Für den Bücheriisch.
Deutsche Erzähler.
— Wilhelm Schäfer: Der Haupt- mannvonKöpenick. Volksausgabe. 311 S. 8°. Leinen 3.80 Mk. Georg Müller Verlag. 2Nün- chen. (353) — Wilhelm Schäfer hat mit seinem ..Hauptmann von Köpenick" einen Volksroman geschaffen, der jeder politischen Boshaftigkeit und Tendenz, die man unter dem Titel vermuten könnte, entbehrt. Ein tragikomisches menschliches Schicksal rollt vor uns ab. Aus ländlicher Idylle im ostpreußischen Städtchen geht der Schuster Wilhelm Voigt seine Irrwege und landet, eine von eigener Schwäche geführte, vom Zufall verführte arme Seele, in Großstadt und Zucht- hauszelle. Sein letzter Streich: der Griff eines Schelmen nach den Idealen eines Volkes, damals als Zcitsatire in der ganzen Welt belacht. Der Dichter hat die Gestalt des Schusters Voigt aus tiefer Menschlichkeit heraus zu verstehen gesucht. Sein Werk ist kein Satyrspiel, es ist die Historie vom entlassenen Sträfling, der nirgends zur Ruhe kommen kann. Schäfer erzählt die Geschichte in einer Prosa, die in rrchigem, aber rhythmisch gegliederten Fluß die Handlung trägt. — ohne freilich die meisterliche Stilprägung der berühmten „Anekdoten" völlig zu erreichen. Der außergewöhnliche Stoff hat dem Buche eine schnelle Verbreitung und eine sehr freundliche Ausnahme beim deutschen Lesepublikum bereitet.
— Emil Strauß: Der Schleier. Novellen. 310 Seiten 8°. Leinen 5,50. München. Georg Müller, 1930. (373) — Den Novellen von Strauß ist eine vornehme Aesthetik eigen, in der eine gewisse Verhaltenheit vor den Wirklichkeiten, vor allem den Brutalitäten des Daseins begründet ist,... eine Aesthetik, durch die es der Verfasser in seiner klaren präzisen Sprache dennoch vermag, das Grausige, nichts verschweigend, zu einer Schönheit zu erlösen. Die Titelnovelle „Der Schleier" erscheint wie ein kostbares seidenes Gewebe, in das die Bilder dieses Geschehens zwischen dem Mann, der Gattin und der Geliebten in abgetönten, aber leuchtend sich entfaltender Farben gewirkt sind. Dennoch aber sind die Probleme dieser erzählerischen Gebilde wahr ... die Probleme oder das eine immer wiederkehrende der Liebe der Geschlechter, der Liebe der Menschheit und zur Menschheit selbst... die in manchen Geschichten so naheliegend und alltäglich und ihrem speziellen Fall so wenig über das Allgemeine hinausgehen, daß man kaum merkt, daß etwas Besonderes geschieht. Alles ist fesselnd bis zuletzt erzählt urrd überall erweist sich im Besonderen die Begabung dieses Dichters, von dem die Romane „Der Engelwirt". „Freund Hein" und „Kreuzungen" früher sehr bekanntgeworden sind.
— Griechisch e Heldensagen. Neu erzählt nach den alten Quellen von Albrixht Schaeffer. Zweite Folge im Insel-Verlag zu Leipzig. (98) — Diese zweite Folge der bis auf die Quellen zurückgehenden Nachdichtungen Griechischer Heldensagen schließt das Werk ab. Der Band umsaßt den Sagenzhklus: Tantalos und die Tantaliden. Aufgang und Untergang Thebens. Iason und die Argonauten. Die Darstellung der griechischen Sagen durch Albrecht Schaeffer ist eine Erneuerung im doppelten Sinne: sie ist neu in der Form und neu dem Wesen nach. Nun erst sind diese Sagen uns wieder nahe und vertraut. denn sie sind geschrieben in der Sprache eines Dichters unserer Zeit.
— Robert Neumann: Hochstapler- .Novelle. 186 Seiten 8°. Kart. 4, Leinen 5,80, Halbleder 8,50 Mk. I. Cngelhorns Nachf.. Stuttgart 1930. (312.) — Neumann, sicher der Begabteste der jüngeren österreichischen Erzählergeneration, ist bekanntgeworden zuerst durch seine erstaunlich treffsicheren Parodien „Mit fremden Federn", später vor allem durch den breit angelegten, abgründigen Nachkriegsroman „Sintflut"; unsere Leser werden sich auch kleiner Novellen und Anekdoten im Feuilleton des „Gießener Anzeigers" erinnern. Die „Hochstaplernovelle" scheint uns — als schriftstellerische Leistung — zum Reifsten zu gehören, was Neumann bisher geschrieben hat; sie besticht durch ihre blendende, erzählerische Sicherheit, durch den knappen und dennoch malerischen Aufbau ihrer Szenen, durch das vehemente Tempo und die raffinierte Spannung, die den Leser sogleich zur Sammlung zwingt. Südliches Klima — der „Kriegsschauplatz" des Gcntlemangauners liegt an der adriatischen Küste — umgibt unaufdringlich, aber überall spürbar die Ereignisse, welchen bei aller fatalen Wirklichkeit doch eine leise Romantik nicht völlig fremd ist. Dieses Buch ist elegant, amüjant, scharfsinnig und witzig geschrieben; eine ausgezeichnete Unterhaltung — und mehr als das: ein sauber gearbeitetes Kunst-Stück moderner Prosa.
— Martin Beheim-Schwarzbach: Die Michaelskinder. Roman. Ganzleinen. Insel-Verlag. (294.) — Der Roman ist ein Stück inniger Legende, von dem eigenartigen Zug verwaister Heidekinder, an die eine mächtige Botschaft ging, so mächtig, um sie aus Unschein- baren zu kleinen Heiligen zu machen und die doch als Menschenkinder einen bitteren Leidensweg gehen und Opfertod sterben müssen, ein Tod an einer Wende der Zeiten. Er ist aber auch ein erschütternder, realistischer Bericht aus den Zeitläuften des 15. Iahrhunderts, voll von blutigen Greueln und Schrecknissen. Doch weiß der Dichter dabei noch jene geheimnisvolle Mystik deutlich zu machen, die in einem Iahr- hundert herrscht, in dem Kirchenlehrer und Herzöge an ihrem Glauben irre wurden und auf neue Heilige warten und sich vor einem neuen Jahrhundert, in dem der Verstand regieren wird, maßlos fürchten, in dem die Menschen sich dem Bösen verschreiben und es ihnen mit Daumschrauben und Scheiterhaufen ausgelrieben wird. Den Kindern eines armen Heidedorfes geht eine geheime Botschaft zu. aufzubrechen nach dem heiligen Inselberge Tumba an der normannischen Küste und beizustehen dem Erzengel Michael, der die Menschheit züchtigen will und den Bösen austreiben. Zehn Kinder in dem kleinen Katendorf der Heide, denen ein blutiges Schicksal über Nacht all ihre Eltern erschlug, vernehmen diese Kunde, finden sich zusammen und machen sich auf den Weg. Aus zehn werden bald Hunderte, der Strom ist nicht einzudämmen, die Eltern sind machtlos und so ziehen sie weiter, zerlumpt, wund, krank, immer mehr und mehr, bis in die Gegend von Hameln. Sie
haben Aeste, mit denen sie winken, fromme Frauen geben ihnen kleine Fahnen mit dem Bilde des heiligen Michael. Unter merkwürdigen Umständen endet der phantastische Zug der Kinder. In einer Nacht ereilt sie alle der Tod unter einer weiten weißen Schneedecke. B.
— Falk, Minna. Mutter und Toch» ter. Roman. (Verlag Scherl. Berlin.) Geheftet 2.70 Mk. (255). — Mutter und Tochter stehen sich heute kameradschaftlicher gegenüber als früher. Die Mutter bleibt jugendfrischer und lebensfreudiger, die Tochter steht selbständig im Leben und weih ihre Eigenart auch gegen die
— Floyd Gibbons: Der rote Napoleon. 348 Seiten 8°. Kart. 6.50 Mk. Ernst Rowohlt-Verlag. Berlin 1930. (319) — Dieser Roman ist eine weltpolitische Prophezeiung, eine Vision der nahen Zukunft, die erschreckende Schilderung eines neuen Weltkrieges in den Iahren 1933 bis 1936, — geschrieben „in der Hoffnung, daß es nicht geschehen wird". Also ist das Ganze eine Warnung, wie es ja vor dem „alten" Weltkriege schon mehrere derartige „Zukunftsphantasien" gegeben hat, besonders int Hinblick auf dos Verhältnis und die drohende Auseinandersetzung zwischen Deutschland und England. In dem vorliegenden Werk eines Amerikaners sind die Gegner: Sowjetruhland und die in den Vereinigten Staaten konzentrierte kapitalistische Welt. Wenn man sich erinnert, daß von den erwähnten Dorkriegsphantasien (die damals vielsach nicht recht ernst genommen wurden) immerhin mancherlei zwischen 1914 und 1918 in Erfüllung gegangen ist, wird man das spannend und nicht einmal sehr utopisch geschriebene Buch vorn roten Napoleon aufmerksam und nachdenklich zu Ende lesen.
— Earl Derr Biggers: Hinter jenem Vorhang. Roman. Ins Deutsche übertragen von Curt Thesing. 254 Seiten 8". Kart. 3.—, Leinen 4.50 Mk. Universitas Deutsche Verlags-Aktiengesellschaft, Berlin. — (209.) — Der berühmte Detektiv Sir Bruce befindet sich auf einer Weltreise, um die zwei geheimnisvollsten Kriminalfälle seiner Praxis, die schon 16 Iahre lang für ihn ein unlösbares Geheimnis bildeten, endlich aufzuklären. Kurz vor der Lösung des Rätsels wird er in San Francisco ermordet. Wir erleben nun in beträchtlicher Spannung, wie der unerschütterliche chinesische Detektiv Chan mit dem Scharfsinn, der Weisheit und 'Geduld des Asiaten die vielfach verschlungenen Fäden entwirrt und die verblüffende Aufklärung jenes Geheimnisses vollbringt, die durch die plötzliche Ermordung des einzigen darum Wissenden schon völlig unmöglich zu sein schien.
— Iack London: Die Goldschlucht. Zwei exotische Erzählungen. Einzig berechtigte Heber- setzung von Erwin Magnus. Reclams ilni-
— Deutschlands blutende Grenzen. Autorisierte Uebersehung des Werkes: Renö Märtel, „Les Frontieres Orientales de l’Alle- magne“ von W. Scheuermann. Verlag Gerhard Stalling, Oldenburg i. O. Preis: steif kartoniert 2.85 Mark, in Ganzleinen gebunden 3,85 Mark. (330) — Die Frage der deutschen Ostgrenzen steht nach der Befreiung des Rheinlandes von der französisch-belgischen Besatzung im Mittelpunkt des außenpolitischen Interesses des deutschen Volkes. Professor Märtel von der Pariser Sorbonne dürfte als Franzose keiner befonderen Vorliebe für Deutschland verdächtigt werden. Um so bedeutsamer ist seine Stimme als Dokument des in Versailles darniedergetrampelten Gewissens der kultivierten Völker. Märtel ist einer der größten Slawisten Frankreichs. Auf beiden Seiten der „blutenden Grenzen", auf polnischer und deutscher Seite, hat er die Verhältnisse eingehend untersucht und in seinen aufsehenerregenden Ergebnissen zusammengefaßt. Maßgeblich für Märtel sind die zwingenden wirtschaftlichen und kulturellen Forderungen der lebendigen Gegenwart. Beide sprechen: Nicht nur der Korridor, sondern auch ganz Oöer- schlesien gehören Deutschland, und nur Deutschland allein. Frankreich muß sich nach seinen besten Ueberlieferungen, so ruft er seinen Landsleuten zu, auf die Seite der unvergleichlich höheren deutschen Kultur stellen. Die heutigen Ostgrenzen sind unhaltbar für Deutschland ebenso wie für Polen. Polen will darum noch ganz Ostpreußen, ganz Schlesien bis zur Oder schlucken, wie es Litauen und die Ukraine und die Randstaaten bis Riga und Polangen annektieren möchte, was der Verfasser aus polnischen Urkunden enthüllt. In diesem Kampf gehört die Welt, wenn sie den Frieden erhalten will, auf die Seite Deutschlands. Heute kann sie den Frieden noch retten, wenn sie das begangene Unrecht wiedergutmacht. — morgen ist es vielleicht zu spät!
— Lufft: „Das britische Weltreich" mit 15 Karten, 146 Abbildungen und Diagrammen, Ganzleinen 32 Mk. Verlag Bibliographisches Institut AG. Leipzig 01 (231). — In dem ausgezeichneten Sammelwerk „Provinzen der Weltwirtschaft und Weltpolitik' behandelt der neueste Band das britische Weltreich, ein weltpolitisches Problem, das in den Tagen des Zusammentretens der ersten britischen Reichskonferenz in London besonderes Interesse beansprucht. Das britische Weltreich ist keine geographische Einheit, wie etwa die große zusammenhängende Landfläche Rußlands, dessen Probleme in dem ausgezeichneten Werk von Eckardt bereits dargestellt wurden. Das Empire ist historisch geworden, eine zielbewußte Schöpfung, die über die ganze Erde zerstreute Ländergebiete verschiedenarligster gco» graphischer Gestaltung, verschiedenartigsten kulturellen Niveaus und schließlich auch verschiedenartigsten wirtschaftlichen Wertes zu einer Einheit zusammengefaßt hat. Aber die Verhandlungen der gegenwärtig in London tagenden Reichskonferenz zeigen, wie auf der Grundlage der neuen Balfourschen Reichsverfassung das Selbst-
Mutter durchzusehen, meist zum Nutzen beider. Solch eine ganz neuartige Beziehung wird von Minna Falk verständnisvoll und packend geschildert. Die junge Anneliese ihres Romans ist eifrig in ihrem Beruf als technische Assistentin und zuverlässig in allen Fragen des praktischen Lebens, aber ungelenk In Herzensdingen. Ein junger Arzt, der ursprünglich sie verehrt, wendet sich der weicheren und weiblicheren Mutter zu. Aber auch Anneliese findet schließlich den rechten Mann in dem weltfremden Gelehrten, der schon lange als Untermieter bei Mutter und Tochter wohnte, ohne aus seiner scheuen Zurückhaltung heraustreten zu können.
Versal-Dibliothek Nr. 7070. Geh. 40 Pf., geb. 80 Pfennig. (213). — Iack London ist nun auch mit zwei seiner besten Novellen in der Universal- Bibliothek vertreten. Sie zeigen den Reichtum und die Spannweite seiner Natur. Der Kampf der Goldgräber im einsamen Hochtale der Sierra Nevada, der duftige Liebestraum „Auf der Ma- kaloamatte" in seiner märchenhaften hawaischen Buntheit: beides ist blutvolle Wirklichkeit — echter Iack London.
— MartinAndersenNexo: Sühne — Eine Mutter. (Gesammelte Werke. Deutsche Originalausgabe. Erster Band.) Romane. Crst- auflage 3000. Umschlag- und Einbandzeichnung von Prof. Dr. W. Tiemann. Geh. 6 Mk., Leinen 8,50 Mk. Verlag von Albert Langen in München. (762.) — Es liegt ein eigener Reiz darin, Nexö, der unter den heutigen Dichtern das empfindlichste soziale Gewissen hat, in diesen seinen frühen Romanen, die jetzt in der Gesamtausgabe seiner Werke bei Langen. München, erscheinen, auf den Spuren des Individualismus wandeln zu sehen. Denn obwohl es bürgerliche Existenzen sind, die hier im Mittelpunkt der Handlung stehen, so ist es doch die Idee der Verantwortlichkeit — hier positiv, dort negativ sich manifestierend —, die die Grunlgdae her Erzählungen bildet. Und das Bewuhtwerden der Verantwortlichkeit ist ja der Ursprung der sozialen Idee. Dieser Däne schafft Gestalten, die Blut von unserm Blut sind. Scheinwerfer in dunkle Winkel der Seelen sind diese beiden kleinen Romane.
— Beverley Nichols: U S A - ® [ o f - f c n ums Sternenbanner, Verlag E. A. Seemann in Leipzig, Preis in Leinen 6,50 Mk. (225). Ein geistreicher Spötter hat dem englischen Stammesbruder jenseits des Ozeans einen Besuch abgeplattet, um mit den Augen des altkultivierten Engländers Menschen und Einrichtungen des jungen Amerika unter die Lupe zu nehmen. Für uns Deutsche, die wir allzu bereitwillig geneigt sind, alles, was von Amerika kommt, zu bewundern und nachzuahmen, ist es belehrend und belustigend, uns von einem kritischen Beobachter auch einmal die Auswüchse des Amerikanismus zeigen zu lassen.
ständigkeitsbedürfnis der einzelnen großen Dominions, vor allem in wirtschaftspolitischer Hinsicht, sich geltend macht, wie es größter staatsmännischer Klugheit und vorsichtiger Zurückhal- hntg bedarf, um trotz der oft widerstrebenden Interessen die Einheit des Empire zu erhalten. Das den übrigen Bänden dieses vorzüglichen Sammelwerks durchaus ebenbürtige Buch von Lufft zeigt außerordentlich stark und eindrucksvoll die Organisation des britischen Weltreiches, das als einigendes Band nicht nur die Krone empfindet, sondern auch den gemeinsamen Besitz der auch nach dem Selbständigwerden der großen Dominions immer noch riesenhaften Kolonien. Das Werk gibt dann im einzelnen ein sehr sorgfältig zusammengestelltes und klar aufgebou- tes Material besonders wirtschaftspolitischer Art über die Teilgebiete des britischen Reiches. Die Darstellung wird wesentlich unterstützt durch übersichtliche Tabellen und Diagramme. Sehr zu begrüßen sind auch die vielen und ausgezeichneten Bilder, namentlich handelspolitischer und produktionstechnischer Art. die man in dieser Reichhaltigkeit nicht überall findet. Auch die vielen und guten beigegebenen Kartenskizzen erleichtern die Lektüre des interessanten und aufschlußreichen Buches.
— Georg Solomon: Unter den roten Machthabern. Was ich im Dienste der Sowjets persönlich sah und erlebte. (Verlag für Kulturpolitik, Berlin, brosch. 5,50 Mk.) (324.) — Ein wirklicher Kenner des heutigen Rußlands, ein Mann, der schon vor dem Kriege ein glühender Revolutionär und Bolschewist und jahrelang im innersten Zentrum des Sowjetstaates tätig war, gibt aus unmittelbarer Kenntnis der Verhältnisse und der Menschen ein anschauliches und von echter Wahrheitsliebe erfülltes Bild dieser Dinge. Georg Solomon — 1918 erster Botschaftssekretär unter Ioffe in Berlin, dann Konsul in Hamburg, endlich Volkskommissar für Finanzen in Moskau — hat sie alle gekannt, diese Größen der russischen Revolution: Lenin, Krassin, Ioffe, Litwinow. Tschitscherin, Lunatscharski, Trotzki, Stalin, Kopp, Radek usw., und manche von ihnen erscheinen uns nach seinem Buche in einem ganz anderen Licht, als wir sie bisher gesehen haben. Er war ihr Kamerad und Mitkämpfer und hat anfangs mit wirklicher Begeisterung, dann mit immer größerer Enttäuschung für die bolschewistische Sache gearbeitet. In Berlin und in Moskau, in Reval und in London — wo er die berühmt gewordene „Arcos" einrichtete — war er in wichtigen und einflußreichen Stellungen tätig, und was er dort sah und erlebte, erfüllte diesen glühenden Freund des russischen Volkes mit unendlichem Unwillen und tiefer Verzweiflung. Erschütternde Bilder des russischen Elends, Erzählungen von höllischen Grausamkeiten und Verbrechen, Beispiele einer ganz unglaublichen Korruption werden in diesem Buche gegeben, und wir verstehen, daß der Verfasser an Seele und Leib gebrochen war, als er sich endlich entschloß, den Dienst der Sowjetmacht- Haber zu verlassen.
Oer neue „Meyer" bis Zz.
Zwölf Iahre nach dem Weltkrieg, sieben Iahre nach dem Abschluß der deutschen Inflation haben wir zum ersten Male wieder ein vollständiges, modernes, großes Nachschlagewerk: Die 7. Auflage von Meyers Lexikon* liegt fertig vor! Soeben ist der XII. (letzte) Band erschienen. Nun ist die Freude am Besitz dieses allumfassenden Werkes vollständig. Der XII. Band ist sehr stattlich, ohne mehr als die anderen zu kosten. Verlag und Schriftleitung des neuen „Meyer" legten erfreulicherweise mehr Wert auf gründliche Behandlung auch der letzten Artikel als auf äußere Gleichförmigkeit der Bände. Blättert man erst einmal in dem Bande, so haftet der Blick zunächst an den Bilderbeilagen, mit ästhetischem Entzücken an den farbenfrohen Tafeln Volkskunst, Wandteppiche, Bildstatistik, ferner an Wappen, Waldboden, Wasserpflanzen, Zimmerpflanzen. Prächtiges bieten auch die schwarzen Tafeln, wie Treibarbeit, Turmhäuser, Turnen, Beilagen wie Wohnhäuser und Wochenendhäuser mit dem Text zwischen den Abbildungen leiten zum Lesen über. Ganz neue grohe^Artikel behandeln die Staatengebilde der Nachkriegszeit: Tschechoslowakei, Ukraine, Union der Sowjetrepubliken, Vatikanstadt, Weißrußland usw. Der Weltkrieg ist schlicht, klar, objektiv dargestellt mit Karten der Kriegsschauplätze. Natürlich finden sich Wilson und seine Vierzehn Punkte, Treviranus, Westarp, Wirth, Winnig, Wissell und wer alles von Politikern zwischen T und Z gehört; ferner Volksbegehren, Völkerbund, Owen Voung und der schicksalschwangere Voung-Plan, Valier samt Weltraumfahrt, die Dichter Fritz von Unruh, die Undset, Edgar Wallace, Werfel. Zerkaulen, Zuckmayer, der vielumstrittene van de Velde mit seiner „Vollkom. enen Ehe", G. Wyne- ken, Werkstudent und Welte slehre, Verkehrsregelung, Vergüngung u. Vitamine. Versorgungs-und Fürsorgewesen; höchst dankenswert die Beilage, die das ganze zivilprozessuale Verfahren schildert. Naturwissenschaft und Technik stehen Hinte« Politik, Geisteswissenschaften, Kunst nicht zurück. Welche Um- oder Neugestaltung haben die frühe- ren Artikel erfahren, wie Wasser, Wasserstoff. Wein, Wismut, Wolfram, Zellstoff, Zements Zucker in der Chemie, Waschen, Weben, Wirken, Zeugdruckerei in der Textilindustrie; in der Technik Tunnelbau, Uhren. Verbrennungskraft^ Maschinen, Werkstoffprüfung, Wasserversorgung und wie die Artikel und Beilagen alle heißen. Ausgezeichnet wie immer, übersichtlich und in der Farbengebung geschmackvoll sind die Karten und Stadtpläne. So reiht sich der XII. Band mit reichstem Inhalt, ausstattungstechnisch auf der gewohnten Höhe, seinen Vorgängern würdig an.
Reisen und Abenteuer.
— Felix Cmmel: „DieRasende Landschaf t". O r i e n t r e i f e. Im Verlage der Mer- kur°Duchhandlung Dr. Ekkehart Starih, Berlin W 50. Ganzleinen 6 Mk. (28.) — Dieses Buch gibt das lebendige Nacheinander einer Schnellreise durch Italien, Griechenland, die Türkei, Kleinasien, Palästina und Aegypten wieder. Der Versuch, den Bewegungsablauf einer Reife wie-, derzugeben. Ihr äußeres und inneres Tempo. Schiffsbewegungen, Tierbewegungen, Körperbewegungen. ebenso wie die Bewegungen der Gedanken und Affekte. Sinn, Hirn und Blut eines lebendigen Menschen setzen sich hier mit einer fremden Welt auseinander. Ferne Kulturen werden wach und am Maßstab des eigenen Lebens überprüft.
— Willy Seidel: Die Himmel der Farbigen. Ein Bilderbuch aus zeitlosen Weltwinkeln. 149 Seiten Groß 8°. Leinen 6,50 Mk. Georg Müller Verlag, München 1930 (239). — Dieses Buch, im Sommer zu lesen, wird mit einem „Gruß an Dauthendey" eingeleitet, und wie Dauthendey hat Willy Seidel, allerdings unter freundlicheren Umständen, die Tropen, die Südsee, den Orient auf Reisen kennen gelernt, die ausdrücklich das Studium der Sitten und Gebräuche bisher wenig erforschter Dölkerstämme zum Ziele hatten. Seidel gehört nicht zu den dichtenden Südseereisenden, die dem Zauber des Exotischen sofort hoffnungslos zum Opfer fallen: wirklich merkwürdig und stellenweise äußerst amüsant sind seine Schilderungen gerade durchs eine gewisse Unvoreingenommenheit, durch eine ganz untropische Klarheit des Blickes, aus der diese sehr realistischen Darstellungen jener Völker und Landschaften entstehen. — Die verlegerischs Ausstattung des Werkes ist vorzüglich.
— Fritz Löwe: Unter der Sonne des Südens. Eine Mittelmeer- und Orientsahrt. 130 Seiten 8U. Kart. 5.—, geb. 7.—. Pons--Verlag und der schicksalsschwere Kamps innerhalb des Hans Steller, Berlin W 50. (83) — Das Buch des mit ähnlichen Darstellungen bereits hervor- getretenen Publizisten Fritz Löwe dürfte gerade zu Beginn der Saison vielen Reiselustigen und Erholungsbedürftigen willkommen sein und mancherlei Anregungen für den «Sommerurlaub geben. Der Verfasser beschreibt in einer lockeren Feuilletonserie eine Mittelmeer- und Orientseereise und führt den Leser dabei u. a. nach Neapel, Athen, Konstantinopel, Alexandria, Ierusalem, Palästina, Heliopolis und Kairo. Außer den Sehenswürdigkeiten der Landschaft wird auch das Leben an Bord anschaulich geschildert. Einzelne Kapitel beschäftigen fid} etwa mit dem Maschinenraum, der Bordküche, der Funkstation und dem Schiffslazarett. Mehrere Abschnitte aus dem Buche sind übrigens, wie man sich erinnern wird, früher bereits in unserer Unterhaltungsbeilage erschienen. Das geschickt zusammengestellte Dildermate- rial belebt die Darstellung und kommt der Phantasie des Lesers in wünschenswerter Weise zu Hilfe.
* Meyers Lexikon, 7. Auflage, vollkommen neu bearbeitet. 12 Bände. Seher Band umfaßt durchschnittlich 900 Seiten Text und kostet in Halbleder 30 Mark (nur Band III 33 Mark). Das ganze Werk enthält über 160 000 Artikel und Verweisungen auf 21 000 Lexikonspalten mit über 6700 Abbildungen, Karten und Plänen im Text, dazu 350 mehrseitige Textbeilagen mit rund 1500 Abbildungen, statistischen Uebersichten usw.; rund 700 farbige und schwarze Tafeln, 300 selbständige Karten und Pläne. Holzfreies Papier. Tafeln und Karten sind in den modernsten Der- vielfälligungsverfahren hergestellt. Verlag Bibliographisches Institut AG., Leipzig. (414)
Aus fremden Literaturen.
Politik und Geschichte.


