Ausgabe 
12.9.1930
 
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Nr. 213 Zweite; Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Zreitag, 12. September 1950

Letzte Mahnung.

Don Dr. Fr. König.

.Politisch Lied, ein garstig Lied", so hört man In deutschen Landen gar oft lagen. Unb in der Lat, c« ist eine weitverbreitete Auffassung, daß man am besten hie. sich um da- politische Getriebe nicht zu kümmern, sich auf sich zurückzuziehen. und die Politik, dies unangenehme Handwerk, andern lu überlassen die hierfür die nötigen Heroen, Die nötige Sttmmkralt, die nötigen Muskeln, die nötige Robustheit mitbrinaen. SS ist eine Ein­stellung, die bei uns. in Deutschland, gerade In jenen Schichten weit verbreitet war und wohl auch noch ist, die aus Grund ihrer Ueberlicferung, auf Grund ihrer Schulung, auf Grund ihrer Gei­stigkeit in andern Ländern eine besondere Eig­nung für das politisch« Gehen, eine besondere Eignung für das politische Führcrtum mit­bringen.

GS ist eine verhängnisvolle Einstellung: sie ist zwar aus der Geschichte des letzten Jahrhun­derts begreif lieb, da wir in einem stark auwei- tativen Staate leben, der für die Herausbildung politischer Aktivität im deutschen Volke nicht gerade günstig war: sie verrät aber doch eine falsche Einstellung zu der Wirklichkeit des Le­ben-: eg' ist eine Einstellung, die sich immer bitter rächt, sie hat sich an uns Deutschen bitter gerächt.

Wie steht es in Wahrheit mit der Politik? Das griechische Wort Polis bedeutet Stabt, bedeutet Staat, bedeutet Gemeinschaft. Wer sich mit Politik beschästigt, beschäftigt sich mit der Gemeinschaft. Die Sorge um die Gemein­schaft, der er angehört, ist aber Pflicht eine- jeden, er mag lein, wer er wolle. Der Mensch ist zwar etwas für sich, ein Individuum: er hat nicht nur daS Hecht, er hat die Pflicht, seine Persönlichkeit zur Geltung zu bringen: aber er ist nicht nur dies, er ist von HauS aus zugleich ein Gemeinschaftswesen, der natürlichen Gemein­schaft der Familie, der Heimat, des Volks ver­haftet. ob er will ober nicht. Der Pflicht sich selber gegenüber hält die Pflicht den natür­lichen Gemeinschaften gegenüber die Waage Wer mir auf sich sieht, mag ein tüchtiger Geschäfts­mann. ein tüchtiger Gelehrter, ein trefflicher Künstler lein können, er ist ein unsozialer, ein egozentrischer Mensch, dem die rechte Verwur­zelung im Dasein sehlt. Politisch im guten Sinne des Wortes sind alle die, denen Dienst an der Gemeinschaft selbstverständlicher AuSslust ihre- Wesens ist: sie sind in um so höherem Sinne politische Menschen, je mehr sie es verstehen, das Ganze vor den Teil, die Volk­heit vor daS Individuum und die Partei zu setzen.

Es ist kein gutes Zeichen für das deutsche Volk, dast seine Menschen sich sogar oft glauben ent­schuldigen zu müssen, wenn sie sich zur Politik belenr.cn. Verächtlich ist im Grunde, wer es ablehnt, ein Politiker Mensch, ein Mensch der Polis, ein Mensch Der Gcmeinschast zu fein. Wir müssen wollen, daß alle sich dazu bekennen, wir müssen daher die Politisierung un­seres deutschcnDolkS erstreben. Der rechte volitische Mensch aber umfaßt mit feiner Liebe die Gemeinschaft, auS der er hervorgewachfen ist, umfaßt mit feiner Liebe alle Vergangenen und alle die Künftigen, die aus dieser Gemein­schaft hervorwachsen werden, er bejaht diese Gemeinschaft unbedingt, ob sie sich in einem Zustand der Dlüte oder des Verfalls, des Reich- tums oder der Armut, der Ordnung oder der Einordnung befinde. Für ihn heißt es immer: dies Volk i ft mein, i st unser Volk. dieserStaat ist mein, ist unler Staat. Er weiß, daß es nicht bann schon zu ®nbc geht mit seiner Gemeinschaft, wenn irgendeine

Helene Chlodwigs

Schuld und Sühne.

Vornan von Z. Schneider-Zoersil.

Urheber-Rechtschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau L 6a.

11. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Dr. Franke hatte eben seine Sprechstunde be­endet, als baS Telephon an seinem Schreibtisch anschlug Gr war freudig überrascht, al- er die Stimme der geliebten Frau vernahm. GS war erst neun Ußr vormittags und er hatte nicht damit gerechnet, so früh schon einen .Guten Morgen' von ihr zu hören. .Kannst du rasch zu mir kommen. Lieber?"

Für Sekunden fühlte er das Versagen seinc- HerzcnS. .Bist du krank?"

.Ja und nein! SS ist etwa- von Wichtig­keit, Just! Wann bist du srühestenS bei mir?

Gr sah nach der Ußr auf seinem Schreibtisch und Überflug die Zeit. In einer halben Stunde I"

,Gutl Dars ich dir den Wagen schicken?"

.Danke! Oder doch! Dann geht eS schnel­ler. Ich bin in fünf Minuten fertig!--Aus

Wiedersehen!"

Er warf seinen weißen Kittet ab, wechselte den Anzug und lächelte dabei vor sich hin. DaS war er nun nachgerade gewöhnt, daß Helene alles, was sie ihm mitzuteilen hatte, für ungeheuer wichtig nahm. Schließlich hatte sie nicht einmal so unrecht.

Gr nahm den Mantel vom Ständer und schritt die Treppe hinab, machte kehrt und verstän­digte seine Haushälterin. wo er zu finden sei. fall- er benötigt würde. AIS er zwei Minuten nachher auf der Straße stand, sah er HclencS blauen Mercedes über den Asphalt sichen. Der Chauffeur hielt mit einem eleganten Halbbogen vor dem Gangsteig und öffnete den Schlag.

Ein verstecktes Lachen kam auS der rechten Dagenecke. .Guten Morgen, Just!"

.Helene!" Gin Kuß brannte auf dem hellen Lederhandschuh. Der Schlag klappte zu. Ein zweiter Kuß ließ die Lippen der Diva erglühen.

.Ich bin noch im Pviama." Sie schlug das fliederfarbene Cape auseinander. Gelbe Seide schmeichelte sich darunter hervor. .So eilig habe ich cs gehabt, baß ich dir gleich selbst entgegen- gefahren bin, mein Just. In acht Tagen können wir Mann und Frau fein. Du Lieber! Goldener! Dummer! Sag doch etwas! Ja?"

Schreck und Freude prägten einen eigenen Aus­druck in fetn Gesicht. 6r dachte an die Mutter, und wie sie es aufnehmen würde, wenn er von

politische Katastrophe: eine Hiebet lag« oder eine Revolution ein getreten ist, sondern erst bann, wenn die inneren Bindungen sich auf­gelöst haben, bie die einzelnen zur seclisch- Sißigen Einheit der Familien sowvhl alS der olkheit zusammenbanden. Für eine jede echte, wahre, gesund« Politik i* dieS eine unentbehr­lich baß man Me Ganzheit der Gemeinschaft in seinen Willen ausgenommen hat, baß man auS einem tiefen, geradezu religiösen Verbunden- heitsgesühl heraus an bie Tagesaufgaben der Pylitik herantrat besonders bann, wenn es sich um eine R o t z e i t der Gemeinschaft han­delt. Mag sein, daß Io gar viele von unS Deut­schen bisher nicht baS rechte Verhältnis zur Politik gesunden haben, tocu sich in ihr Io viel unlauterer Betrieb. Io viel engstirniges Mächler- tum. so viel machtgierige- Strebertum breit- macht. in allen Lagern: heute i st Hotzeit von Volk und Staat, heute ist die Frage der deutschen Zukunft gestellt, heute heißt e-: Tod oder Leben, Deutschland!", wie der Titel de- soeben erschienenen neuesten Buch- von Paul Hohrbach heißt. Hicht als ob eS mor­gen ober übermorgen schon sein könnte, baß kein deutsche- Volk mehr wäre, wohl aber so. daß bie Gntscheibungen, bie in bieten Tagen unb in biesen Jahren fallen werden, entschei­dend werden für die deutsche Zukunft: ES han­delt sich um daS Deutschland unserer Kinder! Heute ist kein Obrigkeit-staat mehr da, auf den wir die Verantwortung abwälzen tonnen, heute handelt cs sich einfach darum, ob di« deutschen Menschen. Mann und Frau, jung und alt die Sache de- deutschen Volk- alS Die ihre onzusehen die sittliche Energie besitzen, ob sie auS heißem Herzen her­aus politische Menschen sein und werden wollen, ob sie darüber hinaus sich auch zu der Erkennt­nis werden durchringen können, daß die Politik trotz der Notwendigkeit des heißen Herzens doch erfolgreich nur mit nüchternem, klarem Kopse betrieben werden kann.

Unter Staat i ft heute etn Parteien- st a a t der alte aristokratische Obrigkeit-staat ift auch für unS Deutsche zu Grabe getragen; aus Untertanen find Staatsbürger geworden, die auf dem Dege über die Parteien unb die Volks­vertretung die Hcgicrung aus' f i ch selber heraus stellen sollen. Die Weimarer Der- falfung ist der Hotbau, in dem das deutsche Volk, soweit es innerhalb der Grenzen des Deutschen Heichs lebt, sein Leben einzurtchten hat. Es ift bie Dersassung einer demokratischen Republik. Wie wir uns auch grundsätzlich zur Frage der republikanischen Versassung stellen mö­gen. <s ist die große, grundlegende Tatsache un­seres politischen Lebens, daß auch wir den Weg zur Republik gegangen sind DaS Werk von Weimar, man mag im einzelnen zu ihm stehen, wie man will, bildet nicht nur den Abschluß einer Entwicklung, die weit ins letzte Jahrhundert zu­rückreicht, es ist zugleich das Fundament für die kommende Gestaltung der Dinge Gewiß, jede Versassung ist Menschen­werk; es träte eine müßige Frage, sich darüber zu unterhalten, wie die Verfassung des Deutschen Reichs einst aussehen wirb; barüber zu entschei­den. ist Sache ber fommenben Generationen. Das eine aber steht sest, baß wir Heutigen unser« Pflicht dem deutschen Volke gegenüber nur dann erfüllen können, wenn wir uns in den leben­digen Strom des Lebens hineinstellen. Danach werden die kommenden Geschlechter uns beurteilen. Zunächst aber ist der Hotbau der deutschen Republik doch nur ein Hotbau ohne rechten Inhalt gewesen. Man hat sie nicht ohne innere Berechtigung eine rein formale Demokratie gescholten: man zog daraus bas Recht, sich ihr entziehen zu können. Aber es half nichts, es wird nichts helfen: dieser Staat

Beendigung des Trauerjahres an den Altar trat und zugleich an die Wonnen, die ihm dev baldige Besitz ber vergötterten Frau in Aus­sicht stellte.

Aber et sand weder für daS eine, noch für daS andere Worte, drückte Helene nur an sich und schloß ihr die Lippen mit 'den seinen.

.Vierzehn Tage nur, bann kommt die Tren­nung."

Gr sah verständnislos in ihre Augen, deren f eingeschwungene Brauen kaum merklich mit einem Stifte nachgezogen waren. .Ist daS dein Ernst, Helene?"

.natürlich. Lieber! So ist es doch vereinbart zwischen und. Jeder sein eigener Verdiener. Denke an das Gespenst meiner Schneiderin. Die Ferien, das heißt deinen und meinen Urlaub, verleben wir auf Rottach-Berghof. Wird daS nicht sein? Wir werden uni nie satt krie­gen! Hie Just! Immer werden wir uns neu lein, immer wieder in besonderem Reiz er scheinen."

.Ich habe daS zu wenig bedacht, Helene" In offensichtlicher Depression loste er seine Hände aus den ihren und ließ sie zwischen den Knien herabhängen. .Glaubst du, daß du dich nicht bei einigermaßen freiwilliger Einschränkung mit dem bescheiden kannst, wa- ich verdiene?"

.Fängst du schon wieder damit an?" lachte sie etwaS gezwungen zu ihm auf. .Willst du es erst einmal versuchen, von einem Berg von Schul­den erdrückt zu werden?"

.Müssen eS denn gerade Schulden sein, He­lene?"

.WaS sonst? DaS glaubst du wohl selbst nicht, baß Ausgaben, plus Au-gaben, plu- noch einmal Auslagen am Schlüsse ein Haben er­gibt? DaS bilbc dir nur ja nicht ein, mein Lieber. Mach letzt kein Gesicht, Just, wir sind da. Gebulbe dich noch einen Augenblick, ich muß erst mein Cape wieder knöpfen."

Sie haben sich gezankt, urteilte der Chauffeur, alS sie mit einem halben Meter Abstand den breiten Weg nach der Villa ßinaufgingen.

Es hat Streit gegeben, mutmaßte bie Zofe, alS die Diva an ihr vorbei nach dem Anklcidezim- mcr lief und befahl, den Herrn Doktor in da- Speisezimmer zu führen.

Hur etwaS wenig später kam Helene, immer noch im Pyjama, durch eine Hebentüre und bat ihn, Platz zu nehmen. .Du haft wohl schon gefrühstückt, Just? Hicht? Dann trifft es sich ja gut! Eie klingelte nach dem Mädchen, ließ den Kaffee bringen unb winkte biefem wie­her ab. .Sag doch etwa-, ich bitte dich! Ich bin toll vor Freude, fahre dir sogar entgegen und du sitzt wie ein Stock."

.Diese vierzehn Tage Flitterwochen, bie du mir da in Aussicht gestellt hast--*

ist unser Staat, er wird den rechten deutschen Inhalt nur dadurch bekommen können, daß wir alle, Ke wir Verantwortung spüren, und i n i h n hinein st eilen und unS muhen, den rechten Grund für den deutschen Volk-- ftaat der Zukunst zu legen.

Es ist nicht deshalb ein Staat ein schlechter Staat, weil er diese oder jene Versassung hat; es kam immer und kommt überall daraus an. daß die Menschen, deren Staat er ist. ihm da- rich­tige Leben zu geben vermögen; e- kommt darauf an. daß da- Volk eine organische Einheit und keinen ..Intcrcslcntenhaufcn" darstellt, und daß diejenigen, die ben Staat leiten, auS der Vollmacht heraus. Ke sie erhalten haben, auch wirllich die Kraft ziehen, da- notwendige zu

Die Partei der -lichtwähler

hat sich in Öen verflossenen Jahren in schwerer Weise schuldig gemacht an dem Geschick unse« red Dolkes.Wenn die Nichtwähler ihre Schuld vor dem deutschen Volt wieder gut machen wollen, müssen sie am nächsten Sonntag das Gebot der Wahl pflicht befolgen und geschlos« fen hingehen

an dte Wahlurne!

tun, auch wenn sie dieser oder jener Gruppe wehe tun müssen.

Ein- aber muh allem Zweisel enthoben sein: daß cs auch in der Republik einer starken Regierung bedarf, die auf lange Sicht zu regieren in der Lage ist. Darinnen offenbart sich die politische Erzogenbeit eines Volks, baß cs begreift, baß die Politik sich nicht im Stürzen von Kabinetten erschöpfen bars. Es muß cs wissen, baß ber tiefe Sinn eines ver­nünftigen Parteiwesens barin besteht, baß durch die Schulung in den Parteien sich eine Aus­lese von Führerpersönlichkeiten zu vollziehen hat, bie sich auf Grunb ihres Wis­sens, auf Grunb ihrer Willenskraft, auf Grund ihres Charakters zur Gtaatsführung eignen. Das Volk muß sich dahin erzogen haben, daß eS die Männer, die zur Staatsführung hindurchgedrun- aen sind, mit jener Atmosphäre beS Vertrauens zu umgeben versteht, die ihnen die Krast verleiht, sich im Dienf'e ber Volkheit unb bes Staates auszuzehren; sie brauchen bie innere Freubigkeit, bie au6 dem Bewußtsein hervorwächst, bas Vertrauen berer zu besitzen, denen ihre Mühe gilt. Dies ist vielleicht für unS Deutsche bas Schwerste; wir finb, so möchte man manchmal verzweiselt sagen, ein Volk von Hörglcm unb Besserwissern, bie auS ihrer indi- vibualistischen Veranlagung heraus ihren Regie­rungen bas Leben wahrlich nicht leicht machen. Aber wenn ich bie seelische Lage richtig sehe, so glaube ich doch sagen zu können, baß infolge deS Bergs von Schwierigkeiten, den wir vor uns aufgetürmt sehen, heute mehr denn je die Sehnsucht durch unsere Reihen geht, D e r - trauen gewähren zu können. Schon baS wäre ein guter Anfang in die neue Zeit hinein.

.Genügen dir nicht! Ich weiß schon, Just." Eie suchte sich gewaltsam bei Laune zu erhalten. .Es geht aber nun einmal nicht anders. Ich habe einen Vertrag für Moskau, Kopenhagen unb Paris unterschrieben. Ein Vierteljahr bin ich an Berlin gebunben, sechs Wochen an Zürich. Der Rest gehört bir, mein Just."

.Ich will aber nicht!"

.Du willst nicht!" Ihr Gesicht wurde kreide- farben wie das Stück Wandstreisen, der sich in Halbmetcrhöhc von der lichtblauen Tapete bis zur Decke hinaufzog. .Just!"---Helenes Kör­

per zitterte. .3uftr schmeichelte und warnte ihre Stimme zu ihm hinüber.

Franke hatte den Kopf weit zurückgebogen unb preßte ihn, als hanble es sich um eine schwierige Operation bei einem Zahnarzt, sest gegen bie Rückenlehne. .DaS ist keine Ehe! Kein Miteinander- und Füreinanderleben, sondern ein Aneinandervorbei!" Er sah nach ihr hin unb gewahrte mit Schrecken, daß ihre Wangen träncnübcrroTTnen waren.

.Ich hatte mich so gefreut!" weint« ihre Stimme in den Raum.

.Auf auf* er fand daS rechte Wort nicht, wurde verlegen und ließ die Augen von ihr abgleiten.

.Ja, Lieber! Auf mein großes Glück an deiner Seite und und"

.Auf wa- noch, Helene?"

.Auf ein Kind!"

Lein Oberkörper schnellte ruckartig nach vorne. Halb über den Tisch geneigt, starrte er sie an. .Helene!"

.Vielleicht hätte ich daS nicht sagen sollen. Just! Aber wenn man fo nah vor aller Er­füllung steht wie du und ich! Unb schließlich bist du doch Arzt und begreifst, daß eS natür­liches Weibcslehnen ist, das mich so sprechen ließ.

Eie sah ihn aufspringen, bann fühlte sie sich umfaßt und auf einen Arm gehoben. .Helene, für Keses Geständnis Kn ich bereit, all deine Wünsche zu erfüllen.

.Just!" mahnte sie erschrocken, unb mußte eS bulben, baß seine Küsse sie wie ein Dild- wasser überschäumten.

Dann wurden sie wieder sehr vernünftig, faßen zusammen in einem Klubstuhl gekauert: Er tief in das rote Eaffianleder gedrückt, sie auf den Knien haltend. Eine ganz stille, allen Komfort vermeidende Trauung wollten sie. Die Hochzeits­reise nach Rot lach-Hergßoß Vierzehn Tage welt­abgeschiedenen Glückes, das KS xum letzten ans ge­kostet werden sollte. .Du nimmst, wenn ich weg- reif«, Ke Mutter zu dir. Just, sagt« Helene versonnen und lehnt« bie 6time gegen feine rechte Schläfe.

Er drückte ihre Hand cm ferne Wange und nickte zustimmend.

Wie aber sieht unser Partei wesen heute auS? Bei der letzten Reichstagswadi traten im ganzen 33 Parteien vor die W.chler. ein klägliches Zeichen deutscher Eigenbrötelei Wir werden zu einer großen Flurbereinigung in unserem Parteiwesen kommen müssen, wenn uns da- große Derk deS Ausbaues unseres deutschen Volks- staateS gelingen soll. Die Anfänge sind in den letzten Monaten gemacht: es ift als ob ein Stein in- Wasser geworsen worben wäre, der nun immer größere Kreise zieht. 2s wird daraus hinaus müssen, daß wir uns nach großen Gc- lichtspunklen gruppieren, wir werden auf die Verschmelzung z u wenigen großen Sam­melbecken binarbeiten müssen, die den an­der Vergangenheit erwachsenen Grundströrnun- gen unseres deutschen Lebens entsprechen, so daß sich zwar eine reinliche Scheidung in die wenigen großen Gruppen vollzieht, dann aber gedeihliche Zusammenarbeit am unb im Staate möglich wird Daraus kommt eS an, daß wir bie Parteien alle nicht mehr alS Selbst­zweck betrachten, fOrtberg als Mittel zum Zweck der Ermöglichung gesunden staatlichen LcbcnS. Sie alle dienen dann der gemeinsamen großen Ausgabe, da- deutsche Volk in ben Stanb zu setzen, Schritt für Schritt feine Finanzen zu ord­nen. seine Wirtschaft instand zu setzen, seine Kulturrüstung neu auszubauen, unb von diesem Hintergrund auS eine krästigc auswärtige Politik zu treiben, bie barauf ausgebt, die Schäden, die nicht nur unS geschlagen worden sind, sondern ganz Europa, zu heilen. Dann wird es bossentlich auch bavi kommen I mehr als

sondere- Verdienst angesehen wird, im Parlament eine unfruchtbare Opposition zu treiben, daß vielmehr auch die Oppositioneine posi­tive, eine sruchtbare wird, die jederzeit fähig unb bereit ist, bie Verantwortung zu über­nehmen, wenn ber Rus an sie kommt.

Daran mitzuarbciten, daß daS deutsche Volk die Kraft finde, auS ben Tiefen feines SchicksalS- laufS heraus vorwärtsgerichteten BlickeS sich feinen Volksstaat zu bauen, von bem ein jeder Deutsche stolz sagen kann, dieS ist mein Staat, dazu ist heute jeder in der Lage ®r gehe zur Wahl, er fei Mann oder Frau. Wer eS nicht tut. der bekundet dadurch, baß ihn die Zukunft seines Volkes gleichgültig läßt. Wenn man so daS Getriebe in unseren Großstädten, in unseren Vergnügungsstätten ansieht, wenn man an die Auslösung der alten Bindungen, an deren Stelle keine neue Bindung getreten ist, denkt, da kann einem wirklich manchmal die Furcht ergreifen, daß auch wir Deutsche draus und dran sind, dem ZivilisationStvd zu Versalien, dem die antiken Völker einst verfallen sind. Haben wir ben Willen zum Leben noch. daS ist bie Frage. O ja. zum individuellen Ausleben haben ihn die meisten, zum Leben in Verant­wortung für die Gemeinschaft aber, dazu gehört mehr, akS Ke Rücksicht auf ben persönlichen Genuß unb ben persönlichen Vor­teil. bazu gehört bie innere Bindung an die überpers örtlichen Werte von Volk und Staat, in bic toir hi nei ngc- seht finb. um sie zu hüten unb zu pflegen, auf baß unsere Kinber bic Kette. Ke cmS un­endlicher Zeitentiese heraus iirnnfere Hande ge­geben ist. forttragen auf unserer deutschen Erde in bic fernen Zeiten. Löst sich ber Staat auf, bann verfällt bic Volkheit dem Siechtum, dann schwindet der Stolz auf daS Erbe der Väter, bann verliert daS Leben feinen höheren Sinn.

ES ist gut so, baß unser deutsches Volk nun­mehr vor die schwersten Entscheidungen gestellt ist. denn nur auS dem Zwang zur Entscheidung kann bic Heilung kommen. Die Wahl vom 14. September ist vielleicht ber Anfang dazu. Wer sein Volk liebt, ber gehe zur Wahl!

.Sie soll auf Rottach-Verghos schalten, als wäre es ihr eigen. Sage ihr da-, Just! Vielleicht verzeiht sie mir bann, baß ich bich ihr genom­men habe."

»Sie fängt an, sich damit abzulinden."

.Ich bin sehr sroh barüber. Zwist in meiner Umgebung, namentlich mit Menschen, Ke mir nahestehen, bas zerrt an meinen Heroen. Ich glaube, baß eS ihr auf dem Gute gefällt. Der Frieden wird ihr wohl tun und bie Ruhe unb da- Freisein von allem Zwang. Da draußen kann sie ganz sich selbst und ihrem Erinnern leben."

.Ich danke dir für deine Sorg« um meine Mutter", sagte er gerührt.

..Das ift überslüfsig, mein Lieber! Ich tue cS aus reinem Sgoi-mus. Ich will mir ihre Liebe damit erkaufen."

Franke ließ sie nicht mehr weiterfprechen. drückte feine Lippen auf bie ihren unb gab sie erst nach einer langen Weile wieber frei. '

Elf Stunbenschlägc mahnten ihn an Beruf und Pflicht. Er hatte einige Patienten zu besuchen unb versprach, nach Beendigung seiner Hachmtt- tagSsprechstunde noch einmal zu ihr herau-zu- kommen.

Helene rief ihn, als er schon an ber Türe stand, noch einmal zurück. .Findest du vierzehn Tage nicht reichlich lange. Just?"

Knabenhast übermütig gab er Antwort: .Acht Tage wären kürzer, mein LicbeS!"

.3a", sagte sie rasch. .Ist eS Kr recht. Just, wenn ich Kc Möglichkeit schasse, unsere Trauung noch in dieser Woche anzuschen? Dann sind unsere Flitterwochen um vierzehn Tage länger."

Hoch immer stand daS sieghafte Lachen in feinem Gesicht: .Ich danke dir für jede Stunde des Glückes, das weißt du ja. Helen«, ich bin sogar schon heute bereit, mit bir zu Kirche unb StanbeSamt zu fahren."

.Meine Papiere finb noch nicht alle in Orb- nung". sprach sie nachdenklich. Unb al« er nicht fragte, sagte sie. als wäre bas Ke einfachste Sache ber Welt: .Ich bin nämlich schon einmal verheiratet gewesen. Just."

.Helene!"--

.Ja!" Eie wurde unsicher unb brehte an der goldenen Quaste, die von dem blusigen Uebertourf des Pyjamas herunterbaumelte. .Da­mals war ich knapp siebzehn. Es hat nicht lange gedauert. Er starb daS heißt, er ver­unglückte auf einer Bergtour. Hiemand hat darum gewußt. Ich meine um unser« Ehe. Sie wurde in einem kleinen Dorfe auf Sizilien ein­gesegnet. Damals war ich noch nicht die Helene Chlodwig von heute. Erst viel«, viele Monate später Kn ich aus dem Dunkel in den Glanz des Leben« getreten.

(Fortsetzung folgt)