Nr. 2j2 Zweites Blatt
Wietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen) Donnerstag, U. September (950
Wiewuri>einHessen1928gewählt?
Oer Volksstaai Hessen
bildet den 33. Wahlkreis. (Er zählte nach der letzten Volkszählung im Jahre 1925 1 358 719 Einwohner. Davon waren wahlberechtigt 913 365. Abgegebene gültige Stimmen wurden bei der Rcichstagswahl vom 20. Mai 1928 gezählt 596 055. Dos waren 65,9 Prozent. Ls entfielen auf die
Sozialdemokraten 192376 (3 Mandate).
Deutichnationale 20 627;
Zentrum 95 280 (1 Mandat);
Kommunisten 52 007 (1 Mandat durch Liftenver- bindung);
Deutiche Volkspartei 67 127 (1 Mandat);
Demokraten 37 521;
Wirtjchastspartei 7825;
Nationalsozialisten 11281;
Christlich nationale Bauernpartei 79 706 (1 Mandat),
Volksrechtportei 13 892;
andere Parteien 18 413.
Oie Provinz Oberheffen
zahlte nach der Volkszählung von 1925 insgesamt 328 490 Einwohner Davon waren 218 218 wähl- berechtigt Bei der Reichstagswohl 1928 wurden 135 052 gültige Stimmen abgegeben Don diesen entfielen aus die
Sozialdemokraten 42 767;
Deutschnotionale 5758;
Zentrum 6850;
Kommunisten 6737;
Deutsche Volkspartei 13 643;
Demokraten 7516;
Wlrtschostspartei 3089;
Nationalsozialisten 2364;
Christlich nationale Bauernpartei 40 083;
Volksrechtpartei 2538,
Evangelische Volksgemeinschaft 3202.
Oer Kreis Gießen
umfaßte nach der volks^ihlung von 1925 99 408 Einwohner, davon waren 67 207 wahlberechtigt. Abgegebene gültige Stimmen wurden 40 943 ae- Zählt Das waren 61,3 Prozent. E» entfielen au, -Sozialdemokraten 14 295;
Deutschnotionale 2264;
Zentrum 909, Kommunisten 1429;
Deutsche Bolkspartei 5186;
Demokraten 2381,
Wirtschaft-partei 1790, Nationalsozialisten 686;
Christlich nationale Bauernpartei 9400;
Volksrechtportei 873;
Evangelische Volksgemeinschaft 781.
Oie Stadt Gießen
zählte 1925 33 600 Einwohner, darunter 23 686 wahlberechtigte, von denen 14 824 gültige Stimmen abgegeben wurden. Das waren 62,9 Prozent Es entfielen auf
Sozialdemokraten 4529;
Deutschnationale 1475;
Zentrum 791;
Kommunisten 649;
Deutsche Bolkspartei 3594;
Demokraten 1273;
Wirtschaftspartei 1002;
Nationalsozialisten 205;
Christlich nationale Bauernpartei 111;
Dolksrechtpartei 527,
Evangelische Volksgemeinschaft 457.
Ersatztungen für Höhenforscher.
Gauerstoffspnhen unter die Haut zur Bekämpfung der Höhenkrankheit. — Wie atmet man in Höhen über 4 000 Metern? — Ein Verfahren, das gleichzeitig zur Rettung scheintoter Kinder dient. — Eine zufällige Entdeckung. — Mißbrauch durch Kurpfuscher
Von Dr. meb. Kurt Heymann
Das Kernproblem bei den Versuchen Prof. Piccards, bis zu 16 000 Meter Hohe emporzustelgen. ist die Atmung in der sauerstoffarmen Höhenluft. Unser medizinischer Mit- arbeiier schildert eine eigenartige Methode, unter Umstanden diese auch bei Bergsteigern bekannte Schwierigkeit zu mildern.
Der Plan Prosessor P i c c a r d s , bis in eine Höhe von 16 000 Meter oufzusteigen, setzt augenblicklich die ganze Welt in Aufregung. Man weiß, was es bedeutet, auf mitgeführte Sauerstoffbomben und Masken angewiesen zu sein. In der Höhe von 4000 Meter beginnt bekanntlich der Luftdruck so niedrig und die Sauerftosszufuhr so knapp zu werden, daß die Bergkrankheit, heule auch Luftkrankheit oder Höhenkrankheit genannt, mit ihren bekannten Er- ftickungserscheinungen auch dem Menschen mit völlig gesunden Organen zu schaffen macht. Dieser Zustand wirklichen Sauerstoffmangels ommt sonst kaum vor, bei allen anderen Erstickungsarten handelt es sich darum, daß an die Stelle des Sauerstoffs ein anderes Kos tritt, etwa Kohlenmonoxyd ober Kohlendioxyd Reiner Sauerstoffmangel, Anoxämie genannt, war es, der im Jahre 1874 zwei bedeutende Gelehrte, CrocöSpinelli und Sioel, bei einem wissenschaftlichen Ballonflug tötete. Sie waren die Opfer eines zwischen den Physiologen Mos so und Bert tobenden Streites, ot nämlich die Gefahren der Hohe in einem Mangel an Sauerstoff oder an Kohlensäure bestanden. Mosso der fest an den Kohlensauremungel mit folgenden Atemstillstand glaubte, schien recht zu beton,men Sein Gegner Bert, der die Flieger mit Sauerstoff versorgt hatte, war entsetzt. Man mochte ihm die schwersten Vor-
würfe, fein Eigensinn sollte zwei bedeutende Männer in den Tod getrieben haben. Spater aber mußte man fierode Bert recht geben denn die Opfer der Höhen- ahrt waren nur mit dem Sauerstoff zu sparsam gewesen. Hätten sie den Schlauch zum Munde geführt. fo wären sie am Leben geblieben! Der Sauerstoffmangel hatte, wie wir heute wissen, das Atmungszentrum unerregbar für Kohlensäure ge- macht, die im Usberfluß vorhanden war. Bert ist vor der Geschichte Sieger geblieben, wenn er auch die wissenschaftliche Anerkennung seines Standpunkts nicht mehr erleben sollte.
Heute sind wir nun übe*- die Physiologie der 6auerftoffcinahnung bis ins kleinste orientiert. Völlig ungelöst ist aber noch die Frage der sehr seltsamen Anwendungsart für Sauerstoss, die subkutane Sauer- stosfinjektion. Verfolgt man dieses Thema durch die zurückliegenden Jahrzehnte, so stößt man auf seltsame Widerspräche und rätselhaften Gelehrteneigen, sinn. In Deutschland hat die Methode wegen angeblicher Gefährlichkeit bis vor kurzem Ablehnung erfahren, in Frankreich kam sie zu vorübergehender Anerkennung, und dann geriet sie in Vergessenheit. Dennoc muh etwas an der Sache sein. In Holland, wo sich die Aerzte durch eine besondere Nüchternheit der Kritik auszeichnen, haben sich jetzt Kliniken der Frage angenommen
Nach der Entdeckung des Sauerstoffs hat niemand an eine Einspritzung des Gases unter die Haut des Menschen gedacht. Nur der Florentiner Naturforscher Spallanzi versuchte es beim Salamander. Lust hielten damals die Mediziner in der Wundbehandlung für sehr gefährlich, im Gegensatz zu den Zulu- kaffem, die alle ihre Verwundeten auf Berge schlepp
ten. damit Luft an die offenen Wunden körne, ein Verfahren, dos heule in der offenen Wundbehandlung moderner Aerzte anoewendet wird. Später ermutigten die Erfolge des Wasserstoffsuperoxyd» einige Mediziner zu eauerftoffemlpnpungcn. aber sie beab- sichtigten dabei nur eine örtliche Wirkung. Erst im Jahre 1900 kam ein Zufall der Heilkunde zu Hilfe. Der Arzt Dom ine in Valencia wollte einem Typhuskranken eine Serumeinspriyung unter die Haut machen, durch ein versagen der Spritze insi- zierte er aber statt dessen Luft. Die Wirkung war so günstig, daß er am nächsten Tage reinen Sauerstoff einspritzte. Der Patient genas, romine» Schüler erweiterten diese Erfahrung, 1902 erschien die erste Doklordissertotion über das Thema, vier Jahre später waren schon eine Menge Kranke mit Sauerstoff- einspritzungen behandelt. 1910 schlug Ramond in Frankreich diese Behandlung für Kranke mit Passage- Hindernissen der Lustrohre vor, und alle Arten von Erstickungszustanden wurden so behandelt. Gute Resultate bet Lungenentzündungen, besonder» nach Ope- rationen brachten es zuwege, daß sich endlich die Oessentlichkeit für die eigenartige Methode Inter- effierte; bi» 1914 folgten Arbeiten in Wien und Brüssel. Der Weltkrieg brachte dann vorläufig ein Ende In dieser Zeil forderte sogar der technische Fehler, daß bei der Einspritzung Lust in eine Bene geriet und der Tod eintrat, scharfe Kritik heraus Erst 1919 wurde das Thema wieder in Frankreich aktuell Jetzt wurde es endlich etwa» gründlicher studiert B a i> e u r versuchte die Sauerstäfseinspritzun- gen erst bei Harnvergiftung und machte dann Veröffentlichungen über die Bekämpfung der Höhen- krankheit. Er wurde zum Vorkämpfer der Methode. Kaum kam es aber zu einer, wenn auch umstrittenen Anerkennung, so meldete sich auch schon — der Rur- Pfuscher. Geschäftstüchtige Leute hatten davon gehört, daß man durch Einspritzung des Gases erst eine baUonartige Austreibung an die Iniektionsstelle hervorruft, die bald von selbst durch Aufsaugung verschwindet; nun kamen sie auf die tolle Idee, dies ausfallende Zu- und Abnehmen als Abmagerungs- erfchcinung auszugeben. Der Sauerstoff sollte Fett ansaugen Zahlreiche Leute fielen auf den plumpen Schwindel herein
Bayeux war zeitweise der einzige, der bei Berg- und Luftkrankheit den Sauerstosf regelmäßig unter die Haut spritzte, besonders als Dorbeugungsmittel und dadurch eine Art Ersatzlunge in die Hautfalte schuf. Bei seinen sehr zahlreichen Expeditionen auf den Montblanc begleitete ihn stets ein Träger mit gefülltem Sauerftosszylinder; Bayeux machte sich In- jektionen, sobald er die bekannte Erstickungsdrohung Dcrlpurle Die caucrfloffmengcn die er einatmen mußte, verglich er mit denen, die er sich einspritzte Für die in Betracht kommenden Höhen erwies sich die Ueberlegenheit der Einspritzung über die Einatmung als sehr bedeutend. Wenn er 400 Meter ge- fliegen war. hatte er mit der (Einatmung 300 Liter verbraucht, wahrend das gleiche Ergebnis mÜ I einzigen Einspritzung von etwa 40u Kubikzentimeter erzielt wurde Auch vorbeugende kleine Injektionen waren vorzüglich. Mit dieser Technik siel ihm im Jahre 1925 eine Besteigung troß vorgerückten Lebensalters viel leichter als zehn Jahre vorher. Er behandelt auch den bekannten Forscher V a l I o t, nach dem das Observatorium auf dem Montblanc benannt ist. Beide waren über die größere Wirkung der Einspritzungen einig. Puls und Atmung besserten sich in Höhen von 4350 Meter ausfallend. Eine Spritze von 300 Kubikzentimeter hielt 20 Stunden vor. Bayeux ist dennoch mit seiner Forderung, überall auf Flugplätzen Vorrichtungen für subkutane Cauerstoffeinspritzungen anzubringen, nie durch- gedrungen. Und doch hat bis heute niemand seine Behauptung, daß die Einspritzung kleiner Mengen Sauerstoff der Inhalation großer Mengen überlegen ist, entkräften können. Allerdings kamen bis vor wenigen Jahren nur die Höhen zwischen 4000 und 6000 Meter in Betracht
Nun zu den holländischen Versuchen. Sie lenken in verdienstvoller Weise die Aufmerksamkeit auf zahlreiche ungelöste Fragen, aber sie enthalten noch sehr oiel Zukunftsmusik. Melchior in SImersfoort hat für seine Doktorarbeit folgende Versuche nicht gescheut: In der Unterdruckkammer des Flugfeldes Soefterberg kann man den Sauerftofsdruck regulieren wie bei einer Höhenfahrt bis zu 6000 Meter Dort wurden nun an Melchior, der sich selbst 500 Kubikzentimeter Sauerstoss unter die Haut eingespritzt hatte, Messung von Puls und Atmung und Schreib-
WalteroonMolo.der Nachfolger von Wilhelm von Scholz als Präsident der Deutschen Dichter- akademie, legte sein Amt nieder. Als Grund nimmt man an, daß die zahlreichen Angrisse, die wahrend Molos Amtszeit gegen ihn gerichtet wurden, ihn jetzt zu diesem Schritt veranlaßt haben.
proben vorgenommen. Ein zweiter gleicher Versuch wurde gemacht ohne Sauerstoss. Melchior befand sich gegenüber der Anoxämie deutlich besser, al» er den Sauerstoff im Leibe hatte. Die Tätigkeit dieser pro- visorifchen Erfatzlunge unter M Bauchhaut beeinflußte Puls und Atmung günstig, fchob also tatsächlich die Anoxämie hinaus Leider tonnte die Sauer- stasseinspritzung in Hohen über 6000 Meter mit her Maske nicht mehr konkurrferen Die Methode wirb aber für Sergfteigungen ihren Werl behalten, und die vorbeugende Einspritzung wird die Bergkrankheit yinausschieben. Bayeux hatte sich ja von Hohen von 16 000 Meter noch nichts träumen lassen
Dennoch bleibt der Methode noch eine andere wichtige Ausgabe, die Rettung der kleinen Menschenkinder, denen ihre erste Reise, der Ausstieg in diese Welt, zu schwer war, die scheintot geboren wurden. Bei ihnen wirkt die Sauerstoffspritze Wunder. Hier hat die Methode eine Zukunst, und da in den hollan» dilchcn Kliniken schon i'iclc Kinder durch sie in verblüffender Weise zu normaler Atmung kamen, sind gewiß die Arbeiten nicht umsonst gewesen.
Schöffengericht Gießen.
'Dießen, 10. Sept. Am 14. Mat 1930 fanb in einem Saal zu Bad-Aauheim eine nationalsozialistische Versammlung statt. Unter den ctnxi 150 bis 170 Zuhörern waren etwa 60 Kommunisten auS Bad-Aouheim und Friedbergs ES kam bald zu wüsten Veschimpsungen der Nationalsozialisten, ohne daß die Urheber im einzelnen festgestellt werden konnten. Im Anschluß an eine Auseinandersetzung zwischen dem Versammlungsleiter und einem kommunistischen Abgeordneten kam eS zu erheblichen Unruhen. Die Bühne wurde von Kommunisten gestürmt. Der entftan* denen Prügelei, bei der Stuhlbeine und Gläser benutzt wurden, machte die energisch eingreifende Polizei bald ein Sude. Drei Kommunisten hatten sich wegen LandfriedensbruchS. Körperverletzung und Bedrohung heute zu verantworten. Der eine wurde freigesprochen, da er sich an den Ausschreitungen in feiner Weise beteiligt hatte. Die beiden anderen erhielten je zwei Wochen Gefängnis wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung zweier Nationalsozialisten. Don der Anklage deS LandsriedenSbrachs wurden sie mangels ausreichenden Beweise- freigesprochen.
Sin Schlosser von hier hatte auf der Ortskrankenkasse sich verschiedentlich unter falschem Hamen Kranken gelder auSzahken lassen und dabei auch Unterschriften gefälscht. Trotz feines Leugnens wurde er in eingehender Beweisaufnahme überführt und zu insgesamt fünf Monaten Gefängnis verurteilt.
Eugen Oiederichs f.
Äon Or. Christian Aodegg.
Der bekannte Verleger Dr. Eugen Diederichs ist im Atter von 63 Jahren in Sena g e ft o r b e n. Mit ihm verschwindet eine faszinierende Persönlichkeit, ein Mann, der nicht nur im geschäftlichen Sinne Verleger gewesen ist, sondern der seinen
Beruf ab kulturelle Sendung auffaßte, und dessen Tätigkeit weit über Deutschlands Grenzen hinaus Anerkennung fanb. Er selbst hat einmal erzählt, daß die älteste Nachricht über seine Vorfahren aus dem Jahre 1552 stammt. Im Strafregister eines Braunschweiger Amtes heißt es: ,F)ans Diederichs und Jochim Säger haben sich zusamd bey den Haven geropft. Jeder verbrochen 2¥> Schilling." Die Rauflust seines Vorfahren hat sich bei Eugen Diederichs in Freude am geistigen Kampf gewandelt.
Diederichs wurde am 22. Juni 1867 in Lönitz bei Naumburg geboren. Er wurde zunächst Land- wirt und sattelte erst im Jahve 1896 um. Damals hielt er sich längere Zeit in Italien auf, das er mit dem Törichter auf dem Rücken durchwandert«,
und in Florenz ist dann fein Verlag entstanden, der im Jahre 1904 nach Jena verlegt wurde. Seine itattenische Zeit hat Diederichs einmal launig ge- schildert. Eine Dame schrieb ihm 30 Jahre nach der Gründung des Verlages, wie sie mit ihm in den Gärten von Taormina beim Sternenschein spazieren gegangen sei. „Als ich wieder in das Zimmer kam, warnte mich ein kleiner, buckliger Maler vor Ihnen und sagte: .Der Mann mit dem großen Hut ist ein Taugenichts! " — „Wieso?", fragte ich. — „Ja", sagte er, „der läuft hier schon acht Tage herum, aber haben oie ihn schon einmal malen gesehen?" Während er malen sollte, überlegte sich Diederichs, wie er feinen Verlag aufziehen könnte Einige Zeit darauf ritt er mit dem pädagogischen Reformer Ludwig Gurlitt auf Efeln von Pom- pqi aus den Vesuv hinauf Gurlitt war nach Diederichs Geständnis viel gelehrter als der junge Verleger. Aber trotz feiner Gelehrsamkeit konnte er mit seinem Esel nicht fertig werden, der vor jeder Distel stehen blieb, während der Landwirt Diederichs sein Tier meisterhaft regierte. „Aber schließlich", sagte Diederichs, „sind mir mit Hilfe von Lacrimae Christi doch noch auf den Vesuv an- gelangt"
Aus seinen Wanderungen durch Italien pflegte sich Diederichs als ZeitungSkorrelpondent auszu- geben — er schrieb nämlich Wanderberichte für fein heimatliches Naumburger Kreisblatt. Sein Wanderleben endete dann in Florenz, wo er den Berlag eröffnete und daS berühmte Wappentier der Mediceer, den „Marzocco'. als Verlags- Wappen annektierte. Die Königin von 3taUen freute sich sehr darüber, daß lich ein deutscher Verleger in ihrem Land niedergelassen hatte, und der Verlag Diederichs war in Italien lange Zeit daS bekannteste deutsche Derlagsunlernehmen. Die Bücherserien, die Diederichs herausgebracht hat. zeigen in ihrer Vielfältigkeit das B;ld dieser einzigartigen Persönlichkeit der als Individualist unter den Verlegern seinem Unternehmen ganz den Stempel seines eigenen Charakters ausdrückte. Zu den wertvollsten Publikationen des Verlages gehören die zahlreichen Sagen- und Wärchenrechcn; daneben erschienen hier die Werke von Kierkegaard. Tolstoi und Spitteler. die Diederichs in 34jähriger Verlagsarbeit in Deutschland durchsetzte. Sehr bekannt wurde -autfc die von ihm herausgebrachte Zeitfchrift „Die Tat".
Leber den Vogelzug.
Neue Versuche und neue Probleme.
Anläßlich der letzten Tagung der Gesellschaft Deut- scher Naturforscher und Aerzte teilte der frühere Leiter der Vogelwarte Soffitten, Prof Dr. Ioh. Thienemann, über feine Forschungen über den Vogelzug u. a. folgendes mit:
Es sind zwei Methoden zu unterscheiden, die lokale Beobachtung auf der Kurischen Nehrung und das Verfolgen der Wanderwege bis zu den Winterherbergen. Der lokalen Beobachtung dient besonders die südlich von Rofsitten mitten in der Zugstrabe gelegene Beobachtungshütte U l m e n h o r st, wo der Vortragende während der Zugzeit wochen- und monatelang ganz weltabgeschieden wohnte, die Bedeutung dieses schlichten Häuschens besteht darin, daß der Beobachter immer zur Stelle ist, und daß so leicht keine Zugerscheinung unbeachtet bleiben kann. Hier wurden Messungen der Fluggeschwindig- kett der Vögel vorgenommen, um die Eigengefchwin- ötgleit zu ermitteln, hier konnten Untersuchungen über die Hohe »des Vogelzuges angeftellt werden, ebenso übet den Zug nach Alter und Geschlecht, man konnte ferner fcstfiellen, wie lange der Zug der einzelnen Vogelarten am Tage anhält, wie und wo in der Nacht gerüstet wird, wie es mit der Nahrungs- aufnahme während des Zuges steht, ob die Vögel überhaupt Vorbereitungen zur Reise treffen und wie sich Witterung und Vogelzug zueinander verhalten.
Dem Verfolgen der Vögel auf ihren Reisen dient vor allem das Beringungsexperiment, das die Vogelwarte Rofsitten seit dem Jahre 1903 durchzuführen versucht. Der Vogel wird durch den Ring als kenntliches Einzelindividuum aus dem Spezies herausgehoben, man kann nun seinen Lebenslauf verfolgen und damit in die intimsten Geheimnisse des Tierlebens einbringen. In ver- hättnismäßig kurzer Zeit konnten die Reisewege verschiedener Logeliorten genau festgelegt werden, ein Tatsachenmaterial wurde geschaffen, auf dem weiter aufgebaut werden konnte.
Thienemann ist zu der Ueberzeugung gekommen, daß man am ehesten durch Anwendung von Experimenten und durch Benutzung der technischen Hilfsmittel der Neuzeit, die geeignet erscheinen, Raum und Zeit ju überwinden, in der Sogeljugs- jocjchung vorwärts kommen laqa, Der Vogelzugs-
forscher, der sich mit den beweglichsten Geschöpfen zu befassen hat, darf nicht an der Scholle fleben, sondern muß immer versuchen, die Vogel auf ihren weiten Reisen zu verfolgen und zu beobachten, fei es durchs Telephon, durchs Auto, durch den Rundfunk oder durch Aufstellen von Poftentetten. Inter- efjanl waren Versuche aus den Jahren 1926, 1927 und 1928 mit aufgezogenen jungen Störchen, die im Herbst künstlich zuruckgehalten wurden, bis alle übrigen Artgenosfen die Heimat verlassen halten. Die Versuchsstörche waren bei ihrer Wanderung ganz auf sich angewiesen, und man bekam Ausschluß über das Orientierungsvermögen der Zugvogel. Ucberraschend günstige Resultate wurden erzielt, die demnächst in Buchform erscheinen sollen. Die Storche zogen ohne weiteres nach Süden oder Süd- often ab und konnten bis zur Insel Kreta verfolgt werden.
Was den foaenannten „geheimen Vogel- zu g" betrifft, so muß man nach Ansicht von Prof. Thienemann einen doppelten Vogelzug unterscheiden; einen offenen, der sich vor aller Leute Augen abspielt, besonders an bevorzugten Stellen, wie auf der Kurischen Nehrung Er stellt den bei weitem kleinsten Teil der unermeßlichen Dogelscharen dar, die in jeder Zugperiode unterwegs sind lieber ihn liegt ein großes Material von ausgezeichneten No- tizon vor Die meisten Vogel ziehen bagegen geheim, entweder bei Nacht, oder am Tage, aber in einer Weise, daß sie sich der menschlichen Beob- achtung mehr oder weniger entziehen Durch jahrzehntelangen Aufenthalt auf einem exponierten Punkte wird man zu solchen Ansichten förmlich gedrängt. In manchen Vogelzugperioden bekommt man nichts zu sehen. Wie und wo sind sie gezogen? Dieser sog. „geheime SBogeljug" schließt viel von dem Rätselhaften und Geheimnisvollen in sich, das das ganze Problem umgibt.
Prof. Thienemann hält auch die Einrichtung von sog „fliegenden Vogelwarten" für sehr geeignet, um vorwärts zu kommen. Eine Zentrale als Mittelpunkt, und von da aus an geeigneten Punkten Zweigstationen eingerichtet, von jahrelangem Bestände, nicht Gelegenheitsposten ober frei- willige Posten ober Sonntagsposten, sonbern fest besetzt, damit der Verlauf des Vogelzugs im Laufe der Jahre und Jahrzehnte nach und nach an recht vielen Punkten Deutschlands und der angrenzenden Länder ebenso genau feftgefegt wirb, wie es jetzt für Helgoland und Rojsitten geschehen ist,


