8reitag,U. März 1930
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 62 Zweites Blatt
starb, wurde
in Berlin ein
Theater, dem einige 3ahre darauf ein Zirkusbau
in Wien angegliedert wurde, und entwickelte sein
ist im Jahre 1927 gestorben, nachdem sein ihv
Höhe, von der es bald ternehmen schon längst in die Hände von Paula hinabstürzte. Das Der- Dusch übergegangen war, ohne noch nennenswerte
mögen, das Renz im Jahre 1892 hinterlieh,
Die blonde Sklavin
Dann
zu
als lausche er.
über Honneckers
und
Unternehmen zu einer noch feinem Tod tief
Erfolge zu haben. 3m vergangenen Jahr wurde dieser letzte ständige Zirkus der Reichshauptstadt aufgelöst, und jetzt gastiert in dem Gebäude
Honnecker blitz- so weit kommt,
ihre den
„Das werden Sie, wenn es bei Gericht erfahrenI"
Ein verzerrtes Lächeln irrte bleiches Gesicht.
sucht; nun läuft die Grenze mitten durch die Förde.
Nachdem es gelungen war, Mittelschleswig bei Deutschland zu erhalten, gcLt es, dieses Gebiet mit allen Mitteln gegen das von Norden an- drängende Dolkstum zu sichern. Gutes ist in den letzten Jahren in dem Grenzabschnitt aus dem Gebiete des Dolksbildungswesens geleistet. Volks- hochlchulen haben die vorwärtsstrebende Jugend aus Stadt und Land gesammelt, um sie zur Lösung Volksdeutscher Ausgaben zu ertüchtigen. Ein Netz von Büchereien, weit über hundert an der Zahl, erstreckt sich über das g^nze Land von der Grenze bis zur Schlei. Das deutsche Buch hat sich schon jetzt als wirksame Waffe im Grenzkampf erwiesen. 3n vielen Gemeinden sind Versammlungsräume geschaffen, die zur Stärkung der Dorfgemeinschaft beitragen.
wurde auf 16 Mill. Mark geschäht, eine stattliche Summe für den Sohn eines armen Seil-
Eva legte ihm die Arme um den Hals.
,3ch gehöre dir!" sprach sie einfach, aber ganze, unermeßliche Liebe schwang in Worten.
Diese positive deutsche Arbeit ist umso wichtiger, als die Dänen keineswegs Mittelschleswig nach dem Mißerfolg vom 14. März aufgegeben hoben. Sie treten bei allen Wahlen als politische Partei auf und arbeiten auch kulturell sehr stark, wobei sie vom Norden reichlich unterstützt werden. Sie verfügen über zwei Schulen in Flensburg und sechs auf dem Lande, die im ganzen von etwa 600 Kindern besucht werden. Nun zieht sich durch das vor zehn Jahren so heiß umstrittene Gebiet der feste Damm des deutschen Dolkstums. Starke Kräfte strömen von hier hinüber in das verlorene Nordschleswig, dessen deutsche. Bevölkerung darauf hofft, daß auch für sie der Ehrentag kommt, an dem sie ein stolzes und freies deutsches Bekenntnis ablegen kann.
Don ihrem Glücke erfüllt, gingen sie wieder Zu dem Wagen zurück, in dem, ein seliges Lächeln im Antlitz, Max Schulhofs schlummernd in den Kissen ruhte.
Schumann gehörte. Nenz führte die Pantomime in den Zirkus ein, erwarb
Hans Stosch-Sarrasani, dessen Zirkus jetzt in Berlin gastiert, hot, wie gemeldet wurde, soeben öffentlich erklärt, daß er sein Unternehmen verkaufen und sich vom Zirkusleben zurückziehen will.
Die Welt des Zirkus fügt sich schlecht in unsere Zeit ein. Exotische Nassen, Elefanten, Löwen, Tiger, alles, was auf frühere Generationen zauberhaft und anziehend wirkte, werden uns heute auch durch den Film nahegerückt; wer jeden Tag eine afrikanische Löwenjagd, Kamele auf der Wanderung durch asiatische Steppen oder das Herdenleben indischer Elefanten bequem im Kino beobachten kann, betritt die Menagerie eines Zirkus nicht mehr mit derselben Spannung, die die Menschen vor hundert Jahren erfaßte, wenn sie sich der in Käfigen untergebrachten Tierwelt damals säst unerreichbarer Länder nähern konnten. Charlie Chaplin und andere Filmkomiler reizen die Lachmuskeln stärker als ein „bummer August", und die Akrobaten, Seiltänzer, Der- Wandlungskünstler sind in den großen Varietes häufigere Gäste als in den Zirkuszelten. Bei oberflächlicher Betrachtung hat es also den Anschein, daß die Zeit des Zirkus vorbei sei, und wenn Hans Stosch-Sarrasani soeben erklärt. daß er sein weltberühmtes Unternehmen verkaufen will, hat er vielleicht nur die Konsequenzen aus einer nicht mehr aufzuhaltenden Entwicklung gezogen.
Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß sich Sarra- sani die Sache noch einmal überlegt und trotz hoher Steuern durchhält, denn bei ruhiger Würdigung der wirtschaftlichen Aussichten braucht der Zirkus immer noch nicht als schlechtes Geschäft angesehen zu werden. Die Einnahmen der vierzig deutschen Zirkusunternehmen, die jährlich von Ort zu Ort ziehen, belaufen sich auf etwa 60 Millionen Mark, so daß jeder Deutsche durchschnittlich eine Mark im 3ahr für den Besuch eines Zirkus ausgibt. Das ist eine stattliche Summe, von der man etwa fünf Millionen Mark als jährlichen Unternehmergewinn bezeichnen kann. Natürlich gehen nicht alle Deutsche jedes 3ahr in einen Zirkus; man rechnet vielmehr mit
Vornan von Hermann Weick.
(Schluß.)
Honneckers Gesicht wurde ganz fahl.
5los da.
opf. Es war,
XXVII.
Sie fuhren durch einen leuchtenden Oktobertag. Ein tiefblauer Himmel wölbte sich über der Stadt, deren Straßen heute etwas Festliches, Strahlendes hatten. Cs war warm, als sei der Sommer nochmals zurückgekehrt.
3m Wagen lehnte, von Kissen und Decken ein- gehüllt, Mar Schulhofs. Er hatte die Augen geschlossen. Bleich, eingefallen war das Gesicht,
er „Direktor" der sehr kleinen
20 bis 22 Millionen Besuchern, die durchschnittlich für jede Eintrittskarte 2,50 Mark ausgeben. Tatsächlich sind viele Zirkusdirektoren reiche Leute geworden, und die berühmtesten Unternehmer dieses Faches führten vor dem Krieg den Titel eines Kommissionsrates, der nicht ganz so geschäht wie der Kommerz'enrat gewesen ist, aber doch auf ein bedeutendes Vermögen schließen ließ.
Heute sind die bedeutendsten Zirkusdirektoren Carl Krone, Sarrasani und Hagenbeck. Aber früher waren in Deutschland die Kommissionsräte Nenz, Paul Dusch und Albert S ch u m a n n noch weit berühmter. Don ihnen lebt nur noch Kommissionsrat Schumann, der seinen Zirkuspalast — das spätere Große Schauspielhaus in Berlin — seinerzeit an Max Reinhardt verkauft hat. — Dor hundert 3ahren waren die deutschen Zirkusunlernehmen in ihrer Heimat wenig angesehen, und man bevorzugte den französischen Zirkus, bis Renz zirzensische Leistungen zeigte, die die ausländischen Darbietungen weit übertrafen und den deutschen Zirkus schließlich in der ganzen Welt berühmt machten. Ernst Renz wurde im 3ahre 1815 in der württem- bergischen Gemeinde Döckingen als Sohn eines wandernden Seiltänzers geboren. Die Eltern konnten den Jungen nicht aufziehen und gaben ihn im Alter von drei Jahren einer anderen Seiltänzergruppe in Pflege, die ihn nach allen Regeln der Kunst „dressierte", und mit sechs Jahren mußte das Bürschchen als „Kunstreiter" auftreten. Der zwölfjährige Ernst galt schon als „große Nummer", tanzte auf dem Seil, ritt hohe Schule und turnte als Akrobat. Dann wurde er Mitglied des Zirkus B r i l o f s, und als Briloff
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»Dies soll erst ein Anfang sein! Größeres noch will ich vollbringen, und ich werde es erreichen, wenn ich dich immer an meiner Seite habe! Denn ich brauche dich, Eva, für mein Leben für mein Schaffen!"
„ilnb ich habe unumstößliche Beweise für Ihre
Täterschaft in Händen!"
„Welche Beweise?" fragte schnell
der noch einmal sein ganzes Land schauen will, ehe er scheidet.
Felix Schulhofs ließ den Wagen halten.
„Ich muh noch rasch für einige Minuten ins Baubureau hinüber," sagte er. „Kommst du mit, Eva?"
Eva Witte blickte fragend auf den Kranken, bet erschöpft in bet Ecke lehnte. Er lächelte ihr zu.
„Gehe ruhig mit, Eva! Der Chauffeur ist ja ba, falls ich jemand brauche. Ich lasse mich von der Sonne wärmen, bis ihr zurückkommt!"
Mit zärtlichen Blicken sah er den Beiden nach, die rasch zwischen den Neubauten hin- schritten.
Die ilnterrcbung mit dem Bauleiter war in kurzer Zeit erledigt. Sie wanderten dann noch eine Weile kreuz und quer und sahen, wie ringsum das stolze Werk gedieh.
„Noch einige Wochen gutes Wetter, bann haben wir bie verlorene Zeit wieder eingeholt" sagte Schulhoff.
3n einer jähen Gedankenverbindung blieb er stehen.
„Ich habe Heute, als ich nach Hause fuhr, den Makler Nicolas getroffen. Er sagte mir, daß Honnecker seinen hiesigen Haushalt aufgelöst und seine Dilla verkauft habe. Wohin er ziehe, wisse man nicht, man nehme aber an, ins Ausland, weil er auch die meisten seiner geschäftlichen Beziehungen, die er hier hatte, Hals über Kopf abgebrochen habe.“
Ein leises Beben ging durch Evas Gestalt.
„Das ist gut ..., ich hatte immer noch ein Grauen davor, ihm noch einmal zu begegnen...“
Sie tarnen zu dem freien Gelände, auf dem die Spielplätze der Kinder erstehen sollten, und setzten sich auf einen Steinblock, der wie vergessen dalag. Niemand war in der Nähe.
3hre Blicke trafen sich. Die tiefe Ergriffenheit, bie vorhin, bei Max Schulhoffs Anblick, sie erfaßt hatte, rauschte toieber in ihnen auf.
„Daß bein Dater das noch erleben durfte!" sprach Eva innig.
Felix Schulhofs ergriff ihre Hand.
»Er hat diese Freude verdient ..., nach seinem arbeitsreichen Leben!"
In seine Augen kam stahlharter Glanz.
„Ich will in feinem Sinne Weiterarbeiten, Eva! Seinem Namen Ehre machen!"
Er wies umher.
„Damit schrecken Sie mich nicht! Derartige Drohungen kenne ich!"
Schulhofs sah den anderen überlegen an.
„3ch habe Beweise!" sprach er bestimmt. „So viel dürften Sie mich nun schon kennen, Herr Honnecker, um zu wissen, daß ich nicht zu Ihnen gekommen wäre, wenn ich meiner Sache nicht ganz sicher wäre!"
Honnecker sah starr vor sich hin. Er hatte bie Augen zusammengekniffen.
Plötzlich ging ein Ruck burch seine Gestalt. Mit drei Sähen war er bei bet Türe. Dor der stellte er • sich auf.
Anmenschlicher Haß glühte in seinen Augen, während er mit teuflischem Grinsen sagte.
„And wenn ich Sie nicht lebend aus diesem Zimmer lasse?..."
Schulhoff machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand.
„Auch für diesen Fall habe ich mich vorgesehen! Wenn ich nicht innerhalb einer Stunde
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Zirkusmillionäre.
3(1 derZirkus ein schlechtes Geschäft? - Dom armen Seiltänzer zum sechzehnfachen Millionär. - Wie Franz Renz eine Million Mark »er or. - Es g.bt nur noch Wanderz rlnffe!
Don Walther Sersky.
wieder zu Hause eintreffe, weih man, wo ich geblieben bin! Dann wird sofort die Staatsanwaltschaft verständigt!"
Es wurde Todesstille.
Regung.los stand Honnecker da. Seine Finger waren wie in einem Krampf gespreizt, ©ein bleiches, verzerrtes Gesicht mit der weißen Binde um die Stirne gab ihm ein unheimliches Aussehen.
Er machte ein paar Schritte durchs Zimmer, blieb vor dem Schreibtisch stehen. Mit beiden Händen stützte er sich darauf. Sv verharrte er lange, das Gesicht Schulhoff abgewandt.
Wie in einem schweren inneren Kampfe bebte der massige Körper. Die Schultern gingen auf und nieder.
Schulhoff wußte um den Kamps, der sich in Honnecker abspielte. Er begriff, was es für diesen Mann, der bisher stets geherrscht, und die anderen Menschen unter seine Füße getreten hatte, bedeutete, nun selbst der Unterlegene zu fein.
Kein Laut war zu vernehmen. Die Zeit schien stille zu stehen.
Endlich drehte sich Honnecker um.
„Was wollen Sie also?..." fragte er dumpf.
Wider Willen wurde Schulhoff von dem Anblick des Mannes, der, wie eine Eiche vom Sturm gefällt, nun gebrochen, widerstandslos vor ihm stand, ergriffen.
„Ich sagte es Ihnen schon. Sie sollen sich jeder offenen oder versteckten Einmischung in meine Geschäfte enthalten! Beim geringsten Versuch, mir irgendwie zu schaden, würde ich gegen Sie Vorgehen. 3m anderen Falle bleibt die Mordsache, von der nur Eva und ich wissen, für immer begraben!"
„And Dr. Rönneberg?" kam es zwischen den zusammengeprehten Lippen Honneckers hervor.
„Auch er wird schweigen, trenn Sie ihn nicht zum Reden zwingen! Sie haben es in der Hand, das Dorgehen seines Sohnes gegen Sie nachträglich so hinzustellen, daß es ihn so wenig wie möglich belastet. Sagen Sie, Sie hätten im Derlaufe des Streites den jungen Rönneberg immer mehr gereizt, ihm schließlich ins Gesicht geschlagen; dann wird man beim Gericht fein Dorgehen milder beurteilen und ihn wahrscheinlich freisprechen."
Honnecker stierte wieder vor sich nieder.
„Wollen Sie meine Forderung erfüllen, Herr Honnecker?", fragte Schulhoff eindringlich.
Eine kurze Pause.
„3a ...“
„Dann sind wir miteinander fertig! Hoffentlich für immer!“
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Flensburger Ehrentag.
Zehn Jahre nach der Bolkeabstimm u g am 14. Mär^ 1920.
Flensburg bleibt deutsch! — so lautete die Freudenbotschaft, die vor nunmehr zehn 3ahren die deutschen Lande durcheilte. 3m 3n- nern tobten schwere Parteikämpfe, aber an der Nordgrenze hatten deutsche Männer eine Schlacht nach außen geschlagen und den Sieg gewonnen. Freunde und Feinde des deutschen Dolkes horchten auf. Mit überwiegender Mehrheit hatte sich ein deutscher Stamm zu dem darniederliegenden, zerrütteten Daterland bekannt. Es war der Triumph deutschen Glaubens und deutscher Hoffnung. Cs war das erste Regen eines wieder- erstarkenden Selbstbewutztseins, das seine Wirkung nicht verfehlte. Die Kunde drang an den deutschen Rhein und ließ dort die bekümmerten Herzen höher schlagen. Sie drang in den deutschen Osten und stärkte den Mut der Kämpfer, die dort der Entscheidung entgegenharrten. 3n Millionen von Deutschen fand die Botschaft freudigen Widerhall. Flensburg bleibt deutsch!
Aber der Kampf war nicht leicht gewesen. Der Mut des dänischen Gegners war durch den Erfolg vom 10. Februar, der in Nordschleswig 75 000 dänische über 25 000 deutsche Stimmen triumphieren lieh, gewaltig gestärkt worden. Ein großes Aufgebot dänischer Redner reiste durchs Land, denen es ein Leichtes war, die wirtschaftlichen Vorzüge des vom Kriege nicht betroffenen, von keiner Tributlast bedrückten Landes auszumalen. Gelang es ihnen, den wichtigen Hasen- und 3ndustrieort Flensburg im Herzen Schleswigs zu überrennen, so hätte das Dänen- tum in dem kommenden Grenzkampf eine überragend günstige Stellung einnehmen können. Glückte es dagegen dem Deutschtum, Flensburg und Mittelschleswig zu behaupten, so konnte von hier aus der Widerstand organisiert und der erneute kulturelle Dor stoß in das verlorene Dord'chleswig vorbereitet werden. Deshalb war der Kampf so erbittert, deshalb war auf- bäni« scyer Seite nach dem 14. März die Enttäuschung ebenso groß wie auf deutscher Seite die Freude über den errungenen Sieg.
Was gerade den Deutschen so schwer fällt, in Flensburg war es während der Abstimmung gelungen: alle trennenden Gegensätze zurückzu- stellen gegenüber dem großen Ziel der Selbstbehauptung. Es wird das bleibende Derdienst des kürzlich in Belgrad allzu früh verstorbenen Gesandten Dr. Adolf Köster fein, in Schleswig die Einheitsfront im Abstimmungskampf her- gestellt u-5’ erhalten zu haben. Er verstand es, den verschiedenen deutschen Kräften die Richtung auf das nae große Ziel zu geben. 3n allen Kreisen suchte und fand er wertvolle Mitarbeiter, die er mit besonderen Aufgaben betraute. Er schuf so eine bewegliche und schlagkräftige deutsche Front, die der geschickt arbeitenden dänischen Agitation gewachsen, ja überlegen war.
Die Grenzlinie, die im 3uni 1920 gezogen wurde, durchschneidet im Osten und im Westen mit rauher Hand enge wirtschaftliche Zusammenhänge. Flensburg ist von seinem nördlichen Hinterland getrennt, und Tondem, das zu Dänemark geschlagen wurde, ist von den Marschgebieten abgeschnitten, die die Grundlage seines Wohlstandes bildeten. Die Wunden, welche die Grenzziehung diesen beiden Städten geschlagen hat, sind auch jetzt noch nicht geheilt. 3n den nördlichen Förde orten hatten die Flensburger früher in den Sommermonaten Erholung ge-
Der Kranke schien die Worte nicht gehört haben. Noch immer sah er regung ' Nun aber hob er etwas den K>
aber brüllte er, anher sich vor Wut:
„3ch werde ihm einen Strich durch seine Rechnung machen I"
Schulhoff hob etwas die Hand.
„3ch möchte 3hnen in Ihrem eigensten 3nter- esse raten, sich zu mäßigen, Herr Honnecker! Es könnte für Sie unter Amständen sehr unangenehm sein, wenn Ihre Angestellten draußen von unserer Anterhaltung etwas hören!“
„3ch verzichte auf Ihre Ratschläge! Hier bin ich der Herr und tue, was mir behagt!
„Wie Sie meinen!“
Ein kurzes Schweigen entstand.
Dann sagte Schulhoff kalt:
„Warum leugnen Sie noch länger, Herr Honnecker? 3hr ganzes Benehmen verrät ja, daß Sie das Verbrechen begangen haben!"
Die Ruhe, mit der Schulhoff sprach, raubte dem anderen den letzten Rest seiner Sicherheit. Seine Züge entschlafften jäh; die Blicke wurden ratlos, entsetzt.
Dann aber entflammte der Wille, einen rettenden Ausweg zu finden, noch einmal seine Widerstandskraft.
„3ch habe es nicht getan!“ stieß er hervor. »Eva Witte hat ihren Mann erschossen! Das kann ich beweisen!“
Vernahm er den Lärm der Arbeit, der mehr und mehr anwuchs, je näher sie dem Baugelände kamen?
Ein Zittern ging durch seine Gestalt. Seine Augen öffneten sich ...
Da lag der weite, weite Platz vor ihnen. Heber- all waren zahllose Hände an der Arbeit. Stimmen schallten, Maschinen dröhnten, Hammer- schläge tonten unablässig ..., tausendstimmig erklang das Lied der Arbeit.
Mit weiten, fassungslosen Blicken umfing Max Schulhoff das Bild, das sich ihm darbot. Seine Lippen bewegten sich lautlos. Er versuchte, sich aufzurichten ... Eva Witte stützte ihn ..., fein Atem keuchte ..., aber mit verzweifelter Willenskraft zwang er den gebrechlichen Körper zum Gehorsam ...
Nun stand er aufrecht im Wagen.
Ein ferner, rätselhafter Ausdruck kam in feine Augen. Als erschließe sich ihm jetzt erst der wahre Sinn seines Lebens.
Nun lag das gewaltige Werk vor ihm .... überall wuchsen die Bauten empor ..., ihm war, als lebten sie .... als sprächen sie zu ihm ...
Was er in seinen kühnsten Träumen niemals zu denken gewagt hatte: es war Wirklichleit geworden. Wirklichkeit geworden durch seinen Sohn!
»Felix!"
Erschüttert beugte sich Felix Schulhofs über die Hand seines Vaters, die sich ihm zitternd entAegenstreckte.
Sie fuhren dann rings um das Gelände.
Es war die Fahrt eines sterbenden Fürsten,
tänzers. Fünf 3ahre später muhte sein Sohn Franz Renz, der die Leitung übernommen hatte und weder das kaufmännische Talent noch die künstlerische Begabung seines Vaters besaß, das Unternehmen liquidieren. Anverschuldet halte ihn schon im ersten 3ahr seiner Direktion in Hamburg ein schwerer Schlag getroffen. Die Cholera war ausgebrochen, monatelang muhte der Zirkus in der verseuchten Stadt stillieqen und Renz bezahlte das Anglück mit einer Einbuße von einer Million Mark.
Die Dynastie Schumann erbte, was die ab* gedankten Zirkuslönige aus dem Geschlechte Renz hinterlassen hatten. Zwischen dem Schifsbauer- damm und der Karlstrahe in Berlin war in der zweiten Hälfte des vorigen 3ahrhunderts eine große Markthalle gebaut worden, die sich weder bei der Bürgerschaft noch bei den Händlern großer Beliebtheit erfreute. Ein früherer Mitarbeiter von Ernst Renz, der ZirkusdircklorSala m o n s k i, kaufte das Gebäude und erwarb sich dort in 10 3ahren ein so großes Vermögen, daß er sich zur Ruhe fetzte. Ernst Renz übernahm den Markthallenzirkus drei 3ahre vor feinem Tod, und als fein Erbe Franz Renz das Unternehmen in Grund und Boden gewirtschaftet hatte, zog Albert Schumann dort ein. Albert war der Neffe und Adoptivsohn Gotthold Schumanns, der es als 3ongleur, Dresseur und Kunstreiter weit gebracht hatte. Er hatte den jungen Albert schon vom dritten 3ahr an für seinen späteren Berus vorbereitet, ihn zum „Miniaturclown“ ausgebildet, es aber nicht verstanden, den jungen Mann später bei seiner eigenen Truppe zu halten. 3n Skandinavien schuf sich Albert Schumann seinen eigenen Wanderzirkus, mit dem er vor dreißig 3ahren in die ehemalige Berliner Markthalle übersiedelte. Es war die Zeit, in der sich die Wanderzirkusse bemühten, seßhaft zu werden, während inzwischen die umgekehrte Entwicklung gesiegt hat, da es heute in Deutschland nur noch umherziehende Zirkus- unternehmen gibt. Am 31. März 1918 schloß der berühmte Zirkus Schumann, der im Leben der Reichshauptstadt eine nicht unwichtige Rolle gespielt hat, seine Pforten, und der Ambau zum Großen Schauspielhaus begann.
Schumanns großer Konkurrent war der Zirkus Busch. Dusch stammte aus einer gutbürgerlichen Familie und hatte ursprünglich nicht die Absicht, sich unter das unruhige Dolk der fahrenden Leute zu begeben. Den Krieg von 1870,71 machte er als Kürassier mit, und damals entdeckte er fein Reitertalent. Don feinen geliebten Pferden wollte er sich nicht mehr trennen. 3n Dänemark gründete er einen kleinen Zeltzirkus, in dem zehn dressierte Pferde» auf traten, und das war der Grundstock seines Unternehmend, mit dem er nun durch die skandinavischen Länder zog. Der Niedergang des Zirkus Renz machte nicht nur für Schumann, sondern auch für Busch den Weg frei. Als Renz aus Hamburg verschwand, ließ sich Paul Busch mit einem inzwischen beträchtlich erweiterten Tierpark in Altona nieder; es folgte ein großer Zirkusbau in Wien, und im 3ahre 1895 zog Busch mit 180 Pferden, Löwen, Tigern, Bären, Elefanten, Zebras, Seelöwen und Qlffen in Berlin ein. Als Ende 1913 eine Auflösung des Zirkus geplant war, wurde dies außerordentlich beklagt. Busch
auf dem schon die Schatten des naßen Todes lagen.
Man wußte, daß Max Schulhoffs Tage gezählt waren. Sein Körper verfiel zusehends. Nur der Wille lebte noch in ihm, dieser heiße, glühende Wille, einmal vor seinem Tode die Stätte draußen vor der Stadt, wo das große Bauwerk erstand, zu sehen.
Dieser Wunsch war wie eine Flamme, die nicht verlöschen konnte. Die ihn am Leben Hielt und den Tod, wenn er sich ihm nahte, immer wieder verscheuchte.
Cs waren die einzigen Worte, die er noch sprach: das leidenschaftliche Flehen, ihn hinauszufahren .. ihm die Bauplätze zu zeigen ... 3mmer verzehrender wurde dieses Verlangen in ihm.
Da sprach Felix Schulhofs mit dem Arzt, und sie beschlossen, dem Sterbenden seinen letzten Wunsch zu erfüllen.
Langsam fuhr der Wagen dahin. Eva Witte, die neben dem Kranken s aß und seine Hand in der ihrd« hielt, sah immer wieder ergriffen in sein verfallenes Antlitz.
Schweigend legten sie den Weg zurück.
Da wandte Felix Schulhoff sich zurück. „Wir sind gleich da, Vater!" sprach er.
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