Ausgabe 
12.6.1930
 
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Nr. 135 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Donnerstag, 12. Juni 1950

Mit dem LinienschiffHessen" vor Venedig.

Von der Auslandsausbildungsreise der deutschen Flotte.

Don H. Wittig, Leutnant zur See an Äord des LinienschiffsHessen"*.

ßigene Sonderberichterstattung für denGießener Anzeiger".

auS Dämmen gebildet, die sich als Llcberbleibscl von Alpenströmen in das Meer ergossen haben. Zwischen diesen und dem Hauptinselkompler der Stadt Venedig und dem eigentlichen Festland besieht bei Ebbstrom Verbindung für Fußgänger. Ohy zwei schmale Wasserstraßen ermöglichen die Schissahrt. Genau gegenüber vom Dogcnpalast und dem Markusplah ankern wir und machen wegen des starken, am Tage zweimal kenternden

Wir haben im Morgengrauen vor Venedig geankert. Spät abends sind wir hier nach einer Aachtübung angenommen; und weil wir am Vor­mittag uns den Italienern im besten Lichte zei­gen wollten, wird schon früh angefangen Rein­schiff mit Sand und Steinen, Putzpornade und Farbe zu machen. Die aufgehende Sonne sendet vor uns ihre Strahlen auf eine grüne Küste, vor der sich ein Heller. langer, Weiher Sand­

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strich dahinzieht. Der Lido ift'e, der viel be­sungene und überall gepriesene Badestrand der eleganten Welt! Hohe Hotelbauten und ge­pflegte Strandpromenaden sind durch scharfe Glä­ser erkennbar. Etwas im Hintergründe tauchen Türme und Kuppeln der eigentlichen Stadt auf und wieder dahinter, gewissermaßen als Abschluß am Horizont grüßt die hohe schneebedeckte Berg­kette der Alpen.

Wir lichten Anker und nähern uns der Stadt. An Backbord sind jetzt mit bloßem Auge unend­lich weite Reihen von Badekabinen auszumachen. Leider sind alle leer; denn die Hauptsaison beginnt hier erst im Juni. Dafür herrscht auf dem Wasser und in der Luft um so mehr Ver­kehr. Sine Staffel von Flugzeugen umkreist uns zu unserer Begrüßung, Luxussegeljachten und Gondeln sind hinausgekommen, um uns bis zum Ankerplatz das Geleit zu geben. 3n der Molen- einsahrt geht bei uns im Grohtopp die italie­nische Flagge empor, mit 21 Schuß wird der Landessalut geschossen. Die Einfahrt ist sehr schwierig für solch große Schiffe, wie die unfri- gcn. Wir müssen die Lagunen passieren, die wegen ihrer Untiefen sehr schwierig zu befahren find. Sie haben sich im Laufe der Jahrhunderte

) Vgl. auch Rr. 99 vom 29. April. Rr. 115 vom 17. Mai und Rr 121 vom 24. Mai.

Stromes mit dem Hect an einer Boje fest. Vene­dig. der langcrtoartete. von allen so heiß er­sehnte Hasen, ist erreicht.

Venedig ist eine ausgesprochene Inselstadt, die sich auf 118 Inseln und Inselchen ausbreitet. Der Meeresboden ist von einer zwei bis drei Meter dicken Morastschicht bedeckt, darunter erst ist festerer Grund. Hier hinein sind die Pfähle gerammt worden, über die dann schwere Beton- platten gelegt sind, und auf denen man Venedig im wahrsten Sinne des Wortes aufgebaut hat. Eigentliche Straßen gibt es hier nicht, wenigstens kennt man hier keine Trennung zwischen Fuh- und Fahrweg. Ich sah während des ganzen

Aufenthalts weder ein Auto noch ein Gefährt. Der Verkehr spielt sich nur auf den kleinen

Kanälen, die die Stadt kreuz und quer durch­ziehen. ab. Der größte Kanal, der Kanal Grande, zieht sich in 8-Form durch die Stadt. In ihn ergießen sich von allen Seiten, wie kleine Adern, die kleinen Rebenkanäle. Groß ist die Zahl der Brücken, die den Verkehr zwischen den einzelnen Inseln ermöglichen. Berühmt die Rialtobrücke. die früher den alten Handelsplatz mit der eigent­lichen Stadt verband Die Hauseingänge mit ihren steinernen Treppenstufen sind hier Boots­anlegestellen Bunte Pfähle davor, in den Farben der Hauseigentümer, sind die Festmacher für Gondeln oder Motorboote.

Bei der Musterung wird der Befehl bekannt- gegeben,bivisionsweise durch Venedig pullen". Ei. wie da die Gesichter strahlen! Bootsdienst in den Gassen von Venedig, das ist nochne Sache, von der wir in Kiel erzählen können, so sagte der eine. Mit Barkah und Kutter pullen wir los. 3m Kanal Grande geht es noch klar. Unter der Rialtobrücke ist die erste Stockung. Hier herrscht lebhafter Verkehr. Potsdamer Platz von Vene­dig", ruft ein Kuttergast von vorn.Es fehlt nyr noch ein Wafchupo", entgegnete ein schlag­fertiger anderer. Ohne viel Geschrei oder Getute kommen Gondeln und kleine Motorboote aus den Seitengassen heraus, so daß man sie leicht um­fahren kann. Oft hilft nur noch das Kommando Laß laufen", d. h . Riemen längSfeit zu nehmen, uni sich möglichst schmal zu machen. Einmal bot sich eine drollige Situation, als wir auf diese Art mit Draßfahrt. wie der Seemann sagt, zwischen zwei Gondeln, die mit älteren Amerika­nerinnen beseht waren, hindurch brausten.

Divisionsweise wurde die Mannschaft beider Schiffe unter Führung von Studenten, die sich liebenswürdigerweise zur Verfügung gestellt hatten, durch die Sehenswürdigkeiten Venedig- geführt: den mächtigen alten Dogenpalast, die Piazzetta, die Bleikanuncrn und die Seufzer- brüde, Marluskirche und Markusplah. wo im Sommer täglich Platzkonzert ist. Als unsere Ka­pelle auf dem weiten Platz, der von den alten Palästen umgeben ist und den Eindrud eines großen Burghofes macht, ihre flotten deutschen Märsche erschallen ließ, kannte die Begeisterung keine Grenzen. Aber typisch für Venedig ist eine Gondelfahrt durch Alt-Venedig. An zwei Aben­den hintereinander gab ich mich mit einigen Kame­raden diesem Genuß hin. Zurüdgelehnt in die weichen Polster einer langen schmalen Gondel wird man auf den stillen Fluten des Kanal Grande von dem Gondelier mit kurzen Schlägen feines einen Ruders vorwärtsgetrieben. 3st die Gondel erst in eine Seitengasse eingebogen, wo sich kaum zwei Gondeln begegnen können, so be­ginnt die eigentliche Romantik. Stille ist in diesen engen hohen Wassergasfen. in die von den Häusern kein Lichtschein bringt, wo der silberne Mond und das kleine Lämpchen des Gondelführers die einzige Beleuchtung bleiben. Oft will es scheinen, als sei der Weg hier zu Ende, doch scharf um die Ede gcht es in einen Hausbogen hinein und durch diesen wieder ein

. kleines Gäßchen weiter.

Am Sonntagvormittag war faschistische Muste­rung auf dem Markusplah. Abordnungen aller Truppen und 3ugcndverbände haben hier Auf­stellung genommen. Auch unsere beiden Schiffe waren durch Abordnungen vertreten.

3n Venedig war eine internationale Gemälde­ausstellung. in welcher ein besonderer Empfang für die deutschen Schiffe stattfand.

Linerläßlich für einen Kriegsschiffbesuch im Aus­land ist eigentlich ein Fußballspiel. Auch hier fand ein solches statt, und zwar ist die Llniversi- iätsmannschaft von Venedig unser Gegner. Tri­bünen und Sportplatz sind überfüllt. Untere Musikkapelle unterhält die Menge mit Märschen, bis die Mannschaften erscheinen und sich gegen­seitig Erinnerungsgaben in der Mitte des Spiel­feldes überreichen. Die italienische Rational­hymne wurde gespielt, es folgte unter ungeheu­rem Beifall der Anwesenden das Deutschlandlied.

Adolf von Harnack l'.

Exz. Geh. Rat Pros. Dr. Aböls v. H a r n a rf, starb, wie gestern bereits gemeldet wurde, im Alter von

79 Jahren.

Wenn schon bei uns in Deutschland ein Fußball­spiel aufregend sein kann, so ist es dies in den südlichen Ländern durch die Anteilnahme bes Publikums noch in weit höherem Maße. BiS kurz vor Schluß lagen wir mit 4:3 in Führung, als ein ll-Meter-Strafftoß den 3taliencrn den Gleichstand brachte. So blieb der freundschaftliche Charakter des Spieles gewahrt.

Roch etwas typisch Venezianisches sollten wir kennenlernen: eine GlaSbläs er ei hatte zu einer Besichtigung cingclabcit. Hier sahen wir die kostbaren Glasfachen geblasen, die feinen Perlen und Schmuckgegenstände aus Glas mit Gold, Silber oder Farben überzogen.

Der letzte Tag wurde einem Besuche bei Cibo getoibmet. Wenn ber Stranb auch nicht bevölkert war. so fanb man boch unter ben zahlreichen Bekanntschaften, bie man im Laufe bes Aufent­halts machte, genügenb Leute, bie sich an einein vergnügten ©tranbbab beteiligten.

Aber auch von hier mußten wir wieder scheiben. 3ch glaube, ich habe bislang jebesmal geschrieben, bah wir nur ungern schieben. Diesmal taten wir es ganz besonders ungern. An Schönheit und Eigenart der Landschaft, an entgegenkommender Aufnahme seitens der Bevölkerung steht Venedig in den Herzen der deutschen Seeleute einzig da. Es war ja auch das erstemal, das nach dem Kriege wieder deutsche Schisfe Venedig anliefen; überall konnte man nur Freundschaft und Hoch­achtung vor deutschem Wesen feststellen. Diese Stimmung zu kräftigen und zu heben hat hoffent­lich der Besuch der LinienschiffeSchlesien" und Hessen" beigetragen. Die Ochsten Häfen waren Korfu an der griechischen Westküste und Palma auf den spanischen Balearen.

Talen für Freitag, 13 Juni

1525: Vermählung Martin Luthers mit Katha­rina v. Bora; 1831: der Physiker IameS Clerk Maxwell in Edinburg geboten; 1878: Berliner Kongreß; 1886: König Ludwig II. von Bayern verunglückt mit dem 3rrenarjt B. v. Gudden im Starnberger See.

Blühende Wasser.

Don Peter Dauer.

Ein Kranz von mannshohem Schilf behütet bie geheimnisvolle Abgeschiedenheit ber Heinen Seen unb Teiche, bie das Märchen mit seinen Rixe und Mummeln bevölkert. Eintönig zwitschern die kleinen, geschwätzigen Rohrsänger aus ihrem lchwankenden Didicht in die Stille der träumenden Wasser, die nur der Sprung eines tauchenden Frosches oder das Emporlchnellen eines übermütigen FisdeS bann unb wann leise aufglucksen unb klingen läßt. Das tönt so seltsam gedämpft wie aus Tiefen ber, als habe ein Röck sich geräuspert oder eine schöne Wafserfee silbern gekichert . . .

Rosen unb Sterne.

Vielleicht iiyen bie huschigen Märchengeister an stillen Mittagen auf den großen Blättern der Eee- unb Teichrosen und spinnen sich aus Sonnenstrah­len goldene Schleier. Dielleicht sind sie es, die die wundervollen weihen und gelben Blüten vor der Dunkelheit schließen, damit keine verderbliche Räsie den zarten Blütenstaud netze. Vielleicht sind sie es, die das magische Sildemetz des Mondes wie einen schützenden Tarnhelm über alles nächtliche Wasser- gelier werfen, damit es unter dem zauberischen Gleißen unb Blinken unsichtbar bleibe.

Bewundernswert ist der Lichthunger berWasser- rofen, ihr unermüdliches Drängen und Ringen nach Entfaltung in der Sonne des Tages. Ruhlos treiben sie aus der Tiefe, wo der armöide Wurzelstod im Grundschlamm ankert, ihre runden, grünen, schwam- migen, luftgefüllten Stiele empor, deren Enden wie zusammengerollte Fahnen die Blätter tragen. Erst wenn der Wasierspiegel erklommen ist, breiten sie ihre grünen Danner auf bet Flut aus unb bie Märchenkronen ihre Blüten. Die größte unserer hei­mischen Gewässer ist bie weihe Blüte ber Seerose, bie Teichrose oder Mummel hat kleinere unb gelbe Blüten. Prachtvoller noch als bie beiben steigt ihre aus bem Altertum schon bekannte indische Schwester, die Lotosblume, mit schlanken Stielen über das Wasser empor und trägt ihre wundersamen Blüten­kronen frei in der Sonne.

Weniger durch die Größe feiner Blüten, als durch ihre große Zahl fällt der in Rudeln unb Massen auftreienbc Wasser-Hahnenfuß auf, ber auch Schwimmblätter besitzt und mit seinen fünf blätterigen Blütensternen, bie sich von feinem Landsmann fast nur durch die Farbe unterscheiden, oft ganze Wasser- spiegelweih erscheinen läht.Zierlichernoch sind die hell­grünen, kleinen Blütenrosetten der Wassersterne, aus denen die zarten Staubfäden hervorragen. Als Ralurdenkmal gefchüht wird die merkwürdige Was­sernuß. deren rautenförmige Schwimmblätter in Büicheln spr> <- so bah jede Pflanze einem Bukett ähnelt. Dem eiuipcingen seitliche Wurzeln,

die faserig sind wie alle untergetauditen Triebe, die ständig überflutet werden. Die eigenartigen vierzadi- gen Früchte findet man manchmal auf dem Wasser treiben. Ihrer absonderlichen 'Prägung und schwar­zen Farbe weg-'N nannten wir sie in unterer Jugend Teufelsköpfe.

Schwimmende Linsen, Farne unb Laichkräuter.

Richt im Grunde der Gewässer verwurzelt, sondern frei schwimmend, leben die kleinen Wasserlinsen und Wasserfarne. Manche der Linsenarten haben dünne zarte Wurzeln, die senkrecht ins Wasser ragen, andere wuchern wurzellos und setzen oft dicke grüne Polster auf dem Wasserfpiegel an. Selten entwickeln sich die unscheinbaren Blüten. Die Vermehrung ge­schieht durch seitliche Absprossung und Teilung. Eben- so ist es bei der W a ss e r p est, einem lästigen Wasser« untraut, das vor etwa fünfzig Jahren aus Rord- amerita zu uns eingeführt wurde Die zarte dichtbe­blätterte Bflanze tritt oft in wärmeren Breiten so massenhaft auf. daß sie zum Hindernis für die Schiff­fahrt wird.Im Ril. wo die Wasserpest sich nicht selten zu meterdiden. stundenweit sich aus dehnenden Barren verfilzt, haben selbst große Dampfer ihre Arbeit, sich durch die grüne Decke einen Weg zu brechen Den Linien ähnlich ist der Wasserfarn, dessen Blattenden ins Wasser tauchen und sich wurzelarlig zerfasern.

Auch ber Froschbiß bebarf ber nährenden Erde nicht, sondern schwebt unverankert im Wasser, wo er die stillsten Buchten bevorzuge Seine Blätter sind denen der Wasserrosen ähnlich und ruhen wie diese auf dem Wasserspiegel. Dagegen ragen die zarten, weihen breiblätterigcn Blüten über ihn empor Flüchte enltoideln sich leiten umso reichlicher Aus­läufer, bie neue Pflanzen ergeben. An den lang hin­flutenden Stengeln, die viele, aber unregelmäßig sitzende Blätter wie Zweige tragen, sind die Laich- träuter kenntlich. Sie blühen in Aehren, die sie wie der 'Froschbiß über den Wasserspiegel reden, unb werden vom Winde bestäubt-

Sonderlinge.

Ganz auf die Jahreszeit eingestellt lebt die Was- fer-oderKrebsschere.diesägeichwertartiqeBlätter hat Sie treibt sich nur den Sommer übci schwimmend auf dem Wasser herum Mit Anbruch des Winters läßt sie sich in die Tiefe gleiten, um auf dem Grunde ein Schattendasein zu führen, bis ber Frühling sie lodt, wieder emporzuklettern ans Licht.

Einige Wassergewächse bringen ihr Leben nur auf bem Grunde der Gewässer zu. Ihnen scheint nie die volle Sonne des Tages, da das übet ihnen flu­tende Wasser eine Menge Licht absorbiert. Auch das Atmen unter Wasser geht langsam unb be­schwerlich. Dennoch bilden diese in ihrem Wasser- verlieh wie Gefangene lebenden Tiefenbewohner oft dichte, üppige Rafen wie z.B- die schachtelhalmar- tigenArleuchter-GewächfeundAixenkräuter.

Am interessantesten ist inbess n bet Wasser­schlauch, ber nur seine fein zerteilten, wurzelähn­lich sich ausbreitenden Blätter unter das Wasser taucht, während er ben aufrechten Stengel mit den gelben Rachenblüten stolz über dem Spiegel hält. Er lebt nämlich nicht allein von Wasser, Sonne unb Luft, sondern wie der Sonnentau von tierischen Stof- fen. Deshalb hat er heimtüdischerweise einige Bläl- terzipfel zu eigentümlichen Blasen und fis : teufen- artigen Schläuchen umgewandelt, die unentrinnbare Fallen für kleine Wassertietchen bilden. Denn jeder Schlauch hat eine Oeffnung, die durch eine Klappe, die gegen ein Widerlager schlägt verschlossen ist Datum vermag das Tierchen nut einzudtingen, nicht mehr aber aus der Falle ins Freie zu entweichen. Infolgedessen muß es elend verenden und wird nach allmählicher Auflösung von der Pflanze eingefogen.

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Blühende Wasser entfalten in ben Sommermo­naten ihren schönsten Reichtum. Wen das wim­melnde Leben des kriechenden, schlängelnden, ru­dernden Getiers zu beobachten lodt der übersehe die grünenden und blühenden Wasserpflanzen nicht, in der sie wie in einer Wildnis Haufen.

Großmütter wollen junge Mädchen / sein . . Z

Die Zeiten, ba Grohmütterchen tagaus, tagein im Lehnstuhl saß und endlos lange Wollstrümpfe strickte, scheinen endgültig vorbei. Kein besseres Zeugnis dafür, als die das dunkelste Afrika durchquerenden, abenteuerlustigen alten Damen meist Engländerinnen, die jetzt hier gar nicht mehr zu den Seltenheiten gehören unb burch ihren Mut und ihre Ausdauer ihre Führer in Erstaunen sehen.Großmütter wollen junge Mädchen fein in Afrika!" so äußerte sich eine noch sehr jugendliche unter diesen Reisen­den, dienur" 64 Lenze zählte unb eben ihrer Heimat, einer schottischen Kleinstadt, entflohen war. Eine andere Vertreterin dieses neuen Großmutter-Typs schildert ber Afrikareisenbe Sir Percival Phillips in einem Londoner Blatte:Ich traf eine dieser energischen alten Damen in dem Zuge von Salisbury nach Beira in Portugiesisch-Ost-Afrika. Sie war zart und scheinbar so gebrechlich, als dürfte sie niemals ihren Lehnstuhl verlassen. Ihre Kleidung unb Ausrüstung erschien lächerlich ungeeignet für eine Reise durch Afrika. Sie trug einen langen Man­tel aus schwarzer Seide über einem grauen Kleide und ein anliegendes Hütchen statt bes so unentbehrlichen Tropenhelms. Rings um sie herum lagen die merkwürbigsten, in Auslösung begriffenen Gepäckstücke: schlecht verschnürte Pa­piertüten, ein riesenhafter, altmodischer Pom­

padour, ben sie überallhin mitschleppte, selbst ?u den Mahlzeiten, zwei glänzende kleine Hand- össerchen und ein geheimnisvoller Behälter auS Segeltuch, der stets in ben ungeeignetsten Augen­blicken aus seinem Innern Orangen und Frot­tierhandtücher heraussallen ließ. Da sie nur eine Stunde Aufenthalt in Beira hatte, um hier ihren Dampfer zu erreichen, war sie in großer Aufregung, den Anschluß zu versäumen. Wäh- renb unseres kurzen Gesprächs, bevor ich sie einem zuverlässigen Touristenführer in Beira übergab, erzählte sie mir, daß sie verheiratete Söhne und Töchter daheim habe und bereits Indien be­reist habe, um den Traum ihres Lebens,bie Welt zu sehen", zu verwirklichen. Ihr nächstes Reiseziel war Kairo, das sie auf bem Lanbweg durch Afrika erreichen wollte. Fünf Wochen später hörte ich in Uganda von ihr seltsame neue Kunde. Der Chauffeur eines Automobils, das ich gemietet hatte, erzählte von einer seiner letzten Reisenden,einer erstklassigen alten Dame in einem schwarzen Seidenmantel", die er von Kenya nach Uganba befördert hatte. Rach seiner Schilderung erkannte ich sogleich meine ReisegefährtinSic übertraf an Mut und Aus- 'bauet die jüngsten Frauen", berichtete ber Chauffeur.Eines Rachmittags, als unser Auto in einsamster Gegenb dahinfuhr, kreuzte ein Rhinozeros, keine 200 Meter von uns ent­fernt, unseren Weg. Als es uns sah, stutzte es unb trottete bann auf uns zu. Es war keine Möglichkeit mehr, bas Automobil zu wenben. Ich lenkte es hinter zwei Bäume am Wegrand unb mußte so bie Ereignisse abwarten.Tant­chen", wie meine Reisende von mir genannt zu werden wünschte aus bem Wagen heraus­zulotsen, war unmöglich. Denn dieses Manöver erforderte stets vier bis fünf Minuten. Ich konnte sie natürlich nicht im Stich lassen, unb so blieb uns nichts übrig, als bem Tob ruhig unb ge­faßt ins Auge zu sehen. Das Riesentier aber marschierte an uns vorbei seinen Weg weiter. Tantchen" suchte sogleich ihren photographischen Apparat aus ihrem Gepäck herauszuschälen; ich aber riß ben Wagen herum unb sauste mit voller Geschwindigkeit davon. Doch Tantchen war sehr böse, daß ich ihr bie Aufnahme verdorben hatte, die sie ihrem Enkel schicken wollte. Seelen­ruhig erwiderte sie auf meine Frage, ob sie sich nicht gefürchtet habe:Warum denn? Ich hab« doch gelesen, bah bie Rhinozerosse keine Fleisch- freffer sind." Diese kühne Reisende hat in ihrem schwarzen Seibenmantel schon mehr als 1000 eng­lische Meilen im Wagen zurückgelegt. Sie schlief in ben Hütten ber Eingeborenen, unterhielt sich mit ihnen, toenn sie einen Dolmetscher auf treiben konnte, unb begnügte sich mit Konservennahrung. Dann verschwand sie aus bet Gegend, v.m nil­abwärts neuen Abenteuern entgegenzuvesien." .,