Ausgabe 
14.11.1930
 
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Nr. 267 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Zreitag, 14. November 1950

aber der rücksichtslose Kampf der Aufständischen gegen das Deutschtum weiter. Die traurige Liste Der Hebert alle nimmt von Tag zu Tag zu. Der Hotz gegen das Deutschtum scheut nicht einmal davor zurück, d i c Ruhe der Toten zu stören. Am Allerseelentage wurde das Grab des vor vier wahren verstorbenen großen ober­schlesischen Deutschenführers Thomas Szrzeponik auf dem Kattowitzer Friedhof geschändet, der Blumenschmuck gestohlen und die am Grabe ste­hende harmlose, kleine Holzbank zertrümmert. Einen größeren Dandalismus kann man sich nicht mehr denken.

Aber auch sonst sind alle Vorbereitungen ge­troffen, um die bevorstehenden Wahlen unter allen Hmständen für das jetzige System siegreich zu gestalten. Hierfür ist den Behörden und den Regierungsparteien jedes Wittel recht. Hm die deutschen Wähler, von denen man aus Re­gierungsseite fürchtet, daß sie trotz der blutigen Heberfälle sich nicht einschüchtern lassen werden, ihrer Stimme zu berauben, hat manvon dritter Seite" unter der Anzweiflung der polnischen Staatsangehörigkeit Masseneinsprüche gegen d ie Wahlberechtigung der deutschen Wähler eingelegt. Die Zahl die­ser Einsprüche beträgt allein in den Wahl­bezirken Kattowitz und Königshütte über 25 000. Man ist jetzt von deutscher Seite der geheimnis­vollen ..dritten Seite" auf die Spur gekommen, von der diese Einsprüche fabrikmäßig am lau­

fenden Band hergestellt wurden. Die Einspruch- sabrik ist das Hauptwahlbureau der Regierungspartei. Don hier aus wurden durch Dertrauensleute unter Benutzung des amt­lichen Apparates die als deutsch verdächtigen Wähler ausspioniert, gegen die dann vorgedruckte Reklamationen eingelegt tourben! Die Einsprüche sind bezeichnenderweise von höheren Staatsbeamten unterzeichn et. Weiler beachtenswert ist, daß diele widerrechtlichen Sin- spräche auch nach Ablauf der Einspruchsfrist noch angenommen wurden. Es hairdelt sich hier offen­sichtlich um eine von den Behördenmit allen Mitteln unterstützte Aktion, um die deutschen Wähler zu Tausenden von vornherein von den Wahlen auszu schalten und dadurch denSieg" der Regierungspartei zu sichern.

Die ganzen Wahlen werden allo eine reine Komödie sein. An eine freie Willensäußerung Der Wähler ist unter diesen Hmständen über­haupt nicht zu denken, zumal ja bei den Wahlen selbst alles getan werden wird, um die geheime Wahl zu sabotieren. Man könnte in Anbetracht die'er Komödie über diese Scheinwahlen einfach zur Tagesordnung übergehen, wenn dieses Wahl­komödienspiel nicht gleichzeitig eine deutsche Tragödie wäre, die das harte Ringen um Ober'chlesien einem endgültigen polnischen Siege näheroringen soll. Hnd wir Deutschen mässen schuh- und rechtlos" zusehen.

Ostoberschlesien ist schütz, und rechtlos dem polnischen Terror ausgeliefert.

Don unserem W. ^-Berichterstatter

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Kattowitz, November 1930.

Ostoberschlesien hat schon manche schlimmen Tage erlebt. Aber was sich jetzt hier wieder ab- spielt, übertrifft bei weitem die vorangegangenen und bei allen Wahlen inszenierten Terrorakte. Die jetzige Zeit vor den Wahlenzum Warschauer und Schlesischen Sejm und zum Warschauer Senat, die am 16. und 23. November an zwei aufeinander­folgenden Sonntagen, stattfinden, erinnert mit ihrer Hnruhe und Hnsicherheit, mit bet überaus stark aufgewühlten Dolksstimmung lebhaft an die schwersten Tage der oberschle.ischen Aufstände in der Abstimmung«- und Desatzungsverrode. Wieder regieren heute die Aufstän­dischen Rur stehen sie diesmal unter eige­nem Behördenschutz ihres Ehrenschirm. Herrn, des Woiwoden G r a c z i n s k i, während sie einst die fremde Soldateska unter dem berüch­tigten französischen General LeRond schützte. In ihren Methoden hat sich dagegen nichts geändert. Die Deutschen sind wieder das Freiwild, auf das die Aufständischenmeute sich stürzt.

Mit einerantideutschen" Woche be­gann diese neue Hetzjagd gegen die deutsche Min­derheit. Daß diese Woche nicht nur außenpolitische Propagandaziele zurAbwehr" der Treviranus­reden und zur erneuten Betonung der angeblichen polnischen Rechtsansprüche auf die jetzigen Gren­zen hatte, sondern auch vor allem innenpolitisch als Ablenkungsmanöver von der jetzt sich voll­ziehenden Wandlung des polnischen Staates zum Diktaturfystem der Schärung der Hetze gegen die deutschen Mitbürger galt, ging aus den Reden, die dabei gehalten wurden, klar hervor. Die Erfolge dieser erneuten Hetzpro­paganda sind auch nicht ausgeblieben. Zunächst flirrten die Fensterscheiben in deutschen Zeitungs- geschäftsstellen und Häusern. Aber man begnügte sich nicht mit diesen Scherben. Gewalttätig­keiten gegen Deutsche, die mit Gummi­knüppeln und Schlagring bearbeitet wurden, folg­ten bald in großer Zahl. Cs Hingt wie ein Hohn, wenn der Woiwode Graczinski bei der militäri­schen Schlußveranstaltung, die die Aufständischen am Ende derantideutschen" Woche mit einem großen Nachtmanöver, mit Biwak und Lagerfeuer in Szene setzten, dieeiserne" Disziplin der Auf- ständischen-Derbände rühmte, während in _ den gleichen Nachtstunden eine uniformierte Ausständi- schen-Bande einen blutigen Heberfall auf eine deutsche Gewerlschaftsver ammlung in Nikolai ver­übte.

Sehr interessant ist aber auch die Hebungsauf­gabe, die sich die Aufständischen bei ihrem Kr.egs- spiel stellten. Cs wurde nämlich ein Heber- fall auf Deutschoberschlesien als Aufgabe angenommen. Die Hebungen spielten sich unmittelbar an der neuen ober schlesischen Grenze ab, und zwar in der Nähe der Stadt Hindenburg. Dort konnte man die Scheinwerfer leuchten sehen, die die Aufständi- schen-Beobachtungsposten zu ihrer Hebung ver­wandten. Als HauptangrifsSpunkt hatte man die bei Hindenburg liegenden Delbrückschächte auserwählt, die bereits kurze Zeit zu Polen ge­hört haben, später aber in einer Grenz berichti- gung durch das Gutachten eines Spaniers wieder zu Deutschland geschlagen wurden. Dieser Grenz­punkt ist tatsächlich ganz besonders für polnische Hebergriffe nach Deutschobe.schle/ten geeignet, Da hier Die Grenze völlig offen liegt. Weiter ist hier ein wichtiger Beobachtungsposten für solche Hntemehmungen vorhanden, Da der zu der Grube gehörende Wasserturm ein typi-

Begegnung.

Von i^liza elh Gol-smith.

Berechtigte Hebertragung aus dem Englischen von R. Urban.

Pustend und schnaubend rollte der Zug in den Bahnhof des Städtchens. Sn einem Wagrnabtcil erster Klasse wurde ein Fenster geöffnet unD eine Frau-lehnte sich heraus, als wolle sie nut einem einzigen Blick die bescheidene Szenerie umfassen. Das weinumrankte Stationsgebäude, die langen Reihen von Milchkannen unD Gemüsclörben auf den Rampen, ein Paar Bäuerinnen mit großen Bündeln, einige Bahnbedienstete._ Anne Rogers tat einen tiefen Atemzug und lächelte. Sa, es war noch alles wie vor zwanzig Jahren, oogar die Diener vomAdmiral Nelson und derPost , Den beiden Hotels des Städtchens, Die hd) reit Menschengedenken wütende Konkurrenz machten, standen noch immer herum und tR9rt^.e1}. ,°u' Gäste; die Kappen waren dieselben, die Gesichter Darunter fremd. UnD als Anne R gers denAd- miral Relson" herar.wii k e und h nt.r c e.n ihr Ge­päck tragenden Mann Dem Ausgang zuschritt, war niemand Da, der sie erkannte, obwohl sie einiges Aufsehen erregte. Denn eine so hübsche und un- erhört elegante Dame sah man hier nicht alle

~5)aS Aussehen steigerte sich, als, sie ün son" das gesamte Personal einschließlich Wiy und Wirtin zur Erfüllung ihrer verschiedenen Wunsche in Trab brachte. Wer mochte die anspruchsvolle Dame sein? Auf die Frage des Wirtes, wie lange sie wohl Aufenthalt zu nehmen gedenke, hatte sie geantwortet:Sch weiß es nicht. Viel­leicht fahre ich schon heute abend wieder ab, viel­leicht bleibe ich vier Wochen oder sechs oder gehe überhaupt nicht mehr von hier fort. Sch weiß es nicht!" Endlich war alles geordnet und Anne zog die Gardinen vor den Fenstern zu und streckte sich auf das Sofa, um ein wenig zu ruhen. Setzt erst wie sie so im Halbdunkel vor sich hindam- merte, kam ihr der ganze Wahnsinn ihres Hn= ternehmens zum Bewußtsein. Was würde man bei ihr in der Redaktion, was würden alle ihre Bekannten sagen, wenn sie ahnten, daß sie, Die sachliche Sournalistin, Deren Name - das durfte sie sich wohl zugestehen - einen guten -Klang hatte, ihre ganze Arbeit plötzlich in Stich l^, um mit einer langweiligen Dahn in ein unbe­deutendes Städtchen zu fahren, bloß weil ein junges, dummes Mädchen, einem Mann vor zwan­zig Sahren ein törichtes Versprechen gegeben hatte. Mein Gott, waren sie damals ver­liebt, die achtzehnjährige Anne Rogers und Der

Regierungskrisis in Belgien.

Um die Genter Universität. Rücktritt des Kabinetts Zaspar.

Nun haben die Belgier doch über Nacht auch ihre Ministerkrise bekommen. Sie lag bei den scharfen Gegensätzen innerhalb der Parteien eigentlich schon lange in der Lust. Aber niemand wollte Den letzten Anstoß dazu geben, weil alle Parteien sich vor den Möglichkeiten scheuten, Die entstehen konnten, wenn erst einmal das la­bile Gleichgewicht gestört wurde. Schließlich ist es ein Zufall gewesen, der den Stein ins Rollen brachte, eine Kleinigkeit, die an den eigentlichen Problemen der belgischen Politik vorbeigeht. Nach langem Drängen ist es den Flamen gelungen, daß d i e Genter Hniversität ihnen zugesprochen wurde. Die Wallonen ha­ben darauf geantwortet, daß sie mit eigenen Mitteln eine Privatuniversität eben­falls in Gent errichteten und die Hniver- sitätsprojessoren dazu gewannen, auch in dieser Privatschule Hnterricht zu erteilen. Darüber ha­ben sich die Flamen beschwert, und der Kultus­minister hat den Hniversitätsprofessoren eine solche Doppelbelchäfttgung verboten.

Das ganze war also ein Erfolg der Flamen. Die Brüsseler Liberalen aber unter Führung des sattsam bekannten Bürgermeisters Max haben ihre liberalen Minister desavouiert und Die Aufhebung dieses Verbotes verlangt. Die liberalen Senatsmitglieder haben sich Üjrem Verlangen angeschlossen und die fünf liberalen Minister haben darin eine so starke Desavouierung gesehen, daß sie dem Ministerpräsidenten ihre Demission einreichten, worauf dann sofort auch die sieben katholischen Minister zurücktraten. Eigentlich wäre also die Krise da. Aber eben weit sie um eine Nebenfrage entstanden ist, besteyt durchaus die Möglichkeit, den Bruch noch einmal zu leimen. Der König scheint sich auch nach Der Richtung bemühen zu wollen, inDcm er Den Ka­tholiken unD Den Liberalen gut zureDet, vielleicht Durch einen Personenwechsel zunächst über Den toten Punkt hinwegzukommen unD die Lebensdauer des Kabinetts Saspar dadurch zu verlängern.

Auf die Dauer freilich wird das belgische Pro­blem mit solchen Verlegenheitsmitteln nicht zu

lösen fein. Die große Auseinandersetzung zwischen Flamen und Wallonen hat begonnen und kann erst zur Ruhe kommen, wenn die Flamen zu ihrem Recht gekommen sind. Eigentlich ist es doch etwas Hngeheuerliches, daß Die Fla­men Die Dolksmehrheit von Belgien bil­den, daß aber trotzdem die Wallonen sich bis zum Beginn dieses Sahrhunderts als Herrenvolk betrachteten und Die ganze Verwaltung des Lan­des romanisch aufgezogen wurde. Erst kurz vor dem Kriege begann der Gegenstoß, der inzwischen immer stärker geworden ist und nicht bcenDet sein wird, bis die Flamen sich Die volle Gleich­berechtigung auf allen Gebieten erkämpft haben. Ob er Dann zu EnDe ist, wer will Das heute entscheiden? Vielleicht wird die Schicksals­frage, ob dieser Staat Belgien in seiner Mischung aus Flamen und Wallonen auf die Dauer über­haupt lebensfähig ist, doch noch einmal gestellt werdem

Die Möglichkeit von Neuwahl n

Tie Lprachcnsrage der Kent der Krisis.

Brüssel, 11. Nov. (TH.) Die BrüsselerAbend- blätter weisen übereinstimmend Darauf hin, daß Die Regierungskrise unter den heutigen Hmstän­den sehr ernst ist und drücken Die Hoffnung aus. daß sie bald gelöst werden wird. Sn politischen und parlamentarischen Kreisen nimmt man an, daß dieKoalition der Katholiken und Liberalen bestehen bleiben la.m, wenn im Ministerum einige Personalveränd^- rungen vorgenommen werden. Sn flämischen Kreisen ist man eher skeptisch und glaubt, daß die Sprachenfrage eine Einigung der Katholiken und Liberalen verhindern wird. Man rechnet in flämischen Kreisen sogar mit einer Auflö­sung der Kammer und Neuwahlen. Aber vorerst hat Der König Den Premierminister Saspar ersucht, Die Demission des Kabinetts zurück zunehmen. Saspar bat um einen Tag Bedenkzeit, womit der König sich einverstanden erklärte.

sches Beispiel für Den Wahnsinn Der ganzen Grenzziehung auf polnischem Gebiet liegt!

Dieses AufstänDischen-Nachttnanöver wurde na­türlich, wie Der Woiwode Graczinski bei sei­ner Kritik feststellte, mit einem glänzeirden Siege Der Aufständischen über Die angenommenenDeut- fdjen Truppen abgeschlossen. Man ist also auf polnischer Seite für Den Ernstfall wohl vorbereitet. Hnd ein solcher Ernstfall kann an der schutzlosen, oberschlesischen Grenze sehr schnell mal eintreten. Sn Dem Dankappeil, Der uach dieser Hebung an die Aufständischen für ihre guten Leistungen erlaßen wurde, heißt es ja auch mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit:Wir Aufständischen wollen aus unseren Lorbeeren nicht ausruhen!"

Snnerhalb der weiß-roten Grerrzpfähle bedarf es allerdings dieses besonderen Appells an die Aufständischen nicht. Denn hier tun sie, was sie können. An die Nachtmanöver und die theorett- schen Hebungen schloß sich eine neue Kette von Heberfällen auf Deutsche an. Snsbesondere ist es hier wieder das flache Land, das am meisten unter dem blutigen Aufständischen-Regiment zu leiden hat. Deutschsprechende werden auf offener Straße geohrfeigt. Besonders schlimme Gewalt­taten ereigneten sich in Siemianowitz, in Loslau und Nikolai und Sohrau. Hier wurden nach einer Stadtverordnetenver ammlung vier deutsche Stadtverordnete in unmittelbarer Nähe einer Polizeiwache mit Knüppeln z u Boden geschlagen. Ein deutscher Zeitungsverleger wurde dabei schwer verletzt. Die Polizei sah hier, wie sie das auch sonst tut, dem Treiben der Aus- ständischen ruhig zu. Aber auch eine weitere Ver­folgung der Täter findet nicht statt, denn selbst, wenn von deutscher Seite genaue Angaben über die Täter gemacht werden, kann sie die polnische Polizei angeblich niemals ermitteln...

Sn Den Wahlver ammhingen Der Regierungs­partei, an Denen stets hohe Staatsbeamte tell- nehrnen, wird ja auch ohne Widerspruch dazu aufgefordert, Die Deutschen zu hauen und zu schlagen, Denn Dafür gäbe es keine Bestra­fung, dies sei vielmehr echt vaterländisch gehan­delt. Weiter verlautet, daß es von Den Behörden für besonderstüchtige" Aufständische Prügel- Prämien gibt.

Aus deutscher Seite rechnete man schon vorher mit diesem neuen Terror. Eine Deutsche Delega­tton sprach daher bereits zu Beginn Deranti- Deutschen" Woche bei Dem WoiwoDen vor und erbat besondere Schutzmaßnahmen für die deutsche Minderheit, die der Woiwode aber mit allgemeinen Beruhigungen a l s un­nötig ablehnte. Als Dann Die Heberfälle begannen, begaben sich nochmals Deutsche Ab­geordnete zum Woiwoden. Dieser weigerte sich aber, die Deutsche Abordnung zu empfangen und verwies sie auf den Weg Der schriftlichen Be­schwerde. Zu gleicher Zeit, Da Die Deutschen im Vorzimmer abgewiesen wurden, toeLLe beim Woi­woden in seinem Amtszimmer eine Aufstän - dischen-Vertretung, anscheinend um die weiteren Kampfmaßnahmen gegen das Deutsch­tum zu besprechen. Von der Derttetung Der deut­schen Minderheit wurde deshalb sofort eine tele­graphische Beschwerde an Den polnischen Snnen- minister gerichtet. Aus diesem Telegramm ist nur der eine Sah festzuhalten:Die deutsche Be- Dölferung ist schuh- und rechtlos de..l Terror ausgeliefert". Diese kurze Fest­stellung charakterisiert überaus treffend Die ganze gegenwärtige Lage in Ostoberschlesien. Das Tele­gramm ist, wie nicht anders zu erwarten stand, unbeantwortet geblieben. Snzwischen geht

sechs Sabre ältere Frank Harrison. Aber es war I eine schöne Zeit und wenn Anne ganz ehrlich sein wellte, so geschah es zuweilen, daß sie das kleine Mädchen von damals beneidete.

Eines Tages tarn dann der Abschied. Vater, der Arzt im Städtchen war, starb, und Anne ging in Die Welt, um sich ihr Brot zu verdienen. Frank Harrison, der mit seiner Mutter zusammen ein kleines Gut bewirtschaftete, konnte sie nicht zurück­halten, er war ebenso arm wie sie. Hnd an Dem Tag vor Annes Abreise, als sie Hand in Hand noch einmal auf ihrem Lieblingsplähchen sahen einem Felsen in den Hügeln, von dem aus man das Städtchen vor sich hingebreitet sehen konnte, gelobten sie einander in Heberschwang, wenn sie das Leben auch ganz voneinander ent­fernen sollte, sich nach zwanzig Sahren hier zu derselben Stunde noch einmal zu treffen.

Anne wollte Wort halten, so lächerlich es eigentlich war. Sie wußte nicht einmal, ob Frank noch lebte. Zuerst hatte man sich geschrieben, aber mit Den Sahren waren die Nachrichten immer spärlicher geworden und hatten endlich aufgehört. Aber Der heutige Gang zu Den Felsen sollte doch getan werden, wie eine Wallfahrt zu Den Stätten Der SugcnD ganz heimlich. Damit niemand dar­über lachen konnte und Dann Schluß mit allen Sentimentalitäten. Sie paßten nicht zum Stil Anne Rogers.

Frank Harrison war heute nervös, ein Zustand, Der sich für einen LanDwirt nicht ziemt. Des Morgens hatte er schon einen Streit mit seiner Frau Dom Zaun gebrochen, sie schien ihm heute zu blond unD sanftmütig und ihre sorgende Aufmerk­samkeit ging ihm auf Die Nerven. Dann gab s Aerger mit Den Kindern und schließlich hatte er einen Knecht entlassen. Schuld an gllem war nur das Datum. Seit gestern kämpfte er mit sich, ob er wirklich so albern fein sollte, $u jenem Platz hinaufzusteigen, wo er vor zwanzig Sahren von einem jungen Mädchen Abschied genommen hatte. Sc weiter die Stunden oorrüdten, desto unruhiger wurde er, bis er endlich doch Den Hut nahm unD sich auf Den Weg machte.

Was wohl aus seiner kleinen Anne geworden war? Hnfirm, zu jenem Felsen zu gehen aber cs tat doch gut, nach Sahren wieder einmal zu träumen. Wie jung und unglaublich glücklich er damals gewesen war. Ob auch sie kommen würde? Frank Harrison lächelte: der Gedanke war zu absurd.

Bei der letzten Megbiegung zögerte er einen Augenblick, gleich würde er Den Platz feben unD dieser würde einsam sein wie immer. Er schritt I weiter und da sein Herzschlag stockte auf I Dem Felsen sah eine grauengeftält, das Gesicht

Dem Tal zugewendet. Sie war's, Anne, so rank und schlank wie er sie in Der Erinnevu.rg hatte, nur noch viel hübscher.

Anne, von Schritten aufgestört, wandte den Kopf und sprang auf. Vor ihr stand ein Mann. War das Frank Harrison? Nein, nicht die kor­pulente Gestalt ansehen, Den unmöglichen Anzug, die schreckliche Krawatte, die roten Hände nur die Stirn, das wellige Haar und die fxauen Augen waren noch Die gleichen von Damals. Hnd als Anne in diese Augen sah, sand sie auch Worte: Frank Harrison, bist du doch gekommen?" Er konnte nicht antworten, er drückte ihr nur stumm die Hand. Dann saßen sie wieder nebeneinander auf dem Felsen und blickten auf das Städtchen wie vor zwanzig Sahren.

Nachdem die erste Verlegenheit überwunden war, begannen sie zu sprechen. Frank erzählte von seiner Frau, feinen Kindern, seinem Gut und wie es ihm nach und nach gelungen sei, seinen Besitz zu mehren, so daß er heute ein wohlhabender Mann genannt werden könne... merkwürdig, je länger er sprach, desto fremder wurde er Anne Rogers. Cs schmerzte nicht einmal, als sie erfuhr, daß er geheiratet hatte. Hnbewuht trat ein hoch­mütiger Zug in ihr Gesicht. War es wirklich sie selbst gewesen, die viele Stunden ihrer kostbaren Zeit geopfert hatte, um die belanglosen Schicksale eines belanglosen Menschen zu erfahren?

Während Frank Harrison plauderte und seiner SugenDfreunbin voll ins Gesicht sah, bemerkte auch er allerlei. Sie war gar nicht mehr so jung, wie man es auf den ersten Blick glaubte. Das unbarm­herzige Sonnenlicht zeigte die seine Puderschicht auf ihren Wangen, auch die Brauen waren nnch- gezogen und das Rot Der Lippen war ein wenig zu intensiv, um echt zu fein; er moch.e Hergerich­te te Frauen nicht leiden. Auch hatte sie ein Art, Die Augenbrauen spöttisch zu ziehen, die ihm nicht besagte. Heberhaupt schien Anne sehr selbstherr­lich geworden zu sein, das war nicht sein Fall, da war ihm der sanfte Typ seiner Frau schon lieber, man fühlte sich behaglicher dabei.

So kam eS, daß das Gespräch versickerte und sie stumm nebeneinander saßen. Anne machte Der un­erträglichen Stimmung ein Ende. Sie stand auf und schickte sich zum Gehen an. Frank Harrison bot ihr seine Begleitung an. Sie lehnte ab:Nein, Frank, ich finde meinen Weg allein. Es war töricht von uns, Vergangenheit lebendig machen zu wol­len. Lebe wohl. Sch glaube, wir werden uns heute in zwanzig Sahren nicht noch einmal hier treffen, obwohl wir uns Dann vielleicht toieDer näher wä­ren." Festen raschen Schrtttes ging Anne.

Auch Frank Harrison kehrte in Gedanken heim. Bevor er sein Haus betrat, ging er in den ©arten

und schnitt drei tiefdunlle Rosen von einem Stocke. Dann suchte er seine Frau und gab ihr die Rosen und küßte ihr die Hand. Sie war überrascht das war während ihrer fünfzehnjährigen Ehe noch nicht vorgekommen. Was ein Wann doch manch­mal für wunderliche Launen hatte.

An diesem Abend dach en zwei Menschen genau das'elbe, der Mann, der im Kreise seiner Fa­milie seine Pfeife rauchte, und die Frau, die im Schnellzug nun toieoer der großen Stadt zuraste: Wie gütig ist das Schicksal, daß es unseren Su- genbträumen keine Erfüllung schenkt.

Oer vergnügte Tonfilm.

Ein amerikanischer Tonfilm, ein schweres, ttauriges Drama, wurde neu ich in London auf­geführt, aber er hatte nicht den Erso g, den man sich wünschte. Der Erfolg war groß, aber es wurde ein Lachersolg, und das ist nicht das Richtige für ein Trauerspiel. Die Synchronisie­rung paßte nämlich nicht genau, und so kam es, daß man Pserdegctrappel horte, wenn jemand ein Wasserglas auf den Tisch setzte, oder daß die Hühner gackerten, wenn einer Die Tür zuschlug. Als schließlich ein mit Orden besäter Oberst feinem Pferd liebkosend den Hals streichelte und sagteSei ruh'g, Lieb'ing! Sch habe die Briefe alle verbrannt!", Da gab s kttn Halten mehr. Die Leute tobten vor Dergnügm; aber als man den Film absehen wollte. Droteftiorten sie, denn einen solchen Genuß wollte sich niemand entgehen lassen, und einige Der Zuschauer behaupteten später, sie hätten sich für lange Zeit mal w'^er gesund gelacht.

Hochschulnackrichien.

Zur Wiederbesehung des durch das Ab­leben von Ernst Troeltsch an der Hniversität Berlin erledigten Lehrstuhles der Philosophie ist ein Rus an Professor Dr. Nicolai Hart­mann in Köln ergangen. Pros. Hartmann, der durch feine zahlreichen Publikationen auf Dem Gebiete Der Erkenntnistheorie, Ethik unD Onto­logie bdanntgetoorDene Philosoph ist 1582 in Riga geboren, studierte in Petersburg und Mar­burg unter H. Cohen und P. Natorp und habili- tierte sich 1909 in Warburg. 1917 erhielt Hart­mann das Prädikat Professor, drei Sahre später die Ernennung zum persönlichen Ordinarius in der Marburger philosophischen Fakultät als Nach­folger von Max Wundt und 1922 zum etatmäßi­gen Ordinarius daselbst als Nachfolger von Paul Natorp. 1925 erfolgte seine Berufung zum Ordi­narius der Philosophie in Köln.