wie weit er mit denen gehen kann, die den konservativen Gedanken in der neuen Zeit weitertragen wollen in schöpferischer Gestaltung und für das politische Tages- und Zukunftswerk.
Verschobene Einigungsverhandlung
Die Aktion des Ministers Treviranus.
Berlin, 12. Aug. Für Dienstag nachmittag war eine Unterredung zwischen dem Reichsminister Trevira nus als Führer der Konservativen Bolkspartei, dem wirtschastsparteilichen Führer Sachscnberg und dem oolksparteilichen Führer Dr. Scholz geplant. Es war beabsichtigt, zu un« tersuchen, ob nicht doch die Grundlage zu einem gemeinsamen Wahlaufruf dieser Gruppen gegeben sei und ob sich vielleicht später im Reichstag eine gemeinsame Fraktions- b i l d u n g ermöglichen ließe. Wie wir erfahren, ist diese Unterredung verschoben worden, und zwar hat Minister Treviranus die Einladungen noch nicht herausgehen lassen, weil er einstweilen noch mit anderen Aufgaben allzu stark beschäftigt ist.
Es hat sich nicht feststellen lassen, ob nicht auch andere Gründe für diese Verschiebung maßgebend gewesen sind. Obwohl in Berliner politischen Kreisen vielfach die Aussichten dieser Aktion des Ministers Treviranus nicht ungünstig beurteilt werden, dürfen dock die sachlichen Gegengründe nicht unterschätzt werden, die gegen eine so beschränkte Sammlungsaktion sprechen. Auf der einen Seite be- stehen gewisse Bindungen zwischen der Konservativen Bolkspartei und der Landvolkpartei, die ihrerseits wieder auf eine Erweiterung des parlamentarischen Bündnissystems keinen Wert legt. Auf der anderen Seite ist die Deutsche Bolkspartei geneigt, künftig die Brücken zur Staats- Partei nicht abzubrechcn. Gegen einen gemein- ffirnen Wahlaufruf würden allerdings kaum solche Bedenken geltend gemacht werden können.
Aus dem Wahlkampf.
Die Ortsgruppe Kassel der Volksnatio- nalenReichsvereinigung und der 3ung* deutsche Orden in Kassel begrüßten einstimmig in einer Entschließung die Gründung der Deut-
Getäuschte Erwartungen.
Keine deutsche Entschuldigung in Paris.
Berlin, 12. Aug. (ERB.) „Matin" konstruiert aus einer Unterredung, die zwischen dem franzö- fischen Außenminister B r i o n d und dem deutschen Botschafter v. Hoesch stattgefunden hat, die angebliche Tatsache, daß der Botschafter v. Hoesch nicht verfehlt habe, die Wirkung der Rede des Reichsministers für die besetzten Gebiete, Treviranus, abzuschwächen. Andere Zeitungen wollen sogar wissen, daß sich der Botschafter für die Rede entschuldigt habe. Wie wir hierzu von unterrichteter Seite hören, ist es vollkommen falsch, anzunehmen, daß der deutsche Botschafter Weisungen hatte, sich zu entschuldigen. Wohl ist in der Unterredung auch die Rede von Treviranus gestreift worden. Der französische Außenminister hat auf die Rede hingewiesen, aber weder im Tone der Kritik noch der Beschwerde. Der deutsche Botschafter v. Roesch hat es daraufhin nicht für nötig gehalten, auf die Einzelheiten der Rede näher emzugehen.
Römisches Echo.
Frankreich über die wahre Lage nicht im Bilde.
Rom, 12. Aug. (211.) In der italienischen Presse findet die Rede des Ministers Treviranus besondere Beachtung. Die „Tribun a" widmet ihren Leitartikel dem Eindruck, den die Rede in Frankreich hervorgerufen hat und erklärt, Frankreich zeige sich immer wieder überrascht von der Haltung Deutschlands, weil die Franzosen sich durchaus kein klares Bild von der wahren Lage Deutschlands machen wollten. Es sei hohe Zeit, endlich einzusehen, wie die Dinge eigentlich lägen. Deutschland, obwohl keineswegs von kriegerischem Geiste beseelt, zeige deutlich, daß es nicht mehr gewillt sei, die Fesseln des Bersailler Dertrages zu dulden, es verlange die Gleichberechtigung mit den anderen Staaten. Wenn England auch den status quo billige, so sei es doch keineswegs geneigt, der französischen Hegemonie- Politik beizustehen. Italien habe nie einen Schritt getan, um Frankreich eine ohnehin schwierige Situation noch zu erschweren. Es w c i- gere sich aber nach wie vor, Frankreich bei einer unzweckmäßigen Politik Flankenschutz zu bieten. Man solle in Frankreich nicht fort» fahren, andauernd llebcrraschtsein zu simulieren, sondern man solle sich bemühen, die richtige Einstellung zur gegebenen Lage endlich zu finden. Wenn Frankreich das bereits getan hätte, würde Minister Treviranus seine Rede wohl gar nicht gehalten haben.
Konservative Volkspartei und Staatsform.
Berlin, 12. Aug. (ERB.) Im Pressedienst der Konservativen Bolkspartei nimmt ihr erster Vorsitzender, Minister Treviranus, Stellung zu den Aeußerungen des Grafen Westarp über Konservative Volkspartei und Monarchie. Die Frage der Staatsform spielt für die Arbeit der Konser- vatioen Dolkspartei n i ch t die Rolle, die ihr von anderen Kreisen zugeschrieben wird. Es geht den konservativen Kräften hauptsächlich um die nächstliegende Aufgabe des gesunden Staatsaufbaues schlechthin, und auch Graf Westarp bekennt, daß unser wichtiges Gedankengut sich nicht in dem monarchischen Gedanken erschöpft, der sich für ihn aus dem preußischen und deutschen Konservatismus ergibt. Unser „rückhalt- llUes und loyales Bekenntnis zu einer aufrich- Hg produktiv und schöpferisch gestal- 1 e t e» Mitarbeit a n unserem Staat" ist euch das (einige. Das ist das Krankhafte' an der heutigen Zeit, daß das Trennende hervor- gekehrt werden soll und das Verbindende gering geschätzt wird. Wir handeln just umgekehrt, lassen dem einzelnen politischen Menschen bei uns die Freiheit, nach seinem Gewissen darüber zu entscheiden und selbst zu bestimmen,
Das Handwerk
Berlin, 12. Aug. (211.) Eine Gruppe der Handwerkerbünde im Reichsverband des deutschen Handwerks richtete als die vom Reichsverband des deutschen Handwerks mit der Wahrnehmung der politischen Interessen des Berufsstandes beauftragte Organisation namens des gesamten deutschen Handwerks nachstehende Erklärung an die politischen Parteien, soweit sie auf dem Boden der Privatwirtschaft und des Privateigentums stehen:
„(Entgegen der Erfahrung, daß der Verfall der Mittelschicht das Verderben jeden Volkes ist, ist in der Rachkriegszeit die schwerste wirtschaftliche Schädigung und eine weitgehende Zersetzung der deutschen Mittelschicht betrieben und zugelassen worden. Die Schutzmittel, welche die Verfassung des Deutschen Reiches in ihrem Artikel 164 gegen lleber- taftung und Aufsaugung des Mittelstandes vorsieht, sind von den gesetzgebenden Körperschaften nicht beachtet und angewendet worden. Schuld hieran trägt zum größten Teile das heutige parlamentarische System. Bei dem hiernach jeweils erforderlichen parteipolitischen Ausgleich zur Erlangung einer politischen Mehrheit sind die Belange des deutschen Mittelstandes nach dem Grundsatz der Heber- |
im Wahlkampf.
Windung des geringsten Widerstandes a m e h e st e n außer acht gelassen oder gar preisgegeben worden. Gestützt auf diese Erfahrungen wendet sich das deutsche Handwerk mit größtem Ernste an diejenigen politischen Parteien, die den Schuh privater Wirtschaf tsf üh- rting nach dem Grundsatz der Selbständigkeit und Selb st Verantwortung und bürgerlicher Kultur- und Persönlichkeitswerte in ihr Programm ausgenommen haben. Dem einseitigen Partei- Interesse muß die notwendige Rücksicht aus die deutsche Volksgemeinschaft und ihre bisher arg vernachlässigten Glieder des deutschen Mittelstandes übergeordnet werden. Die lähmende Zersplitterung der bürgerlichen Parteien muß beseitigt werden. Wo ein Zusammenschluß möglich und zweckmäßig ist, muß er mit allen Kräften durchgeführt werden. Der Bedeutung des deutschenHcmd- werks für die Erhaltung eines gesunden deut- schen Volkes ist durch 'Anerkennung und Erfüllung der programmatischen berufsständischen Forderungen des Handwerks Rechnung zu tragen. Das deutsche Handwerk wird seinerseits mit allem Rachdruck seine Angehörigen zur Beteiligung an den Wahlen anhalten."
Der Kommunistenaufstand in China.
Tschangischa wieder in den Händen der Kommunisten?
London, 12. Aug. (TU.) Nach einer Reutermeldung aus Nanking ist gegenwärtig jede Verbindung zwischen Nanking und der kürzlich durch die Regierungstruppen zurückeroberten Stadt Tschang- t s ch a unterbunden. Nach der Wiederbesetzung Tschangtschas durch die Reaierungstruppen trafen in Nanking in regelmäßigen Zwischenräumen Nachrichten ein. In den letzten Tagen sind diese jedoch aus- geblieben, was in Nanking zu Besorgnis Anlaß gibt. Auch verschiedene drahtlose Signale von Nanking aus blieben unbeantwortet. Man fürchtet daher, daß die Stadt erneut in d i e Hände der Kommuni st en gefallen sein könnte. Die Kommunisten hatten bei der Räumung von Tschang- tscha eine große Anzahl ihrer Anhänger in Zivil- kleidung zurückgelassen. Man nimmt nun an, daß diese nach dem Einmarsch der Regierungstruppen in Tschangischa einen neuen Angriff auf die Stadt unternommen haben. Nach in Tokio eingetroffenen Nachrichten soll die Stadt H a n k a u von kommunistischen Truppen besetzt worden fein. Nach heftigen Kämpfen seien die Kommunisten bereits am Montaanachmittag bis dicht vor die Stadt vorgedrungen. Darauf hätten die Re- gierungstruppen die Stadt kampflos geräumt. Große Teile der Bevölkerung sollen mit
den Regierungstruppen geflohen fein. Vor Hankau liegen jetzt 29 amerikanische und englische, 9 japanische, 4 französische und 1 italienisches Kriegsschiff vor Anker, um die Sicherheit der Auslände r zu gewährleisten. Der amerikanische General- konsul in Hankau berichtet, daß sich der amerika- Nische katholische Bischof in Kan tschau in außerordentlicher Gefahr befinde. Kantschau sei v o n d e r roten Armee e i n g e s ch l o s s e n, und infolge der kürzlich erfolgten Zurückziehung der Truppen der Nationalregierung seien der Bischof und die anderen Fremden bedroht. Der Generalkonsul ver- handele mit den chinesischen Ortsbehörden über die flucht der Fremden. Acht Krankenschwestern seien aus Kantschau in Kanton angekommen. Der durch den Kommunisteneinfall in Tschangischa an beut- f cf) e m (Eigentum angerichtete Schaden erweist sich geringer als anfänglich befürchtet wurde. Nach bisherigen Feststellungen find nur eine Firma und das Haus der Liebenzeller Mission ausgeplündert worden. Die Warenlager anderer deutscher Firmen, insbesondere die bedcu- tenden Farbenniederlagen, sind größtenteils u n • versehrt, ebenso sind die Wohnungen der Deut- I schen auf der Insel vor Tschangischa verschont ge- 1 blieben.
schenDtaatspartek. — Da nach einem Ab- kommen mit der Demokratischen Partei diese den Spitzenkandidaten für den Wahlkreis Hessen-Rassau stellt, wählte die Versammlung für die zweite Stelle der Liste der Deutschen Staatspartei Hauptmann a. D. St oh ner, Arolsen. Diese Kandidatur hat bereits die Zustimmung der ü b r i g e n Ortsgruppen der Volksnationalen Reichsvereinigung in Hessen-Rassau gefunden.
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Generalober st a. D. von Seeckt wird als Spitzenkandidat der Deutschen Volks- Partei im Wahlkreis 10 (Magdeburg-Aichalt) kandidieren. Verhandlungen zwischen der Parteileitung und dem Generalobersten haben zu einer völligen Hebe reinst immung in allen politischen Fragen geführt. Die endgültige Rominierung Seeckts wird am 17. August stattfinden.
Die Konservative Volkspartei, Wahlkreis Baden, wird General v. Lettow- V o r b e ck als Spitzenkandidaten für Baden auf- steklen. An zweiter Stelle der Liste steht der langjährige Führer des Iungnationalen Bundes, Dr. Walter Kayser. -__
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3n einer Besprechung zwischen Vertretern früherer Hochschulgruppen der Deutschen Volks- Partei, dem Ring jungdeutscher Studentengemeinschaften und dem Reichsbund demokratischer Studenten ist beschlossen worden, den „Akademischen G e m e i n s ch a f ts r i n g der Deutschen Staatspartei" zu gründen.
Kleine politische Nachrichten.
Reichspräsident v. Hindenburg empfing Samstag mittag den Besuch des zur Zeit in Berlin weilenden Königs Faisal vom Irak, der von seinem persönlichen Adjutanten sowie von seinem Kabinettschef begleitet war. An den Empfang schloß sich ein Frühstück, an dem u. a. die Reichsminister Dietrich und G r o e - ner, die Staatssekretäre v. Bülow, Dr. Trendelenburg und Dr. Meißner, Ministerialdirektor de Haas, Legationsrat Graf Tattenbach teilnahmen.
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Reichspräsident von Hindenburg traf in Begleitung seines Sohnes, Oberstleutnant von Hindenburg, Dienstagvormittag mit dem fahrplanmäßigen Berliner Zug in München ein. Der Vertreter des Reiches, Gesandter Dr. Hantel von Haimhausen, und Polizeipräsident Koch empfingen den Reichspräsidenten, der sich kurze Zeit mit den Herren unterhielt und sich dann zum Kraftwagen begab, der ihn nach Dietramszell brachte. Als der Reichspräsident der auf dem Platz an der Dayerstraße harrenden vieltausendköpfigen Menge sichtbar wurde, erschollen brausende Hochrufe, die den Wagen begleiteten, bis er den Blicken entschwand.
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Der Bruder des Kaisers von Japan, Prinz Takamatsu trifft mit seiner Gemahlin zu einem achttägigen Besuch in Deutschland ein. Das prinzliche Paar wird, von Holland kommend, sich zunächst nach Bremen begeben. Am Freitag erfolgt die Weiterreise nach Q3 e r - l i n. Von Berlin aus begeben sich der Prinz und seine Gemahlin nach Stockholm, jedoch verlautet, daß der Prinz später nach Deutschland zurückzukehren und hier insbesondere wirtschaftliche und industrielle Anlagen zu besichtigen gedenkt.
Im Prozeß gegen den nationalsozialistischen Abgeordneten Dr. G o e b b e l s wegen Beleidigung des preußischen Ministerpräsidenten bestritt Goebbels, sich der Beleidigung schuldig gemacht zu haben. Er habe nur dem Reichskanzler a. D. Dauer Korruption vorgeworfen. Während die Ueberwachungsbe- amten bestätigten, daß der Rame Braun gefallen sei, konnten die Entlastungszeugen nichts Genaues aussagen. Der Staatsanwalt beantragte neun Monate Gefängnis. Das Gericht sprach den Angeklagten frei.
3« der porzellanmannfakinr des „Alten Fritz".
Von Liesbet Dill.
In der ehemals Königlichen Porzellanmanufaktur zu Berlin steht auf einem Regal eine zerbrochene türkisblaue Schokoladentasse mit goldener »Inschrift: „Eternel Attachement"... Der Geber und die Beschenkte sind lange tot und die Tasse ists nun auch Sie stammte aus dem Anfang der Fabrik, die Friedrich der Große 1763 gekauft fjattc und um die er sich sehr kümmerte, in der er seine Tafelservice bestellte und durch Lob und Kritik die Leistungen der Meister anspornte... Sie liegt abseits, hinter dem Bahnhof Tiergarten, in einer stillen Sackgasse. Der hier Ordnung haltende Schupo hat den Ramen noch nie gehört. „Wer kann denn auch all die Fabriken in Berlin kennen?" meint er...
In den Höfen lagern Berge von Porzellanscherben und in den Hallen graue Hügel von Kaolin, das aus der Gegend von Halle bezogen wird, von Quarz und Feldspan... „Eintritt verboten'' steht auf den Türen. Rur ausnahmsweise offnen sich diese verschlossenen Pforten. In einer Muhle wird das Material gemahlen, Räder klappern^ Arbeiter, Backtröge, alles ist wie mit bedeckt. Das harte Material fühlt sich klebrig an. Im Rebenraum, der aussieht wie eine Waschküche, wird das Kaolin, das dem Porzellan das glasig Durchsichtige verleiht, geschlemmt. Die geschlemmte Tonerde schwimmt in Bottichen und flieht in die Klärbassins. Trübes Licht fallt durch blaue Fensterscheiben. Auf dem stehenden Ton bilden sich wunderliche, grüne Sumpfpflanzen. Man geht durch den Mischraum wo das Material vermischt wird, durch dunkle' wanne Gänge steigt man in die Kellergewölbe' wo die Filterpressen warten und weihbestaubte Gehilfen den Ton in Backtrögen verarbeiten kneten und mischen, wie den Kuchenteig in einer Bäckerei.
Unter schweren Maschinen liegt der dicke Porzellanteig, die Luft wird aus dem nassen Ton gepreßt, bis Wasser und Luft heraus sind. An den Töpferscheiben, die der Arbeiter mit dem Fuß bewegt, sitzen die Arbeiter und formen die Gefäße. Seit Urzeiten ist diese Töpferscheibe im Gebrauch. Etwas besseres ist noch nicht erfunden. Die Arbeiter schaffen im Akkord. Spezialität der Fabrik sind Kunstgegenstände, verdient wird am meisten an der Massenfabrikation, zum Beispiel
Telegraphenhütchen usw.... Man sieht, wie sie in den großen, heißen Oefen gebacken werden. Arbeiter begegnen uns, die Bretter poll Tassen aus dem Kopse in die Glasur tragen. Dort wird das geformte Porzellan in die Glasur eingetaucht, wozu große Geschicklichkeit gehört, damit sie tadellos glatt herauskommen. In der „Formerei" ist gerade ein Arbeiter im weihen Kittel dabei, einem Porzellanhund die Perlchen auf das Halsband zu setzen, mit feinen Stäbchen... Andere schneiden die Frucht- und Kuchenkörbe aus.
Jeder Arbeiter hat sich auf seinem Platz die Bilder der Frau, vom Elternhaus, Andenken aus dem Krieg, aus Schützengräben und von Kameraden aufgebaut... In den Malateliers werden die Farben gemischt, da sitzen die Künstler, zeichnen Blumen nach der Ratur, Wappen und Sprüche hängen an den Wänden... Blumentöpfe stehen da. Der Former mangelt seinen Teig, der auf Backbrettern wie Pastetenteig aus- gerollt und in die Saucierenform gelegt wird. Dann kommt der Brennprozeh. Die harte Por- zellanmasse wird in dem Etagenbackofen gebrannt. In Schuhkapseln stehen die Gegenstände in den Oefen.
Sie bleiben ungefähr 16 Stunden in der Glut, kommen dann in die Glasurenbottiche und dann nochmals in den Ofen. In einem Raum warten geduldig Ziegen und ruhende Schafe, Elefanten und Rinder, Goethe und Schiller, Germanias und Venusse, schlanke reitende Dianen und listige Faune auf die Glasur... Im Hof steht noch die alte Tiergartenmühle, ein vergessenes Idyll mitten in der Großstadt.
Das schönste Service ist das erste Tafelservice das sich Friedrich der Grohe bestellte und das entzückende bunte lustige „Vogelservice", das für die Königin Luise auf der Pfaueninsel gemacht wurde ... Diese alten Service und Tassen werden heute wieder als Musterstücke genommen und nachgemacht. Sie sind leider nur etwas kost- 'prelig. Zum Beispiel die historischen Tassen die Konigin-Luise-Tassen. die Kölner Oahrtau- send-^asse die Friedrich-der-Grohe-Tasse. Diese Rantaten laßt man sich bezahlen ...Es werden ja auch nicht viele davon gemacht und man hat in feiner Vitrine ein seltenes Stück. Das Kur- ^derservice" mit den reizenden Feldblumen, ein Tafelservice, das Friedrich Wilhelm III. für seine junge Frau, Prinzessin Luise, hier bestellte, ein urkisfarbiges Dchokoladenservice, hochbeinige Bouillon- und „Schwanentassen", alte Sövres- blaue Deckeltassen, — welche Geschichte mögen
sie haben ... Sprüche hängen da: „Es kommt der Tag, da wird die Sonne finster wie ein schwarzes Tuch" ...
Es gibt auch zurückgestelltes Porzellan, mit für den Laien kaum sichtbaren Flecken in der Malerei oder Bruchstellen. In dem „Musterzimmer" sieht man köstliche Biedermeiertassen mit gefühlvollen Sprüchen ... Rosentassen, „Sie blühen für Dich und bitten für mich". „Wintertassen", mit glattgemalten Schlittschuhläufern, „Parzentassen", „O, spinne noch lange", mit Silhouette der Dame, der man sie geschenkt ... Tafelservice für fünftausend Mark sind keine Seltenheit, ebenso Mokkatassen für 27 Mark. Potpourrivasen mit preußischen Adlern auf dem Deckel. Ein reizendes historisches Service „das Tulpenservice". Ein „Brüleparfurn" aus dem Salon einer vornehmen Dame von 1770.
Ein wichtiger Raum ist die Bibliothek, hier findet der Porzellankenner alles, was ungefähr jemals über Porzellane geschrieben wurde... Reihen von Büchern bis an die Decke, mit Illustrationen und Kupferstichen gefüllte Mappen, mit althistorischen Malereien. Alle Originalbefehle Friedrich des Großen über den Fabrikbetrieb sind hier aufbewahrt. Es war einst die Konkurrenz für Meißen.... Die Blumenmalerei hatte im 18. Jahrhundert ihren Gipfel erreicht. Originalstücke aus Sanssouci und dem Hohen- zollernmuseum stehen da.
In den Goldpvlierateliers wird die letzte Arbeit getan, das Porzellan gerändert, das Gold noch einmal im Backofen gebrannt und die verkühlte Tasse ist endlich — durch wieviel Hände ist sie gegangen? — fertig. Das Vergolden ist der letzte Prozeß.
Im obersten Stock sieht man in Glasvitrinen das gelbe, reich vergoldete Prunktafelservice Friedrich des Großen und das später ziemlich allgemein gewordene „Granatapfelmuster", fälsch- lich „Zwiebelmuster" genannt, weil man früher hier den Granatapfel nicht kannte, das „Wickenservice" aus Schloß Paretz, sinnig, naiv, charmant. ... Zwischen all diesen historischen Servicen steht ein modernes Porzellan, das einst zu den historischen zählen wird. Das „Sowjetporzellan", plump, düster, mit dem züngelnden roten russischen Drachen, sehr ernst für einen Salon zur Teestunde. Im Hinausgehen lese ich auf einer friedericianischen Deckeltasse aus „seiner Fabrik":
„Arbeitsvoll war Dein Leben, Kein Taa ohne Thaten, Kein Jahr ohne Lorbeer»»^
Gießener Gtaviiheaier.
Ladislaus Fodor: „Die Füllfeder".
Der „Betrieb" eines Wiener GhescheidungS- spezialisten — die Leute sollen heutzutage nicht nur in Wien überlastet sein. Sein 195. ..Fall": die eigene Ehe: das Indizium: ein FüUfeder- halter, von der Gattin Dem Manne zum Geburtstag erstanden und deshalb hartnäckig verleugnet. Aber die unmoderne Ehe des sich txon Den Ehetorheilen anderer Zeitgenossen nährenden Rechtsanwalts ist auf Wahrheit aufgebaut, die erste Lüge, das erste Verschweigen führt seiner Ansicht nach in den Abgrund, den er aus den früheren 194 Fällen genügsam kennt. Daß efl bei ihm nicht ganz so schlimm kommt, verrät schon auf dem Theaterzettel die etwas hochgegriffene Bezeichnung „Lustspiel" für eine zwar drei Akte füllende, aber keineswegs eigenartige -Unterhaltung über das in allen Tonarten abgedroschene Thema „eheliche Treue". Der Verfasser hat es ängstlich vermieden, sich in geistige Unkosten zu stürzen und etwa zu Dem alten Refrain eine neue Melodie zu erfinden. Selbst für die Sommersaison fast zu viel Der Anspruchslosigkeit.
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Bleibt die Feststellung, daß unter Fassots Spielleitung flott gespielt wurde. Jochen Hauer als tüchtiger Rechtsanwalt. Der in eigener Sache mit mathematischer Genauigkeit Daneben tapple, tat zur sinnfälligen Unterstreichung von Rervosi- tät und Ueberarbeitung fast des Guten zu viel an stereotypen Gesten. Seine gescheitere Frau, Maria Koch, sehr klug, sehr witzig, ganz grande dame, die über der Situation steht. Heinrich Hub als Architekt Rundt und Hilde Schwend als Frau Lilly, ein biederes Ehepaar ohne Aspirationen, Eduard Wese ner, ein flotter kleiner Don Juan, dem man seine Chancen beim schönen Geschlecht aufs Wort glaubt. Karl Bruck als Privatdetektiv Punsch fällt die ehrenvolle Aufgabe zu, in Sprach und Aufmachung das Wiener Lokalkolorit zu vertreten; er entledigt sich ihrer mit Dem erforöer- lichen Schmalz. Marianne Mewes, Die Frau, Die in Die Gegenwart paßt, keck und ohne mizeit- gemäßes Sentiment. Schließlich noch Friedrich Zingel, Beatrice Doering und Ilse Jahn in kleineren Rollen. Das Publikum schien sich gut zu unterhalten. —e.


