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Nr. 161 Zweiter Blatt Gietzener Anzeiger sGeneral-Anzeiger für Vberhessen) Samstag, 12. Zuli 1950

Was erwartet die deutsche Zugend von der Gestattung des politischen Lebens?

Eine Umfrage bei politischen Führern der jungen Generation.

Es ist kein Geheimnis, daß sich in dem deut­schen Parteiwesen eine Umschichtung vollzieht. Roch heben sich die Konturen der Entwicklung nur schwach vom Hintergrund der Geschehnisse ab. Aber eines ist sicher: das Parieiwesen in der heutigen Form kann auf die Gefolgschaft der Jugend nicht rechnen. Wir baten deshalb politische Führer der jungen Generation, sich darüber auszusprechen, wie sich die Jugend das Reich von morgen, das das ihre sein soll, und die kommende Gliederung der Parteien denkt. Heraus aus der Erstarrung

des Parteiwesens.

Don Walter Lambach, M. d. ZR.

«Wer das politische Problem unserer Tage nur in der Reugestaltung der Mitte sieht, sieht die Aufgabe, vor der wir stehen, zu eng. Cs geht um viel mehr. Es geht darum, das ganze Parteiwesen aus der Erstarrung zu lö­sen, in die es schon so wenige Iahre nach der Revolution hineingeraten ist. Diese Erstarrung hat ihre Ursache im Wahlsystem, das den Wähler zwingt, unveränderliche Listen zu wäh­len. Es unterbindet daher die Wirksamkeit jenes Elements der schöpferischen Llnruhe, das in der Verbindung des Wählers mit einer bestimmten Person liegt, der er seine Stimme gibt.

Die Erstarrung hat außerdem ihre Ursache in der allzu opportunistischen Verwendung der 1919 geschaffenen Parteiprogramme. Ihre ideenmähige Weiterentwicklung ist unterblieben. Alle die Sünden, die gegen sie und gegen ihren Geist begangen worden sind, sind mit dem Hin­weis auf die Abhängigkeit von ande­ren Koalittonsparteien bemäntelt wor­den. Aus diese Weise haben sich die gesamten Parteien dem Zwang, der aus der Spannung zwischen der Wirklichkeit und dem Wunschbild eines Parteiprogrammes schöpferische Kräfte ent­fesselt, entzogen. Die Reugestaltung unseres Par­teiwesens hat nicht in der Mitte, sondern a u f der Rechten begonnen. Eie wird aber nicht auf die Rechte beschränkt bleiben, sondern in ihren Auswirkungen auch die Mitte ergreifen. Die Ablehnung jeglichen Fraktionszwanges und die Wiederherstellung der unbedingten Verant­wortung des persönlichen Gewissens für poli­tische Entscheidungen werden auch in anderen Parteien aufrüttelnd wirken. Die Zeit, in der mit, äußeren disziplinariichen Mitteln Mehrheiten ge­schaffen wurden, wird von einer Zeit abgelöst werden, in der die Einheit desHandelns wieder organisch aus der inneren Ver­bundenheit erwachsen wird.

Auch die anderen volkskonservativen Absichten, die Rotwendigkeit des Hand-in-Hand-Arbeitens und der Aufgabenteilung mit wefensverwandten Parteien und Gruppen zu bejahen, d. h. parla­mentarische Bündnisse nicht mehr als Rotbehelf, sondern als Ausdrucksform eines föderativen politischen Demeinschaftswillens herauszustellen, wird zu Folgerungen im nicht marxistischen Flü­gel des Parlaments führen. Daß Parteien ein­ander nicht nur zu bekämpfen, sondern mit dem Vlick aufs Ganze auch zu ergänzen haben, bedeutet grundsätzliche Anerkennung der Daseins­berechtigung anderer Gruppen. Auch das muß zu einer neuen gegenseitigen Haltung im parla­mentarischen Arbeiten führen.

Mir scheint, daß erst aus solcher Erneuerung im Innern des Parteiwesens heraus sich die Voraussetzungen für größere neue Gruppierungen ergeben werden, deren vor­zeitige organisatorische Durchführung uns aus der Erstarrung nicht herausbringen würde.

Ferien mit einem Dackel.

Don Harry Schreck.

Die Insel, auf der ich jetzt lebe, ist ganz klein. Wenn man im Voot rund um ste herumgerudert ist, hat man nur gute lausend Meter zurückgelegt. Weit ringsum aber flirrt der spielende Glanz der breiten, gelaflenen Waflerscheibe. Hinten, bis zum Verschwimmen in die Ferne gerückt, stehen in großen, tiefgeschnittenen Mmriflen die schweigenden Verge mit senkrechten, graublauen Flachenwandlungen.

*

Ich bin ganz allein auf dieser Insel. Das heißt, Medardus ist natürlich auch da. Sein Dackelherz trennt sich nicht von mir. Es gehört sich eben ein­fach so, daß Medardus auch da ist. Es gehört sich, daß er, wenn ich zu ihm hinüberblinzle, ein wenig mit dem Schweif auf die Matte klopft und zurück- blinzelt. Ich wäre nicht glücklich, wenn er jetzt nicht bei mir wäre. Richt wahr, Medardus? Auch, wenn du nur gähnst, deinen schmiegsamen braunen Rücken mit gestreckten Vorderpfoten in der Prallwnne lang­ziehst, hin und wieder einmal gnädig aufstehst, um mich mit deinen melancholischen Dackelaugen fragend anzuiehen.

Außerdem gibt es noch einige andere Leute auf der Insel. Fischer mit verwaschenen struppigen Schnurrbärten. Fischerfrauen mit verarbeiteten ge­krümmten Fingern. Fischerbuben mit fast nigger» braunem Körper; keiner ohne ein paar Schrammen und Riste, die aus den andauernden solennen Kei­lereien stammen. Kleine Fischermädchen, mit Flachs­köpfen, die man sorgsam mit sehr viel Wafler glättet. Ein fetter, alter, pensionierter Dampferkapitän, der steifbeinig seinen Morgenfpaziergang macht.

Alle diese Leute sind auch da. Aber Medardus und ich brauchen sie kaum. Wir haben nach niemand mehr als flüchtiges Verlangen. Wir sind durchaus mit unserer eigenen Gesellschaft zufrieden, auf uns gestellt, von niemand abhängig. Medardus und ich leben in vollem Einverständnis. Wir sind weise, haben viel Geduld für alle Dinge und vermögen in Wahrheit ein Dasein der beschaulichen Betrach­tung zu führen. Medardus, und doch, ich habe noch manches von dir zu lernen- Denn du bist der Ge­ruhigere von uns beiden ...

Der Morgen kommt. Kühl und glitzernd. Weit draußen gleiten fern die weißen und braungelben Segel der Fischerboote. Die kleinen Wellen des Mfer« gerölls plätschern kaum merklich ans Flachboot. Lang­sam treiben die bedächtigen Ruderschläge. Dann lie­gen wir still über noch durch die Flut herauf sichtbarem

Der Deutsche neigt sehr dazu, ausländische Verhältnisse auf deutsche Zustände zu übertragen. So haben wir die Weimarer Verfassung be­kommen, die noch einer sehr wirksamen Beein­flussung durch die organischen Kräfte unseres Volkes bedarf, bevor sie zu einer wirklich deut­schen Verfassung werden fann. So ist uns das Wunschbild eines Zweiparteien- Systems vorgesetzt worden, das für die An­schauung und Beschreibung zwar sehr bequem ist, aber gegenüber dem lebendigen Leben in der deutschen Mitte und auf der deutschen Rechten zu einer Zwangsjacke werden müßte. Den deutschen Möglichkeiten entspricht viel mehr das lebendige Gruppenleben, wie es z.B. im fran­zösischen Parlament zu finden ist. Es kommt darauf an, diese Möglichkeiten auch tat­sächlich zum Ausgangspunkte eines politischen Gestaltungswillens zu machen. Dann wird man zu der Auflockerung kommen, die Voraussetzung für eine Reugestaltung sowohl der Rechten wie der Mitte fein muß."

Wille und Möglichkeit politischer Reugestaltung.

Don Frih H. Herrmann,

Vizekanzler des Iungdeutschen Ordens.

Zwischen Szylla und Charybdis taumelt die Kulturmenschheit ihren Weg. Betäubend und ertötend fiel der Meltau plutokratischen Macht­willens auf die lebendigen Organismen der Völ­ker und machte den Menschen zur Rümmer, zum Handelsobjekt, zur Maschine. Mnö aus den Steppen Asiens flogen die ersten Funken des klassenkämpferischen Bolschewismus auf, um hier und ha schwelende Brände zu erzeugen. Szylla und Charybdis, Bolschewismus und Pluto- fratie; gibt es noch einen Weg, um das Menschhcitsschisf in den sicheren Hafen einer le­bendigen Zukunft zu steuern?

''Wir Iungdeutschen glauben daran, Mnö der Glaube gibt uns Willen und Stärke, an der Reugestaltung der Dinge zu arbeiten. Dieser Glaube lehrt uns, daß Blut schwerer ist als das Gewicht des Geldes, lehrt uns, daß Liebe stärker ist als Reid und Haß. Wenn also eine politische Reugestaltung erfolgen soll, so muß sie ausgehen von Menschen, die chr Volk und Land lieben, von Menschen, die trotz des Kampfes um das tägliche Brot und über die Trennung von Stadt und Land, von Stand und Beruf, von Alter und Konfession hinweg, sich zusam- mensinden zur Gemeinschaftsarbeit denkender Staatsbürger. Die Gegen, sähe der Wirtschaft werden nicht ausgeschaltet werden, solange produziert und konsumiert wird, Aber über den Gegensätzen steht der Staat als Willensausdruck der Gesamt­heit und geleitet von Führern, die nicht der Machtspruch des Geldes, nicht der Haß der Klassen und nicht die Demagogie eines korrup­ten Systems scheindemokratischer Parteicliquen auf den Schild gehoben haben, sondern der Wille des organisch gegliederten und darum verant­wortungsbewußten Volkes.

Wir erreichten im Iungdeutschen Orden, daß sich eine große Gemeinschaft von Menschen zu- fammenfügte, die sich aktiv einsetzt für den großen Kampf für die wahre Volksgemeinschaft. Mnö wir riesen mit der Bildung der Volksnatio­nalen Reichsvereinigung aus zur Reugestaltung der politischen Fronten auf evolutionärem Wege. Reugestaltung der Mitte bedeutet nicht Kom­promiß und Mnsicherheit, sondern die große Realität einer wahren und positiven nationalen

Kiesgrund. Schau über Bord, Medardus, und wun­dere dich, daß es das gibt: Wafler, geheimnisvolle Schale, die das Entkörperte auf raumloser Fläche empfängt... Daß es das gibt: Gemeinsamkeit, an der Flut und Wolke, Baum und Mfergeröö teil- nehmen...

Rein, Medardus, bisweilen verstehen wir uns doch nur halb. Denn sonst würdest du jetzt nicht mit der Hinterpfote an deinem Ohr kratzen. Aber das macht nichts, Medardus. Du hast ganz recht und bist ein gutes Tier. TS>ai geht dich auch Flut, Wolke, Baum und Mfergerött an?...

Komm, mein Hund, wir baden jetzt. Raus mit dir aus dem Kahn! Ich weiß, daß du die allzu enge Berührung mit dem Wafler nicht liebst. Aber fluche nur ruhig in deinem Herzen auf mich. Wenn du ganz brav bist, ziehe ich dich nachher wieder ins Boot. Unö du darfst auf dem Sleuersih liegen und dich von der Sonne trocknen lasten. Siehst du, Medardus, ich bin jetzt dein Schicksal: ich kann dich ins Waster werfen und wieder herausziehen. Denn bis zum Inselufer schwimmst du ja doch nicht hin. Du bist ja so faul so fauuuul...

Mittag. Blauer Mittag. Keine Wolke sprenkelt das Blau. Es ist göttlich, nur mit Leinwandhose und Gürtel bekleidet zu fein, seine Knochen geruhsam in einen Liegestuhl zu legen und keinen Gedanken zu haben...

Medardus, du, ich glaube, wir mästen anstands­halber noch ein bißchen Konversation machen. Me­dardus! Es ist taktlos, so schläfrig dazuliegen, wenn ich mit dir sprechen will. Ich kümmere mich doch auch um deine Angelegenheiten. Oder willst du etwa be­haupten, ich hätte deine Hundesteuer nicht pünktlich auf Heller und Pfennig entrichtet?... Medardus! Medardus!!Du, ich bin kein Rohling, aber ich hätte Lust, dir eins über deinen trägen Buckel zu ziehen, wenn du mich so mißachtest... Roch bin ich dein Herr. Und du wagst es dennoch, mir passiven Widerstand zu leisten?

Ach Medardus, du hast schon wieder recht. Die Wege des winzigen Gartens sind brennend heiß. Laß also das Gehirn ruhig einrosten. Es kommt so schon alles auf eins heraus ...

Medardus, was ficht dich an? Du stehst aus? Du verzichtest auf die Fortsetzung deiner Hundeträume? Medardus, sollte ich dich doch schnöde verkannt haben? Besitzest du etwa doch geistige Regsamkeit? Komm her, mein Freund, ich will dir eine Sondervorlesung über den Kulturwert der deutschen Schaubühne halten. ... Du bist nicht aufmerksam, du gutes Tier. Dimm dich gefälligst ein wenig zusammen. Es ist rücksichts­los gegen mich, meine geistreichen Sähe durch dum­mes Blaffen zu unterbrechen... Aber ja; MedarduS,

Erhebung. Millionen von Menschen sehnen sich nach wahrhaft staatsbürgerlicher Arbeit. Mm ihnen Richtung, Halt und Führung zu geben, ist die Volksnationale Reichsvcreinigung ge­schaffen. Sie wird das ideenlose System dec ge­genwärtigen Staatsbildung ersetzen durch wahr­haft demokratische Führung. Sie wird die Kräfte der jungen Generation in den Kamps führen gegen Erstarrung und Materialismus.

Lunge Generation und Reichsreform.

Don * , *.

Der BegriffReichsreform" droht heute schon, obwohl er erst seit wenigen Iahren der politi­schen Terminologie angehört, zu versacken, weil man ihn zur politischen Tagesmünze auswertet, weil man schreibt und redet, anstatt endlich zu handeln. Die Folge ist eine weitgehende, be­dauerliche, aber durchaus verständliche Gleich­gültigkeit der Oefsentlichkeit und namentlich der Fugend gegenüber diesen Fragen, die doch für die Zukunft schicksalsbestimmend sein werden. Für ein derartiges Vorgehen hat die deutsche Fugend fein Verständnis. Sie fann und muß verlangen, daß man Dinge, die ihre Zukunft be­deuten, nicht verschleppt, nicht zum Spielball der Parteipolitik macht und, was das Wichtigste ist, nicht im Aktenstaub untergehen läßt. Ob man die Liquidierung dieser Frage nundif­ferenzierende Gesamtlösung" nennt oder sonst irgendwie, ist dabei völlig belanglos. Die Haupt­sache wird sein, daß man ein lebensfähiges Deutschland mit wirklicher Reichs- g e to a 11 schafft, ein Deutschland, dessen Land­karte nicht wie ein geflicktes Bettlaken aussieht, weil man vergessen hat, mit jenen Mebcrrcften des Mittelalters den kleinen und kleinsten Ländern, sowie den Enklaven, aufzuräumen, von denen zu Preußen allein nicht weniger als 68 gehören.

Also,das ganze Deutschland soll es fei n! Schafft ein deutsches Reich mit klarer, organischer Gliederung, ein Reich, das da, wo es zum Wohle der deutschen Volksgesamtheit han­deln muß, nicht gehemmt und gelähmt wird durch Widerstünde einzelner Glieder, die in der Eigen­kompetenz das höchste Gut sehen. Dann wird die Iugend, die heute noch abseits steht, zu euch kommen, weil auch für sie noch das Wort Oültigfeit hat, das der große deutsche Staats­mann, Freiherr v. S t e i n, vor mehr als hundert Iahren ausgerufen hat:Ich kenne nur ein Vaterland und das heißt Deutschland!" Synthese vor neuem Wollen und erfahrenem Wesen".

Don Rochus Frhr von Aheinbaben, Führer derFront 1929".

Die sich seit einigen Iahren vollziehenden Bil­dungen von Splitterparteien, Reugründungen und Ablösungen von alten Gebilden fuhren heute zu einer vollkommenen Auflösung, zu einer Ato­misierung, während bis vor einiger Zeit die Risse, die sich in den wenigen größeren Par­teien der Mitte zeigten, mit Besorgnis angesehen werden mußten, braucht man in der Atomisierung dann keine Gefahr zu sehen, wenn sich die Grup­pen, Grüppchen und Einzelpersönlichkeiten, die sich aus den Parteien herauslösen und eigene Wege gehen, darüber klar sind, daß sie Gebäude, die zu Ruinen wurden, nunmehr in Bausteine auflösen, wenn diese Gruppen und Persönlich­keiten sich nur als diese Bausteine betrachten,

jetzt weih ich, worum's dir zu tun ist. Du meinst, es ist Zeit zum Eflengehen. Dann müflen wir wohl eben Hunger haben ...

Komm, du Tagedieb, ich bin dein gnädiger König, e

Dämmerung, von letzten Lichtstrahlen gefurcht. In violette Streifen taucht die Sonne. Mit langhin nachdunkelndem Kielwafler kehren die Fischerboote heim.Auf den schmalen Pfaden zwischen den wetter­grauen Häuschen und den runden Baumwipfeln wird es lebendig. Die Pumpenschwengel quitschen. Man muß sie hier lange auf und nieder schwingen, bis das Wasser hervorschieht. Beim Inselkrämer herrscht Hochbetrieb...

Medardus, findest du nicht, daß wir soziale Ver­pflichtungen haben? Was würdest du sagen, wenn wir uns jetzt eine große Bonbontüte kauften, um damit unsere Insulanerkinder zu beglücken? Es ist schön von dir, daß du mir ausnahmsweise einmal zustimmst. So, nun wollen wir mal zeigen, wie leut- felig wir fein können. Vielleicht schenkt dir dafür je­mand auch eine Wurstpelle. Mir hingegen schenkt sicher keiner etwas...

Es wird dunkel. Bleiern und unbewegt ruht die vorhin noch so glitzernde Fläche, aus der die hellen Köpfe Badender tauchen. Arn Ufer verlaut liegen leise schaukelnd die Boote, in die sich die Schwimmen- öen lachend hineinschwingen. Dünn und ein wenig blechern flirren die Schläge der winzigen Inselglocke.

Weißt du, Medardus, daß es Leute gibt, die einen kleinen Gedanken gehabt haben und nun darum her­um ein großes philosophisches System schreiben? Ist dir des weiteren bekannt, daß wieder andere Leute eine schmächtige Empfindung verspüren und nun deshalb einen dickleibigen Roman schreiben müflen? Bist du davon unterrichtet, wieviel Mnfug die Men­schen in ihrem bißchen Leben treiben?...

Medardus, adligster aller Dackelhunde, da bist du doch ein anderer Kerl!, nicht war?

Medardus, Medardus! Du bist doch ein Lump. Glaubst du, daß ich blind bin und nicht gemerkt habe, daß du ein Verhältnis mit jener Hundedame von undefinierbarer Rafle hast? Medardus, du hast keine Moral! Ich sollte dich tadeln und dir als väterlicher Freund ins Gewiflen reden. Aber zeuch hin, mein Hund, und laß deine Kavalierkünste spielen. Ich, für meinen Teil, ich gehe schlafen- Morgen ist wieder ein Tag. ,

Ich habe dir eine traurige Mitteilung zu machen, Medardus. Rimm sie gefaßt auf und zeige dich als Held. Aber es hilft wirklich nichts: wir müflen heute fort... 3a, so peinlich es für mich ist, ich muh dir gestehen, baß ich kein Geld mehr habe. Mnö daran

aus denen ein neues Gebäude ent­stehen soll.

Der neue Geist, der die Gruppen beseelt, be­steht darin, daß die Begriffe von rechts und links, von demokratisch, liberal unö neukonservativ zu einem gemein,amen Staatswillen zusammengeschlossen werden sollen, und daß es sich immer mehr zeigt, daß die Wandlung, die jetzt formell angestrebt wird, sich geistig, wenigstens in den führenden Köpfen, schon voll­zogen hat. Gewisse Schwierigkeiten sind wohl am ehesten zu suchen in den führenden Parteigremien aller Schattierungen in der Provinz. Abgesehen davon, daß öle Mcbertoinöung deS poli­tischen Stammtisch ^ei st es gleichzeitig eine Meberwindung alter vtandesgegensätze be­deutet, wozu bei der in gesellschaftlicher Hinsicht reaktionären Einstellung sämtlicher Stammtiscl-e mehr Schwung gehört als gemeinhin vorhanden ist, macht sich im Lande viel stärker als m den Reichsführerschaften, die gelernt haben, über Par­teigrenzen hinweg zu denken, die Verhet­zung von Partei zu Partei geltend, die nicht, wie in den Parrlamenten, durch gemeinsame Arbeit zwischen den einzelnen Wahlkämpfen wie­der ausgeglichen wird.

Darüber muß man sich klar sein: Es nützt nichts, nur das Treibholz zu sammeln, die Leute, die mit keiner Partei zufrieden sind, und daraus etwa die fünfunddreißigste Partei zu bauen, neben der die alten Parteien bestehen bleiben. Das hieße, dem Staate keinen Gewinn bringen, sondern ihm schweren Schaden zufügen. Es muh vielmehr die Synthese gefunden werden von neuem Wollen und dem in alter Parteiarbeit gereiften und erfahrenen Wesen, soll nicht die Evolution scheitern."

Driand wartet auf Antwort.

Außenpolitische Umschau.

Don Or. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, TR. d. ZR.

In dieser Woche läuft der Termin ab, bis zu dem D r i a n d die Antworten auf fein Pan- euro pa-Memorandum erbeten hat. Roch find keineswegs alle Antworten bekannt, aber das steht heute wohl schon fest, daß zwar kein« Regierung ihre posittve Mitarbeit an diesem Plan ablehnt, aber jede ohne Ausnahme daran Vorbehalte und Bedingungen knüpft, die, je nach dem, vorsichtiger oder schärfer aus- gedrückt sind.

Es zeigt sich, was schon die Lektüre der Driand- schen Denkschrift lehrte, daß der französische Mi­nister den in Genf letztes Fahr ihm gewordenen Auftrag allzusehr im Sinne und zu Vorteil Frankreichs ausgedeutet und aus- gesührt hat. Zu sehr tritt als tragende Ide« hervor, daß dieses Paneuropa sein soll ein« politische Zusammenfassung von Staaten, die zur Sicherheit" des Friedens noch einmal Öen öurch öie Friedensverträge geschaffenen Zu­stand der europäischen Staatenordnung garan­tiert und stabilisiert. An einer versteckten Stelle der Denkschrift wird von Driand (zwar in Klammem, am Ende von Punkt 3) ganz offen so ausgedrückt:Ein solcher Plan würde als Folge einschließlich die allgemeine Entwicklung des Systems von Schiedsgericht und Sicherheit für Europa und die schrittweise Ausdehnung der Politik internationaler Garantien (!), wie sie in Locarno begonnen wurde, auf die ganze euro­päische Gemeinschaft bis zur Verschmelzung der besonderen Abkommen oder Ablommenreihe in ein allgemeineres System." Mit dürren Worten sagt damit Driand, daß sein Paneuropaplan im

hast du übrigens auch ein gut Teil Schuld. Denn du frißt mir öie Haare vom Kopf. Wir müflen eben fort, Meöardus, öagegen ist unS kein Kraut gewachsen.

Sieh mich nicht so verwunöert an, weil ich öie Leinwandhvie unö Öen Gürtel in Öen Koffer packe. Du muht Öich auch toieöer öaran gewöhnen, Öah öein Herr feine Fähe mit Strümpfen unö Schuhen überzieht. Auch ihm wäre es lieber, wenn er weiter­hin barfuß unö kragenlos über unö um Öie Insel strolchen könnte. Aber Öas schickt sich nicht in öer Staöt, Medardus Da muh man gesittet fein unö in jeöem Augenblick beweisen, was für eine gute Kinöerstube man genossen hat...

Komm, mein Tier, wir wollen nicht sentimen­tal sein. Komm, wir gehen zum Landungssteg. Der putzige kleine Binnenöampfer wirb gleich öa fein. Deine Hunöefreundin mag uns noch bis zuletzt be­gleiten. Du muht ihr klar machen, öah wir ernste, lebenstüchtige Leute sinö unö öarum in öie Slaöt zurückkehren, weil wir gemeinnützliche Ansichten haben unö toieöer arbeiten wollen.

Vielleicht glaubt's öir deine Freundin.

Ter Droschkenkutscher als Lherlock Holmes.

Die Lieblingsgeschichte des verstorbenen Conan Doyle, die er gern erzählte, wenn von der Beliebt­heit seiner Figur die Rede war, begegnete ihm bei einer Vortragsreise in Öen Vereinigten Staaten. Er war in Boston angekommen, hatte sich auf öem Bahn­hof eine Droschke genommen unö war zu einem Hotel gefahren. Als er den Wagenlenker bezahlen wollte, lehnte Öiefer ab unö sagte:Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Mister Dohle, so möchte ich statt Öes Fahr- gelöes lieber eine Eintrittskarte zu einer Vorlesung haben. Es genügt schon, wenn Sie Ihren Ramen auf ein Stückchen Papier schreiben." Conan Dohle war erstaunt unö fragte, woher er ihn öenn kenne. Worauf öer anöere erwiderte: .Man lieft doch die Zeitungen unö öa stanö überall, öah öer berühmte Conan Doyle mit öem Zuge nach Boston kommen würöe.Run habe ich Ihre Geschichten gelesen, unö öa bemerkte ich gleich an Ihrem Mantel öieSpuren öer zudringlichen Griffe, die öie Reuyorker Journalisten hinterlassen hatten. Der Schnitt Ihres Haares zeigt deutlich an, öah eS nur in Philadelphia geschnitten sein kann, unö Ihr Hut muh aus Chicago stammen. Ihr rechter Stiefel zeigt etwas Schmutz, öer aus Buffalo stammt - na, unö öa hatte ich Ihre Reiseroute!"Mnö sonst hatten Sie keine Merkmale, an öenen Sie mich erkennen konnten?" fragte Sir Arthur, entzückt über Öiese prak­tische Verwertung seiner Methode. .Eins doch noch," meinte der Kutscher pfiffig, .auf Ihrem Koffer steht nämlich in großen Buchstaben Ihr Rame."