Volksbildungstag in Gießen.
Zusammenschluß der ÄolksbildungSvereine im Main-Lahn-Weser-Sebiet.
Auf Einladung der Gesellschaft für Volksbildung in Berlin und des Goethe-Bundes in Giehen fand gestern im Trotzen Hörsaal des AniversitätsgebäudeS eine B o l k s b i l d u n g s- tagung für das Main-Lahn-Wes er- gebiet statt, die von Bereinsvcrtretern und von Freunden der Dolksbildungsarbeit sehr stark besucht war.
3m Anschluh an die Einführungsworte von Dr. Henning (Gietzen/Derlin) brachte Se. Magnifizenz der Rektor der Landes-Universität Prof. Dr. Eger das Interesse der Universität und deren Bereitwilligkeit zur Mitarbeit an den Bolksbildungsbestrebungen $um Ausdruck. Namens des Goethebundes widmete Dr. Alfred Dock der Tagung und ihren Zielen herzliche Worte. Für die Stadt Gietzen sprach Beigeordneter Dr. Hamm, der den Kampf gegen die geistige Berelendung unseres Volkes als ebenso notwendig bezeichnete wie den Kampf gegen den wirtschaftlichen Niedergang, und den Dolksbil- dungsbestrebungen das volle Verständnis der Stadtverwaltung zusagte. Schulrat H a s s i n g e r (Darmstadt) begrützte in seiner Eigenschaft als Referent für das Volksbildungswesen im hessischen Kultusministerium die Tagung und würdigte mit Worten warmer Anerkennung die verdienstvolle Volksbildungsarbeit des Geschäftsführers der Gesellschaft für Volksbildung, Dr. Tews (Berlin). Rektor K a u f m a n n (Gietzen) sprach als 2. Vorsitzender des Hessischen Landes- Lehrervereins und zugleich im Namen des Gießener Lehrervereins, sowie des Stadtschulamtes der Tagungsarbeit beste Wünsche aus, feierte die segensreiche Arbeit von Dr. Tews und wies auf die enge Verbundenheit der Lehrerschaft mit allen Volksbildungsbestrebungen hin.
Nach kurzen Dankesworten von Dr. Henning hielt der Geschäftsführer der Gesellschaft für Volksbildung Dr. Tews, Berlin, einen fesselnden Vortrag über
Gegenwartsfragen der freien Volksbildungsarbeit.
Der Vortragende behandelte in seinen Darlegungen zunächst den Begriff der Erwachsenenbildung und bezeichnete als Schwerpunkt der Dolksbildungsarbeit die Pflege dessen, was allen gemeinsam ist, was alle verbindet. Die verschiedenen Kräfte mühten sich zusammenfinden in der Pflege des Eigenlebens und des Zusammenlebens. Die Aufgabe der Erwachsenenbildung müsse aber richtig gestellt sein. Die Ausbreitung des Wissens dürfe bei der Erwachsenenbildung nicht vergessen werden. Der Redner sprach dann von den Zielen der freien Dolksbildungsarbeit und betonte dabei, bei allem Arbeitseifer dürfe man sich keinen übertriebenen Erwartungen hinsicht- kich des Erfolges hingeben. Der einzige Zweck der freien Volksbildungsarbeit sei, den Menschen als Mensch weiter^uführen, seinen geistigen Besitz zu mehren und ihn zu entwickeln zu einer höheren Gemeinschaft. Die Möglichkeiten dazu seien heute größer geworden, an Bildungsmitteln fehle es nicht, sie mützten nut in richtiger Weise angewandt und ausgenutzt werden. Die freie Volksbildung dürfe nicht nach dem Parteibuch und nach dem Bekenntnis abgestempelt sein. Wer für das Dolksganze arbeite, müsse hinaustreten in bas Volksganze. Nur so könne er fördernd für das große Ziel der freien Dolks«- bildungsarbeit wirken: für gemeinsamen geistigen Besitz, gemeinsames Denken, gemeinsames Wissen, gemeinsames künstlerisches Erleben und darauf aufbauend gemeinsames Volkserziehen. S o sei die freie Volksbildungsarbeit zu betreiben. Der Redner gab seinen Hörern weiter beachtenswerte
Winke über das Vortragswesen, über das Buch in der freien Volksbildungsarbeit und über das Büchereiwesen, Aum Schluß forderte er zu reger Mitarbeit an den großen Aufgabe der freien Volksbildung auf.
Den zweiten Vortrag hielt Dr. Henning, Leiter der Abteilung für Vortragswesen in der Gesellschaft für Volksbildung, über
Volksbildungsarbeit im örtlichen Vortragsoerein und im vezirksoerband.
Der Redner gab für die praktische Volksbil- dungsarbeit wertvolle Fingerzeige. Vor allem empfahl er weitgehendsten Zusammenschluß und engste Fühlungnahme aller am freien Volksbildungswesen beteiligten Personen und Vereine, um Planmäßigkeit und Geschlossenheit in das Vortragswesen hineinzubringen. Notwendig sei die Schaffung eines möglichst dichten Netzes von Vortragsstellen und die Heranziehung aller geistigen und führenden Persönlichkeiten sowohl in den Städten, wie auf dem Lande. Die Darbietungen seien möglichst vielseitig zu gestalten, nicht nur der Geist sei zu bilden, sondern auch an das Gemüt der Besucher müsse herangekommen werden. Sehr zu empfehlen sei der Zusammenschluß von örtlichen Vereinen zu Vortrags-Zweckge- meinschaften und die Schaffung solcher Gemeinschaften über den einzelnen Ort hinaus in der Form eines Vortragsverbandes. Zu diesem Zweck regte der Vortragende am Schlüsse seiner Darlegungen die Gründung eines iln- terverbandes Main-Lahn-Weser im Rahmen der Gesellschaft für Volksvildung an.
An die Vorträge schloß sich eine von zahlreichen Rednern bestrittene
freie Aussprache
an, in der allseits der ernste Wille zu tatkräftiger freier Volksbildungsarbeit zum Ausdruck gebracht und die Zweckmäßigkeit eines organisatorischen Zusammenschlusses der Volksbildungsvereine zwischen Main und Weser anerkannt wurde. Das Ergebnis der Aussprache war
die Gründung eines Unleroerbandes Main- Lahn-Wefer in der Gesellschaft für Volksbildung.
Der Vorstand des Unterverbandes wurde wie folgt zusammengesetzt: Studienrat Dr. K alisch« k (Wiesbaden) als Vorsitzender, Prof. Dr. Schäfer (Friedberg), Dr. Henning (Gietzen- Derlin), Bezirksschulpfleger Möller (Frankfurt am Main), Dr. Dönges (Dillenburg), Schulrat H a s s n g e r (Darmstadt), Reallehrer G u y o t (Darmstadt), Rektor Kaufmann (Gietzen), Haas (Worms), Bickel (Nassau), ferner ein noch zu benennender Vertreter des kurhessischen Lehrerverbandes.
Auftakt im Goethebund.
Gestern nachmittag fanden sich die Mitglieder des Goethebundes und die Vertreter des Volksbildungswesens im Main-Lahn-Wesergeb'.et in der Neuen Aula der Universität ein. Der Goethebund eröffnete mit einem Lichtbildervortrag seine diesjährigenWinterveranstaltungen.
Dr. Iohannes Tews hielt eine kurze Ansprache und betonte u. a., dah es nicht die Aufgabe des Bundes sein könne, lediglich trockenes Wissen zu vermitteln, sondern wesentlich sei, das Wissenswerte mit dem Schönen zu verbinden und damit den Mitgliedern Stunden zu bereiten, die ihren Glanz auch über den Alltag hin zu verbreiten vermöchten.
Im Anschlutz daran hielt Prof. Bastian Schmid, München, einen Vortrag über „5> i e Sprache der Tiere". Er schilderte zunächst in grundsätzlicher Form das Verhältnis des Men-
WlliWei-eiMmii
Vornan von Hans Friedrich.
Urheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
3 Fortsetzung. Nachdruck verboten
„Da du den Beginn der Geschichte weiht, mutz ich wohl auch die Fortsetzung erzählen. Gutenberg hat meinen Vorschlag angenommen. Er ist mit mir im Wagen bis hierher gefahren. Wo er wohnt, Weitz ich nicht. Ich habe ihm verschiedene Quartiere empfohlen. Von hier aus will er sich ins Leben stürzen."
„Unb seine junge Frau?" fragte Ilse interessiert.
„Ist daheim geblieben. Sie will sich für die Dauer seiner Reise gam im Hintergrund halten, um ihm das Gefühl der Isolierung und des Losgelöstseins zu geben."
Franz Strobl hatte sein Glas mit einem hastigen Zug geleert und sah nun mit glänzenden, merkwürdig fiebrigen Augen zu Dr. Berger herüber. In seinem Blick war eine stumme Frage verschlungen.
Frau Ilse hielt die Sache für interessant genug, um sie dem Geiger mit einigen erklärenden Worten mitzuteilen.
„Das ist nämlich eine nicht alltägliche Künstlergeschichte: Der Schriftsteller verläßt seine junge Frau für unbestimmte Zeit, um Stoff für einen Roman zu sammeln. Wissen Sie: Einen, der niedergeschrieben so lebensnah wirkt, daß der Leser überwältigt wird, daß er sich mit eingesponnen wähnt in den Kreislauf des Geschehens!"
„Das kann was Großes werden!" rief Strobl ohne innere Teilnahme, obgleich ihn diese Sache sichtlich aus eine merkwürdige und geheime Art erregte.
Frau Ilse nahm seinen Ausruf für Begeiste-
„<§ic sind auch Künstler. Sie können sich in die Lage des Dichters versetzt fühlen."
Strobl blieb die Antwort schuldig. Sie war vielleicht auch nicht erwartet worden. Die Pflicht rief. Nach einem flüchtigen Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk sprang der Geiger mit einer Entschuldigung auf.
„Die großen Pausen sind beim Publikum nicht sehr beliebt", lächelte er, sich zu den paar Worten zwingend, Unb etwas vorgeneigt: „Haben Sie einen besonderen Wunsch, gnädige Frau?" . v
Sie überlegte kurz, nickte dann.
„Den ungarischen Tanz, den Sie so hinreißend zu spielen verstehen.
Er verbeugte sich, eilte dann durch die Stühle und Tischreihen hindurch zum Podium. Frau
Ilse sah ihm mit einem verlorenen Blick nach.
„Heinz Gutenbergs Opfermut imponiert ihm...“ sagte sie leise, mehr für sich als zu ihrem Gatten.
Der streichelte zärtlich ihre Hand, meinte nachdenklich, ohne Vorwurf: „Das Abkommen mit Gutenberg ist eigentlich nicht für fremde Ohren bestimmt."
Sie überhörte den Einwurf, war im Geiste schon wieder bei der tapferen, kleinen Frau des Dichters.
„Die Not des Schrifttums..." sagte sie mitleidig, noch ehe vorn das Spiel begann.
i „Es ist zwiefache Not —" warf Dr. Berger ein — „materielle und geistige."
Ilse hob den Kopf.
„Versprichst du dir etwas davon?"
Der Doktor sah nachdenklich in sein Glas.
„Gewiß, sonst hätte ich ihm abgeraten."
Ilses Augen waren weit und wissend, als sie sich jetzt auf ihren Mann hefteten.
„Aber du bist trotz allem nicht sehr zuversichtlich ..." behauptete sie.
Er wich ihrem Blick aus. Während Strobls Geige verhalten das einleitende Moderato sang, offenbarte er sich: „Ich bereue den Pakt! Hoffentlich endet alles gut. Ich möchte den Lesern der „Abendpost" nicht einen Roman vorsehen, der beni Autor sein Lebensglück gekostet hat."
Ilse erschrak. Sie verstand: Das Experiment konnte für Gutenberg und für seine junge Frau ein unglückliches Ende finden, wenn während der Trennungszeit Ereignisse eintraten, die autzerhalb jeder Berechnung lagen. Ein erlebter Roman kann zuweilen von sehr nachteiliger Wirkung für seinen Schöpfer sein.
Der ungarische Tanz schlug eine Dresche in olle Nachdenklichkeit. In einem tollen Funkenflug versprühte das Vivace. Strobl holte die Sfor- zandi und Staccati mit gewohnter Meisterschaft heraus, jagte die Achtel, peitschte die Sechzehntel, schuf Kontraste Awischen dem feurigen Rhythmus des ersten und dem „un poco largo“ des zweiten Teils, uni dann über das „piu vivo" zum „da capo“ überzuleiten.
Ilse schwieg, lieh die Mufik der ungarischen Nationalweise wie eine ungestüme Brandung über sich hinstürzen. Es war etwas Erregendes, Ausreizendes in dieser Melodie.
Als der Schlutzakkord verklungen war, fühlte Dr. Berger den Blick seiner Frau auf sich. Ihr Mund schwieg, aber ihre Augen sprachen: «Es wird alles gut werden!"
And das war auch ihr Glaube.
Franz Strobl spielte an diesem Abend mit völliger Hingabe. Sein Instrument hauchte sich die klingende Seele aus dem braun geflammten Leiv, sang und lachte wie ein übermütiges
schen zum Tiere, betonte dabei aber, daß es dem Menschen nie möglich sei, das Tier jemals völlig zu verstehen. Auf Grund seiner Erfahrungen an zahlreichen eigenen Tieren führte der Redner aus, daß das Tier ein instinktiv und teilweise denkend handelnder Genosse des Mensch?n sei, Wohl imstande, auch auf seelische Eindrücke vom Menschen her mehr oder weniger stark zu reagieren. Der Redner lehnte die einem materialistischen Denken entsprungene Anschauung, dos Tier sei eine Maschine, völlig ab, bewies vielmehr, daß viele Tiere nicht nur instinktiv und denkend zu handeln vermögen, sondern auch starke Individualität aufweisen und seelische Kräfte entwickeln können, die allerdings wesentlich verschieden von denen der Menschen sind. Das Tier verfüge außerdem über Lehrfähigkeit, Gedächtnis usw. Der Redner unterstützte diesen Teil seines Vortrages mit einer Reihe von Lichtbildern, die in drastischer Form dos Gesagte unter Beweis stellten. Im zweiten Teil seines Vortrages beschäftigte er sich eingehend mit der Sprache der Tiere und hob hervor, dah sich Tiere unter sich wohl zu verständigen vermöchten. Zum Teil geschehe das durch eine Art Gebärdensprache, (Ameisen, Dienen), anderseits aber auch durch Laute. Weit überschätzt werde jedoch das Vermögen der Tiere, die menschliche Sprache zu verstehen. Man nehme das besonders zu Anrecht von Hunden an. An Hand von photographisch wiedergegebenen Tierlauten (Oszillogrammen) gab Prof. Schmid auch hier eine Reihe entsprechender Aufklärungen.
Die Zuhörer, die den interessanten Ausführungen mit gespannter Aufmerksamkeit folgten, dankten dem Redner mit herzlichem Beifall.
Aus der provinzialhauptstadi.
Gießen, den 13. Oktober 1930.
Oie Fehler der Frau.
Warum fühlt der Mann sich angeblich nicht behaglich zu Hause?
Weil die Frau ihn entweder gar nicht, oder zu gut versteht.
Weil sie für ihn überhaupt nicht sorgt, oder ihn zu Tode bemuttert.
Weil sie sich um das Essen nicht kümmert, oder nichts anderes im Kopf hat, als Küche und Kochen.
Weil sie zu kalt und zurückhaltend ist, oder weil das Feuer ihrer Liebe zu hell brennt.
Weil sie das Geld mit vollen Händen ausgibt, oder weil sie, um zu sparen, rechnet und ein- teilt.
Weil sie zu oft und zu gern ausgeht, oder weil sie es vorzieht, immer zu Hause zu bleiben.
Weil sie sich nicht darum kümmert, ob er seine Rasierklingen am Handtuch abwischt, oder weil sie ihn täglich ermahnt, es nicht zu tun.
*
Weil sie sich Putzt und sicb gern gut anzieht, oder weil sie einen Schönyeitssalon nur dem Namen nach kennt.
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Weil sie zu ernst und zu nachdenklich ist, oder zu viel lacht.
Weil sie die Zeitung zuerst lesen will, oder weil sie sich um alles, was in der Welt vorgeht, gar nicht kümmert.
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Weil sie immer, sorgend und teilnahmsvoll, zu viel nach seinen Geschästen fragt, oder weil sie zu wenig Sinn für diese Dinge hat.
Weil sie ihn nicht allein läßt, oder b^i ganzen Tag um ihn herum ist.
Mädchen oder schluchzte und klagte wie ein weinendes Kind.
Das Publikum war dankbar und spendete lebhaften Beifall.
Der Virtuose sah die lachenden, plaudernden Menschen wie durch einen Schleier. Die Am- welt existierte heute nicht für ihn. Wenn er sein Bestes und Letztes im Spiel gab, so war dies nur ein quellender Aeberflutz aus seinem In- ftrutnent heraus.
Immer wieder mußte er an Heinz Gutenberg und seine junge, da heimgebliebene Frau denken. And da war auch wieder die Erinnerung auf- geloht wie ein Fanal. Vor mehr als zwei Iahren mutzte er, das verbummelte Genie, dem Streber und Schaffenden weichen. — Trude, die begabte Pianistin, die gleich ihm am Leipziger Konservatorium studierte, hatte dem Schriftsteller Gutenberg die Hand fürs Leben gereicht.
Seit jener Zeit war die Wunde nicht verheilt. And an jedem Abend spielte er im Rahmen seiner Kaffeehaus- oder Hotelkonzerte auch mindestens eins der Stücke, die er damals mit der Sku- diengenossin geübt hatte.
Heute hatte Dr. Berger die schmerzlich glückhafte Erinnerung an die braunlockige Gertrud wieder geweckt, ohne es zu wissen.
Trude allein!
Ob sie noch so schön war wie damals? Ob sie das Haar noch so wie ein Page trug? Ob ihre Augen noch so lieb und auch so stolz blicken konnten?
Auf so viele Fragen war die Antwort fällig. Dor allem: War sie glücklich in ihrer Ehe mit Heinz Gutenberg?
Ihm zuliebe hatte sie damals die Studien vorzeitig abgebrochen. Vielleicht bereute sie es im Laufe der Iahre, die sie an den Schriftsteller verlor?
Gärende Anruhe siedete in des Geigers Dlut, trübte ihm das Auge, schärfte sein Ohr. And in fünf Tagen ging sein Engagement hier zu Ende! Eigentlich wollte er anschließend zwei oder drei Wochen pausieren. Aber nun--Diese Erwä
gungen traten nun plötzlich in den Vordergrund und bekamen im Zusammenhang mit der Tatsache, dah Trude allein war, erhöhte Dedeu- tung.
4.
„Wenn das so weitergeht, brauche ich keinen Pfennig Fahrgeld!" dachte Heinz Gutenberg, als er in Sölden vom Soziussitz stieg. Erdmute Hansen hatte ihn von Garmisch mitgenommen. Es war eine herrliche Fahrt über Mittenwald, Innsbruck, dann im Inntal auf der Chaussee neben der Arlbergbahn aufwärts bis zur Oetz, die nun neben ihnen rauschte und toste. Auf der schmalen Stratze über holprige Drücken, manchmal durch Felstunnel, führte die Malerin ihr Rad mit der Sicherheit einer geübten Sportlerin. Die Ma-
Weil sie gern einen Hund haben möchte, oder keine Tierliebe hat.
*
Weil sie nicht verstehen kann, daß er durch Vereine zu viel Verpflichtungen hat, abends auszugehen, oder weil sie das allzu leicht einsieht und kein Wort . dazu sagt. *
Weil sie manchmal weinen kann, oder weil sie so unweiblich ist, nie Tränen zu finden.
Weil sie sich mit keiner Nachbarin vertragen kann, oder sich mit jedermann gleich anfreunden' muß.
Du wirst, liebe Schwester, diese kleine Aufzählung noch reichlich ergänzen können und wirst die ewige Wahrheit des Wortes erkennen: Wie man's macht, ist's falsch! M. A.
Oer Buchdrucker-Beruf.
Die alte schöne Kunst Gutenbergs, die sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem hochangesehenen Gewerbe entwickeln konnte, erfreute sich wegen ihrer vielseitigen Entwicklungsmöglichkeit schon immer besonderen Zuspruchs der Jungen, die bei ihrer Schulentlassung vor der Wahl eines Berufes standen. Und mit Recht: denn das Buchdruckgewerbe bietet nicht nur begabten Volks- und Realschülern eine auskömmliche Lebensexistenz, sondern es ist bei Ausübung des Berufes auch reichliche.Gelegenheit geboten, umfassendes Wissen auf fast allen Gebieten zu erreichen. In den letzten Jahrzehnten hat das Buchdruckgewerbe einen ungeahnten Aufschwung, auch nach der kunstgewerblichen Seite, genommen.
Im Buchdruckgewerbe besteht schon seit vielen Jahren ein Reichslohntarif, der auf alle Berufs- i angehörige Anwendung findet und die Arbeitsbedingungen in sachlich einwandfreier Weise regelt. Eine vierjährige Ausbildung der Lehrlinge ist bei der Menge des zu bewältigenden Lehrstoffes und der technischen Handfertigkeit, die bis zu einem bestimmten Durchschnittsmah erreicht werden muß, unbedingt erforderlich. Den Abschluß dieser Lehrzeit bildet die gesetzlich vorgeschriebene Gehilfenprüfung, von deren Erfolg die Zulassung zur Meisterprüfung vom 24. Lebensjahr an abhängig ist. Die Tätigkeit des Buchdruckers ist reich an Anregung und gibt Veranlassung zur freudigen Anteilnahme an der Arbeit selbst. Verstand und Geist, Seele und Gemüt kommen gleicherweise zu ihrem Rechte, denn selbst- schöpferisch können unter der Hand des Gehilfen Gebilde entstehen, die in Form und Farbe den ewigen Gesetzen der Schönheit und des guten Geschmacks entsprechen. Mit der Ausbildung in der Werkstatt geht die auf die Bedürfnisse des Gewerbes gerichtete Berufsschule Hand in Hand. Hier findet die Erziehung zum ßebeft ihre Ergänzung durch praktischen und theoretischen Unterricht, der alle Gebiete des gewerblichen Wissens umfaßt.
Mögen diese Zeilen dazu dienen, Eltern und Vormünder zu dem Entschluß zu bringen, die ihnen an« vertrauten Zöglinge, die Ostern 1931 die Schule verlassen, gesund und begabt sind, einem Gewerbe zuzuführen, das auf eine jahrhundertalte Tradition mit Stolz blicken darf, aus dem angesehene Männer des öffentlichen Lebens hervorgegangen sind und dessen Ziele und Absichten am schönsten in den alt« ehrwürdigen Worten zum Ausdruck kommen: „Gott grüß die Kunst!"
Anmeldungen können erfolgen bei der Bezirksgeschäftsstelle des Deutschen Buchdrucker-Vereins E. D., Bezirk Gießen, Gnauthstraße 24.
Außenlandung eines Verkehrsflugzeugs.
Am Samstag muhte die Iunkers-Grotz- Verkehrs-Flugmaschine b 24 der Strecke Frankfurt—Köln wegen schlechten Wetters eine Außenlandung bei Ufingen vornehmen. Die Landung verlief glatt. Die vier Passagiere! der Flugmaschine wurden mittels Kraftwagens nach der nächsten Bahnstation Ufingen gebracht und fetzten von dort aus ihre Reise mit der Bahn fort. Infolge schlechten Geländes ist es schine zog tadellos durch und überwand alle Steigungen mit Leichtigkeit. Nur einmal hätte Erdmute beinahe die Geduld verloren.
In Innsbruck war ein Dowdenzug gerissen und in einer Reparaturwerkstatt ein neuer ein- gezogen worden. Natürlich zu lang, wie sich nach halbstündiger Fahrt zeigte. Bei der ersten geringfügigen Steigung öffnete sich die Drosselklappe am Vergaser nicht weit genug, und der Motor schaffte es nicht.
Man stieg ab.
„Was nun? Hier bekommen wir weit und breit keinen Fachmann. And wieder zurück? Schade um die schöne Zeit!" sprach Erdmute mit sich selbst.
Sie rückte am Gashebel, beobachtete gleichzeitig die Wirkung auf den Vergaser. Dann schimpfte sie: „Das ist eine Schlamperei! Wenn ich wieder nach Innsbruck komme, werde ich den Leuten gehörig Descheid sagen!"
Nun griff ihr Begleiter ein. Gutenberg hatte schon mehrfach Fahrten mit einem Freunde gemacht und kannte die Wirkungsweise der Maschine.
„Ich will versuchen, dem Schaden abzuhelfen", sagte er ohne Aufregung und schraubte am Vergaser. Im Werkzeugkasten fand sich glücklicherweise ein Stückchen Bindedraht. Den wickelte er kunstgerecht au einem Knebel zwischen Drosselklappe und Kabelende. Dadurch wurde die Gas- offnung zum Motor vergrößert, und das Hebel war behoben.
Die Sportlerin lachte befreit.
„Bravo, Herr Gutenberg, Sie haben sich verdient gemacht!" '
Er wehrte bescheiden ab.
„Das war so einfach, dah es nicht der Rede wert ist."
Da lachte Erdmute noch mehr.
„Am so schlimmer für mich, dah ich mir nicht zu helfen wuhte!" And bekennend: „3a, das haben wir Frauen mit den Herrenfahrern gemeinsam. Wir können wohl steuern, aber bei Störungen an der Maschine sind wir hilflos wie ein Baby."
Dann weiter! Wenn Gutenberg die Landschaft nicht bewunderte, hing sein Blick am Nacken Erdmutes. Unter der roten Baskenmütze quoll das goldockerfarbene Haar wie eine seidenweiche Mähne hervor, bauschte sich an den Ohren zu fünftem Schwung.
Der Haaransatz erinnerte Heinz an Trude. Ihr fuhr er so gern mit der Hand über das im Nacken ganz kurz geschnittene Haar und hatte dabei stets das angenehme Gefühl, ein seidiges Fellchen zu streicheln.
Er muhte ein Lächeln unterdrücken. Solche Zärtlichkeiten durfte er sich Trude gegenüber erlauben, aber nicht bei Erdmute...
Verrückte Idee! Wie er nur darauf kommen konnte! (Fortsetzung folgt)


