Nr. 264 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Dienstag, U. November 1930
Oer heilige Berg der Japaner.
Als deutsche $rou auf dem Iuyi-no-yama. — Man steigt hinauf und rutscht hinab.
Don Erna-Elisabeth Meiners.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Tokio, im Herbst 1930.
(Nur kurze Zeit im Jahr öffnet sich der heilige Berg der Japaner, der sagenumwobene Fuyi-no- hama den frommen Pilgern, die ihn besteigen wollen. 3m Juli und August nur ist der gewaltige Berg der wie nichts anderes in 3apan gefeiert wird,' schneefrei. Seit Jahrhunderten, ja vielleicht feit Jahrtausenden, pilgern die Menschen zu ihm, die leichtfützig-bergfrohen wie die mühselig-beladenen, die in (Not und Kummer Hilfe bei feiner geheimnisvollen Kraft suchen. QM ihm, dem Göttlichen!
Aber nicht immer ist er hilfreich und gpt, auch böse kann er fein - totbringend! Zwar find in unserer modernen Zeit Mühen und Gefahren so weit wie möglich gemildert — Eisenbahn und Autobus bringen den Pilger bis an den Fuß des Berges, ein Observatorium erteilt Warnungssignale bei drohender ungünstiger Witterung: acht, allerdings sehr primitive Stationen sorgen für Erfrischung und Unterkunft, aber dennoch kann der Pilger auf dem langen Weg von Sturm, (Kegen und Gewitter überrascht und in die Tiefe gefchleudert werden.
Schon die körperlichen Strapazen sind groß, steigt der Fuyi doch nahezu 4 0 0 0 Meter hoch aus der Ebene auf, und mühsam ist der Weg durch die oft k n i e t i e f e A s che. Alte und Gebrechliche brauchen nicht selten acht Tage, um stöhnend und schwitzend, von der dünnen Luft gepeinigt, den Gipfel zu erklimmen. Doch sie lassen sich nicht entmutigen — es ist ihnen Herzensbedürfnis, auf den Altären des Gipfels zu opfern und die Sonne mit jauchzendem (Ruf zu begrüßen!
Abends kommen wir in dem Städtchen Go- temba mit der Eisenbahn an. Gotemba ist die eine der drei Ausgangsstationen für die Besteigung des Fuhi-no-yama. Reges Leben herrscht auf den Straßen. Zu Fuß, per Auto und Autobus strömen die Pilger in Massen herbei. Alte Sitte hat ihnen die Kleidung vorgeschrieben: kurze Hose und Jacke aus ungebleichtem Baumwollstoff, großer runder Hut aus (Reisstroh, eine Strohmatte zum Umhängen als Schuh gegen Sonne und Regen, ein nahezu zwei Meter langer Bergstock, der auf jeder Station zur Erinnerung an die Pilgerfahrt mit einem Stempelaufdruck versehen wird, und Strohsandalen zum leichteren Marschieren in der Asche.
Für die, die sich nicht kummervollen Herzens und aus religiösem Bedürfnis, sondern aus Wißbegier dem heiligen Berge nahen, ist auch gesorgt: — aus hellerleuchteten Teehäusern tont fröhliches Mädchenlachen, der Gong dröhnt, die Samisen erklingen und niedliche Geishas bewegen sich langsam im Tanz.
Wir verbringen die Rächt in einem japanischen Gasthause, wo eine freundliche kleine Bedienerin uns unser Lager auf Strohmatten herrichtet.
Am nächsten Morgen brechen wir vor Sonnenaufgang auf. Ein Träger nimmt unsere warmen Sachen und etwas Essen. Am Ausgang des Dorfes erwarten uns die Führer mit zwei Pferden. Dicke Rebelschwaden lagern um den Berg. Schweigend geht es durch Reis- und Maisfelder, durch hellgrünen Busch und üppigen niedrigen Buchenwald — langsam steigend. Rach etwa zwei Stunden sind wir am eigentlichen Ausgangspunkt der Wallfahrt, an der ersten Station. Die ersten Stempel kommen auf unsere Bergstöcke. Das Gebüsch wird immer niedriger, noch steigt das Gelände nur allmählich an. Rur ab und zu erhascht man durch Wolken einen Blick auf die eigenartig harmonischen, schonen Linien des Berges. In Hütte drei werden die Pferde entlassen, und die eigentliche Arbeit beginnt für uns. Auf körniger, manchmal tiefer Asche geht es im Zickzack vorwärts. Kahl liegt
die große Fläche vor uns. Aber noch blühen Blumen am Wege. Hütte drei ist noch groß und geräumig. Wir müssen rasten, unsere Wolljacken anzieAn und einen heißen Schluck Tee zu uns nehmen, denn es ist empfindlich kalt geworden, der Rebel hat sich dicht zusammengeballt, so daß wir kaum fünf Meter weit sehen können. Gespensterhaft, gleich Schemen, laufen weihe Gestalten an uns vorüber. Aus unsere erstaunte Frage erzählt uns der Träger, daß es Pilger seien, die von der Hohe des Berges kommend, aus ihren Stock gestützt, sich wie auf einem Reufchneefeld in der weichen Asche herabgleiten lassen. Wahrlich — ein eigenartiger Anblick! Rach Hütte 4 hört jede Vegetation aus, die Asche wird tiefer und weicher, der Weg steil, und mühsam stapft man vorwärts. Lavablöcke tauchen auf, der Rebel zerteilt sich ein wenig, und riesige Lava ströme werden sichtbar, bis zu zwei Meter dick aus der Asche herausragend. Wir geraten in eine Pilgerschlange. die sich durch harten Gesang zum Weitermarsch anfeuert. Religiöser Eifer liegt auf den Gesichtem. Hütte 5 und 6 sind nur noch kleine Steinbaracken, eng an die Aschenfläche geschmiegt, durch versteinte Lava gestützt.
Hier zeigt der Fuyi seine bösen Seiten! Oft reihen plötzlich heranbrausende Unwetter, Stürme oder Wassermassen den unbarmherzig in die Tiefe, der sich nicht schnell genug in eine der Hütten retten konnte.
Das letzte Stück Weg bis zur Hütte 8 — unser heutiges Ziel — wird mühsam. Die dünne Lust macht sich bemerkbar, um so mehr als man aus der tropischen Sonnenglut der Ebene, nicht viel höher als der Meeresspiegel, in 10 Stunden bis zu einer Höhe von 3400 Meter steigt.
Immer häufiger trifft man stöhnende Pilger, denen die dünne Bergluft das Herz schneller schlagen läßt, ihnen den Atem benimmt. Der abgehackte Gesang weniger mutiger Gruppen reiht sie vorwärts. Er wirkt wie Suggestion. Mechanisch wird ein Dein vor das andere gesetzt, und so kommt man doch noch zum Ziel. — Auch mir geht es
schlecht: der Kops droht zu zerspringen, die Beine sind schwer wie Klumpen: da erbarmen sich ein paar stämmige Studenten und schieben und ziehen mich über das letzte und schwerste Stück vor unserem heutigen Ziel — wie dankbar war ich ihnen! In China wäre solch eine Menschenfreundlichkeit Fremden gegenüber nicht möglich gewesen. In Hütte 8 finden wir uns alle bei Reis und gedörrtem Fisch zusammen. Die Hütte weist außer einem Schanktisw nur einen Hol^ußboden mit einigen dünnen Strohmatten auf. Bis zu fünfzig Wattedecken liegen auf einem Holzgestell an der- Wand: nach Bedarf werden sie an die Gaste verteilt. Wir nehmen uns unsere eigenen und noch je fünf dieser Wattedecken und doch frieren wir so, daß wir am ganzen Körper zittern. Aengstlich lauschen wir auf den Regen, der soeben eingesetzt hat. Was wird aus dem vielgerühmten Sonnenaufgang werden?
Um fünf Uhr morgens wecken uns laute Rufe von Pilgern — die Sonne geht auf! Wir stürzen heraus. Aber ach! — vom strahlenden Tagesgestirn ist nichts zu sehen! Richts als Wolken! Wolken wie dicke Wattebäusche um den Aschenriesen geballt... Da ein fahler roter Schimmer! Er überzieht die Asche, die Lava, die Wolken und beleuchtet auch die malerischen Gestalten der Pilger — unwahrscheinlich sieht alles aus, wie einer der Holzschnitte des H i r o s h i g e, der so meisterhaft japanische Landschaftsstimmungen und japanisches Volksleben zu schildern wußte. — Wir wenden uns zum Gehen.
Welch eine Freude! Der Aschenkegel hinter uns ist klar, zum Greifen nahe! Auch die Wolken schieben sich auseinander, beginnen zu quellen, zu fluten, sich zu yeben. Di§ Hakoneberge, die herrlichen Fuyiseen zeigen sich flüchtig. Run schnell voran, um die Aussicht vom Kraterrand zu erhaschen! Der Weg ist bunt belebt mit Pilgern, Gruppen von Soldaten, Angestellten von Straßenbahn und Post, vierschrötig-kernigen Bauern aus entfernten Provinzen, Studenten, lachenden kleinen Japanerinnen in bunten Kimonos, ein Tuch um den Kops geschlungen und Holzsandalen mit hohen Absätzen an den Füßen. Tapfere kleine Frauen! — wie beschwerlich läuft es sich doch auf diesen Dingern in der tiefen Asche! Und noch vor sechzig Jahren hat man euch die Wallfahrt auf den heiligen Berg verwehrt!
Wir sind 3870 Meter hoch — in drei Stunden ist der Gipfe 1 erreicht. Shintopriester kommen uns entgegen, in weite, weihe Gewänder
gekleidet, eine schwarze schmetterlingsförmig« Mutze auf dem Kops. Ein Torii (ein steinerne« Tor) kündet den ersten Shintotempel an. Leise« Murmeln von Gebeten und frommer Gefang empfängt unS. Pilger werfen sich verklärten Antlitzes nieder. Der Fuyi, der Heilige, ist erreicht!
Wir steigen zum Kraterrand empor — eine herrliche Aussicht belohnt unsere M^he Wahrlich — man kann sagen: der Fuyi ist das Wahrzeichen Japans! Einsam, in stolzer Höhe hebt er sich empor, hier aus der Ebene, dort aus einer Hügel- und Mittelgebirgsland- schäft. Richts beeinträchtigt seine einsame stolze Gröhe! Im Süden dringt das Meer in schönen Buchten auf ihn zu, im Westen liegen fern die japanischen Alpen, überragt von dem noch tätigen, rauchenden Vulkan Asano, im Osten sieht man die vier Kraterseen des Fuyi und die Hakoneberge. <
Der Kraterrand hat einen Durchmesser von ungefähr zweihundert Meter und fällt achtzig Meter in die Tiefe. Die Abhänge sind steil, Feuchtigkeit tropft von den steinigen Wänden. Flechten führen ein bescheidenes Dasein als einzige Flora. Bei einem Rundgang um den Krater tr'cf en wir auf einige heiße Bodenstellen.
Dany geht es wieder zu Tal. Der Abstieg ist unbedingt eine Merkwürdigkeit. Dis Hütte 7 geht man normal auf Lavagestein hinab, von hier aber springt ober rutscht man, sich auf seinen Stock stutzend, schnell zu Tal. Ein Paar Strohsandalen nach dem anderen geht dabei zu Bruch. Das Aschefeld ist besät mit solchen Sandalen. Dreizehn bis vierzehn Stunden Fußmarsch kostet der Aufstieg und beim Abstieg ist man bereits nach drei Stunden wieder an der ersten Station angelangt! Diesmal nimmt uns und die Pilger ein Autobus auf, glücklich und froh langen wir in Gotemba an.
Die Sonne geht unter. Rebelfrei dürfen wir noch einmal den Gewaltigen schauen, der schlank und doch mächtig als ein Symbol göttlicher Kraft über den Millionen thront, die auf Japans Erde schaffen und in religiöser Andacht zu ihm aufschauen.
Aus Oer prvvinzialdoupistaOt.
Gießen, den 11. (November 1930.
Martinstag.
Die Felder sind leer, die letzten Früchte geborgen. Der Landmann atmet auf. Die sonnigen Herbsttage sind vorüber, kalt und unfreundlich wird das Wetter. Am Himmel rasen die Wolken, vom Herbststurm gepackt. Rur dann und wann dringt die Sonne durch. Aber schon wälzen iid> wieder neue schwarze Wolken am Himmel dahin. Der wilde Wind ist Herr in Feld unb„ Flur. Die letzten bunten (Blätter müssen von den Däuii.en.
Auch in den Städten und Dörfern treibt er sein Spiel. Die Ziegel werden von den Dächern gerissen, die Fensterläden und Schieferplatten klappern und rasseln. Dcrnn wieder kommt ein Regenschauer, hart und dröhnend schlagen die schweren Tropfen an unsere Fenster.
An solchen Tagen fühlen wir uns wohlgeborgen hx der traulichen Wärme unseres Zimmers, in der (Nähe des Ofens. Wir hören wohl, wie es draußen braust und brummt, wie der Regen klatscht, aber desto behaglicher erscheint uns unsere Stube. Die letzten (Blumen des Gartens stehen auf dem Tisch und erzählen noch von den Sonnentagen.
Kein Mensch kann ohne ein wenig Poesie sein. Und wenn uns die Ratur draußen im Stich läßt, laden wir uns andere Freunde ein. —
Schon als Kinder wußten wir, daß in die Eintönigkeit der nebligen, regenschweren Ro- vembertage ein Lichtstrahl fiel, das war der Martins tag. Es war beinahe ein halber Feiertag. Der Vater und die Mutter gingen auf den Martinsmarkt und kauften uns die Winterkappe, oder ein warmes Halstuch. Sie vergaßen aber nie, uns einen „Mirtesmann" mitzubringen. Das war ein gebackenes Männchen aus Kuchenteig, schmeckte aber hundertmal besser, als Kuchen,
D 2000 in Madrid.
König Alfons XIII. (X) besucht mit seinem Gefolge das Junkersflugzeug G38 (D 2000) auf dem Flugplatz von Madrid.
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Gießener Giadttheaier.
Gastspiel der Konrad-Dreher-Truppe.
Zweimal Dauemtheater: nach der schwerblütigen Menschenkunst der Thoma-Truppe vom Tegernsee erlebte man gestern die leichtflüssig-harmlose Dialekt-Drastik im Kulissenscherz der Münchener Wanderbühne Konrad Drehers, dessen behäbiger Humor seinerzeit bis ins gelobte Land Amerika gedrungen ist.
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Gemeinsam ist beiden Gastspielen die bodenständige Mundart als theatralisches Ausdrucksmittel: unterschieden sind sie durch die ungleichartige Dedeutung des Dialekts im Gesamtwerk: unterschieden ferner durch das Format sowohl der Darstellung als auch des Dargestellten hier und dort. Der imponierenden inneren Geschlossenheit der Thoma-Truppe steht hier ein Ensemble durchschnittlich provinziellen Ranges gegenüber, zusammengehalten und weit überragt nur von der abgeklärten Gestaltung seines nun über siebzigjährigen Direktors, der schon im Jahre 1891 sein Schlierseer Bauerntheater gründete.
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Gespielt wird „Der wundertätige Antonius", Dolksstück aus eigener Werkstatt mit Gesang in drei Akten nebst einem Vorspiel von Richard Manz und Jenny Dreher: in diesen vier Bildern haben sich grobkörniger Humor und unmißverständlicher Situationswitz mit handgreiflicher Sentimentalität zu einer dem Publikum leicht eingehenden und bekömmlichen Mischung verbunden, dergestalt zwar, daß Die Komik alleweil das letzte Wort behält, wie es in einem heiteren Dolksstück auch fein muh, damit jedermann befriedigt heimkehrt aus der illusionistisch besseren Welt des Theaters, wo die Probleme des Lebens meist soviel leichter und erfreulicher gelöst werden als in der rauhen Wirklichkeit: Die hat man auf zwei Stunden ganz vergessen, und das ist es eben, was viele heute vom Theater verlangen oder erwarten.
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Die Fabel ist einfach. Sie beginnt im Vorspiel mit Der schmerzlichen und tränenschweren Trennung eines jungen Liebespaares. Der Bub Darf nicht Vertaten, weil seine Mutter ihn vor Jahren,_ als er auf Den Tod Damteberlaa, mit einem Gelübde
zum geistlichen Beruf bestimmt hat. Das Stück selbst begibt sich vierzig Jahre später. Der junge Toni von damals kommt als alter Laienbruder Antonius und als Einsiedelmann in eine kleine Bauerngemeinde, wo er mit gesundem Mutterwitz ein rechter Wunderta.er für seine Dauern wird, Helfer und Tröster in ihren mancherlei Sorgen und Röten Leibes und Der Seele. Wobei ihm (ein recht erheiterndes Motiv) Das von seinem klausne- rischen Vorgänger hinterlassene, vollzählige unb ausführliche Sündenregister aller Gemeindemit- glieDcr unvermutet günstige Dienste leistet.
Den höchst dramatischen Akzent erhält indessen das einsiedlerische Idyll mit einer für beide Teile jählings überraschenden Wiederbegegnung. Der Antonius, der noch immer seiner dem frommen Gelöbnis geopferten Jugendliebe wehmutsvoll nachtrauert. frnDet unter seiner zahlreichen Klientel eines schönen Morgens Die verlassene Resi von damals wieder. Die sich inzwischen zu einer furchtbar bösen Sieben unD einem maulfertighandgreiflichen Hausdrachen ausgewach en hat,... womit Die anfängliche Rührung alsaalD kuriert ist und in eine ernüchterte unD enDgültig Verzicht leistenDe Heiterkeit umschlägt.
Diesen wunderwirkenden unD vom Geben geprüften EinsieDelmann Antonius spielt — was eine respektable unD ehrlichen (Beifalls würdige Leistung ist ' - der siebzigjährige Konrad Dreher: nicht allein mit dem unvordringUch trockenen Humor, der seinen Ruf weithin begründet hat, sondern auch und Darüber hinaus, indem er Der Gestalt Dieses altgetoorDenen Klosterbruders gewinnende menschliche Züge verleiht: indem er franziskanische Milde mit gemütvoller Ueberlegenheit und weltoffenem Duck zu verbinden weiß. e
3m übrigen wurde unter der kräftig Pointierenden Regie von Karl S ch ö p P mit vollsstuck- mäßiger Unbekümmertheit gespielt. Dom Ensemble wären Emmy Sourmann und Karl Schopp als die derbdrasttschen Hintermoserleute. Hans W e s e n b e ck und Theodora K r a u ß als jugenD- liches Liebespärchen zu nennen. —
Das Publikum war in angeregter Stimmung und spendete herzlichen (Beifall. mix.
Oer Schulkamerad.
Don Harry Schreck.
Damals, als wir uns um Gleichungen mit zwei Unbekannten bemühten oder in hoffnungslosen Sahfetzen aus französisch erklärten, daß Der gute Admiral im Garten sitze unD weine — Damals war er einfach Da.
Gewöhnlich faß er in einem Matrosenanzug auf Der Rachbarbank. Er hanDelte mit Briefmarken, gab nur selten geliehene Bücher zurück unD schrieb die lateinischen UcbungSarbciten ab, während er als Gegenleistung feine Hilfe bei geometrischen Ausgaben anbot. Er hatte in Der (Regel einen großen Bruder und sand im übrigen stets etwas „gemein“ oder „verrückt" ...
Wir nahmen ihn ohne viel Federlesens hin wie Den Klassenaufsatz über Die 3ungfrau von Orleans, Den Schulausflug unD Die vielen anDern ähnlichen Dinge, mit Denen man ein knabenhaftes Derstänbnis angemessen speiste.
Rach einiger Zeit verschwanD er jeDoch eines Tages unversehens. Denn er Pflegte still seine mittlere Reife erworben zu haben unD war nun willens, Die Schule zu verlassen, für Die wir angeblich nie gelernt hatten, um in Das Geben hinauszuwanDem, für Das wir angeblich immerzu gelernt hatten. —
Meistens gedachte er den Postweg emzufchlagen oder sonst etwas Achtbares und Lebenstüchtiges zu werden. Er ging Davon ab unD fchieD als Rebengestalt aus Dem wimmelnDen Farben» Film, Der unsere Schulzeit hieß, unD in Dem wir aus Den ichsüchtigsten Gründen die Hauptrolle zu spielen glaubten.
Ein anderer rückte auf die Rachbarbank, verlangte Beistand fürs Griechische und half in der sphärischen Trigonometrie —: Der SchulkameraD batte eine andere (Inkarnation erhalten — unD Die hielt toieDer einige Zett vor. Später verlor er Dann alle Einzelzüge und blieb als (Begriff bestehen.
Wenn er dann aber nach zehn ober zwanzig 3obren wieder auftaucht, plötzlich auf einer Straße ftebenbleibt, uns forschend und nachdenklich an- sieht, mit halber Unsicherheit auf uns zugehl und fragend unseren Ramen nennt — Dann aber ist er auf einmal recht heftig unD nicht einfach da.
3m Gegenteil, er Dringt nicht weniger über» rolchend in unser Lebensgefüge als ein Wallen-
steinischer Kürassier in einen Untergrunbbahnhof ober ein mittelalterlicher Minnesänger auf ben Flugplatz von Taschkent. Wer einen Schullamera- ben wiebersieht ist ebenso erstaunt unb ebenso Verlegern
Denn er kommt gar nicht aus Aschaffenburg oder Gauban, %>o er hinter einem Schalter sitzt, wie er uns fröhlich erzählt: er kommt gerabes- wegs aus einer ziemlich verschütteten Ganbfchaft unserer Seele, Die sich nun vor Dem Erinnern in langsamer Verschiebung toieDer aufrollen und abfruften soll.
Aber während Die HänDe sich herzhaft schütteln, dröhnend auf Die Achseln klopfen, Die Herzen in gefaßter Rührung zertauen möchten unD Die Gehirne auf ebenso muntere wie arglose Worte sinnen — unterdessen späht Der Blick auf Den gutmütigen Mann, Der uns mit praller Duzbrüderschaft anf bringt
Unb flehe ba, ein gespenstisches Abenteuer beginnt: unsichtbar schlägt Der Malrosenanzug immer noch um ben Geib bes Schulkameraben — unsichtbar schreibt er noch immer ab — hilft er in Geometrie. Unb wenn wir bies sehen, möchten wir schnell äußern, Daß ber gute Abmiral wei- nenb im Garten sitze.
Doch wir äußern bas nicht. Wir sagen vielmehr mit verschmitztem Gachen: „Hallo, altes Haus!": unb bann schlagen wir einanber vor, unser Wiedersehen mit einigen Flaschen Wein zu feiern und von nun an in einen regelmäßigen Briefwechsel zu treten. (Das ist unser Opfer an die Vergangenheit!)
3ch weih nicht, ob Rapoleon während seiner berühmten Hundert Tage einen Schulkameraden toiebergetrofien hat. Unb ob Kant ihm begegnete, als er bas Kapitel über die Schönheit als Symbol der Sittlichkeit schrieb. Denn unsre historischen Gehrbücher, aus denen wir niemals für die Schule, sondern für das Geben lernten, konnten bisweilen schauerlich schweigsam sein ...
Aber das ist gewiß: auch Rapoleon hätte ihm auf die Achseln geschlagen und ihn mit verschmitztem Gächeln „altes £auä“ genannt Unb auch Kant, ber Alleszermalmer, hätte ben Schulkameraden unter den Arm gefaßt und geäußert daß man das Wiedersehen mit einigen Flaschen Wein feiern müsse, unb daß man von jetzt an in einen regelmäßigen Briefwechsel treten wolle.
Denn vor unseren Schulkameraden sind wir alle wehrlos und gleich.


