Nr. 266 Zweiter Matt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefsen) Donnerstag, November MO
a.
Erfolg für den früheren BundeSk,
Bundeskanzler Scho- für die Großdeutsche
Der ehemalige Bundeskanzler Dr. Schober noch Bekanntgabe des Wahlergebnisses.
gröbere Wahrscheinlichkeit hat die Bildung einer ärgerlichen Mehrheiisregicrung unter einem >
sinnen, in Oesterreich den Ausgangspunkt zu dieser zu erkennen und schließlich auch danach zu handeln. Die Gefahr ist jedoch nicht lm geringsten gebannt, die Entscheidung ist bloß vertagt. Wer gerade in dieser Vertagung liegt ein Erfolg der österreichischen Wahlen für die deutsche Dolkspolitik, wenn das Reich die Stunde wahrzunehinen lernt. Die Wahlen standen durchaus im Zeichen innenpolitischer Probleme. Der Wahlkampf wurde mit den sich daraus ergebenden Mitteln geführt. Die grob- deutsche Frage stand nicht zur Diskussion, da niemand wagte, ihre Selbstverständlichkeit anzuzweifeln. Lediglich der Heimatblock setzte der formal-demokratischen Anschauung vom grob- deutschen Reich die Forderung nach dem dritten Reich entgegen, was in Wirklichkeit keine Gegen» sehung, sondern nur eine besondere Ausdeutung grobdeutscher Reichsgestaltung ist.
Don innen her gesehen, ist mit diesen Wahlen die Frag«, ob die politische Erneuerungsbewegung in Oesterreich zur Entwicklung eines eigenen Staatsgedankens und zur Sonderentwicklung einer österreichischen Ration oder zur politischen Formung des österreichischen Stammeskörpers in der deutschen Ration führen wird, noch nicht ent
ber, da die Aus ichlen
Oesterreich nach Öen Wahlen.
Keine Entscheidung. — Seipel, der Sieger. — Und das Reich?
Dollspartet im Hinblick auf die Kandidatur der Rauonalsozialisten und des Heimatblocks noch geringer waren als bei den Wahlen 1927 und auch der Landbund nicht in dem Mabe erfolgreich blieb, wie es seine steigende Aktivität im letzten Jahre erwarten lieft. Der Heimatblock, der eine Sammlung jener Heimwehrkreise sein wollte, die dem Parteiwesen sernstehen und als Wähler der bürgerlichen Parteien kaum in Frage kamen, hat ebenfalls sein selbstgestelltes Wahlzrel erreicht. Lediglich die Rationalsozialisten, die auS der Verkennung der Verhältnisse in Oesterreich bei den Verhandlungen mit dem Heimat- block über ein Wahlbündnis unerfüllbare Forderungen stellten, fielen durch Mit dem Heimatblock zusammen hä.ten sie fünf Mandate erreichen können.
schieden. Auch hier liegen, vom gesamtdeutschen Standpunkt aus, dringende Ausgaben vor, deren Lösung allein eine organische Entwicklung zum gesamtdeutschen Rationalbewuhtsein gewährleistet. Die Kreise, die sich bereits Hoffnungen mochten, daß die Entscheidung zugunsten der „österreichischen Ration" schon jetzt fällen könne, wurden enttäuscht. Da ihren Absichten jedoch zunächst kein tatkräftiger positiver Gestal- tungswikle entgegensteht, so werden sie ihre geschickten Bemühungen fortsehen, und es wäre ein Irrtum, zu glauben, dab sie ihre Hoffnungen und ihre innen- und außenpolitischen Ziele zurückgestellt, geschweige denn begraben hätten.
Früchte fallen nur dem zu, der sie verdient, der sie durch Leistungen erwirbt. Es hieße an Volk und Vaterland sündigen, wenn man, scheinbar von einer Sorge befreit, den Dingen jetzt ihren Lauf ließe. Es ist an der Zeit, den auf den deutschen Dollskörper in Oesterreich lvsgelassenen politischen Kräften entscheidende Gegenkräfte gesamtdeutscher Staotsgestaltung ent- gegenzustellen, und eS darf endlich vom Reiche erwartet werden, daß cs die Folgerungen aus dieser Entwicklung zieht, die mit bem Zusammenschluß Oesterreichs auch die übrigen Fragen deutscher Ostpolitik entscheiden.
D. ^.-Korrespondenten.
neuen christlich-soztalen Abgeordneten als Bundeskanzler. Da es sich ja doch nur um Zwischenlösungen handelt - die endgültige Entscheidung über die künftige Politik Oesterreichs dürfte erst bei der Wahl des Bundespräsidenten fallen, die zwei Monate nach Zusammentritt des Rationalrates ausgcfchricben werden muß —, so dürste man nach dem alten Mittel zurückgrei- fen, einem der Landeshauptleute aus den Bundesländern die Kanzlerschaft zu übertragen. Reben Ender (Dor al bergt und Schlegel (Oberösterreich) wird am stärksten der Landeshauptmann Du resch (Riederösterreich) genannt. Für diese bürgerliche Mehrheitsregierung gibt es zwei Möglichkeiten: die eine wäre eine Koalition zwischen der Christlich-Sozialen Partei und den, Schober-Block, die über eine absolute Mehrheit von zwei Llbge-
vrdneten verfugen würde, die andere eine solche zwischen Christlich-Sozialen, Schober-Block und Heimatblock: letztere dürfte den augenblicklichen Absichten des Altbundeskanzlers Seipel an, meisten entsprechen. Sein Wille bleibt maßgebend. Kann der frühere Bundeskanzler Schober einen moralischen Sieg verzeichnen, so ist in Seipel der tatsächl ich« Sieger zu erblicken, will man die langsame innere Umgestaltung Oesterreichs zu einer organischen Demokratie als fein innerpolilisches Ziel ansehen.
2n einem Punkt aber dürften die Wahlen eine gewisse Entscheidung gebracht haben: für Oesterreichs Außenpolitik. Die Riederlage des Bundeskanzlers D a u g o i n, die man feststellen muß, wenn man die tatsächlichen Ereignisse mit dem, was er wollte und dem wozu er es wollte, vergleicht, besagt, daß die drohende Ge- sahr einer einseitigen OptionOester- reichs zugunsten eines ungarisch- italienischen Donau staatenbundes mit legitimistischcn Hintergründen zunächst beseitigt ist. Für die gescmtdeutsche Politik ist dies insoweit eine Erleichterung, als in der neugewonnenen, wenn auch nur kurzen Frist daS Reich noch eine Möglichkeit hat, sich endlich auf feine mitteleuropäische Grundpolitil zu be
Don unserem Wiener
W i e n. 11. Rovember 1930.
Eine Wahlschlacht von außerordentlicher Heftigkeit, aber auch seltener Disziplin ist geschlagen. Es gibt weder Sieger noch Besiegte. coowohl die sozichistische wie die bürgerliche Presse können einen Wahlsieg ihrer Parteien verkünden. Sv widersprechend es klingt, so ist dies doch insoweit richtig, als die bürgerlichen Parteien zvar gegen 50 000 Stimmen gewonnen, aber ein Mandat verloren haben, während die Sozialdemokraten trotz des Derlustes von 30 000 Stimnwn. dank dem etwas seltsamen Wahlverfahren ein Mandat mehr erhielten. Der künftige Rationalrat wird sich zu- lammcnfeben aus 72 Sozialdemokraten, 66 Christlich-Sozialen, 19 Abgeordneten der Rationalen Wirtlchas.sgemcinschaft und des Landbundes, acht Abgeordneten des Heimatblocks. Die rund 100 000 Stimmender Rationallozialiften gingen verloren, da sie im ersten Wahlgang kein Grundmandat erreichten.
Wie erwartet, brachten t>:e österreichischen Wahlen keine Entscheidung. Das Wahlergebnis zeigt, daß bei gleichbleibendem Wahlrech! durch die weitgehende politische Organisierung der Wählerschaft Ueberraschungen so gut wie ausgeschlossen sind. Es hat sich also kaum etwas geändert. Die Sozialdemokratische Partei kann daraus Hinweisen, daß sie auS dem jahrelangen Kampf völlig unberührt hervorgegangen ist. Die Verluste der Christlich-Sozialen Partei sind an sich zu gering, um da« Gefüge dieser Partei entscheidend zu beeinflussen. Damit soll nicht gesagt sein, daß rnan nicht nach dem Schuldigen suchen wird, der in der Person des Bundeskanzlers Vau- g o i n nicht schwer gefunden werden wird. DaS Wahlergebnis der Rationalen Wirtschaftsgemeinschaft unb des Landbun- des bedeutet in erster Linie einen moralischen
Da durch die Wahlen kein politisch entscheiden- deS Ergebnis erzielt wurde, stehen zunächst alle Möglichkeiten einer Lösung der parlamentarischen Krise, wie sie vor den Wahlen erörtert wurden, nach wie vor zur Aussprache. 3n den nächsten Tagen wird es sich bereits entscheiden, ob der bis zum 9. Rovember so stark betonte Wille der Regierung Dougoin, unter voller Ausnutzung der verfassungsrechtlichen Gegebenheiten oder sogar unter Anwendung eines Staatsstreiches unbeschadet der Wahlergebnisse in der Regierung zu bleiben, noch vorhanden ist. Cs ist jedoch kaum anzunehmen, daß die Christlich-Soziale Partei aus dem Wahlergebnis für ihre Parteiführung keine Folgerungen zöge und so wird daher das Schwergewicht bei dein Fürsten Starhemberg und den Absichten der Heimwehren liegen. Eine viel
Stenographen-Weitbewerb.
|_! Groh en-Linde n, 12 Rov Der Stenographen oereln ,G a b e l s b c r g e r" Gro- Hen-Linden feierte am Sonntag sein zehnjähriges Bestehen unb verband damit «in Wettschreiben in Einheitsturz- schrift, an dem sich 150 Personen beteiligten. Rachmittags unb abend« sand in bet Turnhall» eine Feier statt. Der 1. Vorsitzende H. Ginnbel begrüßte die Teilnehmer, im besonderen die Mitglieder des Bezirksvorstandes. 3n seiner Ansprache wies er auf den Wert und die Beden- tung der Kurzschrift hin und erinnerte an bi» Verdienste des verstorbenen 1. Vorsitzenden H. W i ß n e r. Theaterauf sührungen, musikalisch» Darbietungen her Feuerwehrlapelle Butzbach. Gesangsvorträge von Herrn Karl Luft, Gießen, (am Klavier Frl. Edith Fourier. Gießen), ernteten reichen Beifall
Aus dem Wettbewerb gingen folgende Teilnehmer mit Auszeichnungen hervor
240 Silbe».
1 .Preis und Ehrenpreis ®. Wahl, Gießen.
200 Silben.
2 . Preis und Ehrenpreis: K. Bachmann, Marburg.
180 Silben.
1.Preis und Ehrenpreis: W. Rieß, Gießen: H. Wissebach, Marburg. — 2.Preist Fr. Dörsner, Gießen.
160 Silben.
1.Prel« und Ehrenpreis: Fr. v. Lem- mers Gießen (Ges.): K. Ganß, Friedberg.
140 Silben.
1.Preis und Ehrenpreis: A. Fraick. Wieseck. — 1.Preis: L. Schade, Gießen (1861): F. Münch, Gießen (Reichsbahn): H. Bodenheimer, Dad-Rauheim; O. Pfeisser. Gießen (1861); A. Manns, Gießen (Reichsbahn): H. Zfchunke. Gießen (1861); F. Reh. Gießen (1861); P. Mai- bach, Dad-Rauhcim; K. Seipp, Großen-Linden; B. Schmidt, Gießen (Reichsbahn): A. Kompp, Laubach.
120 Silben.
1. Preis und Ehrenpreis: E. Rieß, Gießen (1861); M. Seiserth, Gießen (1861); E. Größer, Wieseck; H. ©darbt, Gießen (1861); OH. Katz, Gießen (Ges.). - 1. Preis: Fr. Gor- ges. Gießen (1861); H. MoSbach, Gießen (1861); O. Wahl, Gießen (Ges.); 3. Bohl, Gießen (Ges.); A. Thein. Gießen (Ges.); K. Jung. Großen- Linben; an. Gerbig, Gießen (Ges.); E. Kißler, Butzbach; E. Rickes. Butzbach; L. May. Bad- Rauheirn; MBrettar, Bad-Rauheim; F Riedern- Höfer. Bad-Rauheirn; A Schwalb. Gießen (18ol); H. Krehe. Gießen (Ges.); L. Reinhardt. Gießen (Ges.); A. Pauly, Gießen «Reichsbahn); OH. Derz- bach. Gießen (1861); H. Müller, Dab-Rauheim; G. Müller, Gießen (1861); A Becker. Gießen (1861); G. Haas, Gießen (Reichsbahn); L. «Schön,
lieber Paris ist schon unendlich viel - und oft genug von flüchtigen Besuchern - geschrieben worden.Ein wirklicher Kennender Dichter Albert H.Rausch.demdieStadtaus jahrelangem Aufenthalt vertraut ist, hat unter der Ueberschrift
Hauch von Paris
eine Folge kleiner Aufsätze vereinigt, die das unverwechselbare Besicht und die bezaubernde Atmosphäre dieser Stadt bewahren. Wir werden am Samstag, dem 15. November, mit dem fortlaufenden Abdruck im Feuilleton beginnen.
Was nicht in der Rolle steht.
Freiwilliges und unfreiwilliges Extemporieren
Von Martin Eosta.
Extemporieren heißt beim Theater: etwas sprechen, das nicht m Der Rolle steht. Dem Komiker fällt plötzlich auf der Bühne ein Witz ein, er sagt ihn, hat feinen „Lacher", ein Extempore ist geboven. Das Stegreiftheater von anno dazumal war nur eine Extemporierbühne, vorge- schricbene Texte gab es nicht. Heute ist der Meister im Extemporieren: Pallenberg. Oft spricht er nur ein paar Originalsätze, alles andere „macht er sich hinzu". — Aber nicht immer sind Extempores beabsichtigt. Ein Schauspieler verliert plötzlich den Faden, er muß wohl oder übel weiterreden, damit kein „Loch" entstehe, er schlängelt sich mit Drumherumreden durch, um wieder den Text zu erwischen, — dies ist unfreiwilliges Extemporieren. Beispiele von freiwilligen und un- freiwilligen Extemporieren habe ich gesammelt. Hier sind einige:
Johann Re st roh. der Dichter und Schauspieler des Wiener Vormärz, spielte in seinem Stück „Zu ebener Erde und im ersten Stock" den Diener Johann. 3n einem kurzen Monolog, wobei er Karten auf den Spieltisch zu legen hatte, extemporierte er: „Komisch, das g'scheiteste Spiel der Welt unb der dümmste Kerl von Wien haben den gleichen Qi amen: Whi st!" Run hieß der damalige Polizeipräsident von Wien Wist, unb der „G'spatz" trug dem Komiker ein paar Tage Haft und das ausdrückliche Qkrbot dcS Extemporierens ein. Kurz nach der Haft spielte er in einem Ritterftück, ein Ritter kam hoch zu Roß, und dem Pferd passierte etwas — Pferdllches. Schon ist Äestroh bei dem Tier, zieht dessen Ohr an seinen Wund unb flüstert, aber so, daß er bis zum dritten Rang hörbar wird: „Du — extemporieren ist verboten!"
Der Komiker G o 11 s l e b e n hatte sich ein „wunderbares" Extempore zurechtgelegt. Er stürzte auf die Bühne und schrie: „Hm Gottes willen — eben wie die Frau Gräfin in den Wagen steigen will, hat sie der Schlag getroffen!" Alle mußten entsetzt „Was?" schreien, worauf er mit breitem Grinsen sagte: „3o, der Wagenschla gl" ... Bombenwirkung und großer Stolz! — Einmal aber — er stürzte wieder herein: „Ilm Gottes willen, eben wie die Frau Gräfin in den Wagen steigen will, hat sie der Schlag getroffen!" — machte sich ein Schauspieler den 3ux und statt .Was?" zu schreien, lagte er gelassen: „Aha, L^rjchsiimch tes Wu^cnschlagl... GoUSleb«
steht wie vom Donner gerührt, stiert den Schauspieler an, dann kommt es unsicher von seinen Lippen: „Io... na, jo... naa“ und mit einem giftigen Blick auf den Pointentöter: „Lausbua, vadächtiga!"
Ein unfreiwilliges Extempore leistete sich in Oldenburg ein Schauspieler, der mit dumpfer Orgeltraucrmufif als toter Siegfried in „Ribe- lungcn“ hereingetragen wurde, durch die Bahre durchfiel unb entsetzt: „O, pardon!" flüsterte.
Ebenfalls ein unfreiwilliges leistete sich eine Julia, die sich versprach unb statt: „Es war die Rachtigall und nicht bie Lerche" — sagte: „Es war die Lerche unb nicht bie Rachtigall." ilm die Situation zu retten, dichtete sie schnell hinzu: „Richt doch, mcht doch, ich wollte sagen Rachti- gall. Oh, Romeo, du verdrehst mir schon den Kopf I"
Ein baumlanger Anfänger mußte nach Vorschrift in „Tosca" als entflohener Sträfling in die Kirche stürzen. Dor Aufregung und ileber- cifer plumpste er der Länge lang auf den Boden, sprang auf und mußte fingen: „Ha, das gelang mir!“ Donnernder ironischer Applaus belobte fein Debüt.
Ein Extempore kann aber auch gefährliche Situationen retten. In dem amerikanischen Stück „Regen" hatte ein Schauspieler eine Hängelampe auszupusten. Einmal pustete er wieder, aber der Beleuchter schlief oben, die Lampe ging und ging nicht aus. Der Schauspieler blies immer stärker, schließlich mit voller Lungenkraft. Der Beleuchter, aus seinem Schlaf aufgeschreckt, erwischte einen falschen Hebel und löschte nicht nur die Lampe, sondern auch den mild scheinenden Mond aus. die Bühne wurde stockfinster. 3n das aufkeimende höhnische Lachen des Publikums tonte nun die tiefe Stimme des Schauspielers: „Holla, da habe ich ein bißchen zu stark gepustet!" Run lachte alles herzlich. a
3n Leipzig wurde „Schinderhannes gegeben. Da stolperte der Korporal unb fiel vor feiner Mannschaft, die sich das Lachen verbiß, zu Dodem .Was lacht ihr Kerls?" schrie er. „habt ihr noch nie eine deutsche Eiche wanken sehen?"
Ein alter Schauspieler hatte eine große Erzählung seiner Tochter vorzutragen. Er tat dies immer auf einer Bank, die vorsorglich ganz Dorne zum Souffleurkasten hingestellt werden mußte. Einmal machten sich feine Kollegen einen Spaß und stellten bie Bank ganz in den ^jmtergrunb Er kam, sah, stutzte, dann aber klang es mild uno salbungsvoll: „Komm, meine Tochter, wir wollen die Dcmk vorerst in den Schatten stellen! ®rgnff sie mit Hilfe feiner Tochter und stellte sie schon wieder vor den Souffleurkasten.
Derselbe Schaulpieler mußte als Kurfürst cmai
langen Dries laut vorlesen, der ausgeschrieben auf dem überreichten Blatte klebte. Der Adjutant, der den Brief zu übergeben hatte, wollte nun Sapa Kurfürst hineinlegen und gab ihm ein eres Blatt Papier. Unser Kurfürst blickte einen Moment hinein, bann überreichte er den Brief seinem Adjutanten mit den Worten: „Oh, ich habe keine Drille bei mir. Da, les Gr mir vor!"
Zu den gräßlichsten Dingen gehört es, wenn jemand, der aufzutreten hat, nicht auftritt. Da muß, um keine Pause entstehen zu lassen, so lange extemporiert werden, bis der Erwartete kommt. Q3ei Konversationsstücken, da geht es ja noch, aber was soll man bei Klassikern, womöglich noch in gebundener Sprache, machen?
In „Piccolomini", 3. Akt. war es. 3llo und Terzky auf der Bühne. Terzky brachte richtig sein Stichwort: „Ein Geheimnis! Still! Sie kommt!" Aber es verging eine dumpfe Pause — und die Gräfin kam nicht. Die beiden wurden bleich, und Terzky wiederholte sehr taut: „Still! Sie kommt!" Aber auch das nützte nichts, hinter der Bühne ein Flüstern und Laufen —. aber keine Gräfin kam. Das Publikum wurde etwas unruhig es blieb nichts übrig die beiden mußten die Pause überbrücken und extemporieren. Und das Hang so: Terzky (stotternd): „Ich täuschte scheinbar mich, mich trog mein Ohr!" Pause. „Mir däuchte eben sie kömmt." (Um nur ja klassisch zu fein, sagte er: „kömmt".) Pause. „Ei, Feldmarschall Ilio, dachtet Ihr nicht auch, fie kömmt?" (Der Schurke wollte auf 3llo abwälzen) Run nützte nichts, Feldmarschall 3llo mutzte ran: „3a, ja, Graf Terzky, wohl glaubt’ ich auch, fie kömme." (Der arme Teufel sprach nicht minder vornehm.) Pause. Terzky: „Ich wundere blotz mich, wo so lang die Gräfin bleibt!“ Jetzt aber Illo. „Laßt, Iaht, Herr Graf! Laßt uns von anderem sprechen!" (Terzky sah entgeistert auf Illo. Ist er wahnsinnig geworden? Wovon denn?) Terzky (mit wütendem Seitenblick): „Run wohl, mein Feldmarschall, so sprecht!" (Run blickt wieder Illo entgeistert und stottert): „Ich — ich meinte über 'Wallenstein." Hinten hatte man schon Veitstänze getanzt, aber die Gräfin war nicht aufzutreiben Um zu helfen sprang nun der Regisseur, der im vierten Akt den Kellermeister zu spielen hatte, auf die Bühne und sprudelte los: „Es dauert nicht mehr lang, dann kömmt die Gräfin!" (DaS „kömmt" ist schon epidemisch.) Jetzt aber hatte sich der bärtige Illo gefotzt und mit starkem Bah sagte er: „El, Meister Keller- mann wie mundet fein mir Euer Wein! Ein gutes Jahr wohl, nicht?" Darauf gacksend der Herr Regisseur: „Ein gutes Jahr, wohl, wohl, ein gutes Jahr. Des Himmels Soaue golden
... fHetzte... auf Trauben milder Safts ... Safts...“ Wer Weitz, was er noch alles herauS- §eplappert hätte, wenn nicht doch endlich die Gräfin erschienen wäre —: „Die Base Terzky kömmt!"
Ein Beispiel noch, das allerdings im Kabarett passierte. Ein geistreicher Conferencier erzählte: „Im Jahre 1614 kam die Kartoffel nach Deutschland!" — „Oho", tönte eine Stimme. „1613!“ Gin kurzer Blick auf den Störer, dann: „3a, Sie meinen wohl die neuen Kartoffeln!"
Ich hatte einmal einen Direktor, der pflegte Extemporieren entweder zu belohnen oder zu bestrafen. Lachte das Publikum über ein Extempore, so gab er fünf Mark, lachte es nicht, zog er fünf Mark von der Gage ab. In biefem Theater wurde sehr vorsichtig extemporiert.
Oie gekündigten Mieter.
Einen Vertrag kann man kündigen, aber nicht einen Mieter oder eine Belegschaft usw.. man mützte sich denn auf den Oberkellner im Weihen Röhl berufen wollen, der die Wirtin fragt: Was, Sie kündigen mich? Diese im guten Schriftdeutsch unmögliche Fügung wäre die Grundlage, auf der auch ein Mieter gekündigt werden könnte; aber diese Leideform kann man nur vom Mietvertrag gebrauchen. Da man das Zeitwort „folgen" nur mit dem Wemsall verbindet, machen die vielen einen Fehler, die die Formel gefolgt von — begleitet aus ihrer Feder fließen lassen; auch dürfen sie sich nicht auf Schillers Ausspruch (in der „Braut von Messina") stützen: „Dom Jammer gefol- get, schreitet das Unglück"; es handelt sich da um eine Rachbildung des französischen suivicke, das dem Dichter schon in seiner Jugend geläufig wurde. Richt anstößig erscheint uns eine u n widersprochene Behauptung; doch lächeln wir wohl über den Ausspruch eines Volksvertreters: Das widerspreche ich, und auch er würde sich wohl hüten zu sagen: Ich widerspreche dich, und in der Leideform: du wirst widersprochen, statt: dir wird widersprochen Auch die übliche Wendung „sich geschmeichelt fühlen" lätzt sich nur auf schmeicheln mit Wemfall zurückführen: Ein Bild kann ja geschmeichelt hei- ben, aber wir sind doch nicht dreist genug, zu sagen daS Bild schmeichelt dich (statt dir), wenn auch Lessing 1770 in einem Briefe schrieb. ES hat mich geschmeichelt, und im „Jungen Gelehrten" ein Mädchen in einem Atem lagen läßt: Ich bin das erste Mädchen, daS ihm schmeichell und ... daS von ihm geschmeichelt toui. UU j


