Ausgabe 
15.9.1930
 
Einzelbild herunterladen

Slus her Provinzialhaupifiavi.

Gießen, den 15. September 1930.

Oer schöne Mann.

Line der lächerlichsten Erscheinungen ist der sog. schone Mann". Er wirkt um so schlimmer, je mehr er von seiner Schönheit überzeugt ist. Dabei sollen jene männlichen Lebewesen gar nicht näher be­trachtet werden, die sich die Augenbrauen färben und Puder und Farbe zumMalen" brauchen. Man übergeht sie.

Auch der ältere Herr, der sich die grauen Haäre in tiefes Schwarz umwandeln laßt, soll mit mildem Verständnis übergangen werden. Seine Eitelkeit liegt in mangelnder Welt- und Menschenkenntnis begründet. Er ist sich dessen nicht bewußt, daß weiße oder ergrauende Haare dem männlichen Stopf Wert und. Bedeutung verleihen; daß sie die Per- sönlichkeit in allem heben, und daß auch junge Frauen mit schwärmerischer Liebe einen Graukops betrachten können.

Denn beim Manne entscheidet niemals Schönheit, Jugend, ober geschweige die Haarfarbe, sondern lediglich und einzig Männlichkeit und Lebensart. Das Aussehen eines Mannes ist nebensächlich. Wenn er leidlich gesund, geistig beweglich, rücksichts­voll und vor allem befähigt ist, eine gute Er- Slehung zur Geltung zu bringen, so fragt keine stau der Welt danach, ob er gar ein Grübchen im !inn ober schlanke Fesseln Hal.

Wenn ein Mann gern und lange vor dem Spie­gel steht, wenn er ängstlich seine Krawatte zu- rechtzupft, seine Weste herunterzieht, sich dann noch­mals von links und rechts im Spiegel betrachtet und das Taschentuch aus der Brusttasche mehr und Mehr herauszupft, bann weiß jebe Frau, baß kein Uebcrfluß an Gehirn biesen schonen Mann belastet, und baß er für bas Kartenspiel des Lebens nur wenig Trümpfe in der Hand hält.

Ein blasser, untersetzter, kahlköpfiger Mann, der vielleicht eine Binde über einem fehlenden Auge tragt, gewinnt bds Herz einer wertvollen Frau eher, als ber schlanke, gefunbe, mit Naturlocken beaabte Schönheitskönig, ber meistens eine pein­liche Erscheinung ist.

Eine schöne Frau in lanbläufigem Sinne, die von ihrer Schönheit sichtlich durchdrungen ist und sie mit neckischer Aufbringlichkeit zur Schau stellt, ist schon unerträglich. Einschöner Mann" aber ist eine Katastrophe. M. A.

Mein Hund.

Es handelt sich um einen Hund.

Ein Rumps, ein Schwanz, ein Kopf, vier Beine.

Ein sorgenloser Bagabund.

Ost ist er fort, trotz Pfiff und Leine.

Sein Stammbaum sieht verdächtig aus, und er umfaßt wohl alle Rassen.

Er macht sich scheinbar nichts daraus.

Er ist Hans Dampf in allen Gassen.

Die Hinterbeine sind zu lang.

Die vordem sind zu kurz geraten.

Ein Uebcrbein hemmt seinen Gang.

Er meidet Brot und frißt gern Braten.

Mit Schuhknopfaugen gelbem Schopf gleicht er fast einem Rattenfänger, ör gilt als Kurzhaar, doch am Kopf sind seine Haare lang und länger.

Wenn er nicht schläft den lieben Tag, zerreißt er Schuhe und jagt Katzen.

Trotz Rügewort und manchem Schlag liebt er, Öen Teppich zu zerkratzen.

Er bringt oft Flöhe mit nach Haus, ist völlig wertlos, oft beschwerlich; und doch ist er jahrein, jahraus als Hund und Freund mir unentbehrlich.

Puck.

Bornotizcn.

T age6falenber für Montag. Lichtspielhaus Bahnhofstraße:Westfront 1918

Helene Chlodwigs

Schuld und Sühne.

Vornan von J. Schneider-Foerstl.

Urheber-Rechtschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau L 6a.

13. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Sie konnte ihrem Manne die kreidefarbenen Wangen nicht zeigen, die so erschreckend schneeig unter dem feinen Rot der aufgetragenen Farbe schimmerten. Acht Tage noch, dann nahm die Qual ein Ende. Dann kam die Reise nach Moskau, von dort nach Kopenhagen, und weiter nach England undGott, wie du mich immer erschreckst", lachte sie gezwungen, als Franke von rückwärts beide QIrme um ihre Hüften legte.

Hast du denn solch ein schlechtes Gewissen?" neckte er.Es gewittert doch nirgends. Qlücr* son hat eben angerufen, ob er sich gestatten darf, uns seine Aufwartung zu machen. Ich habe gesagt, daß es uns freuen wird. Jetzt kann er mir ja nichts mehr anhaben. Ich weiß mein Glück unter Dach." Er hielt sie mit der einen Hand fest, während er mit der anderen ihren Kopf nach rückwärts bog, um ihren Mund zu küssen.

Kannst du mir nicht etwas geben, um diesen schrecklichen Druck im Magen loszubringen, Iust? Ich kann Kaviar so schlecht vertragen, und habe heute wohl etwas zuviel davon in die russi­schen Eier genommen."

Warum sagst du das jetzt erst? Schleppst dich mit einem Unbehagen ab und hast einen Arzt zum Mann. Ich habe Tabletten oben liegen. Davon nimmst du ein bis zwei Stück."

Die Geheimrätin sah den beiden nach, wie sie auf Kinderart, die Hände ineinandergelegt, ins Haus gingen. Sie hatte in den Iohannisbeer- sträuchern Rachlese gehalten und konstatierte be­friedigt, daß es nicht nutzlos gewesen war.

Durch das offene Fenster des ersten Stockes kam jetzt das Helle Lachen ihres Sohnes. Dann noch einmal. Er war restlos glücklich. Lieber die bevorstehende Trennung half ihm wohl sein Be­rus am raschesten hinweg. Vielleicht war es ganz gut so. Wenn man immer zusammen war, wurde alles so rasch zur GewohnhÄt. So blieb man sich immer neu.

Den Weg heraus kam ein Auto In raschem Tempo gefahren. Die Limousine nahm die Stei­gung ohne jede Beschwerde. Helenes Kopf tauchte oben am Fenster auf, dann der des Doktors. Roch ehe der Wagen stoppte, standen beide zum Empfang vor dem Schlag, den Franke eilig öffnete.

Averson streckte beide Hände ans dem Fond und hielt die Helenes fest, um sich darüber zu

(vier von der Infanterie)". Aston a-Lichtspiele: »Die Bande der Wölfe" undModerne Piraten".

Die Liste ber Schöffen und G e - s ch w o r e n en betrifft eine Bekanntmachung ber Stabtoerroaltung in unserem heutigen Anzeigenteil, auf die wir befonbers Hinweisen.

* öin Fünfundsiebzigjähriger.Der Reichsbahntelegeraphenassistent i. R. Daniel Decker in Gießens Kaiserallee 23, konnte am SamStag seinen 75. Geburtstag feiern. Aus die­sem Anlaß ließ ihm der Präsident der Reichs- bahndirektton Frankfurt a. M., Dr. Roser, durch den Q3orftanb des Reichsbahnbetriebsamts 1 in Gießen feine persönlichen Glückwünsche aus- sprechen und ein Geburtstagsgeschenk überreichen. Der Reichsbahnveteran erfreut sich noch bester Gesundheit. Er war am 1. Februar 1881 In den Eisenbahndienst eingetreten und wurde am 1. April 1921 pensioniert. 40 Iahre hat er so­mit im Dienste der Eisenbahn gestanden.

* Dorn Baum gestürzt und lebens­gefährlich verletzt. Am SamStagnachmittag stürzte der in den fünfziger Iahren stehende Fuhrmann Iakob von hier beim Abmachen von ZWetschen auf einem Grundstück beim Hardt­hof so unglücklich von bc n Baum, daß er einen Bruch der Wirbelsäule baoontrug. In lebens­gefährlichem Zustande mußte er von der Frei­willigen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz der Chirurgischen Klinik zugeführt werden.

Ein schwerer Motorradunfall er­eignete sich am Samstagnachmittag auf ber Land­straße zwischen Großen-Linden und Klein-Linben. Dort fuhr ber Motorradfahrer Willy Zander aus Döttingen (Württemberg) an ber abschüssigen Landsttahensttecke nahe ber Kleebachbrücke, an- scheinenb infolge Schadens an seiner Maschine, in voller Fahrt gegen einen Daum und stürzte heftig in den Landstrahengroben. Dort blieb ber be­dauernswerte Mann bewußtlos liegen, bis er von Vorübergehenden aufgefunben würbe. Die Frei­willige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz brachte ihn nach der Chirurgischen Klinik, wo er mit einem Schädelbruch und äußeren und schweren inneren Verletzungen heute früh noch bewußtlos barnieberlag.

* Unfall durch leichtsinniges Spiel. In den Wiesen bei den Eichgärten werden zur Zeit Ausschachtungsarbeiten oorgenommen. Gestern nach­mittag vergnügten sich dort einige junge Leute damit, daß sie mit der Feldbahn auf den Schienen hin- und hersuhren. Dabei verunglückte ein läjahriger Schlos­serlehrling derart am rechten Unterschenkel, daß er von der Freiwilligen Sanitätskolonne vorn Roten Kreuz mittels Autos nach der Chirurgischen Klinik verbracht werden mußte.

" Gewerkschaftsbu.nd der Ange­stellten. Man berichtet uns: Die Ortsgruppe Gießen des Gewerkschaftsbundes der Angestellten hielt am Mittwoch im Kaufmännischen Vereins- Haus einen Eröffnungsabend für ihr Winter­bildungsprogramm ab, in dessen Mittelpunkt ein Vortrag des Geschäftsführers Mack überWirt­schaft Bildung Aufstieg" stand, dem sich zwei interessante Filme über neuzeitliche Buch­führung (Tahlorixsystem) und vernunftgemäßes Maschinenschreiben anschlossen. Rach kurzer Be­grüßung durch den Ortsgruppenvorsihenden Zecher führte der Redner aus, daß wir z. Z. in der Wende einer Kulturepoche leben, die von der Weltwirtschaftskrise, der Masse der Arbeits­losen und der Freiheitsbewegung ber Völker ge­kennzeichnet sei. Ursache sei die rapide Entwick­lung der Technik in ber Wirtschaft, bie noch lange nicht abgeschlossen wäre. Das einseitige Gewinnstreben habe sich zu einer sozialen Un­gerechtigkeit herausgebildet und dadurch die Ge­genkräfte mobil gemacht. Das geistige Ringen der arbeitnehmenden Schichten, und i-rabefon- bere des Angestelltenstandes, um Anerkennung ihrer sozialen Werte sei nicht mefjr aufzuhalten, ebensowenig wie die Entwicklung! der Technik,

neigen.Verzeihen Sie dem Störenfried", wandte er sich an Franke.Aber ich wollte einen Schim­mer von Ihrem Glück mit auf meine Urlaubsreife nehmen. Ich fahre nämlich morgen nach Capri weg. Meine Gesundheit war in den letzten Mo­naten nicht eben zufriedenstellend."

Von den Gatten in die Mitte genommen, schritt er dem Hause zu, wo er die Geheimrätin begrüßte, die er Jctron bei früherer Gelegenheit kennen­gelernt patte. Der Kontakt war rasch hergestellt und die Stimmung nach dem ersten Glase Wein so lustig, daß man bald in übermütige Laune geriet.

Franke hatte seine Frau noch nie so über* schäumend fröhlich gesehen und berauschte sich an dem Leuchten ihrer Augen und dem perlenden Lachen, das aus ihrem Munde über den Tisch hinllang. Sie neigte sich zu ihm herüber, nahm seine Hand und drückte sie gegen die Wange: Fühl doch, wie heiß, Just!"

Er nickte strahlend.Du brauchst dich nur hinten am Steg unter den Giehbach zu stellen! Das kühlt totsicher ab. mein Liebes!"

Ihre Hand fiel so schwer auf den Tisch, daß er erschrocken nach ihr hinsah.

Sie hielt die Lider Halo über die Augen ge­deckt, fühlte, wie Aversons Blick auf ihr ruhte und zerbröckelte nervös den Rest Weißbrot, der vor ihrem Teller lag. Roch ehe Franke feine Birne fertiggeschält hatte, hob sie die kleine Tafel auf.

Die Geheimrätin zog sich zu ihrem gewohnten Mittagsschläfchen zurück. Franke hatte dringende Briefe zu erledigen. Helene wollte ihm erst Gesellschaft leisten, sah, wie Averson unschlüssig unter ber Türe verweilte und von ihm weg­schauend das stumme Ricken ihres Mannes und schloß sich dem Direktor an.

Wortlos schritten sie nebeneinander her, über­querten den Rasen und gingen unter den Obst­bäumen hin, die in schwerer Fülle das Gezweig zu Boden senkten. Einmal wandte sich Helene um, sah nach dem Hause zurück und gewahrte den Gatten an einem Fenster stehen. Das machte sie nachdenklich. Vielleicht war er mißtrauisch. Man würde am besten tun, in Eicht zu bleiben.

Averson verhielt den Schritt und nahm einen Apfel, der in wundervoller Schönheit an einem Zweige hing, herunter.Schabe", sagte er mit Rachdruck,sehen Sie diese Pracht und den ver­fluchten Wurm, ber daran nagt."

Helene wog ihn in ihrer weihen Hand und verschob den Mund zum Weinen.Alle haben wir diesen Wurm. Averson! Ist das nicht traurig?"

Sie auch, Helene?" Sein Blick wich nicht von ihr. während er sprach und auf Antwort wartete.

Sie war über die Maßen weich gestimmt und konnte den Tranen nicht wehren, die ihr unauf- haltsam über bie Wangen herabkollerten. Er zeigte sich nicht im geringsten überrascht, warf nun seinerseits einen raschen Dlick nach dem

welche den Reichtum ersetze. Die größte Erzieherin sei die Rot, und so dürfe man hoffen, daß unsere Zett produktiv wertvolle Menschen hervorbringe. Zweck der Bildungsveranstaltungen der Organi­sationen sei die Aufrüttelung der Gleichgültigen, die die Entwicklung nach oben hemmen. Rur durch starke Aktivierung und gegenseitige« Verstehen- lernen könne die Wirtschaft auf dem Wege über die Bildung zum Aufstieg gelangen, im Dienste für Stand und Volk. Zum Schluß dantte der 2. Vorsitzende Vogt für die vortrefflichen Aus­führungen und Darbietungen deS Abends.

* Der Bund HauS und Schule hatte nach längerer Pause seine Mitglieder für Frei­tagabend wieder zu einem Familienabend in den IohanneSsaal eingeladen. Der Besuch war sehr gut Der Abend wurde, wie man unS be­richtet, durch einen Liedervortrag deS Kirchen- gesangvereinS eingeleitet. Sodann sprach Pfar-

Hause und ging dann mit ihr den befieften Weg hinunter, der nach dem Garten führte.

Bleiben Sie", bat sie hastig.Ich möchte meinem Manne keinen Grund zu Mißtrauen geben.

So wie ich ihn kenne, ist das ausgeschlossen", entgegnete er ruhig.Wir brauchen uns ja nicht allzuweit zu entfernen, aber doch immerhin ein solches Stück, daß nicht jedes Wort, das wir sprechen, gehört werden kann."

Haben Sie mix etwas zu sagen, Averson?" Ihre Stimme verriet Furcht.

3a, Helene!"

Etwas von Wichtigkeit?" Ihr Dlick weitete sich in Angst und Schrecken.

Von größter Wichtigkeit. Wollen Sie sich nicht hier auf den Rain sehen? Der Boden ist völlig trocken. Und ber alte Birnbaum gibt solch herrlichen Schatten, daß es nicht unnatürlich er­scheint, wenn wir uns darunter placieren."

Quälen Sie mich doch nicht so unsagbar!" Sie riß mit zitternden Händen einen Grasbüschel aus dem spröden Erdreich und begann es in Stücke zu teilen.Ich bitte Sie, Averson, ich heule schon in der nächsten Minute los, wenn Sie mich noch länger warten lassen."

Wissen Sie, warum ich morgen nach Itallen reife?

Ihrer Gesundheit wegen. Sagten Sie nicht so?"

Ia, so sagte ich. Aber die Auskunft galt lediglich für Ihren Mann. Ihnen kann ich den wahren Grund verraten: Ich bringe Umberto Petratini in die Heimat."

Den Toten!" »

Er sah erschrocken nach dem Fenster hinauf, wo Frankes Kops sich eben über die Brüstung beugte. Helenes Schrei mochte ihn gerufen haben. Rasch gefaßt, winkte er ihm zu.Rehmen Sie Ihr Taschentuch", raunte er. Und da sie eS in ihrer Erregung nicht zu finden vermochte, drückte er ihr das seine in die Finger.Winken Sie, Helene." Ihr Arm zuckte auf und nieder,

Dann war Frankes Kopf wieder hinter den Gardinen verschwunden.

Averson!" Der Frauenkörper glitt, unfähig, sich aus eigener Kraft zu stützen, gegen dessen Schulter.Averson!"

Sie müssen sich erst beruhigen, Helene. Um­berto Pettattni lebt!"

Lebt!" Alles Gefühl in den Gliedern begann zu ersterben. Sie spürte sogar ihr Blut nicht mehr kreisen. Die Hände, die Füße, bis zu den Schläfen hinauf, war alles tot, versteinert unter der Wucht dieser Mitteilung.Dann bleibt mir nichts übrig, als ein Ende zu machen."

Rein", beruhigte er.Ich habe alles mit Petratini besprochen."

Averson! Helfen Sie mit doch, um GotteS willen, Averson!"

,Helfe ich Ihnen denn nicht, Hekne? Habe ich nicht mein Möglichstes für Sie getan?"

ter Au Sselv fn fesselnder Weise über .Di« IubiläumStagung zu Augsburg". Zunächst be­leuchtete er die geschichtlichen Tatsachen des IahrcS 1530. Kaiser Karl v. mit seinem stol­zen Gefolge, dessen imposanter Einzug in Augs­burg, die damaligen großen GlaubenShelden und Bekenner unserer Reformation erstanden mit Wort und Tat vor dem geistigen Auge der Zuhörer. Ueberaehend zu der IubiläumStagung zeichnete der Redner fobarm ein Bild der glän­zenden Festtage, zu denen Zehntausende von Evangelischen deS In- und Auslandes herbei- geströmt waren, der FestgotteSdienste und Fest- Versammlungen sowie deS gewaltigen Festzu­ges mit historischem Gepräge. Rach Beendigung des eindrucksvollen BorttagS sang die Ver­sammlung die letzte Strophe deS LutherliedeS, und so war der Abend eine würdige Rachfeier der Augsburger Tagung.

Solange er lebt, werde ich nie zur Ruhe kommen!"

Wäre eS Ihnen lieber, ihn tot zu wissen?" 3a!

3a?" wiederholte er entsetzt.

Sie nickte und vergrub die Hände in daS rie­selnde Erdreich das mit leisem Rascheln nach dem Graben hinabkollerte.3ch habe ihn so sicher geborgen geglaubt.

Dort unten in der Schlucht, Helene, wo das Wasser gurgelt und die Felsen sich gegenseitig den Weg versperren!"

3a! Dort unten! Wissen Sie, was meinem Morde vvrausgegangen ist?"

3ch weih eS, Helene!"

Alles?"

3ch denke, Petratini wirb mir nichts ver­schwiegen haben. Demnach war es kein Mord! Rur Rotwehr, mein Armes!"

Sprechen Sie nicht so, Averson. Es macht mich verrückt, wenn Sie so gut zu mir sind und mich unschuldig halten! 3ch wollte ihn töten! 3ch wollte es! Rotwehr gegen den eigenen Mann gibt es wohl nicht.

Doch. Helene! 3n diesem Falle schon!"

Sie wissen alles, rief sie verzweifelt.Alles! Wie hat er sich denn aus der Schlucht heraus­gearbeitet?"

3ch habe ihn geholt, Helene."

Sie--haben ihn--geholt!"

3a! 3ch kam an jenem Abend nach Rot- tach-Berghof, in der Absicht, 3hnen einen Be­such zu machen. 3ch ging aber nicht die Straße herauf, sondern kam zu Fuß vom Walde herüber. So wurde ich unfreiwilliger Zeuge des ganzen Dramas, wenigstens des letzten Teiles desselben. 3ch hörte einen gellenden Rus unb sah, wie ein Mann kopfüber in das Bett des Wildbaches schoß. Und wie Sie, Helene, fluchtartig über den Steg nach den Wiesen rannten. 3ch begriff nicht ganz, aber so ungefähr. Denn daß Sie verheiratet waren, wußte ich nicht Aber den Verunglückten ohne jede Hilfe liegen lassen, das konnte ich nicht mit meinem Gewissen ver­einbaren. 3ch fand ihn bewußtlos mit zwei großen Löchern im Kops und aus gerenkt er Schulter im Gerölle liegen. Da ich keinen Mit­wisser haben wollte, schleppte ich ihn allein nach der Höhe, verband ihn, so gut es ging, und lief dann zum Waldausgang, wo ich den Wagen stehen hatte. Den Chauffeur habe ich mit einem Auftrag zu Fuß nach Tegernsee hinuntergeschickt und inzwischen den Verwundeten in meinem Auto verstaut. Dieses habe ich selbst nach Mün­chen zurückgesteuert. Petratini habe ich in die Privatklinik des mir befreundeten Dr. Mader gebracht und ihm erzählt, wo ich ihn gefunden habe. Er weih nichts, als daß der Fremde in eine Schlucht gestürzt und von mir gerettet wurde. 3ch habe 3hren Ramen in jeder Weise reinzuhalten versucht, Helene, und glaube, daß mit das auch restlos gelungen ist." (Forts, folgt.)

Der Haushaltsplan derGtadiLich.

D Llch, 13. Sept. Der Gemeinderat be­faßte sich in seiner jüngsten Sitzung mit der Be­ratung des Haushaltsplanes für 1 9 3 0. Zuvor genehmigte er den Ankauf einer Wiese in der Ziegelgasse in der Gröhe von etwa 2200 qm zum Preise von 2500 Mark, zuzüglich der Grund­erwerbskosten. Der Aufwand soll dem Grund­erwerbsfonds entnommen werden. Ferner gab der Bürgermeister bekannt, daß die Provinzialdirek­tion Oberhessen den Bau einer 20 000-Vvlt- Hochspannungsfreileitung vom Schalt­haus 3nheiden über die Transformatorenstation Iitheiden-Hungen-Lich beabsichtige. Der Ge­meinderat beschloß, für das Gebiet der Gemar­kung Lich keine Einwendungen zu erheben.

Oer Gesamtabschluß.

Sodann wurde in die Beratung des Vor­an s ch latg e 6 eingetreten. Die Gesamt­summe aller Einnahmen und Ausgaben beträgt 2 9 8 400 Mark. Davon entfallen auf die De - triebsrechnung 284 000 Mark, auf die Vermögensrechnung 14400 Mark. Rach den Ausführungen des Bürgermeisters hat sich das Gesamtbild des Voranschlags gegenüber dem Vorjahre dadurch verschlechtert, dah der Erlös aus H o I z g e l d um rund 20 000 Mark zu­rückgegangen sei und die herrschende Wirt­schaftskrise mit ihren Begleiterscheinungen der Stadt eine Reihe von zwangsläufigen Verpflicht-' tun gen gebracht habe. Aus seinen weiteren Aus­führungen ist folgendes bemerkenswert:

Oie Beiriebsrechnung.

Der Rechnungsrest aus dem 3ahre 1928 beträgt 56 810,94 Mark. Hiervon sind in Abzug zu bringen die erst vor wenigen Tagen angefor­derten Forstverwaltungskosten für das 3ahr 1928, uneinbringliche Gewerbe­steuern in 1929 mit rund 3800 Mark und das erforderliche Betriebskapital, so daß hier ein Einnahmeposten von 11 164,03 Mark ge­bildet werden kann. 3n Ausgabe erscheint unter dieser Rubrik ein Betrag von 500 Mark für uneinbringliche Auhenstände.

Aus Gebäuden wird eine Einnahme von 21 000 Mark erwartet, denen 12 000 Mark an Ausgaben gegenüberstehen.

D'e Einnahme aus Grundstücken beträgt 1150 Mark. An Ausgaben werden erforderlich 3550 Mark, einschließlich des Beitrages zur land- und forstwirtschaftlichen Derufsgenossen- schaft mit 2060 Mark.

Die Einnahme aus den städt. Waldungen stellt sich nach dem SubmissioTrS- und Versteige­rungsergebnis auf 80 500 Mk., gegenüber zirka 100 500 Mk. im Vorjahre. Die Ausgaben für den Wald sind ganz bedeutend. An den Staat werden

bezahlt für ForstverwaltungSkvsten rund 13150 Mark, für Betriebsausgaben einschl. Wegebau sind 20 300 Mk. und für Holzemtekosten und Be­kanntmachungen 23 300 Mk. erforderlich. Die gleichfalls auf dem Walde ruhenden Steuern einschl. der Umsatzsteuer, sowie soziale Beiträge beanspruchen 12 300 Mk. Rechnet man den zur Auszahlung des Orts bürg amu Yens benötigten Bettag von 10 500 Mk. hinzu, dann kommt man auf die erstaunliche Summe von 79 500M5, so dah als Reineinnahme vom Wald gerade noch 1000 Mk. übrig bleiben.

AuS der 3agd- und Fischereiberech­tigung Warden 3013 Mk. eingenommen. Die Schäferei bringt in Einnahme 1500 Mk. und erfordert an Ausgaben 2400 Mk. Sie bleibt daher, trotz Erhebung von Deittiebsgeld für Schafe, Zuschußbetrieb. Für Gebühren für wider­rufliche Genehmigungen sind angefordert 14 Mk.

Für Märkte werden nach Abzug der Ein­nahme noch 1420 Mk. erforderlich. Die Einnahme aus W a s s e r g e l d beträgt 15000 Mk. 3n Aus­gabe stehen 13 500 Mk. für Unterhaltungsarbei­ten des Wasserwerkes, Verzinsung und Tilgung von Anleihen usw.

Für die allgemeine Verwaltung wird unter Absetzung der Ennahme ein Bettag von 32 600 Mk. und für die öffentliche Sicher­heit ein solcher von 9800 Mk. angefordert. Die Einnahme für öffentliche Gesundheits­pflege beträgt 170 Mk., die Ausgabe 1450 Mk. Für Feuerlöschzwecke werden 1450 Mk. be­nötigt. Die allgemeine Armenpflege erfor­dert 17 600 Mk. einschl. des Zuschusses zur Kasse des städt. Wohlfahrtsausschusses mit 15500 Ml.

Für persönliche und sachliche Schulkosten sind 11 800 Mk. erforderlich. 3n Einnahme stehen 800 Mk. einschließlich deS Schulgeldes für aus­wärtige Fortbildungsfchüler je 8 Mk. pro 3ahr. 1500 Mk. Kosten ftnd für die evangelische Kirche eingestellt. Für sonstig^ ReligionSgesell- schaften werden 32 Mk. erforderlich.

Die Verzinsung von aufgewerteten Eisenbahnschulden erfordert einen Auf­wand von 3396 Mk. Für die Unterhaltung deS Friedhofes werden 500 Mk. benötigt.

Größere Mittel sind für Straßen vorgesehen. Die Unterhaltung von Slrahen und Feldwegen erfordert 5300 Mk., für die Unterhaltung der elektrischen Lichtanlage sind 1000 Mk., für die elektrische Stromversorgung 3000 Mark und für die Straßenreinigung usw. 1200 Mark eingestellt. Die Q3ey(nfung und Tilgung von Anleihen zum Ausbau von Sttaßen erfordert einen Aufwand von 6390 Mk. Der Gesamtaufwand dieser Rubrik beträgt 16900Mk.

Zur Unterhaltung der Kanäle sind unter Absetzung der Einnahme noch 2000 Mk. erforder-