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wir mühten also in einem guten Lrnlejahr wie 1929 ohne Einfuhrüberschuß an Brotgetreide oder mit einem sehr geringen auskommen. Die Ausgabe von 449 Millionen Reichsmark für eingeführten Weizen konnte ganz oder zum allergrößten Teil vermieden werden, wenn von uns weniger Weißbrot und Brötchen und dafür

mehr Roggenbrot gegessen wurde.

Denn wir haben den Roggen im Lande. Sn guten Erntejahren gewinnen wir ungefähr 2,5 Millionen Tonnen Roggen, die als Lieberschuh bei unserer Ernährung keine Rolle spielen, wen wir sie nicht aufzehren. Dafür wird die gleiche Menge Weizen eingeführt, der viel teurer ist und unser Geld ins Ausland zieht. Der Rauer aber kann seinen Roggen nicht los werden. Seme Rot wird größer, statt kleiner. Der Staat muß helfen! Lange Beratungen und Sitzungen werden abgehalten, Artikel werden geschrieben, eine Lite­ratur wächst über die Roggenfrage an. Hilfs­maßnahmen werden ausgedacht und versucht mit viel öffentlichen Mitteln und großem Aufwand. Sm Grund genommen sind sie alle u m s o n st. Sie helfen nur auf Zeit und zu schwach, um wirklich zu nützen. Derweilen wachsen die Roggenberge. Wohin, wohin mit dem Lieberfluß? Förmliche Angst überkommt diejenigen, welche sich mit der Roggenfrage befassen, vor einem guten Erntejahr. Die Roggenanbaufläche muß verringert werden! Geringere Böden sind dem Getreideanbau 'zu entziehen und aufzuforsten! Das ist letzte Rettung, die der Landwirtschaft noch bleibt! So sind die Borschläge!

Wo ist denn lleberfluß? Wir können in guten Erntejahren, wenn wir Glück haben, knapp aus­kommen mit unserem Brotgetreide, nur müssen wir auch verzehren, was da ist. Was sagen wir zu einer Hausfrau, die überlegt, wohin sie ihr Ochsenfleisch, das sie im Hause hat, verkaufen will, nur weil Mann und Kinder lieber Schweine­fleisch essen? Wir denken nur in falscher Rich­tung. und, weil wir das tun, überfällt uns die lächerlichste Angst, die ein Mensch bekommen kann, diejenige vor einem lleberfluß, der nicht vorhanden ist.

Verzehren wir aber diesen Roggen, vor dem wir Angst haben, verhüten oder verringern wir auf diese Weise die Weizeneinsuhr, was ist die Folge? LIngefähr eine halbe Milliarde Reichsmark bleibt im Lande und kommt uns selbst zugu'e. Ein Teil dieses Geldes fließt unserer Landwirtschaft zu, die nun ihren Roggen zu vernünftigen Preisen verkaufen kann. Die Rot der Bauern wird geringer, ihre Kaufkraft wächst. Die Landwirte können in größerem Maße als bisher Sndustrieerzeugnisse erwerben, die sie brauchen. Die Sndustrie kann besser ar­beiten, sie verlangt mehr Arbeitskräfte. Eine große Zahl von Menschen wird wieder zur Ar­beit herangezogen. Sie werden dem Zustand der Rot, der Sorge und Zwecklosigkeit, in dem sie dahinleben, entrissen. Der übrige Teil des ersparten Geldes kommt unä selbst direkt zugute. Seder von uns braucht weniger Geld, wenn wir mehr Roggenbrot statt Brötchen und Weiß­brot esten. Der eingesparte Betrag kann zum Einkauf von Brotaufstrich verwendet werden und verbessert so die Rahrung jedes einzelnen von uns. So helfen wir uns selbst, und hilft jeder Stand dem anderen.

Wir nützen uns aber noch in"anderer Hinsicht, wenn wir mehr Roggen als bisher zu unserer Rahrung verwenden. Cs wäre gewiß falsch, ohne weiteres den Sah auszustellen: _ Roggenbrot ist gesünder als Weizenbrot. Weißbrot aber und . Brötchen, wie wir sie zu essen gewohnt sind, -werden aus Feinmehl hergestellt. Dieses Fcin- -.mehl aber enthält keine Vitamine, wenig Salze, relativ wenig Eiweihstoffe und von diesen nicht die besten. Dem Drang nach immer größerer Feinheit in Dingen des Geschmackes, wie er den Menschen auf einer gewissen Kuiturhöhe und bei größerem Wohlstand anwandelt, wird nicht u n g e st r a f t ins Grenzenlose nachgegeben. Sm Frankreich Ludwig des XIV. beginnen die Ver­suche des Menschen, immer feinere, immer wei­ßere Mehlsorten zu erhalten. Der Genuß von

Wirble ins Leben!

Vornan von Anna Fink.

Llrheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau, S.-A

22 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Er mußte an Barbara denken. Shre kühle und beinahe schüchterne Art zog ihn besonders an.

Es ging auf den Abend.

Er sah Barbara auf einer Bank sitzen und in die Weite schauen.

Er sprang ins Haus und kam kurz darauf mit einem wunderbaren Schal aus zarter, feiner, kunstvoll gestrickter Wolle zurück.

Leise trat er hinter die Bank, auf der Bar­bara sah, und legte ihr den Schal um die Schultern.

Sie zuckte erschreckt zusammen, dann sah sie, wer es war.

Es ist kühl, Signora Barbara. Dies ist ein türkischer Schal, von einheimischen Frauen her­gestellt. Er ist zart wie Spinnweben und dabei sehr warm. Sch freue mich unendlich, wenn Sie ihn annehmen von mir."

Barbara wurde rot.

Sch danke Shnen herzlich, Conte, und nehme ihn als Gastgeschenk und liebes Andenken an Shre sorgende Güte an. Sch bin jetzt wieder ganz hergestellt, und morgen möchte ich weiter."

Signora, das das kann unmöglich Shr Ernst sein", stieß der Conte hervor.Sagen Sie, habe ich Shnen wehgetan? Hat Sie jemand beleidigt? Langweilen Sie sich hier in der Ein­samkeit? Dann reisen wir! Wohin befehlen Sie, daß die Reise gehen soll? Wollen wir an die italienische Riviera fahren oder nach Capri? Wünschen Sie Palermo kennenzulernen oder Ta­ormina? Sie brauchen nur zu befehlen, Sig­nora!"

Barbara sah ganz verängstigt da. Diesem südlichen Lemperamentsausbruch war sie nicht gewachsen.

Sch kann doch nicht immer hierbleiben und Shre Gastfreundschaft in Anspruch nehmen", wandte sie ein.

Der Graf fuhr auf:Weshalb nicht? Sie sind die Sonne in meinem Leben, Signora. Bleiben Sie noch da! Sie haben Schweres hinter sich. Mir ist Shr Rame ganz gleich, und ich will nicht wissen, was Sie veranlaßt hat, meine Hilfe anzurufen. Sch bin überglücklich, daß Sie es ge-

weißerem Brot bringt allmählich in breitere Volksschichten, er wird zum Kennzeichen einer bestimmten Kulturhöhe eines Volkes.Die Wei- zenbrötler verstehen unter Weizenbrot schlecht­weg ein Gebäck, das nicht aus Mehl von 80 bis 85 Prozent gebacken ist, sondern von 60 bis 40 Prozent oder darunter."Die Weizenbrot Ge­nießenden gehören einer höheren Stufe an, die Freude hat an reinem, unverdorbenem Brot­geschmack. Das Weizenbrot kennzeichnet die an­spruchsvollere Kost und den Geschmack der älteren Kultur des Westens. Dessen rühmen sich die Völker des Weizenbrotes bis zur Lieberhe­bung." (Maurizio, Die Geschichte unserer Pflan­zennahrung. )

Aber diese Lieberhebung, dieser Drang nach einem allzu feinen Kulturerzeugnis geschieht nicht ungestraft.Die wertvollen Bestandteile des Getreidekornes (Proteine, d. h. Ciweißstoffe, und Fett) werden bei der Herstellung der Mehle durch Abtrennung der Haut- und Kleberschicht meistens entfernt." (König, Rahrung und Ernährung des Menschen."Dem Verbrauch nach zu urteilen ist das weihe Mehl, (gesiebtes Weizenmehl) die wichtigste Energienahrung in Amerika und Eu­ropa. Das ist bemerkenswert, weil ihm notorisch mehr diätetische Faktoren fehlen, als irgend­einem anderen Rahrungsmittel, außer Zucker, Stärke und Fette, welche in reinem Zustand auf den Markt kommen. Es besteht hauptsächlich aus Stärke, Eiweiß und anorganischen Salzen. Sein Eiweiß ist von relativ geringer Qualität und seinen Mineralbestandteilen fehlen in erster Linie Calcium, Ratrium, Chlor, Eisen und Phosphor." Dem Weizenmehl fehlen alle Vitamine." (Mc. Collum und R. Simmonds, Reue Ernäh­rungslehre.)Feinbrot, dem die Kleie fehlt, ist fast gänzlich frei von Vitaminen, denn diese sind zum allergrößten Teil in der Kleie enthalten. Würden wir fast ausschließlich von Brot leben, wie in Ostalien weite Volksschichten von Reis, so würden in der Lat schwere Schädigungen durch Feinbrotnahrung unausbleiblich sein, wie sie in Ostasien durch geschälten Reis, d. h. Reis ohne Reiskleie bekannt sind (Beriberi-Krankheit). Bei ausschließlicher Ernährung mit Feinbrot tre­ten schon nach zwei Wochen Krankheitssymp- tome auf, während mit Vollkornbrot als einziger Rahrung auch bei langdauernden Versuchen kei­nerlei Schädigungen beobachtet worden sind." (Prof. Pütter im Vorwärts, 13. Mai 1930.)

Der Wunsch nach feinem Brot, das aus wei­ßerem Mehl gebacken ist, führt den Menschen zum ausschließlichen oder vorwiegenden Ver­brauch von Weizen.

Der Genuß des Brotes und der Brötchen, die aus bloßem Feinmehl hergestellt sind, läßt uns aber Mangel leiden an Stoffen, die lebens­wichtig oder doch gesundheitserhaltend sind. Diese müssen wir durch andere Rahrungsmittel zu­führen, oder wir entbehren sie. Fehlt aber neben kräftigem Brot auch noch frisches Gemüse in der Rahrung, dann treten chronische Verdauungs­störungen in gehäuftem Maße auf, wie dies in

England zu beobachten ist.

Die Zahnkrankheiten, welche dort in noch er­schreckenderer Weise als bei uns die Gebisse zer­stören. dürften die gleiche LIrsache haben. Sm Gegensatz dazu ist das harte Vollkornbrot der Alpengegendenein vorzüglicher Ersatz für Zahn­bürsten",und in der Tat sieht man hier unter den Leuten prachtvolle weiße Zähne". (Siedler, Ob den Heidenreben.) Die Derbheit dieses Brotes verbindet sich mit diesem Gehalt an wichtigen Stoffen zu der Fähigkeit, die Zähne zu guter Ent­wicklung zu bringen und gesund zu erhalten.

Entschließen wir uns aber dazu, um unsere Gesundheit zu erhalten, vorwiegend Vollkorn­brot zu essen, dann besteht keinerlei Grund mehr, Weizenmehl zu bevorzugen. Ganz im Gegenteil ist dann dem Roggen der Vorzug zu geben. Er liefert sehr schmackhafte Vollkorn- und Schrot­brote. Der Weizenschrot dagegen verarbeitet sich schlecht beim Backen. Weizenschrotbrot hat leicht eine graue Farbe und einen strohigen Geschmack. Der Llnansehnlichkeit wegen wird es nicht gern gebacken und gekauft. Roggenvölker sind also besser dran als Weizenvölker, weil sie leichter

tan haben. Sch freue mich über Shr Dasein, Si­gnora Barbara, ich. Er hielt inne, als fürch­tete er, zu viel zu sagen, und bedeckte Barbaras Hand mit glühenden Küssen.

Er sah sie bittend an. Barbara lächelte traurig.

Er unterdrückte gewaltsam seine Erregung und sprach scheinbar ganz ruhig:Sie sollen nicht denken, daß ich irgendwie Shre Lage ausnuhen will. Sie haben zu befehlen, aber bleiben Sie vorläufig mein Gast, nicht wahr, das verspre­chen Sie mir? Sch folge jedem Wink Shrer Augen!"

Er hatte sanft den Arm um ihre Schultern gelegt, und Barbara schloß die Augen. Wieder überfiel sie das seltsame Gefühl, als gewänne irgend etwas Macht über sie, dem sie immer mehr verfiele.

Kommen Sie ins Haus, Signora", hörte sie des Grafen Stimme sagen. Wortlos erhob sie sich, und er führte sie ins Haus zurück.

Sch bin doch noch etwas schwach, Graf", sagte Barbara, als sie zu Abend aßen.

Sehen Sie", rief er triumphierend wie ein fröhlicher Sunge,ich sagte es Shnen gleich, Signora Barbara. Sie müssen noch viel Erholung und Ruhe haben."

Er geleitete sie in ihr Zimmer und wünschte ihr herzlichgute Rächt" undwohl zu ruhen!"

Barbara sank auf den Divan und starrte in das verhängte Licht der Ampel.

Sch muß weg, ich halte das nicht länger aus", dachte sie.Der Conte ist ein wahrer Edelmann, ritterlich und vornehm, aber ich komme mir wie eine Gefangene hier vor. Dies ewige zu Füßen liegen lähmt mich, und ich kann mich nicht da­gegen wehren, morgen schon kann ich dem rest­los zum Opfer fallen. Bin ich darum von Much fort? Rein. Fort, nur fort!"

Lind hastig schlüpfte sie in ihre alten Reise- Keiber, die Sutietta sogleich gesäubert und fort­gehängt hatte.

Rur den Schal behielt sie, die anderen Sachen, die ihr zur Verfügung gestellt worden waren, legte sie fort.

Sie war mit einem Male wieder ganz die alte, tatkräftige Barbara von ehemals.

Sie £>ar wieder vollkommen hergestellt, das fühlte sie, und diese Rächt wollte sie fort.

Sie verhielt sich ganz ruhig. Sulietta kam noch einmal, um nach ihren Wünschen zu fragen. Sie warf schnell einen Mantel um und lieh sie herein.

Sulietta, sagte sie,Sie hoben mich so gut gepflegt, und heute fühle ich mich vollkommen

als diese zu einem kräftigen und vollwertigen Brot zurückkehren können oder dieses noch besitzen. So sehr wir uns aber über Kulturfortschritte, die dem Menschen das Leben angenehmer und reicher machen, freuen sollen, müssen wir doch mit der einen oder anderen Lleberseinerung aus- räumen, sollen wir nicht mit der Zeit daran zu­grunde gehen.

So zwingen uns wirtschaftliche Gesichtspunkte und bessere Einsicht auf Grund medizinischer Forschung und Erkenntnis in gleicher Weise da­zu, Roggenbrot zu essen. Wir wollen froh sein, daß wir Roggen im Lande haben und uns nicht dessen schämen und ihn als Rahrungsmittel ver­achten. Daß sich der Geschmack grundlegend nach der Seite des Weizen es gewandelt hat und daran nichts zu ändern ist, das wird im Ernste nie­mand glauben, wenn er nur einmal ruhig darüber

nachgedacht hat. Glaubt es aber einer wirklich, dann soll er selbst nur vier Wochen lang gute® Roggenbrot essen und sich dann fragen, was ihm besser schmeckt. Wer aber weiß, daß ihn eine Lebensgewohnheit wirtschaftlich oder gesundheit­lich schädigt, und läßt sie nicht oder schränkt sie nicht wenigstens ein, den halten wir für einen Schwächling. Keiner aber von uns, die dies lesen oder geschrieben haben, wird sich selbst im Emst für einen Schwächling halten. Lind er tut recht daran! Wir müssen durchkommen durch Rot und schlechte Zeit, weil wir zu Besse­rem wollen! Fangen wir an, uns auf uns selbst zu besinnen und auf das Brot, das wir essen sollen und können! Wir werden dann noch anderes finden, das wir bei uns selbst bessern können und womit wir uns helfen!

Arbeitslosigkeit undBerussberatung

Von Dr. Bartholomäus Bottenbacher, ÄerusSberaiungsstelle beim Arbeitsamt Gießen.

Die Schwere der chronischen Arbeitslosigkeit verbreitet in allen Schichten der Bevölkerung ein dumpfes Gefühl der Existenzunsicherheit und zieht natürlicherweise auch die Berufsberatungs- sprechstunde, in der Lebens- und Berufsschick­sale entschieden werden, mit in ihren Bann. Mehr denn je werden an Stelle der vielgerühmten und meist oberflächlichen Berufsneigung von den El­tern bei der Berufswahl ihrer Kinder die Berufs­aussichten in den Vordergrund der Beratung ge­stellt. Sn welchen Berufen hat mein Sunge die besten Aussichten, wo kann er am meisten ver­dienen und wird am wenigsten arbeitslos? Das sind gewöhnlich die allzu verständlichen Fragen der Eltern an den Berufsberater geworden. Lind nicht selten kann man von den Erziehungsberech­tigten hören, ob es überhaupt noch Zweck habe, das Kind einen Beruf erlernen zu lassen, wenn es nach dem Auslemen doch arbeitslos werde und schließlich einen ungelernten Gelegenheits­arbeiter machen müsse. Der Sammer des Ar­beitenwollens und nicht Arbeitendürfens von Millionen Arbeitsfähigen wirft auch in die Sprechstunden der Berufsberatung seine dunklen Schatten.

So ergibt sich von selbst die Frage, ob d i e Berufsberatung auch d i e Arbeits- losigkeit vermindern könne, eine Frage, die bei der heutigen ungeheueren Wirtschaftsnot von großer aktueller Bedeutung ist. Zunächst ein Wort über die Gefahrenverminderung persön­licher Arbeitslosigkeit durch die Berufsberatung. Sn der Erfüllung ihrer Aufgabe, unter Berück­sichtigung von Reigung, Eignung, Familien- und BerufsverhLltnissen, den jugendlichen Rachwuchs in der Wirtschaft an den rechten Platz zu bringen, bewahrt sie die von ihr betreuten Berufsanwär­ter vor falscher Berufswahl und damit auch vor häufigem, gewöhnlich mit Arbeitslosig­keit verbundenen Stellen- und Berufswechsel, ilnter sonst gleichen Llmständen hat der tüchtige, seinem Beruf körperlich und geistig gewachsene gegenüber dem seinen Beruf verfehlten Fach­arbeiter ohne Zweifel die günstigeren Aussichten auf dauernde Beschäftigung. Bewährungskontrol­len bestätigen im allgemeinen immer wieder die bessere Tauglichkeit der durch die Berufsbera­tung vermittelten Lehrlinge. Wieviel unnötiger Arbeitslosigkeit mag die öffentliche Berufsbera­tung während ihrer mehr als 10jährigen Tätig­keit bei Millionen Beratener schon vorgebeugt haben? Man bedenke, daß nach Feststellungen von Berufsberatungsämtem 30 bis 35 Prozent aller ratsuchenden Sugendlichen aus physischen, psychischen, finanziellen und berufspolitischen Gründen für einen anderen als den gewünschten Beruf umberaten werden müssen..Was Wunder bei tausenden, meist unbekannten Berufen! Rur schade, daß sich die Erfolgstätigkeit der Berufs­beratung hinsichtlich verhüteter Arbeitslosigkeit nicht zcchlenmähig nachweisen läßt. Denn was man zählen kann, sehen viele Menschen leichter ein. Shr würde wahrscheinlich sonst manch un­verdiente Geringschätzung erspart bleiben.

Aber, kann man mit scheinbarem Recht ein­

werfen, die Berufsberatung verhütet^zwsr, indem sie den rechten Mann an den rechten Platz bringt, vermeidbare Arbeitslosigkeit bei den von ichr Betreuten, jedoch die Gesamtarbeits­losigkeit könne sie dadurch nicht vermindern. Denn es können ja nicht mehr Arbeiter beschäftigt werden, als für sie Arbeit vorhanden ist. Werden die durch die Berufsberatung Gegangenen im all­gemeinen weniger arbeitslos, dann müssen es die andern bei gegebenen Auftragsbeständen und gegebenen Bedingungen um so mehr werden. Also an der allgemeinen Arbeitslosigkeit ändere sie nichts.

Halten wir uns vor Augen, daß der tüchtigste Arbeiter auch der rentabelste ist. Zehn Quali­tätsarbeiter etwa, die, sagen wir, soviel leisten als fünfzehn weniger tüchtige, sind billiger, selbst wenn sie entsprechend ihrer Mehrleistung den Lohn der fünfzehn erhielten, da sie weniger Generalunkosten an Arbeitsräumen, Licht, Hei­zung, Reinigung, Aufsicht, Sozialversicherungs­beiträgen, Buchhaltungskosten usw. verursachen. Auch verstehen Qualitätsarbeiter mit Material und Arbeitsmitteln ökonomischer umzugehen. Linier sonst gleichen Bedingungen wird de« Llnternehmer eine Vorzugsrente genießen, d. h. auch in der Lage sein, um, diesen Differenzial- gewinn billiger zu verkaufen und die Konkurren-' ten aus dem Felde zu schlagen, der die tüchtigsten Facharbeiter hat. Run werden gewiß dadurch, daß die einen Unternehmer infolge besserer Qualitätsarbeiter konkurrenzfähiger sind als dir andern und ihnen, die Aufträge abjagen, die Arbeitsgelegenheiten im Lande nicht ohne wei­teres vermehrt. Wir haben aber keine geschlossene Volks-, sondern eine internationale Wirtschaft, jedes Land oder Volk steht wirtschaftlich im Wettbewerb mit anderen Rationen. Der Kampf um die ausländischen Absatzmärkte und Dienst­leistungen im internationalen Waren-, Effekten-, Zahlungs- und Transportverkehr spielt heute bei allen Sndustrie- und Handels- wie Agri­kulturstaaten eine außerordentlich wichtige Rolle. Und hier auf dem Weltmärkte wirkt sich die Berufsberatung als Rentabilitäts­faktor der Wirtschaft befruchtend in der Beschaffung neuer Arbeitsgelegenheiten aus- Rehmen wir nur an, alle Länder ständen in technischer Ausrüstung auf gleicher Höhe, bann wird zweifellos das Land mit den tüchtigsten Arbeitern, die ja die büligften sind, am wohl-- feilften exportieren können und die meisten Chancen haben, den auswärtigen Konkurrenten den Rang abzulaufen. So trägt die öffentliche Berufsberatung indirekt durch rationelle Berufs- auslefe zur Vermehrung der Arbeit im Lande und zur Verringerung der allgemeinen Arbeits­losigkeit bei.

Als unsere durch Krieg und Snftatton her­untergebrachte Wirtschaft neu aufgebaut und die verlorengegangene Stellung auf dem Weltmärkte wieder zurückerobert werden muhte, hat man auch die helfende Berufsberatung nicht vergessen und immer mehr ausgebreitet. Man konnte nicht gut auf der einen Seite mit allen

gesund. Das ist mit zum größten Teil Shr Werk. Da, behalten Sie das als Andenken." Barbara machte eine kleine goldene Radel von ihrem Kleide los und gab sie der Alten.

Rur als Andenken an die tedesca, sagte Barbara lächelnd, als die Alte gerührt ihre Hand küßte und ihre Wange streichelte unter tausend Segenswünschen.

Gehen Sie zu Bett, Signora", sagte die Alte, daß Sie mir nicht wieder krank werden."

Lind dann flüsterte die treue Seele geheimnis­voll:Der Conte Malfieri ist ganz verliebt in Sie, aber Sie, Signora, haben es, Madonna mia, noch nicht einmal gemerkt." Lind leise lachend zog sie die Türe hinter sich zu.

Barbara stand erstarrt da.

Tatsächlich, dies war ihr noch nicht einmal klar gewesen.

ilm so nötiger war es jetzt für sie, fortzu­gehen.

Sie schrieb ein paar Zeilen, in denen sie dem Conte in warmen Worten dankte für alles Gute und alle Hilfe, und ihn um Verzeihung bat für ihr Verschwinden. Sie könne nicht anders, schrieb sie, und darunter ihren HamenSignora Barbara."

Den Bries ließ sie auf der Mitte des Tisches liegen, wartete noch eine Stunde und schlich dann leife die Treppe herab und zum Hause hinaus. Sie kam sich wie eine Verbrecherin vor, aber es ging eben nicht anders. Sie kam auch unbemerkt durch den Garten.

Sm Zimmer des Grafen war noch Licht, und sie sah den Schatten feiner Gestalt hinter der Gardine auf- und abgehen.

Traurigkeit ergriff sie.

Dieser Mann hatte ihr nur Gutes getan und muhte ihr Benehmen als reinsten Llndank emp­finden.

Sie warf den Kopf zurück, kletterte im Schat­ten eines großen Gebüsches über das Gitter und stand mit einem Sprung auf dem Weg, der nach Frascati hinunterführte.

* * *

Reginald Contius stand vor dem Spiegel und band sich eine Krawatte um. Zweimal band er sie neu, denn sie sah immer noch nicht zur Zu­friedenheit.

Verdammt noch mal, knurrte er ärgerlich, was man nicht alles muh, dieser dämlichen Einladung wegen. Es wär auch gescheiter, ich lieh die ganze Geschichte schwimmen, hab sowieso nicht viel Lust dazu."

Endlich war er mit der Krawatte fertig. Er

kämmte die Haare zurück und bearbeitete sie mit der Bürste.

Zwischendurch muhte er fein Gesicht im Spiegel betrachten.

Bin ich das, Reginald Contius, oder nicht? dachte er und fing an, feine Augen, feinen Mund, seine Rafe intensiv zu studieren.

Sch habe tatsächlich nicht gewußt, wie ich aussehe", murmelte er vor sich hin.So etwas unbestimmt und verschwommen, ich glaube fast, ich habe schon etwas zugenommen."

Er schüttelte den Kopf und lieh den Blick Lurchs Zimmer gehen.

Es war ein nettes Zimmer, ziemlich groß und geräumig. Obgleich es mit Sorgfalt eingerichtet war, war der Charakter des möblierten Zim­mers unverkennbar.

Er zog sein Sadett über, griff nach dem Hut und ging hinaus.

Draußen im halbdunklen Flur begegnete ihm seine Vermieterin.

Ra, Herr Contius, soll's noch a bifferl Weg­gehen? Sft auch a schöner Abend beut. Tun s sich nur a bifferl von dem schweren Dienst erholen."

Guten Abend auch, Frau Berger. Freilich haben Sie recht."

Sessas na, den neuen Anzug haben's gar ange­zogen heut'." Die dicke kleine Frau drehte das Licht im Flur an.Sch muß halt amal schauen, wie er Shnen sitzt. Ra, dev Herr Reiher arbeitet gut, gelt? Schneidig sehens aus, Herr Contius. Grad zum Verlieben. Er könnt nicht besser sitzen." Lind fast mütterlich strich sie um Contius herum, hier und da über den Rock streichend und ihn zurechtzupfend.

Gutmütig lächelnd ließ Reginald die Sorglich- keit der Frau über sich ergehen.

Ra, bin ich nun schön genug, fragte eS bann, als sie gar nicht fertig werden wollte.

Gell, Sie sind gewiß einglaben heut' abend", sagte Frau Berger betulich.Müssen schon ver­zeihen, daß ich so neugierig bin. Aber Sie wissen's schon, Sie hab' ich besonders ins Herz geschlossen."

Gewiß, Frau Berger, und damit Sie gut schlafen, sollen Sie's auch wissen, weil Sie gar fo gut für mich sorgen: Zum Baron Griffinger."

Ra, was Sie net sagen!" Die rundliche Frau schlug vor Erstaunen die Hände zusammen.Das Fräulein Tochter, die Hila, hat schon neulich mal nach Shnen gefragt, Herr Contius.

So, so, sagte Reginald, scheinbar zerstreut.

(Fortsetzung folgt.)