nr. 291 Drittes Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Freitag, 12. Dezember 1950
Oberheffen.
Steuerprotest in Bad-Nauheim.
— Bad-Rauheim. 11. Dez. In einer von kanuütsrat $)r. Hahn geleiteten, stark besuchten öf.entllchen, Qkrfamm.ung, zu der die Deutsche DolkLyartei eingelaßen hatte, sprachen die ßflycOtageabgeotbnelen Bürgermeister Dr. Rie - Z» o t h und Oberstudtcnd.rettor Dr. Keller unter Dem Motto: .Bis hierher und nicht weiter!" über ßie neuen Steuer- und Sparmaßnahmen in Hessen. Beide Redner legten Rechenschaft ab über die Tätigkeit der volkS- parteilichen Landtagsfraktion und fanden mit ihrer ablehnenden Haltung gegenüber den neuen Regierungs- und Koalitionsplanen lebhafte Zustimmung. Die Ursache der hessischen Zinanznot liege im System begründet. Sie Sanierung könne nur erfolgen nach grundlegender Reorganisation der Verwaltung und ileber- tragung überflüssiger Aufgaben von der Zentrale auf die lokalen Stellen. Die Begründung der Steuererhöhungen durch den Finanzminister wurde zurückgewiesen und immer wieder betont, daß die Gesamtsteuerbelastung in Hessen schon so hoch sei, daß von Dteuerreserven nicht mehr geredet werden könne.
Rach längerer Aussprache wurde folgender Entschließung ohne Widerspruch zugestimmt:
»Die von der Landtagsfraktion der Deutschen Dolkspartei nach Dad-Aauheim einberufene Pro- testvertommlung gegen die neuen Steuer- und »Spar'Maßnahmen der hessischen Regierung, die auch von vielen Einwohnern Friedbergs und Butzbachs besucht war, billigt die Ausführungen der beiden Redner, der Abgeordneten Dr. Keller und Dr. A i e p o t h. Sie stimmt zwar der Meinung des Herrn Finanzministers zu. daß ein Ausgleich des hessischen Etats so rasch wie möglich angestrebt werden muß. fann aber die Mittel, durch welche die hessische Regierung zu diesem Ziel gelangen will, nicht gutheißen, weil durch sie große Teile der hessischen Bevölkerung gegenüber der Einwohnerschaft der übrigen deutschen Länder zu Personen minderen Rechts herab- gedrückt werden. Dies gilt gleichzeitig für alle diejenigen, die in einer Zeit größter wirtschaftlicher Rotlage neue Steuern auf ihre nicht mehr tragfähigen Schultern nehmen sotten, wie für die Beamten und Staatsdienstanwärler, denen in einseitigster Weise Opfer über das Maß der Reichsrichtlinien hinaus zugemutet werden Die Versammlung betont nachdrücklich, daß die Interessen von Handwerk und Gewerbe einerseits, von den Festbesoldeten anderseits in dieser Frage sich nicht widersprechen und nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen, sondern daß beide gemeinsam darauf bringen müssen, bah die Folgen alter Sünden der bisherigen hessischen Regierungen nicht durch eine neue unerträgliche Belastung schwer gedrückter Stände aus der Welt geschafft werden/
Gemeinderat in Lauterbach.
& Lauterbach, 10. Dez. In der jüngsten G e • meinderatssitzung führte der erste Punkt der Tagesordnung »Vergebung der Bauarbeiten für die Transformatorenstation am B a hn h o f - R o r d" zu lebhaften Auseinandersetzungen wegen der Vergebung der Maurerarbeiten. Die Angebote der einheimischen Maurermeister waren um rund 900 Mark höher, als bas bes Maurermeisters Iohann Eurich aus Landenhausen Wenn auch mit Rücksicht auf bie schlechte Wirtschaftslage es wünschenswert gewesen wäre, bah ein Einheimischer bie Arbeiten übertragen bekommen hätte, so beschloß der Oemeinberat doch, bie Maurerarbeiten dem Maurermeister Joh. C u r i ch aus Landen- Hausen zum Angebotspreis von 2973,55 Mk. zu
Das Gustav-Heyer-Oenkmaf.
Einsam und kaum beachtet steht in den Anlagen bcS Allen Gießener Friedhofs — an dessen 2ttißen- maucr — das Denkmal bes grohenForst- manneS Gustav Heyer, des Sohnes einer alten Gießener Familie, zu dessen Fußen einst Scharen in- und ausländischer Forstleute sahen. Wan sagt, daß das. was ein Iustus Liebig den Chemikern war, Gustav Heyer den Forstleuten gewesen sei.
Im nächsten Iahre feiert bas Forstinstitut unserer alma mater Ludoviciana fein hunbert- jähriges Bestehen und bie ebenso lange Zugehörigkeit zur Philosophischen Fakultät ber Landesuniversität Bei manchem ber jetzt lebenben Generation steht bie Erinnerungsfeier bes fünfzigsten Iubiläums im Iahre 1881 noch in schöner Erinnerung. Auch für das kommende Jahr ist, wie wir vernehmen, seitens der Männer der grünen Farbe eine in gleicher Weise gedachte Iubttäums- und Wiebersehensfeier in größerem Maßstab geplant.
Während bis vor kurzem bas Forstinstitut unb bie forstliche Versuchsanstalt, ba unb dort verstreut, nur in unzulänglichen Räumen untergebracht waren, besitzt es jetzt dank verständnisvoller Einigung ber mafjgebenben Stellen im ehemaligen großen Militärlazarett in der Drau- gaffe ein schönes würdiges Heim, das den Vergleich mit großen, forstwirtschaftlichen Lehrzwecken dienenden Gebäuden anderer Universitäten und Akademien in keiner Weise zu scheuen braucht, älnd wenn im nächsten Jahre die Forstleute aus nah unb fern — bekanntlich hat sich seit etlichen Jahren auch bie Zahl ber Studierenden ber Forstwirtschaft an unserer alma mater außer- orbentlich gehoben — in Scharen nach Gießen kommen, werden sie auch nach dem Gustav- Heyer-Denkmal fragen. Eie würden dieses Mal, das „dankbare Schäler" ihrem Altmeister zu Ehren einst in München errichteten, wo es aus Gründen einer Straßenanlegung von seinem Standort entfernt werden mußte und dann feine Heimat in Gießen fand, an ber Außenseite ber Friebhofsmauer finden!
Alö das Denkmal dort feine Wieberaufstellung fand, besaßen unsere Forstleute hier noch kein eigenes bleibenbes Heim, bas man bei der Aufstellung des Denkmals hätte berücksichtigen können. Jetzt aber ist ein solches vorhanden, und nichts liegt nun näher als der Gedanke, dem Gustav- Heyer-Denkmal nunmehr enbgültig den
Platz zu geben, der für es einen Sinn besitzt, -u dem es in dauernder Beziehung bleibt und ber deshalb allein feiner tourbig ist, nämlich am Portal bes neuen Forstinstituts in ber Uraugaffe. Dort würde es täglich Lehrer unb Stubenten an bie einstige Zierbe Des Forstfaches an unterer Universität erinnern.
Dei dieser Gelegenheit soll aber noch einS nicht unerwähnt bleiben. Der andere große Gießener Forstmann Hundeshagen. ber auf Dem hiesigen Friedhöfe ruht, besitzt außer seinem Grabe hier noch kein sichtbares Zeichen bauernder Erinnerung. Könnte nicht inS Auge gefaßt werben, ihm in späteren besseren Zeiten gleichfalls vor bem neuen Forstinstitut, unb zwar als Pendant zum Hever-Denkmal. ein Erinnerungsmai zu schaffen?
Der Betrag, der für die Reuaufstellung beS Heyer-Denkmals benötigt wirb, kann nicht be- beutenb fein. Bei verstänbnisvollem Hanb-in- Hanb-Arbeiten ber Verehrer Gustav Heyers. Der Forstleute unb bet Stadt Gießen, die i:i Verein mit seinen Schülern und Verehrern auch im Jahre 1892 seinem Vater, Karl Heyer, bem Schöpfer bes Gießener Etabtwaldes, einen Gedenkstein in ber Rordanlage errichteten, wirb es keine befonberen Schwierigkeiten bieten, die erforderlichen Mittel aufzubringen. An Kunst- und Dauverständigen fehlt es in Gießen ebenfalls nicht, um bei der Reuaufstellung des Denkmals künstlerischen Gesichtspunkten Rechnung zu tragen.
Unter den heutigen veränberten Verhältnissen muh jebenfalls ber Gedanke, das Denkmal an der Friedhofsmauer zu belassen, als des bedeutenden Mannes nicht würdig bezeichnet werden. Deshalb darf man hofsen unb wünschen, daß bei der Säkularfeier unseres Forstinstituts das Denkmal des großen Lehrers der Forstwissenschaft schon an bet Stelle steht, an bie eS gehört unb daß es deshalb zur rechten Zeit von seinem derzeitigen Aschenbröbelplah entfernt und am Forst Institut in der Braugasse wieder aufgerichtet wird.
Und sollte bei dieser Säkularfeier der Grund- stock für ein Hundeshagen-Denkmal gestiftet werden, ber im Laufe ber Zeit mit 3in$ unb Zinseszins zu einem hierfür ausreichende Kapital anwachsen würde, so möchte man auch damit eine schöne Pflicht ber Pietät erfüllen. F. ®.
übertragen. Die weiteren Arbeiten zu bieser Transformatorenstation wurden wie folgt vergeben: Die Zimmerarbeiten an die Firma Johann Henkel XI. zum Angebotspreis von 131,30 Wk., bie Dachbeckerarbeiten an Jakob Zügler zum Preise von 410 Mk., die Spenglerarbeiten an Karl Köhler zu 94 Mk., die Verpuharbeiten an Die Firma Wenzel und Axthelm zu 876 Mark, und die Schlosserarbeiten an den Schlosser- meister Gustav W i e ch a r d zum Angebotspreis von 693 Mk.
Dem Verein für Heimatgefchichte und Kunst wurde ein Jahresbeitrag von 50 Mk. und dem Ortsyerein für Invaliden eine Beihilfe zu einer Weihnachtsfeier in Höhe von 30 Mk. bewilligt.
Dem Ortsausschuß für das Jugendherbergs- wesen sotten 1000 Ansichtskarten des Lauterbacher Schwimmbades überlassen werden, die der Ausschuß als Bausteine für die Inneneinrichtung der neuen Jugendherberge vertreiben will.
Es wurde weiter beschlossen, die Bürgersteuer und die erhöhte Bier- und Ge
tränk e st euer im Rechnungsjahr 1930 nicht mehr einzuführen. Die Gewährung einer Winte r b e i hi l f e an Unterstützungsempfänger fall entsprechend den staatlichen Richtlinien vorgenommen werden. Für die Kinder der Erwerbslosen bis zu 2 Jahren wird für die Zeit vom 1. Januar 1931 bis 15. März 1931 eine tägliche Milchbeihilfe von 1 Liter gewährt.
□Beiter wurde beschlossen, bie Verlängerung ber Kanalisierung in der Hainig- straße durchzuführen. Der hierfür erforderliche Betrag soll vom Rechnungsrest entnommen werden. Die Rohrgrabenherstettung und Rohrverlegung wurde an die Firma H. Hardt zum Angebotspreis von 1066 Mk. vergeben.
Landkreis Gictzcn.
r. K l e i n - L i n b e n, 11. Dez. Am Mittwoch- abend bot der Konzertorganist von der 21 u (Mainz) mit einer religiösen Orgelandacht unserer evangelischen Kirchengemeinde eine gottes- dienstliche Feierstunde seltener Art. Er ließ in einer „Tonpredigt" die berühmtesten deutschen Tonmeister, von den ältesten bis zu den neueren, ihre eigenste
Sprache reden. Die stark besuchte Versammlung von säst 400 Gemeindemitgliedcrn lauschte mit großem Interesse. Auch die Liedcroorträge des Herrn von der Au, von ihm selbst auf der Orgel begleitet, hinterließen tiefen Eindruck bei allen Zuhörern.
OO Klein-Linden, 11. Dez. Die Vieh» Zä hlung am 1. Dezember hatte in unserer Gemeinde folgendes Ergebnis: 20 Pferde, 329 Rindvieh, 366 «chweine, 194 Ziegen, 18 Gänse, 16 Unten, 3339 Hühner aller Art und 48 Bienenvölker. Während in den letzten drei Jahren die Rindviehzucht um rund 50 Stück und die Ziegenzucht um 60 Stück zurückgegangen sind, hat sich in derselben Zell die Zahl der Hühner um 600 Stück vermehrt.
# Grünberg, 10. Dezember. Der im vorigen Jahre gegrünbete Provinzialverba ab Oberheffen ber ehemaligen hessischen Lanbwirtschaftsschüler, dem all« oberhessischen Vereine ehemaliger Lanbwirtschaftsschüler angeboren, hielt am Sonntag hiev in ber Turnhalle feine zweite Veranstaltung ab, bie ber 1. Dorfitzenbe des Verbandes, Lanb- tagSabgeorbneter Fenchel (Oberbörgcm) eröffnete. Insbesondre begrüßte er bie Vertreter ber Schulen. Der Vorsitzende des Vereins ehemaliger Landwirtschaftsschüler der Landwirtschaftlichen Schule Grünberg, Landwirt Heinrich Beyer (Freienseen) hieß im (Hamen seines Vereins alle Teilnehmer willkommen. Der Vorstand der Landwirtschaftlichen Schule Grünberg. Direktor Trvutmann begrüßte im (Hamen der Schule. Hierauf hielt Frl. Dr. Albrecht, Affistentin am Tierzuchtinstitut der Lanbesuni- txrfität Gießen, einen Vortrag über das Thema .Geflügelhaltung unb Lanbwirtschaft". Die interessanten unb leicht verstänblichen Aussührungen fanben lebhaften Beifall unb lösten eine sehr angeregte Aussprache aus. Auch ber darauf folgende Vortrag von Direktor Trautmann (Grünberg) über Betriebswirtschaft!. Verhältni so im Dienstbczirk deS LandwirtschaftSamtes Grünberg" wurde mit regem Interesse verso gt und mit reichem Beifall auf genommen. Der Rest des Tages galt dem kameradschaftlichen Beifammens'in.
* Lich, 11. Dez. Das Ensemble des Gießener Stadt t Heaters gab am Montag abend hier ein Gastspiel, das zahlreich besucht mar immerhin aber doch noch stärkerem Interesse der Bürgerschaft hätte begegnen dürfen. Zur Aufführung kam unter der Spielleitung von Karl D o l ck das Lustspiel „Geschäft mit Amerikas Die Leistungen der Künstler sanden bei den Besuchern starken Anklang, der in lebhaftem Beifall zum Ausdruck kam.
X Lich, 11. Dez. In seltener geistiger Frische feierte unser Mitbürger Heinrich Li st mann am Mittwoch feinen 8 7. Geburtstag. Der Posaunenchor unb ber Männergesangverein „(Sä- cilia“. Dem Listmann viele Jahre als aktives Mitglieb angehörte unb bem er auch jetzt noch als passives Mitglieb die Treue hält, brachten ihm am Abend ein Ständchen.
! Hungen, 10. Dez. Die Dirigenten des „Horlvff-Wettertal-Sänger- b u n b e 6,r hielten hier eine Konferenz ab. Gegen stanb der Beratungen war die_Auswahl des Pflichtchors für bas nächstjäh^e WertungS- fingen. Man einigte sich babei auf bas Lied ..Es geht bei gedämpfter Trommel Klang". Die Lieder „Drauß ist alles so prächtig" unb „Sie Sonn' erwacht" würben für den Massenchor beschlossen.
s. Hungen, 10. Dez. Im „Solmser Hof" fand' eine KonferenzdeSDezirkslehrervereins Hungen statt. Im Mittelpunkt ber Tagung stanb ein Vortrag des Lehrers Roth, Klein- Linden, über „Kultur unb Bildung". In tiefgründiger Weise wurden bie gegenseitigen Beziehungen zwischen beiben auf gewiesen unb bargetan, welchen Einfluß bie Kultur eines Zeitalters auf bie jeweiligen Dilbungsziele hat. Es
Oer Dreizehnte.
Vornan von Anny von panhuys.
Copyright 1929 by Verlag Bechthold Braunlchmetg
26 Fortsetzung Nachdruck verboten
Eva fragte erstaunt: „Worüber ist denn Hans in Verzweiflung?"
.Run, das ist wirklich eine merkwürdige Frage. Das mühtest du doch wissen, Eva, bu, die du eigentlich die Schuld daran trägst", klang es vorwurfsvoll zurück.
Eva lächelte. „Mit der Verzweiflung ist Hans sehr schnell, fast beleidigend schnell für meine Eitelkeit, fertig geworden", stellte sie fest, .aber er dankt es nur meiner hübschen spanischen . Freundin. Gerade die Unterhaltungen mit ihr waren das Heilkraut für feinen Schmerz um mich. Der Übrigens nicht tief gesoffen haben kann, weil er so schnell heilbar war. Man sollte es ihm gönnen, bah ihm Paquita Casanovas gefällt"
„Wie heißt fie?" fragte Frau Fetten mit runden Augen. „Ser (Harne hat ja birokt etwas Anstößiges. Casanovas, so hieß doch der Abenteurer mit Den gräßlichen Memoiren, nicht wahr?"
Eva lachte. „Rein, der hieß Casanova. Da fehlt das s am Schluß. Uebrigens war er Italiener. Er ist bestimmt kein Ahne von Paquita." Sie wurde ernst. „Ich kann Paquita nicht fortschicken, sondern sie unb ich reifen kurz vor Weihnachten zusammen nach Barcelona. Wir worden bann wohl beide vorläufig nicht mehr hierherkommen Mein zukünftiger Mann holt uns ab.“
„Besteht Denn keine Möglichkeit, bah die junge Dame vorher abreist? Ich fürchte, Hans verrennt fich fönst in eine nicht gutzumachende Dummheit", beharrte Frau (Baurat Felsen auf ihrem Wunsch."
„Rein, es besteht keine Möglichkeit", ertoiberte Eva fest, „ich habe keinen Grund, das arme Ding irgendwie zu kränken. Sie hat bisher so wenig von ihrem Leben gehabt, und diese Reise hierher mit allem, was damit zusammenhängt, ist Der Glanzpunkt ihres Daseins. Sie ist armer Leute Kind und längst elternlos, ich gönne ihr alles Gute."
Frau Felsen seufzt wieder, aber noch betonter als das erstemal.
„Ich bin wahrhaftig kein hartherziger Mensch, aber Hans würde sich doch lächerlich machen, wenn er nun, nachdem ihr beide auch schon vor der offiziellen Verlobung wieder getrennt habt, sich jetzt mit einer andern verloben würde."
Es klopfte. Paquita trat ein.
Bildhübsch sah sie aus in dem einfachen, aber schicken Blumenmusterkleid. Fremdartig und apart. Die Frau Baurat hob ihr Stielglas vor die Augen und betrachtete das fremde Vögelchen ein- gebenb.
Paquita grüßte und wollte, weil sie bie Same nicht kannte, sofort toi ober das Zimmer verlassen.
Eva hielt fie zurück, erklärte ihr auf spanisch, toer bie Besucherin war.
Paquita lächelte entzückt. Ah, das also war Sennora Felsen.
Sie erklärte: „Ich kenne Ihrer großer Kind, er fein meiner Freund"
Frau Felsen ließ das Stielglas in den Schoß gleiten. DaS klang ja unglaublich komisch. Sie konnte nicht anders, sie mußte lachen.
Sas gefiel Paquita. Sie hielt es für freundliches Entgegenkommen unb erklärte begeistert: „Ihrer großer Kinb, Sennora, ist viel klug."
„Ich halte ihn eigentlich in letzter Zeit für viel dumm", brummte Frau Felsen vor sich hin, und dann stand fie auf, sie wollte sich doch lieber vorläufig in keine längere Unterhaltung mit ber Spanierin einlaffen. Sas war dann wohl so eine Art von Verpflichtung.
Eie reichte Eva die Hand, unb als sie bie großen strahlenden Augen Paquitas wie in stummer Bitte auf sich gerichtet sah, konnte sie nicht anbers, sie reichte auch Paquita bie Hanb, die freudig ausricf: „Diele Grüßen für Ihrer großer Kind, Sennora." —
Am gleichen Abend erschien Hans Felsen in Evas Haus, unb Paquita lehnte sich vor Schreck fest gegen die Wand. Litt denn der arme Mensch nicht furchtbar, wenn er in bie Rahe des Mädchens tarn, das er liebte unb das nun einen andern nahm? Weshalb tat er das nur? Wie konnte er denn auf diese Weise fein Leid vergessen? Sas war ja, als wenn er mit eigener Hand in frischen Wunden wühlte.
Eie sah mit neuem Verwundern, wie Eva den Mann sreundlich lächelnd begrüßte unb ihm sogar Tee anbot.
Ein Gedanke erwachte in ihr. Waren bie beiben vielleicht toieber miteinander einig geworden unb würden sie sich nun doch heiraten wollen? Sie blickte erregt von einem zum andern.
Eva erklärte auf spanisch: „Wir sind wieder wie einst Freunde, Hans Felsen und ich. Ich glaube, er hat eingesehen, seine Liebe zu mir war auch nur Einbildung. Sa sind wir also beide zur alten Freundschaft zurückgekehrt."
„Und er kann das. ohne daß es ihm wehtut?" fragte Paquita beklommen.
.Ohne daß es ihm wehtut", bestätigte Eva.
Paquita halte mit einem Male das me kwür- Dige Gefühl, als ob ihr auf dem Rücken Flügel wuchsen, mit denen sie geradenwegs in den Himmel hineinfliegen konnte, wenn sie wollte. Aber
sie wollte noch nicht. Vorläufig schien es ihr hier auf Erden fast noch schöner zu sein wie im Himmel.
18.
Eva wurde eines Vormittags von dem Mädchen der Rachbarvilla zu Frau Felsen gebeten unb fie folgte der Ditte sofort. Sie fand das Ehepaar beisammen, beide machten sehr ernste Gesichter. Es war vierzehn Tage vor bem Weih- nachtssest, und Eva, bie mit Primo Suero in eifrigem Briefwechsel stanb. erwartete ihn halb, um fie abzuholen nach Barcelona.
Frau Felsen bot Eva Platz an unb begann Dann allerlei, was eigentlich herzlich unwichtig war.
Baurat Felsen mischte sich ein: „Run aber Schluß mit ber Zeitvergeudung, wir wollen von Wichtigerem reden. Also Eva, ganz kurz unb gerabe heraus, es gefällt meiner Frau —Er hüstelte unb verbesserte sich: „Ich meine, es gefallt uns nicht, baß Hans seit ein paar Wochen so 'ne Art von Stammgast bei bir geworben ist, nur um bie fremdländische Puppe zu bewundern. Wir wissen kaum noch, ob wir einen Cohn haben. Wenn er mittags nach Hause kommt, schlingt er Das Essen hinunter, als bekäme er Akkordlohn Dafür, und nach dem letzten Bissen, den er noch nicht mal hinunter hat, stürzt er mit irgendein paar unartikulierten Lauten davon, die wohl eine Entschuldigung sein sollen. Dann muß er nämlich zur Audienz bei ber kleinen Spanierin an ben Lattenzaun Unb abends nach bem Essen eilt er sich noch ein bißchen mehr, aber es wirb Dafür nochmal rasch frisiert, rasiert, manikürt, parfümiert unb vielleicht auch noch massiert unb pedikürt Rur bamit bas kleine bräunliche Gewächs sich davon überzeugen kann, was er für 'n schöner Mensch ist. Wie ein geleckter Jüngling aus so 'nem Kitschfilm sieht er aus, wenn et abends 'rüberstürmt in dein Haus. Reden kann man überhaupt nicht mehr mit ihm, wenigstens nicht vernünftig Er guckt einen bann inn. als ob er vom Mond herunter gepurzelt wäre und keine Ahnung hätte, wer unb was wir eigentlich sind."
Er holte tief Atem. „Das geht nicht so weiter. Du mußt uns helfen, Eva! Erst tut ber Dengel, als ob er ohne bich nicht leben kann unb kaum seid ihr auseinander, ist er schon Feuer und Flamme für eine andere. Der kleine braun- häutige Affe ba brühen bei bir ist doch keine Schwiegertochter für mich! Und nun haben wir bon Hans gehört in Kürze erwartest du deinen Bräutigam, er will dich und bie Spanierin ab» holen Da haben wir Angst, es könnte zwischen Hans und dem Mädel vorher noch alles ins Reine kommen DaS muh vermieden werden Ist die Spanierin erst mal glücklich wieder über bie Pyrenäen, ist wohl bie größte Gefahr vorbei. Dun bitten wir dich, unb bas kann dir doch
nichts ausmachen, bepefchiere deinem Bräutigam, er soll dich nicht abholen Reise halb ab, ehe es zwischen ben zweien zu einer Aussprache kommt. Reise heimlich ab. Morgen, übermorgen! Was liegt dir an ein paar Tagen Trifs bich unterwegs mit deinem Bräutigam, aber reise ab mit Dem Mädel. Uns erweist du dadurch einen sehr wertvollen Dienst."
Eva sah mit großen Augen von einem zum andern
„6in Scherz ist eS leider nicht, ben man mir vorschlägt, scheint es, sondern bitterer Emst. Rein unb nochmals nein, ich gebe mich nicht zu solcher Intrige her. Hans unb ich kennen uns von Kind an, und ba bilbet sich Hans ein, mich zu lieben Ich nehme es ihm nicht übel, daß er sich so schnell über meinen Verlust getröstet hat. Aber ich mische mich nicht ein zwischen ihn und Paquita Casanovas. Sie ist ein liebes, herziges Geschöpf und fein kleiner brauner Affe. Sie hat etwas bunfie Haut, aber gerabe das macht ihr Aus- fehen besonders reizvoll. Sie ist ein armes, bescheidenes Ding, und ihr wehe zu hin, brächte ich nicht fertig. Sprechen Sie doch selbst mit Hans. Wenn er danach einsieht, Sie haben recht, ist's gut, bann muh sich Paquita damit abfinden. Aber Henker fein kann ich nicht. Ich warte hier ab. bis mein Bräutigam mich und Paquita abholt." Sie erhob sich. „Eins möchte ich noch sagen, und es ist vielleicht das Wichtigste. Ich selbst habe erkannt, bie wahre Liebe ist das Schönste und Wertvollste auf ber Welt, unb wenn sich zwei Menschen aus ganzem Herzen lieben, dann ist es Sünbe, sie trennen zu wollen Große Sünde!"
Sie machte eine Bewegung nach ber Tür. Frau Felsen blickte ihren Mann an. „(Kein, Männe, ein kleiner brauner Affe ist bes Mäbchen wirklich nicht, bas darfst du wohl nicht sagen"
„Der Ausdruck stammt aber von dir, verehrte Gattin", ver'.e.digte sich der Baurat cn rgisch. „Und all das andere stammt auch von bir. denn mir ift s schließlich schnuppe, meinetwegen kann Hans eine Chinesin heiraten ober eine Eskimodame. Sie Hauptsache ist. es muh ein anständiger Rlensch fein, unb fie muh unseren Jungen glücklich machen." Er warf kriegerisch ben Kopf zurück. -So. meine Liebe, bas haft du davon, dah bu tatest, als hätte ich bie Bezeichnung „brauner Affe" geprägt."
Eva stand an ber Tür, unb sie konnte nicht anders, sie lachte hellauf.
„Bravo, Herr Baurat, so gefällt es mir besser, wen stört es berat auch, wenn bie zwei Menschen glücklich werden!"
Frau Felsen war ärgerlich.
(Fortsetzung folgt)


