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Nr. 242 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 16. Oktober 1950

Unrast in Südamerika.

DieRevolutionS-Epidemie in den lateinamenkanischen^epubliken.-Washington in Gorge. - Auflehnung gegen Diktatur, die Macht des auswärtigen Kapitals und den U. ^.-Imperialismus.

Don unserem QI. ®. A.-Derichterstatter.

Nachdruck. auch mit Quellenangabe, bcrbokm.

Der Bericht unseres Korrespondenten wurde vor dein Qlusbruch der Revolution in B r a s l l i e n geschrieben.

Washington, Oktober 1930.

Die zur Zeit über Lateinamerika hin­wollende Woge politischer Unrast macht der Regierung der bereinigten Staaten ernste Sor­gen. Washington hat allen Grund, besorgt zu fein. Seit dem Kriege ist Lateinamerika e i n sehr schätzenswerter Kunde der nord- amerikanischen Handelswelt geworden, und es käme Onkel Sam gerade jetzt, wo in den inter­nationalen Geschästsbeziehungen eine Ebbe herrscht wie seit Jahren nicht, ganz besonders ungelegen, wenn die Epidemie von Revolutionen im Süden die ohnehin schlechte Lage aus längere Zeit hitzans noch verschlimmern sollte. Nach der soeben verössentlichten Statistik des Washing­toner Handelsamtes haben die Bereinigten Staa­ten im 3ull des laufenden Jahres an Südame­rika um rund 22 Dollarmillionen weniger Waren verkauft als im gleichen Monat des BorjahreS (27 612 239 Dollar gegen 49 250 579 Dollar) und um rund 16 Dollarmillionen we­niger Einfuhrgüter von dort bezogen (30 247 679 Dollar gegen 46 630 246 Dollar). Die Gesamtaussuhr der Bereinigten Staaten im Juli 1930 blieb um rund 136 000 000 Dollar hinter der des Bergleichsmonats vorigen Jahres zurück, die Einfuhr um rund 133 000X)00 Dollar.

Dazu kommt und Washington ist sich dar­über durchaus klar, das; zwischen den politi­schen Störungen in den lateinamerikanischen Län­dern und der Wirtschastspolitik der Hoover- schen Regierung ein gewisser Zusammen­hang besteht. Sie sind vornehmlich eine Folge der weltweiten Wirtschastsdepression, und nie­mand wird in Qlbrede stellen wollen, daß diese namentlich in QIrgentinien durch das neue Zoll­gesetz der Bereinigten Staaten verschärft worden ist. Washington hat den wichtigsten Aus- suhrerzeugnisscn jener Republik, die bisher der Bereinigten Staaten bester Kunde in Südame­rika war, faktisch die Tür verriegelt. Die Kaufkraft und Aufnahmefähigkeit Europas reicht heute nicht aus, den argentinischen Produkten einen Markt zu schassen, somit sah sich Argen­tinien zu einer erheblichen Einschränkung seiner Einfuhr aus der großen Union im Rorden gezwungen.

In gleicher Weise sind unter dem Regime Hoover die Zollmauern gegen den kuba­nischen Zuckerexport erhöht worden. And Kuba war der Bereinigten Staaten bester Kunde unter allen lateinamerikanischen Ländern. Die wirtschaftliche Depression auf Kuba ist seit geraumer Zeit im akuten Stadium, und schon feit langem hört man das gewöhnlich in diesen Ländern einer Auflehnung gegen die Regierung vorangehende unterirdische Grollen politischer Unzufriedenheit. Hier hätte angesichts der tief­gehenden und weitreichenden finanziellen Inter­essen des nordamerikanischen Kapitals ein Um­sturz weit bedenklichere Folgen für Wall Street und Washington, als ihn die Revolutionen in Argentinien, Bolivien und Peru gehabt haben. Die Umwälzung in Argentinien, das seit langen Jahren als die stabilste und fortschrittlichste aller lateinamerikanischen Republiken angesehen wurde, zeigt, daß die Wurzeln der Unrast weit tiefer gehen, als man in den Bereinigten Staaten anzunehmen gewillt war. Die sich meh­renden Beweise des Mangels an Stabilität ge­ben somit Washington allen Grund zu ernster Besorgnis. _________________

Man darf diese Woge der Unrast nicht einfach als ein Reuauswallen jener fraktionellen Zwistig­keiten ansehen, die seit einem Halbjahrhundert die wirtschaftliche und politifche Entwicklung der meisten Republiken südlich des Rio Grande charakterisiert haben. Sie ist vielmehr eine Auf­lehnung gegen die Regierung durch einzelne Machthaber -r- Diktatoren, wenn man so will, - gegen d i e Herrschaft des ausländi­schen Kapitals und gegen den nord- amerikanischen Imperialismus. Seit jeher und in aller Welt entwuchsen Revolutio­nen fast ausnahmslos einer Verkettung wirt­schaftlicher Verhältnisse, die den Völkern uner­träglich geworden waren, und in Mittel- und Südamerika, aus Kuba, Haiti und San Do­mingo liegen die Wurzeln der Unrast ebenso in wirtschaftlichem Boden wie in dem der Politik In Argentinien waren wirtschaftliche Gründe entschieden ausschlaggebend. Da der jetzt zu­rückgetretene und inS Cril geschickte Präsident Irigoyen mit seiner radikalen Regierung daS Gros des Volkes jahrelang hinter sich hatte, darf fein plötzlicher Sturz als eine Warnung angesehen werden, daß das Volk eine Diktatur auf die Dauer nicht dulden will, eine Warnung, die auch IrigoyenS Nachfolger zu beachten gut daran tun werden.

Argentiniens Groll gegen die Vereinigten Staaten beruht in erster Linie auf dem Schutz­zoll, mit dem man in den USA. Getreide, Wolle, Fleisch und andere Erzeugnisse der süd­lichen Schwesterrepublik belegt hat, namentlich aber auf dem Zoll auf Mais, dem wich­tigsten Ausfuhrerzeugnis im Handelsverkehr mit dem Rorden. Argentinien gab feinem Unmut schon damals deutlichen Ausdruck, als sein Bot­schafter Pueyrredon in Washington sich ab­schiedslos aus der in Habana tagenden pan­amerikanischen Konferenz entfernte. Seitdem war Argentinien in der nordamerikanischen Bundes­hauptstadt lediglich durch einen Geschäftsträger vertreten!

Bor Anbruch des 20. Jahrhunderts hatte die übrige Welt die lateinamerikanischen Republiken so gut oder schlecht es ging, mit sich allein fer­tig werden lassen. Abgesehen von den Im äußer­sten Süden gelegenen Ländern war die Ein­wanderung kaum beachtenswert, auswärtiges Kapital floß ihnen in verhältnismäßig gerin­gem Umfang aus England und Deutschland, in noch geringerem aus Frankreich zu. Als die Bereinigten Staaten als Weltmacht aus dem spanisch-amerikanischen Kriege hervorgegan­gen waren, und als dann der Weltkrieg das Finanzzentrum der Welt von London nach Neu- York verlegt hatte und dem amerikanischen Ge­schäft die südamerikanischen Märkte Englands und Deutschlands in den Schoß gefallen waren, wandten sich die Machthaber der Republiken auf der südlichen Halbkugel um die zur Durch­führung der Programme für die Entwicklung ihrer Länder nötigen Anleihen an Wall Street.

Innerhalb eines knappen Jahrzehnts war Wall Street der Bankier Latein­amerikas geworden. Er war sich seines Risi­kos bewußt und setzte wie männiglich bekannt entsprechende Provisionen und Zinsen fest. Es wird ost behauptet und vielleicht nicht so ganz mit Unrecht daß dieGeschäfts- beziehungen" zwischen einer kapitalisti'chen Groß­macht und einer kleinen Schuldnernation nich s anderes seien als verschleierte Ausoeutung. Dieser Ueberzeugung sind in La'.einamerika nicht nur die Demagogen, dieCaudillos" oder pro- | fessionellen Politiker, sondern starke Mehrheiten

Ansteckende Bordkrankheit.

Von Ludwig v. Wohl.

Seit ein paar Tagen schwimmt man auf gren­zenloser blauer Fläche. , , ,

Das Interesse an der Speisekarte hat bereits ein bißchen abgenommen. Man ißt nur noch zwm- mal so viel wie zu Hause. Auch mit dem Durch­stöbern des Schisfs vom Maschinenraum bid zur Kommandobrücke ist man durch, und das Eis der konventionellen Reserve ist gebrochen, oder viel­mehr geschmolzen. Dreißig Grad.

Das ist das Stadium, in dem auf jedem an­ständigen Ozeandampfer eine seltsame Krankheit ausbricht, die stets die gleichen Symptome zeigt obwohl unter verschiedenartigen Begleiterschei­nungen und stets einen ziemlich gutartigen Ber­kaus nimmt. Rach der Inkubationszeit von em paar Tagen also nahen sich einige entschlossen blickende Herren meist angelsächsischer Abstam­mung und stellen sich alsSportkomitee' vor

Fünf Minuten später ist man infiziert und jku- glied und liest von nun an jeden Tag mit ernster Miene die von diesen Kranken verzapften Mittei­lungen am Schwarzen Brett, durch die man zu Dingen verpflichtet wird ... also, wenn einem jemand an Land solche Vorschläge zu machen wagte

Aber das ist es eben. Darin besteht die Krank­heit. Man ist begeistert. Durch eine Art von Ge- Hirnschrumpfung wird man in einen Zustand ab­soluter Kindlichkeit zurückversetzt, in einen infan­tilen Zustand solchen Grades, dah man es als Völlig selbstverständlich hinnimmt, die fünfunp- sünfzigjährige Miß Georgina Ashtom. den m Ehren ergrauten Obersten Mackenzie, und die hundertachtzig Pfund schwere Senora de la Fuen- tez Sackhüpfen zu sehen. Man freut sich bcrjinnig- lich über die wilden Bemühungen einiger hübschen Mädchen, an einer Schnur aufgehängte Aepfel ab- zuknabbern, während ihnen die Hände auf dem Rücken zusammengebunden sind und man brüllt vor Vergnügen über zwei andere, die im Bade- trikot rittlings auf einer mit Seife eingeriebcnen Stange sitzen einander gegenüber. Sie sind mit Kopfkissen bewaffnet und prügeln damit wild aus­einander los. Wer die andere zuerst aus dem Gleichgewicht bringt, so daß sie herunterfallt (meist in das Schwimmbassin, was eine ausgesprochene Wohltat ist) hat gewonnen und bekommt einen Preis. *. . ..

Man tobt vor Wonne, wenn vier würdige Herren, Rechtsanwälte, Industrielle, Bankiers,

mit dämonischer Energie ein Geldstück unter einem Häufchen Mehl um die Wette mit dem Munde hervorziiangeln suchen und nach weni­gen Sekunden aussehen wie die Fratinellis... Menschen, denen vielleicht Hunderte von Be­suchern mit Zittern gegenübergesessen haben...

Das Leben an Bord verändert gründlich. So­gar die Farbenschranke fällt Engländer spie­len Shuffleboard mit Eurasiern (Mischlingen aus Europäern und Asiaten), Bordtennis mit Ma- layen und Siamesen zu gewissen Stunden regnet es Gummischeiben, Bälle und Tauringe aus allen Himmelsrichtungen, und wenn man besonderes Glück hat, fliegen sie einem, wie es mir passiert ist, in den Suppenteller.

Man lacht, man amüsiert sich wie seit Kinderzeiten nicht mehr. Cs ist eine Art Rück­kehr in ein herrlich harmloses, herrlich albernes Paradies.

Täglich wartet man, welche Meilenzahl das Schiff in den letzten vierundzwanzig Stunden zurückgelegt hat man zieht Tau immer drei Mädchen gegen einen Mann und im Kostürnball erreicht die Bordkrankheit ihren Höhepunkt. Das Schiff wird wie ein liebens­würdiges Irrenhaus und zwischen quirlenden Beinen und lachenden Mündern überkugelt sich unsichtbar der gesundeste Bazillus der Welt.

Einziges Mittel, nicht von der Bordkrankheit ersaßt zu werden: man werde so schnell wie möglich seekrank.

Einziges Mittel, um nicht von der Seekrank­heit ersaßt zu werden: man beteilige sich an allen Bordspielen. (QHan kann auch einen zwölf­fachen Whisky ohne Soda empfehlen. Ich stelle .anheim l)

Oie Aussichten des tierärztlichen Studiums.

Zu dem AufsatzGibt es noch aussichtsreiche akademische Berufe?" von Dr. Margot Mel­chior in der letzten Hochschulbeilage, Rr. 235 öcÄ Gießener An;cigers vom 8. Oktober, schickt uns Herr Dr. W i r t h - Wörrstadt, Vorsitzen­der des Vereins der praktischen Tierärzte, Wörr­stadt in Rheinhessen, folgende Entgegnung, der wir aus Gründen der Loyalität und aue Klä­rung der Sachlage im Interesse deS akademischen Nachwuchses gerne Raum geben.

der höheren Volksschichten. Unb ivenn man daS Ergebnis der soeben adge'chlossenen vorläufigen Unterfudbung der Sinan*lagc Argentiniens ge» nau betrachtet, wenn man erfährt, daß die Re- aicrung 3rigölten8 dem Lande innerhalb zwei Jahren eine Schuld von 520 Millionen Pesos irund 416 Dollarmillionen > aufgebürdet haben soll, davon 380 Millionen PesoS in Form von kurzfristigen Anleihen, dann i|t die Frage, wiev.el von diesem Velde die argentinische Regierung tatsächlich erhalten haben mag. nicht so ganz unberechtigt, und man kann es Dem Volke nicht verargen, wenn eS behauptet, daß der OctopuS Wall Street" es schließlich noch um HauS und Hos bringen werde.

Für diese sich immer tiefer einnistende Heber- Beugung ist der Fall des Er-Präsidenten Au- g 11i p B v e i] u 1 a. bet elf Jahre lang bic schicke Peru- lenkte, bezeichnend. Leguia wurde am 25. August von einer Miliiär-Iunta' unter Führung Generals Manuel Ponce auS dem Amte gedrängt. Ponce mußte kurz daraus seinem Wassengefährten Oberstleutnant Sanchez Ce r- r o, dem Führer der Areguipa-Revol.e, weichen, der jetztvorläusiger" Präsident voii 'J^eru ist. Leguia, dem selbst seine Feinde zugestehen, daß er einer der fähigsten Politiker und Berwal- tungsteainten. die Peru je gehabt, gewesen ist, ist nicht so sehr das Opfer seiner politischen Gegner gewordeii, a S vielmehr der wirlschaft- lichrn Verhältnisse und der Auflehnung gegen den nordaniecikanischen Imperialis mus. Cerro be­schuldigt ihn der Mißverwaliung der öffentlichen Finanzen, des Versuches, die Oelvorkoinmen fei­nes Landes auswärtigem Kapital in die Hände zu spielen, der llclerbürbung deS Volkes mit einer unerträglichen öffentlichen Schulden ast und der Knebelung der Presse. Daß Leguia sich mit der Entscheidung In dem Tacna Arica-Grenzstreit einverstanden erflärte, hat.« seiner Popularität gleichfalls Abbruch getan.G r pumpte zu viel und zu oft in Wall Street, zu un­erschwinglichen Zinsen und legte daS Geld in, die derzeitigen Bedürfnisse des Landes weit über­schreitenden, cvtragSlofen össentlichen Arbeiten an", war der Schlachtruf seiner Gegner schon seit langem, ilnD als die weltweite Geschäits- flaute sich auch in Peru bemerkbar machte, war Senor Leguias Schicksal besiegelt. Jetzt ist er endgültig verschwunden, und aus seinem Stuhle sitzt ein verhältnismäßig unbekannter, unerprob­ier QHilitär, der bis zu der nächstes Jahr ftatt- findenden Wahl die von den Schullern des ge­stürztenDiktators' gefallene Bürde zu tragen und sich mit Perus äußerer Schuld von an­nähernd 89 Millionen Dollar herumzuschlagen haben wird, von der ungefähr neunzig Pro­zent in den Büchern Wall Stree t s und ihres Anhangs stehen. Die Ge amtinvestie- rungen des nordamerikanischen Kapitals in Peru werden auf rund 200 Millionen Dollar veran­schlagt. Kein Wunder, daß man in Washington und in Reuyork die Vorgänge im Lande der Inkas mit einer gewissen Beklommenheit ver- folgt. Daß man dem weiteren Umsichgreifen der Unraft mit starkem Unbehagen entgegensieht.

Die lateinamerikanischen Länder, die mit dem Hule in der Hand nach Wall Street kamen, um Anleihen zum Bau großer Landstraßen, Hasen­anlagen, fanilärer Einrichtungen, Eisenbahnen und anderer öffentlichen Verbesserungen aufzu­nehmen, mußten ihre Zolleinna'nnen, ihre Tabak­steuern, ihre sonstigen Einkünfte und ihre natio­nalen Hilfsquellen auf Generationen hin­auf verpfänden. Dabei brauchten die Geld­geber im Reuyorkec Finanzviertel gar nicht erst bei den Versailler Staatsmännern in die Schule zu gehen. Denn schon vor dem Weltkriege hatten sie sich Mexiko zum Betrage von etlichen 800 Dollarmillionen verpflichtet, und innerhalb der letzten fünfzehn Jahre ist das in Lateinamerika investierte nordamerikanische Kapital auf rund zwei Dollar Milliarden angef chw 0 l - len. Die Vereinigen Staaten haben in diesen fünfzehn Jahren in Qzti.iel- und Südamerika mehr Geld angelegt, und Wall Street hat mehr Regierungsanleihen dort untergebrachl, als in

In dem genannten Aufsatz von Dr. Melchior heißt es:In dem düsteren Bild, das die sta­tistischen Untersuchungen von den Berufsaus­sichten der an den Universitäten Studierenden entwerfen, gibt aber immerhin einige kleine Lichtblicke. Zweifellos werden von der gegen­wärtigen Not der deutschen Landwirte die Aus­sichten der Tierärzte ungünstig beeinflußt: an ihnen sucht man ebenso zu sparen wie an den Aerzten für Menschen. Dennoch ist Tierheilkunde eines der wenigen nicht überfüllten Studien­fächer, und selbst wenn die Tierärzte nur eine geringe Zahl von Klienten haben, bietet die Ausübung der Fleischbeschau in den amtlich ab- gegrenzten Bezirken ihnen eine sichere und oft erhebliche Einnahme." Wie verlockend das klingt und wieviel junge, hoffnungsfreudige Menschen werden sich, durch solche Worte betört, Doau verleiten lassen, dies nach der Medizin teuerste Studium zu ergreifen, um nachher unsäglich ent­täuscht zu werden! Die Abwehr verlohn sich bei uns Tierärzten schon nicht mehr, weil die mei­sten von unö so weit sind, daß sie nichts mehr zu verlieren haben. Wir Tierärzte wären alle heilsroh, wenn die Aussichten in unserem Stande so wären, wie Dr. Qllargot Melchior sie schil­dert. Selbst Sohn eines Tierarztes und seit 23 Jahren praktischer Tierarzt, darf ich wohl von mit behaupten, Kenner der tierärztlichen Verhältnisse zu sein. War eS schon zur Zeit meines Vaters schwer, sich als Tierarzt durch seiner Hände Arbeit ein Vermögen zu erwer­ben, von dem man später auskömmlich leben konnte, so ist das heute unmöglich geworden. Die meisten von unS sind sroh, wenn sie ge­rade noch vegetieren, eine große Zahl leidet direkt bittere Not. Die Zahl der praktischen Tierärzte, die schon vor dem Krieg reichlich groß war, hat sich durch den unglücklichen Krieg noch um die Zahl der Militär-Veterinäre er­höht, und außerdem ist die Anzahl der Stu­dierenden erheblich größer geworden.

Deutschland ist durch den Versailler Vertrag viel kleiner, die Viehhaltung hat sich verringert und die Pferdehaltung wird allmählich auch auf dem Lande abnehmen, wie fic sich durch die Motorisierung deS Verkehrs in der Stadt be­reits gewaltig verringert hat. Dazu kommt jetzt noch bie gewaltige, wirtschaftliche Not unterer Landwirtschaft und wir praktischen Tierärzte sind mit den Landwirten auf Gedeih und Ver­derb verbunden!

Die Einnahmen auS der Fleischbeschau bilden bei dem Gros der praktischen Tierärzte die «in­

ober nicht.

die zum Sturz der Regierung führte.

In Kuba mag lid> in absehbarer Zeit ähn­liches ereignen. Prälikent Macbado, Der auf einen zweiten Ämtslermin spekuliert, hat jetzt schon die größten Schwierigkc.ten, seinen wackeln­den Stuhl zu behaupten, Schwierigkeiten, denen er mit Maßnahmen begegnen toll, über die man noch nicht einmal anbeutungSlveite reben kann. Nirgends in ganz Lateinamer.ka ist man auf die Regierung wie auf die 'Bereinigten Staaten fo Ich!echt zu sprechen, wie in Kuba. Und der Zucler- zoll hat nur Oel ins Feuer gegossen. Die Kuba­ner bezichligkn die Walhingloner Regierung ganz offen der dem Willen des Volke- zuwiderlausen- den Unterstützung Maä>adoS, genau so, wie man Coolidge vorwarf, er habe durch da- Verbot Cer Waffenausfuhr jede Auflehnung gegen den mexi­kanischen Präsidenten Calle» vereitelt.

zu sehen, wie Präsident ka;,e stellen wird, ob

er die auS den diversen Revolutionen hervor- gegangenen neuen Regierungen anerkennen will

Daten für Freitag, 17. Oktober.

Sonnenaufgang 6.26 Uhr, Sonnenuntergang 17.05 Uhr. Mondaufgang 0 Uhr, Monduntergang 15.47 Uhr.

1760: der französische Sozialist Saint-Simon ge­boren; 1894: der Komponist Chopin In Paris mstarben; 1893: der Komponist (9eunob in St. Cleud gestorben.

Oochschulnachrichten.

Zum Nachsolger von Prof. L. Spitzer auf den Lehrstuhl der romanischen Philologie an der Universität Marburg ist der Privatdozent ebenda BibliothekSrat an der Universitäts­bibliothek, Dr. jur. et phil. Erich Auerbach, in Aussicht genommen. Zur Wiederbesetzung der Abteilungsvorsteherstelle am Ehemischen In­stitut der Universität Greifswald an Stelle von Prof. Th. Posner, ist ein Ruf an Prof. Dr. phil. et mcd. Robert F r i ck e in Münster ergangen. Der Lehrstuhl für öffentliche- Recht an der Universität Münster (an Stelle de- verstorbenen Jos. LukaS ist dem Ordinarius Dr. Erhard Neuwiem in Greis-Wald ange­boten worden. - Das durch die Berufung von Prof. W. Schmidt an die Berliner Tech­nische Hochschule in Tübingen erledigte Ordi­nariat für Mineralogie und Petrographie ist dem Privatdozenten Dr. Felix Mach a t sch ki an der Universität Graz übertragen worden.

Der Ordinarius für Forstwissenschaft und Vor­stand deS Institutes für forstliche Ertragskunde an der Technischen Hochschule in Dresden, Preuß. Staatsobersörster a. D. Dr. IuliuS Busse ist am 1. Oktober d. I. krankheitshalber in den Ruhestand getreten. Pros. Busse isst Herausgeber deSTharandter Forstl. Jahr­buches". Er leitete auch die bisher sorsttech- nische Abteilung der Forstlichen Versuchsanstalt. Der Sächsischen Fachkammer für Forstwirtschaft, dem Reichsforstwirtschaftsrat sowie dem Prü- fungSamt für den Sächsischen höheren Staats- forstdienst gehört er als Mitglied an.

Man ist begierig, zu fet Hoover sich zu der heiklen Fc n diversen R

zige sichere, aber leider meist nicht erhebliche Einnahme. (Zu vergessen ist hierbei nicht, daß es außer Tierärzten, die mit der Fleischunter­suchung betraut sind, auch noch Laienfleischbe­schauer in erheblicherer Zahl als die Tierärzte gibt!) Werden die Einnahmen auS der Fleisch­beschau aber wirklich einmalerheblich" (in Hessen ist dieS kaum der Fall!), so werden sie von Der Regierung so beschnitten, daß sie nicht mehr erheblich sind! Die Verhältnisse liegen also keineswegs derartig, daß man die Aus­sichten im tierärztlichen Berufe als aussichts­reich bezeichnen tonnte, sie sind im Gegenteil trostlos! Wären sie aussichtsvoll, bann hätte ich einen meiner Söhne auch wieder Tierarzt werden lassen, da ich selbst aus Lust und Liebe Tierarzt wurde.

dem ganzen vorangegangenen Zeitraum Der Be­te,ligung der United State« an der Entwicklung Latcinamerlkas Da die Reunorker Bankier- in saft jedem Falle, hauptsächlich aber während der letzten hnöertbalb Dezennien, vor Dem Aus legen einer Bonds-Emission jeweils mit der Washing­toner Regierung zu Rate gegangen sind, sieht Laieinamerika letztere als stark mitbeteiligte Par­tei in der Sache an.

Vor einigen Monaten versuchte Präsident Her- nando Sile- von Bolivien angesichts de- bevorstehenden Ende» seines Amtstermins einen BersassungSzusatz durchzudrücken, der ihn, daS weitere Verweilen im Amte ermögliche sollte. Er wurde von Heer und Volk prompt an- dem Amte entfernt, und Die» trotz des Um­stande», daß an der Spitze Der Armee Der Deut­sche General Kundt ftanD, Den Sile» selbst mit der Ausbildung seiner Truppen betraut hatte. Hier war e» Die Furcht vor Der Diktatur.

Kommunallonflilt in Aßlar.

Wetzlar, 15. Ott. (WSR.) In der größten Land­gemeinde des Kreises Wetzlar, in Aßlar, hat sich ein St 0 in munalkonfiikt entwickelt. Die vier bürgerlichen OemeinDe Vertreter Ijabctt ihr Amt nie­dergelegt und sind aus der Gemeindevertretung, die außerdem noch acht sozialdemokratische Mitglieder zählt, ausgetreten. Die bürgerlichen (Bcmeinbeuer- freier begründen ihren Schritt In einem Schreiben an den Olemeindevorsteher, in dem sie darüber Klage führen, daß in den Gemeindevertretersitzungen von einer eigentlichen Beratung niemals die Rede sein konnte. Wichtige Punkte der Tages­ordnung seien damit erledigt worden, daß vor­herige sozialdemokratische Fraktions- beschlüsse einfach zum G e m e i n d e r a t s- beschluß erhoben wurden. Die gegensätzliche Ein- stellung des sozialdemokratischen Fraktionosührera gegeniiber dem größten Aßlarer Industrieunterneh­men habe die Partei veranlaßt, bei der (Datebera­tung eine Erhöhung der L 0 hnsu m m c 11 ft e u c r von 950 auf 2100 v.S). zu beschließen. Mit diesem Satze steht 'Aßlar an der Spitze von allen preußischen Landgemeinden. Am Schluß des Briefes wird die Hoffnung ausgesprochen, daß die Aussichts­behörden durch den Austritt der bürgerlichen Ge- mcinbcucrtretcr aufhorchen und veranlassen werden, fernerhin die Beschlüsse des Öemeinberato einer strengen Priisung zu unterziehen. Inzwisä)en soll bereits der Regierungspräsident eine Rachprüsung des Haushalts der (tzemeinde angeordnet haben.