Nr. 162 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Montag, U. Juli 1950
Oberheffen.
Stiftungsfest des Gesangvereins „Srofyfinn* * zu Langgöns.
•r Lang-Göns, 14.3ulL Dor 75 Jahren wurde in Lang-Göns der erste Gesangverein auf Anregung von Lehrer Kolb und Bürgermeister Henrich unter dem Damen „Lang- Gönser Singverein" gegründet. Der erste Präsident war 3vh. B e r g k, der erste Dirigent Lehrer Kolb. Der Verein trat dem damals bestehenden Wetterauer Sängerbund bei. Später wurde der Dereiirsname abgeändert in Gesangverein „Frohsinn". Erst 1903, als Lehrer Schwinn den Dirigentenstab übernahm, begann der eigentliche Aufstieg des Vereins. Vach anfänglichen Misterfolgen konnte er doch schon 1903 in Ober-Mörlen bei dem Gesangswettstreit einen zweiten Preis erring en. 3n den folgenden 3ahren errang der Verein auf Wettsingen zahlreiche erste und Ehrenpreise. 1920 legte Lehrer Schwinn aus Gesundheitsrücksichten die Leitung nieder. An seine Stelle trat Dirigent Wilhelm Müller bis 1923. Don diesem 3ahre an übernahm Oberreallehrer Blast, Grohen-Linden, den Verein. Auch nach dem Kriege beteiligte sich der Gesangverein „Frohsinn" an Gesangswettstreiten und konnte wiederum viele hohe Preise nach Hause bringen, so 1926 in Schaafheim, wo er den ersten Klassenpreis, den ersten Ehrenpreis und den Hauptehrenpreis errang. Der Gesangverein „Frohsinn" ist Mitglied des Deutschen, Hessischen und Lahn- tal-Dängerbundes.
Die Festlichkeiten wurden am Samstagabend eingeleitet mit der Ehrung der 17 gefallenen Sangesbrüder an unserem Kriegerdenkmal. Mit Chorgesang und einer kurzen Ansprache des hiesigen Pfarrers schloß die schlichte Feier. Ein Fackelzug durchzog unser Dorf, dann begann in der Turnhalle der F e st k o m m e r s. Karl Faber, der erste Vorsitzende des Vereins, begrüstte in herzlichen Worten alle Erschienenen. Die musikalischen Darbietungen an diesem Abend, wie überhaupt auf dem Fest, wurden ausgeführt von dem Bund ehemaliger Militärmusiler Gießen (Kapelle Topp), unter Leitung von Wilhelm Müller, Lang-Göns. Vach einem machtvollen Begrüstungschor mit Orchesterbegleitung „Die Ehre Gottes an die Vatur", sprach Fräulein Wagner den Prolog. Es folgten Chöre der Gastvereine, Freiübungen der Frauengruppe des Tv. Lang-Göns, sowie Vorführungen am Deck durch hiesige Turner. 3m Vamen und Auftrag des Lahntalsängerbundes hielt der zweite Vvr- sitzendes dieses Bundes, Herr V u d i g e r , Wetzlar. eine kurze Vede über die Bedeutung des deutschen Liedes und seine Pflege durch die Männergesangvereine. Anschließend wurden die Ehrenmitglieder des Gesangvereins „Frohsinn", die 50 und mehr 3ahre dem Verein angehören, durch eine Ansprache besonders geehrt. Es sind dies: 3oh. Karl Rompf, 3oh. Kd. Brückel, Konrac» Rudolph, 3oh. Ant. Wenzel, 3oh. Ant. Müller, Hch. Karl Müller, Konrad Anton Müller, 3oh. Karl Weil, Konrad Müller III. 3m Vamen der Geehrten dankte 3oh. K. Weil. — Von verschiedenen Gastvereinen wurden Glückwünsche und Gaben überreicht: besonderen Beifall fand die Ansprache des Vorsitzenden des Vereins „Rheingold", Frei- Weinheim, der darauf hinwies, daß sie nun aus dem freien Rheinhessen zu ihren Sangessreunden kommen könnten. Die Versammlung sang das Deutschlandlied. 3m Vamen des Staatspräsidenten überreichte Bürgermeister Rompf, Lang-Göns, dem 3ubelverein ein großes Bild von Beethoven, zugleich übermittelte er die Glückwünsche der Regierung und der Gemeinde Lang- Göns.
Stirnen, Sport und Spiel.
Meisterschaftskämpfe 6er Schwimmer in Frankfurt
Lchane Erfolge für ttietzcn.
Die Gau-Meisterschaften des Gaues 1 (Frankfurt a. M), die am Sonntag im Frankfurter Stadion ausgetragen tourben, waren ein voller Erfolg. Eine Massenbeteiligung von rund 500 Schwimmern und Schwimmerinnen brachten in allen Reimen eine ausgezeichnete Besetzung. Durch die Punktwertung gab es überaus scharfe Kämpfe um alle Plätze. Die Kämpfe selbst brachten in der I. K l a s s e wiederum den Sieg des Ersten Frankfurter SC. mit 878 Punkten vor 3ungdeutschland Darmstadt mit 858,5, Offenbach 96 854,5 und Moe aus Offenbach mit 851 Punkten. Dabei ist zu berücksichtigen, daß Darmstadt ohne seine besten Leute, Berges und Schwartz, an treten muhte. 3n der II. Klasse gab es bedeutende Kräfteverschiebung. Hier blieb der S. D. Giehen überlegener Sieger vor Rotweih Darmstadt und Viederrad. Durch Abwanderungen guter Schwimmer wurde der vorjährige Sieger, der Erste Frankfurter SC. nur Vierter. 3n der III. Klasse gab es keine Punktwertung. Als beste Vereine erwiesen sich Marburg und Aschaffenburg. Bei den Damen schnitt 3ungdeutschland Darmstadt am erfolgreichsten ab. Die wichtigsten Ergebnisse waren:
400 Meter Freistil: Klasse I: 1. Wolf, 3ungdeutschland Darmstadt, 5:41; Klasse II: 1. Zimmer, Gießen, 6:09.
100 Meter Freistil: Klasse I: 1. Maus, Moenus Offenbach, 1:06,5; Klaffe II: 1. Selb, SD. Frankfurt, 1: 09,8.
100 Meter Rücken: Klasse I: 1. Meier, 1. Frankfurter SC., 1:23,1; Klosse II: 1. Schaum, Gießen, 1: 26,8.
200 Meter Brust: Klasse 1: 1. Endres, 1. Frankfurter SC., 3:09,6; Klasse II: 1. Honst, Rotweih Darmstadt, 3:29,0.
3X200 Meter Freistil: Klasse I: 1. Moenus Offenbach 8:11,4; Klasse II: 1. Rotweih Darmstadt 8:24,6.
Gesamt-Punktwertung: Klasse I: 1. Erster Frankfurter SC. 878 Punkte; 2. 3ung- deutschlond Darmstadt 858,5 Punkte; 3. SV. Offenbach 96 854,5 Punkte; 4. Moenus Offenbach 851 Punkte. Klasse II: 1. (Siebener SV. 430,5 Punkte; 2. Roiweiß Darmstadt 420,5 Punkte; 3. Viederrad 04 408 Punkte. Kunstspringen: 1. Engel, Wetzlar, 62,12 Punkte; 2. Schwindt, 1. FSC., 61,08 Punkte. Damen: 2 0 0 Meter
Brustschwimmen: 1. Schellhaas. Rotweih Darmstadt, 3:37,8. 100 Meter Rücken: 1. Dvndran, Offenbach 96, 1:48,6. 100 Meter Frei, stil: 1. Osann, 3ungdeutschland Darmstadt, 1:29,3. 3X100 Meter Lagenstaffel: 1. 3ung- deutschland Darmstadt 4:59,3 Min.
34. Mittelrheinisches Kreisturnfest.
Vach monatelanger Vorbereitung wird in Hanau mit dem Aufbau dieser großen Veranstaltung begonnen. Die Herrichtung des herrlich gelegenen Wiesenplanes im Vorort Wil- helmsbad wird mit einem Kostenaufwand von etwa 50 000 Mk. durchgeführt. Dadurch wird ein vorbildliches Festgelände geschaffen, das allen Erfordernissen entspricht. Bereits die ersten Meldungen für Geräteturnen und Mehrkämpfe haben die Beteiligungszahlen des letzten Kreisturn- festes 1927 in Darmstadt weit überschritten, indem 2500 Wettkämpfer gemeldet wurden, wozu jetzt noch die Dolksturner, Fechter, Schwimmer, Spieler und Riegenturner kommen. Eine genau ausgearbeitete Festsolge läßt nach örtlichen Vorfeiern (vom 26. bis 28.3uli findet das Gauturnfest statt) die Eröffnungsfeier am 31.3uli und die Wettkämpfe am 1. August beginnen. Hierbei dürften hochstehende Leistungen erwartet werden, da die besten Kräfte des Kreises gemeldet haben. Die jeweiligen Festabende sind mit vorzüglichen Darbietungen ausgefüllt; der Glanzpunkt wird der 3. August sein, der morgens einen Festzug mit etwa 20 000 Teilnehmern und mittags große Massendarbietungen bringen wird. 3n Anbetracht der wirtschaftlichen Verhältnisse hat man auch in Hanau für billige Unterkunft und Verpflegung Sorge getragen.
DT.-Meister gegen OSB.-Meister.
Am 20. 3uli kommt es in Ludwigshafen au einem Handballgroßkampf zwischen dem DT.- Meister TV. Friesenheim und dem DSB.- Meister Polizeisportverein Berlin. Dieses Spiel wird das größte 3nteresse auch außerhalb Eüddeutschlands finden.
Wasserball - Länderkampf.
Belgien schlägt Deutschland mit 2:1.
Vach dem glänzenden 5:2-Sieg am Vorsonntag gegen Frankreich mußte jetzt die deutsche Wasser- ball-Sieben gegen Belgien in Antwerpen eine 2:1-Viederlage e i n ste cke n. Die Deutschen, die ersatzgeschwächt antraten, konnten bis zur Pause den Kampf mit 1:1 noch unentschieden halten, mußten dann aber den Siegestreffer der Belgier passieren lassen.
Am Sonntagmorgen begann das We11sin - gen, an dem sich 20 Vereine beteiligten. Mittags bewegte sich ein großer Festzug, an dem etwa 50 Vereine teilnahmen, durch das Dorf. Die Festrede hielt der zweite Vorsitzende des Vereins „Frohsinn", Wilhelm Euler. Er forderte die Sänger auf, auch weiterhin das deutsche Lied zu pflegen. Ein Prolog, gesprochen von Frl. Erika Euler, folgte. Dann wurden von den Gastvereinen, die an dem Wettstreit nicht teil* genommen hatten, verschiedene Chöre vorgetragen. Auf dem Festplah entwickelte sich ein lebhaftes Treiben. Abends wurden die Ergebnisse des Wettsingens bekanntgegeben:
^-Klasse 1: Cacilia, Lich, 308 Punkte im Klassensingcn, 2. Preis, Hauptehrenpreis, Dirigentenpreis (Dirigent: 31ge). Sängerkranz Watzenborn, 308 P., 1. Pr., 2. Dirig.-Pr. (H. Müller). Eintracht Angersbach, 303 P., 3. Pr.
Klasse 2: Eintracht Münster bei Dieburg, 307 P., 1. Pr., Ehrenpr., Hauptehrenpr. Dir.-Pr. (K. Grim). Männergesangverein Mensfelden, 305 P., 2. Pr.
Klasse 3: Frohsinn Oberau, 286 P., 2. Pr. Frohsinn Lengfeld, 305 P., 1. Pr.
ö-Klasse 1: Sängerkreis Landenhausen, 301 P., 5. Pr. Männergesanaverein Klein-Altenstät- ten, 315 P., 4. P., 2. Ehrenpr. Eintracht Leihgestern, 322 P., 1. Pr., 2. Ehrenpr., Hauptehrenpr., 2. Dir.-Pr. (H. Dauth). Sängerkranz Großen-Buseck, 315 P., 3. Pr., Ehrenpr., Dirig.- Pr. (K. Vicolai). Sängervereinigung Schaafheim, 317 P.» 2. Pr., Ehrenpr., 2. Dirig.-Pr. (H. Oppermann).
Klasse 2: Heiterkeit Annerod, 291 P., 2. Pr., 1. Hauptehrenprcis, 2. Hauptehrenpr., 2. Dir.- Pr. (Ph. Groh). Lahntal Dorlar, 286 P., 4. Pr. Männergesangverein Fronhausen a. d. Lahn, 290
P.. 3. Pr. Liederkranz Roth a. d. Lahn, 2S4 P., 5. Pr. Liederkranz Kirch-Göns. 297 P., 1. Pr^ Ehrenpr., Hauptehrenpr., 1. Dirig.-Pr., (W. Schüler).
Klasse 3: Liederkranz Groß-Rechtenbach, 262 P., 3. Pr. Rheingold Freiweinheim, 282 P., 1. Pr. Germania Waldhausen, 272 P., 2. Pr., Ehrenpreis.
Von einem geborenen Lang-Gönser, Herrn Schaub, der aus Amerika gekommen war, waren zwei Amerika-Preise gestiftet worden. Sie fielen auf Cacilia. Lich (Los. weil gleiche Punktzahl mit Eintracht Münster) und Eintracht Leihgestern. — Am Montag findet, verbunden mit dem Gesangsfest, die „Kirmes" von Lang-GönS statt.
Landkreis (Yictzcn.
X K l e i n - L i n d e n , 13. Juli. Auch in unserer Gemeinde wurde die Erheb ung oeS Kir- chennotgcldes für das Jahr 1929 durchgeführt. wie durch die zuständige Behörde genehmigt ist. Es ist festzustellen, dah für diese Rot- maßnahme der Kirchenregierung in hiesiger Gemeinde Verständnis besieht, so daß die Ablieferung an die Landeskirchenkasse in Darmstadt erfolgen konnte. Da weder durch die Veranlagung noch durch die Erhebung des Votgeldes Kosten entstanden find, ergab die Summe der abgelicfcr- ten Betrage 174,10 Mark. — Der hiesige Frauenverein hat für nächsten Sonntag einen gemeinsamen Ausflug nach Marburg in Aussicht genommen. — Am 27. 3uli beabsichtigt die hiesige evangelische Gemeinde ihr 3ahresfest zu begehen, bei welchem Pvsaunenchöre mitwirken werden.
# Klein-Linden, 14. Juli. Dem hiesigen Männergesa na verein Eintracht wurde bei dem gestrigen Wettsingen in Büdingen der erste Preis, sowie Ehrenpreis, höchster Ehrenpreis und Dirigentenpreis in der 1. Landklasse zuerkannt. Im vorigen Jahre beteiligte sich der Verein an dem Gesangswettstreit in Nidda und errang dort in bei 2. Landklasse den 1. Preis sowie Ehren- und Dirigentenpreis. Der Verein steht unter der Leitung bet Dirigenten Heinrich Köhler von Großen-Linben.
Kreis Büdingen.
A Vidda, 13. Juli. Oberjustizinspektor i. R. Geiger, hier, hat aus Gesundheiisrüclsichten den Vorsitz i m Ha ssiabezirk Vidda niedergelegt. Viele Zähre hat er mit Eifer und Hingabe diesen Posten bekleidet; deshalb erfreut er sich auch in allen Vereinen deS Bezirkes großer Verehrung und Wertschätzung. Zu seinem Vachsolger ist Dankvorstand Hermann S e u m , hier, gewählt worden, der feitfcr Vorsitzender des BrzirkskriegerVereins Vidda war. Dessen Vorstand hat nun Zollsekretär Helfrich, hier, mit der Leitung des Vereins betraut, bis bei der nächsten Hauptversammlung die Neuwahl des Vorsitzenden erfolgt ist. — 3m August findet hier das diesjährige Bezirkskriegerfest statt.
wg. Stockheim , 13. 3uli. Kürzlich sand hier eine Dertveterversammlung der im Kirchen- verband Büdingen - Vidda - Schotten zusammengeschlossenen evangelischen Kirchengesangvereine statt. Vach Erstattung des 3ahres- und Rechnungsberichtes wurde beschlossen, die diesjährige Zusammenkunft des Verbandes in Wenings abzuhalten. Sie soll am 21. September stattfinden und sieht vor einen Festgottesdienst unter Mitwirkung eines aus den teilnehmenden Kirchengesangvereinen gebildeten Massenchors, der zwei Pflichtchöre vortragen wird, und eine Vach Versammlung mit Ansprachen und Darbietungen von geistlichen und weltlichen Gesängen der Kirchcnchöre. — Die Leitung des Verbundes hat nach dem Wegzug des langjährigen verdienstvollen Vorsitzende Pfarrer Bock (Ober-
Oie Sünde
der Senate Mercandin.
Roman von Fred Tlelius.
19 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Sonderbar... durchzuckte es Renate. Erst setzt er sich hin und dann erlaubt er mir, dah ich mich sehe. 3hre Vasenflügel fingen leicht zu beben an.
„Sie haben einen furchtbaren Verlust erlitten, meine gnädige Frau."
Renate neigte den Kopf.
„3eder, der den Toten und Sie selbst kennt, muh durch dieses Unglück 3hres Hauses tief erschüttert werden. Es handelt sich um einen Vorfall von so unerhörter Tragik, dah man nur daS eine wünschen kann: den wahren Täter bald der wohlverdienten Strafe zuzuführen. Unb — verlassen Sie sich darauf: dies soll geschehen."
Renate fror. Schauer liefen von ihren Schulterblättern durch den schlanken Leib. Sie knöpfte sinnlos an den Handschuhen.
„Dies vorweg." Piloty beugte sich nach vorn und blätterte in einem Aktenstück. „Unb nun gestatten Sie, bie Einzelheiten jenes Unglücks- abends noch einmal mit 3hnen durchzugehen. 3ch werde danach ein paar Fragen an Sie richten müssen."
Renate schwieg.
„3hr Gatte ist am Mittwochabend um halb sieben tot in seinem Zimmer aufgefunden worden. Die Beamten wurden telephonisch durch den Diener in 3hr Haus gerufen. Dort empfing sie Doktor Griebenow. Dieser erklärte, dah er selbst der Täter sei und Ihren Mann erschossen habe."
Renate hob den Kopf. Sie bemühte sich, ein pichen ihrer Anteilnahme kundzugeben, zuckte aber nur mit der Schulter.
„Griebenow ist noch am gleichen Tag in Untersuchungshaft genommen worden. Er ist bereits verhört. Er behauptet, dah er mit dem Glockenschlag sechs die Villa Mercandin betreten habe, um dort dem Professor seinen Dienstver- h-ag_ iu fünbigen. Er hätte warten müssen. Das Geräusch von Stimmen sei zu ihm gedrungen... ein Frauenschrei. Darauf wäre er ins Arbeitszimmer von Mercandin gelaufen. Wurde Zeuge, wie 3hr Mann Sie schlug. Er sei ihm in den Arm gefallen. Der Professor habe ihn gewürgt. Darauf hätte Griebenow den Browning aus der Anzugtasche gezogen und geschossen... sinn- und planlos. Das ist Lüge."
Renate hob den Kops. Dann nickte sie. Es schien, als ob sie selbst nicht wisse, was sie tue.
„Der berühmte ritterliche Einsatz für die Dame seines Herzens! Schön. Aber die Romanze glaubt
kein Mensch. Sie erledigt sich ganz einfach durch den ärztlichen Befund. Der Schuh auf Ihren Gatten ist aus etwa sieben Schritt Entfernung und nicht aus der Vähe abgegeben worden."
Piloty sah Renate ins Gesicht. Deren kalte und gequälte Züge waren jetzt gespannt. Irgend etwas in dem Ausdruck und dem Ton der Worte machte sie erbeben.
„Es gehört zu meinen Pflichten, die Vachfor- fchungen so zu führen, dah sie ihren Zweck erreichen. Ich muh mich daher natürlich auch mit Dingen auseinandersehen, die Sie selbst sowie das Wesen Ihrer Che berühren. Hm dies gleich vorwegzunehmen — Ihre Ehe war nicht glücklich."
Renate hob die Hand und lieh sie wieder fallen. Gequält und resigniert schloh sie die Augen, ohne Piloty zu antworten.
„Vein, sie war es nicht. Im Gegenteil... es sind in letzter Zeit... in den letzten Tagen Dinge vorgekommen, die ihr Fundament stark erschüttern muhten. Ich muh — so peinlich mir das ist — auf Ihr Leben ausführlich eingehen. Dies erscheint brutal. Trotzdein ruht auf mir die richterliche Pflicht, der harte Zwang, die Fäden zu entwirren. die sich zu der Tat verdichtet haben. Jede andere Rücksicht tritt davor zurück. Run gut. Ich sagte vorhin, Ihre Ehe war nicht glücklich. Aber damit nicht genug. Ich füge jetzt hinzu: Diese Ehe ist in letzter Zeit durch Sie gebrochen worden."
Renate hatte das Empfinden eines unerträglich wehen Eingriffs. Ihre Stirnhaut spannte sich, als wollte sie zerspringen. Stille klaffte für Sekunden. Dann sagte Piloty: „Sie haben sich mit Doktor Griebenow in Brückenberg getroffen. Das war — warten Sie — am Dienstag. An dem gleichen Morgen war Ihr (Satte nach Berlin gefahren. Auch Griebenow ist Dienstagabend wieder dort erwartet worden. Er wuhte dies. Er blieb trotzdem in Brückenberg. Vachmittags fuhren Sie und er nach Schmiedeberg. Dann am späten Abend--"
Renate krallte ihre Vägel in den harten Stuhl. Ihr Atem flog. Sie wollte sich erheben, richtete sich auf und sank zurück.
..Ich begreife, was in Ihrer Seele vorgeht, meine gnädige grau. Cs ist entsetzlich peinlich, solche Einzelheiten — sagen wir: das letzte Reservat des Frauenherzens — durch den rohen Zugriff der Iustizmaschine enthüllt und entweiht zu sehen. Aber die Justiz ist eine unerbittliche Maschine. Wen sie unter ihre Räder nimmt, der wird zermalmt. Wir haben nur zu prüfen, ob der Preis des Lohnes wert ist: auf der einen Seite rücksichtslose Wahrheit, vielleicht auch die Entweihung heiligster Gefühle, auf der andern Seite aber die Wahrscheinlichkeit, den Weg zu finden, der in gerader Qinie auf die Lösung des Verbrechens zuführt."
Er sah sie an, triumphierend wie ein Mörder, dessen Opfer langsam stirbt.
„Am Dienstagabend also fuhren Sie mit Doktor Griebenow von Schmiedebcrg zurück. Aber nicht nach Brückenberg. Sie blieben vielmehr in dem Dorfe Steinseiffen und nahmen dort ein Zimmer für die Rächt. In dem gleichen Gasthof ist auch Doktor Griebenow die Rächt verblieben. Es ist anzunehmen — —"
Renate fühlte eine Welle Haß und Hochmut gegen diesen Mann, aber sie bezwang sich mühsam. Rur die Lippenwinkel bogen sich nach unten.
„Es ist anzunehmen, daß die Rächt zum Mittwoch in dem Streit mit Ihrem Manne eine Rolle spielte... daß es dieserhalb zu schweren Differenzen zwischen Ihnen und dem Toten kam. Ist dem so?"
Renate schwieg.
„Wollen Sie nicht Auskunft geben, gnädige Frau?"
„Dein."
Piloty lehnte sich zurück und strich mit seiner wohlgepflegten Hand die Stim und Schläfen abwärts. „Es scheint, Sie sind denn doch ein wenig allzu unbekümmert", sagte er. „Wie die Dinge liegen, ist ein Ehebruch von Ihrer Seite anzunehmen. Dah sich mittelbar aus diesem Ehebruch der Anlaß zu dem Mord ergeben hätte, ist durchaus nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil — es ist wahrscheinlich."
Renate war erdfahl geworden. „Ich verstehe das nicht", sagte sie.
„Sie verstehen das nicht. Also gut... Ich bin bereit, die Lage deutlicher zu zeigen. Sie werden dann erkennen, welche Ausblicke sich eröffnen, wenn man diesen Dingen etwas näher nachgeht. Die erste Frage eines Untersuchungsrichters, der die Pflicht hat, ein Verbrechen aufzuklären, ist die: wer hat ein Interesse an der Tat? Der erste der am Tode Ihres Gatten ein Interesse hatte, ist Doktor Griebenow. Er liebte Mercan- dins Frau. Er hatte — woran kaum mehr zu zweifeln ist — ihn mit dessen Frau betrogen. Dahinter können sich Zusammenhänge bergen, die bisher nicht klar zutage treten. Vielleicht Entdeckung durch Professor Mercandin. Ein Streit... entweder zwischen beiden Männern oder — wie Doktor Griebenow es schildert — zwischen beiden Eheleuten, in dem dann Griebenow für die Geliebte eintritt. Diese Lösung ist so außerordentlich naheliegend, dah sie sich gewaltsam aufdrängt. Aber gerade dadurch wird sie unwahrscheinlich. Das klingt paradox. Aber solche Dinge liegen manchmal im Instinkt. Die These Griebenow ist brüchig. Sie wird haltlos durch den ärztlichen Befund. Erledigt. Griebenow ist nicht der Täter."
Er sah sie an. Ein Lächeln irrte über ihre Lippen, ein verkrampftes und gequältes Lächeln. „Ich weih das", sagte sie.
Piloty nickte. „So, Sie wissen daS? Gut, um so leichter werden Sie mir weiter folgen können. Ich bin auch gleich am Ende. Griebenow ist keineswegs der einzige, der am Tode Ihres Gatten ein Interesse hatte. Es gibt noch einen zweiten... nämlich jenen, der sich bei dem Morde in dem gleichen Zimmer aufhielt. Dieser zweite Mensch — — sind Sie."
Renate schloh sekundenlang die Augen. Wieder krallte sie die Finger in den harten Stuhl. Der Stuhl begann zu beben. Dann sah sie auf. Pi- loth lächelte ihr zu ... tröstend, freundlich, unter einem Schimmer Güte.
Er sagte unbeschreiblich milde: „Liebe, arme gnädige Frau..." Und dann: „Wollen Sie die 'Tat gestehen, Frau Renate Mercandin?"
„Olein!“
„So..." Plötzlich klang Pilotys Stimme hart und scharf. Mit einer kurzen, knappen Oleigung stand er auf. „Wir sind für heute fertig. Guten Morgen!"
* *
Trübe ging der Tag zur Oteige. Die graue Stunde mit den schweren Abendschatten kroch herauf. Deutlich hörte man das Rauschen der Bäume vor den Fenstern.
Renate fröstelte. Cs ist kalt, durchfuhr es sie. Der Sommer ist vorbei. Die Blumen sterben ihren schweren wehen Tod. Bald beginnt der Totentanz der Dlättcr. Drauhen steht der Herbst, llnfere Zeit erfüllt sich. Alles rüstet sich zum Sterben.
Sie fühlte sich nicht eigentlich krank. Olber die Empfindlichkeit der Rerven war seit zwei Tage.' übersteigert. Alles in ihr war durchtränkt von einem rätselhaften Ahnen und Erfühlen ferner Dinge. Sie empfand sich losgelöst von allen Gegenständen um sie her. 3m Getriebe ihrer Seele war ein Fühlen und Erfassen kreisender Gedanken, die aus weiter Feme wie die Wellen eines Senders zu ihr strömten.
Sie setzte sich in einen Sessel, ergriff ein Buch und wollte lesen. Die Blätter knisterten. Das Buch fiel in den Schoß.
Olun stand sie auf und trat ans Fenster. Durch die Gardinen sah man in den (Sorten. Ein paar Edeltannen schauerten im feuchten Rebel. Lichter blinkten aus der gerne. Weiter hinten lag der Kemperplatz im Dunst des Abends. Dieser Abend war erdrückend und erregend. Alle Dinge schienen angefüllt mit einer drohenden und schweren Tiefe. Man fühlte Schatten, die im Gedanken standen.
Renate wandte sich mit einer /hilflosen Bewegung wieder in das Zimmer. Sy£ setzte sich. Aus dem sonnenfarbenen Licht der ^'großen Ständerlampe tropfte es beruhigend • auf sie nieder. Entschlossen griff sie wieder nach dem Buch.
(Fortsetzung folgt)


