Das Echo des 14. September in der Berliner presse.
Die radikale Rechte.
Der „Völkische Beobachter" (national- soz.) nennt den 14. September ein in der politischen Geschichte noch nicht dagewesenes Ereignis und betont, das Ereignis sei als Protest, aber auch als st ä r k st e Bejahung eines neuen Sta^tswillens zu verstehen. Es bestehe augenblicklich noch keine Veranlassung, die sich ergebenden Koalitionsmöglichkeiten näher zu untersuchen. Das sei den nächsten Wochen Vorbehalten. Auf die Schultern d?r Nationalsozialistischen Partei sei am 14. September eine ungeheure Verantwortung gelegt worden. — Der „Lokalanz." (Hugenberg) sagt u. a.: Die Niederlage des Kabinetts Brüning ist zerschmetternd. Bei
Entsetzen festgestellte riesige Anwachsen der nationalsozialistischen Bewegung liegt in dem durch Versailles geschaffenen Z u st a n d der auf der Welt und besonders Deutschland liegt, in den Tributlasten, die das deutsche Volk zu tragen hat.
Das Echo im Zentrum.
Die „Germania" (Zentrum) äußert sich in einem mit „Nuhig Blut" überschriebenen Artikel u. a. wie folgt: Diese Wahlen sind Konjunkturwahl en. In diesem Debakel gibt es einen Lichtblick. Das Zentrum hat einen Stimmenzuwachs zu verzeichnen, der ihm das Necht gibt, nicht nur zufrieden, sondern stolz zu sein. Die Politik der Regierung Brüning muß fortgesetzt werden, weil es eine andere Politik nicht gibt. Die rechte Opposition ist regierungsunfähig. Die
offenbart. Die Stunde der Reform der Verfassung hat geschlagen.
Sozialdemokratische Pressestimmen.
Berlin, 15. Sept. (TU.) Sämtliche Berliner Abendblätter äußern sich ausführlich zu der Reichstagswahl. Die „Welt am Abend (links) schreibt u. a.: Das Ergebnis der Wahl in Berlin und im Reich hat unsere Erwartung, daß die Septemberwahlen den Ausdruck der Massenempörung und Verzweiflung darstellen werden, erfüllt, ja übertroffen. Die Verzweiflung der Massen kommt in dem überraschenden Sieg der Nationalsozialisten zum Ausdruck. Hier wird gleichzeitig mit dem Endkampf
Möglichkeit der Großen Koalition gegeben. Aber diese Große Koalition würde doch nach natio« nalsozialistischer Ansicht zu schwach fundiert sein, um vor allem auf dem wichtigen Gebiete der Steuergesetzgebung etwas zu erreichen. Infolgedessen werde man im Reich wohl gezwungen sein, m i t d e n Nationalsozialisten zu regieren. Die Nationalsozialisten aber würden sich nur zu einer Beteiligung an der Reichsregierung bereitfinden, wenn gleichzeitig der Preußische Landtag „a u f f l i e g e". Die Nationalsozialisten legten entscheidendenWert auf die Erlangung des preußischen Innenministeriums sowie auf eine gründliche Aenderung der preußischen K u l - tur Politik und der Tendenzen des preußischen Justizministeriums. Komme eine Koalition gegen die Sozialdemokratie zustande, dann würden
Frick Goebbels Hugenberg Oldenburg-Innusch au Schiele Treviranus Dietrich Höpker-Aschoff
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der Schlußabstimmung im Reichstag fehlten ihr 15 Stimmen an der Mehrheit. Im neuen Reichstag werden ihr 161 Stimmen fehlen. Berlin hat, obgleich hier die ganze Meute entfesselt war, 75 Proz. der deutschnationalen Stimmen gehalten, die bei der letzten Reichstagswahl abgegeben wurden, es hat den Sozialdemokraten die schwerste Niederlage bereitet, die sie überhaupt im Reiche erlitten haben. — Die „Nachtausgabe" (Hugenberg) steht auf dem Standpunkt, daß es sich bei den Wahlen, die als Prv- testwahlen gekennzeichnet werden, nicht nur um einen Protest gegen das Kabinett Brüning handele, das sehr stark mit dem Schlagwort vom „Hindenburg-Kabinett" im Wahlkampf gearbeitet habe, und völlig unterlegen sei. Es scheint, so schreibt die Zeitung, daß der Kanzler zunächst mit den Sozialdemokraten verhan- -deln möchte, und zwar auf der Basis der Außenpolitik. Dem ist folgendes entgegenzuhalten: Diese Reichstagswahl hat uns unbedingt gezeigt: die ganz erhebliche Zunahme der Stimmen der Wähler, die unbedingten Gegner des Boungplanes, der Tributpolitik, der ganzen Politik des jetzigen Kabinetts und der Sozialdem- kraten sind. Mit dieser Tatsache werden sich diejenigen, die heute sich schon berufen fühlen, Kombinationen über die Arbeit im neuen Reichstag anzustellen, zunächst abzufinden haben. — Die „Deutsche Zeitung" (deutschnatl.) überschreibt ihren Leitartikel mit „Das Steuer nach rechts!" und sagt u. a., der Sieg der Freiheitsfront bedeutet die grausame, aber wohlverdiente vernichtende Niederlage der Mittelparteien und des Kabinetts Brüning. das zu einer hoffnungslosen Minderheit geworden ist. Das Kabinett Brüning habe unverzüglich zurückzutreten, der Reichspräsident dürfe über die parlamentarischen Notwendigkeiten nicht mehr getäuscht werden, die Nativ- nalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei müsse mit der Regierungsbildung beauftragt werden und schließlich sei auch die Umbildung in Preußen akut.
Oie gemäßigte Rechte.
Die „Deutsche Tageszeitung" (Landvolk) spricht ebenfalls von einem Wahlsieg des Radikalismus. Die im ungeeignetesten Augenblick erzwungene Reichstagsauflösung habe zu einem schweren Mißerfolg geführt. Eine einwandfreie parlamentarische Mehrheit wäre nur zu erzielen durch ein Zusammenfassen der Gruppen von den Nationalsozialisten, falls sie sich als bürgerliche Rechtsvartei fühlen und betätigen wollen, bis zum Zentrum einschließlich. Es sei damit zu rechnen, daß dem Reichstag des 14. September 1930 nur ein kurzes Dasein b e - s ch i e d en sein werde, worauf dann freilich im Hintergrund eines weiteren Wahlkampfes das Gespenst der Staatskrise in deutlichem Umrisse auftauche. — Die „Kreuzzeitung" (Konservat.) hebt hervor, daß die Wahlen unter dem Zeichen des Dounaplans und der Wirtschaftskrise gestanden hätten. Außenpolitisch bedeuten sie ein entschiedenes Aufbegehren gegen den Frieden von Versailles, gegen die Erfüllungspolitik und gegen den Poungplan, andererseits aber ein Sturmzeichen für die heutige Staatsund Gesellschaftsordnung. Das heutige System habe einen argen Stoß erlitten, das sog. Bürgertum sei auf der ganzen Linie geschlagen. Der Reichskanzler habe schwere Stunden vor sich. Die Nationalsozialisten ständen vor schwerer Verantwortung. — Die „Börsenzeitung" (Konservat.) schreibt: Die Tatsache besteht, daß die rote Burg des Marxismus in der gewaltigen Wellenbewegung dieser Wahl sich als unerschütterlich erwiesen hat. Den Nationalsozialisten ist es nicht gelungen, die Idee zu verwirklichen, die deutsche Arbeiterschaft dem Internationalismus zu entreißen und den deutschen sozialistischen Arbeiter zum Nationalismus zu erziehen. Der letzte Grund für das gerade im Ausland mit geheimen
Frage^ die jetzt beantwortet werden muh, ist die: ob alle staatserhaltenden Parteien auf Grund dieser Wahl zur Einsicht und Vernunft gelangt sein werden. Das muh sich in den nächsten Tagen zeigen. „Der Deutsche" (christl. Gewerkschaften) beschäftigt sich damit, wie mit diesem Reichstag regiert werden soll. Es erscheine fraglich, ob überhaupt eine Mehrheitskoalition zustandezubringen sei. Es blieben nur zwei Möglichkeiten: Die Große Koalition, erweitert durch die Wirtschaftspartei oder eine Regierung, die an keine Koalition gebunden ist. Eine Beteiligung der Volkspartei und der Wirtschaftspartei an der Großen Koalition sei aber mehr als ungewiß. Anderseits werde eine unabhängige Regierung mit Mehrheiten von Fall zu Fall ein höchst unsicheres Regieren sein.
Blätter der Mitte.
Der „I u n g d e u t s ch e" (Staatspartei) spricht von einer tatsächlich vorhandenen Staatskrise. Zwei Sensationen habe die Wahl gebracht: Das Anwachsen der Nationalsozialisten und die Niederlage der Sozialdemokraten. Das Wahlergebnis für die Deutsche Staatspartei befriedige gewiß nicht, es fei aber nicht mit den Zahlen der alten Demokratischen Partei bei den letzten Reichstagswahlen zu vergleichen, da die Deutsche Staatspartei eine völlig neue Partei sei. — Der „B ö r- sen-Courier" (Dem.) stellt u. a. Betrachtungen über die weiteren Möglichkeiten an. Die Brüning- Parteien, d. h. die bürgerliche Mitte, seien außerstande, ohne Hilfe auch nur eine dauerfähige Minderheitsregierung zu bilden. Eine Regierung wäre nur möglich, wenn die staatsverantwortlichen Parteien einen Block gegen d i e staats- z e r st ö r-e n d.e n bilden würden. Eine Weigerung der Sozialdemokratie zur Zusammenarbeit mit den Brüningparteien könnte die Mitte zwingen, es mit Hugenberg-Hitler zu versuchen. — Die „V o s s i s ch e Zeitung" (Staatspartei) gibt zu: 107 Nationalsozialisten, dazu 41 Deutschnationale unter Hugenberg und 76 Kommunisten, dieses Ergebnis vom 14. September ist ein Sieg des Radikalismus, auf den man selbst nach den Vorsignalen in Thüringen und in Sachsen und nach den Stadtverordnetenwahlen in Preußen nicht vorbereitet war. Die Reaierung Brüning wird sicherlich in unveränderter Zusammensetzung im Oktober vor dem Reichstag treten mit dem Programm, das es vor den Wahlen in mehreren Gesetzentwürfen aufgestellt hat. Im neuen Reichstag werden die Parteien begreifen müssen, daß es kein anderes Programm gibt als das Deutsche Reich. — „Brüning hat das Wort", meint das „B. T." (Dem.) und schreibt: Durch den Ausfall der gestrigen Reichstagswahl ist das Zentrum vor die Entscheidung gestellt, ob es mit dem Nationalsozialismus oder mit der Sozialdemokratie regieren will. Das ist auf die kürzeste Formel gebracht der Kern der heutigen politischen Situation. Die Bildung jeder neuen Regierung ist durch die Stärkung der extremen und durch die Schwächung der Mittelparteien erschwert. Die Verantwortung liegt beim Zentrum. Lehnt das Zentrum die Koalition mit dem Nationalsozialismus ab, der die bisherige Außenpolitik ebenso zerschlagen will, wie den demokratischen Parlamentarismus, so bleibt nur die Verständigung mit der Sozialdemokratie. Das deutsche Volk braucht gerade jetzt eine feste Mehr- heit-regierung. — Die „DAZ." (mittelparteilich) bezeichnet die Reichstagswahlen als r a d i k a l e P rote ft w a h l e n und schreibt u. a.: Die Devise „Macht mir den rechten Flügel stark" hat ungeahnten Beifall gefunden. Der Wahlerfolg der Nationalsozialisten ist, wir stellen es mit kühler Sachlichkeit fest, eine Weltsensation. Für verfassungsändernde Gesetze gibt es in dem neuen Reichstag überhaupt keine Mehrheit. Mit gewaltiger Kraft hat sich in dem Wahlergebnis dumpf und unklar die Sehnsucht nach Autorität, nach sozialer Gerecy- tigkeit und nach einer stolzen Haltung gegenüber dem Ausland, das unterdrückt,
gegen die Sozialdemokratie die entscheidende Schlacht zu schlagen sein. — „Der Abend" (soz.) meint: Das Katastrophale des Wahlausganges besteht nicht sv sehr in der Niederlage der Regierung, wie in der Schaffung eines Trümmerhaufens, den wegzuräumen eine unendlich schwierige Aufgabe sein wird. Das entscheidende Merkmal der Wahl ist nicht Rückgang der Sozialdemokratie und Fortschritt der Kommunisten, sondern die Vernichtung des „regierungsfähigen Teils der Rechten".
Was die Nationalsozialisten verlangen.
Berlin, 16. Sept. (VDZ.) Von maßgebender nationalsozialistischer Seite wird mitgeteilt, daß nach Ansicht der NSDAP, der Wahlerfolg die Möglichkeit gebe, vor alle nun Preußen den bisherigen Regierungskurs gründlich zu ändern. Die Nat.Soz. hielten es für ausgeschlossen, daß eine Reichsregierung zu- standekomme, die sich wesentlich von der preußischen unterscheiden könne. An sich sei ja ‘im Reichstag die
die Nationalsozialisten als stärkste Regierungsfrat» tion zugleich die Forderung erheben, den Reichs» tagspräfidenten stellen zu können. Die Führung der Nationalsozialisten im Reichstag übernimmt Dr. Frick, während die Preußenfraktion der NSDAP, vom Abgeordneten Kube geleitet rotöb
Fraktionsgemeinschast der gemäßigten Rechten.
Berlin, 16. Sept. (TU.) Nach der „DAZ." sind zwischen den christlich-nativnalen Bauern (Landvolk), dem Christlich-sozialen Dolksdienst, dem Landbund und der Konservativen Volks- Partei Verhandlungen angebahnt worden, die darauf abzielen, eine gemeinsame Fraktion zu bilden, die in chrer Struktur der Christl. Nationalen Arbeitsgemeinschaft im alten Reichstag entsprechen würde. Insgesamt verfügen diese Gruppen über 43 Mandate. Auf Grund der bisherigen Besprechungen ist anzunehmen, daß die Fraktionsgemeinschaft zustande kommt.
Was sagen die Parteien znm Wahlergebnis?
Berlin, 15. Sept. (TU.) Eine Reihe von führenden Politikern äußerten sich auf Ditte der „Telegraphen-Union" zu der durch die Reichstagsneuwahlen entstandenen politischen Lage.
Oie Nationalsozialisten:
Für die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei erklärte Dr. Göbbels: Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei hat
Adolf Hitler Führer der siegreichen Nationalsozialisten.
einen triumphalen Wahlsieg von vornherein erwartet. 3n dem Umfange, in dem er tatsächlich eingetreten ist, kommt er selbst für uns- überraschend. Wir haben nicht die Absicht, auf den errungenen Lorbeeren auszuruhen. Der Kampf um die Eroberung der Macht geht am heutigen Tage weiter. Angesichts der vollkommenen verworrenen politischen Lage ist es im Augenblick unmöglich, eine Stellungnahme zu künftigen Regierungsbildungen zu geben. Jedenfalls aber kann erklärt werden, daß die Nationalsozialistische Bewegung nur unter den Umständen Verantwortung übernimmt, wenn sie das vor Volk und Nation, verantworten kann.
Oie Oeuischnaiionalen:
Die Parteileitung der Deutschnationalen Volks- Partei teilt auf Anfrage mit: Die Mitläufer
des Zentrums, die an feiner langjährigen Schaukelpolitik und damit an der Fortdauer des ®liv flusses der Sozialdemokratie schuld sind, haben die Quittung für ihre Politik erhalten. Die Deutschnationale Volkspartei, die über die ihr am 18.3uli verbliebenen 36 Mandate hinaus diesmal nur fünf zurückgewonnen hat, kann gleichwohl in dem Wahlergebnis nur eine volle Rechtfertigung des Kurses erblicken, den sie in starkem Gegensatz zu den absichtlichen oder unabsichtlichen Errungen der zersplitterten Mitte in den Kämpfen der letztem IV2 3ahre fest gehalten hat. Sie wird im Ruhe und entschlossen diesen Kurs weite rv e rf 0 l gen. Es ist bei unserer Feststellung verblieben: Das Gesetz des Handelns ist jetzt bei der Rechten. Der Kampf, der mit dem Volksbegehren begann, tritt mit Dem 14. September in einen neuen Abschnitt. Die Fortsetzung dieses Kampfes wird nicht lange auf sich warten lassen und soll uns gerüstet finden.
Landvolk und Konservative:
Wie wir aus Kreisen der Christlich-na- tionalen Bauern- und Landvolkpartei erfahren, hat man für die Partei selbst mit keinem wesentlich anderen Ergebnis gerechnet. Unter Hinzuzählung der Deutschen Bauernpartei wird die Landvolkgruppe mit Einschluß der Konservativen und der Hannoveraner rund 35 Mandate haben. Wie der Einsatz dieser Gruppe erfolgen kann, wird sich erst in den nächsten Tagen entscheiden. Man legt hier das Schwergewicht des Wahlergebnisses auf die Absage der Wählerschaft an d i e Sozialdemokratie. Da die Landvolkpartei keine Möglichkeit der Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie sieht, könnten sich auch Dolkspartei und Wirtschaftspartei an eine Große Koalition nicht heranwagen. Die Nationalsozialisten hätten also durch ihren Wahlerfolg die Verantwortung dafür bekommen, ob überhaupt dec Versuch einer sachlichen Fortführung der Politik gegeben ist. Die Voraussetzung dazu wäre die Einigung mit den Deutschnationalen auf positive Ziele.
Der Christlich-soziale Volksdienst:
Don christlich-sozialer Seite wird geschrieben: Die Reichstagswahl war eine Weltanschauung s w ah l. Nicht das wirtschaftliche Interesse, sondern die Weltanschauung siegte. Sie brachte für den Christlich-sozialen Dolksdienst


