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Oer Dreizehnte.

Roman von Anny von panhuys.

Copyright 1929 by Verlag lPechthold. Braunschweig

2. Fortsetzung. Nachdruck verboten

Primv Duero blickte die Frau immer verständ­nisloser an. »Aber Sennora. wir sind doch ein halb nach drei alle von hier wegacsahren, und Sie haben uns nachgewinkt, wie soll ich denn da die Rolläden heruntergclassen haben?"

Er klingelte jetzt krästig an der breiten Korri­dortür, die seitlich vom Flur in die hinter dem Laden gelegene große Wohnung führte. Gr be­griff ja keine Silbe von dem Unfinn, den die sonst so vernünftige Portera redete.

Er lauschte angestrengt, ob sich niemand von innen der Tür näherte. Aber alles blieb still, sein (Batet muhte wirklich ausgegangen sein.

Es war das etwas, was in so schroffem Gegen­satz mit den Gewohnheiten seines Vaters stand, dah er cs rätselhaft sand. Seit langen Jahren verlieh sein Vater niemals während der Ge­schäftsstunden das Haus, und heute nachmittag erwartete er noch dazu einen feiner besten Kun­den, den Marquis de Palma. Anbegreiflich war das!

Er-^klingelte abermals, und die Portera, die er gar nicht mehr beachtete, erwiderte auf seinen letzten Satz: »Natürlich sind Sie alle um ein halb nach drei Ahr fortgefahren, aber um fünf waren Sie doch schon wieder hier. And eine Viertel­stunde später gingen Sie wieder. Aber da hatten Sie ja einen Schlüssel. Schließen Sie doch da­mit auf."

Natürlich besah er einen Korridorfchlüfsel. 3m Augenblick hatte er gar nicht daran gedacht. Ganz mechanisch Holle er ihn aus seinem Anzug her­vor, den er unter dem weiten Clowngcwand trug.

Er hatte das rote, leuchtende Aeberkleid etwas geöffnet, und während er den Schlüssel ins Schloß steckte, sagte er ärgerlich:Schwatzen Sie doch nicht solchen Ansinn, Sennora. Es ist mir nicht eingefallen, noch einmal hierher zurückzukchren. 3ch bin soeben erst vom Korso gekommen."

Die Frau zog die von graugesprenkeltem Haar umrahmte Stirn in Falten.

Ich weih ja nicht, warum Sie mir abstreiten wollen, was doch wahr ist. Ich habe ja noch zu Ihnen gesagt, als Sie wieder fortgingen, ob Sie was vergessen haben, und da nickten Sie. Aber verdammt eilig hatten Sie es!"

Primv Duero, der sonst niemals grob oder un­geduldig war, rief ärgerlich:Lassen Sie mich mit dem Ansinn in Rrche!" And nun hatte er auch ausgeschlossen und konnte eintreten.

Die Diele war dunkel, und er schaltete sofort die Beleuchtung neben der Tür ein. Weih und

f$arf fiel die Helle der breiten GlaSampel nie- oCILcnt) Swei Körper aus der Düsternis ins Llchtbercich. Da lag quer vor zwei Korbsesseln, völlig regungslos, die Gestalt seines Vaters und n^bcn ihm, wie zu behaglichem Schlaf lang hin- gcflredt Lobo, der Wolfshund, der seinen Herrn fanatisch liebte und ihm kaum von der Seite wich.

Bruno Duero hatte Mühe, sich klarzumachen, daß es wirklich sein Vater war. der da vor ihm o,8. starr und steif wie eine Wachsfigur. Denn wächsern war die Farbe des Gesichts und der Hande.

Er blickte sich verstört um.

Sic Tür nach dem Hausslur war noch halb die Portera stand hinter ihm und schlug ein Kreuz über das andere, rannte plötzlich mit dem gellen Schrei. Mord! weg.

DaS Haus widerhallte von dem grählichsten Wort, das es auf Erden gab, eS schallte von den Wanden wie ein Echo wider, und Primo Duero war es, als höre er die scharfen Sardanahörner das entsetzliche Wort in alle vier Winde schmet­tern. Mord! Mord! Mord!

Er stürzte vor und kniete neben dem starren Männerkörper nieder, neigte sich über ihn.

Cs war, als ströme ihm eisige Kälte entgegen. Schauer auf Schauer jagte über Primv Duero hin

®r war fest überzeugt, ohne ärztliche Gewiß­heit zu haben, in den starren Körper seines Va­ters würde das Leben nie mehr zurückkehren, in diese wächsern gelblichen (Dangen niemals mehr die Farbe des Blutes Er wußte, diese Augen blieben für Immer fest geschlossen

Er stöhnte tief auf. Mit einem Male kam es ihm überwältigend stark zum Dewuhtsein, der leblose Körper da vor ihm war sein Vater. And wenn er auch kein warmherziger Mann gewesen, wenn er sich auch nicht zu entsinnen vermochte, jemals eine Zärtlichkeit, ein herzliches Wort von chm gehört zu haben so dachte er doch jetzt nicht daran.

Sein Vater war es, dessen bläuliche Lippen das Siegel ewigen Schweigens trugen, sein Va­ter war es, dessen Seele hinübergegangen ins Jenseits, ohne ein Wort des Abschieds.

Gr taumelte empor, sein wirrer Blick suchte um­her, und jetzt erst hörte er draußen im Hause den alarmierenden Ruf: Mord! und er sann, als käme er selbst aus weiter Feme, weshalb rief die gelle, scharfe Stimme da draußen: Mord!?

Plötzlich arbeitete sein Gehirn wieder normal. Er konnte klarer denken, und er stürzte in das Bureau neben dem Laden, schaltete das Licht ein und riß den Telephonhörer von der Gabel. Keu­chend ging fein Atem.

Er wollte die Polizei anrufen, als er Schritte hinter sich vernahm. Im selben Augenblick tra­ten zwei Polizisten ein, die durch das Geschrei der Portera herbeigeeilt waren.

Sie machten ernste Dienstgesichter, und der

eine nahm Primv Duero den Hörer aus der Hand: »Ich werde die Mordkommission bcnach- rlchtigen"

Ein lauter, lammcrüollcr Aufschrei erklang nebenan. Primv Duero ging der Schrei durch und durch Er hörte, wie seine Zähne mit lei­sem Klirren aufeinanderstichen

Montserrat war nach Hause gekommen

Er kümmerte sich nicht weiter um die Schutzleute, mochten sie tun, was ihres Amtes war, er ging mit hastigem Schritt hinaus in die Diele und fand die Kusine am ganzen Leibe bebend an der Wand lehnen, mit weit aufgerissenen Augen auf den leb­losen Körper niederstarrend. Ein dritter Schuh­mann schloß eben die Korridortür.

Primv Duero sah noch flüchtig, wie durch dich­ten Nebel, eine Menge fremder Menschen draußen, in deren Mitte mit lebhaftem Gestikulieren die Portera stand. Wie zwei bewegliche Wegweiser flogen ihre beiden Arme bald rechts, bald links in die Lust.

Primv Duero näherte, sich Montserrat, deren Augen den Blick jetzt auf sein Gesicht richteten. Lange und mit einem Ausdruck, der wie Entsetzen war.

Dann sagte der rote Mund, um den ein unauf­hörliches Zucken lief:Die Portera schreit draußen, du wärest am Nachmittag noch einmal hier gewe­sen und seitdem wäre der Laden geschlossen."

Er wollte versichern, er wäre nicht hier gewesen und wollte beruhigend ihre Hand ergreifen, als sie, wie vor etwas Furchtbarem, vor ihm auf dio andere Seite des Zimmers floh, während sie ent­setzt hervorstieh:Rühre mich nicht an, ehe eS sich herausgestellt hat. wer den Mord begangen Der Schutzmann sagt, dein Vater ist erschossen worden und der arme Lobo auch."

Primo Duero prallte zurück, als habe sich die Erde vor ihm weit aufgetan, und er fürchtete, in einen Abgrund zu stürzen. Allgütiger, was hatte Montserrat eben au ihm gesagt? Beschuldigte sie ihn nicht klar und deutlich, er könne die furcht­bare Tat begangen, er könne einen Vatermord' auf dem Gewissen haben?

lieber seine Züge senkten sich tiefe Schatten.

Montserrat, ich kann es nur deiner grenzenlo­sen Aufregung zugute halten, was du eben ge­sprochen, kein anderer Mensch dürste das wagen."

Er kniete neben dem Körper nieder. Aber im gleichen Moment legte sich die Hand des Schutz­mannes auf feine Schulter.

Sennor, ich muh Sie bitten, in möglichster Ent­fernung von dem Toten zu bleiben, damit keine Spur verwischt wird, die zur Entdeckung des Mör­ders führen könnte."

Primo lieh sich willig fortziehen, und ihm war es, als sei es gar nicht feine eigene Stimme, die nun sprach:Handelt es sich denn wirklich um einen Mord?"

Der Schuhmann erwiderte mit seltsamer Härte

in der Stimme:Am daS sestzustellen, dazu braucht nicht einmal die Mordkommission zu kom­men. Dort an der Schläfe sitzt ja das Blut ganz dunkel. Aber Ihnen darüber Vortrag zu halten, ist nicht mein Amt."

Er klappte den starkkieferigen Mund mit hör­barem Ruck zu, wie inan vielleicht ungeduldig eine kleine Schublade zuschlägt

Cs pochte energisch an die Tür. Der Schuhmann öffnete^rüßte vorschriftsmäßig und erstattete eine rasche Meldung. Die eintretenden Herren machten alle einen stark dienstlichen Eindruck.

Ein älterer Herr mit Hornbrille über breitllbe- eigen Augen kniete sich sofort dorthin, wo noch vor zwei Minuten PrimoS Knie den Boden be­rührt. Ein einziger Blick genügte dem Polizeiarzt, um die Todesstarre sestzustellen. und gleich daraus sagte er in kühl geschästlichern Ton, der Primo biS ins Innerste erschütterte:Der Tod muh schon vor ungefähr drei Stunden eingetreten sein." Seine Finger berührten die Schläfen des Toten:Selbst­mord halte ich für ausgeschlossen. Sennor Duero tojiröe erschossen, aber mit keinem gewöhnlichen Revolver, sondern mit einer Luftpistole. Der Bol­zen ist in die Schläfe eingedrungen, mit wirklich tödlicher Sicherheit. Eine sehr geübte Hand muß da am Werke gewesen sein." Er neigte sich zu dem Hund hinüber.In der Stirn deS Tieres muh ein zweiter Bolzen stecken." Er erhob sich. Der Tod ist durch den Schuß einer Lustpistole fier bei geführt worden. Der Mörder hat geschickt gearbeitet, denn die Luftpistole funktioniert laut­los."

Einer der Herren stand auf der Schwelle deS BureauS und nahm eine Meldung der im Bureau verbliebenen zwei Schutzleute entgegen, er sagte nun hastig:Der Geldschrank ist anscheinend ord­nungsgemäß geöffnet, aber nicht mehr geschlossen worden, die Tür ist nur angelernt." Er sprach mit einer rauhen Stimme, die Primo wehetat.

Er sann vor sich hin. Wie war denn das nur möglich: Sein Vater war tot, und die Polizei sprach das WortMord" genau so selbstverständ­lich aus, wie es die grelle Stimme der Portera: hinausgeschrien hatte. Montserrat aber war vor ihm geflohen, als wenn er--

Barmherziger Gott, er konnte nicht auSdenken, was sich ihm zwingend aufdrängte. Sie war vor ihm geflohen, als sei er der Mörder!

Anverhvhlen hatten ihre Lippen den Verdacht ausgesprochen.

Er ging auf den Herrn mit der rauhen Stimme zu.

Der sah ihm entgegen mit Zwinkeraugen, auS denen cs aber wie scharfe Blitze zu zucken schien

Sie sind der Sohn, nicht wahr?" Er musterte den vor ihm Stehenden fast zornig.Mensch, rei­ßen Sie doch das Narrengewand herunter. Es paßt schlecht an die Leiche des Vaters. So viel Geschmack sollten Sie selbst haben." (Forts folgt.)

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