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15.3.1930
 
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Nr. 65 Zweiter Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)5amrtag, 15. März (950

Gandhi marschiert! - Verschärfung der Lage in Wien.

Don unserem (k)-Derichterstatter.

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Das Wohnhaus Gandhis in Sabarmatt bei Ahmedabad, von wo ein großer Protestmarsch nach Gujarat stattfindet als Demonstration gegen die englische Herrschaft. Rechts oben Mahatma Gandhi, der Führer des gewaltlosen Widerstandes.

Valabhai Patel, Gandhis nächster Mitarbeiter, der von den Engländern wegen seiner nationalistischen Propaganda verhaftet wurde und dessen Freilassung Gandhi erzwingen will.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! London, März 1930.

Die Entwicklung der Dinge in Indien hat eine ernste Wendung genommen. Der Führer der indischen Nationalisten, der sogenannten Kongreß- Partei, Mahatma Gandhi, hat dem briti­schen Vizekönig ein unerfüllbares Ultimatum überreicht, nach dessen Fristablauf er eine Be­wegung desbürgerlichen Ungehor» sarns" und des Boykotts gegen die Eng­länder in Indien beginnen will. Eine Drohung, die um so ernster ist, als die politische Span­nung in den letzten Wochen auf das höchste gestiegen ist, well es den Engländern gelang, einen der Hauptführer der Kongreß-Partei, C. S. Dose, auf frischer Tat bei der Auf­forderung zu Gewalttaten abzufafsen und ins Zuchthaus zu stecken, ohne daß dies von indischer Seite als ungesetzlich hätte bezeichnet werden können. Gandhis Ultimatum ist somit in eine Lage hincingeplaht, in der die Gemüter b i s aufs äußerste erregt sind und die Mög­lichkeit von Gewalttaten trotz der gegenteiligen Versicherungen Gandhis nicht von der Hand zu weisen ist. Gandhis weitere Ankündigung, daß er zu Fuß durch ganz Indien ziehen werde, um die Bevölkerung zum passiven Wider­stand gegen die Negierung aufzufordern, also die Zahlung von Steuern zu unterlassen, ist also durchaus ernst zu nehmen und könnte zu großen Schwierigkeiten für die Engländer in Indien führen, wenn nicht eine Reihe von Tat­sachen dagegen sprächen, die man bei allem Wohlwollen für die indische Nationalbewegung als objektiver Beobachter doch wohl in Rechnung stellen muß.

Da ist zunächst einmal Gandhis Ultima­tum selbst, das eine Reihe von Forderungen

enthält, die vorläufig noch als so übertrieben erscheinen, daß selbst eine Reihe von indischen Politikern diese Dinge als grotesk empfindet. Gandhi verlangt vom Dizekönig als erstes die Einführung der Prohibition in Indien; so­dann Stabilisierung der Währung, die unter dem Schwanken des Silberpreises in der Welt stark leidet; weiter Ermäßigung der P a ch t g e b ü h r e n für die 220 Millionen! Bauern um die Hälfte; die gänzliche Abfchaffung der Salz st euer; Derminderung der Ausgaben für die Unterhaltung der Armee in Indien um die Hälfte (also politischen Selbst­mord); Herabsetzung der Gehälter der höheren Beamten, die fast alle Engländer sind, um die Hälfte; Schutzzölle auf fremdes, d. h. englisches Tuch; das Verbot der Küstenschiff­fahrt für nichtindische Schiffe in Indien; Ent­lassung aller politischen Gefangenen und Rück­berufung aller Verbannten; sofortige Außerkraft­setzung der Bestimmungen, die etwa dem Para­graphen 48 der Deutschen Verfassung entsprechen würden und zuletzt - das Recht für die indische Bevölkerung, sich zu bewaffnen,falls sie den Wunsch hiernach hege". Sollte der britische Vizetönig, der natürlich gar nicht die Voll­machten besitzt, derartig weittragende Maßnahmen aus eigener Machtvollkommenheit durchzuführen, geneigt fein, diesewenigen, aber lebensnotwen­digen" Forderungen Indiens zu erfüllen, so er­klärt sich Gandhi bereit, an der Verfaffungs- fommiffion mitzuarbeiten, die die britische Re­gierung eingesetzt hat, um die Verwaltung In­diens neu zu regeln. Allerdings auch nur unter der Bedingung, daß auf der Konferenz jeder seine Ansichten beliebig zur Sprache bringen kann. ..

Sehr bescheiden sind Gandhi und die indischen Rationalisten also nicht, wenn sie Forderungen

an die Engländer stellen. Ihre Aufforderung erinnert zwar an die berühmte Erklärung jenes Perserkönigs, der sich zu Verhandlungen mit feinem Gegner bereit erklärte, falls dieser auf der Stelle das Land verliehe, in das er siegreich eingedrungen war aber das macht in Indien nichts. Diestaatsmännische" Weisheit, die sich in derartigen Aeußerungen kund tut, riecht zwar verdammt nach den Anweisungen, die man in Moskau erteilt, um der Weltrevolution die Wege zu ebnen (meist natürlich auf Kosten derjenigen, die auf diese Art Propaganda, die ja leider immer Opfer erfordert, hereinfallen), der in­dische Bauer jedoch weiß es nicht. Auch die Zu­sicherung Gandhis, daß es zu keinerlei Gewalt­taten kommen dürfe, ist sehr wenig vertrauen­erweckend. Seine berühmte Forderung, daß der politische Kampf in Indien nicht durch Ter­ror befleckt werden dürfe, hat nicht zum ersten Male versagt. Bereits die erste große Boh- lottbewegung, die in den Jahren nach dem Kriege einsehte, hat ja zuletzt zu blutigen ilnrufjen ge­führt. die vielen Menschen das Leben kosteten, so daß Gandhi schließlich, weil er ernsthaft be­fürchten mußte, daß noch mehr Opfer fallen würden, den Feldzug abblies. Diese Haltung, die ihm persönlich alle Ehre machte, ist aber nicht dazu angetan, das Vertrauen in seine Pro­pagandamethoden zu verstärken und man hegt auch bei einer Reihe von Indern die Befürchtung, daß es ein zweites Mal ebenso gehen könnte; zumal, da die Engländer diesmal entschlossen sind, mit aller Energie durchzugreifen und jeden Versuch der Anzettelung ernsthafter Unruhen im Keime zu ersticken. Die Engländer wissen eben, daß sie heute in den Liberalen, den Fürsten und einer großen Reihe von gemäßigten Rationa­listen eine indische Kampftruppe besitzen, die be-

Gießener Gtadttheater.

Edwin Burke:

Tie Lache, die sich Liebe nennt!"

Wer etwa mit großen Erwartungen ^ge­gangen war nämlich Neuigkeiten zu hören mußte einsehen, daß Ben Akiba selig doch auch heute nsch gelegentlich recht behält.

*

Erstens erweist sich Edwin Burke im Laufe des Abends als hemmungsloser Pefsimist; von einem Pessimisten wird aber niemand ernstlich gerade übet eine solcheSache" Offenbarungen erwarten können.

Zweitens handelt es sich bei diesem Stück (das als Komödie gelten möchte und ein harm­loses Lustspielchen ist) weniger um die Liebe im allgemeinen als um die Ehe im besonderen.

lieber die Ehe zu debattieren, ist nun aber inzwischen auch schon wieder unmodern geworden. Sowohl Dan de Velde wie Lindsay sind heute einigermaßen passe, und viele kehrten, nachdem sie sich ihre plötzlich entdeckten Komplexe und Probleme so recht von der Leber heruntergeredet hatten, reumütig in die alte Ordnung zurück; man ist wieder verheiratet und trägt wieder Herz...

... und schaut amüsiert der vergnüglichen und unverbindlichen Abendunterhaltung zu, die sich Herr Burke für uns ausgedacht hat.

Mit Krach geht es los. Mit einer richtigen, tüchtigen, geräuschvollen Eheszene fünf Minuten vor dem Abendbrot mH Gästen. Worunter einer aus dem wilden Westen ist, der denGlückliches- Heim-Komplex" hat. Dem soll fein Wunschbild hier von den Ehegatten vorgezaubert werden, die sich eben noch angebrüllt gaben und jetzo ein girrendes Turteltaubenpärchen spielen müssen. (Beinah Schwank.)

Natürlich geht es schief. Der zweite Akt macht den (gestern mxb modernen) Vorschlag zur Güte: Che" auf Zeit, mit Gehalt und kurzfristiger Kündigung, hingegen ohne sex appeal. Scheint sogar gukzugehen und in Liebesehe auszuarten.

*

Geht aber trotzdem schief. Burke ist und bleibt ein Miesepeter. Der dritte Akt, in schöner Run­dung, kehrt zum ersten zurück: abermals Krach. Und zwar schon nach vierzehn Tagen. Da besinnt sich der Miesepeter auf die rätselhafte Sache, die sich Liebe nennt: mit fühfauerm Lächeln läßt er das geschiedene Pärchen sich zu neuer Ehe

finden, und das verkrachte Pärchen, knapp vor der Scheidung, im Dersöhnungskuh noch einmal zum glühenden Einmaleins werden. Wer hätte das gedacht. Ben Abika würde sich schmunzelnd die Hände reiben.

Die Aufführung unter Volcks sauberer Re­gie bot eine amüsante Unterhaltung; es wurde vorzüglich gespielt.

Tanner t (Collins) zeigte sich von seiner liebenswürdigsten Seite, sichtlich bemüht, uns den Abschied schwer zu machen.

Maria Koch: ganz charmant als Ann Mar­vin; diese Salondame ist geradezu für sie ge­schrieben.

Trude Heß und Heinrich Hub spielten ihren häuslichen Putsch mit aufreizend komischen und wahrhaft dem Leben abgelauschten Effekten.

Ilse Jahn hat eine junge Frau zu sein, die man schlicht und recht als eine Gans bezeichnen muß; sie machte es prächtig.

Hais, Linkmann. Mewes, Wesene r ergänzten das Ensemble.

Das Publikum unterhielt sich anscheinend aufs beste. So fand die Neuigkeit einen sehr freund­lichen Erfolg. Dr. Th.

Gießener Konzertverein.

III Lymphonie-Konzcrt

Es war vielleicht ein besonders glücklicher Ge­danke, für ein Konzert des Darmstädter Landestheater-Orchesters Beetho- eensPastorale" auszuwählen, denn die Darmstädter stellen für dieses Werk einen idealen Klangkörper dar von vorzüglicher Aus­geglichenheit und Tonschönheit. Wenn schon die früheren Opern- und Symphonieaufführungen eine ganz besondere Kultur der dynamischen Grade erwiesen, so ließ die Durchführung der Pastorale eine hervorragende Durcharbeitung des Klanglichen bewundern. Niemals drängte sich eine Gruppe hervor, stets blieb die Durchsichtigkeit des Klanges mit wohlabgewogener Ausgeglichen­heit gewahrt, ein Zeichen für die hohe klang­liche Disziplinierung, die dieses Orchester be­herrscht. Ein Blick auf die einzelnen Klang­gruppen vermag dieses Urteil vollauf zu be­stätigen. Den Holzbläsern ist eine ungemein weiche Intonation zu eigen, ihr Ton ist modula­tionsfähig, bis zu dem größten Maße dhnami- scher Ausweitung. Im Vergleich zu den Or­chestern, die wir im Laufe des Winters hier hörten, bewährt auch die Blechgruppe beson­

dere Qualitäten und wohltuende Nachgiebig­keit und Anpassungsfähigkeit. Die Hörner zeigen im Piano jene. Weichheit, auch gerade als Füll­stimme, die den Gesamtklang samtweich abrundet, wie z. B. am Eingang des zweiten Satzes der Pastorale. Der Streichkörper zeichnet sich durch beherrschte Einheitlichkeit, gestochene Sauberkeit, vornehme Phrasierung und Deutlichkeit in den chorischen Verzierungen aus mit einer Entfaltung des Klanglichen vom verschwebenden Pianissimo bis zu sonorer Profilierung des Thematischen.

Mit diesem lebendigen Klangorgan ließ Uni­versitätsprofessor Dr. Stefan Temesvary die Pastorale vor uns erstehen in überaus klarer, wohldurchdachter und durchlebter Art, breite Stimmung entfaltend. Es war ein klangliches, musikalisches Sich-Ergehen, ein Sich-Geben und ein Erschließen des Wechsels der Eindrücke im Spiegel des erlebenden Ich; wohliges Geborgen­sein, hingegebenes Entzücken, inneres Gehobensein im ersten Satze (ganz prächtig des Duett zwischen Fagott und Klarinette in der Coda!). Ein Auf­gehen im Stimmungshaften, ein Jnnewerden des Selbst in der Fülle der zuströmenden Eindrücke, eine Klangwerdung des idyllischen Naturerlebens in der Szene am Ende. (Auch hier wieder die Holzbläser mit sauberster Feinheit als Helfer am Künden der musikalischen Idee, von beson­derem Reiz war das Vogelterzett.) Im dritten Satz ein szenisches Erstehen des Milieus mit jener primitiven Milchung von Galantem und Naturgewachsenem, Dörfisch-Unvollkommenem, trotzig-eigenwilligem Urwuchs; das Ganze ge­tragen von einem köstlich beobachtenden Humor. In der Gewitterschilderung ein Halten des Gleich­maßes zwischen Malerei und innerem Erschüttert- fein durch die Spannung im reflektierenden Erleb­nis; jeder Farbton wohlausgewogen. Das Finale als ein breites Ausklingen und Ausschwingen.

In der Leonoren-Ouvertüre ein Ein­fangen der Stimmung vom Unisono-Abstieg an durch alle die Episoden des Dramas bis zum Gipfel in der Stretta, ein Erschüttern, ein Mit­fortreihen. Eine virtuose musikalische Meister­schaft in allen Stimmen des Orchesters.

Mozarts, der Prager Sängerin Josepha Duschek zugeeignete Szene für Sopran und Orchester,Bella mia fiamma setzt neben reifstem stimmlichem Können eine vollendete Be­herrschung des gesanglichen Vortrags voraus, erst dann wird sie sich voll auswirken. Meta K e r d y k, Berlin, besitzt von Natur aus wohl entsprechende Stimmittel, die eine gründliche Durchbildung erkennen lassen. In der Höhe ist ihr Ton weich, auch ergiebig und von sympa­thischer Färbung, in der Mittellage jedoch von geringerer Tragkraft. 2m allgemeinen verstand

reit ist, an der Seite der Engländer gegen Inder zu kämpfen, die sich mehr und mehr in ihren politischen Entschlüssen und ihren politischen Kampfmethoden von den bolsche­wistischen Machthabern in Moskau leiten lassen.

Die Kundgebung des nationalistischen Präsi­denten der gesetzgebenden Versammlung, Patel, der ernste Zeiten ankündigte und alle Leute, die ihr Geld unb ihr Leben zu verlieren fürchteten, aufforderte, außer Landes zu gehen oder eine Pilgerfahrt anzutreten, zeigt daher nur, daß die Ansichten im nationalistischen La­ger gespalten sind und daß der überspannte Radikalismus Gandhis nicht aus einer inneren Stärke der Kongreß-Partei entspringt. Man muh vielmehr annehmen, daß Gandhi zum Radikalis­mus nur gezwungen ist, weil er die Führerschaft in der Kongreß-Partei zu verlieren fürchtet.

Und so ist der Eindruck, den man van den Dingen in Indien erhält, durchaus zwiespältiger Natur: so lächerlich viele der Forderungen Der Nationalisten äußerlich erscheinen, so ernst müssen sie Wohl doch genommen werden, weil ja immer wieder nicht erfüllte Forderungen schließlich zu einer Verschärfung der Lage führen, in der es zuletzt zur Explosion, d. h. also entweder zur Revolution oder zur Anwendung von Ge­walt durch die Engländer kommen muß. Nun mag man zwar bezweifeln, daß die indischen Nationalisten schon in den nächsten Tagen oder Wochen zur Flinte greifen werden, um die Briten davonzujagen. Gerade das hat ja Gandhi verboten. Aber well die Dinge in Indien noch nicht so weit gediehen sind, darf man doch nicht verkennen, daß die nationalistische Bewegung in Indien ganz kurzfristig vor der Wahl steht, ob sie diefriedlichen" Methoden Gandhis mil bürgerlichem Ungehorsam usw. weiter verfolgen wlll, oder ob sie nicht doch zur blutigen Waff-a des Terrors greift, die Moskau ihr so wann empfiehlt. Die Kriegserklärung Gandhis ist für den Einsichtigen also nichts anderes als ein Ver­such des alten Führers, die immer radikaler werdende Freiheitsbewegung noch einmal in das Fahrwasser desfriedlichen" Bürgerkrieges zu lenken.

Lohnsteuererstattungen für 1029.

Am 31. März 1930 läuft die Frist für die Beantragung von Lohn st euerer st a t - tungen aus dem Kalenderjahr 1929 ab. Der Erstattungsantrag ist bei dem zuständigen Finanzamt zu stellen. Beantragen kann die Er­stattung:

jeder Arbeitnehmer, bei dein durch Verdienst­ausfall (Krankheit, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit usw.) die steuerfrei bleibenden Beträge im Laufe des Kalenderjahres 1929 nicht voll berücksichtigt worden sind;

oder dem vom Arbeitslohn Steuerbeträge ein­behalten worden sind, obwohl der gesamte Ar­beitslohn des Kalenderjahres ine. für die Be­steuerung gesetzlich vorgesehene Freigrenze nicht überschritten hat;

ferner, wenn durch ungünstige wirtschaftliche Verhältnisse (Krankheit, Unglücksfälle, besondere Belastung durch Unterhalt und Erziehung der Kinder, Unterhalt mittelloser Angehöriger und dergleichen) die Leistungsfähigkeit wesentlich be­einträchtigt und dies nicht schon durch Erhöhung des steuerfreien Lohnbetrages beim Steuerabzug berücksichtigt worden ist.

Voraussetzung für die Lohnsteuererstattung ist jedoch, daß mindestens 4 Mark Lohnsteuer im Kalenderjahr 1929 gezahlt worden sind und daß das Einkommen des Arbeitnehmers in 1929 nicht so hoch gewesen ist, um ein formelle Einkommen­steuerveranlagung zu bedingen.

Die Veranlagung unterbleibt bei Arbeitneh­mern mit reinem Arbeitslohn von nicht über 9200 Mark jährlich, oder mit nicht über 8000 Mark Gesamteinkommen, wenn darin außer Ar­beitslohn nicht mehr als 500 Mark sonstiges Einkommen enthalten gewesen ist

sie es, die Arie in durchaus anzuerkennender Weise zu gestalten. Cs läßt sich aber nicht sicher beurteilen, wie weit die Sängerin durch ein Ge­bundensein an das Notenblatt an einer vollen Entfaltung ihres Organs im Raume und an der Intensivierung des Vortrags beeinträchtigt wurde.

Wenn man unter der Reihe der Orchester, die wir im Laufe der letzten Jahre hier hören konnten, Umschau hält und sie in ihrem Ausbau und ihren musikalischen Leistungen einander gegenüberstellt, so w rd man dem Darmstädter Lan­destheaterorchester den Vorrang zuerkennen müs­sen. Dieser in jahrzehntelanger Arbeit he. angereifte Klangkörper erscheint nun in seiner Geschlossen­heit bedroht; über ein Drittel der ständigen Mit­gliederzahl hat die vorbehaltliche Kündigung emp­fangen. Sollte die bedauerliche Tatsache der Mit­gliederverminderung Wirklichkeit werden, so würde dieses Orchester in seinem organischen Auf­bau erhebliche Einbuße erleiden. Sachlich wäre eine solche Maßnahme, wenn man von der finanziellen Seite absieht, nicht zu rechtfertigen; denn ein Orchester ist kein zahlenmäßig zu er­fassender Begriff, der nur etwa je nach Zahl und Gröhe seine Bedeutung erweist, sondern eine organische Gemeinschaft, die im harmonifchen Ausgleich der Zusammenarbeit ihr eigentliches Wesen findet und begründet. Das würde gestört: sein und die so überaus hochstehenden Kultur­leistungen, die wir ihm in seiner jetzigen Gestalt verdanken, würden stark beeinträchtigt und ge­mindert werden. Zumal für Gießen bietet das Landestheaterorchester die einzige Mög­lichkeit für die Aufführung von Werken (wie etwa der Bruckner-Symphonien), d e einen großen Orchesterkörper erfordern. Bei einer Verminde­rung der Mitgliederzahl müßten dann Ersatz- kräfte herangezogen werden. Ob diese sich aber dann (mögen sie noch so gut und hervorragend sein) bei der in solchem Fall zur Verfügung stehenden geringen Probenzahl dem Orchester organisch einzugliedem vermögen, das wäre eine Frage, über die sich nur von Fall zu Fall ent­scheiden ließe.

Zugegeben, daß die finanziellen Verhältnisse zur unbedingten Sparsamkeit drängen und ver­pflichten, so sollte man aber doch vor allem organisch Gefügten und Gewachsenen Haltmachen, da hier jeder Eingriff empfindliche Schädigung der Lebensfähigkeit und Verlust an größten Kulturwerten mit sich führen würde. Und am Schluß des Konzertwinters fei hier unter dem Eindruck der letzten Aufführung der besondere Wunsch ausgesprochen, daß das Darmstädter I Landesorchester in seiner jetzigen Gestalt auch in kommenden Zeiten dem Gießener Konzertleben erhallen bleiben möge! Dr. H.