Nr. 165 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheflen) Dienstag, 15. Juli 1950
Stalin, der Sieger.
Don unlerem ^-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Moskau, Juli 1930.
„Der Mann aus Stahl hat alle besiegt." So schrieb in diesen Togen ein Moskauer Blatt in einem Bericht über den Verlaus des kommunistischen Parteitages, der eine einzige jubelnde Hnmne auf den Pa'.teipapst darstellte. In der Tat ist das Ergebnis des Kongresses ein riesen- haster Erfolg, ja ein Sieg des Diktators auf der ganzen Linie. Nach seiner Achtstundenrede, der Unterwerfung der Rechtsopposition und der einstimmig angenommenen Vertrauenskund- gebung für ihn wird jetzt unvermeidlich di« Durch- segung sämtlicher einflugreicher Aemter mit seinen Getreuen und seine eigene einmütig« Wiederwahl auf den Polten des Generalsekretärs der Partei folgen und fein Triumph ist vollständig — allen Gesetzen der Logik zum Trotz.
Aber wer bringt in diesen Ionen des Taumels der Generallinie in Moskau noch Verständnis für logisches Denken auf? Hätte man neben der Begeisterung, die alle Gehirnwindungen der Gesinnungstüchtigen aussüllt und alle Zeit der Delegierten in Anspruch nimmt, noch Muße die Generallinie, dieses Monstrum, das heute zum A und zum O jeder kommunistisch-bolschewistifchen Politik geworden ist, auf ihre Bestandteile zu untersuchen und das Soll mit dem Haben objektiv und fachmännisch zu vergleichen, so würde man heraussin- den, daß der Diktator sich — eines Plagiats schuldig gemacht hat und daß zum frühzeitigen Jubilieren wahrlich kein Anlaß oorliegt.
Man muß in der Entwicklung zurückgreifen, um die Bedeutung der Dinge zu ermessen und das Wesen der Kämpfe aufzuzeigen, die sich gegenwär- tig in Moskau abspielen. Denn das ist das Heber- roschende und Irreführende an dieser Tagung, daß es ihrem Beranstalter Stalin gelungen ist, den Kampf der Meinungen vom Wesentlichen, ja, Entscheidenden auf ein Gebiet obzulenken, dos. für die unkomplizierte Volkspsyche zwar mehr Anziehungs- traft besitzt, den Kern der Ereignisse aber kaum berührt. Den Gegenstand aller Kämpfe innerhalb der Partei bildet die „Generallinie", die Aktionsprogramm der Partei und Regierungspro- gramm zugleich sein soll. Der Trotzkismus, die „linke Berirrung", ging von der Tatsache des vor- nehmNch agrarischen Charakters der Sowjetunion aus und forderte die Dollsozialisierung der Landwirtschaft als Vorbedingung für die Industrialisierung des Londes. Man fürchtete aber di« Schwierigkeiten. Und man hatte sich in die Lieblingsidee, „die größten Industrieländer der Welt einzuholen und zu Überholen", so verrannt, daß es ein Zurück oder auch nur eine Verlangsamung des Tempos dieser 3tabuftrialifierung nicht mehr geben konnte. QTlfo wurde Trotzki für einen Ketzer erklärt, in die Wüste geschickt, ocrbannt. ilnb erst ein Jahr später, als Stalin erkannte, daß die Schaffung der Riesenindustrie aus staatlicher und kollekttvistischer Grundlage nicht unabhängig von der Aufrechterhaltung des Prinzips der Privatbewirtschaftung in der Landwirtschaft möglich ist, machte er sich kurzerhand Trotzkis Kollektivisierungsprogramm zu eigen.
Der Trotzkismus ist also heute das Prachtstück der Generallinie — nur sein geistiger Vater ist auch weiter verfemt und angefeindet und schmachtet in der Verbannung. Der Bolschewismus Stalins kennt keine Dankbarkeit und kein geistiges Ilrhebertum. — Mit der Verkündung der verschärften Landkollektivisierung setzten jene Vorgänge ein, die im Frühjahr dieses Jahres wie eine Lawine über das Land herein- brachen und alles zu ersticken und zu zerdrücken drohten. 3m März rief Stalin — was seine An- Hänger noch heute als eine überaus mutige Tat rühmen — denjenigen seiner ungestümen Getreuen, die ihn selbst noch übertrumpft hatten, sein Halt zu. Er lenkte ein — und entsprach damit auss Haar jener Forderung der Bucharin,
Der vierte Weltschachkongreß in Hamburg.
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Oben links: Blick in den Kongreßsaal während des Turniers Deutschland — England. Die Porträts von unten links nach oben rechts. Tartakower, We Itmeifterin Vera M « nschik, Richter (Deutsch- land), S ä m i J ch (Deutschland).
Rhkow und anderer, machte die Wünsche der Rechtsopposition zum obersten Grundsatz seiner neuen Bauernpolitik. Denn nach seinem bekannten Aufsatz über den Erfolgstaumel" hatte seine neue Politik in Wahrheit nichts mehr mit der bis dahin als heilig angesprochenen Generallinie zu tun. Die „Rechtsabwcichung" hatte in diesem Aufsatz einen vollen Sieg davongetragen, und, so gesehen, konnte Rykow aus dem jetzigen Parteitag mit dem besten Gewissen erklären, daß er sich die Generallinie zu eigen mache, daß sie allein richtig sei.
Aber noch nie hat „der Mann aus Stahl" seinen Gegnern etwas verziehen, am allerwenigsten eine geistige Riederlage. Daß er ohne die Entlehnung trohkistischer und rechtsoppositioneller Gedankengänge nicht ausgekommen ist, daß die gegenwärtige Generallinie nichts anderes darstellt, als eine geschickte Kreuzung von Trotzki und Bucharin, das ist seine größte Wut. Mit allem Haß, dessen dieser wilde Kaukasier sähig ist, verfolgt er seine Gegner, denen die Entwicklung Recht gegeben hat. Bucharin, Rhkow, Tomski sind ihm stets ein lebendiger Vorwurf und sie bedeuten die Gefahr ständiger neuer Kritik. Deshalb hat er diese Auseinandersetzung mit den Oppositionellen in den Mittelpunkt des ganzen Kongreßgeschehens gestellt und selbst seinen Bericht nur immer mit einem Seitenblick auf die Opposition abgesaßt. — Und dennoch war die Entscheidung bis zum letzten Augenblick fraglich In der Sturm- und Drangzeit der Kollek- tivisierung, als der Brotmangel erschreckend wuchs, der Bauer nicht abliefern wollte, die städtische Bevölkerung und selbst der ergebene kommunistische Arbeiter zu murren begann, als Karten auf alle, wirklich auf alle Bedarfsartikel eingeführt werden mußten, als sogar die Rote Armee Symptome der Unzufriedenheit zeigte, wurde Stalin aufgefordert, endlich den Parteitag zur Berichterstattung einzuberufen.
Der Thron des Diktators wankte. Die Vernünftigen im Lande und die Oppositionellen in der Partei sahen die Stunde der Abrech
nung gekommen. Aber noch einmal hat eS sich gezeigt, daß dieser Mann an Schlauheit alle übertrifft, baß eine geschickte Handhabung des Parteiapparates die Durchführung des Terrors auch gegen die höchsten Spitzen ermöglicht. Die von der Rechtsopposition geforderten Milderungen hatten eine Entspannung gebracht, und mit voller Wucht warf sich jetzt Stalin auf seine Gegner. Sie wurden verdächtigt, fielen in Ungnade, wurden abgehalftert, imb zu Zehntausenden gingen die Leute von der Partei, die „ Apparati sten", aufs Land, um das Dors zu bearbeiten und auf Grund besonderer Vollmachten die künftigen Kongreßvertreter zu bestimmen. In der Cndphase dieses Kleinkrieges hat sich hinter den Postenketten, die vor der staatlichen Oper auf dem Theaterplah stehen und die Zulassungskarten der Delegierten zum Kongreß dreimal prüfen, manche Szene abgespielt, die in Europa undenkbar wäre. „Aus dem Bauche sollen sie angekrochen kommen", so hat Stalin einst die Linken zurückgewiesen, die ihren ersten schüchternen Entschuldigungszettel schrieben. Jetzt haben es auch die „Rechten" getan — zum Teil wörtlich verstanden! Daß sie alle beseitigt, wahrscheinlich „zur Kur" nach dem Kaukasus oder Sibirien verbannt werden und nicht mehr auf ihre Posten zurückkehren, steht außer jedem Zweifel. Denn noch nie hat Stalin Gnade gekannt. Wenn man in Westeuropa den Kopf schüttelt, da es sich doch sozusagen um den Ministerpräsidenten, den höchsten Würdenträger des Landes handelt, so möge man bedenken, daß sich das alles in der Atmosphäre des rabiaten Halbasiaten Dschugaschwili-Stalin abspielt.
Stalin, der nach diesem Kongreß mehr denn je als der Inbegriff aller Macht in Moskau zu gelten haben wird, hat in seiner Rede ein Bild „der sowjetistischen Blüte und des europäischen Riederganges" zu malen versucht, das alle seine Anhänger in wilde Begeisterung versetzt hat. Cs ist in Moskau offenes (Aheimnis, daß Stalin geistig nur eine mittelmäßige Größe, daß er insbesondere in volkswirtschaftlichen Din
gen absoluter Lai« ist. Ueberall hat sein eingehender, präziser, reichlich mit Zahlenmaterial belegter Bericht (der in der Prawda, TimeS- Forrnat, über fünf ganze Seiten auSfüllt) Staunen erregt. Es war ebenso bekannt, daß er auS diesem Grunde noch nie öffentlich hervor getreten ist, geschweige denn einen langen wirtschaftlichen Bericht erstattet hat. Da man ihm also den Bericht auf den Schreibtisch gelegt hat, kann man bezweifeln, ob er selbst an die Potemkinschen Dörfer glaubt, die er aufzurichten sich die größt« Mühe gab.
Für die Außenwelt ist, soweit russische Innenpolitik in Frage kommt, von besonderem Interesse, daß das Tempo der verschärften Industrialisierung auch weiter beibehalten und daß der Periode der vorübergehenden Bremsung in d«r Bauernpolitik eine neue Kollektivierungswelle folgen soll. Unbestreitbar hat die Industrieentwtcklung Fortschritte zu verzeichnen, die auch in Europa nicht abgestritten oder auf die leichte Schulter genommen werden dürfen. Die zunehmende 11 m- stellung jedes Geschäfts mit den Russen zeugt davon. Und nach wie vor ist hervorzuheben, daß Rußland mit seinen reichen Raturschatzen theoretisch Selb st Versorger sein und sich in einer langen Reihe von Warengruppen vorn Ausland unabhängig machen konnte. Daß aber die von Stalin genannten Zahlen in allen Stücken richtig die wahre Lage wiedergeben, ist ebensowenig wahrscheinlich wie eS abwegig wäre, anzunehmen, daß man sich heute in Moskau über die Schwierigkeiten, die einer wirklichen Industrialisierung des Landes noch im Wege stehen, ein richtiges Bild macht. Denn trotz der angeblich so riesenhaft angewachsenen Produktion ist der Warenhunger nie größer gewesen als heute und trotz der hereingebutterten Milliarden ist der praktische Ruheffekt bis heute gleich Rull. Dem Auslarrd wird Stalin nichts vormachen können, für Europa bleiben allein seine Feststellungen von Interesse, daß alle Auhenbeziehungen Moskaus sich auch weiter auf der Grundlage des Außenhandelsmonopols vollziehen werden und daß die Union sich im Falle von Kreditgewährung zu Verhandlungen über eine Schulde n a ne r k en n u n g bereit zeigen wird. Alle übrigen Ausführungen Stalins beweisen nur, daß Rußland auch weiter zwar das Land der unbegrenzten Möglichkeiten bleibt, aber auch das Land der Knute und das Land der Potemkinschen Dörfer.
Verkehrshindernisse in Lollar.
tD Lollar, 14. Juli. Unsere Ortsdurchfahrt (D- Straße) weist verschiedene Verkehrshinber- nisse auf, die insbesondere für die zahlreichen Fußgänger eine erhebliche Gefahr bedeuten. Gs handelt sich dabei einmal um die Treppen vor den Häusern Zimmermann und D ö lp, ferner um die zu schmalen Brücken über Mühlgraben und Lumda. Die Gemeindevertretung hat sich seit Jahren in Erkenntnis dieser Unzuträglichkeiten für deren Beseitigung eingesetzt. Alle Bemühungen sind aber bisher ohne Erfolg geblieben. Die beiden Drücken nehmen nur die Fahrbahn auf, so daß die Fußgänger gezwungen sind, den Strahendamm zu benutzen, was bei dem lebhaften Durchgangsverkehr an dieser Straße erhebliche Gefahren in sich birgt. Die Provinzialdirektion in Gießen hat nach einer Besichtigung fest gestellt, daß die Brücken verbreitert werden müssen, gleichzeitig jedoch darauf hingewiesen, daß für die notwendigen Arbeiten in absehbarer •Seit keine Mittel zur Verfügung stehen. Auch wegen der beiden Treppen sind bereits jahrelang Verhandlungen geführt worden: besonders die eine, welche über den ganzen Bürgersteig hinaus bis zur Straßenrinne reicht, stellt ein erhebliches Verkehrshindernis dar. Da die Gemeindevertretung den hier bestehenden Zustand nicht verantworten konnte, ersuchte sie das Kreisamt in Gießen um geeignete Maßnahmen. Mit der hieraus eingegangenen Stellungnahme des staatlichen Hochbauamtes in Gießen hatte sich der ®e-
Tuberkulose-derTod des Genius
Von Or. Oscar Orszagh, Chefarzt des Königin-Elisadeih-Kranlenhauses Budapest.
Bei meinem vieljährigen Studium der furchtbaren Menschheitsgeißel fiel mir die seltsame, aber imtxrtennbare Tatsache auf, daß ungewöhnlich viel geniale Menschen zu den Opfern der Tuberkulose zählen. Erschütternd ist es, die Rastlosigkeit unb Unruhe des Genies in seinen Werken zu beobachten und dabei als Arzt zu seherr, wie die tödliche Krankheit im Innern wühlt und frißt, wie sie ihr Opfer ganz durch- dringt und nach jahrelangem — und dennoch für die Menschheit zu kurzem — Kampf zu Boden streckt. Das moderne wissenschaftliche Rüstzeug läßt uns heute einen tieferen Einblick in die Ursachen und Symptome der Krankheit tun, als es den Aerzten einer früheren Zeit möglich war: fo zeigen sich bei Schiller, bei Paganini, bei Mozart, Chopin und Goethe die Spuren der Tuberkulose: auch Franz von Assisi und Schubert sind an der Tuberkulose gestorben. Die zeitgenössischen Aerzte konstatierten allerdings bei Schubert Rervenfieber als Todesursache, während sie bei Chopins Krancheit lange Zeit hindurch ebenfalls falsche Diagnosen stellten.
Friedrich Schiller zog sich im Jahre 1791 eine Lungenentzündung zu und klagte noch lange danach über heftige Stiche in der rechten Seite der Brust. Eine namhafte Geldsumme wurde ihm von dänischen Verehrern für eine Kur übersandt — aber es war zu spät, die Auszehrung hatte Deutschlands edelsten Dichter ergriffen. Als „Medikus" wußte Schiller nur zu gut, daß seine Tage gezählt waren: gerade deshalb arbeitete er mit fieberhafter Energie und leistete damit dem schleichenden Tod nur Vorschub. Kurz vor seinem Tod kam er mit seiner Familie nach Berlin und wurde hier mit königlichen Ehren überhäuft: aber die Ehrungen beglückten den Todgeweihten nicht mehr. Sein starker Geist war von den unheildrohenden Boten der Tuberkulose, von dem Husten, dem Lungenbluten, den Brustschmerzen untergraben und zu Fall gebracht worden.
Ricolo P a g a n i n i, der große Geigenkünstler, wurde in ärmlichen Verhältnissen geboren. Mit zwanzig Jahren war Ricolo körperlich ein schwächlicher, zurückgebliebener Junge. Er sehnte sich nach Frauen, nach Spiel und Wein, nach sorglosem Wohlleben — und in Neapel wurde er von seinem Hauswirt prompt auf die Straße
gesetzt, als seine Krankheit sichtbar wurde, denn die Tuberkulose war damals (1819) gefürchteter als die Pest. Ein Freund Paganinis zerklopfte dem unglücklichen Wirt deshalb den Buckel, aber er konnte dem armen Ricolo damit nicht helfen. Paganini versuchte alles Erdenkliche gegen seine Krankheit, er wechselte seinen Wohnort häufig, hielt die Fenster seiner Räume stets offen und nahm täglich Sonnenbäder: aber fein lockeres Geben, seine weiten Reisen hatten ihn schon mit 37 Jahren erschöpft. Die übrigen zwanzig Jahre seines Lebens waren nur noch ein einziger, vergeblicher Kampf gegen die Zerstörer in seiner Lunge, seiner Kehle und seinen Kiefern.
Auch Wolfgang Amadeus Mozart wurde schon als Kind von seinem Vater zu strenger Arbeit angehalten, auch er war immer schwächlich und überempfindlich. Die ewigen Geldsorgen mögen später neben der Heberarbeitung nicht wenig dazu beigetragen haben, ihn vollends zu schwächen und den Boden für die Tuberkuloseinfektion vorzubereiten. Die Gier nach Arbeit, der unaufhörliche Strom neuer Ideen ist für Mozarts Krankheitsverlaus fo charakteristisch wie die Genuhgier bei Paganinis Krankheit. — Im Jahre 1790 trat unangemeldet ein verhüllter Fremder in Mozarts Stube^ und bat ihn in starker Erregung, so schnell' wie möglich ein „Requiem“ zu komponieren. Ohne seinen Hamen zu nennen und ohne weitere Aufschlüsse zu geben, verschwand der seltsame Fremdling. Der kranke und pessimistische Komponist war von dieser Begegnung sehr erschüttert: er war überzeugt, daß er an seinem eigenen „Requiem“ arbeiten sollte und daß der Fremdling ein Bote aus einer anderen Welt gewesen sei. Mit seiner letzten Energie vollendete er unter Schmerzen und häufigen Weinkrämpfen zwei Drittel des „Requiems“ — seines letzten Werks. Rach seinem Tode stellte es sich heraus, daß der unheimliche Auftraggeber ein Graf Wallsegg-Etuppach gewesen war, der mit dem „Requiem“ seiner Frau ein Denkmal setzen wollte.
Typisch war der Krankheitsverlauf bei Chopin. In früher Jugend wurde Chopin mit seiner tuberkulösen Schwester nach einem „Kurort" geschickt: dort starb aber seine Schwester, und ev selbst wurde infiziert. Eine gewisse Veranlagung zur Tuberkulose muh er wohl bereits gehabt haben, denn auch fein Vater war schwer tuberkulös. So war er schon mit 16 Jahren vom Tode gezeichnet. Aus den Rat seiner Freundin George Sand unternahm er eine Reise nach den Dalearen zu seiner Wiederherstellung: vier
Tage und Rächte reifte er mit hohem Fieber und entsetzlichen Schmerzen vermeintlich der Gesundheit entgegen, um nach kurzer Zeit nur verzweifelter zurückzukehren. Auf Majorca traf er nicht herrlichen, belebenden Sonnenschein, sondern trüben Rebel und schweren Regen, den er in einer kleinen, feuchten Wohnung überstehen mußte. Bei der Rückreise wurde er als armer Schlucker nicht gerade sehr sorgsam behandelt, er erhielt das schlechteste Bett auf dem Schiff, weil es, wie die Stewards sagten, ja doch verbrannt werden mühte. — Don jetzt an geht es rapide abwärts. Rach einer kurzen Periode, wo sich Chopin in eine mäßige Lebensweise Ku schicken sucht, finden wir ihn wieder bei härtester Arbeit in Paris. Doch schon damals war der Lebenswllle in ihm abgestorben. Mit 39 Jahren war der große Künsller tot.
Man wird sich wohl wundern, auch Goethe in diesem unheimlichen Reigen zu finden. Seine tuberkulöse Erkrankung wirkt rein medizinisch nicht so trostlos, wie sie ja auch. Goethes Kunst und Goethes Geben weniger beeinflußt hat. Jedenfalls war Goethe als junger Student in Geipzig auf dem besten Weg zu unheilbarer Erkrankung, er überarbeitete sich, er trank zuviel Kaffee und Dier, er wollte sich durch Bäder in eiskaltem Wasser und durch ein hartes Rachtlager unter einer dünnen Decke „abhärten" — die Folgen konnten nicht ausbleiben. Eines Rachts erwachte er mit starkem Schwindelgefühl: er hatte einen heftigen Dlutsturz und war so schwach, daß er kaum noch einen Freund herbeirufen tonnte. Tagelang schwebte er zwischen Geben und Tod, um dann doch dank seiner kräftigen Konstitution zu genefen. Die Mäßigkeit und Ruhe der späteren Jahre verschaffte ihm ein hohes 2llter, obwohl er sich später noch wegen einer Drüsentuberkulose einer sehr langwierigen Behandlung unterziehen mußte.
Cs ist nicht schwer, bie Krankheitsursachen so vieler großer Männer sestzustellen. 3m 18. und zu Beginn des 19. 3ahrhunderts waren die modernen Forderungen der Hygiene unbekannt: man hauste in feuchten, unbequemen Wohnungen, nahm gegen die Tuberkulose irgendwelche unwirksamen Medikamente ein und gönnte sich keine Ruhe. Die häufige Guftbetänberung wurde als Allheilmittel angepriesen: aber in Chopins und Paganinis Fall hat sie die Krankheit nut beschleunigt. 3eber tuberkulös Erkrankte bringt in der Regel ein erstaunliches Matz von Energie auji falsch ist es. di^e Energie auf un
ablässige, fieberische Arbeit zu richten, wie es Mozart und Schiller taten; richtig und fast immer erfolgreich ist es, mit dieser ganzen Energie ein gesundes, mäßiges Geben zu führen und sich ausschließlich auf die Heilung zu konzentrieren, wie es bei Goethe der Fall war.
Ob die Tuberkulose schöpferische Arbeiten erleichtert ober erschwert, läßt sich nicht sagen. Sicher ist aber, daß fast alle großen Künstler gerade wegen ihrer schweren Erkrankung weit mehr .leisteten als gesunde Menschen in der gleichen Begabung. Von allen Genies, die zu diesem frühen und schmerzhaften Tod verurteilt waren, hat die Menschheit schone, große und in ihrer Todesverachtung stolze Geistungen geerbt
Haben Sie schon gehört... ?
Außerdem...
Koke geht in das Schallplattengeschäft. Rimmt Platz, blättert im Katalog und läßt sich diese und jene Platte Vorspielen. Sinnend die Melodien mitsummend, schaut er zum Fenster hinaus. Koke verlangt unersättlich weiteres Vorspiel. Rach dem dritten Dutzend jedoch wird der In- haber nervös: „Aber, bester Herr, so sagen Sie mir doch schon annähernd wenigstens, was für eine Platte Sie zu erwerben gedenken!"
Erhebt sich Koke mit einem Ruck: „Gott, wenn es Ihnen nicht angenehm ist, kann ich ja gehen. Außerdem i st der Regen eben vorbei!" (Gust. Bl.)
Die beiden Mädchen.
„3ch habe gelesen, der Einstein fährt schon wieder nach Paris, was macht et da eigentlich immer?"
.- Er besucht dort seine Verehrer, die ihn immer wieder wegen seiner Forschungen feiern.“
„Wenn man nur von diesen Forschungen eine klare 3bee hätte: können Sie mir vielleicht bie Einsteinsche Relativität erklären?"
..O ja, ich will Ihnen bas an einem Beispiel erläutern: Wenn Sie mit einem sehr hübschen unb klugen Mädchen zusammen sind, bann vergeht Ihnen bie Stunde wie eine Minute; ist das Mädchen aber mies und dumm, dann wird Ihnen bie Minute zur Stunbe: ba haben Sie bie Relativität.“
»Also ba fährt der Einstein immer mit zwei solchen Mädchen nach Paris?"
.(Lust, Q3L1


