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Nr. 290 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Donnerstag, U. Dezember (930

Deutschland der Krieg erklärt werden. Delcasse arbeitet fieberhaft an einer Vermittlung, umsonst. Da wird P o i n c a r e vorgeschickt. 3n einem Telegramm vom 21. April an den Zaren beschwört er ihn, einen Vruch zu vermeiden. llnb der Zarlenkt e i n. Der Londoner Pakt trägt das Datum des 26. April. Sechs Tage später und der Durchbruch der russischen Front hätte wohl noch einmal die Lage verschoben. So aber sind die Würfel gefallen ein Monat nach der Un­terschrift, am 26. Mai, marschiert Italien. Vier Wochen blieben, um die Zustimmung des Parla­ments in Rom zu erringen. Wie man weih, ein schweres Werk. Rur die Kriegserklärung an Oesterreich (23. Mai) konnte durchgcsetzt werden.

Pigaud hot sicher Recht, wenn er die Bedeu­tung des diplomatischen Erfolges der französi­schen und englischen Diplomatie unterstreicht. Italien wurde wirklich das Zünglein an der Waage.

Aber die eigentliche Auswirkung des ver­hängnisvollen Londoner Paktes merken wir erst jetzt, in der Rachkriegszeit. Vittorio Denetv hielt nicht, was Rom erwartete. Dalmatien ist

nicht in italienischer Hand, Korsika dagegen eine auf die Brust Italiens gerichtete Pistole gewor­den. Wo sind die versprochenen Kolonien? Der Brenner erweist sich als e i n Danaer­geschenk. Ist doch Italien mehr denn je auf Deutschland angewiesen. Ein isolierte- Italien kann der französischen Hegemonie unmöglich widerstehen. Unb die Riegel an der Mausefalle, Suez und Gibraltar, haben erst durch die Vernichtung der deutschen Flotte ihre furchtbare Bedeutung erhalten.

Es ist verständlich, daß man daher in Rom wenigstens die vollständige Einhaltung des Lon­doner Vertrages, die Auszahlung des In- tcrvcntionspreifes, verlangt. Aber Die Adria, i! mare amato, ist um nichts weniger bitter ge­worden, denn dort, wo der Oestcrreicher stand, steht jetzt der Slawe, und der ist eine Schild- wache des großen Alliierten, der lateinischen Schwester. Wir hoben alles gegeben, sagen ihr die Italiener ins Gesicht, du aber nichts! Win ermöglichten deinen Sieg, du aber verbaust unS den Weg zur Zukunft. Sollen wir kein Recht ha­ben, unzufrieden zu sein?

Oer unzufriedene Sieger.

Enthüllungen über den Geheimvertrag zwischen Italien und der Entente aus dem Jahre 1915.

Von unserem römischen ^.-Korrespondenten.

Eines der starken Hindernisse auf dem Wege zum europäischen Frieoen erblicken die diplomati­schen Kabinette in der unverschleierten Unzu­friedenheit Italiens, die praktisch zum Zerfall der Entente und zur Verschärfung des Gegensatzes zu Frankreich geführt hat. Gebt man der römischen Verstimmung nach, so gerät man über die natürlichen Reibungsflächen, die heute so viel von sich reden machen und durch die Ramcn Tunis und Korsika nur angedeutet, durch die Auseinandersetzungen über Kolonial- und Hcgemoniefragen beleuchtet wer­den zu dem berühmten Londoner Pa k t, dem Gebeimvertrag, der Italiens Eintritt in den Krieg und den Preis dafür festlegt. Ein Preis, der nach römischer Meinung nach Erreichung des Zieles nicht voll bezahlt worden ist. Guerra vinta, pace perduta! hieß das Schlagwort dann, Krieg gewonnen, Friede verloren. Hatten die Alliierten in kritischer Stunde mehr versprochen, als sie halten konnten?

Es ist lehrreich, zu sehen, wie damals um Döltargeschicke geschachert, auf welche Weise es schließlich fertig gebracht wurde, einen neuen und entscheidenden Bundesgenossen für denhei­ligen Kreuzzug" zu gewinnen. Wenn jetzt Licht in das Dunkel dec Kabinette fällt, so verdanken wir es vor allem einem Franzosen, Albert Pingaud, dem Archivleitcr des Auswärtigen Amtes am Quai d'Orsay. Pingaud berichtet auf Grund bisher unbekannter Zeugnisse u. a. in derRevue de la France":

Die italienischen Staatsmänner hatten nie ein Hehl daraus gemacht, daß Italien außenpolitisch von England abhänge, der einzigen Macht, die die italienische Küste vor der französischen Flotte schützen konnte. 11 nb in Paris hatte man längst die Sicherheit, daß Italien nicht gegen die lateinische Schwester losschlagen werde. In der Wilhelmstraße dagegen beachtete man nicht einmal das zynische Geständnis Trubeh- kois, daß es für die Entente ja ganz nützlich sei, wenn Italien im Dreibund verbliebe, wo es nicht schade und den anderen Mächten nicht durch Forderungen lästig werden könnte. Es bedurfte schon eines außergewöhnlichen Maßes von Raivi- tät, in den ersten Augusttagcn des Iahres 1914 ernstlich auf das Erscheinen italienischer Hilfs­truppen nördlich des Brenners zu rechnen, wenn man damals auch nicht gewußt hat, was wir jetzt durch Pingaud erfahren, daß die Versucher, die sich dem italienischen Außenminister Marquis Di San Giuliano näherten, zwar nicht eine Zu­sage italienischer Hilfe für die Entente, aber immerhin schon die Erlaubnis erzielten, Italien Versprechungen machen zu dürfen.

Zunächst stehen Trient und T r i e st im Mittelpunkt der Verhandlungen. Cs ist zweifel­haft, ob auch bei einer weniger starren Ab­lehnung Franz Iosephs mehr als die vorläufige Reutralität Italiens für Oesterreich zu gewinnen gewesen wäre. Italien leitete aus dem Artikel? des Dreibundvertrages bereits das Recht für sich ab, sein Ohr auch den Ententemächten zu leihen. Am 18. Februar 1915 erhält der Bot­schafter Italiens in London, I m p e r i a l i. eine Liste der Bedingungen, unter denen sich Italien der Entente anschließen würde. Grey durfte davon noch nichts wissen, denn der vorsichtige Sonnino wollte erst die Ergebnisse des Darda­nellenangriffs abwarten, aber schließlich war cs gerade die Furcht, von den orientalischen Ent­scheidungen ausgeschlossen zu werden, die Italien zur Entscheidung drängte. Am 4. März überreicht Imperiali in Downing Street sein Memorandum.

Italien verlangte außer Trient und Triest, was die Entente bereits zugestanden hatte,

Diplomaten bitten zum Tee...

i Brennpunkte der Berliner Geselligkeit. Begehrte Orientalen. Zechtabende in der ägyptischen Gesandtschaft. Oesterreichs und Bayerns Gesandte lieben die Musik. Diplomatischer Empfang gegen Eintrittsgeld. Brasiliens Gesandter, ein Meister des Bridgespiels.

Von Bella Eleve mann-Zromm.

eine Vergrößerung seines Kolonial­besitzes, einen Anteil an dem türkischen Erbe und die ganze gegenüberliegende Adriaküste mit den vorgelagerten Inseln und Albanien. Hier traf seine Begehrlichkeit auf die Interessen Serbiens und die Pläne Rußlands. Saso- noff verhielt sich daher kühl, Delcasse dagegen hoffte, daß «Italien auch Rumänien, vielleicht sogar Griechenland und Bulgarien mitreißen würde, und fand als Fürsprec^rr Italiens eine Unterstützung durch den Großfürsten R i k o l a u s, der vor allem einen neuen Kriegsschauplatz gegen Oesterreich brauchte. Aber es zeigte sich bald, daß die aktenmäßigen Forderungen Roms noch viel weiter gingen. Trient wurde darin bis zum Brenner verstanden, Triest mit Einschluß Istriens und der Halbinsel Sabioncello. Die Küste von Ragusa abwärts sollte neutralisiert werden, um Serbien den maritimen Stützpunkt C a t t a r o zu entziehen. In Kleinasien wird Adalia mit Umgebung begehrt, in Critdea eine Abrpndung, desgleichen in Somaliland und Libyien. Für die Erfüllung aller dieser Wünsche stellte Italien den Kriegseintritt in Aussicht, unter der Bedingung, daß es die Wucht des österreichischen Angriffs nicht allein zu tragen habe. Ein Teil der Oesterreicher sei in Galizien festzuhalten, die österreichische Flotte (von Lissa her in unliebsamer Erinnerung) durch die fran­zösisch-englische zu blockieren. Von einer Verpflich­tung zum Angriff aus Deutschland war keine Rede.

Hatten schon Grey und Delcasse an dem Me­morandum einiges auszusehen, so war S a s o - n o s f als Beschützer der Südslawen natürlich peinlich berührt. Zäh mußte hinter den Kulissen gerungen werden, vor allem um Dalmatien. Es gelang den Russen, die Italiener von der Rarcnta bis zur Kerka zurückzuschieben, der ser­bische Schützling mußte doch zu dem ihm zu- gedachten Bosnien auch ein Küstenland haben. Italien klammert sich an Zara und die Inseln, die aber für die Entwicklung einer südslawischen Seemacht unerläßlich sind.

In diese Verhandlungszeit fallen die Bemü­hungen Bülows, Italien bei der Stange zu halten. (Sonnino spielt beide Teile gegeneinander aus, läßt bei der Entente durchblicken, daß Italien die Entscheidung zugunsten der Mittelmächte noch immer offen lasse. Sasonoff antwortet mit der Verbreitung von Gerüchten über einen Sonder­frieden zwischen Wien und Petersburg. Die Ver­handlungen geraten auf den toten Punkt. Hier seht nun die französische Diplomatie wieder ge­schickt ein, unterstützt von Paleoloque in Peters­burg. Italien ringt jetzt nur noch um die Inseln Lesina, Curcola, Meleda und um Sabioncello. Anderseits machen der Fall Przemhsls und die rumänische Gefahr Bülow und die Oesterreicher nachgiebiger. Durian, der neue österreichische Außenminister, läßt sich von Sonnino Vorschläge über den Preis der italienischen Reutralität machen auf mehr wagt man schon nicht mehr zu hoffen. Das Unwetter von Gorlice zieht herauf, Frankreich trüngt vor Qlrgft, I allen zu ter i:ren. Delcasses Verrnittlungsvorschlag wird endlich nach langem Hin und Her angenommen, denn Italien seinerseits fürchtet den Sonderfrieden Oesterreichs mit Rußland und im Ge­folge den Zorn des Bundesgenossen. Arn 14. April nimmt Grey von Imperiali die Ent­scheidung Roms entgegen. Italien tritt also an die Seite der Entente aber erst einen Monat nach Unterzeichnung der Verträge.

Reues Feilschen um den Zeitpunkt. Sasonoff droht, alle Zugeständnisse zurückzunehmen, wenn die italienischen Truppen nicht spätestens am 1- Mai losschlagen. Gleichzeitig müsse an

Heber die Festlichkeiten und Empfänge der Diplomatie, des Adels und der Hochfinanz, über die teuren Toiletten der mehr oder weniger schö­nen Damen dieser Gesellschaftskreise erfährt man alles Wissenswerte aus den ausführlichen Berich- ten der Zeitungen wenigstens in England und in Amerika. In Deutschland kümmert man sich um das Gesellschaftliche viel weniger, denn bei uns hat man andere Sorgen. In der Rot der Zeit sind die Festlichkeiten eingeschränkt worden, und in den Ballsälen ist viel Platz zum Tanzen, da es an Besuchern fehlt. Dennoch gibt es auch heute zahlreiche Leute, deren höchster Ehrgeiz es ist, eine Einladung zu einer exklusiven Veran­staltung zu erhalten und eine handgestochene Karte zu empfangen, auf der zu lesen ist:Der Botschafter von ... reich und Frau R. R. bitten zum Tee". Das erhöht das Selbstbewußtsein, und es gibt die Gelegenheit, später leichthin im Be­kanntenkreis zu erzählen, wen man in der Tier- gartenstrahs oder in einem Palais Unter den Linden ge'ehen hat.

Die neue Saison hat begonnen und mit ihr der Kampf um den Vorzug, zur führenden Ge­sellschaft zu gehören. Wie energisch man sich um die Dazugehörigkeit" bemüht, das wissen nur die Presseattaches und die Sekretäre der Legationen. Sie werden angefleht, Einladungen zu vermit­teln. Denn an der Spitze der privaten Gesellig­keit der Metropole stehen nun einmal die Emp­fänge der Diplomaten. Da die Bälle etwas in den Hintergrund getreten find, trifft man sich eben bei kleineren Diners und Soupers auf den vielbesuchten man könnte beinahe sa­gen: vielumkämpften routs, von denen drei an einem Rachmittagerledigt" werden können. In früheren Iahren lag der Schwerpunkt und die Hauptanziehungskraft wohl in den Salons der englischen und der französischen Botschaft. Heute, wo Sport alles ist, sind die Fecht- abende, die der temperamentvolle ägyptische Gesandte in seinem Palais veranstaltet, viel- begehrte Anziehungspunkte. Im Salon Dr. H a s - fan Rachat Paschas war es zum ersten Winterempfang zum Bersten voll. Der junge Di­plomat hatte zu ägyptischer Musik geladen, und eine schlanke Tänzerin versuchte diskret anzu­deuten, wie in ihrer Heimat getanzt wird. Der

apostolische Runtius, dessen karmoisinrote Kops- bcbcdung in der Menge der Gäste austauchte, unterhielt sich derweilen mit den Botschaftern von England und Frankreich: er stand unter dem elektrisch angestrahlten, überlebensgroßen! Oelbild Königs Fuad I., den man ja auch in Berlin kennt, und zu dessen Thronbesteigungsfeier diesmal war es der 13. Iahreslag dieses Ereignisses annähernd 400 Personen ihren Tce in der Berliner ägyptischen Gcsandtschast tranken. Begehrt sind auch die Einladungen zum türkischen Dotschafterpaar. Die orientalischen Ex­zellenzen sind jung, fesch und beliebt. Da sie selbst rr'cran dabei sind, muhman auch bei ihnen sein. Der Botschafter reitet, spielt Tennis foga«. linkshändig, weil eine Kriegsverletzung feinen rechten Arm gelähmt hat, und seine Frau modelliert, musiziert, gehört Chrenausschüssen an und ist nebenbei eine Prinzessin ägyptischen Geblütes.

Der französische Botschafter, ein Verehrer schö­ner Frauen und köstlicher Bücher, liebt nicht die rauschenden Feste. Er fördert Kunstausstellungen, deren Protektorat er übernimmt, und unter­stützt die kulturellen und politischen Bestrebungen der Deutsch-französischen Gesellschaft. Auch das englische Botschafterpaar, dessen schlankes Töch­terchen zu den begehrtesten jungen Damen der Berliner Gesellschaft gehört, steht nicht gerne im Mittelpunkt geselliger Veranstaltungen. Der einzige Sohn des Diplomaten studiert in Mün­chen, und wer sie kennt, konnte alle vier Ruin - bolds sowohl in Bayreuth als in Oberammer­gau zu den Festspielen in ihrem Luxusauto vor­fahren sehen.

Die russische Botschaft erwartet erst in diesen Tagen den neuen Herrn aus Moskau. Bei Kre­stinskis war cs immer sehr gemütlich, es gab überdies reichlich Kaviar allerdings meist nur auf den Sandwiches zu den Tee-Empfängen. Der Salon der Sacke tts, der nordamerikani­schen Exzellenzen, war bis zum Rovember ver­waist. Das Dotschafterpaar hatte seinen Urlaub zu einer Amerikafahrt benutzt. Die zwei großen Empfänge, die Mrs. Sackett dieser Tage in ihrem Privatheim einem kleinen Schlößen im tief­sten alten Westen gegeben hat, genügten für die erneute Feststellung, welche reizenden Gast-

Krebsfurcht und Kurpfuschertum.

Von Univ.-professor Or.A.Dietrich-Tübingen,

Vorsitzendem des

LandesverbandesWürttembergu.Hohenzollern zur Erforschung und Bekämpfung des Krebses.

Seit dem Jahre 1926 hat in Deutschland die Zahl der Todesfälle an Krebs diejenige der Tuberkulose überschritten. So ist eine gefürchtete Doltsfeuche in ihrer Bedeutung für die allgemeine Gesundheit von einer anderen Krankheit abgelöst worden, die noch un­heimlicher erscheint, da ihr Wesen und ihre Ursachen von noch vielen Rätseln umgeben sind. Wir begegnen heute schon einer Krebsfurcht, die leicht genährt wird durchvieleDeröffenllichungen in Tageszeitungen und Zeitschriften, wenn sie auch die beste Absicht verfolgen, durch Aufklärung die Krebskranken einer frühzeitigen Behandlung zuzusühren.

Wir wollen nur kurz die Frage streifen, ob eine wirkliche Zunahme von Krebserkrankungen be. steht. Dies ist keineswegs sicher aus den Statistiken zu entnehmen. Vielmehr sind es die Fortschritte der ärztlichen Unterfuchungsmethoden, die viele, früher, unerkannte Fälle von Krebs erfaßen lasscn.vor allem dadurch, daß die inneren Organe durch die Röntgen- sttahlen einer genaueren Untersuchung zugänglich wurden. Auch bringt die Erhöhung des Durchschnitt- alters mehr Menschen in die krebsgefährdeten Alters­stufen als vordem. Wir sind jedenfalls weit davon entfernt, irgendwelche Einflüsse des heutigen Kultur­lebens, wie Ernährung, Wohnweise, Verkehr, Rauch- und Autogase und was sonst noch behauptet wird, sürdiescheinbareZunahmeder Krebser krankun- gen verantwortlich machen zu können.

Wenn also der Fortschritt ärztlichen Wis. sens und ärztlicher Kunst häufiger und früher Krebs erkennen läßt, so ist cs auffallend, daß die Krebsfurcht den Kranken vielfach vom Artt wegtreibt. Bei der Tuberkulofe ist heute der Standpunkt über­wunden, dem man noch vor etlichen Jahrzehnten be- Segnete, daß die Feststellung der Erkrankung gleich, fam das Todesurteil bedeutet. Die Eriolge der Heil« stättenbehandlung haben sich zu lief eingeprägt und selbst Schwerkranke halten sich an der Hoffnung auf­recht. Demgegenüber wirkt das WortKrebs" läh. menh und niederschmetternd auf den Betroffenen und, was noch schlimmer ist, ost auf feine ganze Umgebung. Vergeblich ist es, darauf hinzuweisen, daß der Erkran- hing kein Makel anhaftet, daß keine Möglichkeit derAnsteckung besteht und daß vor allem dieBrük- ken der Lebensfreude noch nicht abgebrochen werden müßen. Vertrauen ist nötig und Entschlossenheit. Dem» neben frühem Erkennen ist und bleibt die tat­

kräftigste Behandlung ein Weg zur Heilung. Daß eine eingreifende Operation kein Ideal einer ärztlichen Behandlung ist, weiß niemand beffer als der Chirurg oder Frauenarzt selbst, aber in der schwerwiegenden Entscheidung zwischen operativem Eingriff und ande­ren Methoden, z. D. der Strahlenbehandlung kann nur die Erfahrung leiten, die möglichste Sicherheit des Erfolges allen anderen Wünschen und Bedenken voranstellt.

Krebssurcht, die den Entschluß lähmt, ist aber ein schweres Hemmnis. Eie ist vor allem ein Feld, auf dem das Kurpsus ch er tum sich unheilvoller als auf allen anderen Gebieten entfallen kann. Die An­fänge einer Krebsneubildung sind so unbestimmt, daß man zunächst noch nicht von einer Krankheit sprechen kann, sondern nur von verdächtigen, örtlichen An­zeichen. Der von Krebssurcht Ergriffene wird daher leicht auf die beruhigende Versicherung hören, daß kein Krebs vorliege, auch wenn ein Arzt ihn auf die gefährliche Möglichkeit hingewiesen hat. Es gehört viel llnwißenheit und Gewißenlosigkeit dazu, wenn jemand, der nicht mit allen Hilfsmitteln und Er­fahrungen der medizinilchen Wißenschaft ausgerüstet ist, bei dem Verdacht einer beginnenden Krebser- krankung die schwerwiegende Entscheidung treffen will. Das gilt schon für die äußerlich sichtbaren Ge­schwülste oder Geschwüre, z. B. der Brustdrüse, in viel höherem Maße aber von den Krebsdttdungen innerer Organe. Die Möglichkeit der Feststellung wächst mit der Gründlichkeit der Untersuchung und ärztlichen Beobachtung. Cs ist staunenswert, zu wel­cher Leichtgläubigkeit die Krebsfurcht führt, um sich dieser Wahrheit zu verschließen und der oberfläch­lichsten Beruhigung kritiklos nachzugeben.

_ Wie viel Unheil schon durch Verhindern einer frühzeitigen gründlichen Untersuchung eingerichtet wird, weiß jeder Arzt, zu dem die Kranken später kommen. An die Öffentlichkeit bringt davon nichts; denn meist muß der Arzt schweigen, um nicht durch die unerbittliche Erkenntnis die Verzweiflung des getäuschten Kranken ausbrechen zu laßen.

Ebenso wie ein Hinwegtäuschen über Krebsge^ahr ist aber die Methode mancher Kurpfuscher verhäng- nisvoll, eine Krebskrankheit, die gar nicht besteht, festzustellen, um bann mit Aehandlungserfolgen alän­gen zu können. Die Furcht hält auch hier ben Kranken im Bann und kann seinen seelischen Zustand schwer erschüttern, so daß es später dem zugezogenen Arzt schwer wird, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Scheinerfolge werden oft mit Bezeugungen glaub­würdiger gemacht, daß vorher von einem Arzt Krebs festgestellt gewesen oder gar der Kranke aufgeqeben worden sei. Geht man derartigen Zeugnissen nach, so läßt sich ihre Haltlosigkeit meist leicht erweisen.

Das traurigfte Kapitel ist aber die Dehandlungs- weise der Kurpfuscher. Es gibt nichts aus dem Abfall- topf der Jahrhunderte, was nicht wieder aufgegriffen und zur neuesten, erfolgreichsten Methode gestempelt wird. Daß oberflächliche Geschwüre der Haut, auch wenn sie krebsverdächtig sind, durch zerstörende Sal­ben verschiedener Art zur Heilung gebracht werden können, ist altbekannt, nur liegt die Gefahr in der Verallgemeinerung solcher Erfolge, deren Zuverlät- sigkeit sehr begrenzt ist. Eine genaue ärztliche Beurteilung ist unerläßlich, ob eine derartige Behandlung angezeigt ober ob sie bedenklich ist. Die Versäumnis des richtigen Zeitpunktes ist nicht einzuholen.

Von allen inneren, auch tiefer greifenden äußeren Krebswucherungen ist aber mit Bestimmtheit zu sagen, daß keine innerliche Behandlungswelle irgendwel­chen Erfolg verspricht. Eine solche Methode hätte sich schon die Well erobert. Frühe Zerstörung oder Entfernung des wuchernden Gewebes ist allein aus­sichtsreich. Run hat die Operation, die bisher allein in Frage kam, einen Bundesgenossen erhal­len in der Strahlenbehandlung durch Röntgen­strahlen oder Radium. Die richtige Anwendung der Bestrahlung ist heule wohl eine ganz besondere Kunst. Die Erfolge sind noch keineswegs völlig befriedigend. Raft los wird an der Verbesserung gearbeitet.

Unzulängliche Strahlenbehandlung aber ist un- heilooller als jede Unterlaßung. Wenn Kurp'uscher Strahlenbehandlung und Radiumkuren anpreisen, so liegt eine Ausnützung der Leichtgläubigkeit vor, gegen die leider untere Gesetze zu geringe Handhabe geben. Den Höhepunkt vor tiUem bildet eine An­preisung, die mir kürzlich in die Hand kam, in der Krebsheilung durch Mangnelisieren und durch Sug­gestion zugesichert wurde. Der Suggestion zugäng­lich sind solche Krankheiten, bei denen die Beschwer­den, namentlich nervöser Menschen, größer sind als die unmittelbaren körperlichen Folgen. Die Krebs- Wucherungen stehen aber außerhalb des Einflußes des Rervensystems. Schmerzen und Beschwerden las­sen sich hinwegläutchen, das Forlschreiten der Wu­cherung ist nicht aufzuhalten. Auch der Arzt darf den Glauben an irgendwelche Hilfe nicht zerstören, der den Unheilbaren aufrecht erhält; doch stehen ihm mehr Mittel zur Verfügung, die dem Kranken sein Leiden erleichtern und das Fortschreiten aufhal­ten als die Suggestion. Derartigen Kranken die rich­tige Fürsorge zuzuwenden, ist heule das vornehmste Bestreben. Es gehört mehr dazu als die Mittelchen, die der Kurpfuscher anzuwenden vermag. Wehe aber dem Wahn, durch seelische Einwirkungen dem Krebs selbst Einhall gebieten zu können.

Der Mensch unserer Zeit hat verlernt, sich dem

Schicksal demütig zu beugen. Seiner Härle zu be­gegnen gibt uns aber die Wißenschaft die Kraft, der Vertrauen und Entschloßenheil gegenüberstehen muß. Krebsfurcht wird aus Unwissenheit geboren, und das Kurpfuschertum bemächtigt sich ihrer zum Unheil derer, die Wißen retten könnte. Wir stehen in Deutschland hinter anderen Ländern zurück, z. B. Schweden und Nordamerika. Dort hat das Wort Krebs schon den Schrecken verloren, und einer tat­kräftigen frühen Behandlung wird weitgehendes Vertrauen entgegengebracht. Bei uns bemühen sich Ausschüße und Landesverbände für Krebsbekäm­pfung, die Erforschung und Behandlung der Krebs- krankyeit zu organisieren. Wer die Fortschritte der letzten Jahrzehnte verfolgt hat, muß das Erreichte anerkennen, wenn es auch dem Kranken, der sichere Hilfe sucht, noch gering erscheinen mag. Was unS in erster Linie nollut, ist die Krebsfurcht zu über­winden und Vertrauen an ihre Stelle zu sehen. Hiermit wird die Kurpfuscherei dort eingedämmt, wo sie am verderblichsten wirkt.

Heirat mit Bubikopf verboten!

Der Stadtrat von Moonyard im Staate Te- nesscy hat verboten, daß Mädchen mit Bubikopf heiraten. (Männern ist es vorderhand noch er­laubt.) Alle Standesbeamten sind angewiesen, keine Braut mit Bubikopf zu trauen. An dem Sage, als man das neue Edikt bekanntgab, standen vierzig Paare auf dem Standesamt Startbereit, und da von den vierzig Bräuten vierzig einen Bubikopf trugen, wurden alle wie­der nach Hause geschickt. 35 der Bräutigame fetzten sich und die Bräute in Autos und fuhren (in Amerika ist das möglich) einfach in die nächste Stadt, wo sie anstandslos getraut wurden. Fünf Männer aber erklärten, warten zu wollen, bis ihren Bräuten die Haare wieder gewachsen wären. Und die Bräute? Waren die damit einverstanden? Zudem: Gibt es in ganz Amerika keine Zopffabriken mehr? Cs ist doch nur ver­boten, mit Bubikopf zu heiraten; was die Frauen nach der Trauung mit ihren Haaren machen, geht doch niemanden etwas an!

Hochschulnachrichten.

*7 Ernannt wurde der Privatdozent an der Universität Berlin, Landrichter Dr. Helmut ü d L zum ordentlichen Professor für bürger­liches Recht und Arbeitsrecht an der Handelshoch­schule Mannheim als Rachfolger von Prof. Lautner.