preußischen Erlasse dazu sind lediglich Anweisungen an die Gemeinden.
Die Wirtschaft kann nur gedeihlich arbeiten, wenn auch im Ausland Vertrauen in die Ordnung und Steligkeit in Deutschland herrscht. Wie sehr diese Auffassung zutrifft, kann man aus der Stellungnahme des Auslandes jum Wahlausgang ersehen. (Anhaltender Lärm rechts. Abg. Lohse (915.): „Ihr habt ja bei Frankreich Presse stimmen bestellt!") Und bei alledem wird nun in einigen Anträgen sogar noch verlangt, auch den Landtag a u f z u lösen. Ich glaube, die deutsche Wirtschaft hat genug an den Folgen der Reichstagswahl vom 14. (September. (Gelächter und Lärm rechts.) Bei dem oft sehr schnellen Stimmungswechsel mancher Greife ist es verkehrt, aus der Reichstagswahl den Schluß ziehen zu wollen, daß nun auch der Preußische Landtag in dem gleichen Sinne wie der Reichstag umgewandelt würde.
Infolge der dauernden Zwischenrufe konnte sich der Ministerpräsident kaum noch verständlich machen. Da die Abgeordneten der Hinteren Bänke um das Rednerpult herumstanden, forderte Präsident Bartels die Abgeordneten auf, ihre Plätze einzunehmen. Als Abg. Lohse (NS.) der Aufforderung nicht nachkam, wurde er von der Sitzung ausge- fchl assen. Abg. Lohse bleibt trotzdem noch im Saal. Nach einer kurzen Unterbrechung der Sitzung teilte Präsident Bartels mit, daß der Abg. Lohse für acht Tage von den Sitzungen ausgeschlossen sei.
Oie Begründung der Anträge.
Hierauf begründet Abg. Schwenk (Kom.) die Anträge seiner Fraktion und erklärt, daß die Regierung Braun eine arbeiterfeindliche Politik treibe.
Abg. Ladendorsf (Wp.) begründete den Auflösungsantrag der Wirtschaltspartei damit, daß der Landtag und die Regierung Braun kein Vertrauen mehr bei der Mehrheit des Bolkes besähen. Die heutigen Zustände seien zurückzuführen auf die von den Sozialdemokraten abhängige Politik.
Abg. Borck (Sn.) gab bei Begründung des deutschnationalen Antrages in erster Linie dem Zentrum schuld an den Zuständen in Preußens die der Mißwirtschaft der Regierung Braun in jedem Augenblick durch Zurückziehung seiner Minister hätte ein Ende machen können.
Abg. Kerrl (Rat.-Soz.) erklärt, eS sei unerhört, wenn der Ministerpräsident Braun die eidliche Aussage Hitlers in Leipzig in Zweifel ziehe. Herr Braun, der Vertreter der Klassenkampfpartei, wage es, auch der nationalsozialistischen Bewegung Staatsgefährlichkeit vvrzuwerfen. Denke er nicht daran, daß die Revolte von 1918 mit Mitteln des französischen Staates finanziert worden sei. (Lebhafte Unterbrechungen bei den Sozialdemokraten.) Schärfste Kritik fordere auch die Haltung der Regierung wegen der parteipolitischen Betätigung der Beamten heraus. Mit solchen Mitteln könne man eine geistige Bewegung wie die nationalsozialistische nicht unterdrücken. (Lachen bei den Svzialdemokraten.) Als der Redner behauptete, nicht Rationalsozialisten, sondern Kommunisten hätten die Scheiben eingeworfen, erhob sich auf der äußersten Linken großer Lärm.
Abg. Winzer (Soz.) lehnt den Antrag auf Auflösung des Landtags ab. Die Wirtschaftspartei besorge mit ihrem Anträge nur die Geschäfte der Rationalsozialisten. Gegen Beamte, die staatsfeindlichen Parteien ongehörten, hätte die Regierung schon diel früher vorgehen sollen.
Weiterberatung Donnerstag.
Die Verteilung
der Reichstagsausschuffe.
Berlin, 15.Dtt. (DDZ3 Der Aeltestenrat des Reichstages trat nach der Plenarsitzung unter dem Vorsitz des Präsidenten Lobe zu einer Sitzung zusammen, in der über die Bestellung der Vorsitzenden für die einzelnen Ausschüsse verhandelt wurde. Die Parteien haben geschäftsordnungsknäßig je nach ihrer Stärke das Recht, den Vorsitz in den Ausschüssen nach ihrer Wichtigkeit zu bean- ipruchsn. Die Sozialdemokraten nahmen für sich den Haushaltsausschuß, den Handelspolitischen Ausschuß und den Volks- wirtschaflichen Ausschuß in Anspruch, die Nationalsozialisten den Auswärtigen Ausschuß und den Rechtsausschuß, die Korn- in uni)ten den Geschäftsordnungsaus- schuß und den Beamtenausschuß, in welchem sie schon im vorigen Reichstag den Vorsitz hatten, das Zentrum den Sozialpolitischen Ausschuß und den Ausschuß für die Verkehrsfragen, endlich die Deutschnationalen den Steuerausschuß. Der Aeltestenrat wird in diesem Sinne dem Plenum Vorschläge machen. Die endgültige Entscheidung darüber steht dem Plenum zu.
Verstimmungen.
Bor der Regierungserklärung im Reichstag
Berlin, 15. Oft. (ERB.) Die Wahl des Prä- Iidenten und der Vizepräsidenten des Reichstags nahm heute einen dramatischen Verlauf, wie er bei diesen Abstimmungen, die eigentlich den Charakter einer formalen Selbstverständlichkeit haben, ungewöhnlich ist. Das Ergebnis entspricht den allgemeinen Erwartungen. Allerdings ist die Mehrheit Löbes größer, al« man vorher angenommen hatte. Das wird in parlamentarischen Kreisen nicht zuletzt darauf zurückgeführt, baß, auch in der Stichwahl, nicht alle Deutschnationalen für Dr. Scholz ein- ge treten sind. Das stimmungsmäßige Ergebnis dieser Wahlen ist eine Verärgerung der Deutschen Volkspartei gegenüber den Deutschnationalen, die schon einsehte, als diese im ersten Wahlgang für einen Angehörigen ihrer eigenen Fraktion stimmten. 3n Kreisen der Deutschen Volkspartei machte man daraus den Deutschnationalen den Vorwurf, den Eindruck einer großen Demonstration der ganzen Rechten vereitelt zu haben. Diese Stimmung fand ihren Riederschlag, als der Vizepräsident Graes gewählt wurde. Die Deutsche Volkspartei revanchierte sich, indem sie zunächst für Dr. von Kardorff und in der Stichwahl zum großen Teil für den Abgeordneten Pfleger eintrat, ohne daß diese Haltung freilich praktische Folgen hatte. Durch diese stimmungsmähige Entwicklung ist d e r Bruch zwischen der Deutschen Volkspartei und Dem Zentrum, der gestern aus ihren Kreisen wegen des Eintretens des Zentrums für Löbe angekündigt wurde, verhindert worden, so daß die Haltuna der Deutschnationalen frem Einvernehmen zwischen den R-gierimgspcn- teien zugutekommt.
Das ist nicht ohne Bedeutung für die Abstimmung über die Mihtrauensanträge, die, wie man übrigens heute hörte, nicht vor Dienstag stattsinden dürfte. Richtig ist daran, daß man allgemein wichtige Abstimmungen an Samstagen vermeidet, da viele Abgeordnete am Wochenende nicht in Berlin zu sein pflegen. Es verlautete aber, dah diesmal ausnahmsweise die Abstimmungen doch bereits am Samstag durchgeführt werden sollen. Dies ist auch der Grund Dafür, daß nach der morgigen Regierungserklärung nur eine Pause von einer Stunde eingelegt wird und dann gleich die erste Rednergarnitur der Parteien beginnt. So erhofft man für Samstag die Vertagung des Reichstages bis Anfang Dezember. Die Voraussetzung ist allerdings, daß die Mißtrauensvoten von der Mitte und dec Sozialdemokratie a b g e l e h n t werden. Die Frage, ob das möglich fein wird, betrachtet man in parlamentarischen Kreisen nicht ohne Zusammenhang mit der Haltung, die der Reichsarbeitsminister im Konflikt der Berliner Metallindustrie einnehmen wird.
Anschluß desBayrischenBauembundes an das Deutsche Landvolk.
München, 15. Okt. (CNB.) Die Abgeordneten des Bayrischen Bauernbundes im Reichstag haben sich der Fraktion Deutsches Landvolk (Christlich- Nationale Bauern- und Landvolkpartei) angeschlossen. Damit ist diese Fraktion, der schon vorher die drei Abgeordneten des Württembergischen Bauern- und
Weingärtnerbundes beigetreten sind, nunmehr mit 27 Abgeordneten die drittstärkste Fraktion der bürgerlichen Parteien im Reichstag.
Aus dem Finanzausschuß des Hessischen Landtags.
Darmstadt, 15. Oft. (WHP.) Der Finanzausschuß des Hessischen Landtages setzte heute seine Beratungen fort. Mehrere Eingaben der Korbmachergenossenschaften auf Belassung von Darlehen als Entschädigung werden entsprechend der bisherigen Handhabung abgelehnt. Der Ausschuß nimmt jedoch davon Kenntnis, daß die Regierung der Handwerkskammer ein Darlehen von 15 003 Mark gewährt zur Umstellung der Weiden- auf Spankorbfakrikation.
Ein sozialdemokratischer und demokratischer Antrag auf Herabsetzung der Grunderwerbs st euer beim Verkauf von Massegrund st ücken wird mit 6 gegen 4 Stimmen angenommen, obwohl auf einen früheren gleichlautenden Antrag be« Hessischen Landtages die Reichsfinanzverwaltung erklärt hat, daß die gewünschte Regelung praktisch nicht durchzuführen sei. Eine längere Debatte entspann sich über einen kommunistischen Antrag, Maßnahmen gegen die Kapitalflucht zu ergreifen. Der Antrag wurde jedoch für erledigt erklärt, da der hessischen Regierung keine Möglichkeiten zur Verhinderung dieser von allen Seiten bedauerten Erscheinung zur Verfügung stehen.
Der Kamps um die Revision der Verträge
Das britische Weltreich und die Revision.
Keine weiteren Verpflichtungen in europäischen Dingen.
London, 16. Oft. (WTB. Funkspr.) »Daily Telegraph" führt in einem Artikel u. a. aus, am Quai d'Oxsay rechne man damit, daß während der nächsten Jahre jede deutscheRe- gier un g — mit der wahrscheinlichen Unterstützung Italiens, Ungarns und Oesterreichs — auf eine baldige und umfassende Revision, der Friedensverträge dringen werde. Gegenwärtig fei Frankreich im Begriff, zu erkunden, welche Haltung die britische Regierung einnehmen würde, wenn Deutschland in Genf oder sonstwo diese Frage aufwerfen sollte. Frankreich frage, ob Großbritannien, abgesehen von seinen genau umschriebenen Verpflichtungen aus dem Locarnovertrag, bereit wäre, das Versprechen abzugeben, Frankreich und Frankreichs Verbündeten dabei zu helfen. jegliche Abänderung aller in den Friedensverträgen feftgelegten Grenzen z u verhindern.
Das Blatt betont, daß die Doktrin der „Einheitsfront" zwischen Großbritannien und Frankreich in moralischer und legaler Beziehung den L o c a r n o v e r p f li ch t u n g e n Englands widersprechen würde. Abgesehen davon sei es undenkbar, daß ein einziges britisches Dominion mobil machen würde, um Frankreich, Deutschland, Italien, oder Polen wegen einer Frage, wie der des Korridors, zu verteidigen und Geld und Blut für den Grundsatz der Parität oder Richtparität zwischen der französischen und der italienischen Flotte zu opfern. Am besten wäre eine gemeinsame Erklärung Großbritanniens und der
Dominien, daß sie, abgesehen von den bestehenden Verpflichtungen, die nicht erweitert werden sollen, keinen Schilling und keinen Tropfen Blut wegen einer rein europäischen (Streitfrage ausgeben werden. Eine solche Erklärung würde wie eine falte Dus ch e auf alle kriegslustigen Elemente wirken.
Poincarss Feldzug gegen eine Revision.
Paris, 15. Dtt. (CNB.) Raimond Poincarss Halbmonatsartikel im „Excelsior" geht auf die Wahlerfolge der Hitlerpartei ein und spricht von den etwaigen Versuchen Deutschlands, sich durch die Beseitigung der Voungplanbestimmungen Erleichterungen zu verschaffen. Deutschland müsse wissen, daß es feinen Kredit vernichten würfle, wenn es Europa und Amerika den Eindruck gebe, als dächte es an eine ganze Reihe von Aenderungen in der Organisation der Welt. Ueberdies könnten die wesentlichen Beschlüsse über die Anwendung des Poungplans nur mit Zustimmung oder sogar nur auf Initiative der Gläubigerstaaten getroffen werden. Sämtliche interessierten Regierungen würden hoffentlich einsehen, daß sie bis an die äußerste Grenze der Konzessionen gegangen seien. Deutschland habe von ihnen einen Vertrauensbeweis erhalten und dürfe sich dessen nicht unwürdig zeigen. Deutschland dürfe feine Ausflüchte machen und keine Kampagne gegen die Verträge führen. Es müsse vielmehr seinen Kredit konsolidieren und auf Agitation und Unordnung verzichten. Nötigenfalls müßten die Gläubigermächte, hoffentlich aber deutlich, das Deutschland klarmachen. Deutschland habe seit einigen Jahren gewaltige Ausgaben für seine militärische Vorbereitung, seine öffentlichen Arbeiten und seine Propaganda gemacht. Sonst wäre es in der Lage gewesen, den Dawesplan und heute auch den $oung- plan auszuführen.
Der Streik in der berliner Metallindustrie.
Oie bittere Wahrheit.
Von unserer Berliner Redaktion.
Der Streik der Berliner Metallarbeiter ist nun wirklich Tatsache geworden. 120 000 Arbeiter stehen im Lohnkampf, und die Gefahr, daß diese Bewegung weiter um sich greift, daß vor allem dadurch mittelbar eine starke Radikalisierung der Geister cintritft, ist eigentlich unvermeidlich. Unbegreiflich deshalb, wenn das Reichsarbeitsmini- ftcrium rein bureaukratifch sich verhält und vorläufig die Daumen dreht, anstatt sich rechtzeitig einzuschalten, um eine Versteifung zu vermeiden. Denn darüber muß man sich doch eigentlich klar sein, daß mit einem Ausbrennenlassen des Streifs nicht viel gewonnen ist. Vermutlich sitzen die Arbeiter dabei am kürzeren Arm des Hebels, die Unternehmer können es lange aushalten, der Auftragsbestand ist nicht groß. Sie räumen ihre Läger, machen also zunächst wenigstens bei dem Streik fein schlechtes Geschäft. Selbst wenn die Kassen der Gewerkschaften sehr gut gefüllt sein sollten, so kommt doch bei einem wöchentlichen Bedarf von drei Millionen sehr rasch der Augenblick, wo der Boden des Geldschranks erreicht ist.
Die Regierung sollte alle Veranlassung haben, diesen Zeitpunkt nichtabzuwarten. Wenn wir durch den Winter hindurchkornrnen wollen, wenn überhaupt eine vernünftige Lösung der Wirtschafts, krise erreicht werden soll, dann ist sie nur zu erzielen dadurch, daß Arbeitnehmer und Arbeitgeber sich wieder finden, wie in den Zeiten der Zentralarbeitsgemeinschast und Hand in Hand einen Wiederaufbau unserer Wirtschaft auf solider Grund- läge versuchen. Voraussetzung dabei ist freilich, daß die Arbeitnehmer sich zu einer für sie sehr bitteren Erkenntnis durchringen: sie müssen begreifen lernen, daß die Lohnpolitik kein Ding an sich ist, sondern sich in den Rahmen der allgemeinen Wirtschaftslage einfügen muß. Anders herum gesprochen, daß ihr Interesse sich nicht in einer möglichst hohen Lohnsumme erschöpft, sondern daß auch sie mit ein- springen müssen, um die Schulden der Vergangen- heit flu zahlen.
Wir bauen bisher daran gekrankt, daß die deutschen Arbeiter glaubten, die ganze Reparationsleistung ginge sie praktisch nichts an, sie könnte von den deutschen Kapitalisten bezahlt werden. Jetzt allmählich sehen sie ein, daß auch f i e den Kriegmit verloren haben, daß deshalb die Reparationsbelastung sich auch auf ihre Schultern legt. Eine Rechnung in rohen Zahlen ergibt, daß wir jährlich rund zwei Milliarden Kriegsentschädigung zu zahlen haben, während gleichzeitig die f o z i a - Ten Abgaben um rund drei Milliarden gestiegen sind. Das sind fünf Milliarden,
die aus der Wirtschaft mehr heraus geholt werden müssen, eine Vorbelastung gegenüber der Wirtschaft anderer Länder, die m irgendeiner Form eingeholt werden muß und nur eingeholt werden kann aus Kosten der Gesamtheit. Es ist ein beachtenswerter Fortschritt, wenn die sozialdemokratischen Gewerkschaften jetzt offen aus sprech en, daß durch die deutschen Repa» rationsverpslichtungen die sozialen Errungen,chaf- ten der deutschen Arbeiterschaft gefährdet, ja teilweise sogar bereits angegriffen seien. Darin liegt die klare Erkenntnis, wo der Hebel an- gesetzt werden muß, ein Abrücken von der bisherigen sozialdemokratischen Politik, die in der Bewilligung der Reparationslasten sehr großzügig war. Wir sind also erfreulicherweise auf dem besten Wege zu einer Einheitsfront in der Beurteilung 6er ReparationsPolitik zu kommen, zu einer Einheitsfront, die dann von den Rationalsozialisten bis zu den Sozialdemokraten geht.
Oer Gtreikbeginn.
126000 Berliner Metallarbeiter im Ausstand.
Berlin, 15.Oft. (OB. Funkspruch.) Die Belegschaften der am Berliner Metallkartell beteiligten Betriebe sind der gestern ausgegebenen Streifparole des Metallkartells nahezu einheitlich gefolgt. Wie schon mitgeteilt, waren bis zur Mittagsstunde rund 126 000 Metallarbeiter in den Ausstand getreten. 3m Einverständnis mit den beteiligten Gewerkschaften sind lediglich die über 60 Jahre alten Arbeiter und die Kriegsbeschädigten in den Fabriken geblieben. Der Beginn des Streifs hat sich ohne Reibungen oder Zwischenfälle vollzogen. Die Kommunisten versuchten allerdings, an einigen Stellen vorzugreisen. Die Polizei hatte jedoch stärkere Patrouillen entfanM, die die Eingänge der größeren Firmen zu bewachen hatten, die Beamten verhinderten die Kommunisten an der Durchführung ihrer Absichten. 3n den Betrieben des Siemens- Ko nzerns in Siemensftabt, dem größten Berliner Metallindustriebetrieb, sind heute vormittag 10 000 Arbeiter in den Streik getreten. Die restlichen 23 000 Arbeitswilligen verblieben in den Betrieben. Bei der K norr-B remse trafen 1450 von 1900 Arbeitern in den Streik. Der Allgemeine Freie Angestelltenbund, in dem die Mehrzahl der in der Berliner Metallindustrie beschäftigten Angestellten organisiert ist, hat seine Solidarität mit den Streikenden erklärt, den Orts- fartellvmsihenden ist Vollmacht zur Durchführung etwa notwendig werdender Maßnahmen erteilt wor
den. Die (Bauleitung Groß-B erlin der NSDAP, veröffentlicht einen Aufruf, in dem der THetallarbeiterffreif als berechtigt und auf gesetzlicher Grundlage beruhend erklärt wird. Der Kampf, so heißt es, gehe um das tägliche Brot und gegen die Dawes- und Poung-Politik. Daher müßten auch die Nationalsozialisten an diesem Streik teilnefjmen. wer Streikbrecherarbeit leiste, werde aus der NSDAP, ausgeschlossen.
Der Verband Berliner 2H e t a 11 i n buff r i e 11 e r , der heute nachmittag zu einer Besprechung der Lage zusammentraf, hat den Schiedsspruch, der eine Herabsetzung der Mindesttariflöhne von acht Prozent für die Arbeiter über 18 Jahre und eine Lohnkürzung von sechs Prozent für die jugendlichen Arbeiter unter 18 Jahren und die Arbeiterinnen vorfah, angenommen. Der Verband wird nunmehr die Verbindlichkeits- erf (är ung des Schiedsspruchs beantragen. Die weitere Entwicklung liegt dann beim Reichs- arbelfsminiffer, die Industriellen rechnen damit, dah er nicht erst den Ablauf der Fristen abwartet, sondern schon vorher eingreift, wenn die Verbindlichkeitserklärung erfolgen sollte, so würde die Lohnkürzung am 3. November wirksam werden. Von diesem Datum ab würden die Gewerkschaften rechtlich außerstande sein, ben-Sfreit finanziell ober moralisch zu unterstützen, da die Verblnd- llchkeitserklärung eines Schiedsspruches gesetzlich die Friedenspflicht in sich schließt. Sie gibt der Gegenseite das Recht, Regrehansprüche zu stellen. Bis zum 3. November ist die Lage anders, da der alte Tarifvertrag am 5. Oktober ablief. Er wurde nur durch eine Vereinbarung erseht, die bis zur Festsetzung des neuen Schiedsspruches reichte, aber nicht bis zum Abschluß des Schiedsverfahrens 3n der Berliner Metallindustrie herrscht also gegenwärtig ein fa- rifloser Zustand. Angesichts der Rechtslage wird die Stellungnahme des „Vorwärts" stark beachtet, wonach die Verbinde .'eitserklärung des neuen Schiedsspruches keine Lö ung, sondern nur eine Verschärfung des Kampfes bedeuten würde.
Schacht über Paneuropa.
Scharfe Zurückweisung des Briandplans.
R e u h o r k, 15. Okt. (TU.) Der frühere Reichs- bankpräsident Dr. Schacht sprach in der Bale- Universltät über Paneuropa. Er betonte dabei, dah die Driandschen Gedankengänge in dieser Frage ausschließlich auf politische Beweggründe zurückgingen. Driand strebe mit seinem Plan lediglich die Konsolidierung dec augenblicklichen Machtstellung Frankreichs an. Ein Staatenbund, wie Briand ihn wünsche, und der nur die besiegten Völker, nicht die Sieger st aaten zur Abrüstung zwinge, entbehre jeder inneren Berechtigung. Die allgemeine Abrüstung und die Aufhebung der militärischen Bündnisse seien erst die Voraussetzung für die Schaffung dec Vereinigten Staaten von Europa. Frankreich, das durch die Angliederung Elsah-Lothringens in weitestem Maße wirtschaftlich unabhängig sei, brauche den europäischen Staatenbund am allerwenigsten. Der Zusammenschluß der europäischen Mächte auf wirtschaftlicher Grundlage sei erstrebenswert und sogar no ttoen - d i g. Auf politischer Grundlage müsse ec jedoch a b g e l e h n t werden. Solange Frankreich die angeführten Vorbehalte außer acht lafje, würden die größeren europäischen Rationen ihre Ausstellungen an dem Plan Driands nicht aufgeben. Europa könne nicht durch die Politik, sondern nur 6 urch das gründlich st e Ver- ständnis für seine wirtschaftlichen Bedürfnisse gerettet werden. Die außereuropäische Welt brauche ein wirtschaftlich aufgebautes Paneuröpa nicht zu fürchten, da dadurch die Kaufkraft und die Absatzmöglichkeiten auf der ganzen Erde behoben würden. Schacht schloß: „Die Prosperität für alle ist die beste Friedenssicherung, nicht die Unterdrückung einzelner Mächte."
Aus aller Wett.
Neue Erdstöße in Süddeufschland.
3n verschiedenen Orten Ober-Dadens, so in Freiburg i. Br. und im Gebiete um Donaueschingen ist heute nacht um 23 Uhc 20 Minuten wiederum ein Erdstoß wahrgenommen worden, der von längerem, tiefen Rollen und leichtem Schwanken begleitet war. Die Richtung des Erdstoßes wir6 mit Rord-Ost- Süd-West bzw. Aord-Süd angegeben.
Fünf Todesopfer einer Wildwasserfahrf.
Auf der Enns kenterte eine Zille auf der« Fahrt stromabwärts im Klauser Schwall. Ruc zwei Personen konnten gerettet werden, während 6ie übrigen fünf verunglückten, darunter zwei Jäger, die je fünf unversorgte Kinder zu- rücklassen und ertranken.
Dreifaches Todesurteil gegen Wilddiebe.
Das Geschworenengericht in Tarnow (Galizien) verurteilte drei Wilddiebe wegen Ermordung eines Försters zum Tode durch den Strang.
Line Familie von fünf Personen ermordet.
3n der galizischen Stadt Sambor wurde eine Familie von fünf Personen von Räubern im Schlafe überfallen und ermordet. Mehrere der Tat verdächtige Personen wurden festgenommen.
Line Kirche von mexikanischen Banditen in Brand gesteckt.
Mexikanische Banditen haben in San Carlos im Staate Tabasco eine katholische Kirche während der Frühmesse in Brand gesteckt. Die Banditen verbarrikadierten sämtliche Eingänge und schossen alle Männer, Frauen und Kinder, die durch die Fenster ins Freie zu flüchten versuchten, kaltblütig nieder. Insgesamt sind 80 Menschen dabei in den Flammen um gekommen oder unter den Kugeln der Banditen gefallen.
Großfeuer in einem mecklenburgischen Dorf.
Das Friedland benachbarte Dorf Schwich - tenberg wurde wieder von einem Großfeuec heimgesucht, welchem acht Gehöfte zum größten Teil zum Opfer fielen. Insgesamt wurden 26 Wirtschaftsgebäude und zwei Wohnhäuser eingeäschert. Am meisten wurde der Landwirt Hermann Schünemann, in dessen Scheune daS Feuer auSgebrochen ist, geschädigt. Ihm ist der ganze Viehbestand verbrannt. Auch


