Abend des 17. Oktober wurde in der Hof­oper von Petersburg statt einer angekündigten russischen Oper wegen mehrfachen Erkrankungen des Personal- Richard WagnerSLohengrin" angejet)t. Wagner war damals große Mode in Rußland. Ich begab mich ins Opernhaus. Der Zuschauerraum war beinahe leer, während sich auf den Straßen ungeheure Menschenmassen be­wegten. Die beiden ersten Akte Der ausgezeich­

neten Ausführung der Hvagneroper verliefen ohne jede Störung. In der Pause vor dem dritten Akt brach plötzlich eine Menschenmenge in keineswegs opernmäßiger Kleidung in bai Opernhaus ein. Die Leute verlangten eine Absetzung der Vor­stellung ; sie waren empört, weil Polizei- und Regierungstruppen auf die Demonstranten, die den ersten rJ3erfaffung6tag feiern wollten, rück­sichtslos geschossen hatten. Die wenigen Zu­schauer wollten sich aber keineswegs in ihrem Kunstgenuß stören lassen und protestierten leb­haft gegen die Störung. Darauf entstand eine Prügelei im Zuschauerraum, und eine Stimme rief:Gleich wird eine Bombe explodieren!" Man kann sich vorstellen, daß dieser Zuruf eine Panik auslöste. Die wenigen Zuschauer hetzten zum Ausgang. Das Orchester lieh sich aber durch Die anaeolich drohende Gefahr nicht stören und spielte inzwischen die Einleitung zum dritten Akt. Der Doryang hob sich, und auf der Bühne er­schien das Brautpaar, Lohengrin und Glsa. Der in Dunkelheit gehüllte Zuschauerraum wurde plötzlich hell erleuchtet. Irgendjemand hatte näm­lich die Zarenhymne verlangt. Und nun erlebte man das sonderbarste Schauspiel: Die mittel­

alterlichen deutschen Ritter fangen statt des be­rühmten Brautchores die russische Zarerchymne. Er war eine unerwartete Demonstration, deren Eindruck gespenstisch wirkte. Gin alter Herr fang im Parkett mit meckernder Stimme mit. Die Hymne wurde dreimal wiederholt. Run wollte der Chor das Drautlied anstimmen: aber die Ruhe im Zufchauerraum war längst dahin, die Vorstellung lieh sich nicht retten. Im Dar kett erhob sich wieder das Gejohle. Die Ruhestörer wollten offenbar die Aufführung sprengen, was ihnen schließlich auch gelang. Der Vorhang wurde heruntergelassen, und es blieb den wenigen Obern» besuchern nichts anderes übrig, als nach Hause »u gehen.

So endete der erste Tag der russischen Ver­fassung. Den Unruhen in Petersburg folgten Unruhen im ganzen Land. Zwei Monate später brach in Moskau ein bewaffneter Aufstand aus, der beinahe mit dem Sieg der Revolutionäre geendet b-atte. Mit dem 17. Oktober 1905 begann reichlich verspätet eine neue Epoche des Zarenreiches, die erst mit der bolschewistischen Revolution ihr Ende gefunden hat.

Wünsche an die Reichsbahn.

Mangelhafte Durchführung eines guten Gedankens. Eine empfindliche Lücke im Fahrplan.

Die Reichsbahnverwaltung hat sich vor kurzem entschlosien, ihren Dienst am Kunden durch Ein­führung der Sonntagskartenbenutzung an bestimmten Werktagen zu verbessern. Allgemein wurde dieser Entschluß der Reichsbahn lebhaft begrüßt, leider zeigt sich aber schon jetzt, daß die maßgebenden Stellen der Bahn bei dieser Initiative auf halbem Wege stehen- ge blieb en sind. Zunächst wurde keiner­lei amtliche Ankündigung über den Zeitpunkt des Inkrafttretens dieser Vergünstigung und über deren räumliche Aus­dehnung veröffentlicht, so dah die breite Masse der Bevölkerung bislang in Unkenntnis über die Einzelheiten dieser Reueinrichtung blieb. Ferner wurde auch hinsichtlich der räumlichenAus- d e h n u n g dieses neuen Dienstes am Kunden nur eine unvollkommene Maßnahme ge­troffen.

Die Benutzung der verbilligten Sonntagsfahr­karten ist Im Bereiche der Reichsbahndirektion Frankfurt nämlich nur auf die Mitlwochnach- mlttage von 12 bis 24 Uhr beschränkt worden und erstreckt sich räumlich von Gießen aus nur auf den verkehr mit den Orten Wehlar, Braun­fels oder fiatjenfurtt), Bad-Rauheim, Lich und Marburg.

Für den Reiseverkehr an den Mittwoch Vor­mittagen ist man auf die Lösung einer Fahr­karte zum vollen Preis angewiesen, und Hinsicht» lich der Reichweite ist vor allem das Fehlen der Stadt Frankfurt a. M. und zahlreicher oberhesslscher Städte sehr zu bedauern. An­gesichts der mangelnden Bekanntgabe der neu­geschaffenen Einrichtung und angesichts ihrer räumlichen Unzulänglichkeit kann man schon heute mit fast absoluter Gewißheit behaupten, daß dieser Maßnahme der Reichsbahn kein dauernder Bestand vergönnt sein wird. Wenn diese Einrichtung zu einem wirklich popu­lären Derkehrsinstrument und zu einem starken AnreiA für die Reisenden werden soll, erscheint es dringend geboten, dem Publikum erheb­lich weiter als bisher entgegenzu­kommen. ES wird dabei vor allem erforderlich sein, dah die Reichsbahnverwaltung den Kreis der für diese Derkehrsvergünstigung zugelassenen

Orte ganz erheblich erweitert, die zeitliche Beschränkung an den Mittwochen, von 12 bis 24 Uhr aufhebt und dafür die Gültigkeit der ver­billigten Fahrkarten auf den ganzenTag aus­dehnt nach der jetzt geltenden Regelung haben sie nämlich auch für den RachmittagSausslugsver- kehr angesichts der früh heceinbrechenden Dämme­rung nur beschränkten Wert, sowie schließ­lich auf weitgehende Publizität zugunsten dieser Verbesserung bedacht ist. Die ursächliche Absicht der Reichsbahnverwaltung, mit Hilfe dieses neuen Dienstes am Kunden die FrequenzderBahn und damit auch die Einnahmen zu stei­ge r n, würde sicherlich bei einer möglichst weit- herzigen Handhabung des neuen Planes besser und umfassender zu erreichen sein, als mit den gegenwärtigen kleinen und beschränkten Mit- telchen. Wie die Dinge jetzt liegen, wird sich die Reichsbahnverwaltung wohl bald veranlaßt sehen, die nur auf jederzeitigen Widerruf eingeführte Maßnahme wieder aufzuheben, wobei man dann mit einer Geste des Bedacköms auf die mangelnde Inanspruchnahme durch das Publikum Hinweisen, dabei aber nicht zugeben wird, dah man selbst infolge mangelhafter Durchführung den an sich guten Gedanken schon von vornherein zum Scheitern verurteilt hat. Menn dieses bedauerliche Resultat vermieden wer­den soll, ist es nötig, ungesäumt mit mehr Großzügigkeit an die Erledigung dieser Aufgabe heranzugehen.

Im Fahrplan der Strecke Gießen Fulda und weiter nach Mitteldeutsch- l a n d ist in letzter Zeit wiederholt eine empfind­liche Lücke unangenehm vermerkt worden. Wer mit dem Pz 555 um 12.35 Uhr vost Gießen ab* fährt, um nach Leipzig und weiter nach S a ch - f e n zu reifen, muh die betrübliche Feststellung machen, dah der Giehener Zug um 15.17 Uhr in Fulda ankommt, der von Frankfurt nach Leipzig fahrende D243 aber eine Minute vor der An­kunft des Gießener ZugeS, nämlich um 15.16 Uhr von Fulda abfährt. Der hinter dem Leipziger 0'Zug fahrende Hamburger D 89, der im Winter­fahrplan nur in der Weihnachts- und Neujahrszeit und dann erst ab 1. April 1931 verkehrt, könnte wohl ohne Schwierigkeit zeitlich etwas näher an den D 43

JMeW-MWW

Roman von Hans Friedrich.

Urheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau t. Sa.

6. Fortsetzung. Nachdruck verboten

Darf ich Sie begleiten?"

Die nickte ihm mit Ihrem Dpitzbubenlächeln zu. Wenn Die Kavalier sein wollen und mir die Dtasfelel tragen, gern."

$>a«Jotolefo.

Die Malerin richtete sich auf.

Ich muh ein Stück weiter links. Von da sind die Konturen des GrieSkoselS noch massiger, und ich bekomme die Haimrach-Alm mit auf die Lein­wand."

Später komme ich nach", sagte Gutenberg phlegmatisch.Wir können dann in der Hütte eine Suppe essen und den Abstieg gemeinsam an treten.

Als Erdmute außer Sehweite war, griff er zu Papier und Füllhalter. Es drängte ihn, zu schrei­ben. Er wollte ursprünglich eine Disposition zu einer Szene seines ihm in blassen, verschwom­menen Farben vorgaukelnden Gebirgsromans aufstellen. Aber dann wurde es ein Brief.

Er schrieb:

Liebe Trudel

Zehn Tage bin ich nun fort von Dir, und ich habe das Gebot des Schweigens gehalten. Aber nun mache ich nicht mehr mit. Ich muh Dir, mein Liebling, wenigstens einen Gruß schicken. Wirklich, es ist schon schlimm genug, dah wir uns nicht sehen dürfen. Sollen wir uns auch noch durch das törichte Schweige­gebot quälen?

Bisher geht es mir gut. Es reift etwas In mir. Das Hochgebirgsmilieu wirkt befruchtend auf meine Phantasie. Allerdings mit dem per- sönlichen Erleben ist eS nicht weit her. Ich muh mich auf meine Gucker verlassen, wie der Iäaer sagt. Auch eine Partnerin habe ich ge­funden, ein liebes, scheues Mädel: Die Dres- dener Malerin Grdmute Hansen. Wir sprechen viel von Dir. Und mein Glück wäre komplett, wenn Du mit hier sein könntest.

Du, hier weht HöhenlustI

Ich vergesse das Gehämmer und den Geruch unserer fleißigen Stadt. Hier verwächst man mit der Ratur. Und ich merke: Dieses Milieu liegt mir. Ich habe einige Raturschilderungen in meinem Skizzenbuch, die ich als gelungen betrachten bars.

Und trotz allem nagt die Sehnsucht. Ich mödjte heim zu Dir! Du arme- Kind würdest gewiß auch gern mal auSspannen. Aber warte: Wenn mir das große Werk gelingt, fahren wir

gemeinsam noch ein Stück in den Sommer. Das soll eine späte Hochzeitsreise werden. Gelt, Schah?

Sei herzinnigst gegrüßt und schreibe wieder Deinem Heinz."

Als er da« geschrieben hatte, wurde e« ihm leichter ums Herz.

Hol der Teufel alle Vereinbarungen! Wenn man an ein Weib gewachsen Ist, soll man nicht als Asket in die Einsamkeit gehen..."

Erdmute war mitten in der Arbeit, als sie hinter sich Schritte hörte. In der Meinung, daß eS Gutenberg sei, sagte sie laut ohne den Kopf zu wenden:Run, haben Sie sich von der Sonne schmoren lassen?"

Ieht war das schwere Atmen dicht hinter ihr, und eine fremde Stimme antwortete:Aber ge­hörig, mein Fräulein."

Erschrocken wandte sich die Malerin um.

Grüß Gott!" sagte der junge Braungebrannte und zeigte im Lachen einen Mund voll blitzender Zähne. Deine nackten Knie waren sehnig und stark. Dein kantiger Charakterkopf prägte sich den Augen der Malerin sofort ein.

Erft nach einigen Sekunden brachte sie eine Entschuldigung heraus.

Ich glaubte, eS wäre ein Bekannter von mir."

Meinen Sie den Herrn mit der blauen Iacke, der drüben in der Mulde liegt und dem lieben Gott In den Himmel guckt?"

Erdmute muhte lachen.

3a, der Gottsucher ..."

Ieht trat der stämmige Bursche, den die Malerin für einen EinhÄmischen hielt, näher an die Staffelei heran.

Alle Achtung, daS ist gekonnt!" sagte er an­erkennend und in reinstem Hochdeutsch.

Erdmute wurde irre. Wer konnte daS fein? Unter den Sommerfrischlern und Touristen von Sölden hatte sie ihn noch nicht gesehen.

Da stellte er sich vor, nannte seinen Ramen:

Ludwig Schwaihoser aus München." Und seine Augen blitzten, als er hinzufügte:Mir gehört die Iagd auf der anderen Seite, drüben am Brunnenkogel." Gr verfiel mitten in seiner Rede In Dialekt, wie immer, wenn ihn etwas stark bewegte oder interessierte.Und wann S' amal a Motiv suchen, wie S' no net g'schaut hoam, kommen S' aufsi an mel Jagdhütten rechts vom Falkner."

Erdmute lächelte verbindlich.

Sehr liebenswürdig, Herr Schwaihofer. Viel­leicht mache ich schon sehr bald Gebrauch von Ihrem Angebot."

Der Münchner bat um die Erlaubnis, ihr ein wenig zusehen zu dürfen. Die nickte gewährend. Gleich Darauf kam auch Gutenberg herüber. Die Herren machten sich miteinander bekannt. Dann lag einer rechts, der andere links von der

Feldstafselei und beobachtete den Fleiß der Ma­lerin. Und zuweilen ging auch' ein flinker, ab- schätzender Blick von einem zum andern.

Run habe ich schon zwei Freunde!" dachte Erdmute, innerlich belustigt, ohne auch nur mit dem winzigsten Gedanken zu ahnen, was aus dieser unscheinbaren Rivalität entstehen könnte.

7.

AuS Wien wurde nichts. Gertrud hatte sich in der Rächt alle« bedacht. Als sie am anderen Morgen mit Strobl am Bahnhof zusammentraf, legte sie ihm ihre Bitte vor.

Weißt du, Franz, in Wien ist es jetzt zu warm. Mir wäre cs lieber, wenn wir gleich nach Innsbruck fahren könnten."

Der Geiger kniff das linke Auge ein.

Trude, ich tue dir den Gefallen. Aber bitte keine Ausflüchte! Wien kommt dir nicht wegen der Sommerhitze ungelegen, sondern das ist dir zu weit weg von den Bergen, gelt?

Die hielt seinem Blick stand.

Und wenn es so wäre?" trumpfte sie un­geduldig auf.

Aber Mädi warum gleich so hart, be­schwichtigte er, halb erschrocken, halb belustigt.

Während der Fahrt kam die von Strobl an­geschnittene Vermutung wie das Leitmotiv einer Oper immer wieder in den stillen Betrachtungen Gertruds zum Durchbruch. Ratürlich war ihr Wien viel zu fern. Ihre Sehnsucht galt den Bergen. Dort wußte sie Heinz. Irgendwo in einem stillen Alpendorf lebte er, verwoben mit seiner Umgebung und ihren Bewohnern. Viel­leicht schon eingesponnen in ihre Schicksale ... Das Bewußtsein, ihm räumlich näher zu fein, war so unendlich tröstlich!

Aus der langen Fahrt war Franz Strobl der denkbar fürsorglichste Begleiter. Er brachte Ger­trud Erfrischungen, sorgte für kurzweilige Unter­haltung, kaufte die neuesten Magazine, immer bemüht, seiner neuen Partnerin die Reise fo angenehm wie möglich zu machen. Rachdem sie in München umgeftlegen waren und im Mitten­wald-Innsbrucker Schnellzug saßen, wurde Ger­trud ein wenig nervös.

Sag mal, Franz, sprachst du nicht davon, daß Herr und Frau Dr. Berger in Garmisch-Parten­kirchen Aufenthalt genommen haben?"

Strobl, der ihr am Fensterplatz gegenüber» saß, nickte.

Allerdings. Aber jetzt sind sie schon wieder fort. Ich glaube, die Herrschaften wollten nach Marienbad."

Das war gelogen. Dr. Berger dachte nicht so bald an einen Wechsel seines Ferienaufenthaltes. Davon war überhaupt nicht die Rede gewesen.

Frau Trude« Blick umflorte sich. Und mit einem unterdrückten Seufzer lehnte sie sich in die Polster des Abteil« zurück.

Wa« hast denn, Mädi? Is viel warm, gell?" suchte Strobl zu beschwichtigen.

Sie schloß die Augen und blieb die Antwort schuldig.

Er deutete Jie sich auch ungesprochen richtig: Am liebsten hätte Trude in Garmisch für einige Stunden die Fahrt unterbrochen, um durch Dr. Berger Räheres über ihren Gatten au erfahren!

Mit listig verkniffenen Augen lächelte der Wiener in fich hinein. Oho, das konnte ihm noch fehlen! Da wäre aus der Konzertreise nichts ge­worden ... So weit kannte er seine Partnerin schon: Sie hing an Heinz und hätte am liebsten den ersten besten Zug benützt, um zu ihm zu eilen. Es war ohnedies ein Risiko, mit ihr in Innsbruck zu gastieren.

3a, mit Der Liebe hatte es seine Bewandtnis: Wenn sie übermächtig wurde, schwang sie sich über das ganze Bollwerk von guten Vorsätzen und Prinzipien und folgte blind dem Drange gottgewollten Gesetzes.

* *

Seit Erdmutes Flucht war der Unfrieden in Villa Hansen eingezogen. Zwischen Frau 3rma und ihrem Gatten wurde kaum noch ein Wort ge­wechselt. Das Frühstück verlief meist in Schweig­samkeit. Peter Hansen litt im Anfang unter diesem unerquicklichen Zustand. Verschiedentlich versuchte er einzulenken, doch noch jedesmal stieß er auf Widerstand. Irma stellte immer dieselbe Be­dingung:Ruf das Mädel zurück!"

Dagegen bäumte sich sein Stolz auf. Und seine Vernunft. Er liebte Erdmute, fein einzige« Kind, über alles. Und nur um einer reinen Macht- und Prestigefrage willen ihren Weg zu stören nein, dazu gab er sich nicht her.

Der erste Kartengruß Mutes kam aus Gar­misch. Und heute traf mit der Frühpost da« zweite Lebenszeichen des Mädels ein: Eine selbst- gezeichnete Federjtizze mit der Ansicht von Söl­den. Das kleine Kunstwerk lag neben der Kaffee­tasse des Hausherrn.

Rach dein ersten Gruß war wieder Stille. Frau Irma bediente ihren Gatten schweigend und selbst ein Honigbrötchen. Peter Hansen las erst das Kärtchen, ehe er einen Bissen anrührte. Dabei hellten sich seine welken Züge merklich auf. Es war, als ob plötzlich breit flutende Sonne in das beschattete Zimmer fiele.

3rma merkte es und ärgerte sich. Sie sah in ihrem duftigen, kurzen Morgenkleid, schon sauber frisiert, gepudert und bemalt, sehr vorteil­haft aus. Rur die scharfe, mißmutige Falte zwischen den nachgezogenen Brauen störte die Harmonie ihres Gesichtes.

Und wie das fo geht: Frauenärger läßt sich meist nicht zurückdämmen, er hat Explosivkraft. Als Hansen nicht zur Tasse griff, sondern immer wieder eingehend jede Linie der Skizze betrachtete besonders die zarten Konturen des Röder- kogels gefielen ihm ausnehmend zischte Irma: So leg doch endlich mal das Gekritzel weg. Der Kaffee wird kalt." (Fortsetzung folgt.)