Samstag, 15. November 1930
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhefsen)
Nr. 268 Zweites Blatt
Oie Wahlen in Amerika und Oesterreich.
Don Dr. Otto Hoehfch, o. ö. Pros, der Geschichte an der Universität Berlin.
Auch die amerikanischen Wahlen sind, wie die deutschen Reichstagswahlen. Pro- t e st w a h l e n gewesen, gegen die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse und die Ardcits o 'gleit Die Demokraten haben einen großen Erfolg mH einem Kamps gegen Hoover davontragen können, weil er nicht den Erwartungen der Nation entsprochen hat. Dafür kann er ja nichts, daß das Wahlversprechen m der Agitation — seine Wahlen würden bedeuten ..vier Iah re Prosperität" — nicht hat emgchalten wer- den können. Zu einem sehr großen Teil ist natur- lich die Wirtschaftskrise, die auch Amerika er- griffen hat, ein elementarer Vorgang. Aber Larin hat die Opposition recht, daß Hoover nicht die Fähigkeit und Kraft gezeigt hat-, m der Bekämpfung der Krise wirklch zu führen. Er hat wohl erkennen lassen, daß er gewisse Vor- stcllunsten hat, aber seine Anregungen sind in Kommissionen versandet, seine zweifellos große Fähigkeit des Organisators hat nicht ansgercicht zu neuen Gedanken und Entschlüssen, die die Wirtschaftskrise in dem wirtschaftlich bisher so sehr verwöhnten Lande von ihm forderte. Gegen seine bessere lleberzeugung hat er den ungeheueren Erhöhungen des Zolltarifs zugestimmt, und dieser Zolltarif ist zum „Bumerang" für seine Partei geworden. Die republikanische Partei im ganzen und ihre Führer aber haben ebensowenig vermocht, in den Wahlkampf irgendwelche zündende und zutrauenerweckende Programmpunkte zur Bekämpfung der Krise zu werfen. t
Ergebnis: der Sieg der Demokraten, wobei die Bewegung gegen die Prohibiton auch noch das ihre mitbeigetragen hat. Aber schon diese Opposition ist im ganzen doch nur gebrochen herausgekommen. Gewiß hat eine Stadt wie Reuyork eine unerhörte Mehrheit der Demokraten auch aus der Stimmung gegen das Alkoholverbot gezogen. Aber davon ist keine Rede, daß nun auch alle Demokraten sog. „Rasse" wären. Infolgedessen ist auch keine Rede davon, Laß die Prohibition grundlegend verändert werden wird. Aber auch die Opposition im allgemeinen hat zu einem wirklichen Siege nicht aus- Sereicht. Gewiß haben die Republik tner, die zehn ahre lang den Kongreß beherrscht haben diese Herrschaft verloren. Aber eine sichere Mehrheit haben die Demokraten auch nicht erreicht. Es ist ein „Erdrutsch" zugunsten der Demokraten, wie er in Amerika selten war. Aber das Heft bekommen sie damit weder im Repräsentantenhaus noch im Senat in die Hand.
Zunächst dauert es ja eine ganze Wecke, ehe dieser eben gewählte Kongreß sein Amt an- tritt, da das Mandat der Reugewählten erst am 4. März 1931 Kraft erlangt und der neugewählte Kongreß gar erst im Dezember . 1931 zusammentritt. Bis dahin könnte
Hoover mit dem jetzigen Kongreß und der Mehrheit seiner Partei darin doch vieles durchsetzen. Wird er das tun? Wird er die Entschlüsse fassen, zu denen es bisher nicht gekommen ist? Oder wird er zu sehr auf die Zeit nachher blicken, auf die zwei Iahre, in denen er noch Präsident ist und mit einem ihm feindlichen Parlament zu rechnen hat? Es ist geradezu ein politisches Grundgesetz in Amerika, das durch viele Wahlen bestätigt ist, daß die regierende Partei, die nach der ersten Hälfte dec Amtszeit ihres Präsidenten die Herrschaft im Kongreß verliert, damit auch die nächsten Präsidentschaftswahlen verliert. Das ist, abgesehen vom Iahre 1876, in allen Wahlen der Fall gewesen. Die Demokraten rechnen auch sicher damit, daß ihr Kandidat, Franklin Roosevelt, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten sein wird.
Aber auch sie haben im Wahlkampf nicht und vor allem nicht nach ihrem Siege erkennen lassen, was sie nun anders machen wollen. Ihre
Aeußerungcn über den Zolltarif waren und sind sehr vorsichtig. Man spricht sogar von einem gemeinsamen Arbeiten der beiden Parteien und einer Verständigung unter ihnen, was in der amerikanischen Parteigeschichte ganz neu wäre. Kurz: im Grunde ist die Lage durch diesen demokratischen Sieg wenig geklärt worden. Diesen Charakter wird sie nun demgemäß lange Zeit auch tragen.
Bedeutet diese Wahl etwas für die große Politik? In der Abrüstungspolitck, in der Re- parations- und Schuldenfrage haben die Demokraten keine Abweichung von Hoovers Politik erkennen lassen. Ob das anders werden wird, wenn sie im nächsten Iahr ihre Macht im Kongreß ausüben können, steht dahin. Aber schon der Wahlausfall an sich ermöglicht den Demokraten nicht, eine entschlossene andere große Politik zu treiben, selbst wenn sie das wollten. Wahrscheinlich wird diese Situation in dem für diese Weltbeziehungen ausschlaggebenden Senat die amerikanische Politik noch mehr lahmen, nachdem Hoover ihr einen wirklichen Auftrieb nicht geben konnte oder wollte, lind in diesem Sinne ist der Ausfall der Wahlen für Europa nicht erfreulich! Man wird sich hier darüber nicht täuschen dürfen, namentlich nicht in bezug auf die Frage der internationalen Schulden und der Reparationen, die im Sinne eines Nachlasses aufzufassen die Demokraten jedenfalls heute ebenso scheuen, wie die Republikaner und Hoover selbst.
Die österreichischen Wahlen kann man dagegen eigentlich Protcstwahlen nicht nennen. Sic haben die Zunahme des Radikalismus nicht gebracht, haben das Bild des Nationalrates nicht wesentlich verändert. Die Sozialdemokratie hat sich behauptet. Die bürgerlichen Stimmen sind, wie in Deutschland, zersplittert und im ganzen zurückgegangcn. Die Nationalsozialisten haben trotz großer Agitation nichts erreicht, der sogenannte H c i m a t b l o ck sehr wenig, namentlich im Vergleich zu den Hossnungen und der Agitation, mit denen dieser Teil der Heimwehren arbeitete. Der Block aus Wirtschaft und Landbund unter Führung Schobers hat zwei Mandate weniger erreicht als diese Gruppen bisher besaßen. Die Christlich-Sozialen aber, die diesen Wahlkampf unter der tatsächlichen Führung Seipels in sehr bestimmten Absichten geführt haben, haben eine Niederlage erlitten.
Das österreichische Wahlsystein ist so. daß hier ein sog. ..Erdrutsch", wie wir es oben nannten, nicht recht eintreten kann. Unter diesem Gesichtspunkt aber ist die Niederlage der Christlich- Sozialen. die sieben Mandate verloren haben, doch schwer, und es sind gerade Führer von ihnen durchgefallen, oder nur mühsam herein- gclommen. Verbindet man damit den gleichfalls großen Mißerfolg der Heimwehren, so hat die Wahl im ganzen eine Niederlage des Seipel-Blockes — wie wir der Kürze halber sagen dürfen — ergeben. Denn Seipel ist und
bleibt mit seiner geistigen Aeberlegcnheit doch der eigentliche Drahtzieher dieser ganzen Partes Politik, von der bis heute jedenfalls Oesterreich nichts Positives, dafür aber viel Unruhe und Unsicherheit gehabt hat.
Diese wird nun auch bleiben! Denn eine rechte Regierungsbildung ist noch nicht abzusehen, so wenig, daß sogar schon wieder von der ~hif» lösung des Nationalrates geredet wird. Können Seipel und Schober sich zusammenfinden nach allem, was von Seipels Seite gegen Schober geschehen ist? Dann wäre eine bürgerliche Mehrheit da. Daß Schober und die Sozialdemokratie zusammenkommen, ist noch weniger wahrscheinlich. Kurz, die Wahl hat nur die schon vorhandene Unklarheit und Unruhe vermehrt und zeigt im übrigen auch wieder, wie die ausgeklügelten Wahlsysteme auf Grund des Proportionalwahlrechtes jede Klärung erschweren Das aber kann nicht bestritten werden, daß die Absichten auf eine dem Faschismus verwandte Umänderung der Staatsverbält- n i s s e in der Wahl eine Niederlage erlitten haben, die nach der langen Vorbereitung darauf und nach der Agitation von christlich-sozialer und Heimwehr-Seite besonders zu werten ist. Und dieses Ergebnis wurde nicht, wie man erwartet hätte, durch einen Radikalismus verändert, der aus den in Oesterreich gleichfalls schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen seine Kräfte gezogen hätte.
Oes Fürsten Lütow Entlassung.
Aus dem zweiten Bande der Oenkwürdigkeiten des Reichskanzlers. - Mit Valentini auf der Fahri nach Kiel. - Bülow als Schrittmacher des parlamentarischen Systems.
Die ..Vofsifche Zeitung" schließt ihre Veröffentlichungen aus dem demnächst bei Ullstein erscheinenden 2. Bande der Denkwürdigkeiten des Fürsten Bülow ab mit der Schilderung der letzten Audienzen, die der Reichskanzler nach der Ablehnung der Erb- anfallsteuer im Reichstag Ende 3uni 1909 beim Kaiser ha'te. Sein erstes Demissivns- gesuch wurde vom Kaiser zwar abschlägig beschicken, aber nach Annahme der Reichsfinanzreform im Reichstag erhielt Bülow dann doch am 14. Iuli 1909 seine Entlassung. Copyright 1930 bi) Ullstein AD., Berlin.
(Nachdruck verboten.)
Oie Fahrt zum Kaiser.
Am 26. Iuni 1909 trat ich die Reise nach Kiel an. Vor meiner Abreise von Berlin suchte mich der Staatssekretär des Innern Herr vonDeth - mann-Hollweg auf. Ich habe Hamlet gelesen und auf der Bühne gesehen, bin auch im Leben mancher schwankenden Gestalt begegnet, aber feiner schwankenderen als Bethmann-Holl- weg. Wünschte er mein Nachfolger zu werden? Wollte er dies nicht? Sicher bin ich mir darüber auch heute nicht. Fast in demselben Atemzug sagte er mir, daß er mich dringend bäte, von ihm abzusehen, dann wieder riet er mir von Schorlemer ab, „der katholische Scheuklappen trägt", und warnte mich vor Rheinbaben, der in unruhigem Ehrgeiz es kaum erwarten könne, Reichskanzler zu werden. Er war ganz Zweifel, Sorge und Angst, aber mit einem Untergrund von (Strebertum und hoher Meinung von der eigenen Vortrefflichkeit. Er bat, mich bis an die Dahn begleiten zu dürfen, und ich nahm ihn in meinem Wagen mit. Sein letztes Wort an mich war: „Also lieber nichtI Es sei denn, daß..."
Am T-ahnhof stand der Kabinettsrat Valentini. Er kam vom Kaiser, zu dem er unmittelbar nach der Abstimmung im Reichstag gefahren war, unr dessen Befehle entgegenzunehmen. Wie viele verabschiedete Minister hatte sein Vorgänger Lu:anus während seiner fast zwanzigjährigen
Tätigkeit in die Unterwelt geleitet! Valentini war offenbar stolz darauf, daß er seine Tätigkeit als Führer zum Had:s mit einem Reichskanzler beginnen sollte, wollte aber seines Amtes mit Milde walten. Er versicherte mich, als wir zusammen allein in einem Abteil Platz genommen hatten, daß er meinen Rücktritt lebhaft bedauere. ---—
Aber meine innere Politik seit dem Wahlsieg von 1907 bä te dem Kaiser wachsendes Mißtrauen eingeflößt, ihn tief beunruhigt. Der Kaiser habe befürchtet, daß ich das „stramm monarchische", das heißt persönliche Regiment beseitigen und ein parlamentarisches Regime wie England. Belgien, Italien einführen wolle.
Ich folge bei der Wiedergabe meiner Unterredung mit Valentini einer Aufzeichnung, die ich am 27. Iuni 1909 zu meinen Privatakten nahm. Ich erwiderte Herrn von Valentini auf seine Andeutung hinsichtlich der Besorgnisse Seiner Majestät vor meinen parlamentarischen Neigungen: „Ein parlamentarisches Regime wie in England bei uns einführen zu wollen, ist mir nie eingefallen, denn ich weiß sehr wohl, daß die Voraussetzungen hierfür bei uns fehlen. Ich wollte ebensowenig eine Regierungsweise wie in Italien, Belgien, Rumänien usw., denn ich weih, daß darunter nicht nur unsere Verwaltung leiden würde, sondern auch die Armee, das ganze Staatsgefüge in Preußen, vielleicht selbst die Reichseinheit. Aber allerdings halte ich eine stärkere Heranziehung von Parlamentariern für nützlich und wünschenswert, um auf diese Weise eine allmähliche und besonnene Parlamentarisie- rung unserer Verhältnisse zu erreichen. Warum sollte nicht zum Beispiel in Preußen Spahn Iustizminister werden? Schwerin-Löwitz Landwirtschaftsminister? Fischbeck Handelsminister? Der Nationalliberale Miquel ist ja auch Finanzminister geworden, und zwar ein sehr guter! Warum sollen wir nicht im Reich Bassermann zum Staatssekretär des Reichsjustizamts machen? Heinrich Carolath oder Hertling zum Anterstaats- fefretär im Auswärtigen Amt? Gamp zum Minister der öffentlichen Arbeiten? Kanih oder Ado Stolberg zum Staatssekretär des Reichsschahamts? Auch aus Heckscher, Dove, Dohrn, Momm
sen und anderen Freisinnigen heften sich ganz, brauchbare Staatssekretäre machen. Sind erst einmal drei oder vier Abgeordnete Minister oder Staatssekretäre geworden, so werden sich mepr al« bisher tüchtige und fähige Männer in den Reichstag wählen lassen, das Niveau des Reichstags wird sich heben, und das wird in jeder Hinsicht gut fein. Ich wäre sogar nicht abgeneigt, meiert oder jenen wirklich tüchtigen Sozialisten, z. B. Otto Hue oder Carl Legien als Direktoren oder Vortragende Räte in das Reichsamt des Innern! zu sehen. Ieht, nach der schweren Niederlage, welche die Sozialdemokratische Partei bei den Wahlen erlitten hat, wätze, gerade der richtige Moment gewesen."
Valentini (entsetzt): „Darauf wird Seine Majestät nie eingehen." .
3 ch: „Ich wollte das ja auch nicht von beute auf morgen, sondern nach und nach, allmählich und besonnen. Ich erinnere Sie übrigens daran, daß ich Seine Majestät über den Novembersturm gebracht habe, ohne irgendwelche Minderung oder Beeinträchtigung der Kronrech e. Ich würde cs für illoyal gehalten haben, diese Krisis zu benutzen, um ein liberales Regime anzubahnen.
Valentini: „Seine Majestät will das Gegenteil von solchen Plänen. Seine Maiestat möchte das, was Sie persönliches Regiment nennen, noch schärfer akzentuieren."
Ich: „Das halte ich für sehr bedenklich. Woraus wollen Sie denn eigentlich hinaus? Auf Zustände wie in Rußland?"
Valentini: „Nicht gerade wie in Rußland, aber ähnlich, unseren Verhältnissen entsprechend. Vor allem muß der Reichstag mehr an den Zügel genommen werden! Seine Majestät findet seit lange, daß Sie dem Reichstag zu sehr um den Bart gehen. Eure Durchlaucht haben Seiner Majestät auch zu viele und zu schöne Reden gehalten."
Ich: „Damit habe ich doch während der zwölf Iahre ungefähr alles erreicht, was Seine Majestät anstrebte und was im Staatsinteresse lag. Was wollen Sie denn noch mehr?"
Valentini: „Gewiß! Aber das alles wurde dank Eurer Durchlaucht Geschicklichkeit bewilligt,
Hauch von Paris.
Von Albert H. tausch.
I. Anfahrt.
Bis nach Saarbrücken kommt der Zug nicht recht voran. An der Zollgrenze, die für das Saargebiet errichtet ist und schon für Frankreich Gültigkeit hat, liegt er eine halbe Stunde. Die Durchsicht des Gepäckes nimmt feine zehn Minuten in Anspruch. Cs ist so gegen 15 Ahr, und Die Herbstsonne scheint auf sehr grüne Wiesen und verfärbte Wälder. Man geht auf Dem Bahnsteig hin und her. Gewissermaßen schon zwischen zwei Welten, obwohl man noch auf Deutschem Boden ist. Der französische Zoll- beamte bon gar<;on, hat Die Anhängezettel an Den Koffern gelesen und beginnt ein Gespräch:
, Also Sie wohnen in Paris?"
„3a.“
„Sie fahren nach Paris?"
„3a."
„Ah oui, Paris... C’est autre, chose...“
„Man kann überall leben..
„Gewiß, ich sage nicht das Gegenteil... Aber immerhin! Denken Sie, wenn Sie hier das tun mühten, was ich so und so oft an jedem Tag und in jeder Nacht tue!"
„Sie fahren an ihren freien Tagen wohl nach Saarbrücken?"
„Natürlich. Stadt Bleibf* Stadt, auch wenn sie klein ist."
„Aber Saarbrücken ist doch gar nicht so klein und viel lebendiger als viele gleichgroße französische Provinzstädte..."
„Das ist richtig — aber man ist doch nicht zu Hause..
„Das sollt ihr ja Dort auch gar nicht sein", lache ich. Er schweigt. 3ch gebe ihm eine Zigarette... Nun nimmt er sein Fragen auf:
„And Sie sind gerne in Paris?"
„3ch bin glücklich, Dort zu fein."
„Aber Sie sind doch Deutscher?"
„Anbedingt. Man lebt als Deutscher sehr angenehm in Paris. Schon daß man wirklich fröhliche Gesichter um sich sieht, fröhliche Stimmen um sich hört, ist eine große Entlastung für einen jeden Deutschen, der das Schicksal ferne« Landes am eigenen Leibe miterlebt. 3hr Franzosen wißt ja gar nicht, wie gut es euch geht. 3hr
solltet euch jeden Morgen und jeden Abend bei I Dem Gott, zu Dem ihr betet oder nicht betet, Dafür bedanken, daß er euch unsere Sorgen er- | spart hat. And ernsthaft darüber nachdenken, wie ihr diesen Zustand des Wohlergehens am besten, am wirksamsten sichert... 3hr solltet endlich eure lächerliche Angst vor uns begraben und euch unsere ehrliche Freundschaft erwerben. Wie das zu geschehen hat, wißt ihr alle. Wenn Paris und Berlin einig sind, ist Europa in Ordnung. Das ist heute schon eine Binsenwahrheit, ein Gemeinplatz. Aber Sie wissen ja, daß das Selbstverständlichste oft genug am schwersten begriffen und — getan wird... Wenn ihr euch nicht ein wenig beeilt, könnte Der gute Augenblick versäumt werden...“
„And Dann?“
„Dann? Nun, Dann könnte Die Krankheit eines Gliedes der europäischen Gesamtheit (aber wir Deutsche sind ja nicht allein die Kranken auf dem Kontinent) schließlich auch für euch ungünstige Wirkungen haben...“
„Meinen Sie, daß ein neuer Krieg ... .
„Ansinn! Wer setzt euch Denn solche Flöhe in Den Kopf? Wie soll denn Deutschland gegen euch Krieg führen?"
„Aber sie schreiben doch schon wieder davon in unseren Zeitungen!"
„Allerdings! And leider Gottes! Aber ich nehme an, das Volk ist klug genug, Den Sinn solcher Schreibereien zu Durchschauen und sich nicht verwirren zu lassen..."
„Das Volk will keinen Krieg..."
„Das Volk will niemals Den Krieg. Aber da es oft genug ohne Urteil ist, folgt es Denen, Die es zu ihren eigenen Zwecken mißbrauchen."
„Ah oui“, sagt er im Davongehen, „il faut s’entendre, il faut s’entendre ä tout prix... Man muß sich unbeDingt verständigen...“
„A tout prix", wiederhole ich im Einstetgen. And denke, was ich seit dem Ende des Krieges, ja schon während des Krieges gedacht habe: daß hier die einzige Möglichkeit einer klaren, zähen, Eindeutigen deutschen Politik mit weiter Sicht liegt... Einer Politik, welche Tapferkeit, Härte und viel Geschmeidigkeit verlangt. Auch Geduld — und Ruhe bei vorübergehenden Rückschlägen. Ganz gerade Wege gibt es im politischen Leben immer nur auf den Endstrecken. Die große 2h:- beit wird in Wirklichkeit von denen getan, welche diese End-Etappe vorbereiten. Ihnen auch ge
bührt von Rechts wegen Der Ruhm, den die | Geschichte fast immer nur Den Nutznießern Dieser Arbeit zuerteilt. — —
3n Saarbrücken liegt Der Zug abermals eine ganze Stunde. Man läßt das Abteil verschließen unD trinkt seinen Kaffee in der Stadt. 3n dieser völlig deutschen Stadt, in der nichts, aber auch gar nichts von französischem Einfluß zu _ verspüren ist. Frankreich sollte so rasch als möglich Die Saarverhandlungen beenden helfen und sich — um der guten Beziehungen zu Deutschland willen — die Volksabstimmung ersparen, an der es keine Freude erleben wird...
Nun saust Der Zug nach Frankreich hinein. Die Ahr ist eine Stunde zurückgestellt. Wir leben fortan in westeuropäischer Zeit. Es wird also schon gegen 16 Ahr dunkel werden. And die vielen, aber nicht sehr Hellen Lichter von Paris werden uns eine Stunde früher in ihre freundliche Obhut nehmen als die Drüben, auf Deutscher Erde...
3n Metz, in Soul, in Dar-le-Duc füllt sich Der Zug... 3ch treffe im Speisewagen einen Bekannten aus Dijon. Wir trinken Burgunder, zu Dem er mich einlädt:
„3m Weine meiner Heimat soll Sie Frankreich grüßen..."
Wie Die Franzosen alles schön zu sagen wissen... Sie sind das Volk des Wortes, heute wie je, des wirklich schönen Wortes. Das ist ihre tiefste Macht. And eine sehr große. Denn das Wort ist sowohl da, um eine Wahrheit zu sagen als auch um sie zu verbergen. Daß der Deutsche das Wort zu handhaben lernte. Cs ist genau so wichtig wie der Gedanke...
(wird fortgesetzt.)
Orchestermusik.
Don Hans Siemsen.
Aus unferm Hof ist Musik. Ein ganzes Orchester: Drehorgel, Trommel, Pauke, Becken und Schellenbaum — ein beträchtliches, doch immerhin nicht unharmonisches Getöse erhebt sich 3ch sehe vom Balkon hinunter — ein einziger Wann produzi^t diese, wenn auch lückenhafte Orchestermusik. Er allein bedient Trommel, Pauke, Decken, Schellenbaum und Drehorgel. Mit der linken Hand dreht er die Orgel, mit Der rechten Hand schlägt er die Trommel, mit Dem rechten Ellenbogen schlägt er
die Pauke, mit Dem rechten Fuß bedient er das Decken, mit dem linken Fuß — nein, auf Dem linken Fuß muß er ja stehen. Das ist der einzige Körperteil, Der nicht in Bewegung ist. Denn auf dem Kopf sitzt dem Mann ein alter Kürassier- heim, und auf dem Helm Der Schellenbaum. And daher muß er immerzu Den Kopf schütteln, Damit Die Schellen klingeln. Cs sieht aus, als wunDere er selbst sich über sich und seine Musik — er muß Den Kopf schütteln.
„Der verdient ganz schön", sagt meine Nachbarin auf ihrem Balkon. „Zehn Mark Den Tag verdient er sicher." — „Sauer verdient", sagt jemand anders. „Wat der allen« macht!" staunt jemand. „Orgel, Trommel, Pauke und das Becken, wirklich allerhand!" — „And Dann die Klingeln nicht vajessen! Der schüttelt Wien Schüttelfrost." — „3etzt müßte er bloß noch Trom» pete blasen!" — „Die soll er wohl mit de Neese festhalten?“ — „Bravo!" ruft jemand und wirft ein Papier mit Groschen hinunter. Wir andern Wersen auch unser Scherflcin. Der Mann verdient wirklich ganz nett. Aber er „verdient" es ja auch. And bei dem Wetter! Er gibt ein Stück zu, einen Marsch. Das ist besonders schwer, weil er dabei mehr klingeln und trommeln muß als sonst, und Dann geht es so schnell.
3ch fange Den Mann in Der Haustür ab, als er weggeht. „Das ist aber schwere Arbeit, was?" — ,.3a, lieber Herr, wat soll man machen? Wir finD ja eigentlich zweie, mein Kolleje, Der dreht sonst Die Orgel, aber Der is krank. Der hat een’ Fuß jcbrochen, nu muß ick eben für zweie arbeeten. Erst dacht ick ja, et jeht nich, aber et jetzt. And Die Herrschaften jeden sogar mehr, weil se sich freuen, Det ick Det allen« al (eene mache. Aber schwer i« et." — „Na, Dann werden Sie sich nun wohl selbständig maf.cn, wenn das Geschäft alleine noch besser geht als zu zweien?" Da sah mich der kleine Mann mit seinem (Solo- orchester von vier 3nftrumenten und einer Drehorgel ganz erstaunt an. „Selbständig, Herr? Wie meinen Se Det? 3ck soll eenen Kollejen brotlos machen? Nee, Herr, bei mir nich! Wenn Aujust wieder loosen kann. Denn dreht er Die OrjeL Et langt auch für zweie un is denn nich so schwer. 3d warte bloß, bis mein Kolleje wieder soweit is."
Da habe ich ihm noch eine Mark gegeben. Er hätte mehr verdient. Aber mehr hatte ich nicht.


