Nr. 295 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)
Montag, 15. Dezember 1950
Stahlhelm-Kundgebung in Gießen
Und so war es.
(Lust. BL)
ilnö zuletzt finden sie sich alle im Walde wie- der zum guten Ende, und es werden sogar noch EU"ge Märchenbilder vorgeführt, Rotkäppchen mid Dornröschen, und der Warrderbursch Hans vrmmersroh kriegt seine Goldmarie wieder, und dann erscheint auch der Weihnachtsengel, dem em brennendes Christbäumchen vorausgetragen wird, und singt ein schönes altes Wcihnachts- ued.
Gießener Stadttheater.
Alohs drasch:„Goldmarie und Pcchmaric".
Einen bunten, kinderfröhlichen Nachmittag erlebten wir am Samstag im Theater, als das Weihnachtsmärchen zum erstenmal gespielt wurde: „Goldmarie und Pechmarie". in fünf Bildern von Aloys Prasch, dem verstorbenen Vater unseres Intendanten, mit Musik von Gustav Steffens.
cintrctcn konnte, weil eine geringe Verschiebung der Wähler schon genügte, um die Mehrheits- Verhältnisse im Hinterhaus aus den Kopf zu stellen, llnö die Erfahrungen, die Deutschland mit dem Proporz gemacht hat, sind ja nicht gerade verlockend. Deshalb ist es zweifelhaft, ob die Arbeiterpartei so weit wird gehen wollen. Aber es könnte doch schon fein, daß sie einen recht hohen Preis bezahlt, wenn sie dafür die Gewähr hat. das; sie die Neuwahlen verschieb e n kann etwa bis zum Herbst, weil dann ihre Aussichten den Konservativen gegenüber
recht zu ändern. Dabei haben sie zunächst wohl an die Stichwahl gedacht, sind jetzt über einen Schritt weiter gegangen und wollen die Verhältniswahl fordern, die ihrer besonderen Xlage am besten gerecht werden würde. Aber das Geheimnis der englischen Politik war ja immer der große Erdrutsch, der bei Neuwahlen
die Liberalen das Kabinett unterstützen und dafür eine Wahlresorm als Bezahlung bekommen. Lloyd George selbst hat daS freilich mit aller Entschiedenheit bestritten. Solche Dementis haben es jedoch gelegentlich in sich, und die Wahrscheinlichkeit einer Annäherung zwischen der Arbeiterpartei und den Liberalen ist zu groß, als daß sie nicht zum mindesten wieder versucht werden sollte, nachdem sie bei früheren Gelegenheiten wiederholt gescheitert ist.
Die großen Schauspieler waren nicht minder eifrig bei der Sache als die Kleinen. Elisabeth Wielander war die brave und sanfte Gold- marie, Beatrice Doering die schwarze, garstige und ruppige Pechmarie. Karl 33 o [cf und Agathe Walther-Lederer waren die Lehrersleute, Eduard Wesen er ein munterer Handwerlsbursch. der in Frau Holles Ncich unversehens zum Schneemann wird, wenn es zu schneien anfängt: Hilde Schwend war eine liebreizende, gütige Frau Holle: Friedrich Zin- g ei und 3Ife Iahn hatten sich in Eiszapfen und Schneeflocke verwandelt: Gretel W o e l k e aber sang als Weihnachtsengel „Es ist ein Ros entsprungen".
ben dem Ganzen einen würdigen Rahmen. — Die Veranstaltung, zu der auch der hessische Dichter Alfred Bock erschienen war, hatte in Mainz grobe Aufmerksamkeit erweckt und viele Teilnehmer gefunden, — ein Beweis dafür, daß die Werke des fast vergessenen Meisters deutscher Erzählungskunst dank den Bemühungen des neugegründeten Hvlzamer-Bundes allmählich den Weg finden ins deutsche Volk. K. H.
Am Samstagabend trat der Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, mit einer Kundgebung vor die Gießener Öffentlichkeit. -Zur Einleitung des Werbeabends begann um 19 Uhr vom Wetzlarer Weg aus der
Marsch einer Gtahlhelmkompagnie
mit Spielmannszug und Marschmusik durch zahlreiche Straßen der Stadt. Trotz des Schnee- und Regenfalles, der die Straßen sehr naß und ungemütlich machte, nahm eine große Menschenmenge stark interessierten Anteil an dem Marsche, der auf Oswaldsgarten fein Ende sand. Hier marschierten die Stahlhelmleute mit ihren zahlreichen Fahnen in Kompaniefront auf, die unter den Klängen des Präsentiermarsches von dem Bundesführer des Stahlhelms in Hessen, Kapitän z. S. a. D. Weise, Darmstadt, und dem Gauführer. Obertelegrapheninspettor Spies, Gießen, abgeschrittcn wurde. Sodann rückten die Stahlhelmleute zu der
Kundgebung in der Turnhalle ein. Hier hatten mittlerweile Hunderte von Mitbürgern aus Stadt und Land Platz genommen, denen sich mit den Stahlhelmern in Kluft noch weitere Hunderte hinzugesellten, so daß die Turnhalle gegen 20.30 Uhr überfüllt war: man greift wohl nicht zu hoch, wenn man die Besucherzahl auf rund 1000 Personen schätzt.
Nachdem die Fahnen unter den Klängen des Präsentiermarsches der Stahlhelmtapelle eingebracht waren, eröffnete der
Gau ührer Spies-Gießen
die große Versammlung mit dem Hinweis darauf. daß überall im hessischen Gebiet ein erfreuliches Cmporblühen der örtlichen Stahlhelm-Verbände feftzu- stellen sei. Diese Kundgebung sollte Gelegenheit bieten, unmittelbar von einem der beiden verantwortlichen Dundesführer das Wesen und Wollen des Stahlhelms und seine Stellungnahme zu den wichtigsten Tagesfragen zu hören. Leider sei vor wenigen Stunden mitgeteilt worden, daß der als Redner angekündigte zweite Bundessührer, Oberstleutnant a. D. D ue st erbe rg, plötzlich erkrankt sei und deshalb nicht kommen könne. Für den erkrankten Dundesführer werde der Führer der Ortsgruppe Mainz, Staatsanwalt und Landtagsabgeordneter Dr. Wolf sprechen.
Staatsanwalt Abg. Dr. Wolf-Main, gab zunächst in kurzen Abrissen ein Bild von der Entstehungsgeschichte des Stahlhelms und betonte dabei, der Stahlhelm sei heute eine Oruganisation
Ausweg.
Professor Zweistein, der berühmte Gelehrte, erwachte.
Um ihn herum — alles dunkel.
Er macht Licht und sieht nach der Wanduhrt Sechs! Und forscht wie folgt:
„Entweder ist es lag, sechs Uhr nachmittags — dann ist eine Naturkatastrophe, verbunden mit Sonnenfinsternis, eingetreten. Vermutlich ein Erdbeben. Oder es ist Morgen, sechs Uhr morgens, bann ist dieselbe Vermutung zutreffend... Entsetzlich!"
Stützt den Kopf in die Hände, blickt noch einmal nach der Uhr und murmelt:
»Es besteht noch die dritte Möglichkeit: Man hat vergessen, die Uhr aufzuziehen. Dann sind wir alle gerettet"
Das Ganze hat der gute Onkel Dolck mit Liebe und Sorgfalt und allerlei lustigen Einfällen einstudiert und Herausgepuht: Karl Löffler hat extra einen neuen Vorhang mit bunten, kindlichen Bildern bemalt und überhaupt die ganz reizende und märchenhafte Dekoration hergerichtet. Herr D ä u I k e hat die Kindertänze ein- studiert, die allerliebst anzusehen sind, besonders im dritten Bild der echte alte Schwälmer Bauern- tanz, welcher den kleinen Leuten so wohl gefiel, daß er gleich noch einmal wiederholt werden mußte. Fritz Cuje dirigierte mit sicherer Hand die Begleitmusik.
Wer also seinen Kindern eine Freude machen will, der lese ihnen erst wieder einmal aus den Kinder» und Hausmärchen der Brüder Grimm die „Frau Holle" vor und führe die Kleinen dann zur ..Goldmarie und Pechmarie" ins Theater. „Die Kinder, sie hören es gerne.“ hth.
HoNamer-Sedenkfeier in Mainz.
Wilhelm Holzamer, dem frühverstorbenen Dichter, der in diesem Iah re erst seinen 6ö. Geburtstag begangen hätte, wurde in der Zentrale ferner rheinhessischen Heimat kürzlich eine besondere Ehrung dargebracht. In der vom Volks- bildungsverein Mainz in Gemeinschaft mit dem Holzamer-Dund veranstalteten Feier sprach Redakteur Dr. Karl Neurath (Kassel) über Holz- mners Wesen und Wert Ein Sohn des Dichters. Hans Holzamer (Heppenheim a. d. D.j brachte - un& Erzählung „Hochsommerglück" zu Gehör. Musikalische Darbietungen eines Quar- *5“8 und Holzmnersche Lieder, komponiert von ratto Naumann (OHarn^) und gesungen von dem Zungen Sänger Georg KloS (Nieder-Olmf. ga-
rabe burch ben kulturpolitischen wichtigen Beitrag von Ehr. F. Weiser über „Amerikanische Hochschule unb beutsche Bilbung" eröffnet: als deutliche Warnung an Deutschlanb zeigt er, wohin es führen muß, wenn bie Bilbungspflege eines Volkes einerseits vom demokratischen Parteigeist unb auf ber anberen Seite von einem auf reine Nützlichkeit eingestellten Geschäftssinn beherrscht wirb. Das Enbe ist bas geistige Warenhaus. In „Hans Delbrück als Kriegshistoriker" von Ernst Buchfink tritt ein Offizier bes alten Heeres für Delbrücks oielumftrittene Lehre von ber Ermattungsstrategie ein. Der anschauliche Aufsatz eröffnet gerade bem Laien wertvolle Einblicke in strategische Zusammenhänge. Zwei Bilber von Hans Baldung Grien bringen bte Weih- nachtsnote in bas Heft, in bem eine feine ßegenbe von Walter Spitta auch bas Abventserlebnis an- klingen läßt.
— Europa ist zur Zeit so mit sich selbst beschäftigt, baß die Beobachtung des indischenPro- b lern s fast etwas in ben Hintergrund getreten ist. Tatsächlich aber ist bie Unruhe im wichtigsten englischen Kronlande, der Schlüsselstellung der englischen Weltmacht, so weit gediehen, daß schon die nächsten Monate eine Entscheidung von weltpolitischer Tragweite bringen können. Es ist deshalb von besonderer Bedeutung, wenn einer der ältesten Vorkämpfer des indischen Nationalismus. Dr. Taraknath Das, im neuesten Heft „Revolution in Indien" der Süddeutschen Monatshefte, München, über den Freiheitskampf seine- Landes spricht. Cs ist vielleicht die klarste und umfassendste Schrift in deutscher Sprache über da- brennende weltgeschichtliche Problem.
Da gab es schrecklich viel zu sehn und zu hören, und bes Iubels und Geschreis und Gelächters war kein Ende: nur wenige Male im ganzen Iahv wenn das Weihnachtsmärchen gespielt wird — fiefjt man im Theater ein so hingebungsvolles, dankbares und ausdauerndes Publikum.
Die in ben Grundzügen ja wohlbekannte Geschichte, die von Aloys Prasch ausgeschmückt und ausgemalt worden ist. spielt abwechselnd auf Erden und in Frau Holles Reich. Auf Erden steht das Schulhaus, wo der Lehrer Fibel mit seiner Frau regiert, und auch der Hof der 5rau Klapper mit ihren beiden Töchtern Goldmarie und Pech- warie, — mit Hahn unb Enten, mit Kuh und Hund und Ziegen und mit Tauben auf bem Dach. Lind in der Mitte steht der große Brunnen, da springt die Goldmarie hinein, um bie binuntergcfallene Spule der Pechmarie wieder herauszuholen. Unb bie Pechmarie und die Däue- nnnen springen hernach auch noch hinein, um den Goldsegen da unten zu heben.
Zeitschriften.
— »D a s In sei schiff." Eine Zeitschrift für die Freunde des Insel-Verlags.) Zwölfter Iahrgang. Erstes Heft. Weihnachten 1930. — Aus dem Inhalt des reichhaltigen, forgfältig ausgestatteten Heftes möchten wir die folgenden Beiträge mit besonderer Empfehlung hervor- heben- von Rilke zwei Briefe (davon einer, an Hofmannsthal, faksimiliert) und eine Aufzeichnung über die Entstehung ber berühmten Duineser Elegien: Hubert Mumelter heißt ein vom Insel- Verlag in die Literatur eingeführter neuer Dichter: das Kapitel „Sabina" ist seinem im Frühjahr erscheinenden Roman „Zwei ohne Gnade" entnommen; über ben englischen Dichter Huxley äußert sich W. E. Süskind: ein schönes Prosastück „Heimweg der Magd" von Hans Carossa; ein Alt aus Richard Billingers neuem Schauspiel „Rauhnacht": ungemein interessant sind zwei Blätter von Riemers Hand aus der Sammlung Kippenberg: Goethes „Mottve in Romanen zu brauchen": von den Bildbeilagen: zwei sehr feine Radierungen von Markus Behmer zum „Propheten Iona" unb Schüllers Bühnenbilder zum „Spiel von ben heiligen brei Königen" von Timmermans.
— Das Dezember-Heft vom ,.K u n ft to a r t" (Callwey, München» bringt u. a. Proben aus dem „Herbst- und Frühlingsspiel" des Oesterreichers Bruno Brehm: aus K. B. v. Mechows neuem Reiterroman „Das Abenteuer" wird eine Episode geboten. Zum 70. Geburtstag Anna Croissant- Nu st s schreibt Otto Stoeßl, über neue Kriegsliteratur. alte und neue Iugendbächer Alverdes unb Peter Muthmann. Hans Carossa zeichnet für einen Beitrag über Alfred Kubin mit Bildern, die Iosef Popp weiterhin erläutert. Fünf wundervolle Bilder französischer Plastik und Malerei unterstützen einen Aufsatz über das heutige Frankreich.
— Das Dezemberheft ber „Zeitwende" (Der- lag C. H. Beck, München) beschließt mit gehaltvollen Beiträgen ben 6. Jahrgang. Mit Recht wird es ge-
„ 5rait 3^$ aber tanzen bie Schnee- dm Satt dazu, steht das Däumchen mit dicken roten Aepfeln behangen, unb links steht ber großmäch- hge Dacko.en mit Suppentopf unb Kaffeekanne, die glühen vom Feuer, unb die Drote in ber Back- toßre schreien, weil sie gar sind unb heraus- yczogen werben wollen. Frau Holle aber ist eine strahlende und mächtige Fee. welche die Erden- kmder nach ihrem Derdienst belohnt.
Orientierung nach Deulschand!
Don Dr. Karl Gustav Bittner.
Durch bie Presse geht — kaum noch ist die Empörung über bie polnische Wirtschaft einigermaßen abgeflaut — die Meldung, daß deutsche Dauern in der Wojwodina (Südsla- wien) von der serbischen Polizei gc- ohrfeigt, blutig geschlagen und in menschenunwürdiger Weise mißhandelt wurden. Zum Schluß mußten die Dauern die Polizisten kniend um Verleihung bitten — weil sie ihnen die Mühe des Prügelns unb Mißhandelns gemacht haben. Am gleichen Tag verbreitet bie Presse bie Nachricht, Daß Professor Graf bu Moulin, ber auf einer Protestversammlung der Münchener (Stuben- ten gegen ben Polenterror sprechen wollte, einen Maulkorb umgehängt bekam unb darum auf feine Rede verzichtete. Unb einige Tage vorher las man triumphierend: Der deutsche Tonfilm in Prag ist wieder gestattet!
Drei Tatsachen, die ein bezeichnendes Licht auf die deutschen Beziehungen zum Ausland werfen. Man muß zugeben, daß die deutsche Außenpolitik vor einer einzig dastehenden Schwierigkeit steht: Don achtzig Millionen Deutschen leben zwanzig Millionen im Ausland. Kein Volk ber Melk ist für einen gleich hohen Prozentsatz seiner Dolk-genossen auf den guten Willen des Auslandes angewiesen — unb kein Volk ber Welt hat fo gcringe äußere Mittel, biefen guten Millen zu erzwingen. Das muß zugegeben werben. Aber es muß Icib:r auch festgestellt werden, daß Deutschland auf dem besten Weg ist, auch die rn o r a l i s che n M i 11 e l aus ber Hand zu geben, mit denen es für das Auslandsdeutschtum kämpfen kann.
Angesichts des „Sieges" im Tonsilmkrieg scheint es unwürdig, wenn unter Hinweis auf die Wehrlosigkeit Deutschlands über bie brutale Mißhandlung des Auslandsdeutschtums mit einem bedauernden Achselzucken hinweggegangen wird. Deutschlanb kann auf das Ausland einen Druck ausüben, wenn es will. Dor allem: wenn eine geschlossene Front hinter den papierenen Protesten ber Regierung steht. Im Prager Tonfilmstreit war es so: Die geschlossene Front bes Gelbes marschierte auf gegen ben Primator Daxas. Diese Phalanx rührt sich nun freilich nicht, wenn es um geoßrfeigte deutsche Bauern geht. Die haben ja mit den „heiligsten Gütern ber Ra- tion" nicht- zu schaffen. Gegen bie Bestialität ber französischen Trabantenstaaten im slawischen Osten hilft nur bie geschloffene einmütige Front deS Volkes.
Wir sehen in der deutschen Parteipolitik eine dreifache Orientierung: Rach Osten, nach Westen und nach Süden. Dündnispolitik mit Frankreich ober mit Italien, oder mit Rußland wird als Heilmittel für Deutschland vor- geschlagen. Unb bie Gründe, die für jede dieser drei Dündnismöglichleiten vorgeschlagen werden, sind überzeugend. Sie sind alle aus dem ehrlichen Wollen geboren, Deutschland seinen Platz an der Sonne zurückzuerobern. Es ist vielleicht notwendig, baß Deutschland zu einer dieser brei DündniSmöglichkeilen greift. Rur. alles Derbün- den hilft nichts, solange bie vierte, ober beffer gesagt, die erste, weil bringenbfte Orientierungsmöglichkeit außer acht gelassen wird: D i e Orientierung nach Deutschland! Ein Volk, das in sich uneins ist, verliert die Achtung bei den anderen Völkern — und damit bie moralische Bündnisfähigkeit. Denn jeder fragt: mit welchem Deutschland wollen wir uns verbinden? Es ist klar, ein Volk, das der Anarchie oder der Diktatur zutreibt — unb so muß uns das Ausland ansehen! — kann niemals Subjekt zwischenstaatlicher Bindungen fein. Muß notwendig Objekt der internationalen Diplomatie bleiben. Der polnische Wahlterror, die Vorgänge im Memelland, in Danzig, in Südtirol, die Tschechi- fche .Bodenreform" — all das beweist nicht gerade, baß das Ausland uns achtet.
von 2 Millionen Männern, straff gegliedert und ständig anwachscnd. Der W e h r g e i st habe diese Männer im Stahlhelm zusammengeführt unb die Organisation stark gemacht. Der Redner wies dann kurz auf die furchtbare Not unserer Zeit hin, für die allein die riesige Arbeitslosenzahl deutlich genug rede, unb stellte fest, daß es heute um das deutscheVolkschlechterdennjebeftellt sei. Sodann warnte er eindringlich vor den Gefahren des Bolschewismus. Weiter sagte der Redner bann u. a.:
Dir müssen als Schicksalsgemeinschaft versuchen, diese schwere Zett zu überstehen. Aber da» Bürgertum schläft, wie es auch im November 1918 geschlafen hat. wenn jemals das Bürgertum auf die Straße gehört hat, um zu zeigen, daß es auch ein Recht zum Leben hat, daß es sich nicht wehrlos abschlachten lassen will, so ist jeßt der Moment gekommen. (StürmischerBeisall.)
Es wäre schöner, wenn es anders wäre. Aber das deutsche Spießbürgertum ist noch nicht zum Bürger geworden, es verschließt die Augen unb will von nichts wissen. Deutschlanb ist ein armes Land geworden, in dem jeder Wehrgeist am liebsten von Staats wegen schon verboten würde unb man nur Pazifisten großziehen möchte. Der Krieg, den die meisten von uns mitgemacht haben, war etwas Entsetzliches, etwas Furchtbares: er sollte jeden vernünftigen Menschen davor bewahren, wieder einen Krieg anzufangen. Gerade der Stahlhelm ist einer ber größten Gegner bes Krieges. Aber
ein entwaffnetes Deutschland ist keine Garantie für ben Jrleben.
Wenn wir in Deutschlanb mit dem Geist der Wehr« losigkeit weiter machen, werden die Polen immer frecher, und bann warten auch noch viele andere daraus, sich ein möglichst großes Stück aus Deutsch- land ßerausAureißen. Wir als Stahlhelmer Hetzen nicht zum Kriege, wir sind vielleicht die wahrsten Pazifisten, aber wir handeln nach dem Grundsatz: Aug um Auge, Zahn um Zahn! (Stürmischer Beifall.) Wir wollen nicht wehrlos gemacht werden in Deutschland, wir wollen ein Land deutscher Art unb deutschen Geistes bleiben. Wir als Frontsoldaten verstehen unter Wehrhaftigkeit etwas anderes als die Leute, die während des Krieges die Hei- m a t i n der Heimat verteidigt haben. Wir, bie wir wissen, wie der Krieg ausgesehen hat, verlangen, daß auch dem Frontsoldaten wieder das Rechts wird. Darum W e h r g e i st, um allen, die den Staat stürzen wollen, jederzeit entgegenzutreten,
Ich beftreife, daß wir, wie man uns nachsagt, Heinde dieses Staates sind. Dieser Staat ist un-
Mocdonatd unb die Parteien.
Englands innere Politik.
Das Kabinett Macbonalb schien beinahe schon rn ben letzten Zügen zu liegen. Die Arbeiterpartei hatte es nicht versucht, bie großen Versprechungen, mit denen sie in ben Wahltarnpf gegangen ist, auch nur zum geringsten Teil zu erfüllen. Sie hat sich beshalb in ben letzten Nachwahlen eine Schlappe nach der andern geholt, kein Wunder, wenn deshalb Macdonald der weiteren Entwicklung mit einiger Sorge entgegensah, denn er hat es bei der Parteikonstellation kaum in der Hand, den Termin für die Neuwahlen zu bestimmen. er müßte immer befürchten, daß er zu einem Zeitpunkt, der ihm nicht paßte, gestürzt würde unb dann mit ungünstiger Parole unb nicht einheitlicher Front in bie Neuwahlen ging. Man hat sogar bavon gesprochen, baß er selbst vorher von der Bildfläche verschwinden und alsDize - könig nach Indien gehen würde, weil seine Partei das Vertrauen zu ihm verloren habe und lieber eine energischere Persönlichkeit an der Spitze sähe.
Inzwischen scheint ihm ein Schachzug gelungen au sein, der nicht nur seine persönlichen Ausächten, sondern auch die Lage seiner Partei wesentlich verbessert, so daß zunächst an eine von den Konser- va.iven beabsichtigte Auslösung etwa im Frühjahr
mefcr gedacht zu werden braucht. Es wird nämlich ganz offen davon gesprochen, daß eine Verständigung zwischen der Arbeiterpartei und den Liberalen zu- standegekomm e n fei auf der Grundlage, daß
Man suche für diese traurigen Vorgänge nicht immer eine Entschuldigung in Deutschlands Entwaffnung nach einem Krieg. Wir müssen zu der bitteren Einsicht kommen, baß wir auf bem besten □Dcg find, den Weltkrieg auch moralisch zu verlieren durch die innere Zersplitterung.
Orientierung nach Osten, nach Süden, nach Westen? Nein, nach Norden den deutschen Blick! Nach dem symbolischen Norden, der germanischen Urheimat, aus der einst deutsche Völker aufbrachen und, ohne Noten, Proteste unb Paragraphen, eine Welt erschütterten. Weil unverdorbene Kraft des Blutes diese blonden Völker trug. — Die Zeiten sind anders geworden seither. Der Weltkrieg hat uns gelehrt, daß höher als das Heldentum des Schwertes die heldische Kraft der Seele gilt, in Zeiten, da auch Kriege mit Maschinen geführt werden.
Ist uns in den zwölf bitteren Jahren ber Versklavung auch biete Kraft gebrochen worden? Fast scheint es so. Wer es nicht kennt, das zähe, erbitterte Ringen der Deutschen in der Tscheche!, in Südslawien, in Polen, in Italien, dieses heldische Ringen um Muttersprache und völlische Kultur, ber kann es nicht ermessen. Noch steht bie deutsche Front jenseits der Grenzen — soll sie, wie 1918 die feldgraue Mauer, am moralischen Niederbruch des Hinterlandes zerbrechen?
Der Kamps ist schwer. Es ist ein Kampf gegen einen unsichtbaren Feind. Gegen die würgende Stimme der Weltplutokratie, die uns wirtschaftlich erdrosselt mit ,unfid)tbaren Fäden. Wir kämpften im Krieg nicht gegen Menschen, sondern gegen Maschinen. Ieyt kämpfen wir gegen Hunger, Sorge und Not. Dieser Kampf stumpft ab. Aber bie ba draußen auf Vorposten stehen, die gegen Faustschläge und Verbannung, gegen brutale Gewalt ihr Deutschtum verteidigen, sie blicken auf uns, sie glauben an uns, an >yr schicksalhaftes Verbundensein mit uns. — Sollten fic sich täuschen? Ist ihr Glaube ein Wahn? Leben wir in einem Deutschland, dem das Geschäft mit tschechischen Kinobesitzern wichtiger ist als die Ehre, die Menschenwürde deutscher Bauern?
Die Antwort, die das deutsche Volk auf diese Frage gibt, entscheidet das deutsche Schicksal.
Die Liberalen spielen im Parlament nach ihrer Stärke eine etwas klägliche Rolle,, obwohl sie das Zünglein an der Waage sind. Sie sind die Leidtragenden bei bem gegenwärtigen Wahlsystem, das die Mandate nach der relativen Mehrheit verteilt. Ihret Stimmenzahl nach können sie sich ganz gut mit den anderen Parteien vergleichen. Es ist aber ihr Unglück, baß die Zahl der Wahlkreise, in denen sie die stärkste Partei sind, sehr gering ift. Deshalb haben wieder günstiger sind, sie bie Forderung aufgestellt, das Wahl-, —


