Ausgabe 
13.8.1930
 
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wie weit er mit denen gehen kann, die den kon­servativen Gedanken in der neuen Zeit weitertragen wollen in schöpferischer Gestaltung und für das politische Tages- und Zukunftswerk.

Verschobene Einigungsverhandlung

Die Aktion des Ministers Treviranus.

Berlin, 12. Aug. Für Dienstag nachmittag war eine Unterredung zwischen dem Reichsminister Trevira nus als Führer der Konservativen Bolkspartei, dem wirtschastsparteilichen Führer Sachscnberg und dem oolksparteilichen Führer Dr. Scholz geplant. Es war beabsichtigt, zu un« tersuchen, ob nicht doch die Grundlage zu einem gemeinsamen Wahlaufruf dieser Gruppen gegeben sei und ob sich vielleicht später im Reichstag eine gemeinsame Fraktions- b i l d u n g ermöglichen ließe. Wie wir erfahren, ist diese Unterredung verschoben worden, und zwar hat Minister Treviranus die Einladungen noch nicht herausgehen lassen, weil er einstweilen noch mit anderen Aufgaben allzu stark beschäftigt ist.

Es hat sich nicht feststellen lassen, ob nicht auch andere Gründe für diese Verschiebung maß­gebend gewesen sind. Obwohl in Berliner politischen Kreisen vielfach die Aussichten dieser Aktion des Ministers Treviranus nicht ungünstig beurteilt wer­den, dürfen dock die sachlichen Gegengründe nicht unterschätzt werden, die gegen eine so beschränkte Sammlungsaktion sprechen. Auf der einen Seite be- stehen gewisse Bindungen zwischen der Konser­vativen Bolkspartei und der Landvolkpartei, die ihrerseits wieder auf eine Erweiterung des par­lamentarischen Bündnissystems keinen Wert legt. Auf der anderen Seite ist die Deutsche Bolkspartei geneigt, künftig die Brücken zur Staats- Partei nicht abzubrechcn. Gegen einen gemein- ffirnen Wahlaufruf würden allerdings kaum solche Bedenken geltend gemacht werden können.

Aus dem Wahlkampf.

Die Ortsgruppe Kassel der Volksnatio- nalenReichsvereinigung und der 3ung* deutsche Orden in Kassel begrüßten einstimmig in einer Entschließung die Gründung der Deut-

Getäuschte Erwartungen.

Keine deutsche Entschuldigung in Paris.

Berlin, 12. Aug. (ERB.)Matin" konstruiert aus einer Unterredung, die zwischen dem franzö- fischen Außenminister B r i o n d und dem deutschen Botschafter v. Hoesch stattgefunden hat, die an­gebliche Tatsache, daß der Botschafter v. Hoesch nicht verfehlt habe, die Wirkung der Rede des Reichsministers für die besetzten Gebiete, Trevi­ranus, abzuschwächen. Andere Zeitungen wol­len sogar wissen, daß sich der Botschafter für die Rede entschuldigt habe. Wie wir hierzu von unterrichteter Seite hören, ist es vollkommen falsch, anzunehmen, daß der deutsche Botschafter Weisungen hatte, sich zu entschuldigen. Wohl ist in der Unterredung auch die Rede von Treviranus gestreift worden. Der französische Außenminister hat auf die Rede hingewiesen, aber weder im Tone der Kritik noch der Beschwerde. Der deutsche Botschafter v. Roesch hat es daraufhin nicht für nötig gehalten, auf die Einzelheiten der Rede näher emzugehen.

Römisches Echo.

Frankreich über die wahre Lage nicht im Bilde.

Rom, 12. Aug. (211.) In der italienischen Presse findet die Rede des Ministers Treviranus besondere Beachtung. DieTribun a" widmet ihren Leitartikel dem Eindruck, den die Rede in Frankreich hervorgerufen hat und erklärt, Frankreich zeige sich immer wieder überrascht von der Haltung Deutschlands, weil die Fran­zosen sich durchaus kein klares Bild von der wahren Lage Deutschlands machen wollten. Es sei hohe Zeit, endlich ein­zusehen, wie die Dinge eigentlich lägen. Deutsch­land, obwohl keineswegs von kriegerischem Geiste beseelt, zeige deutlich, daß es nicht mehr ge­willt sei, die Fesseln des Bersailler Dertrages zu dulden, es verlange die Gleichberechti­gung mit den anderen Staaten. Wenn Eng­land auch den status quo billige, so sei es doch keineswegs geneigt, der französischen Hegemonie- Politik beizustehen. Italien habe nie einen Schritt getan, um Frankreich eine ohnehin schwierige Situation noch zu erschweren. Es w c i- gere sich aber nach wie vor, Frankreich bei einer unzweckmäßigen Politik Flankenschutz zu bieten. Man solle in Frankreich nicht fort» fahren, andauernd llebcrraschtsein zu simulieren, sondern man solle sich bemühen, die richtige Einstellung zur gegebenen Lage end­lich zu finden. Wenn Frankreich das bereits getan hätte, würde Minister Treviranus seine Rede wohl gar nicht gehalten haben.

Konservative Volkspartei und Staatsform.

Berlin, 12. Aug. (ERB.) Im Pressedienst der Konservativen Bolkspartei nimmt ihr erster Vor­sitzender, Minister Treviranus, Stellung zu den Aeußerungen des Grafen Westarp über Konser­vative Volkspartei und Monarchie. Die Frage der Staatsform spielt für die Arbeit der Konser- vatioen Dolkspartei n i ch t die Rolle, die ihr von anderen Kreisen zugeschrieben wird. Es geht den konservativen Kräften hauptsächlich um die nächstliegende Aufgabe des gesunden Staatsaufbaues schlechthin, und auch Graf Westarp bekennt, daß unser wichtiges Gedanken­gut sich nicht in dem monarchischen Gedanken er­schöpft, der sich für ihn aus dem preußischen und deutschen Konservatismus ergibt. Unserrückhalt- llUes und loyales Bekenntnis zu einer aufrich- Hg produktiv und schöpferisch gestal- 1 e t e» Mitarbeit a n unserem Staat" ist euch das (einige. Das ist das Krankhafte' an der heutigen Zeit, daß das Trennende hervor- gekehrt werden soll und das Verbindende gering geschätzt wird. Wir handeln just um­gekehrt, lassen dem einzelnen politischen Menschen bei uns die Freiheit, nach seinem Gewissen darüber zu entscheiden und selbst zu bestimmen,

Das Handwerk

Berlin, 12. Aug. (211.) Eine Gruppe der Handwerkerbünde im Reichsverband des deut­schen Handwerks richtete als die vom Reichs­verband des deutschen Handwerks mit der Wahr­nehmung der politischen Interessen des Berufs­standes beauftragte Organisation namens des gesamten deutschen Handwerks nachstehende Er­klärung an die politischen Parteien, soweit sie auf dem Boden der Privatwirtschaft und des Privateigentums stehen:

(Entgegen der Erfahrung, daß der Verfall der Mittelschicht das Verderben jeden Volkes ist, ist in der Rachkriegszeit die schwerste wirtschaftliche Schädigung und eine weitgehende Zersetzung der deutschen Mittelschicht betrieben und zugelassen worden. Die Schutzmittel, welche die Verfassung des Deut­schen Reiches in ihrem Artikel 164 gegen lleber- taftung und Aufsaugung des Mittelstandes vor­sieht, sind von den gesetzgebenden Körperschaften nicht beachtet und angewendet worden. Schuld hieran trägt zum größten Teile das heutige parlamentarische System. Bei dem hier­nach jeweils erforderlichen parteipoliti­schen Ausgleich zur Erlangung einer poli­tischen Mehrheit sind die Belange des deutschen Mittelstandes nach dem Grundsatz der Heber- |

im Wahlkampf.

Windung des geringsten Widerstandes a m e h e st e n außer acht gelassen oder gar preis­gegeben worden. Gestützt auf diese Erfahrungen wendet sich das deutsche Handwerk mit größtem Ernste an diejenigen politischen Parteien, die den Schuh privater Wirtschaf tsf üh- rting nach dem Grundsatz der Selb­ständigkeit und Selb st Verantwor­tung und bürgerlicher Kultur- und Persönlichkeitswerte in ihr Programm ausgenommen haben. Dem einseitigen Partei- Interesse muß die notwendige Rücksicht aus die deutsche Volksgemeinschaft und ihre bisher arg vernachlässigten Glieder des deutschen Mittel­standes übergeordnet werden. Die läh­mende Zersplitterung der bürger­lichen Parteien muß beseitigt wer­den. Wo ein Zusammenschluß möglich und zweck­mäßig ist, muß er mit allen Kräften durchge­führt werden. Der Bedeutung des deutschenHcmd- werks für die Erhaltung eines gesunden deut- schen Volkes ist durch 'Anerkennung und Er­füllung der programmatischen berufsständischen Forderungen des Handwerks Rechnung zu tra­gen. Das deutsche Handwerk wird seinerseits mit allem Rachdruck seine Angehörigen zur Be­teiligung an den Wahlen anhalten."

Der Kommunistenaufstand in China.

Tschangischa wieder in den Händen der Kommunisten?

London, 12. Aug. (TU.) Nach einer Reutermel­dung aus Nanking ist gegenwärtig jede Verbindung zwischen Nanking und der kürzlich durch die Re­gierungstruppen zurückeroberten Stadt Tschang- t s ch a unterbunden. Nach der Wiederbesetzung Tschangtschas durch die Reaierungstruppen trafen in Nanking in regelmäßigen Zwischenräumen Nachrich­ten ein. In den letzten Tagen sind diese jedoch aus- geblieben, was in Nanking zu Besorgnis An­laß gibt. Auch verschiedene drahtlose Signale von Nanking aus blieben unbeantwortet. Man fürchtet daher, daß die Stadt erneut in d i e Hände der Kommuni st en gefallen sein könnte. Die Kommunisten hatten bei der Räumung von Tschang- tscha eine große Anzahl ihrer Anhänger in Zivil- kleidung zurückgelassen. Man nimmt nun an, daß diese nach dem Einmarsch der Regierungs­truppen in Tschangischa einen neuen Angriff auf die Stadt unternommen haben. Nach in Tokio ein­getroffenen Nachrichten soll die Stadt H a n k a u von kommunistischen Truppen besetzt worden fein. Nach heftigen Kämpfen seien die Kom­munisten bereits am Montaanachmittag bis dicht vor die Stadt vorgedrungen. Darauf hätten die Re- gierungstruppen die Stadt kampflos ge­räumt. Große Teile der Bevölkerung sollen mit

den Regierungstruppen geflohen fein. Vor Hankau liegen jetzt 29 amerikanische und englische, 9 japa­nische, 4 französische und 1 italienisches Kriegsschiff vor Anker, um die Sicherheit der Auslän­de r zu gewährleisten. Der amerikanische General- konsul in Hankau berichtet, daß sich der amerika- Nische katholische Bischof in Kan tschau in außer­ordentlicher Gefahr befinde. Kantschau sei v o n d e r roten Armee e i n g e s ch l o s s e n, und infolge der kürzlich erfolgten Zurückziehung der Truppen der Nationalregierung seien der Bischof und die an­deren Fremden bedroht. Der Generalkonsul ver- handele mit den chinesischen Ortsbehörden über die flucht der Fremden. Acht Krankenschwestern seien aus Kantschau in Kanton angekommen. Der durch den Kommunisteneinfall in Tschangischa an beut- f cf) e m (Eigentum angerichtete Schaden erweist sich geringer als anfänglich befürchtet wurde. Nach bisherigen Feststellungen find nur eine Firma und das Haus der Liebenzeller Mis­sion ausgeplündert worden. Die Warenlager anderer deutscher Firmen, insbesondere die bedcu- tenden Farbenniederlagen, sind größtenteils u n versehrt, ebenso sind die Wohnungen der Deut- I schen auf der Insel vor Tschangischa verschont ge- 1 blieben.

schenDtaatspartek. Da nach einem Ab- kommen mit der Demokratischen Partei diese den Spitzenkandidaten für den Wahlkreis Hessen-Rassau stellt, wählte die Versamm­lung für die zweite Stelle der Liste der Deut­schen Staatspartei Hauptmann a. D. St oh ner, Arolsen. Diese Kandidatur hat bereits die Zu­stimmung der ü b r i g e n Ortsgruppen der Volks­nationalen Reichsvereinigung in Hessen-Rassau gefunden.

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Generalober st a. D. von Seeckt wird als Spitzenkandidat der Deutschen Volks- Partei im Wahlkreis 10 (Magdeburg-Aichalt) kandidieren. Verhandlungen zwischen der Partei­leitung und dem Generalobersten haben zu einer völligen Hebe reinst immung in allen politischen Fragen geführt. Die endgültige Rominierung Seeckts wird am 17. August stattfinden.

Die Konservative Volkspartei, Wahlkreis Baden, wird General v. Lettow- V o r b e ck als Spitzenkandidaten für Baden auf- steklen. An zweiter Stelle der Liste steht der langjährige Führer des Iungnationalen Bun­des, Dr. Walter Kayser. -__

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3n einer Besprechung zwischen Vertretern früherer Hochschulgruppen der Deutschen Volks- Partei, dem Ring jungdeutscher Studentengemein­schaften und dem Reichsbund demokratischer Stu­denten ist beschlossen worden, denAkademi­schen G e m e i n s ch a f ts r i n g der Deut­schen Staatspartei" zu gründen.

Kleine politische Nachrichten.

Reichspräsident v. Hindenburg emp­fing Samstag mittag den Besuch des zur Zeit in Berlin weilenden Königs Faisal vom Irak, der von seinem persönlichen Adjutanten sowie von seinem Kabinettschef begleitet war. An den Empfang schloß sich ein Frühstück, an dem u. a. die Reichsminister Dietrich und G r o e - ner, die Staatssekretäre v. Bülow, Dr. Tren­delenburg und Dr. Meißner, Ministerialdirek­tor de Haas, Legationsrat Graf Tattenbach teil­nahmen.

Reichspräsident von Hindenburg traf in Begleitung seines Sohnes, Oberstleutnant von Hindenburg, Dienstagvormittag mit dem fahrplanmäßigen Berliner Zug in München ein. Der Vertreter des Reiches, Gesandter Dr. Hantel von Haimhausen, und Polizeipräsident Koch empfingen den Reichspräsidenten, der sich kurze Zeit mit den Herren unterhielt und sich dann zum Kraftwagen begab, der ihn nach Dietramszell brachte. Als der Reichspräsi­dent der auf dem Platz an der Dayerstraße harrenden vieltausendköpfigen Menge sichtbar wurde, erschollen brausende Hochrufe, die den Wagen begleiteten, bis er den Blicken entschwand.

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Der Bruder des Kaisers von Japan, Prinz Takamatsu trifft mit seiner Gemahlin zu einem achttägigen Besuch in Deutschland ein. Das prinzliche Paar wird, von Holland kommend, sich zunächst nach Bremen begeben. Am Freitag erfolgt die Weiterreise nach Q3 e r - l i n. Von Berlin aus begeben sich der Prinz und seine Gemahlin nach Stockholm, jedoch ver­lautet, daß der Prinz später nach Deutschland zurückzukehren und hier insbesondere wirtschaft­liche und industrielle Anlagen zu besichtigen gedenkt.

Im Prozeß gegen den nationalsozialistischen Abgeordneten Dr. G o e b b e l s wegen Belei­digung des preußischen Minister­präsidenten bestritt Goebbels, sich der Be­leidigung schuldig gemacht zu haben. Er habe nur dem Reichskanzler a. D. Dauer Korruption vorgeworfen. Während die Ueberwachungsbe- amten bestätigten, daß der Rame Braun ge­fallen sei, konnten die Entlastungszeugen nichts Genaues aussagen. Der Staatsanwalt bean­tragte neun Monate Gefängnis. Das Gericht sprach den Angeklagten frei.

3« der porzellanmannfakinr desAlten Fritz".

Von Liesbet Dill.

In der ehemals Königlichen Porzellanmanu­faktur zu Berlin steht auf einem Regal eine zer­brochene türkisblaue Schokoladentasse mit gol­dener »Inschrift:Eternel Attachement"... Der Geber und die Beschenkte sind lange tot und die Tasse ists nun auch Sie stammte aus dem Anfang der Fabrik, die Friedrich der Große 1763 gekauft fjattc und um die er sich sehr kümmerte, in der er seine Tafelservice bestellte und durch Lob und Kritik die Leistungen der Meister anspornte... Sie liegt abseits, hinter dem Bahnhof Tiergarten, in einer stillen Sackgasse. Der hier Ordnung haltende Schupo hat den Ramen noch nie gehört. Wer kann denn auch all die Fabriken in Berlin kennen?" meint er...

In den Höfen lagern Berge von Porzellan­scherben und in den Hallen graue Hügel von Kaolin, das aus der Gegend von Halle bezogen wird, von Quarz und Feldspan...Eintritt ver­boten'' steht auf den Türen. Rur ausnahmsweise offnen sich diese verschlossenen Pforten. In einer Muhle wird das Material gemahlen, Räder klappern^ Arbeiter, Backtröge, alles ist wie mit bedeckt. Das harte Material fühlt sich klebrig an. Im Rebenraum, der aussieht wie eine Waschküche, wird das Kaolin, das dem Porzellan das glasig Durchsichtige verleiht, ge­schlemmt. Die geschlemmte Tonerde schwimmt in Bottichen und flieht in die Klärbassins. Trübes Licht fallt durch blaue Fensterscheiben. Auf dem stehenden Ton bilden sich wunderliche, grüne Sumpfpflanzen. Man geht durch den Mischraum wo das Material vermischt wird, durch dunkle' wanne Gänge steigt man in die Kellergewölbe' wo die Filterpressen warten und weihbestaubte Gehilfen den Ton in Backtrögen verarbeiten kneten und mischen, wie den Kuchenteig in einer Bäckerei.

Unter schweren Maschinen liegt der dicke Por­zellanteig, die Luft wird aus dem nassen Ton gepreßt, bis Wasser und Luft heraus sind. An den Töpferscheiben, die der Arbeiter mit dem Fuß bewegt, sitzen die Arbeiter und formen die Gefäße. Seit Urzeiten ist diese Töpferscheibe im Gebrauch. Etwas besseres ist noch nicht erfunden. Die Arbeiter schaffen im Akkord. Spezialität der Fabrik sind Kunstgegenstände, verdient wird am meisten an der Massenfabrikation, zum Beispiel

Telegraphenhütchen usw.... Man sieht, wie sie in den großen, heißen Oefen gebacken werden. Arbeiter begegnen uns, die Bretter poll Tassen aus dem Kopse in die Glasur tragen. Dort wird das geformte Porzellan in die Glasur einge­taucht, wozu große Geschicklichkeit gehört, damit sie tadellos glatt herauskommen. In derFor­merei" ist gerade ein Arbeiter im weihen Kittel dabei, einem Porzellanhund die Perlchen auf das Halsband zu setzen, mit feinen Stäbchen... Andere schneiden die Frucht- und Kuchenkörbe aus.

Jeder Arbeiter hat sich auf seinem Platz die Bilder der Frau, vom Elternhaus, Andenken aus dem Krieg, aus Schützengräben und von Kameraden aufgebaut... In den Malateliers werden die Farben gemischt, da sitzen die Künst­ler, zeichnen Blumen nach der Ratur, Wappen und Sprüche hängen an den Wänden... Blu­mentöpfe stehen da. Der Former mangelt seinen Teig, der auf Backbrettern wie Pastetenteig aus- gerollt und in die Saucierenform gelegt wird. Dann kommt der Brennprozeh. Die harte Por- zellanmasse wird in dem Etagenbackofen gebrannt. In Schuhkapseln stehen die Gegenstände in den Oefen.

Sie bleiben ungefähr 16 Stunden in der Glut, kommen dann in die Glasurenbottiche und dann nochmals in den Ofen. In einem Raum warten geduldig Ziegen und ruhende Schafe, Elefanten und Rinder, Goethe und Schiller, Germanias und Venusse, schlanke reitende Dianen und listige Faune auf die Glasur... Im Hof steht noch die alte Tiergartenmühle, ein vergessenes Idyll mitten in der Großstadt.

Das schönste Service ist das erste Tafelservice das sich Friedrich der Grohe bestellte und das entzückende bunte lustigeVogelservice", das für die Königin Luise auf der Pfaueninsel gemacht wurde ... Diese alten Service und Tassen werden heute wieder als Musterstücke genommen und nachgemacht. Sie sind leider nur etwas kost- 'prelig. Zum Beispiel die historischen Tassen die Konigin-Luise-Tassen. die Kölner Oahrtau- send-^asse die Friedrich-der-Grohe-Tasse. Diese Rantaten laßt man sich bezahlen ...Es werden ja auch nicht viele davon gemacht und man hat in feiner Vitrine ein seltenes Stück. Das Kur- ^derservice" mit den reizenden Feldblumen, ein Tafelservice, das Friedrich Wilhelm III. für seine junge Frau, Prinzessin Luise, hier bestellte, ein urkisfarbiges Dchokoladenservice, hochbeinige Bouillon- undSchwanentassen", alte Sövres- blaue Deckeltassen, welche Geschichte mögen

sie haben ... Sprüche hängen da:Es kommt der Tag, da wird die Sonne finster wie ein schwarzes Tuch" ...

Es gibt auch zurückgestelltes Porzellan, mit für den Laien kaum sichtbaren Flecken in der Ma­lerei oder Bruchstellen. In demMusterzimmer" sieht man köstliche Biedermeiertassen mit gefühl­vollen Sprüchen ... Rosentassen,Sie blühen für Dich und bitten für mich".Wintertassen", mit glattgemalten Schlittschuhläufern,Parzen­tassen",O, spinne noch lange", mit Silhouette der Dame, der man sie geschenkt ... Tafelservice für fünftausend Mark sind keine Seltenheit, ebenso Mokkatassen für 27 Mark. Potpourrivasen mit preußischen Adlern auf dem Deckel. Ein reizendes historisches Servicedas Tulpenservice". Ein Brüleparfurn" aus dem Salon einer vornehmen Dame von 1770.

Ein wichtiger Raum ist die Bibliothek, hier findet der Porzellankenner alles, was ungefähr jemals über Porzellane geschrieben wurde... Reihen von Büchern bis an die Decke, mit Illu­strationen und Kupferstichen gefüllte Mappen, mit althistorischen Malereien. Alle Original­befehle Friedrich des Großen über den Fabrik­betrieb sind hier aufbewahrt. Es war einst die Konkurrenz für Meißen.... Die Blumenmalerei hatte im 18. Jahrhundert ihren Gipfel erreicht. Originalstücke aus Sanssouci und dem Hohen- zollernmuseum stehen da.

In den Goldpvlierateliers wird die letzte Ar­beit getan, das Porzellan gerändert, das Gold noch einmal im Backofen gebrannt und die ver­kühlte Tasse ist endlich durch wieviel Hände ist sie gegangen? fertig. Das Vergolden ist der letzte Prozeß.

Im obersten Stock sieht man in Glasvitrinen das gelbe, reich vergoldete Prunktafelservice Friedrich des Großen und das später ziemlich allgemein gewordeneGranatapfelmuster", fälsch- lichZwiebelmuster" genannt, weil man früher hier den Granatapfel nicht kannte, dasWicken­service" aus Schloß Paretz, sinnig, naiv, char­mant. ... Zwischen all diesen historischen Ser­vicen steht ein modernes Porzellan, das einst zu den historischen zählen wird. DasSowjet­porzellan", plump, düster, mit dem züngelnden roten russischen Drachen, sehr ernst für einen Salon zur Teestunde. Im Hinausgehen lese ich auf einer friedericianischen Deckeltasse aussei­ner Fabrik":

Arbeitsvoll war Dein Leben, Kein Taa ohne Thaten, Kein Jahr ohne Lorbeer»»^

Gießener Gtaviiheaier.

Ladislaus Fodor:Die Füllfeder".

DerBetrieb" eines Wiener GhescheidungS- spezialisten die Leute sollen heutzutage nicht nur in Wien überlastet sein. Sein 195. ..Fall": die eigene Ehe: das Indizium: ein FüUfeder- halter, von der Gattin Dem Manne zum Ge­burtstag erstanden und deshalb hartnäckig ver­leugnet. Aber die unmoderne Ehe des sich txon Den Ehetorheilen anderer Zeitgenossen nährenden Rechtsanwalts ist auf Wahrheit aufgebaut, die erste Lüge, das erste Verschweigen führt seiner Ansicht nach in den Abgrund, den er aus den früheren 194 Fällen genügsam kennt. Daß efl bei ihm nicht ganz so schlimm kommt, verrät schon auf dem Theaterzettel die etwas hochgegriffene BezeichnungLustspiel" für eine zwar drei Akte füllende, aber keineswegs eigenartige -Unterhal­tung über das in allen Tonarten abgedroschene Themaeheliche Treue". Der Verfasser hat es ängstlich vermieden, sich in geistige Unkosten zu stürzen und etwa zu Dem alten Refrain eine neue Melodie zu erfinden. Selbst für die Som­mersaison fast zu viel Der Anspruchslosigkeit.

Bleibt die Feststellung, daß unter Fassots Spielleitung flott gespielt wurde. Jochen Hauer als tüchtiger Rechtsanwalt. Der in eigener Sache mit mathematischer Genauigkeit Daneben tapple, tat zur sinnfälligen Unterstreichung von Rervosi- tät und Ueberarbeitung fast des Guten zu viel an stereotypen Gesten. Seine gescheitere Frau, Maria Koch, sehr klug, sehr witzig, ganz grande dame, die über der Situation steht. Hein­rich Hub als Architekt Rundt und Hilde Schwend als Frau Lilly, ein biederes Ehe­paar ohne Aspirationen, Eduard Wese ner, ein flotter kleiner Don Juan, dem man seine Chancen beim schönen Geschlecht aufs Wort glaubt. Karl Bruck als Privatdetektiv Punsch fällt die ehrenvolle Aufgabe zu, in Sprach und Aufmachung das Wiener Lokalkolorit zu ver­treten; er entledigt sich ihrer mit Dem erforöer- lichen Schmalz. Marianne Mewes, Die Frau, Die in Die Gegenwart paßt, keck und ohne mizeit- gemäßes Sentiment. Schließlich noch Friedrich Zingel, Beatrice Doering und Ilse Jahn in kleineren Rollen. Das Publikum schien sich gut zu unterhalten.e.