Llm die Hekoga-Verirage.
Oie hessischen Sozialdemokraten lehnen ab.
WSR. Darmstadt. 14. San. Die sozialdemokratischen Gemeindevertreter hatten zur eingehenden Prüfung der von der Hekoga vorgeschlagenen Verträge mit der Ruhr- und Saargas-A.-G. eine Kommission eingesetzt, die jetzt einmütig zu einer Auffassung gekommen ist, in der es heißt: „Sn Anbetracht der schweren kommunalwirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Gefahren, die mit dem Ferngasbezug verbunden sind, hat die Kommission vom grundsätzlichen Standpunkt aus die schwersten Bedenken. Sie erkennt aber an, daß die Einbeziehung der Saar, die Zugeständnisse in der Frage der Erhaltung eines kommunalenStütz Punktes und durch den Einbau der Fernleitungsgesellschaft in das Vcr- tragswerk die vorgeschlagene Lösung eine erträglichere For-.n gewonnen hat. Trotzdem hält die Kommission es für unmöglich, daß dem Vertragswert in der zur Zeit vorliegenden Farin von den sozialdemokratischen Vertretern zugestimmt wird." Es werden dann eine Reihe von Forderungen erhoben, die bezwecken: „Sicherung des überwiegenden Einflusses der öffentlichen Hand in der süddeutschen Ferirleitungsgesellschaft durch Kapitalmehrheit (mindestens 55 v. H.) Beseitigung der Streik- und Aussperrungsklausel, Sicherung des regionalen Stützpunktes im Hekoga-Gebiet für die volle Dauer des Gaslieferungsvertrages, klare Formulierung der die Äebernahme und die Entlohnung der Arbeiter betreffenden Destim- mungen, Beseitigung aller unklaren und unbestimmten Klauseln und Vorbehalte bei der Preisberechnung, Einbeziehung der Sndustriegas- m en gen in die abgenommenen Kommunalgasmengen, Einflußnahme der öffentlichen Hand auf die Rnhrgas-A.-G. durch Zuteilung von Aussichtsratssitzen an Vertreter der Kommunen, des Staates und dec Bergarbeiter." Die Kommission empfiehlt, so lange eine Entscheidung in den öffentlichen Körperschaften zu verhindern, bis hie Verträge in Richtung dieser Forderungen verbessert find.
Auch der Darmstädter Vertreter gegen den Vertragsabschluß.
WSR. Darmstadt. 14. Ian. Der Vertreter der Stadt Darmstadt im Aufsichtsrat der Hekoga, Staatsrat Karcher, der als Sozialdemokrat dem Stadtrat ongehört, hat eine längere Denkschrift ausgearbeitet, in der er zu dem Schluß kommt, daß die A n n a h m e des Vertragswertes der Hekoga mit der Ruhr- und Saar-Gas-A.-G. nicht empföhle n werden könne. Sn fünf Emvsehlungen fordert er Senkung der Gaspreise zur Erreichung der bei Gründung der Hekoga vorgesehenen Ziele, sonst Weiterbetrieb des eigenen technisch und
wirtschaftlich auf der Höhe befindlichen Werkes und Belieferung der bisher schon angeschlvfsenen Landgemeinden, gegebenenfalls Austritt aus der Hekoga und eine Snteressen- gemeinschaft mit den anschließenden Gebieten Mannheim-Bensheim und O f - fenbach-Frankfu rt etwa auf der Basis des noch mit der Provinz Starkenburg bestehenden Vertrages.
Oie Annahme der Verträge empfohlen.
Vor den Provinzialtags-, Kreistags-und Stadtratsmitgliedern der Arbeitsgemeinschaft der Mitte (Deutsche Volkspartei, Demokraten, Zentrum und Volksrechtpartei) sprach hier am vergangenen Samstag im „Hindenburg" Bürgermeister Dr. Riepolh (M. d. L.) über die jetzt zur Beratung stehenden Verträge mit der Hekoga. Der Redner gab — wie man uns berichtet — in einem 1'/^stündigen Vortrag ein erschöpfendes Bild der Entwicklung und des augenblicklichen Standes der Frage des gern» gasbezuges. Rach einem kurzen Lieberblick über den Gang der Verhandlungen wurden die Möglichkeiten des Gasbezuges eingehend besprochen: Ruhrgas, Saargas, Südwestdeutsche Gas- A.-G. und Selbsterzeugung. Zwischen Ruhr und Saar sei heute eine Einigung erzielt. Die Angebote der Düwega wären ungünstig gewesen hinsichtlich der Preisgestaltung und der Belieferung. da wegen der beschränkten Erzeugunas- moglichkeit nur der dreihundertste Teil der jährlich garantierten Abnahmemenge pro Tag geliefert werden könne, so daß ein Ausgleich zwischen Sommer- und Wintermonalen nicht möglich sei. Bei der Frage der Selbsterzeugung stützte sich der Redner auf die drei Gutachten von Heidebroek, Eberle und Giefeking. Er betonte, daß in diesem Falle die Gaserzeugung die Hauptsache, während das Koksgeschäft nur erzwungenermaßen zu betreiben sei. älmgekehrt seien die industriellen Kokereien der Kohlenreviere dazu bestimmt, Koks zu erzeugen und das Gas als Abfallprodukt zu betrachten. Weiterhin sei die kmnmunale Kokerei in besonderem Maße von der von ihr nicht beeinflußbaren Lage auf dem Kohlen- und Koksmarkte abhängig. Der einmal errechnete und festgesetzte Gaspreis sei bei einer ungünstigen Verschiebung des Kohlen- und Kokspreises nur mit erheblichen Zuschüssen zu halten. Unter diesen Gesichtspunkten könne man es nur begrüßen, wenn der Abschluß mit der Ruhr zustande käme. Auch aus allgemeinen volkswirtschaftlichen Gedanken heraus sei es notwendig, daß das hochwertige Aofall- produkt der Ruhr bcstmöglichst verwendet würde. Der Redner beschäftigte sich dann im einzelnen mit den vorliegenden Verträgen, deren Annahme er empfahl.
An die interessanten, mit starkem Beifall aufgenommenen Ausführungen schloß sich eine Aussprache an. in der auf einzelne Fragen noch Auskunft gegeben werden konnte.
O&erbeffett.
Landkreis Gießen.
£ Wieseck, 14. Jan. Gestern abend fand die erste Sitzung des neuen Gemeinderates statt. Bürgermeister S ch o m b e r verpflichtete die Gcmeinderäte und gab der Hoffnung Ausdruck, daß auch der neue Gemeinderat zum Wohle der Gemeinde ein angenehmes Zusammenarbeiten an- streben möge. Bevor man zur Tagesordnung überging, wurden noch zwei Punkte, Beschäftigung ausgesteuerter Erwerbsloser und Errichtung eines Ehrenmals für die Gefallenen des Weltkrieges, angefügt. Zunächst wurde zur Wahl der Kommissionen geschritten. Hierzu verlangte Benner (S. P. D.), daß bei den Wahlen der Kommissionen Rücksicht genommen werden müsse auf die Stärke der einzelnen Parteien. Dementsprechend wurde auch verfahren. Bei allen Kommissionen wurden die Vorschläge gegenseitig gemacht und glatt angenommen, nur bei der Wahl des Schulvorstandes mußte mit Stimmzettel abgestimmt werden. Alle Kommissionen bestehen aus fünf Mitgliedern und dem Bürgermeister, nur die Verkehrskommission, von der im Laufe der Wahlperiode wichtige und weit- tragende Beschlüsse erwartet werden, soll sieben Mitglieder und den Bürgermeister als Vorsitzenden haben. — Der Reichsbund der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen befaßt sich in einer Eingabe an den Gemeindevorstand mit der Schaffung eines Ehrenmals für die Gefallenen im Weltkrieg und macht zugleich Vorschläge, wobei als besonders geeignet das Ehrenmal der Gemeinde Beuern erwähnt wird. Um den Wünschen der Kriegsopfer Rechnung zu tragen, wurde vorgeschlagen, eine Kommission zu wählen, zu der außer fünf Mitgliedern des Gemeinderats noch drei Mitglieder des Reichsbundes der Kriegsbeschädigten, drei Mitglieder des Reichsbanners, zwei Mitglieder des Schulvorstandes und zwei Mitglieder des Kirchenvorstandes gehören sollen. Diese Kommission soll bald nach ihrer Ernennung zusammentreten, um über die weiteren Arbeiten zu beraten. Dieser Vorschlag wurde mit acht Stimmen bei einer Stimmenthaltung angenommen. Gegen die Errichtung eines Ehrenmals stimmte nur der Kommunist Erb, der diese Gelder den Kriegsopfern zugeführt haben will. — Die vom alten Gemeinderat beschlossenen Kanalisierungsarbeiten sind zur Zeit im Gange, es werden insbesondere die Erwerbslosen damit beschäftigt. Hierdurch hat die Gemeinde erreicht, daß ihr 2300 Mk. aus der Erwerbslosenfürsorge überwiesen werden. Da nun auch fünf ausgesteuerte Erwerbslose beschäftigt wurden, verlangte das Arbeitsamt Gießen die Entlassung dieser Arbeitswilligen. Gemeinderat Stein setzte sich sofort mit dem Arbeitsamt in Verbindung und erreichte, daß hie Gemeinde diese fünf Leute weiter beschäftigen kann, wenn sie auf die Tagewerks- zuschläge für diese fünf Leute verzichtet. Der Gemeinderat erklärte im Snteresse dieser Leute einstimmig, dem Vorschläge zuzustimmen. Es wurde noch angeregt, die Vorarbeiten für denStraßenbau bald in Angriff zu nehmen.
tz» Alten-Buseck, 14. San. Zwecks Erweiterung des Grundstockes für die Errichtung eines Gcfallenen-Denk- males fand am Sonntag im Saale des Gastwirts Einhäuser ein zweites Wohltätig- kei tskonzert statt, welches sehr gut besucht war und einen schönen Verlauf nahm. An der Veranstaltung hatten sich wiederum die beiden Gesangvereine mit dem Frauenchor und Mandolinenklub beteiligt, deren Darbietungen dankbar aufgenommen wurden und lebhaften Bestall landen. Zwei von Mitgliedern des Kegelklubs „Gut Holz" und des Frauenchors in packender Weise aufgeführte Theaterstücke trugen wesentlich
zum Gelingen der Veranstaltung bei. Hoffentlich trägt das finanzielle Ergebnis des Konzerte» dazu bei, das begonnene Werk seiner Verwirklichung näherzubringen und damit einen langgehegten Wunsch der Gemeinde zu erfüllen.
G r ü n b e r g, 14. San. Die hiesige Ortsgruppe de s V. D. A. (Verein für das Deutschtum im Auslande) hielt am Samstagabend ihre Hauptversammlung ab. Aus bem. Sahres- bericht des Vorsitzenden, Studienrats A. S e y - b o l d, ist zu erwähnen, daß an der vorjährigen Psingsttogung des Hauptoereins in Kiel 30 Teilnehmer einschließlich der Schüler sich beteiligten
und daran anschließend die Holsteinische Schweiz, Sylt, Helgoland und Hamburg besuchten. Die Werbewoche zeitigte finanziell ein sehr gutes Ergebnis. Es sammelten die einzelnen Klassen der Oberrealfchule zusammen 499,71 Mk., die Volksschule Grünberg 24,90 Mk., die Volksschule Beltershain 8,15 Mk., die Volksschule Lumda 10 Mk., so daß insgesamt 542,76 Mk. an den Landesverband Hessen abgeführt werden konnten. Außerdem lieferte die Ortsgruppe, die 66 Mitglieder umfaßt, 260 Mk. ab und dir an der Oberrealschule bestehende Schülergruppe, der 265 Schüler angehören, 190 Mk. Die vom Rechner Walter
®er Aamvom GM.
Bornen von E Loveti und M. v. Weißenthurn.
Copyright by Marie Brügmann, München.
11 Fortsetzung. Na..chruck verboten.
„Run, dann wird eben alles an den Tag kommen."
,.2>a aber wenn du und Kurt schon vorher einig geworden seid, kann cs nicht so schlimm werden: wir werden den Sturm schon wieder besänftigen. Kurt von Wildhofen ist kein Knabe mehr und nicht dazu angetan, das Mädchen, das er liebt und mit dem er bereits einig geworden. im Stich zu lassen, weil der Vater ein Ausgestoßener ist. Er wird natürlich zuerst wenig erbaut fein; wenn du aber deine Karten geschickt aus.'.uspielen verstehst, wird er trotzdem nicht von dir lassen."
„Mutter." sagte Sabine nach kurzer Pause mit trauriger Stimme, „ich kann Kurt nicht heiraten: ich begehe eine Schlechtigkeit, wenn ich es tue.“
..Sei nicht närrisch, Sabine! Weshalb mit einem Male nicht? Es ist die einzige Chance, die^wir haben."
..Sch kann nicht die Frau eines ehrlichen Mannes werden — ich kann mich nicht unter falschen Vorspiegelungen in eine hochgeachtete Familie einschleichen. — O Mutter, laß uns zurückkehren zu unserem früheren Dasein! Cs war entsetzlich, das weiß Gott: aber wenigstens haben wir dabei niemanden betrogen.“
„Su wirst mich noch rasend machen, Sabine mit deinen philisterhaften Anwandlungen. So kehre meinetwegen zurück in die kleine, erbärmliche Stadt und in die schmutzige Wohnung deines Onkels mit dem erstickenden Bier- und Tabakdunst! — Oh. erfaßt dich nicht ein Grauen bei der bloßen Erinnerung daran? Die gewöhnllchen vom Trunk erhitzten Gesichter — die schmutzigen Karten, der wüste Lärm, das Rollen des Geldes auf den abgeschabten, grünen Tischen! Was meinst du wohl, was ich empfand, als ich dasaß und dich mit meinen Augen behütete, dich, ein Kind bon noch nicht sechzehn Sahren. zwischen jenem Abschaum der Menschheit aus aller Herren Ländern hin- und hergehen sah, ekelhaftes Bier und Zigarren verabreichend, während die schielenden Blicke der Männer auf dir ruhten und zwei- heutige Redensarten mein Ohr trafen? Oh, diese Heimatstätte beim Onkel Simon war mir um einen solchen Preis doch zu teuer erkauft.' Bedenke, wie schwer ich seitdem gerungen habe, um in an- ständiger Gesellschaft wieder festen Fuß zu fassen, wie ich gekämpft, gedarbt und mich gewunden habe — nur um deinetwillen. Und jetzt muh ich dich sagen hören, daß es eine Schlechtigkeit wäre den ersten wirklich guten Antrag, der sich dir bietet, anzunehmen. Oh. das genügt wahrhaftig, um mir das Herz zu brechen."
Sabine schlug die Hände vor das Gesicht und
sank in den Sessel zurück. „Was verlangst du also von mir?“ fragte sie mit tonloser Stimme.
„Aun, das weißt du bereits, Sabine! Es wird nicht so schwer sein, Kurt von Wildhofen zu einer Erklärung zu bringen. Du bist ja alle diese Tage hindurch, fast eine Woche lang, viel mit ihm allein gewesen. Daß er dich liebt, ist flar. Es wird nur noch eines geringen Entgegenkommens von dir bedürfen, um ihn zu deinen Füßen zu sehen. Hat er dir seinen Antrag gemacht, mußt du dich unentschlossen stellen und ihn bitten, sich einen ober zwei Tage zu gedulden, damit du dein Herz prüfen könntest. Auf diese Weise hast du ihn gefesselt und doch auch Zeit gewonnen: denn es wäre sehr unklug, die Eltern von eurem Verhältnis in Kenntnis zu sehen, solange jener gefährliche Mensch hier noch anwesend ist. Sobald er aber den Rücken gekehrt hat, mußt du Kurt erklären, daß Du seinen Antrag annimmst. Das übrige findet sich dann von selbst. Sind seine Eltern erst einmal von dem Herzenswunsch ihres Sohnes unterrichtet, werden sie sich auch seiner Wahl nicht widersehen. Selbstverständlich mußt du durch dein ganzes Benehmen zu zeigen suchen, daß du deinen Bräutigam glühend liebst, und geschickt darauf binarbeiten, daß der Tag eurer Hochzeit sehr bald festgesetzt wird. Sind wir einmal so weit, so können wir dem Kommenden getrost entgegensehen. Sst es doch für einen Mann, der sich im ersten Rausch der Liebe befindet, sehr schwer, sich von dem Gegenstand seiner Aeigung loszureihen, um so mehr, wenn er bereits so weit gegangen ist, den Hochzeitstag zu bestimmen.“
Sabine gab auf djese schlau durchdachten Ratschläge ihrer Mutter keine direkte Antwort, erhob sich aber von ihrem Sessel am Kamin und trat dicht an ihre Mutter heran.
„Arme Mama," sagte sie traurig. „Arme, liebe Mama! Sch weih es wohl, daß du ein schweres, sorgenvolles Leben hast."
Diese Worte bewirkten, daß die Angeredete in heftiges Schluchzen ausbrach. — „Oh, das weiß niemand, niemand auf der Welt, nicht einmal du, Sabine!" rief sie in verzweifeltem Ton aus — .Wenn ich dich aber erst eimftnl gut — wie ich hoffe —, glänzend verheiratet weiß, soll es mich keinen Augenblick bekümmern, was aus mir wird."
Selbst in dieser ränkevollen Seele lebte ein edles Gefühl — selbstlose Mutterliebe Sabine suhlte sich von diesem neuen Beweis tief gerührt. Oie kannte ihre Mutter und wußte daß ihr ganzes Leben und Treiben nur eine Kette von Luge und Betrug war. Doch wie hätte sie vergessen tonnen, daß die Mutter um ihretwillen sündigte' Darum war sie immer wieder geneigt vachzugeben, so sehr sich auch oft ihr Selbstgefühl dagegen empörte
„Geh nun zur Ruhe!" wandte sich Sabine letzt m ocfanfhgeHbtm Ton an ihre Mutter. Du snylt angegriffen und überwacht aus Sch will
alles bedenken, was du mir gesagt hast, und morgen wird uns manches leichter erscheinen, als jetzt in dieser Nachtstunde."
Als Sabine allein war, setzte sie sich wieder an den Kamin und verfiel in tiefes Aachsinnen über ihr ruheloses, entwürdigendes Dasein.
Sie war in einer schlechten Lebensschule ausgewachsen, und schon in der Kindheit mußte sie die dunklen Seiten der menschlichen Ratur kennenlernen. Zwar begriff sie des Vaters Verbrechen nicht völlig: doch als sie älter wurde, lernte sie !bie Größe seiner Schuld ermessen. Aber sie schämte sich weniger der Sünde selbst als der Erniedrigung, die er sich und ihnen in den Augen der Welt bereitet hatte. Sich nun dieser Schande durch alle möglichen Mittel — erlaubte und unerlaubte — zu entziehen, war seitdem das unablässige Bemühen von Mutter und Tochter gewesen: Sabine hatte sich schnell genug an Unwahrheiten gewöhnt: der falsche Aame, die Fabel von der Witwenschaft ihrer Mutter und von ihres verstorbenen Vaters militärischer Stellung sowie die unzähligen erdichteten Reisen — alles das erschien ihr wie selbstverständlich.
Sahr für Sahr hieß es, denselben schweren Kamps aufzunehmen gegen Gläubiger unb Geldverleiher, unter denen sich oft recht unbequeme Mahner befanden. Welch endlose Schwierigkeiten bereitete es ihnen, stets modern und elegant gekleidet zu fein, ohne bar bezahlen zu können. Es war nur dadurch möglich, daß man im kritischen Moment vor allzu lauten Mahnern fo schnell wie möglich die Flucht ergriff.
Wie oft war Sabine mitten in der Rächt von ihrer Mutter geweckt worden mit dem Bedeuten, sofort aufzustehen und ihre Koffer zu packen. Galt es doch, beim ersten Morgengrauen das Hotel oder Haus, in dem sie sich gerade befanden, zu verlassen, um einem Gläubiger, dessen Geduld aus eine harte Probe gestellt worden war, zu entschlüpfen.
Sabine war wohlvertrant mit all diesen Dingen: doch lange nicht so skrupellos wie ihre Mutter. Denn es kamen Zeiten, in denen sie sich aufs tiefste verachtete und sich aus vollem Herzen danach sehnte, rechtschaffen und wahr zu sein.
Solche Empfindungen waren besonders häufig in ihr rege geworden, seitdem sie sich in Wildhofen befand. Allerdings hatte sie ebenso eifrig wie ihre Mutter nach einer Heirat getrachtet. Wenn es ihr gelänge, eine glänzende Partie zu machen, wollte sie ein ganz neues Leben beginnen, bas hatte sie sich gelobt. Shr Hochzeitstag sollte der Anfang einer ööHigcn ilmtoanölung sein. Wollte sie doch alles daran sehen, ihrem Gatten eine musterhafte Lebensgefährtin zu werden. Sonderbar war es aber, daß ihr trotz dieses heißen Wunsches jetzt mehr und mehr vor dem Augenblick bangte, wo Kurt sich erklären würde, es bangte ihr davor, seitdem sie ihn näher kennen und zugleich lieben gelernt hatte. Sie sah. was er für sie empfand und wußte daher, daß es
Sdckel vorgetragene Rechnungsablage toutbe gutgeheihen. Die Vorstandswahl hatte folgendes Ergebnis: 1. Vorsitzender Studienrat Seh b old, 2. Vorsitzender Schuhmachermeister Friedrich Frank, Schriftführer Studienrat Walter, Rechner Walter Sockel, Leiter der Schulgruppe an der Oberrealschule Studienrat Dr. Heil.
Kreis Friedberg.
= Bad-Nauheim, 13. San. Gute Fortschritte macht die Entwicklung der im Herbst vergangenes Sahr hier ins Beben gerufenen V o l ks- Hochschule. Die ersten Vortragsreihen sind beendet, und nachdem zahlreiche Vereine der Stadt die ideelle und auch finanzielle Unterstützung der Bestrebungen zugesagt haben, soll nun für die zweite Winterhälfte an neue Arbeit herangegangen werden. Eine unter dem Vorsitz von Amtsgerichtsrat Schneider jetzt stattgehabte Ausschußsihung, der auch Bürgermeister Dr. A h l und der Volkshochschulleiter W. H e g a r (Gießen) beiwohnten, beschloß für den nächsten Donnerstag eine Eröffnungsfeier, in deren Mittelpunkt die Rezitation von Schillers „Räuber aus Deilorener Ehre" stehen wird. Anschließend sollen noch vier Vortragsreihen bis Ostern durchgeführt werden. Zunächst sprechen an je sechs Abenden Amtsgerichtsrat Schneider über „Grundzüge des bürgerlichen Rechts" und Pfarrer Knodt über „Kann die Bibel dem modernen Menschen noch etwas sein?" Es folgen weiter die Kurse von Lehrer Siegler über „Geschmackvolle moderne Ausgestaltung des Wohnraumes" und von W. H e g a r über »Was sagt die heutige Wissenschaft zu den >verbreitetsten Meinungen über das Weltgebäude?" Mit Beginn des Frühjahrs sind dann heimatkundliche Führungen vorgesehen, für die sich als Leiter Lehrer Oßwald (Pflanzen der Heimat) und Prof. Balser- Friedberg (Vögel der Heimat) bereit erklärt haben.
Ein Forschungsmstiiui für Kunstgeschichte.
If Marburg, 14. Jan. Im Jubiläums-Kunst- institut dcr Universität fand heute vormittag durch den preußischen Kultusminister B e ck c r die feierliche Eröffn ungdeser st enpreuhischenFor- s ch u n g s i n st i t u t s für K ll n st g e s ch i ch t e statt, das mit Hilfe vielseitiger privater und städtischer Stiftungen in seiner Art ähnlich rote das Kaiser- Wilhelm-Jnstitut zustande gekommen ist. Zwischen beiden besteht ein Unterschied nur darin, daß das letztere mit geringen Abweichungen nur den Natur Wissenschaften dient, während das neue Institut dem wichtigen Gebiete der Geisteswissenschaften zuge- roandt sein soll. Seine Hauptaufgabe besteht in der Erforschung der mittelalterlichen Kunst in Deutschland und Frankreich und ihrer wechselseitigen Beziehungen. Man hofft, durch die neue Einrichtung dazu beitragen zu können, die durch den Krieg geschaffenen und noch nicht gefallenen Schranken zwischen den Wissenschaften der europäischen Länder zu beseitigen und dadurch eine Stärkung des Beronßt- feins der Einheit der europäischen Kultur herbeizuführen. Als weitere Aufgabe wendet sich das Institut gegen die Isolierung innerhalö der deutschen Kunstwissenschaft durch Schaffung eines Zentralarchivs von Aufnahmen, Plänen und Zeichnungen zur Kunst' geschichte. Das weltbekannte Plattenarchiv des kunst- geschichtlichen Seminars der hiesigen Universität zählt rund 50 000 Ausnahmen (einschließlich 15 000 französischen). Dazu kommen noch die photographischen Laboratorien und ein Stab geschulter .Kräfte mit allen dazu gehörigen Einrichtungen. Besonders erwähnt sei, daß es sich hier nicht um ein Universi- täts-, sondern in erster Linie um ein Lehrinstitut bündelt und alle Mittel und Kräfte der Forschung dienen. Das Institut soll das Abbildungsmaterial zur deutschen und außerdeutschen Kunstgeschichte zentral erfassen.
kaum noch eines Entgegenkommens von ihrer Seite bedurfte, um ihn zu einer Erklärung zu veranlassen. Trotzdem schreckte sie feit kurzem vor diesem Augenblick zurück, und immer, wenn er versucht hatte, eine Aussprache herbeizuführen, war sie ihm ausgewichen und dadurch jeder Entscheidung entschlüpft.
Lind nun tobte in ihrem Srmern ein heißer Kampf. Auf dec einen Seite stand ihre Mutter und die nahe Erfüllung ihres Wunsches, durch die ftc aus aller Rot gerissen werden tonnten, auf dec anderen Seite jedoch das, was sie an1 Gewissen und Ehrenhaftigkeit noch besah.
Sa — wenn sie sein Herz nicht besessen, wenn auch sie ihn nicht geliebt hätte!
Endlich erhob sie sich leise und schritt zum Toilettentisch, auf dem ein Schmuckkasten mit rotem Maroquin stand. Sn diesem verwahrte sie ihre Wenigen Pretiosen, meistens unechte Perlen und Diamanten. Als sie ihn öffnete, hob sic ein kleines Samtpolster in die Höhe und zog eine verwelkte Gardenia darunter hervor. Mit traurigem, hoffnungslosem Blick preßte sie die Blume wiederholt an die Lippen und warf sie bann in die glühende Asche des beruntergebrannten Feuer-.
„So endet der süßeste Sraum meine- Lebens!" murmelte Sabine mit erstickender Stimme, während ihre Augen sich mit heißen Tränen füllten. „Es soll nichts, auch gar nichts mehr von dieser Hoffnung übrigbleiben!" Seht endlich suchte sie ihr Lager auf, obwohl sie wußte, daß der Schlal ihre müden Augen fliehen würde.
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„Gesellschaften scheinen dir gar nicht zu bekommen, Doris! Du stehtz gar zu übermüdet und ab, gespannt aus", sagt? Frau von Wildhosen am folgenden Morgen zu ihrer Richte. „Hast du etwas gegessen, was dir schlecht bekommen ist? Dieser Hummer war wirtlich sehr schwer: ich habe mich förmlich davor gefürchtet. Der Koch will mit seinen Vorspeisen sich selbst übertreffen, wie es scheint."
Doris lachte. „Sch habe ihn nicht angerührt, ^.ante, und gebe dir die Versicherung, daß ich mich sehr wohlfüblc."
„Run, du sichst nicht danach aus, mein Kind, um) ich erlasse dir deshalb auch den heutigen langen Leitartikel in der Zeitung. Du brauchst mir nur die letzten Rachrichten und Depeschen sowie die Familienanzeigen vorzulesen: das ist genug für heute. Auch rate ich dir, dich aus ein, Stündchen niederzulegen, bevor du dich zur Taiel ankleidest. Ach, sagte ich es dir noch nicht, dem Onkel wünscht, daß du jetzt immer mit uns speisest, solange wir noch Gäste im Hause haben."
»Wirklich, Tante?" antwortete Doris in unsicherem Ton. Sie hatte bisher so unbrachtet bagingclcbt. daß es sie fast verwirrte, aus der Verborgenheit hervortretcn zu sollen. „Aber warum?" fragte sie zögernd.
(Fortsetzung folgt.)


