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Nr. 295 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Montag, 15. Dezember 1950

Stahlhelm-Kundgebung in Gießen

Und so war es.

(Lust. BL)

ilnö zuletzt finden sie sich alle im Walde wie- der zum guten Ende, und es werden sogar noch EU"ge Märchenbilder vorgeführt, Rotkäppchen mid Dornröschen, und der Warrderbursch Hans vrmmersroh kriegt seine Goldmarie wieder, und dann erscheint auch der Weihnachtsengel, dem em brennendes Christbäumchen vorausgetragen wird, und singt ein schönes altes Wcihnachts- ued.

Gießener Stadttheater.

Alohs drasch:Goldmarie und Pcchmaric".

Einen bunten, kinderfröhlichen Nachmittag er­lebten wir am Samstag im Theater, als das Weihnachtsmärchen zum erstenmal gespielt wurde: Goldmarie und Pechmarie". in fünf Bildern von Aloys Prasch, dem verstorbenen Vater unseres Intendanten, mit Musik von Gustav Steffens.

cintrctcn konnte, weil eine geringe Verschiebung der Wähler schon genügte, um die Mehrheits- Verhältnisse im Hinterhaus aus den Kopf zu stellen, llnö die Erfahrungen, die Deutschland mit dem Proporz gemacht hat, sind ja nicht ge­rade verlockend. Deshalb ist es zweifelhaft, ob die Arbeiterpartei so weit wird gehen wollen. Aber es könnte doch schon fein, daß sie einen recht hohen Preis bezahlt, wenn sie dafür die Gewähr hat. das; sie die Neuwahlen ver­schieb e n kann etwa bis zum Herbst, weil dann ihre Aussichten den Konservativen gegenüber

recht zu ändern. Dabei haben sie zunächst wohl an die Stichwahl gedacht, sind jetzt über einen Schritt weiter gegangen und wollen die Verhältniswahl fordern, die ihrer be­sonderen Xlage am besten gerecht werden würde. Aber das Geheimnis der englischen Politik war ja immer der große Erdrutsch, der bei Neuwahlen

die Liberalen das Kabinett unterstützen und dafür eine Wahlresorm als Bezahlung bekommen. Lloyd George selbst hat daS freilich mit aller Entschie­denheit bestritten. Solche Dementis haben es jedoch gelegentlich in sich, und die Wahrscheinlichkeit einer Annäherung zwischen der Arbeiterpartei und den Liberalen ist zu groß, als daß sie nicht zum mindesten wieder versucht werden sollte, nachdem sie bei früheren Gelegenheiten wiederholt geschei­tert ist.

Die großen Schauspieler waren nicht minder eifrig bei der Sache als die Kleinen. Elisabeth Wielander war die brave und sanfte Gold- marie, Beatrice Doering die schwarze, gar­stige und ruppige Pechmarie. Karl 33 o [cf und Agathe Walther-Lederer waren die Leh­rersleute, Eduard Wesen er ein munterer Handwerlsbursch. der in Frau Holles Ncich un­versehens zum Schneemann wird, wenn es zu schneien anfängt: Hilde Schwend war eine liebreizende, gütige Frau Holle: Friedrich Zin- g ei und 3Ife Iahn hatten sich in Eiszapfen und Schneeflocke verwandelt: Gretel W o e l k e aber sang als WeihnachtsengelEs ist ein Ros entsprungen".

ben dem Ganzen einen würdigen Rahmen. Die Veranstaltung, zu der auch der hessische Dichter Alfred Bock erschienen war, hatte in Mainz grobe Aufmerksamkeit erweckt und viele Teilneh­mer gefunden, ein Beweis dafür, daß die Werke des fast vergessenen Meisters deutscher Erzäh­lungskunst dank den Bemühungen des neugegrün­deten Hvlzamer-Bundes allmählich den Weg fin­den ins deutsche Volk. K. H.

Am Samstagabend trat der Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, mit einer Kundgebung vor die Gießener Öffentlichkeit. -Zur Einleitung des Werbeabends begann um 19 Uhr vom Wetzlarer Weg aus der

Marsch einer Gtahlhelmkompagnie

mit Spielmannszug und Marschmusik durch zahl­reiche Straßen der Stadt. Trotz des Schnee- und Regenfalles, der die Straßen sehr naß und ungemütlich machte, nahm eine große Menschen­menge stark interessierten Anteil an dem Marsche, der auf Oswaldsgarten fein Ende sand. Hier marschierten die Stahlhelmleute mit ihren zahl­reichen Fahnen in Kompaniefront auf, die unter den Klängen des Präsentiermarsches von dem Bundesführer des Stahlhelms in Hessen, Kapi­tän z. S. a. D. Weise, Darmstadt, und dem Gauführer. Obertelegrapheninspettor Spies, Gießen, abgeschrittcn wurde. Sodann rückten die Stahlhelmleute zu der

Kundgebung in der Turnhalle ein. Hier hatten mittlerweile Hunderte von Mitbürgern aus Stadt und Land Platz ge­nommen, denen sich mit den Stahlhelmern in Kluft noch weitere Hunderte hinzugesellten, so daß die Turnhalle gegen 20.30 Uhr überfüllt war: man greift wohl nicht zu hoch, wenn man die Besucherzahl auf rund 1000 Personen schätzt.

Nachdem die Fahnen unter den Klängen des Präsentiermarsches der Stahlhelmtapelle einge­bracht waren, eröffnete der

Gau ührer Spies-Gießen

die große Versammlung mit dem Hinweis dar­auf. daß überall im hessischen Gebiet ein erfreuliches Cmporblühen der ört­lichen Stahlhelm-Verbände feftzu- stellen sei. Diese Kundgebung sollte Gelegenheit bieten, unmittelbar von einem der beiden ver­antwortlichen Dundesführer das Wesen und Wollen des Stahlhelms und seine Stel­lungnahme zu den wichtigsten Tagesfragen zu hören. Leider sei vor wenigen Stunden mitgeteilt worden, daß der als Redner angekündigte zweite Bundessührer, Oberstleutnant a. D. D ue st er­be rg, plötzlich erkrankt sei und deshalb nicht kommen könne. Für den erkrankten Dundes­führer werde der Führer der Ortsgruppe Mainz, Staatsanwalt und Landtagsabgeordneter Dr. Wolf sprechen.

Staatsanwalt Abg. Dr. Wolf-Main, gab zunächst in kurzen Abrissen ein Bild von der Entstehungsgeschichte des Stahlhelms und betonte dabei, der Stahlhelm sei heute eine Oruganisation

Ausweg.

Professor Zweistein, der berühmte Gelehrte, er­wachte.

Um ihn herum alles dunkel.

Er macht Licht und sieht nach der Wanduhrt Sechs! Und forscht wie folgt:

Entweder ist es lag, sechs Uhr nachmittags dann ist eine Naturkatastrophe, verbunden mit Son­nenfinsternis, eingetreten. Vermutlich ein Erdbeben. Oder es ist Morgen, sechs Uhr morgens, bann ist dieselbe Vermutung zutreffend... Entsetzlich!"

Stützt den Kopf in die Hände, blickt noch einmal nach der Uhr und murmelt:

»Es besteht noch die dritte Möglichkeit: Man hat vergessen, die Uhr aufzuziehen. Dann sind wir alle gerettet"

Das Ganze hat der gute Onkel Dolck mit Liebe und Sorgfalt und allerlei lustigen Ein­fällen einstudiert und Herausgepuht: Karl Löff­ler hat extra einen neuen Vorhang mit bunten, kindlichen Bildern bemalt und überhaupt die ganz reizende und märchenhafte Dekoration her­gerichtet. Herr D ä u I k e hat die Kindertänze ein- studiert, die allerliebst anzusehen sind, besonders im dritten Bild der echte alte Schwälmer Bauern- tanz, welcher den kleinen Leuten so wohl ge­fiel, daß er gleich noch einmal wiederholt werden mußte. Fritz Cuje dirigierte mit sicherer Hand die Begleitmusik.

Wer also seinen Kindern eine Freude machen will, der lese ihnen erst wieder einmal aus den Kinder» und Hausmärchen der Brüder Grimm dieFrau Holle" vor und führe die Kleinen dann zur ..Goldmarie und Pechmarie" ins Theater.Die Kinder, sie hören es gerne. hth.

HoNamer-Sedenkfeier in Mainz.

Wilhelm Holzamer, dem frühverstorbenen Dichter, der in diesem Iah re erst seinen. Ge­burtstag begangen hätte, wurde in der Zentrale ferner rheinhessischen Heimat kürzlich eine beson­dere Ehrung dargebracht. In der vom Volks- bildungsverein Mainz in Gemeinschaft mit dem Holzamer-Dund veranstalteten Feier sprach Re­dakteur Dr. Karl Neurath (Kassel) über Holz- mners Wesen und Wert Ein Sohn des Dichters. Hans Holzamer (Heppenheim a. d. D.j brachte - un& ErzählungHochsommerglück" zu Gehör. Musikalische Darbietungen eines Quar- *58 und Holzmnersche Lieder, komponiert von ratto Naumann (OHarn^) und gesungen von dem Zungen Sänger Georg KloS (Nieder-Olmf. ga-

rabe burch ben kulturpolitischen wichtigen Beitrag von Ehr. F. Weiser überAmerikanische Hochschule unb beutsche Bilbung" eröffnet: als deutliche War­nung an Deutschlanb zeigt er, wohin es führen muß, wenn bie Bilbungspflege eines Volkes einer­seits vom demokratischen Parteigeist unb auf ber anberen Seite von einem auf reine Nützlichkeit ein­gestellten Geschäftssinn beherrscht wirb. Das Enbe ist bas geistige Warenhaus. InHans Delbrück als Kriegshistoriker" von Ernst Buchfink tritt ein Of­fizier bes alten Heeres für Delbrücks oielumftrittene Lehre von ber Ermattungsstrategie ein. Der an­schauliche Aufsatz eröffnet gerade bem Laien wert­volle Einblicke in strategische Zusammenhänge. Zwei Bilber von Hans Baldung Grien bringen bte Weih- nachtsnote in bas Heft, in bem eine feine ßegenbe von Walter Spitta auch bas Abventserlebnis an- klingen läßt.

Europa ist zur Zeit so mit sich selbst beschäf­tigt, baß die Beobachtung des indischenPro- b lern s fast etwas in ben Hintergrund getreten ist. Tatsächlich aber ist bie Unruhe im wichtigsten englischen Kronlande, der Schlüsselstellung der englischen Weltmacht, so weit gediehen, daß schon die nächsten Monate eine Entscheidung von welt­politischer Tragweite bringen können. Es ist des­halb von besonderer Bedeutung, wenn einer der ältesten Vorkämpfer des indischen Nationalismus. Dr. Taraknath Das, im neuesten HeftRevolution in Indien" der Süddeutschen Monats­hefte, München, über den Freiheitskampf seine- Landes spricht. Cs ist vielleicht die klarste und um­fassendste Schrift in deutscher Sprache über da- brennende weltgeschichtliche Problem.

Da gab es schrecklich viel zu sehn und zu hören, und bes Iubels und Geschreis und Gelächters war kein Ende: nur wenige Male im ganzen Iahv wenn das Weihnachtsmärchen gespielt wird fiefjt man im Theater ein so hingebungsvolles, dankbares und ausdauerndes Publikum.

Die in ben Grundzügen ja wohlbekannte Ge­schichte, die von Aloys Prasch ausgeschmückt und ausgemalt worden ist. spielt abwechselnd auf Er­den und in Frau Holles Reich. Auf Erden steht das Schulhaus, wo der Lehrer Fibel mit seiner Frau regiert, und auch der Hof der 5rau Klapper mit ihren beiden Töchtern Goldmarie und Pech- warie, mit Hahn unb Enten, mit Kuh und Hund und Ziegen und mit Tauben auf bem Dach. Lind in der Mitte steht der große Brunnen, da springt die Goldmarie hinein, um bie binuntergcfallene Spule der Pechmarie wieder herauszuholen. Unb bie Pechmarie und die Däue- nnnen springen hernach auch noch hinein, um den Goldsegen da unten zu heben.

Zeitschriften.

»D a s In sei schiff." Eine Zeitschrift für die Freunde des Insel-Verlags.) Zwölfter Iahrgang. Erstes Heft. Weihnachten 1930. Aus dem Inhalt des reichhaltigen, forgfältig ausgestatteten Heftes möchten wir die folgen­den Beiträge mit besonderer Empfehlung hervor- heben- von Rilke zwei Briefe (davon einer, an Hofmannsthal, faksimiliert) und eine Aufzeich­nung über die Entstehung ber berühmten Duineser Elegien: Hubert Mumelter heißt ein vom Insel- Verlag in die Literatur eingeführter neuer Dich­ter: das KapitelSabina" ist seinem im Früh­jahr erscheinenden RomanZwei ohne Gnade" entnommen; über ben englischen Dichter Huxley äußert sich W. E. Süskind: ein schönes Prosa­stückHeimweg der Magd" von Hans Carossa; ein Alt aus Richard Billingers neuem Schau­spielRauhnacht": ungemein interessant sind zwei Blätter von Riemers Hand aus der Sammlung Kippenberg: GoethesMottve in Romanen zu brauchen": von den Bildbeilagen: zwei sehr feine Radierungen von Markus Behmer zumPro­pheten Iona" unb Schüllers Bühnenbilder zum Spiel von ben heiligen brei Königen" von Tim­mermans.

Das Dezember-Heft vom ,.K u n ft to a r t" (Callwey, München» bringt u. a. Proben aus dem Herbst- und Frühlingsspiel" des Oesterreichers Bruno Brehm: aus K. B. v. Mechows neuem ReiterromanDas Abenteuer" wird eine Episode geboten. Zum 70. Geburtstag Anna Croissant- Nu st s schreibt Otto Stoeßl, über neue Kriegs­literatur. alte und neue Iugendbächer Alverdes unb Peter Muthmann. Hans Carossa zeichnet für einen Beitrag über Alfred Kubin mit Bildern, die Iosef Popp weiterhin erläutert. Fünf wunder­volle Bilder französischer Plastik und Malerei unterstützen einen Aufsatz über das heutige Frankreich.

Das Dezemberheft berZeitwende" (Der- lag C. H. Beck, München) beschließt mit gehaltvollen Beiträgen ben 6. Jahrgang. Mit Recht wird es ge-

5rait 3^$ aber tanzen bie Schnee- dm Satt dazu, steht das Däumchen mit dicken roten Aepfeln behangen, unb links steht ber großmäch- hge Dacko.en mit Suppentopf unb Kaffeekanne, die glühen vom Feuer, unb die Drote in ber Back- toßre schreien, weil sie gar sind unb heraus- yczogen werben wollen. Frau Holle aber ist eine strahlende und mächtige Fee. welche die Erden- kmder nach ihrem Derdienst belohnt.

Orientierung nach Deulschand!

Don Dr. Karl Gustav Bittner.

Durch bie Presse geht kaum noch ist die Empörung über bie polnische Wirtschaft einiger­maßen abgeflaut die Meldung, daß deutsche Dauern in der Wojwodina (Südsla- wien) von der serbischen Polizei gc- ohrfeigt, blutig geschlagen und in menschenun­würdiger Weise mißhandelt wurden. Zum Schluß mußten die Dauern die Polizisten kniend um Ver­leihung bitten weil sie ihnen die Mühe des Prügelns unb Mißhandelns gemacht haben. Am gleichen Tag verbreitet bie Presse bie Nachricht, Daß Professor Graf bu Moulin, ber auf einer Protestversammlung der Münchener (Stuben- ten gegen ben Polenterror sprechen wollte, einen Maulkorb umgehängt bekam unb darum auf feine Rede verzichtete. Unb einige Tage vor­her las man triumphierend: Der deutsche Tonfilm in Prag ist wieder gestattet!

Drei Tatsachen, die ein bezeichnendes Licht auf die deutschen Beziehungen zum Ausland werfen. Man muß zugeben, daß die deutsche Außenpolitik vor einer einzig dastehenden Schwierigkeit steht: Don achtzig Millionen Deutschen leben zwanzig Millionen im Ausland. Kein Volk ber Melk ist für einen gleich hohen Prozentsatz seiner Dolk-genossen auf den guten Willen des Auslan­des angewiesen unb kein Volk ber Welt hat fo gcringe äußere Mittel, biefen guten Millen zu erzwingen. Das muß zugegeben werben. Aber es muß Icib:r auch festgestellt wer­den, daß Deutschland auf dem besten Weg ist, auch die rn o r a l i s che n M i 11 e l aus ber Hand zu geben, mit denen es für das Aus­landsdeutschtum kämpfen kann.

Angesichts desSieges" im Tonsilmkrieg scheint es unwürdig, wenn unter Hinweis auf die Wehr­losigkeit Deutschlands über bie brutale Mißhand­lung des Auslandsdeutschtums mit einem be­dauernden Achselzucken hinweggegangen wird. Deutschlanb kann auf das Ausland einen Druck ausüben, wenn es will. Dor allem: wenn eine geschlossene Front hinter den papierenen Protesten ber Regierung steht. Im Prager Ton­filmstreit war es so: Die geschlossene Front bes Gelbes marschierte auf gegen ben Primator Daxas. Diese Phalanx rührt sich nun freilich nicht, wenn es um geoßrfeigte deutsche Bauern geht. Die haben ja mit denheiligsten Gütern ber Ra- tion" nicht- zu schaffen. Gegen bie Bestialität ber französischen Trabantenstaaten im slawischen Osten hilft nur bie geschloffene einmütige Front deS Volkes.

Wir sehen in der deutschen Parteipolitik eine dreifache Orientierung: Rach Osten, nach Westen und nach Süden. Dündnispolitik mit Frank­reich ober mit Italien, oder mit Ruß­land wird als Heilmittel für Deutschland vor- geschlagen. Unb bie Gründe, die für jede dieser drei Dündnismöglichleiten vorgeschlagen werden, sind überzeugend. Sie sind alle aus dem ehr­lichen Wollen geboren, Deutschland seinen Platz an der Sonne zurückzuerobern. Es ist vielleicht notwendig, baß Deutschland zu einer dieser brei DündniSmöglichkeilen greift. Rur. alles Derbün- den hilft nichts, solange bie vierte, ober beffer gesagt, die erste, weil bringenbfte Orien­tierungsmöglichkeit außer acht gelassen wird: D i e Orientierung nach Deutschland! Ein Volk, das in sich uneins ist, verliert die Ach­tung bei den anderen Völkern und damit bie moralische Bündnisfähigkeit. Denn jeder fragt: mit welchem Deutschland wollen wir uns ver­binden? Es ist klar, ein Volk, das der Anarchie oder der Diktatur zutreibt unb so muß uns das Ausland ansehen! kann niemals Subjekt zwischenstaatlicher Bindungen fein. Muß notwen­dig Objekt der internationalen Diplomatie blei­ben. Der polnische Wahlterror, die Vorgänge im Memelland, in Danzig, in Südtirol, die Tschechi- fche .Bodenreform" all das beweist nicht ge­rade, baß das Ausland uns achtet.

von 2 Millionen Männern, straff gegliedert und ständig anwachscnd. Der W e h r g e i st habe diese Männer im Stahlhelm zusammengeführt unb die Organisation stark gemacht. Der Redner wies dann kurz auf die furchtbare Not unserer Zeit hin, für die allein die riesige Arbeitslosenzahl deutlich genug rede, unb stellte fest, daß es heute um das deutscheVolkschlechterdennjebeftellt sei. Sodann warnte er eindringlich vor den Gefah­ren des Bolschewismus. Weiter sagte der Redner bann u. a.:

Dir müssen als Schicksalsgemeinschaft versuchen, diese schwere Zett zu überstehen. Aber da» Bürgertum schläft, wie es auch im November 1918 geschlafen hat. wenn jemals das Bürger­tum auf die Straße gehört hat, um zu zeigen, daß es auch ein Recht zum Leben hat, daß es sich nicht wehrlos abschlachten lassen will, so ist jeßt der Moment gekommen. (StürmischerBeisall.)

Es wäre schöner, wenn es anders wäre. Aber das deutsche Spießbürgertum ist noch nicht zum Bürger geworden, es verschließt die Augen unb will von nichts wissen. Deutschlanb ist ein armes Land ge­worden, in dem jeder Wehrgeist am liebsten von Staats wegen schon verboten würde unb man nur Pazifisten großziehen möchte. Der Krieg, den die meisten von uns mitgemacht haben, war etwas Entsetzliches, etwas Furchtbares: er sollte jeden ver­nünftigen Menschen davor bewahren, wieder einen Krieg anzufangen. Gerade der Stahlhelm ist einer ber größten Gegner bes Krieges. Aber

ein entwaffnetes Deutschland ist keine Garantie für ben Jrleben.

Wenn wir in Deutschlanb mit dem Geist der Wehr« losigkeit weiter machen, werden die Polen immer frecher, und bann warten auch noch viele andere daraus, sich ein möglichst großes Stück aus Deutsch- land ßerausAureißen. Wir als Stahlhelmer Hetzen nicht zum Kriege, wir sind vielleicht die wahrsten Pazifisten, aber wir handeln nach dem Grundsatz: Aug um Auge, Zahn um Zahn! (Stürmischer Beifall.) Wir wollen nicht wehr­los gemacht werden in Deutschland, wir wollen ein Land deutscher Art unb deutschen Geistes bleiben. Wir als Frontsoldaten ver­stehen unter Wehrhaftigkeit etwas anderes als die Leute, die während des Krieges die Hei- m a t i n der Heimat verteidigt haben. Wir, bie wir wissen, wie der Krieg ausgesehen hat, ver­langen, daß auch dem Frontsoldaten wieder das Rechts wird. Darum W e h r g e i st, um allen, die den Staat stürzen wollen, jederzeit entgegenzutreten,

Ich beftreife, daß wir, wie man uns nachsagt, Heinde dieses Staates sind. Dieser Staat ist un-

Mocdonatd unb die Parteien.

Englands innere Politik.

Das Kabinett Macbonalb schien beinahe schon rn ben letzten Zügen zu liegen. Die Arbeiterpartei hatte es nicht versucht, bie großen Versprechungen, mit denen sie in ben Wahltarnpf gegangen ist, auch nur zum geringsten Teil zu erfüllen. Sie hat sich beshalb in ben letzten Nachwahlen eine Schlappe nach der andern geholt, kein Wunder, wenn deshalb Macdonald der weiteren Entwicklung mit einiger Sorge entgegensah, denn er hat es bei der Parteikonstellation kaum in der Hand, den Termin für die Neuwahlen zu bestim­men. er müßte immer befürchten, daß er zu einem Zeitpunkt, der ihm nicht paßte, gestürzt würde unb dann mit ungünstiger Parole unb nicht einheit­licher Front in bie Neuwahlen ging. Man hat sogar bavon gesprochen, baß er selbst vorher von der Bildfläche verschwinden und alsDize - könig nach Indien gehen würde, weil seine Partei das Vertrauen zu ihm verloren habe und lieber eine energischere Persönlichkeit an der Spitze sähe.

Inzwischen scheint ihm ein Schachzug gelungen au sein, der nicht nur seine persönlichen Ausächten, sondern auch die Lage seiner Partei wesentlich verbessert, so daß zunächst an eine von den Konser- va.iven beabsichtigte Auslösung etwa im Frühjahr

mefcr gedacht zu werden braucht. Es wird nämlich ganz offen davon gesprochen, daß eine Verständigung zwischen der Arbei­terpartei und den Liberalen zu- standegekomm e n fei auf der Grundlage, daß

Man suche für diese traurigen Vorgänge nicht immer eine Entschuldigung in Deutschlands Ent­waffnung nach einem Krieg. Wir müssen zu der bitteren Einsicht kommen, baß wir auf bem besten □Dcg find, den Weltkrieg auch moralisch zu ver­lieren durch die innere Zersplitterung.

Orientierung nach Osten, nach Süden, nach Westen? Nein, nach Norden den deutschen Blick! Nach dem symbolischen Norden, der ger­manischen Urheimat, aus der einst deutsche Völ­ker aufbrachen und, ohne Noten, Proteste unb Paragraphen, eine Welt erschütterten. Weil un­verdorbene Kraft des Blutes diese blonden Völker trug. Die Zeiten sind anders geworden seither. Der Weltkrieg hat uns gelehrt, daß höher als das Heldentum des Schwertes die heldische Kraft der Seele gilt, in Zeiten, da auch Kriege mit Ma­schinen geführt werden.

Ist uns in den zwölf bitteren Jahren ber Ver­sklavung auch biete Kraft gebrochen worden? Fast scheint es so. Wer es nicht kennt, das zähe, er­bitterte Ringen der Deutschen in der Tscheche!, in Südslawien, in Polen, in Italien, dieses hel­dische Ringen um Muttersprache und völlische Kul­tur, ber kann es nicht ermessen. Noch steht bie deutsche Front jenseits der Gren­zen soll sie, wie 1918 die feldgraue Mauer, am moralischen Niederbruch des Hinterlandes zer­brechen?

Der Kamps ist schwer. Es ist ein Kampf gegen einen unsichtbaren Feind. Gegen die würgende Stimme der Weltplutokratie, die uns wirtschaft­lich erdrosselt mit ,unfid)tbaren Fäden. Wir kämpften im Krieg nicht gegen Menschen, son­dern gegen Maschinen. Ieyt kämpfen wir ge­gen Hunger, Sorge und Not. Dieser Kampf stumpft ab. Aber bie ba draußen auf Vorposten stehen, die gegen Faustschläge und Verbannung, gegen brutale Gewalt ihr Deutsch­tum verteidigen, sie blicken auf uns, sie glauben an uns, an >yr schicksalhaftes Verbundensein mit uns. Sollten fic sich täuschen? Ist ihr Glaube ein Wahn? Leben wir in einem Deutschland, dem das Geschäft mit tschechischen Kinobesitzern wichtiger ist als die Ehre, die Men­schenwürde deutscher Bauern?

Die Antwort, die das deutsche Volk auf diese Frage gibt, entscheidet das deutsche Schicksal.

Die Liberalen spielen im Parlament nach ihrer Stärke eine etwas klägliche Rolle,, obwohl sie das Zünglein an der Waage sind. Sie sind die Leidtragenden bei bem gegenwärtigen Wahl­system, das die Mandate nach der relativen Mehrheit verteilt. Ihret Stimmenzahl nach kön­nen sie sich ganz gut mit den anderen Parteien vergleichen. Es ist aber ihr Unglück, baß die Zahl der Wahlkreise, in denen sie die stärkste Partei sind, sehr gering ift. Deshalb haben wieder günstiger sind, sie bie Forderung aufgestellt, das Wahl-,