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Anne von Locarno, wo die deutsche Westgrenze so international garantiert ist, die interna­tionale Garantie des gegenseitigen Besitz st andes bedeuten soll. Dafür findet er Zustimmung nur bei feinen Vasallen, also Polen und den Staaten der Klei­nen Entente, sonst nicht. Alle anderen Staa­ten sind dazu nicht geneigt. Am schärfsten hat das die italienische Antwort ausgespro­chen. Aber auch die deutsche wird daran keinen Zweifel lassen. Lind die sog. neutralen Staaten sind selbstverständlich nicht dafür, mit solchen internationalen Garantien sich in Schwie­rigsten hineinziehen zu lassen. Es scheint, als wenn Driand, um eben den Plan ganz im fran­zösischen Interesse zu gestalten, damit selber so mit Schwierigkeiten bepackt hat, daß sie nicht zu überwinden sein werden. Gleichwohl nehmen wir den Plan durchaus in seinem Ernst und in seiner Gefahr für Deutschland. Man täusche sich nicht darüber, daß mit ihm eine Politik Frank­reichs auf weite Sicht hin begonnen worden ist, mit der wir jetzt lange zu tun haben werden! Lind wir haben im letzten Jahrzehnt zur Genüge kennengelernt, wie zäh und konsequent und wie geschickt auch in der Benutzung allgemeiner For­meln die französische Politik sein kann.

Der Plan kann sich eigentlich nicht aus der Schwierigkeit herausfinden, den Begriff Europa ausreichend zu bestimmen. Italien wie Deutsch­land müssen verlangen, daß er nicht nur auf die Völkerbundsgenossen beschränkt wird, und fordern, dah von vornherein sowohl die Türkei als auch Rußland zugezogen werden. Auf der anderen Seite: wie steht es mit England? England gehört zu Europa und gehört wieder nicht zu Europa. Seine Außenpolitik läßt nicht den geringsten Zweifel daran, daß sie über die Garantien von Locarno hinaus keinerlei irgend­wie geartete weitere Verpflichtungen auf sich nehmen wird. Dann aber sieht man nicht, wie England in diesen Bund hereingehen soll. Dieser Zweifel wird auch durch das unbestreitbare Wachsen des englischen Reichsgedan- kens bestärkt, das wir gegenwärtig beobachten. Der Feldzug des Presse-Lords für einen Reichs- freihandel mit Abschluß nach außen ist bekannt. Er geht genau in der entgegengesetzten Richtung wie der Vorschlag Driands. 3n England sagt man, dah dieser Vorschlag Eng­land vor die Frage stelle: Vereinigte Staaten von Europa oder vereinigtes Empire? Lind bei dieser Wahl würde ein immer größerer Teil des englischen Volkes sich für das zweite ent­scheiden.

3n diesem Sinne hat nun ein sehr wichtiger Faktor bemerkenswert eingegriffen, nämlich die Bankiers der City mit ihrer Erklärung vom 4. Juli, die sich uneingeschränkt auf die Seite desReichsfreihandels" stellt, dahEng­land seinen Markt allen Reichserzeugnissen wei­terhin offen läßt, sich aber anschickt, sämtliche Waren, die aus anderen Ländern ringe» führt werden, mit Zöllen zu belegen". Wohl gemerkt: diese Erklärung kommt aus den Dankkreisen von London, die durchaus und über- lieferungsgemäh freihändlerisch sind. Man darf dabei nicht übersehen, dah nicht allzu viel wirk­lich maßgebende Bankiers darunter stehen, aber ebensowenig, daß, was hier die Bankiers er­klären, neulich die britischen Handelskammern und der Wirtschaftsausschuß der Union der Ge- ; Werkschaften auch erklärten.

Es geht ein gewaltiger Zug zur umwälzenden Revision der Handelspolitik durch das englische Reich. Das bedeutet für die Briand- schen Paneuropapläne, soweit sie wirtschaftlich gefaßt werden, an sich eine Bestätigung und einen neuen Ansporn und stellt wieder Deutsch­land vor eine besondere Aufgabe, weil wir unter keinen Umständen einen Zusammenschluß Europas mit der Spitze gegen das englische Reich wünschen.

Dieser Eintritt der Bankiers in die Front des britischen Reichszollvereins hat weiter eine große Bedeutung für die englische innere Politik, f ü r die Konservative Partei. Es wird B a I b to i n, dem bisherigen Führer, immer schwerer, die Führung in feinem Sinne zu be­haupten, gegenüber Lord Deaverbrook, der die Führung der Konservativen mit der Forde­rung an sich reißen will, die britische Handels­politik müsse unbedingt umgestaltet werden. Auf diese Weise wird es Baldwin immer schwerer ge­macht, an seiner Idee festzuhalten, nämlich dem Plan, die Wähler direkt zu befragen, ob sie das wollen, genauer gesagt, ob sie die damit not­wendigerweise verbundene Erhöhung der Lebens­mittelzölle, die Verteuerung des täglichen Lebens selber wünschen.

Darüber ist nun freilich das letzte Wort nicht gesprochen. Als einmal, 1905, das Volk so befragt wurde, trug der, der es dafür gewinnen wollte es war der alte Chamberlain eine vernichtende Riederlage davon. Es ist doch frag­lich, ob trotz des mächtigen Zuges auf Reichs- schuhzoll schließlich die städtische Masse für die Verteuerung der täglichen Lebensmittel, Brot und Fleisch vor allem, stimmen wird. Anderseits hören wir bisher zu diesen weitgreifenden Ge­danken nur die Stimme aus England und Schott­land. Zu einem solchen Abschluß gehören aber auch die anderen, in erster Linie die Selbstverwaltungskolonien. Das bri­tische Weltreich ist noch weit davon entfernt, eine Wirtschaftseinheit zu sein, und es steht durchaus nicht fest, ob die großen Kolonien ohne weiteres ihren Vorteil durchaus in dem Anschluß an einen Reichszollverein sehen: am ehesten natür­lich Kanada, weniger schon Südafrika oder gar Australien.

Je nun, für den Augenblick ist die Hauptsache, dah durch diese Bewegung noch weniger auf eine Zustimmung Englands zu Driands Plan zu rechnen ist. Er wird voraussichtlich im Sep* tember in Genf einen sehr wesentlichen Punkt der Erörterungen bilden, und je mehr man ihn überlegt und von der gegenwärtigen Lage aus prüft um so komplizierter und heikler wird er. Die Aufgabe ist nicht leicht, die damit der deut­schen Außenpolitik gestellt ist. Sie droht mit mancherlei Gefahren, aber sie stellt auch mancher­lei nicht geringe Chancen in Aussicht. Denn ohne es zu wollen, hat Briand ja doch um die Sicher­beit im französischen Sinne recht zu unterbauen, in Europa gerade die Erörterung darüber auf­gerührt, ob denn die Ordnung der Pariser Friedensverträge überhaupt eine geeigneteGrund- tage für einen engeren Zusammenschluß der euro­päischen Staaten bedeute. So gerät diese Frage gegen den Willen dessen, der sie angeführt hat, doch stärker in Fluh.

Der seltsame Tod des Präsidenten Holding

Äon Or. Walter Fischer, ord. Professor an der Universität Gießen.

Amerika ist um einen politischen Skandal reicher. Aber diesmal hat er nichts mit den zahl­reichen beamteten und nichtbeamtetenSchmutz- auswirblern", den muck-rakers, zu tun, die in der großen Presse so ost Llntcrstützung finden, son­dern man flüstert ihn sich von Munde zu Munde zu, liest von ihm in kleinen Oppositionsblättern oder auch in einem sensationellen, schlecht ge­schriebenen Buch, das von der amtlichen und von derguten Presse so gut wie totgeschwiegen wird. Worum handelt es sich bei dieser neuen Affäre?

Als die Vereinigten Staaten, kriegs- und Wilscnrnüde. im November 1920 zu einer Neu­wahl schritten, fiel der Siegespreis ohne erheb­liche Anstrengungen dem Republikaner W. G. Harding zu, einem geschickten Lokalpolitiker und wortgewandten, jovialen Senator, der in seinem Heimatstaate Ohio großes Ansehen genoh.

Er verstand es aber nicht, sich mit Ratgebern zu umgeben, deren Persönlichkeit der öffentlichen Meinung Achtung einflöhen konnte (mit wenigen Ausnahmen, wie Staatssekretär C. E. Hughes und Handelsminister H. C. Hoover). Bald wurde die Regierung berüchtigt für jede Art von Durch­stecherei und Korruption, die auch in die aller­höchsten Verwaltungsstellen Übergriff. Da gab es Skandale in der Kriegerversorgung, in dunk­len Petroleumgeschäften, im Alkoyolschmugael größten Stiles, in den Prozessen um das be­

schlagnahmte Eigentum von Ausländern. Lind die Lebensführung mancher dieser hohen Würden­träger entsprach durchaus ihren Grundsätzen in der Verwaltung der öffentlichen Aemter.

Die Person des Präsidenten war bei all diesen Skandalen noch immer ziemlich unversehrt davon» gekommen. Aber die seelischen Erschütterungen, denen er inmitten dieser allgemeinen Llnehr- lichkeit ausgesetzt war, griffen an feinen Le­bensnerv. Um die Beliebtheit seiner Person und seiner Regierung zu erhöhen, machte er im Som­mer 1923 eine Rundreise durch die Vereinigten Staaten. Sein geschwächter Körper hielt jedoch den Strapazen nicht mehr stand, und am 2. August 1923 starb er unerwartet, nachdem er zu San Franzisko an einer Lungenentzündung erkrankt war.

Dieses ganze Gewebe von politischer Korrup­tion, an dem früher schon zahlreiche Skandal­prozesse so manche Masche zerrissen hatten, erhält nun neuerdings einen krachenden Riß durch die Enthüllungen eines ziemlich übel beleumundeten Organs der Justizverwaltung während der Har- dingzeit. Dieser Mann, Gaston B. Means, den seine guten Freunde ins Gefängnis brachten, führte über alle politischen Vorkommnisse und dunklen Geschäfte, in die er verwickelt war, ein genaues Tagebuch, und aus diesen Aufzeichnun­gen schöpfte May Dixon Thacker das Material zu ihrem aufsehenerregendem, literarisch freilich un­befriedigendem BucheDer seltsame Tod des Präsidenten Harding (The Strange Death ot President Harding,, 1930). Da wird das außer­eheliche Leben des Präsidenten einer peinlichen Kritik unterzogen, seine Rolle in den verschie­denen politischen Skandalen wird aufs neue untersucht, und schließlich sogar die Frage auf- geworfen, ob er eines natürlichen Todes gestor-

Mainzer Tagung des Hessischen Landesiehrervereins

bereits verfügt und es erscheint uns des­halb als Härte, wenn die ausgezahlten Beträge wieder eingezogen werden sollen. Wir bitten deshalb das Gesamtministerium, die für Juli ausgezahlten Kinderzuschläge in Ausgabe zu belassen. Wir wiederholen bei dieser Gelegen­heit unsere grundsätzliche Auffassung, wonach der Abbau der Kinderzuschläge in Hessen einen Ein­griff in die wohlerworbenenRech te der Beamten bedeutet.

An die Arbeitstagung der Vertreter schloß sich ein rheinischer Abend in der Stadthalle zu Mainz an, der den Gästen aus Hessen ur* allen Teilen Deutschlands eine schöne Probe vom Mainzer Humor gab.

Die Hauptversammlung, zu der sich 2000 Teilnehmer in der Stadthalle zu Mainz eingefunden hatten, wurde vom stell­vertretenden Obmann, Rektor Kaufmann, Gießen, eröffnet. Nach Absingung des Dundes- liedes begrüßte er den Vertreter des Hessischen Kultusministeriums, Oberschulrat Friedrich, Darmstadt, den Vertreter der Stadt Mainz, Bürgermeister Dr. Ehrhardt, und andere Gäste, besonders herzlich die Mitglieder des geschäftsführenden Ausschusses des Deutschen Lehrervereins. Dem Andenken aller Männer und Frauen, die für die Befreiung der Rheinlande gekämpft haben, besonders aber Dr. ©trete» mann, widmete der Redner Worte des Ge­denkens. Von dem stolzen Zusammenhalten der Rheinländer sollten nun alle Deutschen lernen. Dieser Gedanke der Einigkeit soll auch hinüber­fluten in unsere Schularbeit.... Mit dem Deutsch­landlied schlossen die mit lebhaftem Beifall auf­genommenen Ausführungen.

Oberschulrat Friedrich erklärte im Namen des Ministers für Kultus und Bildungswesen, daß sich die rheinhessische Lehrerschaft, besonders aber die von Mainz, hervorragend am Abwehr­kamps gegen fremde Llnterdrückung beteiligt habe. Er erinnerte an die Jahre 1919 und 1923, in denen zahlreiche Lehrer ausgewiesen, mit Ge­fängnis und hohen Geldstrafen belegt wurden. Für baä treue Aushalten sprach er den Dank der Negierung aus.

Bürgermeister Dr. Ehrhardt brachte den Gruß der Stadt Mainz, Schulrat Wolfs, Ber­lin, der erste Vorsitzende des Deutschen Lehrer­vereins, erklärte, es dürfte in der Geschichte des Deutschen Lehrervereins das erstemal sein, dah die gesamte Leitung des Vereins mit allen ihren Gliedern an einer solchen Versammlung teilnimmt. Das Wappen von Mainz zeigt ein Rad, und ich deute _ es so, daß das Rad den Fortschritt bringt: Darum vorwärts!

Nach einer feierlichen Ehrung der Aus- getoiefenen durch den Vorsitzenden hielt der erste Vorsitzende des Deutschen Lehrervereins, Schulrat Wolfs, Berlin, einen

Vortrag über deutsche Kutturpolitif, in dorn er nach kurzem Rückblick auf das Wer­den des deutschen Staates daran erinnerte, daß 1919 der Traum vieler Deutschen, der Einheits­staat, nicht in Erfüllung gegangen sei. Aber solch merkwürdige Fälle, wie sie zur Zeit vor- tammen, dah in einem Staate die Zugehörig­keit zu einer bestimmten Partei verboten werde, in einem andern Staat aber ein Minister dieser Partei angehöre, scheine dazu beizutra­gen, daß der Gedanke des Einheitsstaates wei­terschreite. Der Deutsche Lehrerverein habe mit Freuden begrüht, daß die Verfassung wenigstens dem Reich grundsätzlich das Recht auf die Schule gibt. Nach kurzen Anläufen habe das Reich freilich versagt, aber vom Deutschen Lehrerver­ein wird immer aufs neue gefordert, dah die Gesetzgebung für die Schule auf das Reich über­gehe. Die weltverbindende Technik, Schülerbe­suche und Austauschlehrer, helfen mit, dah sich die Völker immer mehr verstehen. Hier liegen die stärksten Aufgaben der Schule, die die Völ­kergemeinschaft bejahen muh, um neue Wege eines Ausgleichs der internationalen Verhält­nisse herbeizuführen. Das Gemeinsame muh be­tont werden, die Kultur macht nicht an den Gren­zen Halt, wenn auch jedes Volk seine eigene na­tionale Kultur hat.

Dem gedankenreichen Vortrag folgte leb­hafter Beifall; Rektor Kaufmann betonte in seiner Schluhansprache, daß dieser Vor­trag das Bekenntnis des Deutschen Lehrer- vereins sei. Die Lehrer sollten wirken im Geiste der heutigen Versammlung in un­ermüdlicher Kleinarbeit als Diener des Volkes. Der Nachmittag war einer Rheinsahrt gewidmet.

WSN. Mainz, 10.3ulL Der Hessische Landeslehrerverein, die größte Lehrer- organifation Hessens, hielt am 10. und 11.3uli in Mainz seine Vertret er-und Haupt­versammlung ab, die mit einer (Befreiung 8- kundgebung für die beseht gewesenen Gebiete verbunden war. 3n einer Vorstandssihung über­reichte Eisenbahn-Obersekretär Apel aus Mainz dem Obmann Reiber und dem Vertreter des Deutschen Lehrervereins Rektor L ü p k e (Ber­lin) die Befreiungsplakette in Gold, die das Ortskartell Mainz aus Anlaß der hier stattfindenden Befreiungstagung der Beamten­schaft hat schlagen lassen.

Die Vertreterversammlung

Die (Bertreteroerfammlung eröffnete Obmann Reiber mit einem herzlichen Willkommens grüß. Sein besonderer Gruß galt dem freien Rhein, der toicberbefreiten Stadt Mainz und dem freien Rheinhessen. Der Vorsitzende des Mainzer Leh­rervereins, Schröder, wünschte der Tagung besten Verlauf. Durch die Anwesenheit west- preußischer Vertreter unb telegraphische Grüße aus Ostpreußen kam die Verbunbenheit des deut­schen Ostens mit dem befreiten Westen zum Aus­druck. Vorsitzender Schröder gedachte beson­ders der schweren Opfer, die die hessische Lehrer­schaft während der Besetzung durch Ein­kerkerung, Ausweisung usw. gebracht hat und wies in diesem Zusammenhang besonders auf die beiden Führer des Hessischen Landeslehrervereins, Ehrenobmann Bach unb Obmann Reiber hin.

Der Geschäftsbericht des Obmannes zeichnete ein Bild der schwierigen beamten» unb schulpolitischen Kämpfe de 8 letzten 3ahres unb ging besonbers auf die heftigen Auseinander­setzungen ein, die um die hessische Volksschule ftattgefunben haben. Er ließ keinen Zweifel dar­über, dah der Verein die getroffenen Maßnahmen um der Schule und der Kinder willen auf das schärfste ab lehnen muh.

Der Vertreter des Deutschen Lehrervereins Lüpke dankte dem Landeslehrerverein für seine langjährige treue Mitarbeit, besonders in den schweren Zeiten der Besahungsnot. Dah es nicht gelungen ist, den deutsch-kulturellen Boden am Rhein zu unterhöhlen, ist nicht zuletzt ein Ver­dienst der rheinischen Beßrer unb ihrer volks­erzieherischen Tätigkeit.

Die nachstehenden

Entschließungen

wurden dann von der Vertreterversammlung ein­stimmig angenommen:

1. Der Abbau an der Volksschule ist gegen den Willen des Hessischen Landesiehrer­vereins zur Wirklichkeit geworben. Der Hessische Landeslehrerverein bedauert, dah wiederum wie im 3ahre 1926 die3unglehrerschaft durch den Abbau stark betroffen wurde. Er ist der An­sicht, dah die Maßnahmen, durch die eine sehr große Zahl von Junglehrer und Sunglefrrerinnen in ihrer Arbeitsleistung und in ihren Bezügen um die Hälfte oder ein Drittel gekürzt werden, nur v v rüber gehend sein können und des­halb so bald als möglich rückgängig zu machen sind. Er steht auf dem Standpunkt, daß all diese Maßnahmen nicht zu einem Gehaltsabbau der nichtangestellten Lehrer führen dürfen.

2. Die Vertreterversammlung sieht die schwie­rige finanzielle Lage von Reich, Länder und Ge­meinden. Die Lehrerschaft ist an ihrem Teil be­reit. mit zur Behebung der Notlage beizutragen. Sie fordert jedoch, dah die Lasten gerecht verteilt und alle Volksschichten nach Maßgabe ihrer wirtschaftlichen Kraft herangezogen werden. Jede Reichshilfe, die diesem Grundsatz wider­spricht, lehnen wir als ungerecht und unsozial ab. Die hessische Lehrerschaft ist durch den dreimaligen Abbau, durch die Deförde- rungs- und Besoldungssperre und durch die Kür» Äber Kinderzuschläge seither schon in er- em Maße «ur Sanierung der hes­sischen Finanzen herangezogen wor­den. Aus diesem Grunde kann ihr ein allgemeines Notopfer, selbst in der oben gekennzeichneten Form, nur bann zugemutet werden, wenn die hessischen Sonderbelastungen (Desoldungs- und Beförderungssperre und Abbau der Kinderzu­schläge) aufgehoben werden.

3. Nach einer Verfügung des Ministeriums sollen die am 1. 3uli ausgezahlten Beträge für Kinderzuschläge an dem am 1. August zur Auszahlung kommenden Gehalt abgezogen I Derben. Hiervon werden gerade die Familien» I Väter betroffen, die ihr Einkommen genau rin» \ teilen müssen, um bannt auszukommen. Sie haben über das empfangene Gehalt zum größten Teil

Ben sei, ob man den fronten Mann nicht barm­herzig von weiteren beschämenden Enthüllungen schützen wollte.

Zweifellos haben Rachsucht und Skandalsucht bei diesem Buche Pate gestanden, und die schwar­zen 3nfinuationen am Ende gehören ins Bereich des Kolportageromans. Aber als Dokument des berüchtigten politischen GrundsatzesThe spoils to the victor,, (Dem Sieger die Beate"), der im großen Kehraus der entmoralisierten Nach» kricgsjahre eine beschämende Auferstehung ge­feiert hat, wird dieses Buch feine Bedeutung behalten, als bleibendes Zeugnis für die Ver­heerungen, die gewissenlose Politiker, die der starken Führung entbehren, auch in einem ge­sunden, reichen Lande anrichten können.

Oberheffen.

Stadtverordnetensihnng in Lauterbach.

C Lauterbach, 11. Juli. In der letzten Stadtvorstandssihung stand als erster Punkt ein Gesuch des Milchhändlers Trapp um käufliche Lleberlassung eines Bauplatzes für eine Autogarage auf der Tagesordnung. Nach den Ausführungen des Bürgermeisters wünscht Trapp einen Platz gegenüber der Metzgerei Dietz ober im Seebrückengarten, evtl, auch auf dem jetzigen Schweinemarktplah. Die von dem Gefuchsteller vorgeschlagenen Plätze können nach Ansicht des Stadtvorstandes für die Errichtung einer Garage nicht in Frage kom­men, und man beschließt, dem Trapp einen Platz auf dem städtischen Gelände hinter der Mühle Llngernach zum Quadratmeter-Preis von 1 Mk. zum Kauf anzubieten.

Der Lackierermeister Heinrich Weitzel I. hat fein Häuschen in der Rockelsgasse zum Kauf an­geboten. Die Baukommission hat dasselbe be­sichtigt unb empfiehlt einen Kauf abzulehnen. Der Stadtvorstand beschließt demgemäß.

Der Hutarbeiter Ludwig Bing beabsichtigt sein Wohnhaus am See umzubauen und will das hierfür erforderliche Kapital beim Hessischen Staat aufnehmen. Er ersucht die Stadt, die in derartigen Fällen vorgeschriebene Bürgschaft zu übernehmen. Der Stadtvorstand beschließt, im vor­liegenden Falle die Bürgschaft in Höhe von 2000 Mk. ausnahmsweise zu übernehmen, da dem fraglichen Hause bereits die Einsturzgefahr droht.

Die Bezirks-Sparkasfe Lauterbach hat im Mül­lersweg anläßlich der Errichtung des neuen Spar- kassengebäudes eine neue Kanalanlage ge­baut unb ersucht nun die Stadt, sich an den ent­standenen Kosten mit einem gewissen Betrag zu beteiligen. Das Gesuch der Sparkasse wird abge­lehnt, da der Anschluß der Sparkasse an das bestehende Kanalnetz in der Bahnhofstraße er­folgen kann.

Der Bürgermeister gab dann von dem Ar­beitsbeschaffungsprogramm des hessi­schen Staates Kenntnis, wonach J>er Staat für Kapitalaufnahmen, mit denen größere Arbeiten ausgeführt werden, Zinsverbilligungen gewährt. Auf Vorschlag des Bürgermeisters wurde be­schlossen, eine neue Wasserleitung, sowie die Straße nach dem Schwimmbad auszubauen und die entsprechenden Zinsverbilligungen für beide Projekte, die auf rund 100 000 Mk. ge­schätzt werden, zu beantragen. Die Erbauung der Wasserleitung wird etwa 50 000 Mk., der Straßenbau etwa 4550 000 Mk. kosten. Durch die Ausführung dieser Arbeiten würde die Wasserkalamität der Stadt behoben _ unb den ständig zunehmenden Ausgesteuerten für längere Zeit Arbeitsgelegenheit beschafft.

Der vom Bürgermeister vorgetragene Wirt- fchaftsplan des Waldes für 1931 wurde genehmigt.

Der Einspruch der Anlieger in der Adolf- Spieß-Straße zur Heranziehung von Fuhsteig- toftenbeiträgen wurde abgelehnt, da sich die Be­gründung nicht mit dem Z 6 der Ortsbausahung deckt.

Lieber die Heranziehung der Anlieger der in den letzten 3ahren neuerbauten, Straßen zu Straßenkostenbeiträgen entspann sich eine län­gere Aussprache. Die Finanz- und Daukorn- mission hat sich bereits mit dieser Frage be- schästigt und empfahl nur 50 Proz. der ausge­schlagenen Kostenbeiträge nach § 14 der Orts­bausahung zu erheben. Einige Gemeinderäte spra­chen für gänzlichen Erlaß dieser Beiträge. Nach allgemeiner Aussprache wird ein Antrag auf restlosen Erlaß der Straßenkostenbeiträge gegen drei Stimmen abgelehnt und die Angelegenheit zur weiteren Klärung vertagt.

Bezüglich der Abgabe von Familiengräbern wurde sodann beschlossen, daß ab 1. 3uli 1930 für jedes Grab, welches erworben wird, bevor ein Angehöriger der betreffenden Familie verstorben ist, 250 Mk. zu entrichten sind. Weiterhin wurde bei diesem Punkt der Tagesordnung beschlossen, daß die Kinder in Zukunft ebenfalls auf dem neuen Quartier, und zwar auf dem nordöstlichen Teil beerdigt werden sollen.

Am Schluß der öffentlichen Sitzung beschäftigte sich der Stadtvorstand noch mit einem Gesuch des früheren Werkmeisters Bruno Lack um pachtweise Lleberlassung von Gelände in den sog. Eisenkauten zur Errichtung einer Hühnerfarm. Dem Gesuch wird zugestimmt und die jährliche Pacht auf 5 Mk. festgesetzt.

3n der anschließenden nichtöffentlichen Sitzung wurde unter Hinzuziehung des Sachverständigen Reg.-Daurats Gudernatsch üier die Ver­stärkung des Ortsnetzes im Stadtteil Bahnhof Nord verhandelt.

Landkreis Gießen.

-5- Großen - Linden, 10. 3uli. 3n früheren Zeiten war es auf dem Lande allgemein üblich, daß Haus- und Grundbesitzer zu öffentlichen Fronarbeiten Wegebauten, Fuhrleistungen usw., die an bestimmten Wochentagen gemein­sam verrichtet werden mußten, herangezogen wurden. Wohl als letzter Brauch dieser Art hat sich hier das sog.Mühlgrabenräumen" erhalten, welches in jedem 3ahre einmal vor­genommen wird. Bekanntlich ist die an unserer westlichen Gemarkungsgrenze gelegene Luhmühle eine Gesellschaftsmühle, die sich im Besitz einer Genossenschaft befindet, welche sich aus Land­wirten von hier, aus Lützellinden und Allendorf (Lahn) zusammenseht. Der in unserer Stadt vom Kleebach abzweigende Mühlgraben wird alljähr­lich im Monat 3uli von den Teilhabern der Mühle gemeinsam von Schlamm, Gebüsch usw. gesäubert. Wer an dieser, mehrere Stunden dauernden Arbeit nicht teilnimmt, muß eine ent­sprechende Geldstrafe entrichten. Die ordnungs­mäßige Ausführung der Reinigungsarbeiten wird einige Tage später durch eine GemeinderatS- kommission nachgeprüft.

OO Klein-Linden, 11. Juli. Am Hellen läge wurde i« die hiesige Kleinkinderschule ein Siu-