Nr. |90 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)
Samstag, 1b. August 1930
Baumarkt und Konjunktur.
Don Reichsarbeitsminister Or. h. r. Adam Slegerwald
Der Wert der baugewerblichen Produktion m Deutschland belief sich im Jahre 1929 auf rund 9 Milliarden Beziffert man die Gesarnterzeu- flung unserer Dolk-wirtfchaft Im gleichen Jahre auf etwa 70 Milliarden, fo ergibt sich, daß im Baugewerbe und feinen Hill-industrien rund ein Achtel der deutschen Gefamtpro- d u k t i o n verkörpert war. Schon diese eine Tatsache illustriert mit genügender Eindringlichkeit, was ein einigermaßen normaler Daumarkt für die Stabilität unserer Wirtschaft bedeutet, und sie illustriert nicht minder eindringlich, welch entscheidende Stütze der allgemeinen Konjunktur durch eine Stockung der Bautätigkeit entzogen wird.
Eine solche Stockung ist nun im Jahre 1930 eingetreten. Auf die Gründe, die diese Abwärtsentwicklung herbeigeführt haben, will ich hier nicht zurückkommen. Sie sind in der Oefsentlichkeit in den letzten Monaten genügend erörtert worden. Ich möchte nur die gegenwärtige Lage an einigen wenigen Zahlen verdeutlichen: Mitte Juli wurden auf den Arbeitsämtern allein 217 COO arbeitsuchende Dau-Zacharbeiter gezählt: daS waren mehr als viermal soviel wie im gleichen Zeitpunkt des DorjahreS. Die gewerkschaftlichen Bauarbeiter-Dcrbände meldeten in diesem Juni 38 v. H. arbeitslose Mitglieder gegen 6,7 v. H. im Juni 1929. Damit sind die Bauarbeiter vom Schicksal der Arbeitslosigkeit gegenwärtig stärker betroffen als alle ihre übrigen Zachvcrbands- kollegcn. Und das im Sommer, in der Zeit der eigentlichen .Bau-Hochsaifon"l
Don den Wirkungen einer derartigen Depression auf die Volkswirtschaft als Ganzes kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, daß zur Zeit der letzten Berufszählung, also im Jahre 1925, rund 1,4 Millionen Arbeiter und Angestellte im Baugewerbe beschäftigt waren. Inzwischen hat sich diese Zahl — teils durch den allgemeinen Zuwachs an Erwerbsfähigen überhaupt, teils durch den Zustrom auS anderen Industrien — ohne Zweifel um Hunderttaufende erhöht. Dazu kommen diejenigen, die in den mehr oder weniger vom Baugewerbe abhängigen Industrien, wie Steine und Erden, Holzgcwcrbe, Eisenindustrie, beschäftigt bzw. in der Gegenwart nicht beschäftigt werden. Aber auch damit noch nicht genug! Es liegt nun einmal eine unabweisbare Gesetzmäßigkeit darin, daß ArbeitS'osigkeit weitere Arbeitslosigkeit mit sich bringt. Der Bauarbeiter — wie jeder Arbeiter — ist nicht allein Produzent, sondern auch Konsument. Und wenn viele Hunderttaufende gezwungen find, von der Arbeitslosen-, Krisen- oder WohlfahrtSunterstützung zu leben, d. b. ihre Kaufkraft auf die Hälfte oder gar ein Viertel zusammengeschrumpft ist, so muh da- notwendig die Absatzlage etwa der Bekleidungsindustrie, der Dahrungsmittelgewerbe, der Leder- und Schuhindustrie, der Möbelindustrie, tiefgreifend beeinflussen. Absatzstockung bedeutet aber auch hier: Steigerung der Arbeitslosigkeit. Die Einflüsse, die aui diese Weise vom Baugewerbe auf die Lage der Konsumgüterindustrien ausgeübt werden, sind um so schwerwiegender, als die Depression des Baumarktes nun schon über ein halbes Jahr anhält und auch im letzten Winter — trotz denkbar günstiger Witterungsverhältnisse — die Arbeitslosenziffer der Fachverbände auf über 60 v. H. binauffletrieben hat.
Unter diesen Umständen ist eine- klar: Soweit die kritische Finanzlage eS der Reichsregierung überhaupt erlaubt, auf dem Wege der Arbeitsbeschaffung unmittelbar in den Konjunkturverlauf einzugreifen, muh sie versuchen, gerade bei der Bauwirtschaft, diesem .Krisenherd" erster Ordnung, anzusetzen. Eie fühlt
Mode-Gpionage in Paris.
Geheimdienst derNeuyorker Konfektion —Oie Kamera am Fußgelenk- Abwehrmaßnahmen d.r Modehäuser.
Don Hermann Schlüter.
Paris, August.
In Qüiefenlettcm berichteten vor einiger Zeit die Pariser Blätter über die Verhaftung zweier Amerikanerinnen, denen man nachweisen konnte, dah sie gewerbsmäßig französische Modelle gestohlen und nach Amerika verkauft haben. Die beiden sollen Monatseinnah- men von 40 000 Franken und mehr gehabt haben. Seit langem schon setzt sich die Pariser Presse energisch für einen erhöhten Schutz der sran- zöfischen Mode gegen den überhandnehmenden Modelldiebstahl ein. In der französischen Kammer liegt schon seit geraumer Zeit ein Entwurf, der für Kleidermodelle den gleichen Urheber- rechtSschutz vorsieht, wie ihn das Gesetz bisher Kunstwerken und Erfindungen gewährte.
Um das verstehen zu können, muh man sich vor Augen halten, daß Modeerzeugnisse nicht nur einer der wichtigsten französischen Ausfuhrartikel sind, sondern dah ein Teil, und zwar ein gut Teil der kulturellen Weltgeltung Frankreichs aufs innigste mit seiner bisher unbestrittenen Weltherrschaft im Deiche der Mode zufammenhängt. Diele Weltherrschaft ist ernsthaft bedroht. Die Alarmruse werden immer zahlreicher. Eingeweihten Kreisen ist schon längst klar, daß zwischen der amerikanischen und der französi chen Konfektion offener Kriegszustand herrscht. Wie kam das? Auf die Macht des Dollars pochend ist die amerikanische Konfektion in der Wahl ihrer Wittel ganz qc- dankenfrei. Der Hauptkunde der französischen Mode ist Amerika und die amerikanische Frau. Ungezählte Dollarmillionen werden jährlich für französische Kleider ausgegeben. Das Problem, das es für die Deuyorker Modehäuser zu löten gibt, ist das: Auf welche Weile ist es möglich. Pariser Originalmodelle, a'Jo jene drei Dutzend Meisterwerke der Mode, die für die betreffende Saison den Ton angeben sollen, tunlchst am selben Tage oder sogar etwas früher in Deuyork zu „freieren“?
Das ist nur a u f dem Wege intensiver Detriebsspionage möglich. Diele De- triebsspionage ist von amerikanischer Seite in i ganz stupender Weise aufgezogen worden. Es |
sich dazu um fo stärker verpflichtet, als gleichzeitig auf diesem Gebiete ein dringendes soziales Bedürfnis immer heftiger nach Deckung verlangt: da- Wohnung-bedürfni-.
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UnÄ fehlen zur Zeit in Deutschland noch mehrere Hundert taufend Wohnungen zur Unterbringung der Familien, die teilweise feit Jahren in Untermiete leben und auf ein eigene- Heim warten. Weitere Hunderttaufende von Familien, besonder- Familien mit mehreren Kindern, leben in überfütuen Wohnungen, die wiederum zum großen Teil schon nach ihrer Beschaffenheit als gesundheitswidrig anzufprecken sind. Es ist selbstverständlich. daß bei der starken Arbeitslosigkeit und dem fortdauernden Konjunkturrückgang sich auch die Dachfrage nach Wohnungen vermindert. Völlig falsch wäre es jedoch, aus der zurückgehenden Dachfrage etwa schließen zu wollen, daß der Wohnungsbedarf im allgemeinen in Deutschland mehr oder minder gedeckt ist. Davon kann gar keine Dede sein. Gerade, der Woßnungsbedarl für die breiten Schichten unserer Arbeiterschaft ist u n n c r in i n - b c r t groß, da zweifellos der Wohnungsbau der letzten Jahre den mehr mittleren Schichten und den bestbezahlten Arbeitern zugute (am. Lediglich die Unmöglichkeit für die breiten Schichten. bei den heutigen Einkommensverhältnissen, die Miete für eine Neubauwohnung aus dem keineswegs mehr dauernd gesicherten Lohn auszubringen, schreckt zahllose Familien ab, als Bewerber auf dem Wohnungsmarkt aufzutreten, obwohl gerade diese eine Wohnung dringend nötig hätten. Daß diese Familien, wenn auch in noch so einfachen, aber hygienisch einwandfreien und gesunden Wohnungen sobald al- möglich untergebracht werden, ist auch das Interesse der Dation. Eine bescheidene, aber ausreichende Unterkunft muß unser Volk haben, sonst verkümmert eS. Eine genügende wohnliche Unterbringung der breiten Massen ist unbedingte Voraussetzung, um unsere Bevölkerungszahl und unsere Volkskrast zu erhalten.
So ist die Reichsregierung aus wirtschasts- und sozialpolitischen Gründen fest entschloßen, auch in der Notzeit unserer Tage den Wohnungsbau für die breiten Massen zu fördern. Das eben eingeleitete zusätzliche Wohnungsbauprogramm der Deichsregierung soll diesen Willen in die Tat umfetjen. Die Grundgedanken des Programms sind: Dort durch Wohnungsbau Arbeit zu schaffen, w o d i e größte Arbeitslosigkeit i st, und den Wohnungsbau selbst so zu gestalten, daß auch tatsächlich die Mieten für die breiten Volksschichten erschwinglich sind. Die Reichsregierung ist sich darüber klar, dah sie zur Durchsetzung ihrer Ziele die Hilfe aller beteiligten Stellen braucht. Es muß insbesondere vermieden werden, daß das Arbeitsbeschaffungsprogramm der Regierung von einzelnen Stetten dazu benutzt wird, mit eigenen Aufträgen nunmehr zurückzuhalten. Die Zusätzlichkeit des Bauprogramms zu wahren, wird unsere größte Sorge sein: wir werden auch ohne Bedenken da die Reichsmittel zurückziehen, wo wir den Eindruck gewinnen, daß sie nur als Ersatz für sonst geplante eigene Bauvorhaben verwendet werden sotten. Ebenso werden wir darüber wachen, daß die Wohnungsgrößen und die Ausstattungen der neuen Wohnungen dem wirklichen D e darf entsprechen. Was wir brauchen. find einfache Kleinwohnungen mit erschwinglichen Mieten. Wir können es uns nicht länger leisten, große und beft- auggcftattetc Wohnungen zu bauen, die die Wohnungsbedürftigen nicht mieten können. Wo wirk-
gibt in Paris ein Zentralbureau, von dem aus all die geheimen Direktiven ausgehen, wo die ganze Organifationsarbeit für diesen unterirdischen Krieg geleistet wird. A der es ist der Polizei noch nie gelungen, den leitenden Köpfen dieses Düros auch nur im geringsten etwas Strafbares nachzuweisen. Wenn so ein Spion auf frischer Tat erwischt wird, dann leugnet das Pariser Zentralbüro jeden Zusammenhang mit ihm und verweist auf die Deuyorker Auftraggeber. Denn Amerika ist weit und die amerikanische Justiz unterstützt jede Bestrebung, die daraus ausgeht, das Geld im eigenen Lande zu behalten.
Anfangs arbeitete man meist mit photographischen Miniaturapparaten. Soigniert ausfehende Herren, die als Begleiter kauflustiger Damen an einer jener berühmten Pariser „Introbuctions" der Modehäuser teil- nahmen, trugen ganz unauffällig um ihr Fußgelenk eine winzige Präzisionskamera. Sie brauchten während der intimen Vorführung lediglich einige Male diskret das Hosenbein etwas in die Höhe zu ziehen und auf einen Auslöser zu drücken. Dierundzwanzig Stunden später schwammen die winzigen Ausnahmen schon auf einem Ozeandampfer, auf dem Wege nach Amerika. Längst vor der offiziellen Schaustellung waren die Modelle in amerikanischen Händen und wurden in Deuyork von französischen Schneidern nachgeahmt. Die Gesetze bieten keine Handhabe, dagegen einzu'chreiten. Gegen solche photographische Spionage schützen sich heute die Firmen ähnllch wie große Industriewerke v.el- fach mit Hilfe von gewissen Strahlen. Die Besucher der Salons durchschreiten ein kleines Vorzimmer, dessen Wände ganze Dündel solcher Strahlen aussenden. Wenn der Photograph die Bildstreifen entwickeln will, merkt er, daß sie belichtet wurden.
Deshalb haben die Amerikaner schon längst den Weg der Bestechung beschritten. Die Gehälter, die die französischen Salons ihren wichtigsten Angestellten und Arbeitern, besonders den Zeichnern zahlen, sind sehr hoch. Aber es sind doch eben' nur französische Franken. Fünfundzwanzig Franken ergeben erst einen Dollar. Es gehört sehr viel entsagender Heroismus dazu, ein amerikaniches Angebot in den Wind zu schlagen. Die Amerikaner sind auch sonst nicht knickerig. Wenn ein Angestellter wegen Spionageverdacht fristlos entlassen wird, dann kann er fast sicher mit einer Stellung in Amerika rechnen, denn französische Wodekünst- lei sind drüben ein gesuchter Artikel.
lich Samilicn mit mehreren Kindern vorhanden sind, haben die au-führenden Stetten die Möglichkeit, hierfür besonder- zu sorgen. Keinesfalls jedoch dürfen unter dem Vorwand. Wohnungen Tür Kinderreiche zu bauen, alte Fehler fortgesetzt und zu große Wohnungen gebaut werden.
Die Deichsregierung ist sich auch ferner darüber völlig fiar. dah daS zusätzliche Wohnungsbauprogramm bei der heutigen Arbeit- o'igkcit bei weitem nicht auSreicht, um einen Umschwung der Konjunktur zu bewirken. Sine endgültige Besserung auf dem Bau» und WohnungSmarkt fehe ich erst dann kommen, wenn die Baukosten und die Zinssätze für da - Baukapital fo weit füllen, daß ohne zu großen Einsatz der öffentlichen Mittel für die einzelne Wohnung auch tatfächlich tragbare Mieten erzielt werden können. Die Senkung der Kosten für das Leihkapital spielt hier
eine ebenso bedeutende Dolle wie die Senkung der Baukosten selbst. Wenn hier ein Erfolg erzielt wird, so bin ich der festen Ueberzeugung. dah die Bauwirtschaft und die Bauarbeiter- fchaft wieder belferen Zeiten entgegengehen. Wer wollte bestreiten, daß in dem Augenblick, wo bei- spielSweife in Berlin gefunde. einfache Arbeiter- Wohnungen in einer Preislage von 35 bis 40 Mk. errichtet werden könnten, die Dachlrage eine derartig starke wäre, daß jedenfalls die Bauarbeiter der weitesten Umgebung Arbeit und Brot finden würden? Da- zusätzliche Daupro- gramm der Reich-regierung kann nur in beschränktem Umfang Hilfe bringen. Der Aufstieg für die Bauwirtschaft selbst dangt von der Losung de- Preisproblems ab. Hoffen wir. daß die nahe Zukunft diele Lösung bringt. SS bandelt sich um eine Schicklal-frage unserer Wirtschaft und unsere- Volkes.
Vrol, bie Lebensfrage des deutschen Volkes
Don Dl meb. c igwalb Sommer, privaibozenten an her Universität Gießen.
Die Dot ist groß in unserem Lande. Der Arbeiter weiß nicht, was morgen mit ihm geschieht. Findet er noch die gewohnte Beschäftig gung? Wird man ihn entlassen oder ihm Ar- beilezeit und Verdienst um ein Drittel oder die Hälfte kürzen? Der Unternehmer rechnet, spart, entläßt Arbeitskräfie, verkleinert den 2e- trieb ^och es reicht nichl oder gerade zum Durchhalten. Der Dauer arbeitet vom ersten Morgengrauen bis zum ip2ien Wend, c r fät, erntet, sammelt in die Scheunen. Aber was er verdient, genügt nicht, um die Sorgen zu verscheuchen. Die Schulden zu decken, um mit freiem Gefühl dem kommenden Jahr entgegenzusehen. Die Schar der Arbeitslosen, der Entwurzelten, der Allzuvielen wächst, die nicht wissen, wofür sie leben sollen, deren Morgen mit den Fragen beginnt: wozu? und wohin?, auf die sie keine Antwort finden.
Die Dot ist groß und Hilfe dringend geboten. Woher aber soll unS diese kommen, wenn nicht von uns selbst? Wir allein können uns helfen und wir müssen es tun, sott nicht uns oder unsere Kinder eine- Tages ein traurige- Los treffen. Denn mit dem Schicksal jener Menschen ist unser eigenes untrennbar verwoben und verkettet. Geht es mit größeren Teilen unsere- Volkes bergab, bann geht es mit unS selber ebenfalls abwärts, wenn nicht heute, bann morgen ober übermorgen. Es braucht aber nicht bergab zu gehen! Dicht- ist hier unabänberlicheS Schicksal, wenn wir uns nur helfen wollen.
Wo aber sollen wir mit unserer Selbsthilfe anfangen? — Dun versuchen wir es einmal mit unS selbst unb unserem einfachsten Debürfnis: ben Hunger zu stillen. — „Können Sie mit bitte ein Stück Brot geben?“ ES ist bic Frage bes Obbachlosen, mit der er von Hau- zu Haus zieht, um so gut es eben geht, fein Leben burch- zuschlagen. Das Brot ist also offenbar bas einfachste Mittel bes Menschen unserer Kulturstufe in seinem Kampf mit bem Hunger, biejenige Dahrung. auf die auch ber Aermste unter uns ein Decht zu haben glaubt. Mit ihm vollen wir anfangen, wenn wir uns barauf besinnen, wie wir uns helfen können. —
Doch haben wir Drotl Ja, wir brauchen nur an ben Schaufenstern unserer Bäckerläben stehen 8U bleiben, um über bie Fülle verschiedener Brote, Brötchen, Schrippen ober Semmeln zu staunen, bie Erfinbungsgeist der Bäcker aus Mehl unb Wasser gestaltet hat. Wir treten ein unb laufen Brötchen für ben Morgen. Weißbrot zum Mittageffen. Hörnchen für ben Dachmittagskaffee unb zum Abenbessen toieber anbere Brötchen. So wirb es uns schmecken, glauben wir, unb ba wir gerabe einmal Gelb haben.
kaufen wir. wie eS ber Laden unS bietet Weiter denken w>r nicht. Wir wollen leben und fo ist unser Geschmack Wenn nur das Geld nicht fo knapp wäre, wir wußten schon. waS uns mundet. Keiner von uns. der den Bäckerladen verläßt, denkt an die Folgen seine- Einkauf- und seiner Wahl für unS alle.
Millionen solcher Sinzelhandlungen aber häufen sich an zu einem Berg, werden zu einem großen Geschehnis, da- nüchtern, kalt unb hart für un- in einer Zahl Gestalt annimmt:
Für 449 Millionen Reichsmark weizen wurde im Jahre 1929 in Deutschland eingeführt. Ungefähr j Milliarde Reichsmark wandert jährlich in» Ausland, um unser Bedürfnis nach Weißbrot, Brötchen oder Semmeln zu befriedigen. Gewiß habe ich oben bei ber Schilberung deS Einkaufs übertrieben. Die wenigsten von un- effen Weißbrot ober Brötchen zu allen Tageszeiten. Die meisten aber ober doch sehr viele find gewohnt minbestenS zu einer Mahlzeit am Tage weiße- Brot ober Semmeln zu sich zu nehmen. Diese Gewohnheit aber belastet unsere Einfuhr, unsere Handelsbilanz, unsere gesamte Volkswirtschaft um jenen großen Betrag.
„Die Erfahrung steht hoch da. daß da- Schicksal ber Völker von ber Art abhangt. wie sie sich ernähren." Diese Worte Brillat-SavarinS gewinnen hier Debeutung. Sie werben in zweifacher Hinsicht wahr bei ber Frage, von welchem Brot wir unS ernähren sollen. — Herrscht Dot in einer Familie unb will sve toieber zu besseren Zeiten kommen, bann heißt es sparen. Oberster Grunbsatz richtigen Sparens ist: Dicht - verschtoenben. Da- aber bedeutet: Essen, was da ist. Wer allzu wählerisch ist, unb wem eS nicht paßt, der soll sehen, woher er etwa- bekommt Genau so ist eS bei einem Volk.
Dach O. Mielck beträgt unser Brotgetreideverbrauch je Dollperson und Jahr 154,4 Kilogramm. Für das Reich bedeutet die- bei 55 Millionen Dollpersonen einen Bedarf von 8,49 Millionen Tonnen Brotgetreide. Unsere Ernte betrug im Jahre 1928 : 8,52 Millionen Tonnen Roggen unb 3,85 Millionen Tonnen W-izen, 1929: 8.15 Millionen Tonnen Roggen unb 3,35 Millionen Tonnen Weizen. Ziehen wir bavon für Saatgut. Schwunb unb gewerbliche Zweck» zusammen 10 Prozent, für Futterverbrauch bei Roggen 20 Prozent ab, benn verblieben un- für ein Jahr wie 1929: 5,5 Millionen Tonnen Roggen unb 3 Millionen Tonnen Weizen zur menschlichen Ernährung — 8.5 Millionen Tonnen Drotgetreibe.
। Man hat beshalb in französischen Mobehäu- I fern einraffiniertesUeberwachungs- sYstem eingeführt. Dor nicmanbem macht bas Mißtrauen halt. 3eber Schritt, jebe Bewegung der führenden Angestellten wird überwacht. Die Zeichner arbeiten in abgeschlossenen Zimmern unb müssen sich beim Betreten unb Derlassen einer genauen Untersuchung unterwerfen. Die Wodellskizzen werden in feuersicheren Tresoren aufbetoafjrt. Die Arbeiterinnen, bie Mibinetten unb Mannequins werben mit Argusaugen überwacht. Wer auf Unredlichkeiten erwischt wird, Ven seht man auf eine schwarze Liste unb er wirb nie mehr in ber französischen Konfektion Arbeit finben. Wenn sich nun gar Die offizielle Woche bet „Salons“ naht, bann kennen Aufregung unb Dervosität keine Grenzen mehr. Die fertigen Dorführmobelle. von Denen jebes einen Wert von 300 000 Franken hat, kommen in ben Stahlschrank. Unb trotzdem ist bann vielleicht am Tage bet Dorführung schon bas Unsahliche geschehen: bet Bildfunk auS Deuyork zeigt die kostbar gehüteten Geheimnisse unb Poiret. Paton ober ein aoberer kann toieber einen Schaben von vielen Millionen Franken buchen.
Den Amerikanern kommt zustatten, baß auf bie Einfuhr französischer Mobeilkleiber ein ganz er- schreckenb hoher Zoll steht. Der Zoll kommt manchmal fast der Einkaufssumme gleich. Es nimmt also nicht tounber, baß auch bie reiche Amerikanerin zugreift, wenn sie Gelegenheit hat. das kopierte OriginalmobeU zu Hause zu kaufen. In Paris selbst wimmelt es von amerikanischen Zollspionen unb bie Deuyorker Hafen - beworben find meistens schon unterrichtet, wenn das Schiff anlegt. Der französischen Mobeinbu- ftrie bieten sich zwei Au-wege, die sie früher ober später beschreiten muß. Der eine ist schon genannt worben: Urheberschutz in zeitlicher Begrenzung für Wobettkleiber. Der zweite wirb vorläufig leibenlchaftlich bekämpft, benn er bedeutet nichts mehr unb weniger, als bah bie weltberühmten Pariser Modeschöpfer Zweig- verkauf- unb Dorführsalons in Deuyork errichten sollen. Es ist klar, bah dafür bie Pariser Fremdenindustrie ein harter Schlag wäre. Man hätte aber bann Gelegenheit, in Paris unb über dem großen Tesch gleichzeitig zu „freieren“. Bisher hat man nocht vergeblich an ben patriotischen Sinn ber „Haute couture“ appelliert. Aber wenn biefer „pa- triotisme“ jährlich über eine Milliarde Schaden bringt, bann kann es eines Tages auch anders kommen.
Lürmanns verreisen.
Don HanS Riebau.
LürrnannnS nerreifern Frau ßürmarm packt bie Koffer und legt Schuhdecken über die Polster- möbeL Herr Lürmann räumt feinen Schreibtisch auf. .Rudolfs wollen nach den Blumen sehen", sagt Frau Lürmann.
Da steht Herr Lürmann auf unb geht in den Keller. .Da will ich lieber den Wein weg- schließen", murmelt er.
.Wenn Rudolf- einmal keine Zeit haben", fährt Frau Lürmann fort, .will Fräulein Scharkow sie vertreten."
Herr Lürmann brummt etwa-, nimmt die Schalldose vom Grammophon unb schließt ben Plattenschrank ab.
.Unb wenn Fräulein Scharkow auch einmal nicht kann“, sagt Frau Lürmann, .bann hat sich Doktor Blohm erboten, bie Blattgewächse vor bem Verdursten zu bewahren.“
Da stoßt Herr Lürmann einen ächzenden Ton auS, ftebt von neuem auf und schließt feinen Bücherschrank zu.
„Qlanu ?* fragt Frau Lürmann. .Glaubst du, dah Doktor Blohm deine Bücher toegnimmt?“
„Das nicht", sagt Herr Lürmann. .aber er wird sie toiebererfennen.“
ßrflfer Blick auf die Wintermode.
Die ersten Pariser Modellkollektionen, die ben Einkäufern aus aller Herren Länder für die Winter- faison vorgeführt werden, haben jetzt das Licht der Öffentlichkeit erblickt und zeigen, dah die Mode trotz aller Einsprüche unb Widerstänbe den Weg weiter verfolgt, der zur Wiedererweckung ber .weiblichen Stau* führt. Allerbing- geht man ziemlich vorsichtig zu Werke. Der toabenlange Rock ist für bie Alltagskleibung vorgeschrieben, während der bi- zu den Knöcheln fallende Rock dem Nachmittag und Abend Vorbehalten bleibt. Zwei nützliche Kleidungsstücke werden in diesem Winter wieder kehren, nämlich das lange Jackett unb der lange Mantel. Viele der Mäntel haben Raglan-Armel. Bei den neuenAbend- toiletten ebenso wie bei den Tageskostümen bemerkt man eine Vorliebe für Asymmetrie. Bolerojacken erscheinen bei den Abendkleidern, an denen reiche Stickereien auffallen. Lame und Samt herrscht vor, unb auch Modelle mit Fransen tauchen auf. Rote ober grüne Schuhe werden zu weihen oder schwarzen Gewändern getragen. Überhaupt herrscht eine merkwürdige Mischung von Farben unb Stossen in ber Gestaltung einer Toilette. 3m allgemeinen kann man sagen, dah die Mode mit leichten Abänderungen zu bem Stil zurück lehrt, ben sie 1923 hatte.


