Ausgabe 
13.1.1930
 
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Nr. 10 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, 13. Januar ltz30

ZehnZahreMurpoliiik in derAeienStadlSarW

Von Senator Dr. Dr.-Ing. e. h. Strunk, Danzig.

Am 10. Januar sind 10 Jahre verflossen, bah Danzig von Deutschland losgerissen und zur Freien Stadt erklärt wurde. Wir haben den Verfasser der folgenden Aus­führungen, der während dieser 10 Jahre ununterbrochen die Senatsabteilung für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung ge­leitet hat, um eine Rückschau über die kulturvolitischen Leistungen Danzigs ge­beten, in denen sich die geistige Verbun­denheit mit Deutschland am sinnfälligsten ausdrückt.

Kulturpolitik und allgemeine Staatspolitik sind eng verbunden. Der moderne Staat mühte, wie Professor Schreiber einmal richtig bemerkt hat, vor anderen Forderungen des politischen Lebens der staatlichen Kulturpolitik einen ge­wissen Primat zuerkennen, da nicht nur die Rechts- und Sozialpolitik von kulturellen Grund- vorstellungcn beherrscht wird, sondern bei der zunehmenden Dersitll chung der StaatZidee auch andere Zweige der Staatspolitik kulturelle Ar­beitsmotive in sich bergen. Diese Forderung gilt im besonderen für die Freie Stadt Danzig, die als ein kleines deutsches Staatswesen außer­halb der Geborgenheit und Sicher- heitder deutschenRepublit dafür Sorge tragen muh. dah die Kulturpolitik, dieser Wesens­ausdruck eines deutschen Kulturstaates, dauernd im Einklang mit der allgemeinen Politik stehen muh.

Ja, die «Erfolge der Danziger Kulturpolitik erhalten erst und festigen die Grundlagen des Daseins der Freien Stadt Danzig, die nach der im Jahre 1919 abgegebenen Erklärung der alliier­ten und assoziierten Mächte darum nicht der neuen polnischen Republik zugeteilt, sondern mit staatlicher E'genexistenz bedacht wurde, weil die große Mehrheit der Bevölkerung deutsch war und ist. Dah sie dies auch in Zukunft sein kann, muß die Kulturpolitik verbürgen. Aus diesem Zusammenhang ergibt sich von selbst die große einheitliche kulturpolitische Linie, die in den 10 Jahren des Bestehens des Freistaats innegehalten worden ist: Erhaltung und Stärkung des deutschen Charakters dadurch, dah die deutschen Danziger mit allen anderen Deutschen öie große Einheit des deutschen Geistes, die über die staatlichen Grenzen hinausgehende Gemeinschaft der deutschen Kulturnation bilden. Geistige Vereinzelung, geistige Abtrennung würde die große Gefahr einer Abseitsentwicklung Danzigs mit sich bringen: dies kann nur durch Aus­tausch, Verkehr, Zusammenschluß verhindert werden.

Gröhe Politik braucht als Hintergrund und Reserve große Kultur. Für sie zu wirken unb zu schaffen, ist die Pflicht der Danziger Kultur­politik. Das Grenzland müßte auch kulturell reicher gerüstet sein als das Dinnenvolk, um feine schwierige Aufgabe als deutsches Vor­feld erfüllen zu können. Heutzutage besteht hier ein bedauerliches Mißverhältnis, das bald aus­geglichen werden mußte. Wie ost muß notge­drungen wichtigen kulturellen Anforderungen ein Rein entgegengesetzt werden, weil die Finanz- krast des Freistaates zu schwach ist, um sie zu erfüllen.

Danzigs Kulturpolitik und Kulturleistung iönncn nicht bloß vom Danziger Standpunkt aus betrachtet werden, denn sie wirken über die Danziger Staatsgrenzen hinaus in den Dan­ziger Umkreis und in öie Staaten des Ostens als ein Sprachrohr der gesamt­deutschen Kulturströmung, als ein geistiger Fackel­träger. Die kulturellen Gegensätze, die hier an dem Schnittpunkt widerstreitender Interessen seit Jahrhunderten immer von neuem mehr oder we­niger heftig zusammenstohen, sind nicht Strei­tigkeiten kleineren ilmfangd und Wesens, durch

die das deutsche Dinnenvolk häufig schon in Erregung verseht wird, sondern sind Kämpfe verschiedener Kulturen um Macht, Geltung und Ansehen.

Für den gesamten deutschen Rordosten dies­seits der Grenzen der Republik Polen ist das hervorstechendste kulturpolitische Charakteristikum der letzten 10 Jahre ein lebhaftes und ernstes Bemühen, mit der großen Kulturbewegung in älebereinstimmung zu bleiben. Die räumliche Trennung, die staatspolitische Reuordnung, der Verlust mancher Verbindungen und Zusammen­hänge sind schließlich doch keine geistige Scheide­wand, sie haben die Dynamik der kulturellen Ein­heitsbewegung nicht gemindert, sondern eher ge­stärkt. Cs ist bei allem Unglück, das über uns gekommen ist, als ein Glück zu betrachten, daß eine strenge Rotwendigkeit allen Deutschen in der Freien Stadt Danzig diesen erhabenen kul­turpolitischen Gedanken auferlegte, der auch dem einfachsten Mann verständlich war und ist. Cs leuchtet hier jedem ein, daß der Glaube an eine glücklichere Zukunft Danzigs die Forderung an alle einschlieht, mit allen Kräften für Danzigs Deutschtum zu wirken. Und wie auch die freistaatlichen Regierungen zusammen­gesetzt waren, wie verschieden auch die Kultur­programme der politischen Parteien sind, wie unterschiedlich auch die praktischen Möglichkeiten zur Verwirklichung der kulturpolitischen Ziele waren, in der Kulturpolitik fand man eine Gelegenheit der Zusammenarbeit, ein gemein­sames Ideal: Wenn Danzig auch nicht mehr ein Teil des Deutschen Reiches ist, so bleibt es doch ein Glied des deutschen Volkskörvers, es gibt zwar eine Danziger Staatsangehörigkeit, aber e s gibt keine Danziger Ratio­nalität. Von diesem Gedanken aus geleitet, wurde die Kulturpolitik mit folgerichtiger Strenge stets als etwas Ganzes aufgefaßt, so daß sie nicht in verschiedenartige Schul-, Hochschul-, Kir­chen- oder Kunstpolitik auseinanderfiel. Dazu kommt die freie Dildungsarbeit der Vereine, von denen sich mehrere mit Erfolg der Pflege deut­schen Volkstums in Sitte und Brauch, Mundart und Tracht, Kunst und Arbeit widmeten.

Da sich als Ergebnis einer solchen Kultur­politik bis heute ergab, daß die kulturelle Lage im allgemeinen gesund und hosfnungsfreudig war, konnten Senat und Volkstag sich auch zu einer gerechten und loyalen Kulturpolitik gegen­über der polnischen Minderheit be­kennen, der durch die Danziger Verfassung und den Vertrag von Versailles und seine Ausfüh­rungsverträge eine freie Entfaltung ihrer volks­tümlichen Kräfte verbürgt worden war. Allmäh­lich bauten die Polen neben dem deutschen Kul­turlager ein neues polnisches Kultur- lager auf, das sich im großen und ganzen auf die polnische Regierung und auf die in Danzig weilenden zahlreichen Auslandpolen stützte. Diese Tatsachen, die für die Zukunft große Ge­fahren in sich bergen, verschlechtern die Danziger Kulturbilanz.

Die Freie Stadt Danzig beteiligte sich in viel­facher Hinsicht gern an den Bestrebungen, die eine geistige Zusammenarbeit und eine bessere Verständigung aller Völker bezwecken und fügte dadurch zu ihrer Kulturpolitik nationaler Art eine solche universalistischer Art, die belebt wurde durch den Besuch zahlreicher Ausländer und mehrere nationale Kongresse in Danzig. Eine solche Haltung entspricht auch der tief ver­ankerten Stellung Deutschlands zur Weltkultur.

Gelähmt wurde die freie Entfaltung der kultu­rellen Bewegung häufig dadurch, daß der Frei­staat mehrere finanzielle Krisen (Hoch- inflation, Sturz der Zolleinnahmen, Dölker- bundsanleihe) durchmachen mußte, die sich er­klärlicherweise ungünstig auf die Kulturetats des Staates und der Gemeinden auswirkte. Mancher Gedanke wurde durch die Rot der Zeit schon im

Keim erstickt, manche hoffnungsvoll begonnene Entwicklung mußte jäh abgebrochen werden. Die Last, die der Freien Stadt Danzig in kultureller Hinsicht zu tragen auferlegt worden ist, ist so schwer, dah sie auf die Dauer kaum wird getra­gen werden können: ich verweise beispielsweise nur auf den großen Zuschuß, den die 400 000 Einwohner des Staates zur Erhaltung und Weiterentwicklung unserer vor 25 Jahren durch den preußischen Staat gegründeten Techni­schen Hochschule auszubringen haben. Dieser finanzpolitische Vorbehalt, den ich notgedrungen bei der sonst optimistischen Darstellung der Dan­ziger Kulturpolitik zu machen habe, hängt eng mit der seit einigen Jahren immer ungünstiger werdenden wirtschaftlichen und politischen Lage des Freistaates zusammen und darf darum bei der Beurteilung der gesamten Lage nicht außer acht gelassen werden. Aber mit Genugtuung und Stolz haben sich trotz allem alle deutschen Dan­ziger das Wort zu eigen gemacht, das kürzlich der Präsident des Danziger Volkstages bei einem Gedenktage aussprach:Wir öürfen zweifelsfrei feststellen, daß die deutschen Danziger in voller Kulturverbundenheit mit De utsch- land geblieben sind." Eine Kulturpolitik, die dieses Ergebnis gehabt hat, ist es wert, über das nun abgelaufene Dezennium hinaus kraftvoll weitergeführt zu werden.

Oberheffen.

Friedberger Kreistag.

tz Friedberg, 11.Jan. Zur heutigen ersten Sitzung des neuen Kreistages waren die 30 Kreistagsmitglieder vollzählig erschienen. Kreisdirektor Rechthien hob in seiner Er­öffnungsansprache hervor, dah der abgelaufene Kreistag außerordentlich sachliche Arbeit geleistet habe, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß bei allen Meinungsverschiedenheiten auch weiterhin im Interesse des Kreises und seiner Bevölkerung nach denselben Gesichtspunkten gearbeitet werde. Der Kreisdirektor konnte ferner mitteilen, dah die finanzielle Lage des Kreises ge­sund sei und dah keinerlei kurzfristige Verpflichtungen beständen. Der Redner zeichnete kurz die Aufgaben des neuen Kreistags, die vorwiegend auf dem Gebiete der Sozialfür­sorge liegen. Die Aufwertungen seien auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen zurückgestellt bis zur endgültigen Regelung durch das Reich.

Rachdem acht Mitglieder des Kreistags neu verpflichtet waren, erfolgte die Wahl des Kreisausschusses. Der Kreistag setzt sich zusammen aus 13 Sozialdemokraten, 1 Kommu­nist, 4 Zentrum, 1 Demokraten, 2 Deutsche Volks­partei, 1 Evang. Volksgemeinschaft, 1 Mittel­standspartei und I Deutschnationale und Hessi­scher Landbund. Für die Wahl des Kreisaus- schusses waren drei Giften eingereicht. Davon erhielten Stimmen: Sozialdemokraten 13, Zen­trum 5 und Vereinigten Vorschlag des Landbun­des, der Volkspartei und der Evang. Volksge- meinschast 11, ungültig war 1 Stimme. Die Sitze im neuen Kreisausschuh verteilen sich wie folgt: 3 Sozialdemokraten. 1 Zen­trum. 2 Landbund. Der Kreistag erklärte die Wahl des Kreisausschusses gegen die kommu­nistische Stimme für gültig.

Landkreis Gießen.

U Großen-Linden. 10. Jan. ©eitöeth im vergangenen Herbst noch der östliche Flügel un­seres neuen Schulhauses errichtet wurde, ist der große, stattliche Bau recht in Erscheinung getreten. Die Inneneinrichtung soll in jeder Hin­sicht einem zeitgemäßen Schulbetrieb gerecht wer­den und insbesondere die modernen Anforderun­gen auf hygienischem Gebiet berücksichtigen. Im Kellergeschoß ist neben der Heizkesselanlage eine Küche und ein Raum für den Kochunterricht der weiblichen Fortbildungsschüler vorgesehen. Außer­dem wird hier eine Badeeinrichtung mit Drause- und Wannenbädern und Kleiderraumen erstehen. Ferner werden hier die Bedürfnisanstalten ein­

gerichtet. Im Crdgeschoh und tn den anderen Stockwerken befinden sich zehn geräumige, gut belichtete Lehrsäle, das Konserenz-, Rektor-, Arzt-, Lehrmittel-, Diener- und sonstige Zimmer. Die Bodenräume sind für den Turnunterricht und andere Zwecke benutzbar. In dem aus der Mitte des Baues hoch herausragenden Turm ist eine Ahr eingebaut, die schon im Betrieb ist und hier als angenehme Reuerung empfunden wird. Hier­an ist nicht nur von allen Richtungen die Zeit auch bei Dunkelheit gut sichtbar, sondern diese wird auch in halbstündigen Abständen durch weit­hin hörbaren Glockenschlag verkündet. Zur Zeit wird an der Kanalisation, die erhebliche Erd­bewegungen erfordert, gearbeitet; die übrigen Arbeiten werden, soweit dies noch nicht geschehen, in nächster Zeit vergeben. Die Finanzierung des auf rund 250 000 Mark sich belaufenden Baues ist sichergestellt, und man hofft, die endgültige Fer­tigsteilung bis zum September d. I. zu ermög­lichen. Während die gesamten Maurerarbeiten, von dem Baugeschäst Weiß und die Zimmer­arbeiten von dem Zimmermeister Watz, beide von hier, ausgeführt worden sind, hatte man die Beton- und Dachdeckerarbeiten Gießener Firmen übertragen. Die Pläne für den Dau sind von dem von hier stammenden Gießener Architekten Heinrich Fischer gefertigt, dem auch die Leitung obliegt.

H. Lollar, 10. Jan. Mit dem 1. Januar 1930 trat Rektor Saab nach vieljähriger, segens­reicher Tätigkeit in den wohlverdienten Ruhe­stand. Aus diesem Anlaß waren am Donners­tagabend Lehrerschaft, Schulvorstand und Ge­meinderat zu einer schlichten Abschiedsfeier im Saale der Fortbildungsschule versammelt. Schulrat Fischer (Gießen) war auf besondere Einladung hin erschienen und sprach dem aus dem Amte scheidenden Rektor Saab den Sank der Behörde für seine treue, erfolgreiche Arbeit an der ihm anvertrauten Jugend und für die gewissenhafte Amtsführung als Schulleiter aus. Er betonte, dah das vollzählige Erscheinen der geladenen Gäste mehr als alle Worte für die Anerkennung der Arbeit und die Wertschätzung der Persönlichkeit des Rektors Saab spreche. Gleichzeitig nahm er die Gelegenheit wahr, den mit Beginn des Kalenderjahres nach Lollar ge­kommenen Lehrer Schiefer st ein zu begrüßen und der Gemeinde vorzustellen. Bürgermeister Schmidt kennzeichnete das gute Verhältnis zwischen Gemeindeverwaltung und Schule, das Rektor Saab stets gefördert habe. Er dankte ihm für die Arbeit, die er auch außerhalb der Schule in der Gemeinde geleistet und besonders für die Anterstützung, die er in der Kriegszeit bei ihm gefunden hat. Ser jetzige Schulleiter, Herr Keller, sprach im Rainen der Lehrer­schaft. Er bezeichnete das Verhältnis, das zwi­schen Schulleiter und Lehrerkollegium bestand, als fast familiär. Meinungsverschiedenheiten wur­den durch Herrn Saab in entgegenkommender Weise in kurzer Zeit ausgeglichen. Sefan Guh - mann anerkannte lobend öie Arbeit Öes Herrn Rektor Saab als Organist und für das kirchliche Geben überhaupt und erklärte, daß er für dieses Amt noch lange nicht in Öen Ruhestand versetzt sei. Seine Wünsche für ferneres Wohlergehen und einen langen, sonnigen Lebensabend waren aus den Herzen der Anwesenden gesprochen. Rek­tor Saab dankte allen in warmen Worten für die Anerkennung und die Herzlichkeit, die den ©rundton aller Ansprachen bildete und ge­lobte, soweit es sein Gesundheitszustand zu­lasse, auch weiterhin seine Kräfte in Öen Sienft von Gemeinde, Kirche und Schule zu stellen. Für das leibliche Wohl der Gäste hatte in an­erkennenswerter, ja man kann fast sagen auf­opferungsvoller Weise Fräulein Säubert mit ihrer jugendlichen Mädchenschar gesorgt. Sowohl Schulrat Fischer als auch der schei­dende Rektor dankten dafür mit lobenden Wör­tern Ersterer sprach sich noch in eindrucksvoller, mit Humor gewürzter Weise über Zweck und Bedeutung der Mädchenfortbildungsschule aus. Samit war der Auftakt gegeben zu weiterem ge­mütlichen Beisammensein, bei welchem noch manche heitere Reden, volkstümliche Gesänge der

Gießener StaSttheater.

Gräfin Mariza."

Operette in drei Akten von Brammer unb Grünwald, Musik von Emmerich Kalmän, erschien zuerst vor sechs Jahren in Wien und wurde schon einmal hier in Gießen mit gutem Erfolg ge­geben.

Die Librettisten und der ftomponift haben inso­fern eine nicht unglückliche Wahl getroffen, als sie mit derGräfin Mariza" eine zugkräftige Mischung zwischen der Walzeroperette alten Stils und der mo­dernen Reoueoperette geschaffen haben, die ihre Publikumswirkung bereits in mancher Aufführung bewähren konnte.

Die Handlung, auf dem sozusagen klassisch gewor­denen Operettenschauplatz, in Ungarn spielend, ist durchaus konventionell und großenteils so unwahr­scheinlich, wie man es in Operetten gewohnt ist; ver­rät aber in manchen Einzelheiten, etwa im Aufbau des Mittelaktes, Geschick und Verständnis für thea­tralische Möglichkeiten.

Die Partitur nimmt unter den zahllosen modernen Operetten eine gewisse Sonderstellung ein, da man zwanglos zugeben kann, daß ihrem Schöpfer immer­hin etliches eingefallen ist. Originalitäten ersten Ranges wird man ja kaum verlangen; aber die durch den Schauplatz der Vorgänge gewissermaßen schon festgelegten musikalischen Grundelemente Walzer, Csardas und Donaulieder geben einem talentierten Komponisten von vornherein gute Chan­cen zum Erfolg, die Kalman hier entschieden auszu- autzen verstanden hat: der Csardas .Komm mit nach Barusdin" ist ein ausgesprochener Schlager gewor­den, das Duett vom Schwesterlein, der Kindertanz und das Finale des ersten Aktes (Komm, Csigan") Find ausgesprochene Schmuckstücke der Partitur und haben zum Erfolg wesentlich beigetragen.

Die Aufführung (Spielleitung: Fritz Beyer; mu­sikalische Leitung: Max Klier) wirkte diesmal im Ganzen etwas gepflegter als bei den letzten Gast­spielen. Das Orchester brachte die dankbare Partitur im allgemeinen nicht schlecht zum Vortrag; einige Anausgeglichenheiten (vor allem dynamischer Art) weben bei ber Wiederholung zu vermeiden sein.

Lu Ottmar, die sich der Hauptrolle in routi­niertem Stil annahm, wurde stellenweise vom Or­

chester stimmlich verdeckt. Den Grasen Tassilo gab Hans Schneider: darstellerisch recht ansprechend; organisch blieb wiederum einiges zu wünschen übrig.

Das Parallelpärchen wurde von zwei neuen Kräf­ten Fritz Beyer (Koloman) und Sanny Heil- mann (Lisa) sehr munter gesungen. Menar (Po° pulescu) brachte die komischen Pointen auf ungarisch; Anneliese Küstner fang die Zigeunerin Manja; Dely d' A r o f tanzte einige Soloemlagen.

Das Publikum schien sehr angeregt, klatschte heftig unb verlangte anbauemb Wieberholungen.

Dr. Th.

Oberhessischer Kunstverein.

In der gestern eröffneten ersten Ausstellung des Kunstvereins im neuen Jahre sind Werke Oelgemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Holz­schnitte von Clara Herzog, Stuttgart, Fritz Bender, Herborn, Walter Sctermann, Weimar, und E. Ackermann, München, ver­einigt. Sie drei zuletzt genannten Künstler waren hier bisher unbekannt und werden jetzt zum ersten Male im Kunstverein vorgestellt.

Don Bender interessieren in erster Linie seine südlichen Landschaften; die dalmatinischen Motive aus der Gegend von Ragusa und Spa- lato sind von jeher für den Freilichtmaler über­aus fruchtbar und vielfach anregend gewesen. Hoher Himmel, vielLuft", helle Architekturen, dunkelblaue Wasserflächen, großzügige Raum­verhältnisse mit reicher Bewegung und Glie­derung der Kulisse ergeben die wichtigsten Dild- elemente für den Landschafter und sind in über­zeugender Gesamtwirkung miteinander verbun­den. Auch die leichtere, fließende Aquarellmanier findet vor diesen Motiven, wie mehrere Beispiele erweisen, lohnende Aufgaben. Bender zeigt ferner ein tüchtiges, realistisches PorträtWein Vater": daneben, weniger bestechend, ein Mäd- chenbildnis, das in der Haltung ziemlich starr und ungelöst bleibt, obwohl es mit koloristischem Fein­gefühl behandelt ist. .Unter den Bildnissen er­scheint uns am reifsten das Porträt einer alten Frau: minutiöse Momentaufnahme mit sprechen­dem Gesichtsausdruck. Unter Öen Freilicht­malereien heimatlicher Herkunft seien noch ber Martinimarkt in Herborn", eine frische Dvr- frühlingslanöschaft unö vor allem dieDor- staöthäuser" erwähnt. Außeröern: eine Reche von Bleistift- unö Federzeichnungen in ber Vitrine.

Reben Bender wirkt der Maler Sc ter * mann, Weimar, schwerer und gedrungener in Haltung und Kolorit seiner Landschaften und Fi­guren. Motivisch berührt er sich mit Bender in zwei südlichen Landschaften, die ebenfalls den Reiz und den eigenartigen Charakter jenes Him­melsstrichs im Wesentlichen erfassen, in Vortrag und Technik aber moderner anmuten. Im ganzen machen SetermannS Arbeiten einen gemäßigteren Eindruck, als man etwa erwarten konnte, wenn man weiß, daß der Maler dem Weimarer Bau­haus und seinen Tendenzen nahesteht oder ge- gestanden hat. Jedenfalls findet man bei ihm weder thematische Abstraktionen noch formale Ex­perimente: im Gegenteil: seine Vorwürfe ob Landschaft, Figur ober Stilleben zeigen sich allesamt von einer gewissen gesunden Bodenstän­digkeit: und seine Technik verrät durchaus die gediegene Handwerklichkeit einer gepflegten Tra­dition. Für unser Gefühl gehen die stärksten Ein­drücke ber Kollektion weder vom Figürlichen noch vom Landschaftlichen aus, sondern merkwür­digerweise von der konventionellsten und un­persönlichsten Dildgattung: vom Stilleben. Beson­ders von berClivia", einem Gemälde, das mit Aecht an eine repräsentative Stelle gehängt wurde; hier bewährt sich ein kultiviertes Farb­gefühl, die Freude an Aufbau und Kontrast, am Anschwellen und Abklingen einer Koloritskala von tiefem Olivgrün über sattes Gelb bis zu leuchtendem Rotorange: das Ganze, unkonventio­nell und apart vor einen sehr dunkeln Grund gestellt, ergibt eine ausgezeichnete Wirkung. In die gleiche Linie, obwohl weniger gestuft im Kolorit, gehört ein Stilleben mit Aepfeln. Don öen Landschaften fei noch ein Motiv aus der Rhön erwähnt: von den figürlichen Themen ein weiblicher Akt im Freien unö etwa Öie Porträt­gruppeMutter unö Kind", während die große Mädchenfigur (mit rotem Rock) zwar korrekt gemalt ist, aber wenig belebt erscheint.

Sie Ausstellung bringt ferner eine Reihe von Blumenstöcken von CI. Herzog, Stuttgart: farbenfreudig, dekorativ, fauber gemalt; wir nen­nen besonders die Rosen (Hochformat unö oval gerahmt) unö öenHerbststrauß". - E. Ackermann, München, stellt Aquarelle, Holzschnitte, Federzeichnungen aus: Tierstücke, Landschaften und Architekturgruppen. Alles in exakter Technik gearbeitet und vielfach von an­genehm ornamentaler Wirkung. Wir notieren den Kakadu" und dieKrähengruppe"; auch die Kleintierbilder fürs Kinderziinmer feien erwähnt;

em hübsches malerisches Stück ist endlich der Torbogen'' mit dem Durchblick auf eine stille Straße aus der Spielzeugschachtel.

_ Die Ausstellung ist zu den üblichen Zeiten ge­öffnet. Der Besuch sei jedermann empfohlen.

y

Das Schaukelpferd.

Von Siegfried von Vegesack.

Mein Vetter Leopold ist der größte Kinder- freund, den man sich denken kann. Wohin er kommt, erobert er die kleinen Kinderherzen im Sturm, und nichts macht ihm größere Freude, als Kindern eine lustige Aeberraschung zu be­reiten.

Mein Vetter ist sehr dünn und sehr lang, so daß es für die Kinder ein besonderes Vergnügen ist. auf seinem Rücken durchs Zimmer zu reiten oder sich wie Kletten an seine langen Deine zu hängen und so durch öie Luft zu sausen.

Am schönsten ist es aber, wenn mein Vetter sich irgendeinen Spaß ausöenkt unö öie Kinöer damit überrascht.

So wollte er einmal einen guten Freund be­suchen, dessen Kinder ganz besonders für ihn schwärmen. Das Mädchen öffnet ihm, da sieht er im halbdunklen Vorzimmer ein kleines Schaukel­pferd stehen, fetzt sich darauf, gibt dem Mädchen ein Zeichen, sie mochte die Saaltür öffnen ver­wundert öffnet das Mädchen die Flügeltür und mein baumlanger Vetter kommt, sein Hütchen neckisch schwingend, mitHallo! Hallo!" auf dem kleinen Schaukelpferd in den hellerleuchteten Saal munter hineingeritten.

Totenstille schlägt ihm entgegen.

Völlig entgeisterte, wildfremde Gesichter einer feierlichen Abendgesellschaft starren den ver­gnügten baumlangen Reitersmann von allen Seiten mit eisigem Befremden an, und entsetzt bemerkt mein Vetter, daß er sich in der Treppe versehen und in eine ganz unbekannte Woh­nung geraten war. Verstört dreht er sein Roh um und verschwindet im Dunkel. Es wurde ihm nicht wohlcr zumute, als er später erfuhr, daß er eine nach dem Begräbnis versammelte Trauergesellschaft mit seinem Ritt so befremdet hatte.

Mein Detter Leopold betritt nur noch mit Herzklopfen jenes Haus, unö auf Schaukelpferds Pflegt et sich nur noch ungern zu fetzen.